• Europa

    Mein Europa

    Mama weinte, sie weinte ungestüm, als ob ihr jemand ein Stück Fleisch vom eigenen Leib abgerissen hätte, als ich mit 14 das Zuhause verließ und nach Ruse an der Donau loszog, den Fremdsprachen zuliebe, die mir das Tor nach Europa öffnen sollten. An der Wand rechts vom Eingang meiner alten Schule hing ein Foto von mir mit der Bildunterschrift „Unser Stolz“. Mama weinte, und ich weinte doppelt – für sie und für mich. Seitdem trage ich immer den Schmerz doppelt – einmal für mich und einmal für die Welt – herum. Nicht, dass ich ab dem Moment an wirklich displaced war, nein, ich war nur entwurzelt. Es fühlte sich so…

  • Das Ich

    Die Psychologin

    Und so bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich mir nichts, wirklich nichts mehr wünschte. Andersrum: es war auch nichts mehr so, wie erwünscht. Weder Beförderung, noch die schon 20 Jahre alte Hoffnung auf Gehaltserhöhung, noch der Gedanke an glänzende Auftritte vor interessiertem Publikum konnten mich nun mehr begeistern. Nicht mal jener teure Gürtel von Cucinelli ließ mein Herz aufflammen, verdammt! Und schon die Vorstellung wissenschaftlicher Betätigung widerte mich an, ja, mich, wo ich sonst so gerne schreibe. War ich älter geworden? Noch schlimmer: eine Reisende auf dem Weg zum Endgültigen ins Jenseits? Das etwas gewaltig mit mir nicht stimmte, war doch klar. Außerdem gab es noch einen wichtigen…

  • Das Jetzt

    Bleibt gelassen!

    Rote Ballerinas im Einsatz Es war an der Zeit, meine treuen roten Ballerinas aus dem Schrank rauszuholen und zu Hilfe zu rufen… Es war einfach soweit. Also schlüpfte ich heute hinein und ging durch die vorzeitig ergrauten Straßen Tarnovos bei fast winterlichen Temperaturen. Ein Schritt, zwei Schritte, drei Schritte, ein Meter, zwei Meter…, langsam übe ich im Laufen, nach der 14-tägigen Quarantäne zu Hause. Den ersten Kilometer geschafft. Wie viele Schritte machen einen Kilometer aus? Bergauf am Sexshop vorbei. Ein Blick links ins Schaufenster auf die gefesselten Puppen bestätigt, dass auch sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeengt sind. Oder waren sie es schon immer?Wie viele Schritte sind es von hier bis…

  • Kultur

    Wo endet Europa?

    Überlegungen in Zeiten des Coronavirus aus dem Balkan Irgendwo da, zwischen der Sicherheitskontrolle und dem Gate am Flughafen Wien endet Europa. Zumindest dieses, von dem wir alle träumen.Auch die Durchsagen, 2m Abstand zu halten, verstummen da. In der Maschine von Bulgaria Air, dicht aneinander gepresst, werde ich langsam vom bitteren Beigeschmack überfallen: war das doch nicht ein Fehler, ein Schritt in ein feindseliges Territorium? Wo will ich denn hin? Fängt da, in diesem Flugzeug nach Sofia, eine parallele Welt an? Oder kommt man da endlich in die wirkliche an? Meine Tochter drückt sich an mich, da der Mann neben ihr hustet. Bisher hat sie immer Abstand gehalten wegen meiner Autoimmunschwäche…