Ich stolpere über die Worte,
richte mich auf.
Aufs Zerbrochene setze ich ein neues
und gleite weiter, sacht,
bis aus den Worten ein Gedanke wacht.
Aus den staubigen webe ich einen Schleier,
und dahinter heile die Wunden:
die Vaganten, die Sündigen,
die durchschossenen, im Kampf geretteten,
die Wort-Soldaten, verkettet und stark.
Ich hadere mit euch.
Wer braucht euch denn — sagt's mir.
Ihr Buhlerinnen der Nacht, die weiterleben,
nicht einig, nicht verschworen,
nur scheu, nur wund, so leicht verloren.
Jetzt reicht es. Ich werfe euch hinaus.
Gute Reise. Werdet Wind,
Vögel, Bäume,
werdet Silben, Strophen — schlicht und leise.
Kommt erst morgen. Seid Gäste im Haus.
Klopft nur einmal, ich öffne die Pforte,
lade euch ein, streite nicht weiter.
Ich verbinde euch wieder die offenen Wunden,
euch, Worte als Obdach, aus Fehlern gewunden,
ihr wahren, ihr meinen, ihr menschlichen, warmen —
und nehme euch in die Arme.
Kategorie: Begegnungen
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Ich stolpere über die Worte
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Auf den Spuren des schlechten Wetters
Wenn es regnet, sagt man, weine der Himmel.
Ich liebe diese Tage, die regenstillen, die in sich versunkenen, wenn die Welt — diese sonst so schreiende, schrille, bunte Welt — plötzlich verstummt. Wenn sie erschrickt und sich scheu verbirgt. Wenn die bis vor Kurzem belebten Gassen sich auf einmal leeren. Wenn der Regen sie behutsam reinwäscht. Wenn der Nebel sich langsam in weichen Wollflocken über Hügel und Dächer legt, träge hinabrollt und lautlos im See versinkt. Wenn die Uhren unmerklich stehen bleiben. Wenn man die müde Zeit schwer seufzen hören kann.
Das ist ja eben der stille Segen des schlechten Wetters — man muss nicht hinauf, immer höher hinauf in die Berge, um es zu spüren. Eine genauso innige Begegnung kann auch dort stattfinden, wo es zuvor stumm und unbemerkt zugegen war.
Mir macht das schlechte Wetter keine Angst. Im Gegenteil — es steht auf meiner Seite. Wir reisen schweigend miteinander – unsere seltene Chance, einander ganz allein zu gehören. Der Regen, der unentwegt seine Melodie im Takt mitsingt; die schweren Tropfen, die unaufhörlich aus den Wolken fallen, eine im Wettlauf mit der anderen, zögernd an der Scheibe herabrinnen, ungestüm auf dem Wasser trommeln — wie ein ungebetener Gast, der so sehnlich eingelassen werden möchte.

Ich liebe das schlechte Wetter. Mit einem Mal erinnert man sich daran, wer die Zügel wirklich hält in diesem Leben.
An diesem verregneten Tag, auf den Spuren des schlechten Wetter –
Eure Neli P
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Das Kaffeehaus
Das Geräusch – die eigentliche Musik des Kaffeehauses: fröhlich-rauschendes Gewimmel, das feine Klappern des Geschirrs, unbeschwerte Gespräche, die sich überlagern und wieder verlieren.
Im Eck links von mir drei Freundinnen zwischen fünfundsiebzig und achtzig, die sich – beherzt in die Kamera blickend – fotografieren lassen. Ihnen gegenüber ein Paar, das plötzlich in schallendes Gelächter ausbricht.
Daneben zwei Damen mittleren Alters, in ein ruhiges, beinahe vertrauliches Gespräch vertieft. Mir gegenüber ein älterer Herr, der mit sichtlichem Genuss eine der berühmten Zauner-Schnitten verschlingt.
Rechts von mir eine junge Mutter mit ihrer zweijährigen Prinzessin und einem vierjährigen Prinzen, die Großmutter an ihrer Seite.
Ihnen gegenüber: ganz gewöhnliche Frauen und Männer, die gemütlich die Zeit verstreichen lassen. Ohne Eile. Ohne sich dem Tempo der Großstadt anpassen zu müssen.
Einfach schön.
In der Rolle der Beobachterin:
Eure Neli P
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Magdalena
Es ist nicht nur ihr Name, der etwas fast Religiöses suggeriert. Dass hier, im Salon Magdalena Bari Kunst in ein Heiligtum verwandelt wird und allem, was ihre Hände berühren, Leben eingehaucht wird, ist kein Zufall. Wenn man diesen besonderen Ort betritt, entfernt man sich in Sekundenschnelle von dem regen Treiben draußen und taucht in eine ruhige, lichtdurchflutete Welt ein.

Hier geht es lang zum Salon…
Für mich fühlt sich jeder Besuch im Salon Magdalena Bari wie eine meditative Begegnung mit der Schönheit an. Man ist dort, um die Zeit anzuhalten, den Moment zu genießen, ohne Eile, ganz entspannt im geräumigen, geschmackvoll dekorierten Studio, das sofort die künstlerische Neigung erahnen lässt.
Denn Kunst ereignet sich auch hier, wenn sie sich mit Schere und Kamm in der Hand vor den Spiegel stellt. Was ihre Oma einst sagte, dass sie mit Schere und Kamm in der Hand immer ihr Brot verdienen könnte, hat sich durch die Jahre weiterentwickelt – zu einer Form voller Ästhetik, Sinn und Leidenschaft.

Die Tür ist schon offen…
Vor 13 Jahren hat der Salon seine Türen in der Schulerstraße, gleich hinter dem Stephansdom, geöffnet. Für Magdalena war es ein langer, nicht immer leichter, aber sehr erfüllender Weg, den sie mit der moralischen Unterstützung ihres Partners eingeschlagen hat, der ihr Potenzial schon früh erkannte.

Licht drängt sich durch die Fenster herein.
Schon mit 12 Jahren kam sie mit ihrer Familie aus dem schönen Budapest nach Wien. Seitdem ist diese Stadt ihr Zuhause geworden, und zugleich der Ort, an dem sie ihre Berufung voll ausleben kann. Den Schritt hat sie nie bereut, denn ihr Herz schlägt für Wien und ihre Leidenschaft.

Das Haus in Budapest, in dem Magdalena und ihre Geschwister aufgewachsen sind.
Es ist immer das Neue, Provokante, Mutige, das sie inspiriert. Sie hat sich der Kunst verpflichtet und ist vielseitig interessiert. Jede neue Ausgabe des Impulstanz-Festivals erwartet sie mit Spannung. Sie ist laufend in Museen, auf Ausstellungen oder Konzerten ihrer Lieblingsmusiker, wie Nick Cave, zu sehen. Es ist ein stetiger künstlerischer Energiefluss, der durch sie fließt und in der Kunst ihrer Hände Ausdruck findet.

Hier werden alle Wünsche besprochen und die richtige „Strategie“ angelegt.
Vor meinem Termin bei Magdalena Bari habe ich lange überlegt, welche Blume zu ihr passen würde. Letztlich wählte ich Anemonen, deren Eleganz und Zerbrechlichkeit am besten zu Magdalena passen würden, denke ich. Genauso fein, voller Ästhetik und Licht ist die Kunst, die sie in der Schulerstraße 1-3 in Wien erschafft. Kommt und überzeugt Euch selbst!
Eure Neli P
Wo? In der Schulerstraße 1-3, 1010 Wien
Kontakt: +43 (0) 1 512 11 12
salon@magdalenabari.wien
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Wiener Walzer
Aus dem Alltag einer Lehrerin #1
„…und der Lehrer zeigte seinen Schülern den Walzerschritt…“
„Wisst ihr, was ein Walzer ist?“
„Nein. Was Walzaa?“
„Das ist ein Tanz, Musik! Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei…! Jeder, der in diesem Land lebt, sollte den Walzerschritt beherrschen – den WIENER Walzer. Schaut mal her, es ist wirklich nicht schwer!“ (Und ich zeige ihnen einige Schritte, genau wie der Lehrer in der Geschichte.)
„Waaalzaaaa?“ – Alle Blicke sind auf mich gerichtet, die Verwirrung ist groß. Dann drehe ich meinen Laptop zu ihnen und spiele ein Video vom diesjährigen Wiener Opernball ab.
„Ja, Walzer! Man tanzt ihn zu festlichen Anlässen, wie zum Beispiel auf einem Ball wie diesem!“
„Ball??? Fußball?????“
„Nein! Auf einem echten Tanzball, und der ist nicht rund! Auf einem Ball in einem prächtigen Saal, wie in den Märchen von Prinzessinnen und Palästen, zum Beispiel auf dem Wiener Opernball in der Hofburg! Wenn ihr die Schule beendet, werdet ihr auch auf einen solchen Ball gehen, und ihr werdet tragen…“
„Kleid weiß? Schöne? Wiiiir???“
„Ja, lange weiße Ballkleider für die jungen Damen und einen schwarzen Anzug wie diesen hier für die Herren.“ (Ich deute dabei auf das Video.) „Amjad, hast du einen schwarzen Anzug zu Hause?“
„Anzüüüg? Nein! Ich Anzüg kaufen???“
„Nein, nicht jetzt, mein Lieber. In acht Jahren, wenn du die 12. Klasse abgeschlossen hast. Wie nennt man das nochmal?“
„Anzug!“
„Ja, genau!“
„Und das hier auf dem Bild bin ich auf einem Ball in einem Ballkleid.“ (Ich zeige auf ein Foto auf meinem Handy.)
„Frau Lehrerin, das Sieeeee??? Kleid rot??? Sehr schöööön!!!“
„Ja, da ich schon lange mit der Schule fertig bin, trug ich ein rotes langes Kleid und kein weißes. Wenn du 18 wirst, schenke ich dir mein rotes Ballkleid!“
Plötzlich herrscht Stille, eine ungewöhnliche Stille, ganze drei lange Sekunden. Das Einzige, was ich in der Stille noch wahrnehmen kann, sind die funkelnden Augen. -

Aggregatzustand Klimek
„Ich bin niemand“, sagte ich, „hier kennt mich keiner.“
„Sie sind nicht niemand. Mir kann nicht niemand schreiben.“Manche Legenden bekommen ihren Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood, nach anderen werden Straßen, Parks, Institutionen, gar Schiffe benannt. Das, worum es hier geht und was am besten zu seinem Namensgeber korrespondieren würde, ist allerdings ein Aggregatzustand – weder fest, noch flüssig, noch gasförmig, sondern explosionsartig! – der Aggregatzustand Klimek.
Zumindest so hat er auf mich gewirkt, als ich ihn vor geraumer Zeit nicht woanders, sondern im „Freiraum“ in Wien traf. Kein Zufall, auch der Name des Lokals versinnbildlicht einen Teil dieser unübersehbar vielschichtigen Persönlichkeit. Denn Manfred Klimek braucht seinen Freiraum und würde ihn sehr wohl niemandem, unter keiner Bedingung abtreten – eine der Sachen wegen derer ich ihn mag.
Vor unserem Treffen wurde ich gewarnt: dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt, eventuell könnte ich was hören, was mir nicht so gut gefallen könnte, dass ich im schlimmsten Fall auch „angespuckt“ werden könnte:-)), – etwas, mit unvorhersehbaren Folgen also stand mir bevor, was mich noch neugieriger auf die Begegnung machte. Wovor hätte ich Angst haben können?[1] Vor der Aufrichtigkeit im Austausch mit einem Anderen? Niemals.
Ich ging hinein, und er saß schon da. So, wie ich ihn damals erlebte – ein aufgeregter, lebendiger, explosionsartiger Ball, voller Eindrücke und Emotionen, reich an Geschichten und Erfahrung, vehement die eigene Meinung verteidigend – voller Elan und Begeisterung! –, kann ich ihn nichts anderem gleichsetzen außer einem noch nie zuvor existierenden, mit nichts anderem zu vergleichenden Aggregatzustand – Klimek. Einer der offensten, aufrichtigsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Künstler und Autor. Souveräner Krieger, der sich nicht scheut, die Unantastbarkeit seiner eigenen Meinung zu verteidigen, der sich den Luxus gönnt, sich hinter seine Worte zu stellen – egal, wie die bei den Anderen ankommen. Ich denke eh aber nicht, dass er sich mal in die hohe Kunst der Diplomatie versuchen würde, weil es weder seiner Grundeinstellung noch seinem Lebensziel entsprechen würde. Aufrichtigkeit voll und ganz. Es werden keine Schmeicheleien, keine „weißen“ Lügen erzählt – es ist, wie es ist. Bei ihm weiß man, woran man ist. Wer hätte schon den Mut, seine Wahrheit auszusprechen?

Manfred Klimek in der Kolonie 5. Bild: Neli Peycheva Auf der ihm gewidmeten Ausstellung in der Galerie Kolonie 5 ist er nicht persönlich erschienen. Doch seine explosionsartige Ladung ist in allen Bildern an den Wänden zu spüren. Ich war dort und habe es selbst erlebt. Schon beim Betreten des Raumes wird man von den vielen da anwesenden Geistern überwältigt, ich habe Gänsehaut bekommen – Momentaufnahmen des kaum Fassbaren, des Besonderen. Das Interesse eines Künstlers, habe ich neulich bei Ayn Rand gelesen, gilt der Kunst an sich, nicht den Reaktionen der Anderen, und genau das macht einen zum Künstler, unterscheidet Kunst von der Metaebene, auf der über Kunst gesprochen, aber keine Kunst erschaffen wird. Mit seinem Nicht-Erscheinen hat uns der Künstler vielleicht eben das gezeigt?
Als er nach Berlin endgültig abreiste und sich von Wien Abschied nahm, habe ich es zuerst in der Atmosphäre draußen gespürt – im Aggregatzustand. Es war nicht mehr so verdichtet, wie früher, sondern eher farblos, abgewaschen, öde. Doch ab und zu spürt man – bei seinen kurzen Wien-Besuchen, dass sich doch wieder was tut, und die Luft mit Elektrizität geladen wird. Manfred Klimek eben.
Natürlich weiß ich nun nicht, wie mein Text bei ihm ankommt. Wovor soll ich aber fürchten? Vor der Aufrichtigkeit? Also: Es sind meine Worte und ich stehe dazu – habe es nämlich von ihm gelernt. Außerdem bin ich ja eine Bulgarin!
[1] „Wovor haben Sie Angst? Sie sind doch eine Bulgarin!“ habe ich übrigens erstmals 2018 von einem anderen Manfred – Manfred Rebhandl gehört! Seit dem Moment denke ich intensiv darüber nach! Wort!
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Das Leben ist lebenswert
„Wie alt schätzen Sie mich? Sagen Sie mal!“
„70.“
„Nein! Ich bin 86! Keine Medikamente, keine Therapien, fühle mich topfit.“
So komme ich ins Gespräch mit der Dame, die auf der Bank neben mir vor der Kaiservilla sitzt. Mit ihrem geblümten rosa-hellgrünen Kleid mit Puffärmeln fällt sie sofort ins Auge. Ich mache ihr ein Kompliment. Sie bedankt sich strahlend und nimmt ihre Sonnenbrille ab. Ich hingegen blinzle gegen die Sonne, da ich meine vor ein paar Wochen in Sevilla verloren habe, das macht mir aber nichts aus, ich genieße es.
Dann erzählt sie mir, dass sie auf ihre Familie warte, ist aber als Erste losgegangen, um sich von alldem Vorbereitungsstress vor dem Fortgehen zu schonen. Vor der Kaiservilla in Bad Ischl findet gerade ein Weinfest statt. Alkohol hat sie nie im Leben getrunken. Es wundert sie sehr, wenn sie die jungen Mädels betrachtet, die gar nicht auf die Figur aufpassen, so was wäre für sie unzulässig – woraufhin sie sich aufrichtet und mir ihre Figur vorzeigt. Sie ernährt sich ausschließlich gesund. All die Würsteln, die an den Ständen rund herum angeboten werden und so unwiderstehlich riechen, interessieren sie nicht. Da bin ich am heutigen Abend also nicht allein! Sie trinkt höchstens – so, wie ich – ein Mineralwasser. Und auch wenn sie mal samstags zum Zauner geht, oder unter der Woche, wie gestern, als sie ein wunderschönes Dirndl getragen hat, bestellt sie nichts zum Essen, sie nimmt nur einen Tee. Da ist ja so viel Fett drinnen, in all diesen süßen Versuchungen! Ich erzähle ich von meinem Fasten, wie ich feststellen musste, dass Essen nur eines von vielen ist, die wir „Nahrung“ nennen, viel mehr brauche ich Sonne, Wind, Regen, Luft, Schlaf… Da stimmt sie mir völlig zu.
Uns vereint auch die Liebe für die Schauer Mode, den Designer, von dem ich mir letztes Jahr das Sisi-Dirndl gekauft habe. Dort kauft sie auch regelmäßig ein.
„Beobachten Sie die Männer!“, ruft sie mir zu. Von allen Anwesenden hat sie keinen einzigen Attraktiven gesehen. Nach 30 min kann man zusehen, meint sie, wie sie sich wankelnden Schrittes auf den Weg nach Hause machen, der Bierbauch allem voran. Bei dem Bild muss ich schmunzeln.
Wie denkt sie über die Lederhose? Wenn ein Mann eine gute Figur hat, einen flachen Bauch, muskulösen Körper, gut gestylt und gepflegt ist, und dazu noch ein Messer hinten eingesteckt ist, dann sieht er selbstverständlich auch in einer Lederhose gut aus! Ihre Ansprüche sind hoch, gibt sie zu, und gesteht mir, so nebenbei, dass sie einen Freund hat – wenn sie ihn anruft, kommt er, wenn sie ihn nicht anruft, kommt er nicht. „Ein Mann auf Bestellung!“, lächele ich ihr zu. Schön, nicht?
Dass Männer heutzutage nicht monogam sind, weiß sie ganz gut. Auch ihr Freund trifft andere, jüngere Frauen, wenn er aber zu ihr kommt, gehen beide in die Sauna und er ölt sie ganz schön ein, vom Kopf bis zu Fuß, danach macht er eine Flasche Champagner auf und sie genießen den schönen Ausklang des Abends.
Diskriminierung ist nach wie vor aktuell, ist sie ganz meiner Meinung. Frauen verdienen nach wie vor um die 30% weniger als Männer.
Was will ein Mann? Angebetet werden! Bestätigung für seine Einzigartigkeit! Aber wie geht das, wenn Frauen häuig mehr, viel mehr als Männer leisten und größere Erfolge erzielen?
Ich frage sie, wie das Gefühl ist, hier, an diesem bezaubernden grünen und ruhigen Ort geboren und aufgewachsen zu sein. Wunderschön! Ihr Rezept für Jungsein? Kein Jammern, immer positiv bleiben.
Ob sie vielleicht Angst vor dem Tod hat? Überhaupt keine. Weil sie ein schönes erfülltes Leben hinter sich hat. Irgendwann bleibt das Herz einfach stehen. Was sie sich für die Zukunft wünscht? Bis 90 am Leben zu bleiben. Denn das Leben ist lebenswert.
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Wenn im Raum, genannt Mikrowelt, die Hysterie die Oberhand gewinnt
Morbus Hysteria. Wir haben alle recht
Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble
In Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz. In Kooperation mit Werk X. In Wien noch am Sa. 3. Juni und So. 4. Juni jeweils um 19:30 Uhr im Werk X, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien zu sehen.
Wie in allen bisherigen Aufführungen vom mehrfach preisgekrönten aktionstheater ensemble, das ich seit 2018 begleite, geht es auch bei der Neuinszenierung Morbus Hysteria um einen Paradigmenwechsel. Deutungsversuche, Wichtigtuerei, Belanglosigkeit – Phänomene der Einkapselung in der kleinen eigenen Welt werden witzig-ironisch und pointiert zur Schau gestellt.
„Wir betreten den Raum!
Mit diesen Worten treten Thomas und Kirstin auf die Bühne auf, ihre Schritte sind vorsichtig, ängstlich erforschen ihre Blicke die Umgebung, betasten den Raum, der, wie sich später herausstellt, ihre kleine Mikrowelt, in der jeder befangen ist, symbolisieren soll. Die Farben auf der Bühne sind schwarz-weiß, Schwarz-weiß tragen auch die Darsteller:innen. Die Projektionswänden rund herum spiegeln Bäume wider – Die grünen Wälder Österreichs? Die österreichische Gesellschaft selbst, in der Funktion des teilnahmslosen Zuschauers? -, durch die ein leichter Wind weht; sie umgeben die Bühne, einem Schutzzaun ähnlich, und werden Zeugen von dem, was sich da gerade ereignet.
Typisch österreichisch: Jeder hat den eigenen Rhythmus
Gleich zu Beginn wird das Thema über die interkulturelle Kulturvermittlung und den Deutschunterricht für Migrant:innen eröffnet, und in diesem Zusammenhang auch die Frage gestellt, was man als österreichisch bezeichnen kann. Spielerisch – mit Körperteilen -, meint Kirstin, kann österreichisches Deutsch unterrichtet werden (für Deutschehrer:innen in Albanien), indem man vier Körperteile nacheinander in einen Rap-Rhythmus integriert. Was ist dabei das typisch Österreichische? Dass jeder einen eigenen Rhythmus findet, erklärt Kirstin, und zeigt es vor, das Traurige trifft auf das Komische. Auch die Darsteller:innen haben ihren eigenen Rhythmus – jeder/jede nimmt sich unglaublich wichtig, besteht auf die eigene Richtigkeit, doch der Rhythmus ist das, was sie eben vereint: der ausschließlich auf sich selbst gerichtete Blick. Immer wieder werden die gleichen Rap-Schritte eingesetzt, immer im gleichen Rhythmus, durch die kräftigen Beats der Musik unterlegt. Ist nicht der gleiche Rhythmus vielleicht das, was uns, von den Banalitäten der kleinen Mikro-Welt getrieben, vom Wesentlichen – den Versuch, einen gemeinsamen Rhythmus auf der gesellschaftlichen Bühne zu finden – ablenkt? Ob der Apfelstrudel – „eine österreichische Köstlichkeit“ (Benjamin) oder die Spätzle – „das Hitlermenü“ – auch als typisch österreichisch gelten? Die Verweise treffen auf die richtige Stelle.

Morbus Hysteria. Wir haben alle recht. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser Diversität: „sichtbar und unsichtbar“
Dass Diversität mithilfe einer App berechnet werden kann, die die Laute, die Tiere von sich her geben, in unterschiedlichen Ländern lautmalerisch demonstriert, wie etwa von einem Pferd oder einem Frosch, und dass es auch dabei Unterschiede geben kann, erzeugt ein komischer Moment, bei dem das Publikum in lauter Gelächter ausbricht. Weiter vertieft man sich in Versuchen, die eigene Empathiefähigkeit ganz vorne hinzustellen und als Fahne vor sich zu schweben, sucht man nach ihrem Gegenteil, philosophiert über die Funktion vom Dirndl, eigentlich von Juden erfunden (Dirndl mit 16?), lenkt so nebenbei den Blick auf die Schwachstellen des Feminismus („Das hat schon EINE FRAU gesagt.“). Als Benjamin Meryl Streep zitiert: „Du lebst in diesem Land und muss für diesen Privileg zahlen“, stellt man sich unumwunden die Frage, inwiefern dieses Statement gerechtfertigt ist bzw. wie hoch dieser Preis sein muss. Dass sich Thomas Diversität im Theater wünscht – ein neues Männerbild, von Sensibilität geprägt, und er dabei letztlich ausrastet, lässt einen nachdenken: wie ist er eigentlich, der Mann von heute? Auch ein anderer wichtiger Moment, nämlich die Judenproblematik, wird pointiert von Thomas in den Mittelpunkt gestellt (das Restaurantgespräch, das vom Nebentisch belauscht wird). Das Thema vom jüdischen Humor wird dann von der wunderbaren Tamara aufgegriffen, die sich als lustig findet und als solche wahrgenommen werden will, was aber einen lustig-tragischen Moment erzeugt, und sie letztendlich in Tränen ausbricht. Eine vielschichtige Darstellerin, die innerhalb von wenigen Sekunden verschiedene Stimmungsnuancen auf die Bühne bringen kann. „Sing Tamara“, sagt Benjamin zu ihr, „das Singen ist ein starkes Ausdrucksmittel.“

Morbus Hysteria. Wir haben alle recht. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser Auf der Suche nach der Identität
In Pop-Ups, erzählt der großartige Benjamin, den wir nicht nur vom Theater, sondern auch von seinen zutiefst rührenden Jacques Brel-Auftritten kennen, gibt es Menschen, die sich als Tiere empfinden, und etwa mit „Wolf“ angesprochen werden möchten. Die Suche nach der Identität scheint völlig auf dem Holzwege geraten zu sein, Menschlichkeit tritt auf Kosten von tierischen Zügen zurück. Die Spannung auf der Bühne wird einen Schritt nach dem anderen dermaßen gesteigert, dass im nächsten Moment Benjamin und Thomas dem tierischen Trieb nachgeben und aufeinander auf der Bühne liegen – das Ganze mündet in einen tierischen triebhaften Kampf, ein Ringen, das ins Bodenlose führt. Und wenn alle Worte verstummen und sich überflüssig erweisen, kommt es tatsächlich dazu, dass Tamara sich vor das Mikro hinstellt und ihre starke, klare, gefühlsbetonte Stimme den ganzen Saal einnimmt – „So sad…“ –, bis die Hysterie wieder die Oberhand gewinnt und das alte Spiel von Neuem beginnt. „Ihr seid so extrem…“, macht Manuela so nebenbei die Bemerkung. Somit knüpft sie an das Thema Rechtsextremismus an. Um das richtige Maß muss es gehen, betont sie, die Balance, die Mitte muss man finden: wenn man einem was Schlechtes antut, muss es für diesen Menschen als Ausgleich aus was Gutes tun. Bitter-traurig fühlt sich diese Aussage an, die die die Verschlossenheit der eigenen kleinen Welt widerspiegelt und den Weg für einfache Manipulation aufgrund von Fehlinterpretationen zeichnet.

Morbus Hysteria. Wir haben alle recht. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser„Ich nehme immer nur von den Großen“
Soziale Ungerechtigkeit, oder genauer das Fehlen einer solchen, ist ein weiterer pointiert auf die Bühne dargestellter Moment. Lustig-ernst klingt Manuelas Erzählung, wie sie beim Einkaufen falsche Produkte an der Selbstbedienungskassa einscannt und dafür teurere in die Tasche legt. Ihr Protest. Es ist kein Stehlen, sagt sie, da sie immer nur von den Großen nimmt, und nie von den Kleinen, sie verteile es einfach um.
In der letzten Szene scheint die Hysterie alle niedergeschlagen und alles um sich herum verwüstet zu haben. Nur die klaren, einem unter die Haut gehenden Klänge der Musik steigen empor. Sie ähneln die Ankündigung einer Katastrophe und zugleich einem Hilferuf, der von der Erde Richtung Himmel gesendet wird, einem SOS-Signal.
Ein Abend, der lange nachklingt. Intensive Eindrücke, die sich zutiefst einprägen, Bilder, Phrasen, Verweise, Stimmungen, in deren ganzen Nuancen-Palette, die man mitnimmt. Momente der Aufrichtigkeit, die einem zutiefst erschüttern, unbequeme Fragen, die durch ihre Brisanz durchstechen. Banalitäten, die die Tragikomödie des Alltags in der kleinen Mikrowelt, ausmachen. Orientierungslosigkeit und die Frage: Was ist Österreich? Fulminantes Spiel, bei dem die Hysterie einer Gesellschaft auf den Höhepunkt gebracht wird.
Für Euch gesehen und erlebt.
Eure Neli Peycheva
Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne/Kostüme: Valerie Lutz| Video: Resa Lut | Musik: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Pete Simpson | Regieassistenz: Johny Ritter| Medienkontakt: Gerhard Breitwieser
Mit: Michaela Bilgeri, Thomas Kolle,Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek
Live-Musik: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Pete Simpson
Morbus Hysteria. Wir haben alle recht
Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensembleIn Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz. In Kooperation mit Werk X
Uraufführung: Di. 30. Mai 19:30 UhrDo. 1. Juni, Fr. 2. Juni, Sa. 3. Juni und So. 4. Juni jeweils 19:30 Uhr
im Werk X, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien
Karten (öffentlich): reservierung@werk-x.at, T +43 1 535 32 00-11, werk-x.at
www.aktionstheater.at -

Sie
Die Tür öffnet sich und sie stellt sich in den Türrahmen. Sie, genau sie. Mit high heels, schön gestylt, elegant, umwerfend! Echt. Ich traue meinen Augen nicht. Halte inne und frage sie leise: Snezhi, bist du denn das? Woher kommst du? Wo warst du denn die ganze Zeit?
Und sie erzählt mir, dass sie eh nie gegangen ist. Wir haben uns einfach eine Weile nicht gesehen. Auch sie habe mich sehr vermisst. Und nun solle ich alles schnell einpacken, sie sei ja wegen mir gekommen, um mich abzuholen. Ich mache alle Kästen auf und fange an auszuräumen. Nichts von dem, was da ist, brauche ich. Alles schmeiße ich weg. Nichts nehme ich mit. Sie sagt zu mir, das sei nicht mein Ort.
Ich höre ihr zu und weine.
Frage sie, ob sie morgen wieder kommt. Und sie beruhigt mich, alles werde so sein wie früher, wir würden wie früher, über der Kaffeetasse gebeugt, über alles auf der Welt sprechen, über wirklich alles. Nie würden wir uns trennen. Nun müsse sie gehen, aber nur für ein paar Stunden, nur bis zum Ende der Nacht.
Ich höre ihr zu und weine, und weine.
Zur Morgendämmerung ist sie tatsächlich wieder da, steht im Türrahmen. Echt und unverfälscht. Einfach sie. Wir werfen einen letzten Blick auf alles rund herum – den leeren Raum, den Kleiderkasten, die Schränke. Nur mich selber solle ich mitnehmen, flüstert sie mir zu. Alles andere schmeiße ich weg. Und wir gehen los. Sie und ich.
Und ich weine, und weine, und weine.
Vor Glück.
Ich wache auf. Der Traum ist noch immer da, und sie ist da. Und sie bleibt.
Ein Blick in den Kalender zeigt: Der 18.02. war in Bulgarien Totentag. Zum ersten Mal in meinem Leben merke ich mir das Datum.
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Da, wo alles beginnt und endet
„Und die Zufälle ließen sich wie Vögel auf ihre Schulter nieder.“ Milan Kundera
Begrüßen, da sein, ohne anzukommen, offen sein, präsent sein, mit der Umwelt verschmelzen, da sein, und nicht da sein, ständig unterwegs sein, ohne je abreisen zu können, mit der Zeit um die Wette rennen… Denken und nicht denken, spüren, Lichtmomente unter die Haut gehen lassen…
Aufwachen…
Vor dem ersten Sonnenkuss aufwachen… Bissige eiserne Schneeflocken auf den Wangen zur Morgendämmerung, Schnee auf der Handfläche schmelzen und durch die Finger verrinnen lassen, den Schnee bei jedem Schritt knistern hören, vom Schnee verblendet werden und sich im Dunkeln verlaufen, die beschlagenen Fensterscheibe mit dem Handrücken abwischen, in die Dunkelheit starren, in Geduld üben, warten, und nicht warten wollen, gegen sich kämpfen, sich selbst besiegen, da sein, sich spüren, sich fragen und sich das Fragen verbieten, warten…
Streicheln…
Die Baumwipfel streichen, den ganzen Ring entlang, hinter den Regenwolken immer wieder nach der Sonne suchen, die Regentropfen schmecken, an Goethe vorbeisausen, sich verabschieden, umarmen und wieder loslassen, an nichts klammern, nichts haben wollen, und alles in sich tragen, hier sein und dort sein, tief einatmen, die Luft anhalten, den Augenblick ausdehnen, schwimmen, unermüdlich schwimmen bis ans andere Ufer, wo alle Projektionen angeschwemmt sind, bis ans Ufer, das sich erst später als eine Illusion entpuppt, eintauchen, nach Luft ringen, die erfrischende Kälte der regennassen auf dem Rücken ruhenden Haare wahrnehmen, Wassertropfen die Wirbelsäule entlang hinunter rinnen spüren, am Leben sein, aufschreien…
Lachen…
Viel und herzlich lachen, von Lichtmomenten durchstochen werden, Lichtmomente sammeln, sorgfältig in der linken Herzkammer lagern; Röntgenblicke sammeln, tiefe Blicke sammeln, vielversprechende Blicke sammeln, Menschen sammeln, Worte sammeln, Berührungen sammeln und in der rechten Herzkammer aufstauen, Wärme für den nächsten Winter sammeln und im rechten Vorhof des Herzens parat halten, nicht denken, keine Fragen stellen, das, was ist, zulassen…
Tanzen…
Bis zur Morgendämmerung tanzen, wild tanzen, bis man blind vom Tanzen wird, und auch dann nicht aufhören wollen, sich selbst vergessen, die Welt vergessen, eins mit allen und allem werden, den Ort, wo man ist und wo man glaubt zu sein, in tausend Bruchstücke zerschmettern, sie in Sternenstaub zermahlen, eine Handvoll davon in den sternenklaren Himmel hineinpusten, die Arme ausbreiten, hochheben, sich drehen, sich im Kreis drehen, bis einem schwindlig wird, den Körper sprechen lassen…
Rennen…
Vom Morgen wegrennen, vom Gestern wegrennen, die Vergangenheit auslöschen, die Zukunft ausblenden, sich gegen Vergangenes und Künftiges abschirmen, Raum fürs Jetzt frei schaffen, diesen Raum mit Sinn ausfüllen, eine Prise Wachsamkeit dazutun, mit Freude ausfüllen, mit Entschlossenheit würzen; das Jetzt geschehen lassen. Von der Enttäuschung wegfliehen, gegen böse Blicke dreimal vor sich hin spucken, sich vor den Besserwissern schützen, taub für dunkle Vorhersagen sein, nicht glauben, niemandem glauben, nichts glauben, sich selbst vertrauen. Flattern, im Jetzt flattern…
Abschiede hassen. Abschiede meiden. Sich nicht verabschieden wollen. Immer wieder zurückkommen.
Wien, am 12.08.2018
