Kategorie: Das Jetzt

  • Über den Schmerz

    Über den Schmerz

    Wenn man mich fragt, wie sich der Schmerz anfühlt, könnte ich unendlich viel erzählen. Er ist allgegenwärtig. In den Nächten, wenn ich träume, dass sie nur für zwei Minuten gegangen war – und dann wieder aufwachte. Wenn ich höre, wie sie mich ruft, damit ich sie von jenem Ort abhole, an dem ich sie zurückgelassen habe. Wenn ich in meinen Träumen mit ihr reise, immer auf der Suche nach einem Haus mit schöner Aussicht für sie. Wenn ich ihr Paris zeige, weil sie Französisch sprach, französische Filme und Chansons liebte – eine Reise, die ich so sehr mit ihr machen wollte.

    Wenn ich in der Augustinerkirche sitze und ihr von meinem Leben ohne sie erzähle. Wenn mich mitten in einer Menschenmenge plötzlich Tränen überwältigen. Wenn ich ihre Stimme höre, wie sie immer wieder Scarlett O’Hara zitierte: „Morgen ist auch ein neuer Tag. Morgen entscheide ich.“ Wenn mir plötzlich alles so oberflächlich erscheint.

    Wenn ich abends durch den Prater gehe und sie nicht mehr anrufen kann für ein langes Gespräch. Wenn ich sie einfach anrufen will – weil mir etwas Gutes oder Schlechtes passiert ist. Wenn ich vor einem Hindernis stehe und ihren Rat höre: „Das Leben ist sehr kurz. Wenn du kannst, gleite an die Oberfläche, denke nicht zu viel nach.“ Wenn ich nach oben blicke und nach ihr suche – in einem kleinen, zwitschernden Vogel – und mit ihm beginne zu sprechen.

    Wenn mich Facebook-Erinnerungen unvermittelt erschüttern: ihre Grüße zum Frühling, ihr Geburtstagswunsch, ein Lied, das sie geteilt hat und das ich damals übersehen hatte. Wenn ich ihre Musik höre. Oder wenn, so wie heute Abend, eine schlichte Bewegung alles zurückbringt: Ich schwenke die Tasche hin und her – und plötzlich bin ich wieder sieben Jahre alt, in Varna, am Schwarzen Meer. Urlaub, aber nicht ganz, denn meine Schwester musste operiert werden. Ich warte mit Mama vor der Klinik. Sie hat eine Sommerstrohtasche dabei. Ich schwenke sie in der Hitze des Hochsommers hin und her, und dann fällt ihre Zigarettenschachtel auf den Boden.

    Letzte Woche habe ich von einem Kinderbuch erfahren, in dem ein Mädchen durch ein Telefon im Baum mit seiner verstorbenen Freundin spricht. Vielleicht wäre das auch für mich eine Möglichkeit – eine Art, weiter mit ihr zu telefonieren, als wäre sie noch da.

    Ich glaube nicht mehr daran, dass Schmerz überwunden werden kann. Nicht, dass er geheilt werden muss. Mehr denn je verstehe ich Mama – ihre Traurigkeit, mit der sie ihren geliebten Bruder und ihre Mutter vermisste. Sie wollte ihn retten, nahm einen Kredit für die teure Operation auf, zu der es nie kam – weil er nach drei Monaten nicht mehr lebte. Jahre später stellte sich heraus, dass sie den Kredit nicht hätte zurückzahlen können. Sie schämte sich bis ans Lebensende. Wir Menschen sind grausame Richter über unsere Nächsten, als wären wir selbst fehlerlos.

    Ich habe begonnen, meine Erinnerungen mit ihr aufzuschreiben – aus Angst, sie eines Tages zu vergessen. Man kann den Schmerz nicht besiegen, aber man kann sich mit ihm anfreunden. Und wenn mir alles zu grell, zu schrill, zu kitschig, zu künstlich vorkommt, dann aus gutem Grund: Es zählt nur die Essenz. Diese Erkenntnis macht mein Dasein nicht leichter, nicht fröhlicher – aber hoffentlich echter.

    Ich habe keine Illusionen mehr von ewigem Leben. Ich lese über den Tod, um das Leben zu verstehen. Um jene Traurigkeit zu verstehen, die den Hals zuschnürt.

    Meiner Tochter habe ich gesagt: „Meine Liebe, ab jetzt teile ich mit dir all die dummen und nicht so dummen Dinge meines Lebens, denn ich kann sie nicht mehr anrufen.“ Und sie versteht. Was sie noch nicht versteht, ist, dass der Schmerz das Einzige ist, das bleibt. Er erwacht immer wieder – durch eine Geste, ein Wort, eine Stimmung.

    Man sagt, wir tragen zu fünfzig Prozent unsere Eltern in uns. Ich will das glauben. Ich suche sie – in mir und um mich. Und ich werde mich nicht entschuldigen für meine Traurigkeit.

  • Vorsätze fürs Neue Jahr

    Vorsätze fürs Neue Jahr

    1. Abends weniger arbeiten, um es noch rechtzeitig ins Kaffeehaus zu schaffen, und überhaupt weniger arbeiten und mehr verdienen.
    2. Reich werden, und dann wieder arm und wieder reich, und wieder arm – so insgesamt 11mal
    3. Mich beim vierten, fünften und sechsten Mal persönlich vom Bergdoktor impfen lassen (und von niemandem sonst!).
    4. Mit dem Rauchen anfangen – eine leidenschaftliche Raucherin werden, rauchen immer und überall, mit und ohne Grund! (Suche gerade nach einer Anleitung im Internet, falls wer was von einem passenden Workshop weiß, soll sich bitte melden!)
    5. Allen alles verzeihen.
    6. Anfangen, die Erwachsenen nachzuahmen.
    7. Ein Pferd streicheln.
    8. Viel reisen, immer bergauf.
    9. Einen Monat lang nicht sprechen – mit niemandem, über nichts.
    10. Einen Zufluchtsort finden (mitten im Wald?).
    11. Vieles finden, ohne suchen zu müssen.
    12. Den Sinn finden.

    Eure Neli P

  • Erster Advent

    Erster Advent

    Als ich gestern in Salzburg war, wo die vorweihnachtliche Stimmung trotz der herrschenden Gas-Krise, des Ukraine-Krieges und der steigenden Inflation in vollem Maße, zu voller Pracht zu spüren war, ist da auf einmal eine Frage aufgetaucht: Wie ist das Gefühl, in diesem Land geboren zu sein? Und nicht nur geboren, sondern auch mit all den geschichteträchtigen Entwicklungen, die die vorigen Jahrhunderte das Land geprägt und geformt haben, verbunden zu sein?

    Von dem Moment an stauten sich eine Unmenge Fragen auf, und jede drängte sich nach vorne und pochte mit seiner Legitimität, gestellt zu werden. Wie wäre es, wenn Bulgarien nicht 500 Jahre Teil vom Osmanischen Reich gewesen wäre, sondern ein paar Jahrzehnte zu Österreich-Ungarn gehört hätte? Wie wäre es, wenn der 1. Weltkrieg, in dem Bulgarien auf der Seite von Österreich-Ungarn, Deutschlang und Italien gekämpft hatte, nicht ausgebrochen wäre?

    Auch mein Urgroßvater hat am 1. Weltkrieg teilgenommen. Die Erzählungen meiner Oma von ihm waren immer von einer tiefen Traurigkeit durchtränkt – Kindheitserinnerungen, die sie lebendig hielt, wie die Flamme einer Kerze, auf der man sich mal aufwärmen kann: Wie er krank aus dem Krieg zurückgekommen ist, da er sich tagelang davor in einem Sumpf verstecken musste, um nicht getötet zu werden. Wie er sie auf seinen Schoß nahm und ihr ins Ohr flüsterte: „Du, mein hübsches braves Mädchen!“ Und wie er kurz danach an der Lungenentzündung verstorben ist.

    Was wäre es, wenn man nicht immer wieder versucht hätte, dieses Bulgarien zu zerfetzen? Und was, was muss passieren, damit das Volk aus seiner Passivität gerissen wird und endlich aufhört mit den Versuchen, eine glamouröse Vergangenheit (von vor über 6 Jh.? von vor über 40 J.?) wieder zu beleben, sondern in der Gegenwart verweilt und alles darauf setzt, das Beste daraus für das Jetzt zu machen?

    Bei der älteren Generation ist in der Zeit des – fast – aufgebauten Kommunismus so eine Gehirnwäsche stattgefunden – eine Schrumpfung der Persönlichkeit -, die leider auch heute noch zum Vorschein kommt, in einer ziemlich deutlich wahrzunehmenden Form: als Feigheit. Als Demenz. Auf der Lesung von vor 2 Tagen mit Georgi Gospodinov hat eine der Anwesenden das Wort ergriffen und appellierte an den Autor, ein gutes Wort für die Zeit, in der die kommunistische Partei regiert hatte, einzulegen. Für sie sei diese Zeitepoche der Geschichte Bulgariens mit viel Positivem verbunden. „Ich habe mir ein „Balkantsche“-Fahrrad gekauft! Nur es gab keine andere Auswahl, das war’s“, lachte ihr Gospodinov zu. Meine Schwester hatte übrigens auch ein „Balkantsche“ bekommen. Man musste sich vorher im Geschäft anmelden und lange und geduldig warten, bis man dran war und das Fahrrad endlich geliefert wurde. Ich werde es nie vergessen, wie stolz wir dann das hellblaue federleichte Traum-Ding auf zwei Rädern durch die ganze Stadt geschoben haben, damit uns ja alle sehen konnten. Das „Balkantsche“ habe ich dann von meiner Schwester übernommen, es blieb „unser“ Fahrrad – das einzige Fahrrad unserer Kindheit.

    Ein Volk, das nicht aus den Fehlern der Vergangenheit lernt, dem es lieber ist, zu vergessen und in ein verschwommenes Gebilde ausschließlich das im Gedächtnis zu rekonstruieren, was ihm ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Ist es nicht feige? Und immer wieder das Alte wählt, denn das Alte kennt es schon. Immer wieder die gleiche Regierung. Und immer wieder das alte Klammern an der Vergangenheit. Als ob ihm jem. oder etw. das Rückgrat gebrochen, die Lebenslinie in der Hand gelöscht hatte. An diesem 1. Advent zünde ich, die Nichtgläubige, eine Kerze an: für die Kraft der Persönlichkeit. Daran will ich glauben. An die Menschen.

    Eure Neli P

  • Gib mir deine Hand

    Gib mir deine Hand

    Gib mir deine Hand,
    lass sie sich auf meine Hände niedersetzen,
    ich will da, in deiner Hand, deinen Weg entdecken,
    deinen sich in Kurven schlängelnden Weg,
    und auf deinen Pfad viel Freude und Zeit ins Endlose hinunterrollen,
    Sternenstaub darauf streuen,
    und möge ich gleich vergessen, was ich enträtselt habe!

    Gib mir deine Hand,
    lass sie wie ein Blatt auf den Schoß vom November fallen und sich da ausruhen,
    damit ich mit dem Novemberregen alle eisig frierenden Winter wegspülen kann.
    Und hab keine Angst vor schlechten Vorhersagen,
    in meiner Hand wird nämlich ein Zauber geboren,
    und dank diesem Zauber kann ich aus der Hand nur von jenem lesen,
    auf dessen Weg ich meinen eigenen Namen entdecke.

    Neli P
  • Die andere Seite

    Die andere Seite

    Sofia habe ich nie gemocht. Niemals.

    Und nicht wegen der Tatsache, dass da, in der Volksversammlung, diejenigen sitzen, die alles andere tun, als das Volk zu vertreten, auch wenn auch das ein plausibler Grund wäre. „Schicksal, Schicksal!“, wehklagen die einen. Eine Ausrede, bei der sich jede andere Erklärung erübrigt, sobald man nur einen schnellen Blick in die Geschichte zurück wagt. Diejenigen von gestern sind die Regierenden von heute. Fakt.

    Sofia habe ich nie gemocht. Wegen der krassen Gegensätze. Der Diskrepanz zwischen dem Scheinbild, das man  nach außen hin demonstrieren will, und der harten Wirklichkeit, die sich zwei Quergassen weit weg von „Vitoschka“ anbietet. Einerseits die glänzenden Vitrinen der Hauptstraße, und ein paar Meter weiter die heruntergekommenen Fassaden, die Löcher auf der Straße, der Müll, die Bettelnden…

    Einmal hier angekommen, breitet sich dieses Gefühl des Elends aus, überwältigt mich, und nichts mehr kann es auslöschen. Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um eine allgemeine Stimmung – die Existenzweise der Mittelschicht. Wenn man es noch näher spüren will, steigt man in den öffentlichen Verkehr ein: graue Gesichter, farblose Figuren, in sich eingesunken, stumm, auf sich selbst gelassen. Ob sie die neue U-Bahn in eine helle Zukunft hineintransportieren wird, mitsamt ihren Sorgen von heute? Anders als die Armut im 16. Wiener Bezirk spürt sich das hier an, aber dazu ein anderes Mal. Dort zeigen zumindest Frauen Charakter: Sie schreien, verfluchen schamlos ihre Männer, auch Schwangere rauchen wie Schornsteine und verzichten auf alle Zwänge wie etwa auf den BH. Hier sind hingegen sowohl Frauen als Männer verzweifelt still.

    Einmal, als ich auf einer Konferenz in der Neuen Bulgarischen Universität eingeladen war, musste ich auf High Heels durch eine trockene Schlucht und auf staubigen Feldwegen ohne Straßenbeleg bis hin zur Universität laufen, ein Abenteuer! Keiner hatte an die Infrastruktur gedacht, in der sich diese sonst sehr schöne Oase befindet. Am Tag darauf, um 5 Uhr früh am Morgen bin ich losgefahren. Keine Kraft konnte mich länger in der Hauptstadt aufhalten.

    Ich gehe am Gerichtsgebäude vorbei und erinnere mich, wie einmal eine der Statuen vom Dach heruntergefallen war und einen der neben mir stehenden Fußgänger getroffen hatte. Damals wurde mir endlich klar: Gerechtigkeit ist das Letzte, was man hier finden kann.

    Dieses Elend lässt mich erblinden. Für nichts anderes habe ich Augen. Denn im Mittelpunkt aller Betrachtungen, des ganzen Philosophierens, der breiten Wahrnehmungspalette steht doch immer wieder der Mensch, nicht wahr? Um die Balance nicht zu verlieren, schaue ich konzentriert auf das Gebirge mir gegenüber, dessen Silhouette sich in der Ferne abzeichnet.

  • Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Provoziert durch die heutige Begegnung mit Ihm.

    Ich bin in einer gottlosen Gesellschaft aufgewachsen, in der Gott verboten war. Gott? So was gab es nicht, nur von den Lippen meiner Oma konnte man manchmal dieses seltsame Wort, leise und vorsichtig zugeflüstert, hören. Was sie allerdings damit meinte, blieb ein volles Rätsel. Die kleine Kirche, die mitten auf dem zentralen Platz stand, hatte für mich eine völlig plausible Geschichte: sie war ja nämlich die, an deren Kirchturm Baron von Münchhausen sein Pferd mitten in jenem heftigen Schneesturm gebunden haben soll. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeiging, schaute ich nach oben zum Turm und dachte an Münchhausen. Eine andere Funktion der Kirche konnte ich mir gar nicht vorstellen. Außerdem ging keiner hinein, was meine Vermutungen für den Grund deren Existenz nur noch bekräftigte.

    Nach der Wende öffnete die Kirche überraschenderweise ihre Türen für die Gläubigen. Waren aber solche geblieben? Den religiösen Glauben zurückerobern wurde bald zu einem Modetrend, bei dem man mehr auf ein Abenteurerlebnis infolge der Begegnung mit dem bis vor Kurzem Unzulässigen setzte, und weniger tief nach innen nach dem Sinn suchte. Das erste Mal, als ich die Kirche betrat, war zu Ostern. Das erste Ostern nach der Wende. Zur Mitternacht füllte sich die Kirche mit zuströmenden Menschenmengen von Neugierigen in Erwartung des Gottes, von dem manche schon mal gehört hatten, dicht aneinander gepresst, jeder mit einer angezündeten Kerze in der Hand. Ich bekam fast nichts zu Gesicht, außer den Rücken der in der vorderen Reihe Stehenden, und der Geruch, der sich bald durch den ganzen Innenraum ausbreitete, war nicht der nach Weihrauch, sondern nach gebranntem Haar.

    Dem unbekannten Gott musste ich irgendwie eine Form verleihen. Aber wie? Sollte es jemand sein, vor dem man Ehrfurcht empfinden sollte? Oder jemanden, an den man, wenn es unerträglich wurde, seine Bitten richten sollte? Hm, daran war ich nicht gewohnt. Wenn ich bessere Noten in der Schule haben wollte etwa, lernte ich fleißiger und wendete meine Bitten an mich. Wenn etwas schiefging, hatte ich Angst vor der Reaktion meiner Mutter. Wohnte also dieser Gott mir oder meiner Mutter inne? Jedenfalls war er nicht etwas, was ich im Außen suchen konnte.

    Ob ich heute als Erwachsene an den Gott glaube? An meinen Gott, den Gott in uns, vielleicht. An die grenzenlosen Möglichkeiten, an das Gute im Menschen, an die Liebe, an das Transzendentale, das uns miteinander verbindet, sodass wir uns in einem jeden wieder eindecken können.

    Ob ich ihn schon mal gesehen habe? Oh ja, wenn ich am Strand sitze und die ruckartige Bewegung der Wogen beobachte, wenn es ganz schön stürmisch wird und mich der Wirbel dahin weiterträgt, wohin es mag,  wenn ich im April unter einem blühenden Marillenbaum liege, wenn ich draußen im Regen durch die Pfützen laufe, wenn ich von oben auf die Welt schaue,  während die ersten Schneeflocken unbesorgt um mich herum tanzen… Der Gott einer Nichtgläubigen hat kein Gesicht, kann in einer Kirche oder in einem Gebet nicht entdeckt werden, verträgt keine Ehrerbietung. Er ist die bodenlose Stille in einem jeden von uns.

  • Notizen aus der Quarantäne II

    Notizen aus der Quarantäne II

    Bologna, cara mia Bologna! Ich steige in die Maschine und in weniger als 2 Stunden bin ich da. Ich verschmelze mit den gelb-rot-orangen Bögen über meinem Kopf, die mich auf dem Weg an den Instituten der Università di Bologna vorbei begleiten, werfe einen neugierigen Blick in die kühlen einladenden Innenhöfe. Mitten auf Plazza Maggiore halte ich inne. Für ein paar Sekunden wird es still, das ganze Getümmel verstummt, es fühlt sich so an, als ob ich genau in dem Augenblick im Mittelpunkt der Erde stehen würde. Die Glocke der Basilika San Petronio reißt mich aus der Zeitlosigkeit und holt mich in die Gegenwart zurück: Es ist punkt 12 Uhr Mittag. Und dann sehe ich sie. Sie kommen mir scharenweise entgegen, ihr schallendes Gelächter bröckelt in tausend feine kristallartige Lichtpartikeln von der Zeit ab und sättigt die Luft mit una emozione sensazione felice, schwebendes Gelächter steigt hinauf bis zum 62 m hohen Glockenturm der Basilika empor; sie machen einen kleinen Bogen um mich herum, verbeugen sich in einem  révérence vor mir: „Bella! Come stai? Come staj, amore? Ti amooooo!“, höre ich sie im Vorbeigehen, ihre strahlenden Gesichter prägen sich für immer in die Erinnerung ein. „Sempreeee!!!“, ertönt irgendwo da, mitten in der Piazza Maggiore hinter meinem Rücken, „Sempre… sempre… sempre…!“, hallt es in dem von der prallen Mittagssonne aufgewärmten Kopfsteinpflaster wider, während ich mich ein letztes Mal umdrehe… Die Italiener! Weiter zu Notizen aus der Quarantäne II

  • Notizen aus der Quarantäne I

    Notizen aus der Quarantäne I

    Ich mache breit dieses Fensterlein auf, um tief einzuatmen…

    Meine Schritte führen mich in den Stadtpark, lege mich da auf das feuchte Aprilgras hin, die Sonnenstrahlen verfangen sich in meinen Wimpern, blitze gegen die Sonne, meine Hände berühren das sich noch immer etwas borstig anfühlende Gras sanft, vielversprechend, meine Haare schlingen sich um die Grashalme herum, verflechten sich mit ihnen, die Haarspitzen werden länger und länger, schlagen Wurzeln tief in die hungrige Erde hinein, es riecht nach Magnolien, der Duft ist so betörend, dass es mir schwindlig wird, unter meinem Rücken pulsiert das Herz der Erde – Wärme fließt über meine Arme, über die Ellenbogen hinunter, ein nie aufhörender Strom, tröpfelt auf die Handflächen, rinnt die Linie des Lebens entlang, sammelt sich auf den Fingerspitzen in kleinen Pfützen, verschmilzt mit dem Rot meiner Fingernägel, fängt an zu brennen, wird zu Glut, Rot tropft langsam auf das schlaftrunkene Gras hinunter, wird von der durstigen Erde gierig in großen Schlucken aufgesaugt, tief eingeatmet… erst dann atme ich aus.

  • Ich warte auf sie

    Ich warte auf sie

    Auf die Zeit warte ich, die Minuten erforschend,
    schüttele den Staub von ihnen ab, pudere sie ein bisschen auf
    und entdecke in jeder einzelnen etwas Weißes, etwas Schönes.
    Auf die Zeit warte ich, warte wortlos.
    Dass wir uns mal wieder begegnen – ohne Worte, ohne Streit.
    Dass wir uns mal wieder verzeihen – ohne Trennlinien zu ziehen.
    Auf die Zeit warte ich – jene Januar-raufrostige, sauber gefegte, leuchtend weiße und zärtliche Zeit,
    die Zeit-Mut - die kecke, echte, kühne Zeit -, nicht auf die bedrückte Zeit-ohne-Zeit, die den Nacken beugt.
    Auf die Zeit warte ich – die Zeit-Sekunde, 
    die blitzschnell mit heftigem Getöse das Dunkel spaltet, die Zeit-Fähre, die auf keinen wartet, die Zeit-Schmetterling, die sich auf die Lippen niedersetzt und die Mundwinkel hinunterfließt.
    Es ist weiß. In der frostigen Stille winkt mir meine Zeit zu,
    dann begibt sie sich langsamen Schrittes auf den Weg zu mir. 
    Ich warte auf sie.
    

  • „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

    „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

    Die Not, nicht der Überfluss hat Olga dazu getrieben, nach Wien zu kommen. Notgedrungen hatte sie ihre sieben Sachen gepackt – die alle in ihrem Pelzmantel reinpassten –, und verließ die Heimat, nachdem ihr das Leben ein paar harte Ohrfeigen verpasst hatte, und einige davon sie in die Knie gezwungen hatten. Hinter sich, in Odessa, ließ sie einen Ex-Mann, der auf seine Weise um ein besseres Realitätsbild kämpfte, indem er das Verzerrte draußen durch Alkohol wieder auszuloten versuchte, und den sie lange genug auf dem Weg, genannt „Ehe“, mitgeschleppt hatte. Ob sich seine eigene Realität dadurch schöner, erträglicher anfühlte, wusste Olga nicht, ihre war allerdings nur noch gruseliger geworden. Bis sich eines Tages ein verzweifelter Schrei ihren Lippen entschlüpfte und Olgas ermattete Seele, die mit dem einem Bein schon im Reich der Schatten stand, zurückholte. Der führte sie Richtung eine Welt, die sie nicht kannte, in der aber ein wie von hier bis zum Mond hin und zurück großes Versprechen zu schlummern schien. Träumen? Nein, das hatte sie schon als Kind verlernt, als ihr die Fähigkeit zu träumen von der Diebin Realität gestohlen wurde, und anstelle von Blut in ihren Adern Bitterkeit floss.

    Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob es Olga kaum etwas gekostet hätte, Odessa gegen den Wiener Westwind auszutauschen, und das glaubte auch sie eine Weile lang, bis es nicht auf ihren Pelzmantel ankam. Der wurde im fernen 1886 von einem großzügigen Ur-Ur-Urgroßvater und wohlhabendem Fabrikanten anlässlich seiner Hochzeitsfeier als Zeichen von Liebe und ewiger Treue an die geliebte Braut verschenkt, und seitdem immer wieder über Generationen hinweg von der Mutter an die Tochter vererbt, galt als eine Familienreliquie und irgendwann, als sie 18 wurde, gehörte er endlich auch ihr. Wie einen Zauberumhang schlang Olga den Mantel um ihre Schultern. Viele klirrend kalte Winter kannte er schon, unzählige Songs der Dachrinnen hatte er sich angehört, tausendmal hatte er den aus dem Holzofen aufsteigenden Rauch im Spätherbst in sich aufgenommen. Tränen von Frauen, die ihre Nächsten verabschiedeten, von Männern, die ihre Liebsten zum letzten Mal umarmten und dann spurlos verschwanden, von Kindern, die früh verweist waren, kannte der dicke Pelzmantel; Tränen vor betörender Freude und tiefster Trauer, niederschmetternder Verzweiflung und überschwänglicher Hoffnung hatten den Mantel durchgesickert und zu einem Pergament verwandelt, auf dem die Jahrzehnte ihre Geschichte niederschrieben. Jahr um Jahr hatte er auch Olga durch die verschneiten Straßen Odessas getragen; einmal angezogen, riss er da plötzlich alle Bänder, die Olga an der zermürbenden Gegenwart festhielten, und ihr eröffnete sich eine völlig neue Welt voller Geborgenheit, in der sie Schutz gegen alle und alles finden konnte. Schön war es in ihrem Pelzmantel, warm wie ein Zuhause, in dem man jederzeit zurückkehren konnte, fühlte er sich an. Jedes Mal, wenn es ihr kalt und bange ums Herz wurde, wärmte sie sich an seiner Feuerstätte des kollektiven Erinnerungsgedächtnisses auf. „Olja, Oletschka!“, rief sie aus dem Pelzmantel ihre Oma, die sie morgens mit dem süßen Duft von frisch gebackenen Blini und heißem Lindentee weckte. „Olenka, du, meine Liebe!“, sprach ihre Jugendliebe zu ihr, wenn sie ihr Gesicht im dicken Pelzmantel verkroch. Und wenn sie ihre Hand tief in die Tasche steckte, konnte Olga da noch immer einen vergessenen „Tschaika“ Bonbon finden.

    Nach Odessa war Olga nach Sotschi gegangen, wo sie sich als Zimmermädchen in einem 4-Sterne-Hotel abrackerte und ein bisschen Geld zur Seite legen konnte. Olga träumte nicht, sie war näher denn je an der Realität, bis sie an einem Nachmittag ein unerwarteter Anruf erschütterte: es war ihre Jugendliebe Volodja. Seit über 10 Jahren arbeitete er schon unermüdlich in Wien, auf einer Baustelle – ein Mann mit sicherem Einkommen und guten Absichten. Wegen ihrer großen Jugendliebe kehrte Olga allem den Rücken zu und kam nach Wien. Von allem konnte sie sich trennen, nur den Pelzmantel wollte sie nicht aufgeben. In Wien würden sie aber die Tierschützer schon beim ersten Schritt draußen mit rohen Eiern bewerfen und als Tiermörderin anprangern, sie, die noch nie jemandem was Schlimmes angetan hatte, warnte sie Volodja. Daran hatte Olga noch nie gedacht, sie hatte noch nie die Zeit gehabt, an sich selbst zu denken und in der Menschenwelt zurechtzukommen, die der Tierwelt sehr ähnelte, geschweige an die Tiere.

    Nur ungern zog sie langsam, mit zitternden Fingern ihren warmen Pelzmantel aus und tauschte ihn gegen die westlichen Werte um, die nach Freiheit schmeckten. Nur mit einem dünnen grünen Pullover angezogen, betrat sie zögernden Schrittes den Kursraum, wo ihr Integrationskurs stattfinden sollte. Der warme Pelzmantel, auf dem die Geschichten der Jahrzehnte geprägt wurden und somit auch ihr bisheriger Lebenspfad Platz fand, fehlte ihr. Ganz vorsichtig schlich sie sich nach vorne, setzte sich auf die erste Bank, senkte ihren Blick und blätterte das Kursbuch um. Auf der ersten Seite oben stand fettgedruckt: „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“ Eine einzige, große, brennende und wie ein Gebet schwere Träne löste sich von ihrem Augenwinkel und rollte ihre Wange hinunter. Olga träumte.