Kategorie: Das Jetzt

  • Über den Schmerz

    Über den Schmerz

    Wenn man mich fragt, wie sich der Schmerz anfühlt, könnte ich unendlich viel erzählen. Er ist allgegenwärtig. In den Nächten, wenn ich träume, dass sie nur für zwei Minuten gegangen war – und dann wieder aufwachte. Wenn ich höre, wie sie mich ruft, damit ich sie von jenem Ort abhole, an dem ich sie zurückgelassen habe. Wenn ich in meinen Träumen mit ihr reise, immer auf der Suche nach einem Haus mit schöner Aussicht für sie. Wenn ich ihr Paris zeige, weil sie Französisch sprach, französische Filme und Chansons liebte – eine Reise, die ich so sehr mit ihr machen wollte.

    Wenn ich in der Augustinerkirche sitze und ihr von meinem Leben ohne sie erzähle. Wenn mich mitten in einer Menschenmenge plötzlich Tränen überwältigen. Wenn ich ihre Stimme höre, wie sie immer wieder Scarlett O’Hara zitierte: „Morgen ist auch ein neuer Tag. Morgen entscheide ich.“ Wenn mir plötzlich alles so oberflächlich erscheint.

    Wenn ich abends durch den Prater gehe und sie nicht mehr anrufen kann für ein langes Gespräch. Wenn ich sie einfach anrufen will – weil mir etwas Gutes oder Schlechtes passiert ist. Wenn ich vor einem Hindernis stehe und ihren Rat höre: „Das Leben ist sehr kurz. Wenn du kannst, gleite an die Oberfläche, denke nicht zu viel nach.“ Wenn ich nach oben blicke und nach ihr suche – in einem kleinen, zwitschernden Vogel – und mit ihm beginne zu sprechen.

    Wenn mich Facebook-Erinnerungen unvermittelt erschüttern: ihre Grüße zum Frühling, ihr Geburtstagswunsch, ein Lied, das sie geteilt hat und das ich damals übersehen hatte. Wenn ich ihre Musik höre. Oder wenn, so wie heute Abend, eine schlichte Bewegung alles zurückbringt: Ich schwenke die Tasche hin und her – und plötzlich bin ich wieder sieben Jahre alt, in Varna, am Schwarzen Meer. Urlaub, aber nicht ganz, denn meine Schwester musste operiert werden. Ich warte mit Mama vor der Klinik. Sie hat eine Sommerstrohtasche dabei. Ich schwenke sie in der Hitze des Hochsommers hin und her, und dann fällt ihre Zigarettenschachtel auf den Boden.

    Letzte Woche habe ich von einem Kinderbuch erfahren, in dem ein Mädchen durch ein Telefon im Baum mit seiner verstorbenen Freundin spricht. Vielleicht wäre das auch für mich eine Möglichkeit – eine Art, weiter mit ihr zu telefonieren, als wäre sie noch da.

    Ich glaube nicht mehr daran, dass Schmerz überwunden werden kann. Nicht, dass er geheilt werden muss. Mehr denn je verstehe ich Mama – ihre Traurigkeit, mit der sie ihren geliebten Bruder und ihre Mutter vermisste. Sie wollte ihn retten, nahm einen Kredit für die teure Operation auf, zu der es nie kam – weil er nach drei Monaten nicht mehr lebte. Jahre später stellte sich heraus, dass sie den Kredit nicht hätte zurückzahlen können. Sie schämte sich bis ans Lebensende. Wir Menschen sind grausame Richter über unsere Nächsten, als wären wir selbst fehlerlos.

    Ich habe begonnen, meine Erinnerungen mit ihr aufzuschreiben – aus Angst, sie eines Tages zu vergessen. Man kann den Schmerz nicht besiegen, aber man kann sich mit ihm anfreunden. Und wenn mir alles zu grell, zu schrill, zu kitschig, zu künstlich vorkommt, dann aus gutem Grund: Es zählt nur die Essenz. Diese Erkenntnis macht mein Dasein nicht leichter, nicht fröhlicher – aber hoffentlich echter.

    Ich habe keine Illusionen mehr von ewigem Leben. Ich lese über den Tod, um das Leben zu verstehen. Um jene Traurigkeit zu verstehen, die den Hals zuschnürt.

    Meiner Tochter habe ich gesagt: „Meine Liebe, ab jetzt teile ich mit dir all die dummen und nicht so dummen Dinge meines Lebens, denn ich kann sie nicht mehr anrufen.“ Und sie versteht. Was sie noch nicht versteht, ist, dass der Schmerz das Einzige ist, das bleibt. Er erwacht immer wieder – durch eine Geste, ein Wort, eine Stimmung.

    Man sagt, wir tragen zu fünfzig Prozent unsere Eltern in uns. Ich will das glauben. Ich suche sie – in mir und um mich. Und ich werde mich nicht entschuldigen für meine Traurigkeit.

  • Vorsätze fürs Neue Jahr

    Vorsätze fürs Neue Jahr

    1. Abends weniger arbeiten, um es noch rechtzeitig ins Kaffeehaus zu schaffen, und überhaupt weniger arbeiten und mehr verdienen.
    2. Reich werden, und dann wieder arm und wieder reich, und wieder arm – so insgesamt 11mal
    3. Mich beim vierten, fünften und sechsten Mal persönlich vom Bergdoktor impfen lassen (und von niemandem sonst!).
    4. Mit dem Rauchen anfangen – eine leidenschaftliche Raucherin werden, rauchen immer und überall, mit und ohne Grund! (Suche gerade nach einer Anleitung im Internet, falls wer was von einem passenden Workshop weiß, soll sich bitte melden!)
    5. Allen alles verzeihen.
    6. Anfangen, die Erwachsenen nachzuahmen.
    7. Ein Pferd streicheln.
    8. Viel reisen, immer bergauf.
    9. Einen Monat lang nicht sprechen – mit niemandem, über nichts.
    10. Einen Zufluchtsort finden (mitten im Wald?).
    11. Vieles finden, ohne suchen zu müssen.
    12. Den Sinn finden.

    Eure Neli P

  • Gib mir deine Hand

    Gib mir deine Hand

    Gib mir deine Hand,
    lass sie sich auf meine Hände niedersetzen,
    ich will da, in deiner Hand, deinen Weg entdecken,
    deinen sich in Kurven schlängelnden Weg,
    und auf deinen Pfad viel Freude und Zeit ins Endlose hinunterrollen,
    Sternenstaub darauf streuen,
    und möge ich gleich vergessen, was ich enträtselt habe!

    Gib mir deine Hand,

    lass sie wie ein Blatt auf den Schoss vom November fallen und sich da ausruhen,
    damit ich mit dem Novemberregen alle eisig frierenden Winter wegspülen kann.
    Und hab keine Angst vor schlechten Vorhersagen,
    in meiner Hand wird nämlich ein Zauber geboren,
    und dank diesem Zauber kann ich aus der Hand nur von jenem lesen,
    auf dessen Weg ich meinen eigenen Namen entdecke.

    Neli P

  • Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Provoziert durch die heutige Begegnung mit Ihm.

    Ich bin in einer gottlosen Gesellschaft aufgewachsen, in der Gott verboten war. Gott? So was gab es nicht, nur von den Lippen meiner Oma konnte man manchmal dieses seltsame Wort, leise und vorsichtig zugeflüstert, hören. Was sie allerdings damit meinte, blieb ein volles Rätsel. Die kleine Kirche, die mitten auf dem zentralen Platz stand, hatte für mich eine völlig plausible Geschichte: sie war ja nämlich die, an deren Kirchturm Baron von Münchhausen sein Pferd mitten in jenem heftigen Schneesturm gebunden haben soll. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeiging, schaute ich nach oben zum Turm und dachte an Münchhausen. Eine andere Funktion der Kirche konnte ich mir gar nicht vorstellen. Außerdem ging keiner hinein, was meine Vermutungen für den Grund deren Existenz nur noch bekräftigte.

    Nach der Wende öffnete die Kirche überraschenderweise ihre Türen für die Gläubigen. Waren aber solche geblieben? Den religiösen Glauben zurückerobern wurde bald zu einem Modetrend, bei dem man mehr auf ein Abenteurerlebnis infolge der Begegnung mit dem bis vor Kurzem Unzulässigen setzte, und weniger tief nach innen nach dem Sinn suchte. Das erste Mal, als ich die Kirche betrat, war zu Ostern. Das erste Ostern nach der Wende. Zur Mitternacht füllte sich die Kirche mit zuströmenden Menschenmengen von Neugierigen in Erwartung des Gottes, von dem manche schon mal gehört hatten, dicht aneinander gepresst, jeder mit einer angezündeten Kerze in der Hand. Ich bekam fast nichts zu Gesicht, außer den Rücken der in der vorderen Reihe Stehenden, und der Geruch, der sich bald durch den ganzen Innenraum ausbreitete, war nicht der nach Weihrauch, sondern nach gebranntem Haar.

    Dem unbekannten Gott musste ich irgendwie eine Form verleihen. Aber wie? Sollte es jemand sein, vor dem man Ehrfurcht empfinden sollte? Oder jemanden, an den man, wenn es unerträglich wurde, seine Bitten richten sollte? Hm, daran war ich nicht gewohnt. Wenn ich bessere Noten in der Schule haben wollte etwa, lernte ich fleißiger und wendete meine Bitten an mich. Wenn etwas schiefging, hatte ich Angst vor der Reaktion meiner Mutter. Wohnte also dieser Gott mir oder meiner Mutter inne? Jedenfalls war er nicht etwas, was ich im Außen suchen konnte.

    Ob ich heute als Erwachsene an den Gott glaube? An meinen Gott, den Gott in uns, vielleicht. An die grenzenlosen Möglichkeiten, an das Gute im Menschen, an die Liebe, an das Transzendentale, das uns miteinander verbindet, sodass wir uns in einem jeden wieder eindecken können.

    Ob ich ihn schon mal gesehen habe? Oh ja, wenn ich am Strand sitze und die ruckartige Bewegung der Wogen beobachte, wenn es ganz schön stürmisch wird und mich der Wirbel dahin weiterträgt, wohin es mag,  wenn ich im April unter einem blühenden Marillenbaum liege, wenn ich draußen im Regen durch die Pfützen laufe, wenn ich von oben auf die Welt schaue,  während die ersten Schneeflocken unbesorgt um mich herum tanzen… Der Gott einer Nichtgläubigen hat kein Gesicht, kann in einer Kirche oder in einem Gebet nicht entdeckt werden, verträgt keine Ehrerbietung. Er ist die bodenlose Stille in einem jeden von uns.

  • Notizen aus der Quarantäne II

    Notizen aus der Quarantäne II

    Bologna, cara mia Bologna! Ich steige in die Maschine und in weniger als 2 Stunden bin ich da. Ich verschmelze mit den gelb-rot-orangen Bögen über meinem Kopf, die mich auf dem Weg an den Instituten der Università di Bologna vorbei begleiten, werfe einen neugierigen Blick in die kühlen einladenden Innenhöfe. Mitten auf Plazza Maggiore halte ich inne. Für ein paar Sekunden wird es still, das ganze Getümmel verstummt, es fühlt sich so an, als ob ich genau in dem Augenblick im Mittelpunkt der Erde stehen würde. Die Glocke der Basilika San Petronio reißt mich aus der Zeitlosigkeit und holt mich in die Gegenwart zurück: Es ist punkt 12 Uhr Mittag. Und dann sehe ich sie. Sie kommen mir scharenweise entgegen, ihr schallendes Gelächter bröckelt in tausend feine kristallartige Lichtpartikeln von der Zeit ab und sättigt die Luft mit una emozione sensazione felice, schwebendes Gelächter steigt hinauf bis zum 62 m hohen Glockenturm der Basilika empor; sie machen einen kleinen Bogen um mich herum, verbeugen sich in einem  révérence vor mir: „Bella! Come stai? Come staj, amore? Ti amooooo!“, höre ich sie im Vorbeigehen, ihre strahlenden Gesichter prägen sich für immer in die Erinnerung ein. „Sempreeee!!!“, ertönt irgendwo da, mitten in der Piazza Maggiore hinter meinem Rücken, „Sempre… sempre… sempre…!“, hallt es in dem von der prallen Mittagssonne aufgewärmten Kopfsteinpflaster wider, während ich mich ein letztes Mal umdrehe… Die Italiener!

  • Notizen aus der Quarantäne I

    Notizen aus der Quarantäne I

    Ich mache breit dieses Fensterlein auf, um tief einzuatmen…

    Meine Schritte führen mich in den Stadtpark, lege mich da auf das feuchte Aprilgras hin, die Sonnenstrahlen verfangen sich in meinen Wimpern, blitze gegen die Sonne, meine Hände berühren das sich noch immer etwas borstig anfühlende Gras sanft, vielversprechend, meine Haare schlingen sich um die Grashalme herum, verflechten sich mit ihnen, die Haarspitzen werden länger und länger, schlagen Wurzeln tief in die hungrige Erde hinein, es riecht nach Magnolien, der Duft ist so betörend, dass es mir schwindlig wird, unter meinem Rücken pulsiert das Herz der Erde – Wärme fließt über meine Arme, über die Ellenbogen hinunter, ein nie aufhörender Strom, tröpfelt auf die Handflächen, rinnt die Linie des Lebens entlang, sammelt sich auf den Fingerspitzen in kleinen Pfützen, verschmilzt mit dem Rot meiner Fingernägel, fängt an zu brennen, wird zu Glut, Rot tropft langsam auf das schlaftrunkene Gras hinunter, wird von der durstigen Erde gierig in großen Schlucken aufgesaugt, tief eingeatmet… erst dann atme ich aus.

  • Ich warte auf sie

    Ich warte auf sie

    Auf die Zeit warte ich, die Minuten erforschend,
    schüttele den Staub von ihnen ab, pudere sie ein bisschen auf
    und entdecke in jeder einzelnen etwas Weißes, etwas Schönes.
    Auf die Zeit warte ich, warte wortlos.
    Dass wir uns mal wieder begegnen – ohne Worte, ohne Streit.
    Dass wir uns mal wieder verzeihen – ohne Trennlinien zu ziehen.
    Auf die Zeit warte ich – jene Januar-raufrostige, sauber gefegte, leuchtend weiße und zärtliche Zeit,
    die Zeit-Mut - die kecke, echte, kühne Zeit -, nicht auf die bedrückte Zeit-ohne-Zeit, die den Nacken beugt.
    Auf die Zeit warte ich – die Zeit-Sekunde, 
    die blitzschnell mit heftigem Getöse das Dunkel spaltet, die Zeit-Fähre, die auf keinen wartet, die Zeit-Schmetterling, die sich auf die Lippen niedersetzt und die Mundwinkel hinunterfließt.
    Es ist weiß. In der frostigen Stille winkt mir meine Zeit zu,
    dann begibt sie sich langsamen Schrittes auf den Weg zu mir. 
    Ich warte auf sie.
    

  • „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

    „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

    Die Not, nicht der Überfluss hat Olga dazu getrieben, nach Wien zu kommen. Notgedrungen hatte sie ihre sieben Sachen gepackt – die alle in ihrem Pelzmantel reinpassten –, und verließ die Heimat, nachdem ihr das Leben ein paar harte Ohrfeigen verpasst hatte, und einige davon sie in die Knie gezwungen hatten. Hinter sich, in Odessa, ließ sie einen Ex-Mann, der auf seine Weise um ein besseres Realitätsbild kämpfte, indem er das Verzerrte draußen durch Alkohol wieder auszuloten versuchte, und den sie lange genug auf dem Weg, genannt „Ehe“, mitgeschleppt hatte. Ob sich seine eigene Realität dadurch schöner, erträglicher anfühlte, wusste Olga nicht, ihre war allerdings nur noch gruseliger geworden. Bis sich eines Tages ein verzweifelter Schrei ihren Lippen entschlüpfte und Olgas ermattete Seele, die mit dem einem Bein schon im Reich der Schatten stand, zurückholte. Der führte sie Richtung eine Welt, die sie nicht kannte, in der aber ein wie von hier bis zum Mond hin und zurück großes Versprechen zu schlummern schien. Träumen? Nein, das hatte sie schon als Kind verlernt, als ihr die Fähigkeit zu träumen von der Diebin Realität gestohlen wurde, und anstelle von Blut in ihren Adern Bitterkeit floss.

    Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob es Olga kaum etwas gekostet hätte, Odessa gegen den Wiener Westwind auszutauschen, und das glaubte auch sie eine Weile lang, bis es nicht auf ihren Pelzmantel ankam. Der wurde im fernen 1886 von einem großzügigen Ur-Ur-Urgroßvater und wohlhabendem Fabrikanten anlässlich seiner Hochzeitsfeier als Zeichen von Liebe und ewiger Treue an die geliebte Braut verschenkt, und seitdem immer wieder über Generationen hinweg von der Mutter an die Tochter vererbt, galt als eine Familienreliquie und irgendwann, als sie 18 wurde, gehörte er endlich auch ihr. Wie einen Zauberumhang schlang Olga den Mantel um ihre Schultern. Viele klirrend kalte Winter kannte er schon, unzählige Songs der Dachrinnen hatte er sich angehört, tausendmal hatte er den aus dem Holzofen aufsteigenden Rauch im Spätherbst in sich aufgenommen. Tränen von Frauen, die ihre Nächsten verabschiedeten, von Männern, die ihre Liebsten zum letzten Mal umarmten und dann spurlos verschwanden, von Kindern, die früh verweist waren, kannte der dicke Pelzmantel; Tränen vor betörender Freude und tiefster Trauer, niederschmetternder Verzweiflung und überschwänglicher Hoffnung hatten den Mantel durchgesickert und zu einem Pergament verwandelt, auf dem die Jahrzehnte ihre Geschichte niederschrieben. Jahr um Jahr hatte er auch Olga durch die verschneiten Straßen Odessas getragen; einmal angezogen, riss er da plötzlich alle Bänder, die Olga an der zermürbenden Gegenwart festhielten, und ihr eröffnete sich eine völlig neue Welt voller Geborgenheit, in der sie Schutz gegen alle und alles finden konnte. Schön war es in ihrem Pelzmantel, warm wie ein Zuhause, in dem man jederzeit zurückkehren konnte, fühlte er sich an. Jedes Mal, wenn es ihr kalt und bange ums Herz wurde, wärmte sie sich an seiner Feuerstätte des kollektiven Erinnerungsgedächtnisses auf. „Olja, Oletschka!“, rief sie aus dem Pelzmantel ihre Oma, die sie morgens mit dem süßen Duft von frisch gebackenen Blini und heißem Lindentee weckte. „Olenka, du, meine Liebe!“, sprach ihre Jugendliebe zu ihr, wenn sie ihr Gesicht im dicken Pelzmantel verkroch. Und wenn sie ihre Hand tief in die Tasche steckte, konnte Olga da noch immer einen vergessenen „Tschaika“ Bonbon finden.

    Nach Odessa war Olga nach Sotschi gegangen, wo sie sich als Zimmermädchen in einem 4-Sterne-Hotel abrackerte und ein bisschen Geld zur Seite legen konnte. Olga träumte nicht, sie war näher denn je an der Realität, bis sie an einem Nachmittag ein unerwarteter Anruf erschütterte: es war ihre Jugendliebe Volodja. Seit über 10 Jahren arbeitete er schon unermüdlich in Wien, auf einer Baustelle – ein Mann mit sicherem Einkommen und guten Absichten. Wegen ihrer großen Jugendliebe kehrte Olga allem den Rücken zu und kam nach Wien. Von allem konnte sie sich trennen, nur den Pelzmantel wollte sie nicht aufgeben. In Wien würden sie aber die Tierschützer schon beim ersten Schritt draußen mit rohen Eiern bewerfen und als Tiermörderin anprangern, sie, die noch nie jemandem was Schlimmes angetan hatte, warnte sie Volodja. Daran hatte Olga noch nie gedacht, sie hatte noch nie die Zeit gehabt, an sich selbst zu denken und in der Menschenwelt zurechtzukommen, die der Tierwelt sehr ähnelte, geschweige an die Tiere.

    Nur ungern zog sie langsam, mit zitternden Fingern ihren warmen Pelzmantel aus und tauschte ihn gegen die westlichen Werte um, die nach Freiheit schmeckten. Nur mit einem dünnen grünen Pullover angezogen, betrat sie zögernden Schrittes den Kursraum, wo ihr Integrationskurs stattfinden sollte. Der warme Pelzmantel, auf dem die Geschichten der Jahrzehnte geprägt wurden und somit auch ihr bisheriger Lebenspfad Platz fand, fehlte ihr. Ganz vorsichtig schlich sie sich nach vorne, setzte sich auf die erste Bank, senkte ihren Blick und blätterte das Kursbuch um. Auf der ersten Seite oben stand fettgedruckt: „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“ Eine einzige, große, brennende und wie ein Gebet schwere Träne löste sich von ihrem Augenwinkel und rollte ihre Wange hinunter. Olga träumte.

  • Rapidler, ich komme!!!

    Rapidler, ich komme!!!

    Man soll ja nicht daran denken, was man hätte werden können, und grundsätzlich, schon gar nicht viel grübeln im Leben, sondern das Beste daraus machen, was man eben ist, sagt man. Und trotzdem, trotz des Wissens über die Sinnlosigkeit derartigen Tuns, blickt man ab und zu zurück, rekapituliert, wägt diese und jene Option ab und versucht die Vergangenheit vom Blickwinkel der Gegenwart aus neu zu beleuchten, indem man seine Schritte rechtfertigt oder ihnen erst nun eine – wohlverdiente –Bedeutung beimisst. Und in solchen Momenten kann ich nicht anders als mich auf den Flügel des inneren Monologs treiben lassen. „Und du hättest was Großes werden können, Neli! Eine Fußballerin nämlich!“, flüstert mir diese treue Begleiterin, innere Stimme zu.

    Solche Gedanken überkommen mich uneingeladen und erwischen mich irgendwie unvorbereitet auf die geile Vorstellung einer glamourösen Zukunft – und gerade das ist das Süße am Ganzen! –, gerade in der Zeit, während ich mir das Spiel von Rapid gegen die Admira im Fernsehen anschaue. Zuerst muss ich aber unbedingt die Anmerkung machen, dass ich eine Genießerin bin. Rein optisch wurde ich schon immer mehr vom Blau als vom Grün angesprochen, auch wenn ich mich nur in seltenen Fällen von genau diesem Hellblau inspiriert fühlte, doch diesmal fesselt mich das Grün an – kurz die Augen zusammenkneifen, Grün gegen Blau, Blau gegen Grün …, und voilà! Es ist dieses unwiderstehliche Grün, dem ich heute Abend meine ganze Aufmerksamkeit schenke! Es erinnert mich farblich nämlich sehr an Lokomotiv, den 1926 gegründeten bulgarischen Profi-Fußballverein. Mich interessieren mitunter also Haarschnitte, Bärte, Körper, Multikulturalität, Flüche – Letzteres selbstverständlich nur rein wissenschaftlich! – auch wenn ich von Stoichkov in meiner Kindheit auch einiges nebenbei gelernt hatte, während ich an den Hausübungen schrieb und der Fernseher im Hintergrund lief, dafür bin ich aber diesmal leider zu weit weg vom realen Tatort entfernt.

    Als Kind habe ich eigentlich nur Fußball gespielt – ich musste es! –, da ich mit meinem Cousin aufgewachsen bin, dessen Vater, mein Onkel, ein begeisterter Fußballfan und -trainer war. Dank ihm landete ich schon damals nicht einmal, und nicht zweimal am Stadion und durfte einem echten Fußballspiel beiwohnen, während die anderen Mädels mit ihren Puppen spielten. Geschweige von den Sommern, verbracht mit meinem Cousin auf dem Lande, in jenen fernen Zeit, als die technische Revolution in der sozialistischen Welt noch immer in den Anfängen steckte, nicht jeder Haushalt einen eigenen Fernseher besaß und deswegen notfalls zum Nachbarn musste. Und solche äußerst dringenden Notfälle waren ausnahmsweise einzig und alleine die Fußballspiele, die an jenen heißen Sommerferienabenden im Dorf meines Cousins im Fernsehen übertragen wurden. Da war man als Kind bereit zu sterben um der Möglichkeit willen, vor einem echten Fernseher zu sitzen, im Kreise einer echten ländlichen Gesellschaft – social community, you understand? –, und was da gerade im Fernsehen lief, war nur eine Nebensache. Ein Mega-Dorfevent also, bei dem sich alles natürlich ausschließlich um Fußball drehte.

    Und so ging es eine Weile: mein Cousin spielte mit mir Fußball, und im Gegenzug las ich für ihn die ganze Sommerpflichtlektüre und erzählte ihm kurz den Inhalt. Deal ist Deal! Aus meinem Cousin ist später ein Profifußballtrainer geworden, aus mir nichts. Wieso denn, fragt ihr Euch? Bald nach meiner Leidenschaft für das Fußballspiel kam eine Balletttrainerin in die Stadt und ich bin ins Ballett gewechselt. Nur es ist auch keine Balletteuse aus mir geworden, da hat meine Mama ziemlich früh die schicksalhafte Frage aller weisen Mütter gestellt: „Willst du ein ganzes Leben lang Bein in einer Nachtbar zeigen oder meinst du es wirklich ernst mit dir?“ Ich meinte es ernst. Bis vor ein paar Jahren. Und insbesondere heute, wenn ich vorm Bildschirm sitze, bereue ich es zutiefst und aufrichtig, keine Fußballerin geworden zu sein, da hätte aus mir was Großes werden können!

    Im Hintergrund höre ich nun die Stimme des Moderators: „Körperliche Stärke…!“, „Nicht zu bremsen, nicht zu stoppen!“, „Ein Tor ins österreichische Grab!“, „Die Herren, die jubeln!“, „Das Ganze beginnt von Neuem!“, „Viel Überzeugung, guter Nachdruck!“, und dann erreicht mich auf einmal eine Anmerkung, die meine ganze Aufmerksamkeit fesselt: „Er hat als Model gearbeitet, dann hat er sich für den Fußball entschieden.“ Also, es ist doch möglich! Jeder/Jede kann sich auch zu einem späteren Zeitpunkt für den Fußball entscheiden! Es ist nie zu spät! Zu lange will ich allerdings nicht warten, und gar nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, ich entscheide mich heute, sofort! Tor! Tooooooor!!! Rapidler, ich komme!!!

  • ZOOM Reality

    ZOOM Reality

    Heute führten mich meine Gedanken in das ferne 1998 und die Jahre danach zurück… Vor meinen Augen verliefen wie im Kino all die Stempel in meinem alten Pass, die die Ein- und Ausreise an jedem Grenzübergangspunkt dokumentiert hatten, damals, als man immer noch nicht „frei“ reisen konnte – so rund 160 an der Zahl. Die langen 35-stündigen Busfahrten nach Deutschland, die Zugreise von Bulgarien bis nach Wien und von Wien bis nach Jena, die Busreise über Wien bis nach Oradea, jeden gefühlten Kilometer hatte ich damals gezählt.

    Dass sich das Ganze mal wiederholt, das wäre mir allerdings nie durch den Kopf gelaufen, mir, die so gerne alleine reist, um völlig ungestört in der Rolle des Betrachters die Welt beobachten und wahrnehmen zu können. Nie hätte ich auch gedacht, dass aus meinem Ich ein virtuelles Bild wird, ein ZOOM-Ich, das tagtäglich vom Bildschirm auf mich blicken würde. Musste heute mit einer sehr wissbegierigen jungen Dame scherzen, dass wir wohl in Verbindung bleiben würden, auch wenn man uns in die Wüste oder an den Rand der Welt schicken würde. Nur auch das habe ich mir nicht ganz so vorgestellt.

    Nur wer die Unfreiheit kennt, kann sie aufgeben, und umgekehrt – um Scott M. Peck zu paraphrasieren. Es tut allerdings nicht weniger weh. Eure Neli P