Kategorie: Begegnungen

  • Julia Caesar

    Julia Caesar

    Irgendwie habe ich es schon immer gewusst, dass das Leben außerhalb des Universitätsgefildes nicht einfach sein wird. Das Uni-Umfeld hatte mich schon immer eine Umgebung aus Gleichgesinnten verschafft, wo man auf gleicher Welle funkte. Man war vorbehaltslos angenommen, fühlte sich gut aufgehoben und verstanden; geteilte Gedanken fanden Widerhall bei den Anderen. Es war ein schönes, warmes Gefühl der Geborgenheit.

    Außerhalb dieses heiligen Schutzbereichs der Ideen und Köpfe sind mir wohl oder übel allerlei andersgeartete Menschen: arrogant, zurückweisend, oberflächlich, kleinlich… Eine ganze Regenbogensammlung, aufgeschäumte bunte Gischt aus Charakteren in der Brandung der Begegnungen hatte sich blitzartig angehäuft. Ein stürmisches Menschentypenmeer, das einen anlockte und mitriss.

    In mancher Hinsicht trug das immens dazu bei, mich von meiner Naivität zu verabschieden (hurra!), fühlte sich wie eine sanfte, gutgemeinte, äußerst nötige Ohrfeige an, bei der man die Wange zahm und gehörig vorhielt, um das notwendige Übel zu erleiden, und die mich aus der Welt der Ritter des Guten hinausjagte: Die mit ausschließlich Gutem verwöhnte Prinzessin wurde nun frierend draußen vor die Tür gesetzt. Es kam allerdings auch zu völlig unerwarteten und äußerst bereichernden Begegnungen, die buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht waren, Lichtfunken, viel Dankbarkeit und Menschenliebe, aus den tiefsten verborgenen Winkeln des Herzens hinausströmend, vor allem seitens der Menschen, mit denen ich arbeite.

    Ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal freilich ist immanent, unbesiegbar und schon gar nicht auszurotten. Es schlummert da, tief in uns, materialisiert als eine Art typisch menschliche Krankheit, die gewohnheitsmäßig verschwiegen und ignoriert wird, weil sie sich in einer großen Anzahl der Fälle genau durch das gesprochene Wort unwillkürlich selbst hervortut, und die ich bei Tieren, Insekten und in der lebendigen Natur noch nie beobachtet habe: die Dummheit. Und die Bestie darf keinesfalls geweckt werden! Niemand ist vor ihr geschützt, jeder kann unmerklich in ihre Falle geraten. Eines Tages winkte die Dummheit schließlich auch mir zu, in vollster Pracht, mit Verve und Wucht. Sie hieß diesmal zur Abwechslung Julia.

    Ein schöner Abend mit live Musik in angenehmem Ambiente in einem Lokal in Wien 6. kündigte sich an. Endlich eine gute Gelegenheit, meine Freundin Rashida zu treffen und ein paar Worte mit ihr auszutauschen, dachte ich mir. Außerdem sollte die hauptsächlich für in Wien ansässige Professionals unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds organisierte Afterwork-Party mit den Klängen französischer Chansons unterlegt werden, und Französisch konnte ich in Strophen beinahe fließend.

    Auf den ersten Blick sah Julia, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, sogar ziemlich normal aus – in einem dunklen Kostüm eingekleidet, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, keine High Heels, kein Make-up, nichts Auffälliges. Über sie wusste ich gar nichts. Julia hatte sich meiner Gesprächsrunde angeschlossen, als es gerade um die Herkunft der Namen ging, eigentlich ein nicht uninteressantes Thema. Rechts und links von mir zwei Herrschaften, mir gegenüber Rashida. Da griff energisch auch Julia ein und lieferte die plausible Erklärung für das Kaiserliche an ihrem Namen, in Anlehnung an Julius Caesar. Ich hingegen war sehr glücklich, so einen kurzen und einfachen Namen zu haben. „Eine der möglichen Interpretationen für seine Herkunft geht auf die schöne Elena aus dem Trojanischen Krieg zurück“, fügte ich hinzu. Ein paar Minuten ging so das spontan eröffnete Gespräch weiter, und dann passierte eben das, worauf man im Leben halt nie vorbereitet ist: Vor meinen Augen erlebte Julia Caesar eine volle Metamorphose, die weder als ein Zeichen göttlicher Macht zu verstehen war noch mit der Verwandlung der Raupe in den Schmetterling etwas Gemeinsames hatte.

    Also stellt sie sich vor mich hin, Julia, der Herkunft nach Caesar, und so, wie sie mir zuhört, fängt sie plötzlich an, aus den Augenwinkeln rüber zu blicken, auf mich zu schielen, setzt die eine Hand in die Hüfte, und die andere lässt sie hinunterhängen. Ganz schön langsam, wie ein aus seiner Bahn hinausgeworfener Sternkörper bückt sie sich zu mir hin, kürzt den Abstand aufs Minimalste, sodass ich ihren Hauch in meinem Gesicht spüren kann, schwenkt mir androhend ihren erhobenen Zeigefinger vor die Nase und zischt mir zu: „Du, du, duuuuu….! Duuuuu, sag, dass du nicht aus Osteuropa kommst!“

    „Nein! Ich komme aus Südosteuropa! Nur ich habe mehr als nur eine Heimat! Aber bitte ganz vorsichtig mit den Stereotypen! Wir sind ja letztlich nicht hier, um uns Klischees zu bedienen, oder?“

    „Du, du, duuuuu, du, mit deinem Gesicht und so, wie du ausschaust, und mir über die Heimat erzählst..! Duuuu, du, du, duuuuu, jeder hat nur eine Heimat!!! Jeder!!! Mein Vater, wenn man ihn fragt, da kann er sofort antworten, er ist ja eben ein Österreicher!“

    „Ja, weil er sich damit identifizieren will!“, erwidere ich ihr, auch wenn ich spüre, dass diese dröhnende rollende Wortlawine nicht mehr aufzuhalten ist. Hier setzt, wie erwartet,  Julia, der Herkunft nach Caesar, mit einem Wortsturm fort, ganz rot im Gesicht, und gibt erneut dem Kaiserlichen in sich den Vorrang:

    „ Du, mit deinem Aussehen, duuuu, du hast fast keine Falten im Gesicht! Und vielleicht bist du sogar älter als ich! Du bist nach Österreich gekommen, um uns die Männer, die noch immer am Markt frei verfügbar sind, zu stehlen!!!“

    Im ersten Moment hielt ich das für einen Schmäh, denn wenn mir das Leben etwas beigebracht hatte, dann über die Klischees zu lachen, reagierte also dementsprechend, machte einen Schmollmund und wickelte sorglos eine Locke um meinen Zeigefinger um. Doch Julia schien es nicht so lustig zu sein. Sie gab nicht nach und wurde immer lauter. Ich trat zurück, schaute auf sie ein letztes Mal und das Einzige, was ich tun konnte, angesichts des niederschmetternd Kaiserlichen in ihr, das so schlagartig zum Vorschein gekommen war, war, ihr ein Luftküsschen zu schenken.

    Julia Caesar, die jeden guten Grund hatte, um glücklich zu sein – war in diesem wunderbaren Land geboren, hatte ein unerschüttertes Identitätsgefühl, und war nicht mal gezwungen, Toiletten zu putzen, wie einige neuangekommene Osteuropäerinnen  –, blieb mutterseelenalleine an der Bar stehen. Und doch war der Mangel in ihr unübersehbar. Auf einmal hatte ich so ein tiefes Mitleid mit ihr. Die Frage nach dem Warum gab mir keine Ruhe. Irgendwann, so etwa nach der siebenten Stunde kritischer Auseinandersetzung mit den Prinzipien der weiblichen Natur und dem fatalen dreizehnten starken Kaffee, leuchtete es mir auf einmal ein: Wenn eine Frau ein Problem mit sich selbst hat, ist zweifelsohne kein anderer, sondern ein Mann daran schuld! Wer denn sonst??? Ein Mann, der sich aus irgendeinem wohl völlig unverständlichen Grund geweigert haben soll, die so stark gefragte Retter-Rolle zu übernehmen. Der Retter auf dem weißen Schimmel (wenn es schon mal um Klischees gehen soll!), der Julia vielleicht auch hätte helfen können, genauso unerschüttert an ihren Selbstwert zu glauben, wie sie es an ihrer Identität tat. Also, Männer aus aller Welt, vereinigt Euch! Schenkt Euren Frauen ein bisserl mehr Aufmerksamkeit, damit sie die Bestätigung für das, was sie sind, von Euch bekommen können, wenn es anders nicht geht. Denn das Andere, der Blick in sich selbst, verlangt viel mehr als Glauben und erweist sich manchmal eine unglaublich vertrackte Aktion. Leider. Tut es bitte für mich! Ich schenke Euch ein Lächeln!

    Neli Peycheva

    *Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.

  • Es lebe die Leidenschaft!

    Es lebe die Leidenschaft!

    Wenn man dem Gefühl eine konkrete Form verleihen kann, dann ist es Benjamin Vanyek. Wir kennen schon den talentierten Schauspieler dank seiner mitreißenden Rollen in den Aufführungen von aktionstheater ensemble und haben den Akteur, der sich in seine Protagonisten dermaßen gelungen hineinversetzen kann, dass er ein Leib und Seele mit ihnen wird, des Öfteren bewundert und mit großem Respekt vor seinem Talent mitverfolgt. Sein facettenreiches Schauspiel fand dieses Mal seinen einzigartigen Ausdruck in den Interpretationen des „Großen der Großen“ – Jacques Brel – im Nestroyhof Hamakom am 15. Und 16. Oktober.

    Leidenschaft war das Wort, betonte Benjamin, das im Mittelpunkt des Ereignisses stand. Leidenschaft war auch das Gefühl, das Publikum und Schauspieler in einem unausgesprochen schönen amorphen Ganzen verband – eine Art Huldigung mit viel Pathos, voller Hingabe und starker Präsenz von demjenigen von gestern, der zu Lebzeiten bei nur Wenigen Zuspruch fand, dank dem Schauspieler von heute, der ihn nahe an die Gegenwart brachte. Brel, dem das Kleiden in Worte von inneren Gemütszuständen, die durch den Zusammenprall mit der Realität verursacht wurden, wichtiger als das Vortragen seiner Songs war, sah sich lange Zeit gezwungen, selbst auch als Sänger aufzutreten. Die Jahrzehnte danach wurden allerdings seine schonungslos kritischen Lieder immer wieder neu interpretiert und gesungen. Voller Leidenschaft war auch der bis aufs Äußerste zugespitzte Auftritt von Benjamin Vanyek.

    Kunst vereint Welten, ohne Trennlinien zu ziehen. Es gibt nichts Größeres, was über Armut und Reichtum, politischen Ansichten, persönlichen Weltauffassungen, kulturellen Besonderheiten, Altersunterschieden stehen und Welten näher aneinander führen kann: man soll sich nur der Kunst voll ausliefern können.  Dieses Voll-ausgeliefert-Sein war hautnah am herbstlichen Samstagsabend in Theater Nestroyhof zu spüren. Benjamin Vanyek brachte schauspielerische Kunst, Musik, Wort und Gefühl zu einer Symbiose zusammen. Plastisch, gefühlsbetont, zutiefst erschütternd schaffte er einen Raum zwischen Publikum und Interpreten, in dem ein untrennbares Ganzes entstand – ein Wirbel aus geteilter Leidenschaft, Liebe für Brel und Hingabe an die Kunst, ein Wir. Es braucht Mut, diesen Raum zu betreten. Mutig ist, sich vor das Publikum zu stellen und an einen der Großen so nah wie möglich zu kommen, sich in ihn voll und ganz zu versetzen. Benjamin Vanyek fehlte es keinesfalls an Mut, das zu versuchen, was schon viele Interpreten mal versucht haben: eine eigene Interpretation von Jacques Brel. Mal frivol, mal aggressiv, mal voller Pathos brannte er für die Sache:  Innenwelt und Musik, Realität und Kunst, Brel und Vanyek wurden zu einem Ganzen.

    „Das Karussell“, auf das wir alle eingeladen wurden, einzusteigen, fuhr los! „Die Bonboniere“ wurde liebevoll überreicht. Die Erinnerungen an den „Port von Amsterdam“ wurden wachgerufen. Und irgendwann, wie es eh oft in der Realität passiert, die in Brels Lieder künstlerisch wiedergegeben wird, folgte auch die Begegnung mit dem „Teufel“.  

    Das Besondere an der Intensität des Gefühls, mit der Benjamin Vanyek Brels Lieder vortrug, ist, dass sie sich nicht bändigen lässt. Wer die Leidenschaft Jacques Brels kennt und liebt, wird auch Benjamin Vanyeks Interpretationen lieben. Mit einem höchstpersönlichen Unterton, in einer äußerst ausdrucksvollen Weise gelingt es ihm, den Schauspieler und den Interpreten in sich zu Wort kommen zu lassen und Brels von allgegenwärtiger Aktualität geprägte Songs in die heutige Zeit zu verlagern. Brel lebt! Es lebe die Leidenschaft!

    Eure Neli P

  • Ich halte ihn fest!

    Ich halte ihn fest!

    Habt Ihr mal das Gefühl gehabt, jemanden gekannt zu haben vor dem realen Kennenlernen? Genau dieses Gefühl hatte auch ich damals, 2017, an der Schwelle des neuen Jahres.

    Ein paar ausgetauschte Worte, kurze Sätze, in denen sich alles um den WIENER herum drehte … – vor allem ging es darum, dass ich vor Jahren eine Doktorarbeit über das Magazin geschrieben hatte, und der WIENER gerade zum Jahresende sein Jubiläum feiern wollte, und ich wusste es schon: Diese Persönlichkeit kam mir irgendwie seltsam bekannt vor!

    In Wirklichkeit haben wir uns erst am 14.02.2018 im Prückel getroffen, er saß neben dem Klavier da, auf dem Tisch vor ihm lag das neuerschienene WIENER-Heft, das er mir später schenkte, reichte mir die Hand zum Gruß und lächelte. Nach einer Pause von 6 Jahren durfte ich schon wieder ein Heft des Magazins in den Händen halten, die Aufregung war unbeschreiblich groß, und inzwischen hatte sich vieles beim WIENER geändert – neue Herausgeber, neuer Start. Nun hatten ihn zwei Enthusiasten übernommen, die dem viel zitierten und sogar in einem der früheren WIENER-Heften erschienenen Rumis Spruch „Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt.“ treu geblieben waren. An jenem Abend sprachen wir viel: warum ich mich für Wien entschlossen hatte, und er – für den WIENER, wie wichtig es ist, mit Herz und Seele bei der Sache zu sein und seine Arbeit zu lieben, welche Rolle die Leidenschaft für die Arbeit als Antrieb spielt und wieso immer mehr Menschen vergessen, mit Verve an jede Beschäftigung heranzugehen und sich damit abfinden, statt kreativer einfallsreicher Gestalter nur gedankenabwesende Ausführer und gelähmte Beobachter des Geschehens zu sein, was man alles aufs Spiel setzen musste, um Herausgeber des einzigen Männermagazins europaweit zu sein.

    Um die Männer und dementsprechend ein Männermagazin zu lieben, muss man beide verstehen und respektieren. Das tue ich auch. Hinter der Kulisse sehe ich immer die Person so, wie sie ist, das „Mehr“, was häufig verborgen bleibt, all die Kraft, all die Bemühungen, die Faux-Pas, die Selbstüberwindung, die Opferbereitschaft, die Handlungsmotive, die Ängste… Und bewunderte schon damals diesen Menschen, der für eine Idee wie ein 20-Jähriger brannte! Niemals werde ich seine Worte vergessen: „Wie nehmen Dich als Freundin der Redaktion auf!“, und wie könnte ich nur? Er erinnert mich ja immer wieder daran, dass er da ist. Dass es ihn gibt. Freundschaft, die sich über die Jahre hinweg zieht, mir nicht einmal über „Durststrecken“ hinweg half und mir damals, bei unserem Kennenlernen am verschneiten 14. Februar ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelte – einen Anhaltspunkt für mich schaffte im winterlichen eiskalten Wien. Und wenn ich zurückblicke, dann weiß ich gewiss: Alles im Leben hat seinen Sinn, ein Schritt führt zweifelsohne zum nächsten, und wenn man den Mut hat, dem Lauf des Lebens zu vertrauen, nähert man sich langsam und kaum merklich an seinen Lebensweg und steht irgendwann doch da, wo man hingehört.

    Ich kenne keinen anderen, der besser mit Menschen umgehen kann als er. Seine Gabe, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und für jeden das passende Wort im richtigen Moment zu finden, hat mich immer erstaunt – eine Art Empathie, Menschenliebe und Sanftmütigkeit, die in Lebensfreude hinüberfließen und jedes Mal zum Strahlen kommen. Es gibt Menschen, und Menschen, sagt man. Es gibt Menschen und warme Menschen, sage ich.

    Als ich dann Jahre später am Naschmarkt vorbeiging, wo wir auf einen Kaffee verabredet waren, rief mir jemand von einem der Verkaufsstände zu: „Halte ihn fest!“ Wen? Was? Ich verstand rein gar nichts. Nun leuchtet es mir aber schon ein. Das Leben liefert alle Antworten. Einen Freund wie ihn würde ich niemals aufgeben. Niemals. Ich halte ihn fest.

  • Die Petition

    Die Petition

    „Frau Professor, kommen Sie vielleicht aus dem Iran?“

    „Nein, wieso denn?“

    „Nein??? Nicht aus dem Iran??? Die iranischen Frauen haben schöne ausdrucksvolle Augen und schlanke Figur, ich glaubte, dass auch Sie aus dem Iran kommen.“

    So hat es angefangen, meine dreitägige Vertretung in einer völlig unbekannten Gruppe. Die erste Stunde schien alles ganz o.k. zu sein, zehn Paar Augen starrten mich wie gefesselt an und nahmen jedes meiner Worte wahr: drei Frauen und sieben Männer. Es herrschte Stille. Außer meiner Stimme konnte man nur noch das Pfeifen des Windes hören, der draußen den Kampf gegen die kalte Front aus dem Westen nicht aufgeben wollte, sich gegen die Anschuldigungen, dass sein Verhalten mitten in der schönsten Jahreszeit völlig fehl am Platz war, taub stellte, und auf der Donau und in den Baumkronen austobte. Das, was aber danach passierte, versetzte mich in Staunen: Eine der drei Damen rechts hinten unterbrach auf einmal gegen die 30-ste Minute meinen Redefluss, wandte sich an die Gruppe, sagte etwas in ihrer Muttersprache. Die Anderen blickten sie an und nickten verständnisvoll mit dem Kopf. Ich fuhr vorsichtig fort. Nach der nächsten Erklärung meinerseits sprach sie von Neuem etwas aus, was eine Woge der Unruhe hinter sich brachte: Ein Anderer griff ihre Worte auf, ein Dritter schloss sich daran an, ein Vierter unterbrach sie, ein Fünfter richtete sich auf und gab ein Zeichen mit der Hand, woraufhin alle auf mich blickten und nachdenklich wurden. Es wurde still.

    Und so lief dieses für mich unverständliche Sprachspiel bis zum Ende des Tages, kaum hatte ich etwas erläutert, mischte sich eine Stimme ein, die in ihrer Muttersprache zwischen meine Worte fremde einwob. „Seltsam“, dachte ich mir, und fand es so schade, kein Wort Arabisch zu verstehen. Oder doch. Kann ich wirklich kein Arabisch? Kaffee, Gitarre, Magazin… Kef, rahat, istah… (in der bulg. Sprache übernommen). Es ging allerdings um nichts von dem, was ich schon kannte! Ein anderer geheimnisvoller Grund beunruhigte wohl meine Schüler. Sehr vorsichtig merkte ich irgendwann jedoch an, dass es unhöflich ist, wenn alle sich in einer Sprache unterhalten, die nur ich als Außenseiterin – leider – nicht verstehen kann.

    Am nächsten Tag wiederholte sich das Ganze. Gegen Ende des Unterrichts stellten sich meine drei Schülerinnen um mich herum und fragten: „Kommen Sie morgen wieder?“ „Ja, morgen ist mein letzter Tag mit Ihnen“, erwiderte ich. „Der letzte Tag??? Und dann???“ Drei paar Augen schauten mich verständnislos an. Die drei bedankten sich bei mir für den Unterricht, drehten sich um und gleich starteten sie eine heftige Diskussion mit den Anderen in ihrer Muttersprache.

    Am Tag drei löste sich endlich der Knoten auf: Kaum hatte ich den Raum betreten, zeigte die Frau aus Somalien auf: „Frau Professor, wir schreiben eine Liste.“ „Liste? Was für eine Liste? Eine Anwesenheitsliste habe ich schon.“ „Nein, eine andere Liste“, fügte die junge Afghanin von der hinteren Bank hinzu. „Petition, wir schreiben eine Petition!“, fuhr aufgeregt die Iranerin fort, die mich am ersten Tag gefragt hatte, ob ich auch aus dem Iran gekommen war und dessen Vater – wie ich später von ihr erfahren durfte – 60 000 Euro pro Kopf für sie, ihre Schwester und ihre Tochter gezahlt hatte, damit jede von ihnen ein gefälschtes Visum bekommen und Deutschland erreichen konnte, was leider bei meiner Schülerin und ihrem Kind nicht klappte. „Ja! Wir schreiben eine Petition und wir unterschreiben! Wir brauchen Sie! Wir unterschreiben! Wir wollen Sie als Lehrerin auf B1 haben! B1 ist schwierig, und Sie erklären so gut! Wir brauchen Sie, Frau Professor, verstehen Sie? Für drei Tage wir mehr gelernt als für vier Monate!“

    „Frau Professor“, mischten sich die Herren rechts ein, „Frau Professor, wollen Sie uns? Wollen Sie unsere Gruppe haben? Sagen Sie Ja?“

    „Ja. Ja! Es ist gegenseitig. Es ist immer gegenseitig.“ Als ich den Raum verließ, drehte ich mich einmal um: meine drei Schülerinnen verabschiedeten mich mit einem Luftbussi!

  • „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“

    „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“

    Das sind ihre Hände. Diese Hände können Hilfe anbieten oder gar Menschenleben retten. Die Hände einer Ärztin.

    Sie kenne ich seit länger als einem Jahr schon, und Ihr werdet Euch höchstwahrscheinlich wundern, wie man jemand kennen kann, ohne diese Person irgendwann getroffen zu haben. Oh ja, da kann man sehr wohl! Denn manchmal verbindet Menschen mehr als das Offensichtliche, sie werden auf eine mysteriöse Weise zusammengeführt über die Telefonleitung – den Klang der Stimme, die gemeinsam geteilten Gedanken, die ähnliche Weltwahrnehmung, die Gefühlslage –, sodass die reale Distanz plötzlich auf das Minimalste reduziert wird. Und jetzt, wo wir uns endlich umarmen konnten, bestätigt sich mein Vorgefühl: sie kann nicht nur Menschen, sondern auch Seelen retten.

    Das Leben hat sie so modelliert, wie sie jetzt eben ist. Es hat sie von dem Schein und der Eitelkeit der ein luxuriöses Leben führenden und in Selbstvergessenheit geratenen Oberschicht auf Lichtjahre entfernt. „Haben oder sein?“, würde hier Fromm die Essenz einer Lebensauffassung auf den Punk bringen. „Sein“, würde sie antworten. Denn angesichts des pulsierenden Schmerzens, der ins Bodenlose gehenden Verzweiflung, der unheilbaren Krankheit oder gar des Todes fällt einem gar nicht schwer, die Frage eindeutig zu beantworten. Und vor allem einem, der schon viel zu viel davon gesehen hat und selbst in all diesen Lebensleidensgeschichten mit involviert war. Patienten schauen sie mit Hoffnung in den Augen, als ob sie Gott wäre. Sie verstehen nur eines nicht: dass die Medizin ihre Grenzen, ihr Limit hat. „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“, fügt sie hinzu.

    Letzte Woche soll sich ein Passant gerade an ihr Auto gelehnt haben, vor Schmerz laut schreiend. Gerade sie bat ihn in ihr Auto hinein, um ihn dann bis zum Spital zu fahren. Nachdem er sich heftig geweigert hatte, etwaige Hilfe anzunehmen, hätte sie ihm ein Taxi gerufen. Eine Stunde später wurde er tot auf der Straße gefunden. Und es stellte sich heraus, dass ihn alle im Grätzel schon gut gekannt hatten, nur sie nicht, doch keiner seiner „Freunde“ wollte ihm helfen, alle hatten ihn in seinem Leid still von der Seite her beobachtet. Hm. Mit dem Konzept „Freundschaft“ muss man heutzutage mit höchster Vorsicht umgehen, denke ich mir.

    Trotz der Sackgassen und der Hindernisse in ihrem Leben, schlägt sie sich als Ärztin in Wien durch und glaubt nach wie vor, dass gerade der Glaube das ist, was uns retten würde: dass man dem Fluss des Lebens vertrauen sollte – nachdem man alles Mögliche versucht hat –, ohne zu vergessen, dass alles, wirklich alles im Leben nicht mehr und nicht weniger als eine Art Prüfung angesehen werden soll; dass Freud und Leid, Leid und Freud sich in einem ständigen Wettlauf abwechseln; dass die Hoffnung nie sterben darf, unabhängig davon, wie schwer gerade die Lage ist; dass wir vor uns selbst verpflichtet sind, das Beste für uns zu tun, da das Leben kostbar ist, wir vergessen es einfach manchmal… Und sie weiß ja sehr gut als Ärztin, dass das allererste Gespräch mit dem Patienten das entscheidende ist, da nicht jedes Leid unbedingt eine körperliche Krankheit voraussetzt, und viele glauben einfach daran, erkrankt zu haben, auch wenn der Schmerz ganz anderer Natur sei – ein seelischer nämlich.

    Wir verabschieden uns mit einer Umarmung. Ihr Glaube ist ansteckend, genauso wie das gegenseitige Vertrauen, das uns verbindet. Auf dem Weg nach Hause denke ich mir immer wieder: Da, wo die Grenzen unserer Möglichkeiten erreicht sind, genau da setzt das Schicksal ein.

  • Die Einsame

    Die Einsame

    Erika

    • Dieser Seidentop steht Ihnen so gut!
    • Oooh, danke! Falconeri! Zum ersten Mal habe ich die Modemarke in Bologna entdeckt!
    • Ich kann leider nicht mehr Klamotten mit offenem Ausschnitt tragen wegen der Altersflecken. Wissen Sie, ich bin schon 82! Früher waren es Sommersprossen, nun sind sie Altersflecken! Na, so was!
    • Nein, Sie sehen super toll aus!
    • Meine Haut ist schon schlapp und so dünn, was kann ich mit diesem Gesicht machen? Aber Sie, Sie schauen fantastisch aus! Darf ich Sie nach dem Alter fragen? Ach, nein! Danach darf man eine Frau nie fragen, aber ich schätze Sie höchstens auf 28!

    Nun muss ich schmunzeln.

    • Nein, auch ich bin nicht mehr die jüngste, und nächste Woche werde ich sogar um noch ein Jahr älter!

    So hat die Geschichte mit Erika begonnen, die sich neben mich auf eine Bank in der Innenstadt hinsetzte, während sie an ihrem erfrischenden Eis gierig leckte. Erika ist in Wien geboren, doch das sei nicht mehr jenes Wien, meint sie. „Und die Wiener sind nicht mehr dieselben“, füge ich hinzu. „Nein, gar nicht, es gibt die echten Wiener nicht mehr“, seufzt sie auf. „Stimmt, ich habe sie gesucht, brav gesuch, und nirgends gefunden. Infolge dessen entstand mein Text „Auf der Suche nach dem verlorenen Wiener“, erzähle ich Erika, wie meine Suche ins Leere geführt hatte.

    Erika und mich trennen Jahrzehnte, und trotzdem kommt es mir vor, ich habe sie schon immer gekannt und wir waren schon ewig beste Busenfreundinnen.

    • Ich habe so viele Klamotten bei mir im Schrank – vertraut es mir die modebewusste Erika an.
    • Und ich gar nicht! Ich verschenke alles, was mir zu viel ist! Die Übersicht will ich nicht verlieren – sowohl in meinem Kleiderschrank als auch in meinem Leben. Wenn ich an etwas zu viel habe, fange ich an zu ersticken.
    • Sehen Sie! Sehen Sie! Genau das ist es, deswegen bin ich krank! Ich muss mich von all diesen Fetzen, die bei mir im Schrank hängen, trennen!

    Erika ist einsam. Einmal bekommt sie eine Einladung zu einem Kaffee von den Nachbarn gegenüber. Was passiert danach? Sie sieht sie die nächsten drei Monate kein einziges Mal wieder. Kein Mensch interessiert sich für sie, und das Leben in Wien ist teuer, wie kann es sich eine Pensionistin mit so einer niedrigen Pension leisten? Sie würde gerne in einem SOS-Dorf oder in einem Kindergarten helfen – die Ersatzmütter vertreten, den Kindern Geschichten vorlesen -, tausendmal habe sie schon darauf gehofft, doch keiner nehme sie, da sie schon 82 sei.

    Sie hört sich meine Geschichte an. Das Einzige, was sie danach noch immer leise zuflüstern kann ist „Ich bewundere Sie…, ich bewundere Sie..!“

    Wir trennen uns. Ich wünsche mir, dass mir Erika irgendwann mal wieder durch den Weg läuft. Wenn ich mal wieder durch die Innenstadt laufe, werde ich unbedingt Ausschau nach ihr halten. Eine Freundin wie sie hätte ich gerne.

  • Der Unbekannte

    Der Unbekannte

    Heute Abend eine interessante Begegnung: Es kommt jem. auf mich zu und fragt, ob ich in Wien zuhause bin. Was sollte ich da antworten? Ich bin ja an mehreren Orten zuhause, so einfach, ohne ins Detail zu gehen, konnte ich die Frage nicht beantworten, also nicke ich einfach mit dem Kopf. Seine zweite an mich gerichtete Frage ist, ob ich mich für Kunst interessiere. Ich nicke wiederum. Und dann fängt er an, mir seine Geschichte zu erzählen.

    Er kommt ursprünglich aus Villach, wo die Menschen viel wärmer und offener als die Wiener seien und besteht darauf, dass ich mindestens für 2 Tage nach Villach fahre. Seit 4 Jahren schon kämpft er ums Überleben in Wien und versucht seine Musik und Bilder zu verkaufen: „Doch wie geht das? Wenn man keinen Kreis aus Kontakten hat…“ Also entscheidet er sich, abends auf die Straße zu gehen, und Menschen anzusprechen, die „rein holistisch“ ansprechbar wären. „Die junge Lady mit der Tom Ford Brille und der Gucci Tasche würde ich nie fragen, ob sie sich für Kunst interessiert“, fügt er hinzu, da es schon klar sei, dass sie in ihrer Ego-Welt verschlossen ist und da auch bleibt. Und er hält sich bei mir auf.

    Unsichtbar, er fühlt sich unsichtbar in Wien. Ich schlage ihm vor, dass er versucht, in seinem Stammcafé seine Musik vorzutragen. „Wissen Sie, wo ich wohne? Im 10. Bezirk. Da kann ich kein Stammcafé haben“, erwidert er. Dann fällt mir ein, dass er sich an eine kleine Galerie wenden könnte, wie etwa die Kolonie 5, wo Menschen immer willkommen sind.

    Wie misst er das Geld? In Zeit. Mit 10 000 Euro kann er ein Jahr leben und die Miete zahlen, das wäre ein Jahr seines Lebens. Wenn er 30 000 hätte, würde das für ihn 3 Jahre Lebenszeit bedeuten. Er fragt mich, ob ich vielleicht bereit wäre, mir eine seiner CDs für 25 Euro zu kaufen. Da muss ich es ihm anvertrauen, dass meine Geschichte noch komplizierter ist. Dass mir eines im Leben Angst macht: die Unfreiheit, das Gefühl, ein Glied von einem System zu werden, das dich verbiegen will, und dabei muss ich immer wieder an Foucault denken..! Systeme zeigen dir immer wieder, dass du ersetzbar bist, einfach ein Glied in der Kette, da verliert man langsam seine Individualität. Er an sich hat Angst, dass er die Zeit von 12 Monaten nicht überbrücken kann.

    Ich muss ihm meinerseits erzählen, dass mir jem., den ich bis vor Kurzem respektiert hatte, weil ich grundsätzlich an das Gute im Menschen glauben will, mir plötzlich eine gehasste voller Arroganz Mail schickte. Ja, ich muss es nur bestätigen, dass die Kluft zwischen Autor und Mensch nicht unbedingt überwindbar ist, wie das hier Manfred Klimek neulich ansprach in Bezug auf Handke. Es ist tatsächlich unser – und auch mein – naiver Glauben, dass Autoren auch unbedingt gute Menschen und hinreißende Persönlichkeiten sein sollten. Das sind aber nicht alle.

    Wir verabschieden uns. Ich wünsche meinem Unbekannten viel Glück, und vor allem, dass er da ankommt, wo er hin will. An seinem Ort.

  • WHERE IS MY WIENER???

    WHERE IS MY WIENER???

    Auf der Suche nach dem verlorenen Wiener

    Bis vor ein paar Jahren glaubte ich, dass die Gemütlichkeit als Konzept den Deutschen zuteilgeworden war, nun bin ich mir nicht mehr so sicher. Entweder ist sie dermaßen ansteckend, dass sie sich bis nach Österreich hin ausgebreitet hat, galoppierend mit der Geschwindigkeit eines globalen Phänomens, oder war sie auch hierzulande schon immer gelebt und gehuldigt. Allerdings brauchte ich lange, bis ich in Worte fassen konnte, was genau mit dem heutigen Wiener nicht stimmt. Zugegeben, ein vages Vorgefühl auf irgendwas schwebte schon immer umher, ein Vorzeichen auf ein nicht ganz deutlich wahrzunehmendes Etwas, das sich wie ein Schatten abzeichnete, der bald in einen grauen Grat hinüberzog und für ein paar Atemzüge sein sonst so perfektes Erscheinungsbild ganz zu seinen Ungunsten betrübte: der Mangel am Adligen.

    Immer öfter kam er mir vor als jemand, der innerlich litt – als ob ihm der Kern mit Gewalt herausgerissenen wurde, und trotz aller Bemühungen, die Oberschicht blank zu polieren, glänzte er nur noch mit einem falschen, trügerischen Schein. Betrogen fühlte ich mich auch in meinen Erwartungen! Jedenfalls war seine Echtheit – die ich doch anfangs immer noch zu finden hoffte, schon von vornherein weg. Das wird wohl vielen nicht gefallen, mich stimmt es auch nicht unbedingt froh, und Pauschalisierungen sind das Letzte, was ich, die vehemente Kämpferin gegen die Stereotypen, mag. Doch ich habe ein Problem, und ein Unglück kommt wie bekannt nur selten allein: Ich kann nicht lügen – jemand hätte es mir vielleicht gefälligst in der Kindheit beibringen können, hat es aber versäumt. Dieses unverzeihliche Versäumnis ist die Ursache, warum ich mir den Luxus erlaube, zu schreiben, was ich denke und zu beschreiben, wie ich die Welt wahrnehme – ein postgenetischer Defekt nämlich. Als solche bin ich auch oft unbequem, und der Wiener wusste seine Bequemlichkeit zu schätzen.

    Wie man den Wiener am besten kennenlernen kann? Ganz einfach. Indem man nichts tut und sich ihm einfach stellt. Von da an sollte man nur die Fähigkeit besitzen, detailliert zu beobachten. Große Worte, gepaart mit Kleinbürgerlichem, Existenzängste hinter der Fassade des Dandys, Versprechen ohne Wert, die nie eingehalten werden, Handlungen, die, auch wenn an sich nicht stimmig, schlicht und einfach bequem sind. Und die Quelle all dessen – diese heilige Gemütlichkeit, die den Wiener fest in den Arm genommen hatte!

    Die gute Nachricht ist, dass der Wiener nicht nachtragend ist – das behauptet er jedenfalls von sich selbst. Und tatsächlich! Mit verblüffender Leichtigkeit werden Statements gemacht, an die man sich am Tag darauf nicht mehr erinnern kann. Außerdem ist der Schmerzpegel bei ihm sehr niedrig, und überhaupt ist er sehr empfindlich – wenn er über ein Steinchen stolpert, fließen ihm die Tränen! „Wie er die Stolpersteinchen im Leben meistert?“, fragt ihr euch? Mit innerer Widerstandsfähigkeit, genannt Leugnen. Leiden ist für ihn ein Unwort, ich habe neulich gelesen, dass er sogar an die Gesellschaft für deutsche Sprache geschrieben haben und herzenszerreißend gebeten haben soll, „Leiden“ aus dem Wörterbuch zu streichen.

    Wenn der Wiener von heute wirklich Angst hat – und Ängste hat er mehr als genug -, dann vor Frauen mit Hirn. Bedroht fühlt er sich, falls er ihnen begegnet, eingeengt in seinem Existenzwert, und folglich ist er ja auch allerseits bemüht, diese unbequemen Wesen zu meiden, im besten Fall tut er so, als ob es sie gar nicht gäbe.

    Dem Wiener kann ich eh schon vieles verzeihen: die inneren Ängste, die Zerrissenheit, die Feigheit, sogar das inkonsequente Handeln, die leeren Worte, sein Zuspätkommen, die Vergesslichkeit – alles Eigenschaften, die nicht unbedingt ein Grund zum Stolz sind, trotzdem würden sie ihn kaum von den Anderen unterscheiden. Das, was ich ihm nicht verzeihen kann, ist der Mangel an Großzügigkeit, denn dafür braucht man nichts – nur groß geschnitten im Herzensbereich zu sein.

    Wenn ich mir ab und zu die Tagträumerei großzügig erlaube, taucht von mir jene Gestalt auf, die Ende des 19. Jh. in den Wiener Kaffeehäusern erhitzt philosophiert und zu den großen Themen des Tages diskutiert hat – den Wiener Intellektuellen eben –, die den starken Willen zur Veränderung gehabt haben soll, weil sie ihren Kern noch nicht verloren hatte. In solchen Momenten denke ich an jene progressiven, mutigen Querdenker, denen weder an Worten noch an Taten fehlte, wenn es darum ging, das Rad des Weltgeschehens in Bewegung zu setzen oder gar ein Teil davon zu werden. Heutzutage ist vielleicht noch immer ein Hauch vom damaligen Philosophieren zu spüren, allerdings bleibt der innere Antrieb total auf der Strecke: In Wirklichkeit tut der Wiener von heute so, als ob er das wäre, was die Welt von ihm verlangen würde, und in vieler Hinsicht wird diese Rolle professionell gespielt.

    Was dem heutigen Wiener denn fehlt? Das Adlige. Das Großzügige. Das Feinfühlige. Das, was schon beim ersten Kontakt subtil wahrgenommen und an der Ausstrahlung eines Menschen abgelesen werden kann. Es ist da oder eben nicht. Und wenn es da ist, sind alle Worte überflüssig. Überflüssig wären auch meine Zeilen hier gewesen. Ich vermisse jedenfalls jenen Wiener, dessen Lebensstil leidenschaftliche Polemik, Aufrichtigkeit und Mut zur Weltveränderung prägten. Werde ich ihn weitersuchen? Selbstverständlich! Werde ich ihn nach wie vor wachrütteln? Na, klar! Aus einem einzigen Grund: aus Liebe.

  • „Hämwieh“

    „Hämwieh“

    Nun muss ich schmunzeln, echt. Da ich mich erinnerte, wie alles begonnen hatte.

    Ich stand im Auslandsamt der Uni Jena und wartete geduldig, vor ein paar Stunden angekommen, nach der 35-stündigen Busfahrt, erschöpft und völlig desorientiert. Die Angestellte im Büro versuchte vergebens meinen Betreuer, Herrn Dr. Lösch von der Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch zu erreichen. Als er endlich abhob, zog sich das Telefonat länger als 5 Minuten hindurch, am besorgniserregten Blick der Dame konnte ich ablesen, dass etwas nicht stimmte.

    Ja, es stimmte etwas definitiv nicht. Der Betreuer, der mir zugewiesen wurde, weigerte sich mich zu betreuen. Er selbst steckte bis zum Hals in der Arbeit, und das letzte, was er sich wünschte, war eine unbekannte ausländische Stipendiatin! Schweren Herzens begab ich mich auf den Weg zur Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch. „Was könnte denn schiefgehen?“, dachte ich mir. Im schlimmsten Fall hätte ich mich selber betreuen müssen, also klopfte ich verunsichert an der Tür. In weniger als ein paar Sekunden machte ein schon etwas älterer Herr auf, mit regen funkenden Augen, schaute mich freundlich an und ließ mich rein. Nur zwei Minuten später war von seiner Distanziertheit nichts mehr übriggeblieben. Er nahm mich an die Hand und führte mich durch alle Arbeitsräume herum, um mich seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen voller Begeisterung vorzustellen – ein seltsamer Vogel sei angeflogen, meinte er, so jung und dabei schon Kollegin!

    So wurde der Anfang einer lebenslangen Freundschaft gesetzt, die ganze fünfzehn Jahre, bis zu seinem Tode dauerte. Inzwischen war ich mehrere Male aus verschiedenen Anlässen in Jena oder Weimar, wir trafen uns auf einem Kaffee und sprachen. Jedes Mal entschuldigte er sich, dass er mich nicht mit nach Hause einladen konnte, da seine Frau Ausländer nicht besonders mochte. Ich persönlich hatte mich nie während meiner Reisen als Ausländerin gefühlt, ich denke, es ist mehr eine Frage der Selbst- als der Fremdwahrnehmung. Einmal ist es so passiert, dass ich zu der Versammlung der Goethe Gesellschaft nicht fahren konnte, Herr Lösch aber war da und wartete auf mich.

    Ich bin zwar ohne Vater aufgewachsen, in meinem Leben aber tauchte immer wieder eine Persönlichkeit auf, die mich freiwillig adoptierte, mir den Weg zeigte, wenn es zu dunkel wurde oder mit gutem Wort in schwierigen Zeiten zu mir stand. So war es auch mit Herrn Wolfgang Lösch. Einmal steckte er mir sogar 50 Euro zwischen die Seiten eines Büchleins und meinte, ich sei wir eine Tochter für ihn. Dank ihm fasste ich den Mut, dialektale Lieder zu übersetzen, kaufte mir den ersten CD-Player in meinem Leben, um sie hören zu können, und verliebte mich in „Hämwieh“, was später bei mir zu „Fern-Heimweh“ wurde.

    Nach meinem damaligen Aufenthalt in Jena entstand ein Büchlein mit thüringischen Volksliedern und deren Übersetzungen. Ich werde es nie vergessen, wie ich mit der Schmalspurbahn den Berg hinauffuhr, frei wie ein Vogel, um den letzten damals noch lebendigen Volksliedersammler von thüringischen Volksliedern zu treffen. (Mein ganzes Gepäck konnte ich in einem Fach am Bahnhof abschließen.) In dieser Zeit lernte ich Christian kennen, der sich genauso wie ich rund um die Uhr in der Unibibliothek aufhielt und fleißig lernte, und er zählt immer noch zu meinen Freunden. 😘

    Eure Neli P

  • Das Geburtstagskind

    Das Geburtstagskind

    Es war gegen 19 Uhr. Ein zauberhafter Märzabend, Schneeflocken schwenkten ungeniert ihre Röckchen herum, ein eiskalter Windzug trug sie in einem Wirbelsturm hoch, brachte sie bald wieder aus der Reihe und spuckte sie ins blendend weiße Schneechaos hinein, wo sie – völlig verloren vor dem Hintergrund des alles widerspiegelnden Weißes, innerlich durchwühlt, ihre Krönchen aufrichteten. Eine Sekunde, zwei, drei… Mit einem erneuten Schwung traten sie wieder in die Reihe.  Man sagt, man braucht nicht länger als vier Sekunden, um sich ein allererstes Bild von jemandem ausmalen zu können. Die vierte Sekunde fehlte also nur noch, die einen echt hätte machen können, und das war das Geheimnis aller Schneeflocken.

    Auch mich trug der Wind mit meinem weißen Rock, der in dem Augenblick einem Fallschirm ähnelte, Richtung Café Engländer. Widerstandlos ließ ich mich dahin verwehen, wo zu der Stunde eine Geburtstagsparty stattfand und landete bald im Schneesturm safe am Tatort selbst.

    Als ich das Geburtstagskind am 1. März 2018 erstmals traf und kennenlernte, wollte es ursprünglich gar nicht glauben, dass es mich gab. Es lag wahrscheinlich genau daran, warum ich – die Unbekannte –eingeladen wurde – um diesen Irrglauben zu zerstreuen oder, wenn nicht, mich endlich einmal in Luft aufzulösen, einmal für allemal. Auch wenn ich nie das Wort „Türkis“ – seine Lieblingsfarbe (Farbton Pantone 7709) – erwähnt hatte, hielt es mich für ein ÖVP-Phantom, für ein Fake, das da war, um ihm das Leben schwer zu machen, das auch sowieso nur an der Oberfläche leicht zu sein schien, und wenn sich das Geburtstagskind was wirklich wünschte, dann – es unbedingt leicht zu haben.

    Geboren am ersten Tag von März – dem Monat, der nicht zufällig schon zwei seiner Buchstaben in seinem Namens hinterlassen hatte –, hatte sich das Geburtstagskind das Übliche – „nackte Tänzerin“ – zu seinem Geburtstag gewünscht, wie ich später schon am Tisch im „Engländer“ erfahren durfte. Da war mein dickes und wissenschaftlich ausgerichtetes Buch, das ich ihm mit einer Widmung dazu schenkte, offensichtlich fehl am Platz. Hm. Zumindest war es eine echte Widmung von einer echten Person, und keinem ÖVP-Phantom, dachte ich mir.

    Erst an jenem ersten März, spätestens als ich dem Geburtstagskind die Marteniza um das Handgelenk anlegte, leuchtet es ihm ein: „Echt! Sie ist echt!“ Diese Erkenntnis schlich sich mit der Lichtgeschwindigkeit hindurch und löste sich genauso schnell wieder auf. Man geht ja immer leichter mit erfundenen Personen um als mit echten, und – wohlgemerkt! – das Geburtstagskind wollte es leicht haben.

    „Verbündete?“, flüsterte ich zu, als ich ihm meine Hand zum Gruß reichte. „Verbündete!“, erwiderte das Geburtstagskind brav und blitzschnell, ohne viel darüber nachzudenken. (Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Nachdenken ja nur Kopfweh zur Folge hat, und das Geburtstagskind war solcher simplen, äußert brauchbaren und manchmal sogar lebensrettenden Ansätze kundig, seit dem frühen Kindesalter schon oder andersrum: seit es sich selbstständig unter dem Tisch aufrichten konnte.)

    Ein saftes Zugehörigkeitsgefühl zog sich da hindurch, den ganzen Abend lang, dort, an jenem Tisch unter all den herrlich beruhigend summenden Stimmen der Gäste im „Engländer“. Da saß ich, vor den fröhlich schwingenden Tonlagen trunken, hörte hinein, und sie nahmen mich in ihren Bann gefangen.

    Ich verabschiedete mich als Еrste und ging, bevor die vierte Sekunde anschlug. Das war an meinem dreizehnten Tag in Wien, wo ich zu dem Zeitpunkt alles in allem nur zwei Personen kannte. Seit jenem ersten März bin ich jedoch auf einmal sehr abergläubisch geworden, ich zähle immer bis dreizehn, bevor ich zu Geburtstagspartys gehe, und erst wenn die Rechnung stimmt, sage ich zu. Denn am dreizehnten Tag werden alle Kunstfiguren lebendig und echt. Wohlgemerkt.