Ich stolpere über die Worte,
richte mich auf,
ans gebrochene kleb ich ein neues Wort drauf,
und gleite dann langsam, vorsichtig, sacht,
bis aus den Worten Gedanke erwacht.
Aus den staubigen Worten web ich den Schleier,
hinter dem ich heile die wunden,
die Worte-Vaganten, die sündigen, runden,
durchschossenen Worte, im Kampf noch gerettet,
die Worte-Soldaten, so stark und verkettet.
Ich hadere mit den Worten.
Wer braucht euch denn, sagt mir, wer eben?
Ihr Töchter der Nacht, die ewig noch leben.
Nicht einig seid ihr und auch nicht verschworen,
nur scheu und nur wund und so leicht mal verloren.
Nun reicht es! Ich werfe euch alle hinaus.
Gute Reise! Adieu! Schöne Träume!
Werdet zu Wind, zu Vögeln, zu Bäume!
Zu Silben, zu Strophen! Ganz schlicht und ganz leise
kommt mir erst morgen, seid Gäste im Hause,
dann klopft mir nur einmal, ich öffne die Pforte.
Ich lad euch herein, und ich streite nicht weiter.
Verbinde euch wieder die offenen Wunden,
ihr Worte als Obdach, aus Fehlern gewunden,
ihr wahren, ihr meinen, ihr menschlichen Worte,
Worte aufrichtige, echte und warme,
Worte Rettung,
und nehm euch in Arme.
Kategorie: Begegnungen
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Ich stolpere über die Worte
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Auf den Spuren des schlechten Wetters
Wenn es regnet, sagt man, weine der Himmel.
Ich liebe diese Tage, die regenstillen, die in sich versunkenen, wenn die Welt — diese sonst so schreiende, schrille, bunte Welt — plötzlich verstummt. Wenn sie erschrickt und sich scheu verbirgt. Wenn die bis vor Kurzem belebten Gassen sich auf einmal leeren. Wenn der Regen sie behutsam reinwäscht. Wenn der Nebel sich langsam in weichen Wollflocken über Hügel und Dächer legt, träge hinabrollt und lautlos im See versinkt. Wenn die Uhren unmerklich stehen bleiben. Wenn man die müde Zeit schwer seufzen hören kann.
Das ist ja eben der stille Segen des schlechten Wetters — man muss nicht hinauf, immer höher hinauf in die Berge, um es zu spüren. Eine genauso innige Begegnung kann auch dort stattfinden, wo es zuvor stumm und unbemerkt zugegen war.
Mir macht das schlechte Wetter keine Angst. Im Gegenteil — es steht auf meiner Seite. Wir reisen schweigend miteinander – unsere seltene Chance, einander ganz allein zu gehören. Der Regen, der unentwegt seine Melodie im Takt mitsingt; die schweren Tropfen, die unaufhörlich aus den Wolken fallen, eine im Wettlauf mit der anderen, zögernd an der Scheibe herabrinnen, ungestüm auf dem Wasser trommeln — wie ein ungebetener Gast, der so sehnlich eingelassen werden möchte.

Ich liebe das schlechte Wetter. Mit einem Mal erinnert man sich daran, wer die Zügel wirklich hält in diesem Leben.
An diesem verregneten Tag, auf den Spuren des schlechten Wetter –
Eure Neli P
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Das Kaffeehaus
Das Geräusch – die eigentliche Musik des Kaffeehauses: fröhlich-rauschendes Gewimmel, das feine Klappern des Geschirrs, unbeschwerte Gespräche, die sich überlagern und wieder verlieren.
Im Eck links von mir drei Freundinnen zwischen fünfundsiebzig und achtzig, die sich – beherzt in die Kamera blickend – fotografieren lassen. Ihnen gegenüber ein Paar, das plötzlich in schallendes Gelächter ausbricht.
Daneben zwei Damen mittleren Alters, in ein ruhiges, beinahe vertrauliches Gespräch vertieft. Mir gegenüber ein älterer Herr, der mit sichtlichem Genuss eine der berühmten Zauner-Schnitten verschlingt.
Rechts von mir eine junge Mutter mit ihrer zweijährigen Prinzessin und einem vierjährigen Prinzen, die Großmutter an ihrer Seite.
Ihnen gegenüber: ganz gewöhnliche Frauen und Männer, die gemütlich die Zeit verstreichen lassen. Ohne Eile. Ohne sich dem Tempo der Großstadt anpassen zu müssen.
Einfach schön.
In der Rolle der Beobachterin:
Eure Neli P
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Wiener Walzer
Aus dem Alltag einer Lehrerin #1
„…und der Lehrer zeigte seinen Schülern den Walzerschritt…“
„Wisst ihr, was ein Walzer ist?“
„Nein. Was Walzaa?“
„Das ist ein Tanz, Musik! Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei…! Jeder, der in diesem Land lebt, sollte den Walzerschritt beherrschen – den WIENER Walzer. Schaut mal her, es ist wirklich nicht schwer!“ (Und ich zeige ihnen einige Schritte, genau wie der Lehrer in der Geschichte.)
„Waaalzaaaa?“ – Alle Blicke sind auf mich gerichtet, die Verwirrung ist groß. Dann drehe ich meinen Laptop zu ihnen und spiele ein Video vom diesjährigen Wiener Opernball ab.
„Ja, Walzer! Man tanzt ihn zu festlichen Anlässen, wie zum Beispiel auf einem Ball wie diesem!“
„Ball??? Fußball?????“
„Nein! Auf einem echten Tanzball, und der ist nicht rund! Auf einem Ball in einem prächtigen Saal, wie in den Märchen von Prinzessinnen und Palästen, zum Beispiel auf dem Wiener Opernball in der Hofburg! Wenn ihr die Schule beendet, werdet ihr auch auf einen solchen Ball gehen, und ihr werdet tragen…“
„Kleid weiß? Schöne? Wiiiir???“
„Ja, lange weiße Ballkleider für die jungen Damen und einen schwarzen Anzug wie diesen hier für die Herren.“ (Ich deute dabei auf das Video.) „Amjad, hast du einen schwarzen Anzug zu Hause?“
„Anzüüüg? Nein! Ich Anzüg kaufen???“
„Nein, nicht jetzt, mein Lieber. In acht Jahren, wenn du die 12. Klasse abgeschlossen hast. Wie nennt man das nochmal?“
„Anzug!“
„Ja, genau!“
„Und das hier auf dem Bild bin ich auf einem Ball in einem Ballkleid.“ (Ich zeige auf ein Foto auf meinem Handy.)
„Frau Lehrerin, das Sieeeee??? Kleid rot??? Sehr schöööön!!!“
„Ja, da ich schon lange mit der Schule fertig bin, trug ich ein rotes langes Kleid und kein weißes. Wenn du 18 wirst, schenke ich dir mein rotes Ballkleid!“
Plötzlich herrscht Stille, eine ungewöhnliche Stille, ganze drei lange Sekunden. Das Einzige, was ich in der Stille noch wahrnehmen kann, sind die funkelnden Augen. -

Aggregatzustand Klimek
„Ich bin niemand“, sagte ich, „hier kennt mich keiner.“
„Sie sind nicht niemand. Mir kann nicht niemand schreiben.“Manche Legenden bekommen ihren Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood, nach anderen werden Straßen, Parks, Institutionen, gar Schiffe benannt. Das, worum es hier geht und was am besten zu seinem Namensgeber korrespondieren würde, ist allerdings ein Aggregatzustand – weder fest, noch flüssig, noch gasförmig, sondern explosionsartig! – der Aggregatzustand Klimek.
Zumindest so hat er auf mich gewirkt, als ich ihn vor geraumer Zeit nicht woanders, sondern im „Freiraum“ in Wien traf. Kein Zufall, auch der Name des Lokals versinnbildlicht einen Teil dieser unübersehbar vielschichtigen Persönlichkeit. Denn Manfred Klimek braucht seinen Freiraum und würde ihn sehr wohl niemandem, unter keiner Bedingung abtreten – eine der Sachen wegen derer ich ihn mag.
Vor unserem Treffen wurde ich gewarnt: dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt, eventuell könnte ich was hören, was mir nicht so gut gefallen könnte, dass ich im schlimmsten Fall auch „angespuckt“ werden könnte:-)), – etwas, mit unvorhersehbaren Folgen also stand mir bevor, was mich noch neugieriger auf die Begegnung machte. Wovor hätte ich Angst haben können?[1] Vor der Aufrichtigkeit im Austausch mit einem Anderen? Niemals.
Ich ging hinein, und er saß schon da. So, wie ich ihn damals erlebte – ein aufgeregter, lebendiger, explosionsartiger Ball, voller Eindrücke und Emotionen, reich an Geschichten und Erfahrung, vehement die eigene Meinung verteidigend – voller Elan und Begeisterung! –, kann ich ihn nichts anderem gleichsetzen außer einem noch nie zuvor existierenden, mit nichts anderem zu vergleichenden Aggregatzustand – Klimek. Einer der offensten, aufrichtigsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Künstler und Autor. Souveräner Krieger, der sich nicht scheut, die Unantastbarkeit seiner eigenen Meinung zu verteidigen, der sich den Luxus gönnt, sich hinter seine Worte zu stellen – egal, wie die bei den Anderen ankommen. Ich denke eh aber nicht, dass er sich mal in die hohe Kunst der Diplomatie versuchen würde, weil es weder seiner Grundeinstellung noch seinem Lebensziel entsprechen würde. Aufrichtigkeit voll und ganz. Es werden keine Schmeicheleien, keine „weißen“ Lügen erzählt – es ist, wie es ist. Bei ihm weiß man, woran man ist. Wer hätte schon den Mut, seine Wahrheit auszusprechen?

Manfred Klimek in der Kolonie 5. Bild: Neli Peycheva Auf der ihm gewidmeten Ausstellung in der Galerie Kolonie 5 ist er nicht persönlich erschienen. Doch seine explosionsartige Ladung ist in allen Bildern an den Wänden zu spüren. Ich war dort und habe es selbst erlebt. Schon beim Betreten des Raumes wird man von den vielen da anwesenden Geistern überwältigt, ich habe Gänsehaut bekommen – Momentaufnahmen des kaum Fassbaren, des Besonderen. Das Interesse eines Künstlers, habe ich neulich bei Ayn Rand gelesen, gilt der Kunst an sich, nicht den Reaktionen der Anderen, und genau das macht einen zum Künstler, unterscheidet Kunst von der Metaebene, auf der über Kunst gesprochen, aber keine Kunst erschaffen wird. Mit seinem Nicht-Erscheinen hat uns der Künstler vielleicht eben das gezeigt?
Als er nach Berlin endgültig abreiste und sich von Wien Abschied nahm, habe ich es zuerst in der Atmosphäre draußen gespürt – im Aggregatzustand. Es war nicht mehr so verdichtet, wie früher, sondern eher farblos, abgewaschen, öde. Doch ab und zu spürt man – bei seinen kurzen Wien-Besuchen, dass sich doch wieder was tut, und die Luft mit Elektrizität geladen wird. Manfred Klimek eben.
Natürlich weiß ich nun nicht, wie mein Text bei ihm ankommt. Wovor soll ich aber fürchten? Vor der Aufrichtigkeit? Also: Es sind meine Worte und ich stehe dazu – habe es nämlich von ihm gelernt. Außerdem bin ich ja eine Bulgarin!
[1] „Wovor haben Sie Angst? Sie sind doch eine Bulgarin!“ habe ich übrigens erstmals 2018 von einem anderen Manfred – Manfred Rebhandl gehört! Seit dem Moment denke ich intensiv darüber nach! Wort!
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Das Leben ist lebenswert
„Wie alt schätzen Sie mich? Sagen Sie mal!“
„70.“
„Nein! Ich bin 86! Keine Medikamente, keine Therapien, fühle mich topfit.“
So komme ich ins Gespräch mit der Dame, die auf der Bank neben mir vor der Kaiservilla sitzt. Mit ihrem geblümten rosa-hellgrünen Kleid mit Puffärmeln fällt sie sofort ins Auge. Ich mache ihr ein Kompliment. Sie bedankt sich strahlend und nimmt ihre Sonnenbrille ab. Ich hingegen blinzle gegen die Sonne, da ich meine vor ein paar Wochen in Sevilla verloren habe, das macht mir aber nichts aus, ich genieße es.
Dann erzählt sie mir, dass sie auf ihre Familie warte, ist aber als Erste losgegangen, um sich von alldem Vorbereitungsstress vor dem Fortgehen zu schonen. Vor der Kaiservilla in Bad Ischl findet gerade ein Weinfest statt. Alkohol hat sie nie im Leben getrunken. Es wundert sie sehr, wenn sie die jungen Mädels betrachtet, die gar nicht auf die Figur aufpassen, so was wäre für sie unzulässig – woraufhin sie sich aufrichtet und mir ihre Figur vorzeigt. Sie ernährt sich ausschließlich gesund. All die Würsteln, die an den Ständen rund herum angeboten werden und so unwiderstehlich riechen, interessieren sie nicht. Da bin ich am heutigen Abend also nicht allein! Sie trinkt höchstens – so, wie ich – ein Mineralwasser. Und auch wenn sie mal samstags zum Zauner geht, oder unter der Woche, wie gestern, als sie ein wunderschönes Dirndl getragen hat, bestellt sie nichts zum Essen, sie nimmt nur einen Tee. Da ist ja so viel Fett drinnen, in all diesen süßen Versuchungen! Ich erzähle ich von meinem Fasten, wie ich feststellen musste, dass Essen nur eines von vielen ist, die wir „Nahrung“ nennen, viel mehr brauche ich Sonne, Wind, Regen, Luft, Schlaf… Da stimmt sie mir völlig zu.
Uns vereint auch die Liebe für die Schauer Mode, den Designer, von dem ich mir letztes Jahr das Sisi-Dirndl gekauft habe. Dort kauft sie auch regelmäßig ein.
„Beobachten Sie die Männer!“, ruft sie mir zu. Von allen Anwesenden hat sie keinen einzigen Attraktiven gesehen. Nach 30 min kann man zusehen, meint sie, wie sie sich wankelnden Schrittes auf den Weg nach Hause machen, der Bierbauch allem voran. Bei dem Bild muss ich schmunzeln.
Wie denkt sie über die Lederhose? Wenn ein Mann eine gute Figur hat, einen flachen Bauch, muskulösen Körper, gut gestylt und gepflegt ist, und dazu noch ein Messer hinten eingesteckt ist, dann sieht er selbstverständlich auch in einer Lederhose gut aus! Ihre Ansprüche sind hoch, gibt sie zu, und gesteht mir, so nebenbei, dass sie einen Freund hat – wenn sie ihn anruft, kommt er, wenn sie ihn nicht anruft, kommt er nicht. „Ein Mann auf Bestellung!“, lächele ich ihr zu. Schön, nicht?
Dass Männer heutzutage nicht monogam sind, weiß sie ganz gut. Auch ihr Freund trifft andere, jüngere Frauen, wenn er aber zu ihr kommt, gehen beide in die Sauna und er ölt sie ganz schön ein, vom Kopf bis zu Fuß, danach macht er eine Flasche Champagner auf und sie genießen den schönen Ausklang des Abends.
Diskriminierung ist nach wie vor aktuell, ist sie ganz meiner Meinung. Frauen verdienen nach wie vor um die 30% weniger als Männer.
Was will ein Mann? Angebetet werden! Bestätigung für seine Einzigartigkeit! Aber wie geht das, wenn Frauen häuig mehr, viel mehr als Männer leisten und größere Erfolge erzielen?
Ich frage sie, wie das Gefühl ist, hier, an diesem bezaubernden grünen und ruhigen Ort geboren und aufgewachsen zu sein. Wunderschön! Ihr Rezept für Jungsein? Kein Jammern, immer positiv bleiben.
Ob sie vielleicht Angst vor dem Tod hat? Überhaupt keine. Weil sie ein schönes erfülltes Leben hinter sich hat. Irgendwann bleibt das Herz einfach stehen. Was sie sich für die Zukunft wünscht? Bis 90 am Leben zu bleiben. Denn das Leben ist lebenswert.
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Ladies After-Work-Party
Hello, High-Society!
Ganz unerwartet für mich kommt eines Tages eine nette Einladung zu einem Damen-After-Work-Drink. Als Location wurde eine gemütliche Daily Lounge Bar im 1. Bezirk ausgesucht.
Schon etwas später als die anderen angekommen, direkt von der Arbeit, schaue ich mich erst mal unruhig nach meinen Gastgeberinnen um, und bald erblicke ich die nach dem letzten Schrei der Mode gestylten und aufgepeppten Ladys (alle Hausfrauen ausnahmsweise), in glänzenden Gala-Outfits, Highheels und bis zur Schulter hängenden schweren Ohrringen. So schwer scheint der Ohrschmuck zu sein, dass er bei einem den Eindruck hinterlässt, er hätte das ganze Weltleid in sich aufgenommen. Sechs rot geschminkte Münder lächeln mir zu, als fände gleich die Grammy-Verleihung statt! Oh lala! Da habe ich offenbar etwas verpasst, sonst stünde ich nun nicht unwissend mitten in der Bar, in meinem simplen schwarzen Kostüm, wie eine Studentin vor der strengen Prüfungskommission. Das, was die Ladys allerdings nicht wussten, war, dass ich doch nicht ganz ohne Begleitung gekommen war: aus meiner Damentasche zwinkert mir verschwörerisch wie halt immer Frederic Malle zu. Einem Flügelschlag ähnlich huscht ein kaum wahrnehmbares Lächeln über meine Lippen, etwas verlegen streichle ich mit dem Zeigefinger die Haare hinter die Ohren und begrüße die Ladys. Und das hier, das wäre meine Sternenstunde gewesen, da hätte ich mich so schön herausputzen können, zumindest jenes tote Tier in der Form eines Pelzkragens, das ich einmal geschenkt bekommen habe, hätte ich aus dem Schlaf wecken und es mir um den Hals wickeln können! Denn da, meine Lieben, wären wir zwei: Ich und das Tier gegen die High Society! Über die Wichtigkeit von Attributen für die Bestimmung des Wertes eines Menschen klärte mich einmal eine der heute hier anwesenden Ladys auf. Sie trug nämlich an einem Diskoabend eine knallrote bodenlange Samtrobe mit aufgenähten Pailletten: mit Schrecken habe sie die Tage bis zum Event gezählt, in tiefster Hoffnung habe sie zu Gott gebetet, dass der Abend Coronabedingt nicht abgesagt würde, denn was hätte sie doch dann mit dem schönen, speziell für den Anlass angefertigten Prachtstück machen können?
Der Damentisch und der Herrentisch
Aber zurück zum heutigen Ladys-After-Work-Abend: Zwei Tische in der Bar sind für die Ladys reserviert . Sie sind, merke ich, so parallel aneinander aufgestellt, dass vor deren längerer Seite eine lange schmale Sitzbank verläuft, von den anderen zwei Seiten Sessel rund herum stehen, und zwischen den Tischen, senkrecht zur Sitzbank, sich ein schmaler Gang bildet. Auf der Bank sitzend, mitten in der Frauenrunde am ersten Tisch, sehe ich meine Freundin Maria, die mir fröhlich und irgendwie ungeduldig zuwinkt. Neulich habe sie den Mann ihres Lebens kennengelernt – einen eleganten, sehr gepflegten und für sein Alter ziemlich zufriedenstellend aussehenden Gentleman, an dem „alles, wirklich alles“ stimme, wäre er nur nicht so niederschmetternd langweilig! Manche der Gesichter, die am selben Tisch sitzen, kenne ich schon, andere sind mir völlig neu. Ein tiefer Seufzer endloser Erleichterung reißt sich von meinen Lippen ab: endlich ein entspannter Frauenabend! Doch da der erste Tisch schon voll besetzt ist, setzte ich mich auf die Bank daneben, gleich an den zweiten Tisch, sodass mich nun von der neben mir – am ersten Tisch sitzenden – Dame genau 40 cm trennen.
So weit, so gut! Kaum sind fünf Minuten vergangen, strömen durch die Türe scharenweise Herren herein, und da der erste Tisch voll ist, setzen sie sich … an meinen. Also so sieht eine Frauenrunde aus! Ein Damentisch und ein Herrentisch, mit Neli mitten drin. So ganz unglücklich scheinen die Herren an meinem Tisch jedoch nicht zu sein: Der, mit den dunklen Haaren, will mir unbedingt eine Kunstinstallation auf seinem Handy zeigen, und wir beginnen eine Diskussion über die Digitalisierung und Multiplizierung der Kunst in Zeiten der Post-Postmoderne; der andere, mir gegenüber, hat eine ganze Reihe praktische Tipps für mich parat, wie man in der Umgebung von Österreichern ohne große Einbuße und Leiden überleben kann; der dritte, der etwas schräg sitzt, ist Projektarbeiter an einer Uni und schildert ausführlich die statistischen Ergebnisse, die nun im Rahmen seines Projektes ausgewertet werden müssen. Na, seht Ihr! Oida! Nicht ganz zum Wegschmeißen sind meine Herrschaften! Und da kommt bald noch ein Vierter und gesellt sich uns an. Spätestens in diesem Moment richtet sich eine der Ladys vom „Frauentisch“ auf und kommt ihm mit kleinen Schritten hastig entgegen, auf den lila Highheels balancierend: „Nö, nö, nö, nöööö!“, schwenkt sie drohend den Zeigefinger vor seiner Nase. „Sie, mein Lieber, setzen sich nun zu uns, und zwar sofort, im Namen der Gleichberechtigung! Auch wir verdienen sehr wohl einen Herrn an unserem Tisch.“
Der Neuangekommene tut zunächst so, als ob er die direkte Ansprache missverstanden hätte und bleibt ruhig sitzen. Wühlt eine Weile mit zitternden Fingern fieberhaft in seinen Hosentaschen, sieht sich verlegen mit matt glänzenden Augen um und versucht den Blick der Dame um jeden Preis zu meiden; zieht den Kopf ein, lässt die Schultern nach unten hängen, duckt sich hinter dem Tisch, wird kleiner und immer kleiner – am liebsten wäre er ganz unter dem Tisch verschwunden! Bei der zweiten Aufforderung allerdings sieht er sich gezwungen, in einer ganz langsamen Kadenz seinen Platz zu verlassen, schaut zögerlich zum nächsten Tisch hinüber, dann wieder zurück zu unserem, macht ein paar Schritte, dreht sich wieder zurück und dann macht er das, was wohl keiner erwartet hätte! Er setzt sich zwischen mich und die Lady, die am Anfang des Damentisches sitzt, und da der Platz da sehr eng – genau 40 cm breit – ist, verschränkt er zahm die Hände vor der Brust wie ein Angeklagter, der gehorsam und schicksalsergeben auf sein Urteil wartet.
Im Namen der Gleichberechtigung
Mir gelingt es kaum mehr, mein Lachen zu unterdrücken! Der sitzt nun ja zwischen den beiden Tischen! Für solche Fälle gibt es im Bulgarischen einen Spruch: Wer am Eck oder zwischen den Tischen sitzt, der wird nie heiraten! Nicht heiraten? Nie heiraten? Nein, das wollen wir für ihn nicht! „Die Familie ist Grundeinheit der sozialistischen Gesellschaft“, hieß es bis 1989 in Bulgarien. Also stehe ich entschlossen auf und übernehme die Verteidigung für ihn: „Meine Damen und Herren, als Verteidigerin des hier rechts von mir gegen seinen Willen zwischen den Tischen sitzenden und zu einem Nein unfähigen netten Gentlemans plädiere ich für ‚not guilty‘! Schauen Sie ihm bitte tief in die Augen!“ Und da mache ich einen Schritt nach vorne, um noch überzeugender zu wirken. „ Diese blauen unschuldigen Augen können nicht die Augen eines Menschen sein, der ein Verbrechen begangen hat. Also rücken wir, Frauen unterschiedlicher Nationalitäten, bitte zusammen im Namen der Gleichberechtigung, damit auch er einen rechten Platz am Tisch hat.“
Die Gespräche verstummen. Mit tiefer Enttäuschung schauen die Ladys ein paar Sekunden lang schweigsam auf den Herrn zu, beobachten ihn prüfend, als ob er ein Golden Delicious Apfel wäre, der leider nicht angebissen werden darf, und da er kein Wort fallen lässt und wie versteinert vor sich hin blickt, nicken sie letztendlich mit dem Kopf. Erlösung für den Angeklagten! Langsam erhebt er sich und geht zu seinem ursprünglichen Sitzplatz am „Herrentisch“.
Der Kuss
Kaum ist er aufgestanden, schießt wie ein Pilz aus dem Boden ein anderer Bekannter, stürmt überraschenderweise auf mich, drückt mich fest an sich, küsst mich rechts und links, nimmt den soeben frei gewordenen Platz neben mich ohne Appellation an und verschränkt die Arme vor der Brust, was wie eine klare Ansage zu verstehen war! So vergehen 10, 15, 20 Minuten. Vergebens versuche ich ihm anzudeuten, dass seine Begleitung an seinem Tisch auf ihn wohl warten würde. Das scheint ihn aber kaum zu beunruhigen, und verabschieden will er sich schon gar nicht. Misstrauen packt die anderen Herren am Tisch. Vorsichtshalber trauen sie sich nicht mehr, mich anzusprechen. Also kündige ich an, dass ich nun endlich gehen werde! „Ich auch!“, ruft er mir zu. Na, so was! Vor dem Lokal schlägt er vor, mich ein paar Schritte zu begleiten. Und so, wie wir wortlos langsamen Schrittes auf der Straße gehen, sagt er auf einmal das, womit ich nie gerechnet hatte: „Ok, jetzt küsse ich dich!“, woraufhin er sich blitzschnell zu mir dreht und mich tatsächlich küsst! Perplex stehe ich da und traue meinen Augen nicht. Für diese Situation gab es keine Überlebens-Tipps in der Liste des Herrn von heute Abend, wie man hier ohne große Einbuße davonkommen kann. Auf dem Heimweg denke ich mir: So ticken also die Österreicher: Da steht auf der Agenda „Kuss heute Abend“ und die Arbeit muss sehr wohl erledigt sein. So ein tüchtiges Volk!
Eure Neli P
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Ungeplante Geschichte
An alle, die ihren Glauben irgendwo da auf der Strecke verloren haben.
Menschen sprechen zu mir, ich hören ihnen zu. Wahrscheinlich bin ich eine ziemlich gute Zuhörerin, denn das passiert immer wieder. Menschen vertrauen mir ihre Geschichten an.
Gestern etwa saß ein schätzungsweise über 60-jähriger Mann neben mir. Die Augen – rund herum von einem feinen Fältchennetz umrandet –, Mundwinkel traurig herabhängend. Das Jugendliche an ihm war der sorgfältig schwarz gefärbte Moustache, der kämpferisch und frech über der Oberlippe hervorstach, als ob er stellvertretend für seinen in sich zusammengesunkenen Besitzer der ganzen Welt mitteilen wollte: Es gibt mich noch! Da bin ich! Es stimmt schon, dass ein Schnurbart von der Masse abheben kann! Oder war es vielleicht das Jugendliche an ihm? Das Kind, das mir schalkhaft zuwinkt und nach dem ich bei jeder Begegnung suche?
Zuerst zeigte mir der Unbekannte eines nach dem anderen die schönen Bilder auf seinem Handy, die seine Frau einmal gemalt haben muss, als sie es noch konnte – von ihm als Dreißigjährigem, von ihrem Hund, von seinem Sohn, von einer Szene aus dem Musical „The Cats“. Denn nun ist sie demenzkrank und in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Der Aufenthalt da kostet 6000 monatlich, einen stolzen Betrag, der gottseidank von der zuständigen Krankenkasse übernommen wird. Nun sind nur die Erinnerungen wach geblieben. Der gemeinsame Sohn ist schon selbstständig, arbeitet als Krankenpfleger, muss manchmal bis zu 18 Stunden am Tag schuften, und findet nicht mal Zeit für sich, geschweige für seinen Vater. Einmal monatlich kommt er allerdings zu Besuch. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.
Er selbst war drei Monate lang im Krankenhaus mit der Diagnose Knochenkrebs stationiert. Die Knochenmarktransplantation hat Wunder gewirkt, und nun ist er schon seit 2 Wochen zu Hause, völlig gesund. Gesund und einsam. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.
Ich bin sprachlos. Versuche ihm Mut zu machen. Er ist gesund, seine Frau ist am Leben, gut aufgehoben. Und wenn man das Leben von nun an als eine Chance betrachtet, dem Schicksal zum Trotz? Wenn man annimmt, dass jeder Tag die Möglichkeit, sich neu zu entscheiden, bietet, ob man noch tiefer in die Traurigkeit versinkt, oder doch das Leben wählt? Sich vielleicht für das Leben entscheiden? Jeden Morgen, immer wieder? Immer wieder, bis sich neue, noch schönere Erinnerungen speisen? Denn das Leben ist so kurz. Einen Wimpernschlag lang.
Eure Neli P
Hier geht es zu weiteren Begegnungen: Die Einsame Der Unbekannte Ein Rezept für Glück Gurpreet „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“
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Freundschaft!
„Gutti und ich gingen die Treppe hinunter, er stolpernd wie der sterbende Kommunismus, ich aufrecht wie ein gut gefüllter Geldspeicher der Reichen.“ /“Erster Mai“, Manfred Rebhandl, Haymon Verlag 2022, S. 72/
Den Autor Manfred Rebhandl hab ich 2018 kennenglernt – ein reiner Zufall. Ein paar Wochen davor sind wir in Kontakt gekommen, nachdem ich – ganz zufällig! – einen seiner Texte – über Gerda Rogers – mit einem Auszug von dem wunderbaren Dimitre Dinev, den ich sehr, sehr mag („Spas träumt“) kommentiert hatte.
Das erste Buch von ihm, das ich danach aus reiner Neugier gelesen habe – denn davor kannte ich nur einige seiner Artikel – war über Kitty Muhr – eine Frauenfigur eben. Was mir da schon in den ersten Sekunden nach dem Aufschlagen des Buchs besonders auffiel, waren die vielen Stereotypen, die von jeder sonst mit viel Witz und Ironie geschrieben Seite frech hervorblickten und festgemauert nach Bestätigung schrien. Da ich mir da was ganz anderes erwartet hatte, hat mich dieser allererste Eindruck zuerst einmal stutzig gemacht. Erst nachdem ich „Das Schwert des Ostens“ in die Hand genommen hatte, wurde mir klar, dass die Stereotypisierung der Charaktere zu einem der Verfahren zählte, die der Autor zielgerichtet und mit einer sich durch alle Kapitel durchziehenden Beständigkeit einsetzte. Dabei verfolgte er gar nicht das Ziel, die Klischees zu entkräftigen, sondern nutzte sie gewandt in allen ihren Facetten als eine nie versickernde Quelle für Schmäh und humorvollen Umgang mit den menschlichen Schwächen. Und nicht nur! Denn das, was ich hinter den Worten, den lustigen Charakteren und den Bildern, die er auch in seinen neueren Büchern malt, deutlich als immanentes Merkmal wahrnehme, sind diese Verbitterung und Gesellschaftskritik, die durch das geschriebene Wort ihren Weg nach außen zu den Menschen suchen – eine Einstellung, eine Art Verhältnis zur Realität, die den Autor ausfüllen und prägen. Wie ich schon mal geschrieben habe, erinnert er mich seinem Still nach an Bukowski und Houellebecq: durch das nackte schonungslose Wort wird eine grotesk-witzige Situation geschaffen, in die die Figuren geraten, wobei nicht die Handlung und der Ausgang an sich so wichtig zu sein scheinen, sondern das, was im Hintergrund eingeblendet wird: das Verhältnis zur Realität: wie ist das Leben zu betrachten – als Spiel oder als eine sehr ernste Angelegenheit? Steckt hinter dem Grotesken nicht auch mal was Wahres? Sollte man sich ausschließlich auf das Schöne und Erhabene beziehen, wenn man zum Wort als Mittel zur Stellungnahme und Selbstreflexion greift, wenn etwas in der Welt draußen von Grund auf nicht stimmt?
In den Romanwelten, die hinter den Covers von Rebhandls Büchern aufleben, kommt „der andere“ Rebhandl, l’enfant terrible, zum Ausdruck, ja und nein. Denn wenn man auch seine Artikel aufmerksam gelesen hat, versteht man, dass es doch immer wieder derselbe Rebhandl ist, seine Bücher bieten nur eine andere Ausdrucksmöglichkeit des Hauptstrang in seinen Überlegungen an.

Lieblingsstelle im Buch – S. 72! Außerhalb der Romanwelten engagiert sich der Autor aktiv als KPÖ-Mitglied für die Sache, Respekt! Ich allerdings als Ex-Ostblock-Kind, wo der Kommunismus beinahe aufgebaut wurde (!), gehe sehr vorsichtig, gar misstrauisch mit allen -ismen um, manchmal finde ich diese Art Ernüchterung bei mir sogar sehr traurig: ich habe nämlich zahlreiche Beispiele erlebt, wie eine sonst schöne Idee in dem Augenblick, in dem sie zur Ideologie wird, schonungslos zur Manipulation im Namen der Masse führen kann. Aus demselben Grund bin ich ja auch parteilos, und das schließt keinesfalls meine volle Unterstützung für Ideen, an die ich glaube, aus.
Das neu erschienene Buch von Manfred Rebhandl „Erster Mai“ setzt die Rock Rockenschaub-Serie fort. Im Vordergrund stehen zwei Morde im Wiener Gemeindebau, im Hintergrund – Kritik an die Reichen, auf die die Schuld für das fehlende Gleichgewicht im sozialen System geschoben wird. Lachen ist 100% garantiert! Und wer weiß, vielleicht löst im nächsten Buch Rock Rockenschaub auch den Fall mit der Ungerechtigkeit in der Gesellschaft! Das wünsche ich ihm auf jeden Fall! Und ob es dem Autor gelingt, mehr Gerechtigkeit in die Welt draußen einzubringen? Hoffentlich!
Ihre Neli Peycheva






