Kategorie: Das Jetzt

  • Politik ist schmutzige Sache

    Politik ist schmutzige Sache

    Bild: Mike Peters https://www.cartoonistgroup.com/subject/The-Moral+Majority-Comics-and-Cartoons.php

    Politik und Moral sind offenbar unvereinbar. Der Machiavellismus hat es schon im 16. Jh. festgestellt. Ich habe es zig Mal beobachtet, und das zeigte uns auch die derzeitige politische Situation in Österreich. Egal, wie sehr man es sich wünscht, in einer realen Demokratie zu leben und ethisch zu handeln, hat die Menschheit wohl die Aggressivität als anthropologische Komponente trotz aller Bemühungen und Evolutionsphasen bisher noch nicht überwunden. Und diese unbewusste Aggressivität geht in fehlende Moral, Machtgier und Skrupellosigkeit hinüber.

    Irgendwann sollte man an die Wurzeln des Problems herankommen. Und die liegen nicht woanders, sondern in der menschlichen Natur. Diese unaufhaltsame Triebkraft bewegt – „im Namen des eigenen Landes“ – dazu, Menschen, die an der Spitze stehen und die Entscheidungsmacht besitzen, skrupellos zu handeln. Und all das spielt sich hinter den Kulissen, hinter dem Rücken des Volkes ab, das eigentlich die oberste Staatsgewalt in einer Demokratie sein sollte. Wo geht das Ganze hin?

    Das Mehr führt unvermeidbar zu einer noch größeren Gier nach Mehr. Bis man sich einbildet, man lebe in einem Marionettentheater, in dem man mit links alle Fäden ziehen kann, die Realität in eine abscheuliche Nachahmung der Wahrheit abgleitet, aus der Wahrheit Lüge wird, und die Demokratie rutscht in eine Diktatur aus.

    In Bulgarien artete der Kommunismus in eine Diktatur aus. Jene, die Mitglieder der KP nicht werden konnten, d.h. „in die Reihen der KP“ nicht aufgenommen wurden – weh denen! – aus unterschiedlichen Gründen, etwa, weil geschieden und daher kein Vorbild für die makellose kommunistische Gesellschaft, galten als minderwertig und Außenseiter. Und nichts tat mehr weh, als nicht angenommen zu sein, „anders“ zu sein. Das spiegelte nur die so gut bekannte Dynamik der Masse wider und was sie an Schäden in puncto Individualität anrichten kann.  

    Zu mir war das Schicksal aber gut.  Zum Glück konnte ich kein Mitglied des Komsomols werden, da genau zu dem Punkt, als es gerade so weit war, die demokratische Wende in Bulgarien eintraf: die eine Hälfte meiner Klasse waren Komsomolzi, die andere Hälfte konnten es nie werden. So bin ich auf der Scheidelinie geblieben. Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Plan- und Marktwirtschaft, festen Vorschriften und Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und Hoffnung. Ich habe später immer vehement abgelehnt, mich für eine der Parteien, die um die Macht kämpften, zu engagieren, denn irgendwie hatte ich früh diesen Mechanismus durchschaut: Egal, welche Partei mich für ihre Ideologie gewinnen wollte, waren die allerersten Worte immer die gleichen: „Wir brauchen jemanden wie dich, unbescholten und mit reiner Vergangenheit.“ Somit war die Frage für mich von selbst beantwortet. Es gefiel mir irgendwie in meiner Ein-Personen-Partei, in der ich frei war, meine eigene Ideologie zu vertreten und abends mit reinem Gewissen ins Bett zu gehen. Dass ich nicht Demagogien dienen wollte, weil ich nicht lügen konnte, wurde bald allen klar, und nicht häufig als Manko angesehen. Tja. Über den Umgang mit Kreativität bei der Durchführung von Wahlen kann ich vieles erzählen. Hier hat Österreich noch viel von Bulgarien zu lernen, etwa welche starke Überzeugungskraft die Cevapcici haben können oder wie 10 Euro bei den ärmeren Bevölkerungsschichten Wunder wirken können. Wenn Wahlen in Österreich anstehen, muss ich immer daran denken und schmunzeln. Und überhaupt. Beide Staaten sollten sich zum Thema konstruktiv austauschen und voneinander lernen!

    An Österreich wollte ich glauben. Ich brauchte es, an etwas zu glauben, was die Werte verinnerlicht, die ich in Bulgarien umsonst gesucht hatte: Menschlichkeit, Moral in der Politik, real funktionierende und gelebte Demokratie, ohne dass Angst eingejagt wird – ohne diesen sich längst bewährten Manipulationsmechanismus in Bulgarien, der da auch heute noch zum Einsatz kommt. Hoffentlich erschüttert die Zukunft nicht meinen Glauben. Hoffentlich.

  • Rapidler, ich komme!!!

    Rapidler, ich komme!!!

    Man soll ja nicht daran denken, was man hätte werden können, und grundsätzlich, schon gar nicht viel grübeln im Leben, sondern das Beste daraus machen, was man eben ist, sagt man. Und trotzdem, trotz des Wissens über die Sinnlosigkeit derartigen Tuns, blickt man ab und zu zurück, rekapituliert, wägt diese und jene Option ab und versucht die Vergangenheit vom Blickwinkel der Gegenwart aus neu zu beleuchten, indem man seine Schritte rechtfertigt oder ihnen erst nun eine – wohlverdiente –Bedeutung beimisst. Und in solchen Momenten kann ich nicht anders als mich auf den Flügel des inneren Monologs treiben lassen. „Und du hättest was Großes werden können, Neli! Eine Fußballerin nämlich!“, flüstert mir diese treue Begleiterin, innere Stimme zu.

    Solche Gedanken überkommen mich uneingeladen und erwischen mich irgendwie unvorbereitet auf die geile Vorstellung einer glamourösen Zukunft – und gerade das ist das Süße am Ganzen! –, gerade in der Zeit, während ich mir das Spiel von Rapid gegen die Admira im Fernsehen anschaue. Zuerst muss ich aber unbedingt die Anmerkung machen, dass ich eine Genießerin bin. Rein optisch wurde ich schon immer mehr vom Blau als vom Grün angesprochen, auch wenn ich mich nur in seltenen Fällen von genau diesem Hellblau inspiriert fühlte, doch diesmal fesselt mich das Grün an – kurz die Augen zusammenkneifen, Grün gegen Blau, Blau gegen Grün …, und voilà! Es ist dieses unwiderstehliche Grün, dem ich heute Abend meine ganze Aufmerksamkeit schenke! Es erinnert mich farblich nämlich sehr an Lokomotiv, den 1926 gegründeten bulgarischen Profi-Fußballverein. Mich interessieren mitunter also Haarschnitte, Bärte, Körper, Multikulturalität, Flüche – Letzteres selbstverständlich nur rein wissenschaftlich! – auch wenn ich von Stoichkov in meiner Kindheit auch einiges nebenbei gelernt hatte, während ich an den Hausübungen schrieb und der Fernseher im Hintergrund lief, dafür bin ich aber diesmal leider zu weit weg vom realen Tatort entfernt.

    Als Kind habe ich eigentlich nur Fußball gespielt – ich musste es! –, da ich mit meinem Cousin aufgewachsen bin, dessen Vater, mein Onkel, ein begeisterter Fußballfan und -trainer war. Dank ihm landete ich schon damals nicht einmal, und nicht zweimal am Stadion und durfte einem echten Fußballspiel beiwohnen, während die anderen Mädels mit ihren Puppen spielten. Geschweige denn von den Sommern, verbracht mit meinem Cousin auf dem Lande, in jener fernen Zeit, als die technische Revolution in der sozialistischen Welt noch immer in den Anfängen steckte, nicht jeder Haushalt einen eigenen Fernseher besaß und deswegen notfalls zum Nachbarn musste. Und solche äußerst dringenden Notfälle waren ausnahmsweise einzig und alleine die Fußballspiele, die an jenen heißen Sommerferienabenden im Dorf meines Cousins im Fernsehen übertragen wurden. Da war man als Kind bereit zu sterben um der Möglichkeit willen, vor einem echten Fernseher zu sitzen, im Kreise einer echten ländlichen Gesellschaft – social community, you understand? –, und was da gerade im Fernsehen lief, war nur eine Nebensache. Ein Mega-Dorfevent also, bei dem sich alles natürlich ausschließlich um Fußball drehte.

    Und so ging es eine Weile: mein Cousin spielte mit mir Fußball, und im Gegenzug las ich für ihn die ganze Sommerpflichtlektüre und erzählte ihm kurz den Inhalt. Deal ist Deal! Aus meinem Cousin ist später ein Profifußballtrainer geworden, aus mir nichts. Wieso denn, fragt ihr Euch? Bald nach meiner Leidenschaft für das Fußballspiel kam eine Balletttrainerin in die Stadt und ich bin ins Ballett gewechselt. Nur es ist auch keine Balletteuse aus mir geworden, da hat meine Mama ziemlich früh die schicksalhafte Frage aller weisen Mütter gestellt: „Willst du ein ganzes Leben lang Bein in einer Nachtbar zeigen oder meinst du es wirklich ernst mit dir?“ Ich meinte es ernst. Bis vor ein paar Jahren. Und insbesondere heute, wenn ich vorm Bildschirm sitze, bereue ich es zutiefst und aufrichtig, keine Fußballerin geworden zu sein, da hätte aus mir was Großes werden können!

    Im Hintergrund höre ich nun die Stimme des Moderators: „Körperliche Stärke…!“, „Nicht zu bremsen, nicht zu stoppen!“, „Ein Tor ins österreichische Grab!“, „Die Herren, die jubeln!“, „Das Ganze beginnt von Neuem!“, „Viel Überzeugung, guter Nachdruck!“, und dann erreicht mich auf einmal eine Anmerkung, die meine ganze Aufmerksamkeit fesselt: „Er hat als Model gearbeitet, dann hat er sich für den Fußball entschieden.“ Also, es ist doch möglich! Jeder/Jede kann sich auch zu einem späteren Zeitpunkt für den Fußball entscheiden! Es ist nie zu spät! Zu lange will ich allerdings nicht warten, und gar nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, ich entscheide mich heute, sofort! Tor! Tooooooor!!! Rapidler, ich komme!!!

  • Mein Europa

    Mein Europa

    Mama weinte, sie weinte ungestüm, als ob ihr jemand ein Stück Fleisch vom eigenen Leib abgerissen hätte, als ich mit 14 das Zuhause verließ und nach Ruse an der Donau loszog, den Fremdsprachen zuliebe, die mir das Tor nach Europa öffnen sollten. An der Wand rechts vom Eingang meiner alten Schule hing ein Foto von mir mit der Bildunterschrift „Unser Stolz“. Mama weinte, und ich weinte doppelt – für sie und für mich. Seitdem trage ich immer den Schmerz doppelt – einmal für mich und einmal für die Welt – herum. Nicht, dass ich ab dem Moment an wirklich displaced war, nein, ich war nur entwurzelt. Es fühlte sich so an, als ob ich an mehreren Orten gleichzeitig verweilt hätte. Was ich mir immer ausmalte, war einen Flug, der in die Ferne führte, nach Europa; machte die Augen zu, und flog dahin.

    In der Schulzeit fand sich dann eine Person, die es mir beibrachte, wie man richtig die Flügel ausbreiten sollte. Anfangs ahmte ich die Flügelschläge im Pantomimeunterricht nach, später spielte ich es auf der Bühne, bis es langsam und unmerklich ins reale Leben übertagen wurde. Flügel ausbreiten Richtung Europa. Und da ich für Leistungen immer mit Arbeit belohnt wurde, ging es mit 14 wegen ausgezeichneter Leistung am Fremdsprachengymnasium zum Arbeitseinsatz nach Deutschland (Tomaten pflücken!), mit 15 – wieder ausgezeichnet, wieder nach Deutschland (Unkraut ziehen!). Dass die deutsche Landwirtschaft heute so gut gedeiht – alles mein Verdienst!

    Mit 17, als ich zur Schönheitskönigin – Miss Bulgarien 1991 – gekrönt wurde, war ich schon weise genug, um zu wissen, dass mein Europa nur mit Mühe zu erreichen war. Der versprochene Preis in der Höhe von den damaligen 35 000 Lewa war für Ausbildung im europäischen Ausland vorgesehen. Die Schlagzeilen boomten: „Die schwere Krone“, Der schwere Weg nach Europa“, „Die Krone ist mein Weg nach Europa“, bis es die Schönheitskönigin in einem Statement für die Presse endlich nicht klarmachte: „Die Beauty Contests sind nicht unser Weg nach Europa“. Die Krone bekam ich tatsächlichin der Anwesenheit von 4000 Menschen, doch den Preis, der mir den Weg nach Europa ermöglichen sollte, nie. Wendezeit eben! Mein Europa musste noch warten.

    Gleich nach dem Studium vertiefte ich mich in die Lexikographie und trat eine Stelle am Germanistischen Institut in Bulgarien an. In kurzer Zeit häuften sich die Stempel in meinem Reisepass an: bei jedem Grenzpunkt folgte ein neuer. Jeden Kilometer durch Europa musste „gefühlt“ werden. Die 36-stündigen Busfahrten führten mich nach Jena zu einem Forschungsaufenthalt an der Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch, nach Weimar, auf die Jahresversammlung der Goethe-Gesellschaft, nach Leipzig, nach Hannover, nach München… Langsam wurde ich mir dessen bewusst, dass nicht die Sesshaftigkeit, sondern die Rastlosigkeit, die ich wortwörtlich auf der Haut spürte, ein der Menschheit innewohnendes Merkmal ist, wie es Stephen Greenblatt in seinem Cultural Mobility Manifesto[1] beschreibt.

    Die Rastlosigkeit war das, was mich 2003 auch weiter bis nach Wien trieb, wo ich an der Uni Wien die Arbeit an meiner Dissertation begann, mit einem Thema über den Wertewandel in der österreichischen und bulgarischen Gesellschaft am Beispiel des österreichischen Männermagazins WIENER und des bulgarischen Magazins EGOIST. Endlich war ich in Europa angekommen, so dachte ich mir zumindest! Das nächste Jahr kehrte ich wieder nach Wien zurück. Und seitdem – immer wieder! Hunderte Male! Zu kurz für eine life story, würdet Ihr sagen, und zu lang für eine flüchtige Begegnung – eine lebenslange Umarmung halt! Manche nennen es Masochismus, ich – Liebe. Einige fragen mich mit Mitgefühl, warum ich es mir antue, wo ich in Bulgarien angesehen und anerkannt bin, als Autorin und Dozentin, andere schauen mich völlig verständnislos zu. „Weil ich zu mir stehe. Weil ich zu mir stehen muss“, erwidere ich. Weil Heimat mehr als einen geographischen Ort bedeutet, weil ich mir den Luxus erlaube, mich für das Land zu entscheiden, das mich stärker geprägt hat, weil Wien die Möglichkeit freier Selbstbestimmung und freier Wahl multipler Identitäten bietet, weil ich nach meinen Mitmenschen suche, weil ich vom Zustand innerer Emigration in Bulgarien erschöpft bin, weil ich nicht von der Armut im ärmsten EU-Land, sondern vom Gefühl der Hoffnungslosigkeit weg wollte, weil mich meine Neugierde auf die Welt wach hält, weil ich Österreich liebe, weil ich in Wien jeden Fleck kenne, jeden Schatten, den Geruch einer jeden Straße, weil…, weil…

    Weil ich mich nicht abfinden kann. Ich kann mich mit der massenhaften Verschulung der Universitäten in Bulgarien und dem Streichen vieler moderner Disziplinen vom Lehrplan nach schon kurzer Zeit nicht abfinden, mit dem hoffnungslosen Aussterben des freien Intellektuellen auf Kosten von Engstirnigkeit, Ideenarmut und maximal beschnittenen Lehrplänen, mit dem Fehlen an kreativen Ideen, innovativen Herangehensweisen und einem Denken weg vom Klischee. Und wer sich nicht abfinden kann, muss den Schmerz doppelt tragen – einmal für sich, und einmal für die Welt.

    2018 durfte ich nach 150 fleißig geschriebenen Bewerbungen (Glückszahl!) meinen ersten Job in Wien antreten – Abhalten von Integrationskursen. Ein Gender & Diversity Zertifikat war die Voraussetzung, auch wenn ich selbst vor 12 Jahren das Curriculum für das Modul Interkulturelle Kommunikation an der Universität in Bulgarien konzipiert und Workshops an EU-Universitäten angeboten hatte. Dazu musste ich eine Deutschprüfung ablegen, um nachzuweisen, dass ich die notwendigen Deutschkenntnisse hatte, trotz Anerkennung aller meiner Bildungsabschlüsse. Inzwischen konnte ich mir eine kleine Wohnung im 18. Bezirk leisten und somit meinem jahrelangen Nomadentum ein Ende setzen, nachdem ich schon 2003/04 in Studentenheimen im 7., 8. und 19. Bezirk gewohnt hatte, und die Jahre danach vorübergehend bei Freunden im 6., 3., 16., 17., 18., 20., in Hostels und sogar notfalls im Studentenheim bei meiner Tochter. Mit Staunen beobachtete ich mich, die Heldin in meiner persönlichen Lebensgeschichte, und fragte mich, wie weit ich noch über die eigenen Grenzen hinweg gehen konnte. Die Überwindung von Grenzen – den tatsächlichen, realen, geographischen und jenen, im Kopf – schien bald ein großes Lebensthema zu werden. Ich stand da offen, verletzlich, im Mittelpunkt meines Experimentes, bereit alles anzunehmen, was mein Europa für mich bereithielt. Nebenbei arbeitete ich an einer internationalen Schule als Vertretung, abends gab ich Nachhilfeunterricht.

    Ende 2019 winkte mir mein Europa wieder zu und ich erwies mich von Neuem in Wien. Meine Kolleginnen am alten Arbeitsplatz, die schon einiges von mir in der österreichischen Presse gelesen hatten, etwa meine Theaterkritiken, sahen mich verwundert an und meinten, dass ich, mit all dem, was ich an Qualifikationen hatte, woanders hingehörte. Daraufhin lächelte ich sie nur kurz an. Das Leben hatte mir eindeutig gezeigt, welchen Wert und welche Äquivalenz meine Ausbildung und meine Frau Dr. Stelle in Österreich hatten, und das war auch gut so. Ich wollte ja halt mit dem Leben ins Reine kommen, und nicht mir etwas vormachen. Also sah ich meine Chance nach wie vor darin, wie ein Troubadour von Deutschkurs zu Deutschkurs zu wechseln, um herauszufinden, wie weit der Integrationsprozess in Österreich vorangeschritten war!

    Fest entschlossen, von Wolke sieben abzusteigen und mich an die Anforderungen der Realität anzupassen, so wie sie war, erwarb ich 2020 eine ÖIF-PrüferInnenlizenz. Der Zugang zu den Hochschulen schien mir verschlossen zu bleiben, die Kompetenzen, die ich hatte, wurden übersehen, wie bei den meisten Geisteswissenschaftlern, und selbst das Bildungsministerium hatte keine eindeutige Antwort darauf, ob ich zumindest an staatlichen Schulen in Österreich arbeiten durfte. Doch mein Hirn und insbesondere das, was in der rechten Hirnhälfte angesiedelt war, setzten sich zur Wehr und flüsterten mir zu: „Etwas stimmt von Grund auf nicht mit deinem Europa, Neli, hörst du das?“ War ich im falschen Europa gelandet? Nicht in jenem, von dem ich meinen Studierenden in Bulgarien an der Uni berichtet hatte? „In jenem Europa“, so erzählte ich ihnen, „wird die Persönlichkeit nach ihrem Können und Wissen eingeschätzt, das ist Europa der Mutigen und Fähigen, in dem jeder/jede die Chance freier Selbstbestimmung und freier Wahl multipler Identitäten hat.“

    Am sonst wolkenlosen europäischen Himmel schleicht sich jedoch ab und zu ein dunkler Schatten hindurch, und dann meldet sich mein Gerechtigkeitssinn zu Wort, dann bin ich ein paar Sekunden lang echt unaufhaltsam! Warum ist mein Wien so hart zu mir? Warum ist es so schwer, in Europa als Südosteuropäerin Fuß zu fassen, trotz guter Qualifikationen und Anerkennung in der Heimat? Ist das immer noch mein Europa oder „Europa der Anderen“? Und wenn es auch mein Europa ist, warum muss ich in Wien immer tief unter der Null anfangen, nicht mal bei der Null, wenn es gleichen Start für alle geben sollte? Bedeutet die Freizügigkeit in Europa gleich Freiheit? Und was muss ich noch tun, um diesem Europa zu beweisen, dass ich es wert bin? Dass es mich gibt?

    Für solche Überlegungen habe ich aber eh nur selten Zeit, denn meine Gedanken sind mit meinem Wien beschäftigt. Viel Wichtigeres steht an: Ich muss gehen, weitergehen auf meinem Weg nach Europa! Mein Europa wartet auf mich.

    Dr.in Neli Peycheva

    ist im Bereich der Germanistik, der Interkulturellen Kommunikation und der Lexikographie tätig.

    Auf die Welt blickt Sie mit Hoffnung.

    Persönliche Webseite: www.nelisworld.com


    [1] Vgl. Cultural Mobility: A Manifesto (Englisch) Taschenbuch: https://www.amazon.de/Cultural-Mobility-Manifesto-Stephen-Greenblatt/dp/0521682207


  • ZOOM Reality

    ZOOM Reality

    Heute führten mich meine Gedanken in das ferne 1998 und die Jahre danach zurück… Vor meinen Augen verliefen wie im Kino all die Stempel in meinem alten Pass, die die Ein- und Ausreise an jedem Grenzübergangspunkt dokumentiert hatten, damals, als man immer noch nicht „frei“ reisen konnte – so rund 160 an der Zahl. Die langen 35-stündigen Busfahrten nach Deutschland, die Zugreise von Bulgarien bis nach Wien und von Wien bis nach Jena, die Busreise über Wien bis nach Oradea, jeden gefühlten Kilometer hatte ich damals gezählt.

    Dass sich das Ganze mal wiederholt, das wäre mir allerdings nie durch den Kopf gelaufen, mir, die so gerne alleine reist, um völlig ungestört in der Rolle des Betrachters die Welt beobachten und wahrnehmen zu können. Nie hätte ich auch gedacht, dass aus meinem Ich ein virtuelles Bild wird, ein ZOOM-Ich, das tagtäglich vom Bildschirm auf mich blicken würde. Musste heute mit einer sehr wissbegierigen jungen Dame scherzen, dass wir wohl in Verbindung bleiben würden, auch wenn man uns in die Wüste oder an den Rand der Welt schicken würde. Nur auch das habe ich mir nicht ganz so vorgestellt.

    Nur wer die Unfreiheit kennt, kann sie aufgeben, und umgekehrt – um Scott M. Peck zu paraphrasieren. Es tut allerdings nicht weniger weh. Eure Neli P

  • Gedanken

    Gedanken

    Diese Gedanken –
    umherirrende Ritter, Don Quijote-Gestalten,
    Landstreicher, Schicksalsfeen,
    Gedanken, die fordern, bitten und flehen,
    Gedanken aufgeblasene, eitle und wichtige,
    galoppierende, kleinliche, nichtige,
    Gedanken gemäßigte, langsame, schnelle,
    Gedanken freudige, weiße und helle,
    Gedanken-Dichter – beflügelte, reine,
    Gedanken-Peitschen – quälende, kleine,
    blöde Gedanken, kluge Gedanken
    lasse ich los – es reicht! -, um zu tanken
    neue. Und diese lass ich daneben –
    zwischen den Seiten des Buches aufleben,
    in einem versehentlichen Kurzfilm entstehen,
    als blasse Erinnerung kommen und gehen.
    Denn jene Gedanken – durchsichtige, leichte,
    aus Löwenzahnröckchen, Gedanken wie Beichte,
    Gedanken, absteigend auf frostigen Wegen,
    die nebligen schweren Gedanken wegfegend –
    erwarte ich, um euch eine Handvoll Schnee,
    gesponnen aus Schneegarn tanzende Feen
    schicken zu können, jetzt, in der Stille.
    Eine Handvoll Hoffnung. Eine Handvoll Wille.
  • Ich erkläre es Euch

    Ich erkläre es Euch

    Ihr fragt Euch, warum ich so gut aussehe und dieses unbeschreibliche Glück ausstrahle?

    Ich erkläre es Euch.

    Jeder Tag beginnt für mich mit dem Sonnengruß, gefolgt von aufrichtiger Danksagung an die bulgarische Regierung. Gleich danach, in stillem Rückzug (still, weil da nicht viel zu sagen übrig bleibt), widme ich mich devoter einstündiger Meditation. Dies lässt mich denken, dass ich mir völlig genug bin, so, wie ich ganz alleine dasitze, unabhängig davon, was in der äußeren Welt los ist. Daraufhin wende ich mich immer an die Sterne, lausche im Wind hinein und kriege eindeutige Antworten für meine Zukunft, weil ich ja die richtigen Fragen gestellt habe. Gegen Mittag bekomme ich regelmäßig je ein Video von Euch mit einem allwissenden Weisen darauf. Mein Tag ist gerettet! Dankeschön, das stärkt meinen Glauben an das Gute immens und macht mir deutlich, wie wenig ich, die Arme, weiß! Nachmittags lege ich die Tarotkarten und da entscheiden die Göttinnen für mich (ein Geheimnis: alle Karten sind streng geprüft, sonst hätte ich sie nicht gekauft! Kein Tod, keine Rache und keine Schicksalsschläge! Garantiert!) Abends schalte ich nie den Fernseher ein, sonst wäre die ganze Mühe umsonst!

    Doch manchmal erwischen mich manche Nachrichten früh morgens und bringen mich aus meiner Nirwana-ähnlichen Balance, wie etwa diese, dass Flüge vom Balkan nach Wien untersagt werden. Da werde ich blitzschnell in die Realität zurückgeholt. Wer hätte daran gedacht, dass ich nun einen Tunnel graben muss.

  • Mein Sommer mit den duftenden Linden im Juni

    Mein Sommer mit den duftenden Linden im Juni

    
    
    Mein Sommer mit den duftenden Linden im Juni,
    mein Sommer bleibt auf der Strecke.
    Der Sommer, geboren aus Sonne und Dünen,
    scheint krank sein Gesicht zu verstecken.
    Er zaudert unsicher, hinkt hinterher,
    folgend dem Mai auf den Fersen,
    er solle, wie April meint, nun umso mehr,
    Ärzte aufsuchen diverse.
    Den Sternen zu lauschen, ein anderer sagt,
    wäre nun äußerst notwendig.
    Psychotherapie – wenn er das mag –
    mache ihn herrlich lebendig!
    Zum Kardiologen schickt ihn ein Weiser.
    Er solle sich am Tarot versuchen!
    Den Sonnenaufgang begrüßen und leise
    in Demut ein Aschram besuchen!
    Ein Dritter verschreibt ihm ein Bad in dem Bach,
    drei Kreise um sich soll er drehen –
    bewusst, konzentriert, erleuchtet und wach –,
    falls Katze ihm über den Weg geht.
    Ein indischer Guru wäre ganz fein!
    Zitieren, vergöttern, anbeten!
    Ohne Guru wärest du nichtig und klein,
    verschieden – das kann man ja wetten!
    Ob diese Welt nun die Wahrheit begreift
    und still wird vorm Antlitz des Regens?
    Damit auch mein Sommer den Milchweg erreicht,
    spinnend aus dem Vogelgarn Segen?
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
  • Wie Facebook zu einem Porno wurde

    Wie Facebook zu einem Porno wurde

    Am Tag Y der Krise wurde Facebook zu einem billigen Amateuren-Porno, wo jeder sein bestes versuchte. Man schlug Purzelbäume, machte Spagat und entblößte sich, so gut man eben konnte. Manche waren neu in der Branche und versuchten innovativ zu sein, andere taten das, was sie immer getan hatten und blieben in sicheren Gewässern.

    Das, mit der Nacktheit der Körper, war erstaunlich einfach, back to the roots! Am Grad der Nacktheit konnte man fehlerlos jeden wie ein Mind Map ablesen. Die innere Unsicherheit, dass man in Vergessenheit gerät, wenn man nicht täglich, stündlich an sich und seine Qualitäten erinnert, schlug Alarm.

    Porno stand jedenfalls hoch im Kurs, boomte und wurde zu einem Existenzwert erhoben. Der Appell war eindeutig: um überhaupt irgendeinen Wert zu erlangen, musste man zur Pornoindustrie! Alle ausnahmsweise! Kein Weg führte umhin. Beim näheren Hinblicken stellte man allerdings fest, dass sich nichts geändert hatte: rückblickend sah man, dass es immer noch dieselben Rollen waren, die jeder schon gespielt hatte, nur der Geist blieb stecken, daher mussten Körper den offensichtlichen Mangel ausloten, und sich gerade in der Pornobranche ganz neu zu versuchen, war zu riskant. Manche zeigten also Bein, andere Arsch oder Maul, dritte zeigten eh alles, wirklich alles, was sie zu zeigen hatten, und nur wenige zeigten Charakter. Egal, ob das Spiel mittelmäßig war oder ganz unter dem Gefrierpunkt lag: jeder wartete auf seinen Applaus.

    Und wenn die Rollen vertauscht worden waren? Und wenn man versucht hätte, die Rollen, die jeder zu verdienen glaubte, zu tauschen? Hätten die neuen nicht besser gepasst? Der sonst aufgeschlossene Pornosektor zeigte sich dagegen verschlossen, ging bewährte Wege und setzte auf Nummer Sicher. Na gut, dann sollte jeder das spielen, was er schon immer gespielt hat! Die Pornobranche ist nachsichtig, stellt keine hohen Ansprüche und ist nach wie vor allen offen. Ich gehe nun meinen roten Fishnetbody anziehen und bereite mich für die Dreharbeiten vor. Wir sehen uns demnächst in der 3D-Production „Mercy in red 1“. Folgt mir! Folgt mir leidenschaftlich! Mit Mittelmäßigkeit kann ich mich nicht begnügen! Euer Star Neli P

  • Kreide

    Kreide

    Der Kreide-Tag
    rollt auf den Sonnenuntergang zu,
    Kreide-Gedanken verziehen sich im Dunkel,
    Kreide-Menschen setzen Kreide-Schritte,
    malen einen Kreide-Morgen und warten.
    Kreide-Blicke kreuzen sich von Neuem,
    die Kreide in den Augen fängt an zu brennen.
    Die Worte aus Kreide verfliegen,
    ohne eine Spur zu hinterlassen,
    Richtung fabulierte Bahnhöfe.
    Ein erster Regentropfen, ein zweiter…
    Aus Kreide war auch diese Rolle.
    Ich warte auf Regen, Sturm und Donner-Nächte
    und bitte um ein paar Tropfen Tinte.
    Mit Tinte, bitte!
  • Die Zeit erkrankte

    Die Zeit erkrankte

    Die Zeit erkrankte. Ich stelle die Frage:
    Gibt es noch Zeit, um etwas zu wagen?
    Ist da noch Zeit, um aus dem Steigbügel
    aller Täuschungen auszusteigen? Alle Flügel
    zusammenlegen und zu probieren
    sich selbst zu sein? Echt sein? Sich zu riskieren?
    Gibt es noch Zeit oder diese Zeit rennt?
    Gefühle, Gedanken und Menschen verbrennt?
    Ist es an der Zeit all die Gedanken,
    schwarze, zitternde Gedanken ins Wanken
    dringend sofort zu reanimieren?
    Sich selbst zu finden? Sich zu verlieren?
    Kann man Gedanken mit Schere zuschneiden?
    Mit Kerze verbrennen? Gedanken vermeiden?
    Und aus Papier weiß und durchsichtig
    neue Geschichte, echter und wichtig
    ganz neu gestalten: mit einer Handvoll Lügen?
    Mit mehr Wahrheit? Mit zwei, drei Betrügen?
    Damit uns Zeit bleibt. Zeit vor dem Ende.
    Echtzeit für zwei. Für zwei Verblendete.