Kategorie: Das Jetzt

  • Gedanken

    Gedanken

    Diese Gedanken –

    umherirrende Ritter, Don Quijote-Gestalten,

    Landstreicher, Schicksalsfeen,

    Gedanken, die fordern, bitten und flehen,

    Gedanken aufgeblasene, eitle und wichtige,

    galoppierende, kleinliche, nichtige,

    Gedanken gemäßigte, langsame, schnelle,

    Gedanken freudige, weiße und helle,

    Gedanken-Dichter – beflügelte, reine,

    Gedanken-Peitschen – quälende, kleine,

    blöde Gedanken, kluge Gedanken

    lasse ich los – es reicht! -, um zu tanken

    neue. Und diese lass ich daneben –

    zwischen den Seiten des Buches aufleben,

    in einem versehentlichen Kurzfilm entstehen,

    als blasse Erinnerung kommen und gehen.

    Denn jene Gedanken – dursichtige, leichte,

    aus Löwenzahnröckchen, Gedanken wie Beichte,

    Gedanken, absteigend auf frostigen Wegen,

    die nebligen schweren Gedanken wegfegend –

    erwarte ich, um euch eine Handvoll Schnee,

    gesponnen aus Schneegarn tanzende Feen

    schicken zu können, jetzt, in der Stille.

    Eine Handvoll Hoffnung. Eine Handvoll Wille.

  • Ich erkläre es Euch

    Ich erkläre es Euch

    Ihr fragt Euch, warum ich so gut aussehe und dieses unbeschreibliche Glück ausstrahle?

    Ich erkläre es Euch.

    Jeder Tag beginnt für mich mit dem Sonnengruß, gefolgt von aufrichtiger Danksagung an die bulgarische Regierung. Gleich danach, in stillem Rückzug (still, weil da nicht viel zu sagen übrig bleibt), widme ich mich devoter einstündiger Meditation. Dies lässt mich denken, dass ich mir völlig genug bin, so, wie ich ganz alleine dasitze, unabhängig davon, was in der äußeren Welt los ist. Daraufhin wende ich mich immer an die Sterne, lausche im Wind hinein und kriege eindeutige Antworten für meine Zukunft, weil ich ja die richtigen Fragen gestellt habe. Gegen Mittag bekomme ich regelmäßig je ein Video von Euch mit einem allwissenden Weisen darauf. Mein Tag ist gerettet! Dankeschön, das stärkt meinen Glauben an das Gute immens und macht mir deutlich, wie wenig ich, die Arme, weiß! Nachmittags lege ich die Tarotkarten und da entscheiden die Göttinnen für mich (ein Geheimnis: alle Karten sind streng geprüft, sonst hätte ich sie nicht gekauft! Kein Tod, keine Rache und keine Schicksalsschläge! Garantiert!) Abends schalte ich nie den Fernseher ein, sonst wäre die ganze Mühe umsonst!

    Ein ganz normaler sorgenfreier Tag bei mir…

    Doch manchmal erwischen mich manche Nachrichten früh morgens und bringen mich aus meiner Nirwana-ähnlichen Balance, wie etwa diese, dass Flüge vom Balkan nach Wien untersagt werden. Da werde ich blitzschnell in die Realität zurückgeholt. Wer hätte daran gedacht, dass ich nun einen Tunnel graben muss.

  • Mein Sommer mit den duftenden Linden im Juni

    Mein Sommer mit den duftenden Linden im Juni

    
    
    Mein Sommer mit den duftenden Linden im Juni,
    mein Sommer bleibt auf der Strecke.
    Der Sommer, geboren aus Sonne und Dünen,
    scheint krank sein Gesicht zu verstecken.
    Er zaudert unsicher, hinkt hinterher,
    folgend dem Mai auf den Fersen,
    er solle, wie April meint, nun umso mehr,
    Ärzte aufsuchen diverse.
    Den Sternen zu lauschen, ein anderer sagt,
    wäre nun äußerst notwendig.
    Psychotherapie – wenn er das mag –
    mache ihn herrlich lebendig!
    Zum Kardiologen schickt ihn ein Weiser.
    Er solle sich am Tarot versuchen!
    Den Sonnenaufgang begrüßen und leise
    in Demut ein Aschram besuchen!
    Ein Dritter verschreibt ihm ein Bad in dem Bach,
    drei Kreise um sich soll er drehen –
    bewusst, konzentriert, erleuchtet und wach –,
    falls Katze ihm über den Weg geht.
    Ein indischer Guru wäre ganz fein!
    Zitieren, vergöttern, anbeten!
    Ohne Guru wärest du nichtig und klein,
    verschieden – das kann man ja wetten!
    Ob diese Welt nun die Wahrheit begreift
    und still wird vorm Antlitz des Regens?
    Damit auch mein Sommer den Milchweg erreicht,
    spinnend aus dem Vogelgarn Segen?
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
  • Wie Facebook zu einem Porno wurde

    Wie Facebook zu einem Porno wurde

    Am Tag Y der Krise wurde Facebook zu einem billigen Amateuren-Porno, wo jeder sein bestes versuchte. Man schlug Purzelbäume, machte Spagat und entblößte sich, so gut man eben konnte. Manche waren neu in der Branche und versuchten innovativ zu sein, andere taten das, was sie immer getan hatten und blieben in sicheren Gewässern.

    Das, mit der Nacktheit der Körper, war erstaunlich einfach, back to the roots! Am Grad der Nacktheit konnte man fehlerlos jeden wie ein Mind Map ablesen. Die innere Unsicherheit, dass man in Vergessenheit gerät, wenn man nicht täglich, stündlich an sich und seine Qualitäten erinnert, schlug Alarm.

    Porno stand jedenfalls hoch im Kurs, boomte und wurde zu einem Existenzwert erhoben. Der Appell war eindeutig: um überhaupt irgendeinen Wert zu erlangen, musste man zur Pornoindustrie! Alle ausnahmsweise! Kein Weg führte umhin. Beim näheren Hinblicken stellte man allerdings fest, dass sich nichts geändert hatte: rückblickend sah man, dass es immer noch dieselben Rollen waren, die jeder schon gespielt hatte, nur der Geist blieb stecken, daher mussten Körper den offensichtlichen Mangel ausloten, und sich gerade in der Pornobranche ganz neu zu versuchen, war zu riskant. Manche zeigten also Bein, andere Arsch oder Maul, dritte zeigten eh alles, wirklich alles, was sie zu zeigen hatten, und nur wenige zeigten Charakter. Egal, ob das Spiel mittelmäßig war oder ganz unter dem Gefrierpunkt lag: jeder wartete auf seinen Applaus.

    Und wenn die Rollen vertauscht worden waren? Und wenn man versucht hätte, die Rollen, die jeder zu verdienen glaubte, zu tauschen? Hätten die neuen nicht besser gepasst? Der sonst aufgeschlossene Pornosektor zeigte sich dagegen verschlossen, ging bewährte Wege und setzte auf Nummer Sicher. Na gut, dann sollte jeder das spielen, was er schon immer gespielt hat! Die Pornobranche ist nachsichtig, stellt keine hohen Ansprüche und ist nach wie vor allen offen. Ich gehe nun meinen roten Fishnetbody anziehen und bereite mich für die Dreharbeiten vor. Wir sehen uns demnächst in der 3D-Production „Mercy in red 1“. Folgt mir! Folgt mir leidenschaftlich! Mit Mittelmäßigkeit kann ich mich nicht begnügen! Euer Star Neli P

  • Kreide

    Kreide

    Der Kreide-Tag
    rollt auf den Sonnenuntergang zu,
    Kreide-Gedanken verziehen sich im Dunkel,
    Kreide-Menschen setzen Kreide-Schritte,
    malen ein Kreide-Morgen und warten.
    Kreide-Blicke kreuzen sich von Neuem,
    die Kreide in den Augen fängt an zu brennen.
    Die Worte aus Kreide verfliegen,
    ohne eine Spur zu hinterlassen,
    Richtung fabulierte Bahnhöfe.
    Ein erster Regentropfen, ein zweiter…
    Aus Kreide war auch diese Rolle.
    Ich warte auf Regen, Sturm und Donner-Nächte
    und bitte um ein paar Tropfen Tinte.

    Mit Tinte, bitte!
  • Die Zeit erkrankte

    Die Zeit erkrankte

    Die Zeit erkrankte. Ich stelle die Frage:
    Gibt es noch Zeit, um etwas zu wagen?
    Ist da noch Zeit, um aus dem Steigbügel 
    aller Täuschungen auszusteigen? Alle Flügel
    zusammenlegen und zu probieren
    sich selbst zu sein? Echt sein? Sich zu riskieren?
    Gibt es noch Zeit oder diese Zeit rennt?
    Gefühle, Gedanken und Menschen verbrennt?
    Ist es an der Zeit all die Gedanken,
    schwarze, zitternde, Gedanken ins Wanken
    dringend sofort zu reanimieren?
    Sich selbst zu finden? Sich zu verlieren?
    Kann man Gedanken mit Schere zuschneiden?
    Mit Kerze verbrennen? Gedanken vermeiden?
    Und aus Papier weiß und durchsichtig
    neue Geschichte, echter und wichtig
    ganz neu gestalten: mit einer Handvoll Lügen?
    Mit mehr Wahrheit? Mit zwei, drei Betrügen?
    Damit uns Zeit bleibt. Zeit vor dem Ende.
    Echtzeit für zwei. Für zwei Verblendete.
  • Bleibt gelassen!

    Bleibt gelassen!

    Rote Ballerinas im Einsatz

    Es war an der Zeit, meine treuen roten Ballerinas aus dem Schrank rauszuholen und zu Hilfe zu rufen… Es war einfach soweit. Also schlüpfte ich heute hinein und ging durch die vorzeitig ergrauten Straßen Tarnovos bei fast winterlichen Temperaturen. Ein Schritt, zwei Schritte, drei Schritte, ein Meter, zwei Meter…, langsam übe ich im Laufen, nach der 14-tägigen Quarantäne zu Hause. Den ersten Kilometer geschafft. Wie viele Schritte machen einen Kilometer aus? Bergauf am Sexshop vorbei. Ein Blick links ins Schaufenster auf die gefesselten Puppen bestätigt, dass auch sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeengt sind. Oder waren sie es schon immer?
    Wie viele Schritte sind es von hier bis nach Wien? Wenn ich mich beeile, komme ich da im Juni an? Für das Sommerkino? Aus dem Weingeschäft von einem Fass blickt misstrauisch eine porträtierte Schönheit auf die leere Straße und hält Ausschau für den Richtigen. Kommt er…? Kommt er nicht…? Nein, meine Liebe, er kommt nicht! Zumindest in den nächsten zwei Monaten nicht! Sie zuckt nicht mal mit den Wimpern. Die Hoffnung stirbt ja zuletzt, sagt man im Volksmunde.
    Mein Spaziergang führt weiter durch die Hauptstraße, die immer geradeaus verläuft, keine Abwege, keine Quergassen. Ein gerader geebneter Weg. Immer wieder geradeaus… Wie viele Tage brauche ich, um irgendwann in der Strandbar Hermann anzukommen? Den Sand unter meinen Füßen zu spüren?
    Rechts wirbt der Lametta- Glitzer-Luxus-Highsociety-Shop für Schutzmasken. Die einfachsten wurden da für 6 Lewa verkauft, bei realem Preis von 0,60 Lewa, bevor auch er schließen musste. Gibt es denn keinen Verbraucherschutz in diesem Land??? Schutz. Schutz ist ein Fremdwort hier. Wenn man sich schützen will, dann lieber selber, aus eigener Kraft. Good luck!
    Ein Spaziergang durch eine surreale Stadt. Plötzlich gehen meine Gedanken Richtung Fukuyama. Eine Welt ohne Menschen. Habe ich hier schon mal gelebt? Wie ist es dazu gekommen, dass ich mich hier und nicht woanders aufgehalten habe? Wollte ich nicht Diplomatin werden? Und davor… Balletteuse? Der Dessous-Shop soll bis vor zwei Wochen auch Gesichtsmasken angeboten haben, lese ich im Schaufenster. Seine sind jedoch aus Stoff, kosten dementsprechend wahrscheinlich mehr. Unterwäsche braucht ja keiner in diesen Krisenzeiten. Hat vielleicht auch der Agent Provocateur Online-Shop alle Zustellungen eingestellt?
    Da, wo früher ein Schuhgeschäft war, lese ich die Aufschrift: „Koffer im Sale“. Wer braucht bloß noch einen Koffer in diesen Zeiten? Bisher waren es immer die finanziellen Möglichkeiten, die einen von einer Reise abgehalten haben. Nun kann man auch mit voller Geldbörse nirgendwohin reisen. Ich reise jedoch nach wie vor. Im Kopf.
    Bologna, cara mia Bologna! Sind die Tauben auf Piazza Maggiore immer noch da? Findet die Chocolatier-Ausstellung im November wieder statt? Hat im Sommer der kleine Shop Sacro Cuore Profumi wieder geöffnet? Kann ich da irgendwo die Nachspeise „Die drei Nonnenbrüste“ endlich kosten? Ich halte mal kurz vor dem Souvenirshop gegenüber der Handwerkerstraße inne. Interessant. Erster westlicher Hauch ist schon in der Trachtenmode zu spüren, das kann wohl keiner bestreiten! Einer der Oberteile sieht wie ein Korsett aus. Oder habe ich vielleicht etwas von der bulgarischen Folkloretradition verpasst?
    Endlich am Ziel! Im DM Geschäft angekommen, schaue ich mich schnell nach glutenfreien Produkten um. Zwei Packerl Falafel! Glück gehabt! Wieso hat DM in Bulgarien immer noch keinen online Shop? Hier kann man auch Desinfektionsmittel, Einweghandschuhe und Toilettenpapier finden! Reduziert!
    Ich drehe noch zwei Runden um die Post herum und dann geht es wieder zurück. Wenn Ihr glaubt, dass ich allein war, dann irrt Ihr Euch gewaltig. Eine neue Freundschaft entflammte irgendwo in der Mitte der Hauptstraße. Mein neuer treuer Freund begleitete mich den ganzen Weg heim, bis er endlich begriff, dass ich mein Herz einem anderen klaffenden Freund schon geschenkt hatte, nämlich dem, der von der anderen Seite der Steinmauer auf mich wartete. Enttäuschungen sind nämlich keine Seltenheit in Krisenzeiten. Bleibt gelassen!