Kategorie: Das Ich

  • Am I a good person?

    Am I a good person?

    „Am I a good person?”

    No, it’s not about what morality experts say about the ways they try to find out what kind of traits, behaviors or manners should round up the image of someone, defined as „a good person”. It’s not about the retrospective we make at the end of each year: „Did I achieve my goals?” „Did I live wisely?”

    I’m thinking of all the young people I met till now and  – of “the line game”! Do you know it? It’s called like that according to the scene in the film „Freedom Writers”, where Hillary Swank (who plays the role of the teacher Erin Gruwell) asks her students to stand on, facing each other, from the both sides of an imaginary line (https://www.youtube.com/watch?v=eYYf-mUmPqI ). After that they are being asked questions. If the answer is „Yes, I do”, they have to step onto the line and then backward again, if it doesn’t apply to them, they just remain on their places. The game I usually play at the beginning of the Intercultural training or when we discuss about Ethnocentrism in order to point out the similarities between the students and create an „in-groop-sense”.

    I’ve played „the line game” a lot of times as a part of my intercultural training with young people who studied at universities throughout Europe. Besides some questions like „Do you like music? “, „Are you curious of the world?”, and then „Do you want to change the world you live in in a way?”, “Is friendship important to you?” etc. I ask them also „Do you think, you are a good person?” It’s one of my favorite ones as it’s one of the unexpected – when you hear it, it strikes you in such a way, that you don’t have any other choice but to be honest to yourself.

    Can you imagine, 30% of all my students remain by that question on their places: They hesitate to call themselves „ a good person”. Very sad to me to watch it! Is it a lack of self-esteem? A bad experience during the childhood? A word, dropped by the way by a parent? I can only guess. My purpose has always been to show them how beautiful and valuable they are – just the way they are. Beautiful and good.

  • Familienname – noch immer ich oder nicht ich?

    Familienname – noch immer ich oder nicht ich?

    Mein Ne.

    “Halten”, Erich Fried ❤️

    Fried, geboren am Georgstag. Habe mich beim Gedanken erwischt, inwiefern der Familienname unsere Identität prägen kann im Vergleich zum Vornamen. Fried. Frieden.

    Mein Vorname fängt mit Ne- an, mein Familienname Nenova (vom Großvater geerbt), wieder mit Ne-, was ein Nein auf Bulgarisch bedeutet. „Nein!“ „Nein?“ zu was? :-)) Das frage ich mich!

    Es gab ja Zeiten, als ich vehement darauf bestand, meinen Geburtsnamen Nenova zurückzuholen – aus Protest gegen das Fremde um mich herum und natürlich als Akt des Selbstschutzes und der Selbstliebe- eine Identitätsfrage nämlich. Von außen her betrachtet eine skurrile Aktion! Alle beobachteten mich perplex, stupsten mich mit dem Ellenbogen, um zu prüfen, ob es mich noch immer gab oder ein Geist namens Neli herumschwebte. Die Wahrnehmung ist allerdings individuell, und ich – aus meiner Individualität heraus – wollte unbedingt noch ein „Nein-“ als Anfangsbuchstaben im Familiennamen haben – eben meinen eigentlichen Namen Nenova. Anwälte versuchten mir zu erklären, es sei eine Identitätsfrage, so einfach hätte ich meine Identität nicht aufgeben bzw. wechseln können! Na, eben! Deswegen wollte ich MEINE zurück. Nur wir sprachen unterschiedliche Sprachen, und am Ende stand ich vor der Unmöglichkeit, meine eigene echte Identität zurückzuholen. Verkehrte Welt. Diese offensichtliche Ungerechtigkeit konnte ich nur schwer hinunterschlucken.

    Glaubt niemals anderen, was falsch und recht ist über Euch. Ihr seid es, nur Ihr, mit Eurer Individualität und Wahrnehmung, die über Euch selbst urteilen könnt. Kein Anwalt der Welt. Ich sage „Ne!“ („Nein!“) zur fremden Einmischung in Fragen der eigenen Identitätsfindung. Mein Ne.

  • Ich will nicht

    Ich will nicht

    Ich will nicht sehen,
    
    ich will nicht hören, glauben, verachten,
    
    ich will nicht erfunden sein
    
    und auf die Schnelle mit schwarzer Tinte umgerissen sein
    auf altem, hier und da verbranntem Papier.
    
    Ich radiere alles aus, was du da über mich gekritzelt hast:
    
    Auf einem Weg ohne Richtung,
    
    in einer Zeit ohne Zeitmessung,
    
    in einem Drehbuch ohne Text,
    
    in einem Theaterstück ohne Namen,
    
    in einem abgedroschenen Sujet – ohne Rollen, ohne Reime.
    
    Ich halte meine Ohren mit den Händen zu,
    
    decke meine Augen mit einer Eichelhäherfeder.
    
    Ich will nicht glauben, dass es keine Vorzeichen gab
    und dass es keine Vergeltung gibt.
    
    Ich will nicht denken.
    
    Ich will nicht diese sein,
    die zum gelben Papier und der schwarzen Tinte passen würde.
    
    Ich will es nicht.
  • Wenn…

    Wenn…

    Wenn
    Trauer, Verzweiflung, Leiden und Freude,
    Lachen und Schmerz unterm Himmelsgewölbe,
    wenn das Herumschleppen fremder Geschichten,
    Schritte, auf fremde Wege gerichtet,
    Träume und Rauch, Wut, Illusionen,
    Tränen vor Freude, Lachen, auch ohne
    Glück zu empfinden, um Schmerz zu verdecken –
    um das nie Endende gut zu verstecken –,
    deine Geschichte scheinen zu prägen,
    halte mal inne, sei mal verwegen!
    Denn
    jede Geschichte mit Anfang und Ende,
    glänzend zunächst, wird bald ausgeblendet,
    bis sie völlig zerbröckelt verschwindet,
    bis eine neue ihren Weg findet.
    Endlos bleibt nur das Hoffnungsgewebe,
    solang‘ ich aus dem Vogelgarn spinne und webe.
  • Ich kann nicht mehr warten

    Ich kann nicht mehr warten

    Ich kann nicht mehr warten. Nein. Ich kann es nicht.
    Ich kann nicht unendlich vernünftig, überlegend, zahm sein –
    ich kann nicht diejenige sein,
    die den Winter langsamen Schrittes messen würde,
    die verträumt, in einem langsamen cadence warten würde,
    dass der längste mit Zähnen klappernde Winter mit einem révérence
    den fernsten Frühling um einen Rollenwechsel leise flehen würde.
    Ich kann nicht warten. Ich kann es nicht, ich gebe es zu.
    Will ich so viel? Weiß ich nicht. Ich spüre es,
    wenn der letzte Tropfen Geduld mit einem gewaltigen Donner
    in ein Meer aus Gefühlen hinüberfließt.
    Also, losziehen!

    Ich ziehe meine treuen roten, schon ein wenig abgetragenen, dazu aber bewährten Ballerinas „für Welt“ an und ich ziehe los! Auf bald!

    In einem neuen Theaterstück und in einer Frühlingsrolle!

    Eure Neli P
  • „Sie sind die Beste!“

    „Sie sind die Beste!“

    Was mit mir los ist? Keine Ahnung. Ich weiß es einfach nicht. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich nichts weiß.

    Es war auf einmal ein gewisses Etwas da, das ich nicht mal in Worte fassen oder in einen festen Rahmen setzen konnte, denn wenn man Worte handhaben soll, dann tue ich es jedenfalls sehr, sehr behutsam, als ob Worte zerbrechlich wären, Kleinkinder, ein echter Schatz – was sie ohnehin sind, angenommen, man rückt sie ganz schön „behutsam“ in den Vordergrund.

    Es ist irgendwann also so passiert – bei mir passiert nie etwas nach Plan! –, dass es anfing, mir schlecht zu werden. Nach jeder Floskel, jedem Klischee, jeder Denkerstarrung, jedem Treffen mit künstlich erschaffenen – und sonst schon längst toten – Figuren, nach jedem etwas zur Seite schauenden Blick… Und dieses Schlechtwerden sog mich in einen kalten Wasserwirbel hinein und zog mich immer tiefer und tiefer Richtung sandigen Bodens. Verdammt, bin ich älter geworden? So alt, dass ich die Falschheit in der Welt nicht mehr dulden konnte?

    Es gab da etwas, was mich besonders stark anekelte, wenn ich es hörte: „Sie sind die Beste!“ Eine Phrase, die ja so einen vermeintlichen Sinn zu haben scheint, ob ihren allumfassenden, sich kreuz und quer zwischen dem Süd- und Nordpol hinausstreckenden, so angenehmen und durchaus bequemen Einsatzes in allen Lebenslagen, zu allerlei Anlässen und die dazu noch den Eindruck hinterlässt, da braucht man gar nichts mehr hinzuzufügen. Somit ersparte sich der rein pragmatisch veranlagte Anwender kostspielige Zeit und jedes weitere Gerede. Was sich danach entpuppte, war glitschiger Boden, auf dem hohle Worte, eines nach dem anderen, hinunterrutschten. Nach jeder Multiplizierung der Verwendung blieb ein immer faderes Nichts. Wie eine Wachsfigur schmolz die Beste nach jedem „Sie sind die Beste!“ noch ein wenig dahin… Ein Ausdruck ohne Charakter und Tiefe schickte so jedes Mal die – vermeintlich – Beste (denn in einer Welt, in der man sich Klischees bedient, ist ja аuch die Beste nicht geschont und wird selbst zum Klischee) – auf den Scheiterhaufen. Eine namenlose Beste. Dies, angesichts der Tatsache, dass der deutschen Sprache so etwa 500 000 Wörter zum freien Gebrauch stehen, laut der Duden, darunter Horden von Eigenschaftswörtern, die sich vor Wut in die Lippen beißen würden, da sie zum wievielten Mal zwischen den Seiten des Wörterbuchs zum Verschimmeln verurteilt werden. Simplifizierung auf allen Ebenen findet statt.

    Vielleicht bessert sich mein Zustand in Zukunft auf, wer weiß, es ist nicht ausgeschlossen anzufangen bei „Sie sind die Beste!“ so zu reagieren, als ob man zu mir „Salz“, „Serviette“ oder „Tür“ sagen würde, dann wäre es auch mit meiner Übelkeit vorbei. Drückt mir bitte jedenfalls die Daumen! Zumindest die Zukunft steht noch in den Sternen!

  • Und wenn man irgendwann…

    Und wenn man irgendwann…

    Und wenn man irgendwann doch den Schlussstrich zieht –
    links zur Hölle, rechts zum Eden –,
    bleibe ich dastehen, inmitten der blauen Himmelsarena,
    um meine irdische Rolle abzuwägen,
    die ich nach eigenem Willen, aus freien Stücken spiele.
    Schwarz und Weiß gehen darin ineinander,
    wie kann ich nur Schwarz von Weiß trennen?
    Ich werde nicht an irgendein Tor klopfen oder um Gnade bitten.
    Vor mir knallen die Tore zum Eden und zur Hölle zu,
    und dann bleibt mir die einzige Hoffnung,
    dass ich über den Regenbogen gehe –
    schwarz und weiß, gelb und blau –
    wütend und zahm, Heilige und Sünderin zugleich,
    gehe ich diesen Weg, bis ich meine Vögel treffe.
  • Warum ich kein Weihnachtsgeschenk will

    Warum ich kein Weihnachtsgeschenk will

    Als sie vor 22 Jahren kurz nach Christi auf die Welt kam, wollte es wohl keiner glauben. Erst im Januar sollte sie die Welt erblicken, und alle ausnahmsweise waren es sich einig, dass es noch ein Junge sein werde. Die Tage danach hatten wir viel Zeit füreinander – sie und ich –, da es nicht mal dem Vater erlaubt wurde, das eigene Kind zu sehen. Regeln.

    Sie hatte es eilig. Ich hatte es eilig. Mädchen müssen es eilig haben, dachte ich mir. Immer allen voran sein, immer schneller rennen, besser vorbereitet sein, um eine Chance im Leben zu haben, in dem immer Jungs die privilegierten waren.

    An ihrem ersten Geburtstag hatte sie schon die wesentlichste Lektion gelernt: nie runterfallen, wenn schon, dann schnell sich wieder aufrichten und weitermachen. Sie stand mit beiden Füßen im eisigen Schnee fest, mit ihren ersten kastanienbraunen Winterschuhen an, ohne dass sie ein einziges Mal runterfiel. Stand fest am Boden.

    Mit 5 wurde sie eingeschult, mit 17 startete sie das Studium an der TU Wien. Spätestens dann hörte ich mit meinem Wahn auf. Ich hörte auf einmal auf und entschuldigte mich bei ihr für alle „Noch einmal!“, „Von neuem!“, „Sei fehlerlos!“, „Sei immer schneller!“. Ein unbekannter Fremder, genannt Leben, hatte mir die Zeit mit ihr gestohlen. Alles Versprochene und nicht Erfüllte war unwiederbringlich verloren und konnte nicht mehr nachgeholt werden.

    Gestern Abend fiel mir da plötzlich ein (ob es an meinen schlechten Mathefähigkeiten lag, am Irisch Whisky oder an was anderem?), dass es gar nicht schlecht wäre, wenn ihr Bruder den Gang seines Lebens etwas verlangsamen könnte, sodass die beiden sich in einem und demselben Lebensjahr ihrer Leben kurz mal treffen. Eine schöne Vorstellung: Bruder wartet auf seine Schwester, damit sie sich auf gleicher Augenhöhe auf der Lebenslinie mal begegnen können. Das wäre eine Begegnung!

    Hätte ich auch nicht wissen können, dass die Zeit von vor 2 Jahren, als ich 2 Monate im Studentenheim bei ihr verbringen musste, da sie mit Krücken herumlaufen musste, die schönste der letzten paar Jahre sein wird. Es ist die bedingungslose Aufrichtigkeit, die Menschen miteinander verbindet. Und wenn ich ihr sage, ich vermisse sie, dann vermisse ich sie, und wenn ich ihr immer wieder wiederhole, dass ich sie liebe, liebe ich sie, und wenn ich ihr ab und zu zeige, ich hätte sie gern in meiner Nähe, dann hätte ich sie gerne bei mir. Sie weiß, dass es echt ist, und ich ebenso.

    Seid mir bitte also nicht böse, wenn ich alle Geschenke ablehne, viel zu viel habe ich von allem. Da braucht man kein Verständnis, nur Akzeptanz von dem, was ist. Das schönste Geschenk habe ich schon vor 22 Jahren bekommen. Etwas Schöneres kann ich mir nicht wünschen.

  • Weiß

    Weiß

    Weiße Räume üben eine ziemlich merkwürdige magnetisierende Wirkung auf mich aus. Wenn ich einen weißen Raum betrete, werde ich blind, die Weißheit des nichtssagenden, sinn- und emotionsentleerten, das Ich widerspiegelnden Weiß lädt zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst ein.  Dieses mich reflektierende Weiß blendet mich dermaßen ein, dass es mir – zwischen Weiß und Weiß gefangengenommen – unmöglich erscheint, dieser Falle entkommen zu können, ohne vorher eine Beichte abgelegt zu haben. Ein Blick im Spiegel, Ich gegen Ich. In die Stille hineinhorchen, um nachzuspüren, was da ist oder was eben nicht. Das, was gerade „nicht da ist“, ich allerdings viel intensiver wahrzunehmen. Heute jedenfalls!

    Also, was ist nicht da?

    Kein Make-Up, keine Rolex am Handgelenk, keine schimmernde Goldkette um den Hals, keine high heals, kein einziges Swarovski Steinchen, kein Sonnenbrand, nicht mal ein Piercing oder ein winzig kleines Tattoo – einfach so, zum Anheben des Selbstwerts, so nebenbei! Nichts.

    Weiße Räume machen mir Einiges zu schaffen, und vor allem – Sorgen! Diesmal – Sorgen um mich.

    Wie geht es so weiter mit dir, Neli?

    Ohne Statussymbole ist man nämlich eine weiße Wand. Wie geht es nun also so weiter mit mir? Ohne irgendwelche Attribute, die mir Halt und Orientierungsbasis im Leben geben, wo ich hingehöre und wo nicht? Ausschließlich aufgrund dessen, was ich bin? Ach, Bullshit! Es gibt so Vieles, so unglaublich Vieles an mir auszubauen, Leute!

  • Die Psychologin

    Die Psychologin

    Und so bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich mir nichts, wirklich nichts mehr wünschte. Andersrum: es war auch nichts mehr so, wie erwünscht. Weder Beförderung, noch die schon 20 Jahre alte Hoffnung auf Gehaltserhöhung, noch der Gedanke an glänzende Auftritte vor interessiertem Publikum konnten mich nun mehr begeistern. Nicht mal jener teure Gürtel von Cucinelli ließ mein Herz aufflammen, verdammt! Und schon die Vorstellung wissenschaftlicher Betätigung widerte mich an, ja, mich, wo ich sonst so gerne schreibe.

    War ich älter geworden? Noch schlimmer: eine Reisende auf dem Weg zum Endgültigen ins Jenseits? Das etwas gewaltig mit mir nicht stimmte, war doch klar. Außerdem gab es noch einen wichtigen Grund für Sorge, der den faden Beigeschmack einer unklaren Zukunft nur noch zu verstärken schien: mein Lebensbild wies schon ziemlich große, unüberwindbare Unterschiede auf im Vergleich zum Bild meiner Psychologin, das eh das „richtige“ bzw. das „funktionierende“ sein sollte: „So ist halt das Leben, die einfachen Sachen sollten uns Freude bereiten, und nicht die Höhenflüge. Etwa mit Freundinnen fortgehen oder mal wieder in die Hauptstadt fahren, um sich was Schönes zu leisten!“ Es wurde mir schlecht. Einfach übel. Wieso sollte mir Einkaufen Freude machen? Und wozu Sachen kaufen, wenn ich schon meine verschenke und im Klaren bin, dass ich nicht mehr als einen Koffer brauche? Und wieso sollten es immer die einfachen Sachen sein? Und wie konnte sie wissen, was für mich einfach und was komplex war? Sollten die materiellen Dinge mehr Freude bereiten als die immateriellen? Meine Verwirrung war voll und die Diagnose lag eindeutig vor: ich war hoffnungslos krank.

    Dann kam es zu der nächsten Enttäuschung: ich musste feststellen, dass ich gar nicht so gut bin. Weder gut noch brav. Wahrscheinlich war ich noch nie gut oder brav, ich war nichts davon, was man sich von mir erwartete, und alles, was zum Tragen kam, nur einer Vorstellung von dem ähnelte, was ich hätte sein müssen. Die neueste Erkenntnis also, dass meine dunkle Seite am Werk war, führte bald zu einer lawinenartigen Aktion, in der, eine nach der anderen, Schattenseiten meines Charakters – jede dunkler als die andere – zur Schau getragen wurden. Der Trend ins Bodenlose kündigte sich schon beim ersten Treffen mit meiner Psychologin an – vielleicht habe ich auch das Bodenlose immer in mir getragen, weiß ich ja selber nicht mehr –, während dessen ich erklärt hatte, ganz zu Beginn des Gesprächs, dass ich Ratschläge nur von Menschen akzeptiere, die entweder weiser sind als ich oder als Profis auf ihrem Fachgebiet gelten, was sie in einen Schock-ähnlichen Zustand versetzte oder zumindest fühlte es sich auf den ersten Blick so an, als ob ich an einer Filmszene teilnahm: Die Pupillen weiteten sich, ihr Atem geriet ins Stocken und der Wortfluss verstummte. Ich hatte aber, ehrlich gesagt, echt keine Zeit mehr, um sie mit leerem Gerede zu vergeuden und wollte uns beiden kostbare Minuten ersparen. Und was passierte stattdessen? Nicht nur, dass ich krank war, ich machte auch andere krank!

    Was ich ihr dann erzählte, hatte einen noch beeindruckenderen Effekt auf sie, sodass ich irgendwann um ihre Gesundheit echt besorgt war: „Wie kann aber das nur denn sein? Was erzählen Sie mir überhaupt? Wie ist Ihnen überhaupt eingefallen, ohne sichere Einkünfte und einen festen Arbeitsplatz zu haben, das Land zu verlassen?“ Ganz zu meinen Ungunsten hat mich diese unendliche Tirade, wenn sie doch dann irgendwann zu Ende war, zu den verantwortungslosen hysterischen Persönlichkeiten zugeordnet. Na, bravo! Möge Fritz Riemann Erbarmen mit ihr haben und ihr diesen geistigen Ohnmachtsanfall verzeihen!

    Von nun an folgten unsere Treffen immer demselben Sujet: „Entscheiden Sie sich! Sie müssen sich entscheiden! Entscheiden Sie sich, sonst werden Sie krank, schnell!“, klammerte sie gnadenlos an ihren Grundgedanken und hoffte, sich in die Rolle des Baumeisters eingelebt, diesen so tollen Einfall, dass ich mich sofort entscheiden musste, auf den ich in ihren Augen allein wohl nie gekommen wäre, mit dem Mörtelbrett bald in meinem Bewusstsein betonieren zu können. „Glauben Sie, ich wäre zu Ihnen gekommen, wenn das so leicht wäre???“, schrie ich ihr daraufhin ins Gesicht.

    Da ich offenbar eine harte Nuss war, schien unsere Therapie keinen einzigen Schritt nach vorne zu verzeichnen. Alles umsonst. Keine Auflösung. Ich fühlte mich definitiv nicht gestärkt, aber auch sie schien immer schwächer zu werden. Bis auf den Tag, als ich plötzlich eine andere Antwort für sie hatte: „Ok, nehmen wir an, dass ich mich für die vernünftige Variante entscheide, da möchte ich Sie gerne sehen, ja, SIE, ob sie auf der ganzen Welt jem. finden würden, der fähig wäre, einen Menschen zu therapieren, der seinen Traum aufgegeben hat! Das möchte ich gerne sehen!“ Diese Antwort traf sie völlig unvorbereitet. Eine Weile lang saßen wir da noch schweigend und zum ersten Mal gleichgestellt: ich wusste nicht mehr weiter und sie wusste nicht mehr weiter. Zum ersten Mal waren die Kräfte im Gleichgewicht und ich konnte mich ohne keinerlei Gewissensbisse von ihr verabschieden.