Kategorie: Begegnungen

  • Ladies After-Work-Party

    Ladies After-Work-Party

    Hello, High-Society!

    Ganz unerwartet für mich kommt eines Tages eine nette Einladung zu einem Damen-After-Work-Drink. Als Location wurde eine gemütliche Daily Lounge Bar im 1. Bezirk ausgesucht.

    Schon etwas später als die anderen angekommen, direkt von der Arbeit, schaue ich mich erst mal unruhig nach meinen Gastgeberinnen um, und bald erblicke ich die nach dem letzten Schrei der Mode gestylten und aufgepeppten Ladys (alle Hausfrauen ausnahmsweise), in glänzenden Gala-Outfits, Highheels und bis zur Schulter hängenden schweren Ohrringen. So schwer scheint der Ohrschmuck zu sein, dass er bei einem den Eindruck hinterlässt, er hätte das ganze Weltleid in sich aufgenommen. Sechs rot geschminkte Münder lächeln mir zu, als fände gleich die Grammy-Verleihung statt! Oh lala! Da habe ich offenbar etwas verpasst, sonst stünde ich nun nicht unwissend mitten in der Bar, in meinem simplen schwarzen Kostüm, wie eine Studentin vor der strengen Prüfungskommission. Das, was die Ladys allerdings nicht wussten, war, dass ich doch nicht ganz ohne Begleitung gekommen war: aus meiner Damentasche zwinkert mir verschwörerisch wie halt immer Frederic Malle zu. Einem Flügelschlag ähnlich huscht ein kaum wahrnehmbares Lächeln über meine Lippen, etwas verlegen streichle ich mit dem Zeigefinger die Haare hinter die Ohren und begrüße die Ladys. Und das hier, das wäre meine Sternenstunde gewesen, da hätte ich mich so schön herausputzen können, zumindest jenes tote Tier in der Form eines Pelzkragens, das ich einmal geschenkt bekommen habe, hätte ich aus dem Schlaf wecken und es mir um den Hals wickeln können! Denn da, meine Lieben, wären wir zwei: Ich und das Tier gegen die High Society! Über die Wichtigkeit von Attributen für die Bestimmung des Wertes eines Menschen klärte mich einmal eine der heute hier anwesenden Ladys auf. Sie trug nämlich an einem Diskoabend eine knallrote bodenlange Samtrobe mit aufgenähten Pailletten: mit Schrecken habe sie die Tage bis zum Event gezählt, in tiefster Hoffnung habe sie zu Gott gebetet, dass der Abend Coronabedingt nicht abgesagt würde, denn was hätte sie doch dann mit dem schönen, speziell für den Anlass angefertigten Prachtstück machen können?

    Der Damentisch und der Herrentisch

    Aber zurück zum heutigen Ladys-After-Work-Abend: Zwei Tische in der Bar sind für die Ladys reserviert. Sie sind, merke ich, so parallel aneinander aufgestellt, dass vor deren längerer Seite eine lange schmale Sitzbank verläuft, von den anderen zwei Seiten Sessel rund herum stehen, und zwischen den Tischen, senkrecht zur Sitzbank, sich ein schmaler Gang bildet.  Auf der Bank sitzend, mitten in der Frauenrunde am ersten Tisch, sehe ich meine Freundin Maria, die mir fröhlich und irgendwie ungeduldig zuwinkt. Neulich habe sie den Mann ihres Lebens kennengelernt – einen eleganten, sehr gepflegten und für sein Alter ziemlich zufriedenstellend aussehenden Gentleman, an dem „alles, wirklich alles“ stimme, wäre er nur nicht so niederschmetternd langweilig! Manche der Gesichter, die am selben Tisch sitzen, kenne ich schon, andere sind mir völlig neu. Ein tiefer Seufzer endloser Erleichterung reißt sich von meinen Lippen ab: endlich ein entspannter Frauenabend! Doch da der erste Tisch schon voll besetzt ist, setze ich mich auf die Bank daneben, gleich an den zweiten Tisch, sodass mich nun von der neben mir – am ersten Tisch sitzenden – Dame genau 40 cm trennen.

    So weit, so gut! Kaum sind fünf Minuten vergangen, strömen durch die Türe scharenweise Herren herein, und da der erste Tisch voll ist, setzen sie sich … an meinen. Also so sieht eine Frauenrunde aus! Ein Damentisch und ein Herrentisch, mit Neli mitten drin. So ganz unglücklich scheinen die Herren an meinem Tisch jedoch nicht zu sein: Der, mit den dunklen Haaren, will mir unbedingt eine Kunstinstallation auf seinem Handy zeigen, und wir beginnen eine Diskussion über die Digitalisierung und Multiplizierung der Kunst in Zeiten der Post-Postmoderne; der andere, mir gegenüber, hat eine ganze Reihe praktische Tipps für mich parat, wie man in der Umgebung von Österreichern ohne große Einbuße und Leiden überleben kann; der dritte, der etwas schräg sitzt, ist Projektarbeiter an einer Uni und schildert ausführlich die statistischen Ergebnisse, die nun im Rahmen seines Projektes ausgewertet werden müssen. Na, seht Ihr! Oida! Nicht ganz zum Wegschmeißen sind meine Herrschaften! Und da kommt bald noch ein Vierter und gesellt sich uns an. Spätestens in diesem Moment richtet sich eine der Ladys vom „Frauentisch“ auf und kommt ihm mit kleinen Schritten hastig entgegen, auf den lila Highheels balancierend: „Nö, nö, nö, nöööö!“, schwenkt sie drohend den Zeigefinger vor seiner Nase. „Sie, mein Lieber, setzen sich nun zu uns, und zwar sofort, im Namen der Gleichberechtigung! Auch wir verdienen sehr wohl einen Herrn an unserem Tisch.“

    Der Neuangekommene tut zunächst so, als ob er die direkte Ansprache missverstanden hätte und bleibt ruhig sitzen. Wühlt eine Weile mit zitternden Fingern fieberhaft in seinen Hosentaschen, sieht sich verlegen mit matt glänzenden Augen um und versucht den Blick der Dame um jeden Preis zu meiden; zieht den Kopf ein, lässt die Schultern nach unten hängen, duckt sich hinter dem Tisch, wird kleiner und immer kleiner – am liebsten wäre er ganz unter dem Tisch verschwunden! Bei der zweiten Aufforderung allerdings sieht er sich gezwungen, in einer ganz langsamen Kadenz seinen Platz zu verlassen, schaut zögerlich zum nächsten Tisch hinüber, dann wieder zurück zu unserem, macht ein paar Schritte, dreht sich wieder zurück und dann macht er das, was wohl keiner erwartet hätte! Er setzt sich zwischen mich und die Lady, die am Anfang des Damentisches sitzt, und da der Platz da sehr eng – genau 40 cm breit – ist, verschränkt er zahm die Hände vor der Brust wie ein Angeklagter, der gehorsam und schicksalsergeben auf sein Urteil wartet.

    Im Namen der Gleichberechtigung

    Mir gelingt es kaum mehr, mein Lachen zu unterdrücken! Der sitzt nun ja zwischen den beiden Tischen! Für solche Fälle gibt es im Bulgarischen einen Spruch: Wer am Eck oder zwischen den Tischen sitzt, der wird nie heiraten! Nicht heiraten? Nie heiraten? Nein, das wollen wir für ihn nicht! „Die Familie ist Grundeinheit der sozialistischen Gesellschaft“, hieß es bis 1989 in Bulgarien. Also stehe ich entschlossen auf und übernehme die Verteidigung für ihn: „Meine  Damen und Herren, als Verteidigerin des hier rechts von mir gegen seinen Willen zwischen den Tischen sitzenden und zu einem Nein unfähigen netten Gentlemans plädiere ich für ‚not guilty‘!  Schauen Sie ihm bitte tief in die Augen!“ Und da mache ich einen Schritt nach vorne, um noch überzeugender zu wirken. „ Diese blauen unschuldigen Augen können nicht die Augen eines Menschen sein, der ein Verbrechen begangen hat. Also rücken wir, Frauen unterschiedlicher Nationalitäten, bitte zusammen im Namen der Gleichberechtigung, damit auch er einen rechten Platz am Tisch hat.“

    Die Gespräche verstummen. Mit tiefer Enttäuschung schauen die Ladys ein paar Sekunden lang schweigsam auf den Herrn zu, beobachten ihn prüfend, als ob er ein Golden Delicious Apfel wäre, der leider nicht angebissen werden darf, und da er kein Wort fallen lässt und wie versteinert vor sich hin blickt, nicken sie letztendlich mit dem Kopf. Erlösung für den Angeklagten! Langsam erhebt er sich und geht zu seinem ursprünglichen Sitzplatz am „Herrentisch“.

    Der Kuss

    Kaum ist er aufgestanden, schießt wie ein Pilz aus dem Boden ein anderer Bekannter, stürmt überraschenderweise auf mich, drückt mich fest an sich, küsst mich rechts und links, nimmt den soeben frei gewordenen Platz neben mich ohne Appellation an und verschränkt die Arme vor der Brust, was wie eine klare Ansage zu verstehen war! So vergehen 10, 15, 20 Minuten. Vergebens versuche ich ihm anzudeuten, dass seine Begleitung an seinem Tisch auf ihn wohl warten würde. Das scheint ihn aber kaum zu beunruhigen, und verabschieden will er sich schon gar nicht. Misstrauen packt die anderen Herren am Tisch. Vorsichtshalber trauen sie sich nicht mehr, mich anzusprechen. Also kündige ich an, dass ich nun endlich gehen werde! „Ich auch!“, ruft er mir zu. Na, so was! Vor dem Lokal schlägt er vor, mich ein paar Schritte zu begleiten. Und so, wie wir wortlos langsamen Schrittes auf der Straße gehen, sagt er auf einmal das, womit ich nie gerechnet hatte: „Ok, jetzt küsse ich dich!“, woraufhin er sich blitzschnell zu mir dreht und mich tatsächlich küsst! Perplex stehe ich da und traue meinen Augen nicht. Für diese Situation gab es keine Überlebens-Tipps in der Liste des Herrn von heute Abend, wie man hier ohne große Einbuße davonkommen kann. Auf dem Heimweg denke ich mir: So ticken also die Österreicher: Da steht auf der Agenda „Kuss heute Abend“ und die Arbeit muss sehr wohl erledigt sein. So ein tüchtiges Volk!

    Eure Neli P

  • Ungeplante Geschichte

    Ungeplante Geschichte

    An alle, die ihren Glauben irgendwo da auf der Strecke verloren haben.

    Menschen sprechen zu mir, ich hören ihnen zu. Wahrscheinlich bin ich eine ziemlich gute Zuhörerin, denn das passiert immer wieder. Menschen vertrauen mir ihre Geschichten an.

    Gestern etwa saß ein schätzungsweise über 60-jähriger Mann neben mir. Die Augen – rund herum von einem feinen Fältchennetz umrandet –, Mundwinkel traurig herabhängend. Das Jugendliche an ihm war der sorgfältig schwarz gefärbte Moustache, der kämpferisch und frech über der Oberlippe hervorstach, als ob er stellvertretend für seinen in sich zusammengesunkenen Besitzer der ganzen Welt mitteilen wollte: Es gibt mich noch! Da bin ich! Es stimmt schon, dass ein Schnurbart von der Masse abheben kann! Oder war es vielleicht das Jugendliche an ihm? Das Kind, das mir schalkhaft zuwinkt und nach dem ich bei jeder Begegnung suche?

    Zuerst zeigte mir der Unbekannte eines nach dem anderen die schönen Bilder auf seinem Handy, die seine Frau einmal gemalt haben muss, als sie es noch konnte – von ihm als Dreißigjährigem, von ihrem Hund, von seinem Sohn, von einer Szene aus dem Musical „The Cats“. Denn nun ist sie demenzkrank und in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Der Aufenthalt da kostet 6000 monatlich, einen stolzen Betrag, der gottseidank von der zuständigen Krankenkasse übernommen wird. Nun sind nur die Erinnerungen wach geblieben. Der gemeinsame Sohn ist schon selbstständig, arbeitet als Krankenpfleger, muss manchmal bis zu 18 Stunden am Tag schuften, und findet nicht mal Zeit für sich, geschweige für seinen Vater. Einmal monatlich kommt er allerdings zu Besuch. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.

    Er selbst war drei Monate lang im Krankenhaus mit der Diagnose Knochenkrebs stationiert. Die Knochenmarktransplantation hat Wunder gewirkt, und nun ist er schon seit 2 Wochen zu Hause, völlig gesund. Gesund und einsam. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.

    Ich bin sprachlos. Versuche ihm Mut zu machen. Er ist gesund, seine Frau ist am Leben, gut aufgehoben. Und wenn man das Leben von nun an als eine Chance betrachtet, dem Schicksal zum Trotz? Wenn man annimmt, dass jeder Tag die Möglichkeit, sich neu zu entscheiden, bietet, ob man noch tiefer in die Traurigkeit versinkt, oder doch das Leben wählt? Sich vielleicht für das Leben entscheiden? Jeden Morgen, immer wieder? Immer wieder, bis sich neue, noch schönere Erinnerungen speisen? Denn das Leben ist so kurz. Einen Wimpernschlag lang.

    Eure Neli P

    Hier geht es zu weiteren Begegnungen: Die Einsame Der Unbekannte Ein Rezept für Glück Gurpreet „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

  • Die Leiter als Symbol

    Die Leiter als Symbol

    „Zwei Zitronenfische und andere Sehenswürdigkeiten“, Florentin Scheicher, ab 12.05. in der Kolonie 5

    „Sind Sie der Künstler?“, frage ich den sympathischen jungen schwarzlockigen Mann in der kleinen Galerie Kolonie 5 in der Hamburgerstraße in Wien, die an diesem warmen Maiabend ihre Türen für die Kunstliebhaber wieder geöffnet hat. „Ja, ich bin’s.“

    Heute Abend hängen an den Wänden in der Kolonie 5 die Bilder von Florentin Scheicher.

    Ich führe ihn bis zum großformatigen Bild mit der schlanken Leiter drauf, vor der ich mich vorher nachdenklich aufgehalten hatte. Mich interessiert, wohin sie denn führen könnte. Ich schaue mir das Bild noch ein paar Minuten prüfend an und bin in Gedanken bei Georg Hennig, dem Geigenmeister, der zwischen den Seiten von Viktor Paskovs Migranten-Roman „Ballade für Georg Hennig“ zum neuen Leben erweckt wurde. Für den Protagonisten Georg Hennig stellt die Leiter nämlich eine Verbindung zum Gott dar – den Pfad zwischen der Kunst und dem Göttlichen, erinnere ich mich.

    Für den jungen Künstler führe die Leiter auf seinem Bild „Gedeihen und Gedingen“ außerhalb des abgebildeten Raums hin, es stehe fürs Verlassen des Raums und in dem Sinne – für den Weg zum Spirituellen. Ich frage ihn, ob seine Bilder tatsächlich nur eine Fantasiewelt widerspiegeln, wie es in der Ankündigung zu lesen ist. Nein, zweifelsohne hätten sie ihre Entstehungsgründe in der Wirklichkeit.

    Lieblingsfarbe? Petroleum. Auch im Alltag, nicht nur in den Kunstwelten. Und überhaupt, er möge die Kontraste. Auf dem Spiel zwischen den Kontrasten bauen auch seine Bilder auf. Die andere Leidenschaft, für die der Künstler brennt, sei die Musik.

    Wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, möchte ich immer wissen, was dem Menschen unentbehrlich im Leben ist – so nehme ich den kürzesten Weg, denke ich, um jemanden kennenzulernen. Für Florentin Scheicher ist die Zeit unentbehrlich, in der er sich in sich zurückziehen und mit sich selbst alleine bleiben kann, um über einiges zu reflektieren. Und unentbehrlich in der Kunst? Das sei ja die Möglichkeit zur Selbstreflexion sowie die Chancen, durch seine Kunst zu den Menschen zu gelangen, sie zu berühren und anzusprechen. Auf meine Frage, ob Kunst auch politisch sein sollte, antwortet der junge Künstler, dass jede Kunst an sich ein Ausdruck einer Meinung – ein Statement – sei, was sie gleich auch politisch mache, doch seine Werke hätten eher wenig damit zu tun.

    Eine Frage drängt sich noch auf und gibt mir keine Ruhe, bevor ich mich verabschiede, möchte ich noch gern wissen, was die Kunst heutzutage brauchen würde, um zu überleben – Self-Promoting, lautstark werden, nach neuen Wegen zu seinem Publikum suchen oder was anderes. Was sie keinesfalls bräuchte, meint Florentin, sei einen Krieg. Denn ein Kriegsausbruch bedeutete in derselben Sekunde auch ein Leiden für alle Kunstschaffende.

    Florentin Scheicher studiert an der Angewandten in Wien und ist vielleicht einer der wenigen Künstler, die um der Kunst willen malen, ohne durch die Kunst ein konkretes Ziel erreichen zu wollen. Vielleicht liegt es an seiner Jugend, wer weiß, oder auch eben daran, dass Kunst immer eine Prise Verrücktheit gebraucht hat und auch immer brauchen würde, um sich manifestieren zu können.

    Unterwegs für Euch –

    Eure Neli Peycheva

    #kunst, #kolonie5, #florentinscheicher

  • Freundschaft!

    Freundschaft!

    „Gutti und ich gingen die Treppe hinunter, er stolpernd wie der sterbende Kommunismus, ich aufrecht wie ein gut gefüllter Geldspeicher der Reichen.“ („Erster Mai“, Manfred Rebhandl, Haymon Verlag 2022, S. 72)

    Den Autor Manfred Rebhandl habe ich 2018 kennengelernt – ein reiner Zufall. Ein paar Wochen davor sind wir in Kontakt gekommen, nachdem ich – ganz zufällig! – einen seiner Texte – über Gerda Rogers – mit einem Auszug von dem wunderbaren Dimitre Dinev, den ich sehr, sehr mag („Spas träumt“) kommentiert hatte.

    Das erste Buch von ihm, das ich danach aus reiner Neugier gelesen habe – denn davor kannte ich nur einige seiner Artikel – war über Kitty Muhr – eine Frauenfigur eben. Was mir da schon in den ersten Sekunden nach dem Aufschlagen des Buchs besonders auffiel, waren die vielen Stereotypen, die von jeder sonst mit viel Witz und Ironie geschrieben Seite frech hervorblickten und festgemauert nach Bestätigung schrien. Da ich mir da was ganz anderes erwartet hatte, hat mich dieser allererste Eindruck zuerst einmal stutzig gemacht. Erst nachdem ich „Das Schwert des Ostens“ in die Hand genommen hatte, wurde mir klar, dass die Stereotypisierung der Charaktere zu einem der Verfahren zählte, die der Autor zielgerichtet und mit einer sich durch alle Kapitel durchziehenden Beständigkeit einsetzte. Dabei verfolgte er gar nicht das Ziel, die Klischees zu entkräftigen, sondern nutzte sie gewandt in allen ihren Facetten als eine nie versickernde Quelle für Schmäh und humorvollen Umgang mit den menschlichen Schwächen. Und nicht nur! Denn das, was ich hinter den Worten, den lustigen Charakteren und den Bildern, die er auch in seinen neueren Büchern malt, deutlich als immanentes Merkmal wahrnehme, sind diese Verbitterung und Gesellschaftskritik, die durch das geschriebene Wort ihren Weg nach außen zu den Menschen suchen – eine Einstellung, eine Art Verhältnis zur Realität, die den Autor ausfüllen und prägen. Wie ich schon mal geschrieben habe, erinnert er mich seinem Stil nach an Bukowski und Houellebecq: durch das nackte schonungslose Wort wird eine grotesk-witzige Situation geschaffen, in die die Figuren geraten, wobei nicht die Handlung und der Ausgang an sich so wichtig zu sein scheinen, sondern das, was im Hintergrund eingeblendet wird: das Verhältnis zur Realität: wie ist das Leben zu betrachten – als Spiel oder als eine sehr ernste Angelegenheit? Steckt hinter dem Grotesken nicht auch mal was Wahres? Sollte man sich ausschließlich auf das Schöne und Erhabene beziehen, wenn man zum Wort als Mittel zur Stellungnahme und Selbstreflexion greift, wenn etwas in der Welt draußen von Grund auf nicht stimmt?

    In den Romanwelten, die hinter den Covers von Rebhandls Büchern aufleben, kommt „der andere“ Rebhandl, l’enfant terrible, zum Ausdruck, ja und nein. Denn wenn man auch seine Artikel aufmerksam gelesen hat, versteht man, dass es doch immer wieder derselbe Rebhandl ist, seine Bücher bieten nur eine andere Ausdrucksmöglichkeit des Hauptstrangs in seinen Überlegungen an.

    Außerhalb der Romanwelten engagiert sich der Autor aktiv als KPÖ-Mitglied für die Sache, Respekt! Ich allerdings als Ex-Ostblock-Kind, wo der Kommunismus beinahe aufgebaut wurde (!), gehe sehr vorsichtig, gar misstrauisch mit allen -ismen um, manchmal finde ich diese Art Ernüchterung bei mir sogar sehr traurig: ich habe nämlich zahlreiche Beispiele erlebt, wie eine sonst schöne Idee in dem Augenblick, in dem sie zur Ideologie wird, schonungslos zur Manipulation im Namen der Masse führen kann. Aus demselben Grund bin ich ja auch parteilos, und das schließt keinesfalls meine volle Unterstützung für Ideen, an die ich glaube, aus.

    Das neu erschienene Buch von Manfred Rebhandl „Erster Mai“ setzt die Rock Rockenschaub-Serie fort. Im Vordergrund stehen zwei Morde im Wiener Gemeindebau, im Hintergrund – Kritik an die Reichen, auf die die Schuld für das fehlende Gleichgewicht im sozialen System geschoben wird. Lachen ist 100% garantiert! Und wer weiß, vielleicht löst Rock Rockenschaub im nächsten Buch auch gleich den Fall mit der Ungerechtigkeit in der Gesellschaft! Das wünsche ich ihm auf jeden Fall! Und ob es dem Autor gelingt, mehr Gerechtigkeit in die Welt draußen einzubringen? Hoffentlich!

    Eure Neli P

  • Julia Caesar

    Julia Caesar

    Irgendwie habe ich es schon immer gewusst, dass das Leben außerhalb des Universitätsgefildes nicht einfach sein wird. Das Uni-Umfeld hatte mich schon immer eine Umgebung aus Gleichgesinnten verschafft, wo man auf gleicher Welle funkte. Man war vorbehaltslos angenommen, fühlte sich gut aufgehoben und verstanden; geteilte Gedanken fanden Widerhall bei den Anderen. Es war ein schönes, warmes Gefühl der Geborgenheit.

    Außerhalb dieses heiligen Schutzbereichs der Ideen und Köpfe begegneten mir wohl oder übel allerlei andersgeartete Menschen: arrogant, zurückweisend, oberflächlich, kleinlich… Eine ganze Regenbogensammlung, aufgeschäumte bunte Gischt aus Charakteren in der Brandung der Begegnungen hatte sich blitzartig angehäuft. Ein stürmisches Menschentypenmeer, das einen anlockte und mitriss.

    In mancher Hinsicht trug das immens dazu bei, mich von meiner Naivität zu verabschieden (hurra!), fühlte sich wie eine sanfte, gutgemeinte, äußerst nötige Ohrfeige an, bei der man die Wange zahm und gehörig vorhielt, um das notwendige Übel zu erleiden, und die mich aus der Welt der Ritter des Guten hinausjagte: Die mit ausschließlich Gutem verwöhnte Prinzessin wurde nun frierend draußen vor die Tür gesetzt. Es kam allerdings auch zu völlig unerwarteten und äußerst bereichernden Begegnungen, die buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht waren, Lichtfunken, viel Dankbarkeit und Menschenliebe, aus den tiefsten verborgenen Winkeln des Herzens hinausströmend, vor allem seitens der Menschen, mit denen ich arbeite.

    Ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal freilich ist immanent, unbesiegbar und schon gar nicht auszurotten. Es schlummert da, tief in uns, materialisiert als eine Art typisch menschliche Krankheit, die gewohnheitsmäßig verschwiegen und ignoriert wird, weil sie sich in einer großen Anzahl der Fälle genau durch das gesprochene Wort unwillkürlich selbst hervortut, und die ich bei Tieren, Insekten und in der lebendigen Natur noch nie beobachtet habe: die Dummheit. Und die Bestie darf keinesfalls geweckt werden! Niemand ist vor ihr geschützt, jeder kann unmerklich in ihre Falle geraten. Eines Tages winkte die Dummheit schließlich auch mir zu, in vollster Pracht, mit Verve und Wucht. Sie hieß diesmal zur Abwechslung Julia.

    Ein schöner Abend mit live Musik in angenehmem Ambiente in einem Lokal in Wien 6. kündigte sich an. Endlich eine gute Gelegenheit, meine Freundin Rashida zu treffen und ein paar Worte mit ihr auszutauschen, dachte ich mir. Außerdem sollte die hauptsächlich für in Wien ansässige Professionals unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds organisierte Afterwork-Party mit den Klängen französischer Chansons unterlegt werden, und Französisch konnte ich in Strophen beinahe fließend.

    Auf den ersten Blick sah Julia, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, sogar ziemlich normal aus – in einem dunklen Kostüm eingekleidet, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, keine High Heels, kein Make-up, nichts Auffälliges. Über sie wusste ich gar nichts. Julia hatte sich meiner Gesprächsrunde angeschlossen, als es gerade um die Herkunft der Namen ging, eigentlich ein nicht uninteressantes Thema. Rechts und links von mir zwei Herrschaften, mir gegenüber Rashida. Da griff energisch auch Julia ein und lieferte die plausible Erklärung für das Kaiserliche an ihrem Namen, in Anlehnung an Julius Caesar. Ich hingegen war sehr glücklich, so einen kurzen und einfachen Namen zu haben. „Eine der möglichen Interpretationen für seine Herkunft geht auf die schöne Elena aus dem Trojanischen Krieg zurück“, fügte ich hinzu. Ein paar Minuten ging so das spontan eröffnete Gespräch weiter, und dann passierte eben das, worauf man im Leben halt nie vorbereitet ist: Vor meinen Augen erlebte Julia Caesar eine volle Metamorphose, die weder als ein Zeichen göttlicher Macht zu verstehen war noch mit der Verwandlung der Raupe in den Schmetterling etwas Gemeinsames hatte.

    Also stellt sie sich vor mich hin, Julia, der Herkunft nach Caesar, und so, wie sie mir zuhört, fängt sie plötzlich an, aus den Augenwinkeln rüber zu blicken, auf mich zu schielen, setzt die eine Hand in die Hüfte, und die andere lässt sie hinunterhängen. Ganz schön langsam, wie ein aus seiner Bahn hinausgeworfener Sternkörper bückt sie sich zu mir hin, kürzt den Abstand aufs Minimalste, sodass ich ihren Hauch in meinem Gesicht spüren kann, schwenkt mir androhend ihren erhobenen Zeigefinger vor die Nase und zischt mir zu: „Du, du, duuuuu….! Duuuuu, sag, dass du nicht aus Osteuropa kommst!“

    „Nein! Ich komme aus Südosteuropa! Nur ich habe mehr als nur eine Heimat! Aber bitte ganz vorsichtig mit den Stereotypen! Wir sind ja letztlich nicht hier, um uns Klischees zu bedienen, oder?“

    „Du, du, duuuuu, du, mit deinem Gesicht und so, wie du ausschaust, und mir über die Heimat erzählst..! Duuuu, du, du, duuuuu, jeder hat nur eine Heimat!!! Jeder!!! Mein Vater, wenn man ihn fragt, da kann er sofort antworten, er ist ja eben ein Österreicher!“

    „Ja, weil er sich damit identifizieren will!“, erwidere ich ihr, auch wenn ich spüre, dass diese dröhnende rollende Wortlawine nicht mehr aufzuhalten ist. Hier setzt, wie erwartet,  Julia, der Herkunft nach Caesar, mit einem Wortsturm fort, ganz rot im Gesicht, und gibt erneut dem Kaiserlichen in sich den Vorrang:

    „ Du, mit deinem Aussehen, duuuu, du hast fast keine Falten im Gesicht! Und vielleicht bist du sogar älter als ich! Du bist nach Österreich gekommen, um uns die Männer, die noch immer am Markt frei verfügbar sind, zu stehlen!!!“

    Im ersten Moment hielt ich das für einen Schmäh, denn wenn mir das Leben etwas beigebracht hatte, dann über die Klischees zu lachen, reagierte also dementsprechend, machte einen Schmollmund und wickelte sorglos eine Locke um meinen Zeigefinger um. Doch Julia schien es nicht so lustig zu sein. Sie gab nicht nach und wurde immer lauter. Ich trat zurück, schaute auf sie ein letztes Mal und das Einzige, was ich tun konnte, angesichts des niederschmetternd Kaiserlichen in ihr, das so schlagartig zum Vorschein gekommen war, war, ihr ein Luftküsschen zu schenken.

    Julia Caesar, die jeden guten Grund hatte, um glücklich zu sein – war in diesem wunderbaren Land geboren, hatte ein unerschüttertes Identitätsgefühl, und war nicht mal gezwungen, Toiletten zu putzen, wie einige neuangekommene Osteuropäerinnen  –, blieb mutterseelenalleine an der Bar stehen. Und doch war der Mangel in ihr unübersehbar. Auf einmal hatte ich so ein tiefes Mitleid mit ihr. Die Frage nach dem Warum gab mir keine Ruhe. Irgendwann, so etwa nach der siebenten Stunde kritischer Auseinandersetzung mit den Prinzipien der weiblichen Natur und dem fatalen dreizehnten starken Kaffee, leuchtete es mir auf einmal ein: Wenn eine Frau ein Problem mit sich selbst hat, ist zweifelsohne kein anderer, sondern ein Mann daran schuld! Wer denn sonst??? Ein Mann, der sich aus irgendeinem wohl völlig unverständlichen Grund geweigert haben soll, die so stark gefragte Retter-Rolle zu übernehmen. Der Retter auf dem weißen Schimmel (wenn es schon mal um Klischees gehen soll!), der Julia vielleicht auch hätte helfen können, genauso unerschüttert an ihren Selbstwert zu glauben, wie sie es an ihrer Identität tat. Also, Männer aus aller Welt, vereinigt Euch! Schenkt Euren Frauen ein bisserl mehr Aufmerksamkeit, damit sie die Bestätigung für das, was sie sind, von Euch bekommen können, wenn es anders nicht geht. Denn das Andere, der Blick in sich selbst, verlangt viel mehr als Glauben und erweist sich manchmal eine unglaublich vertrackte Aktion. Leider. Tut es bitte für mich! Ich schenke Euch ein Lächeln!

    Neli P

    *Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.

  • Es lebe die Leidenschaft!

    Es lebe die Leidenschaft!

    Wenn man dem Gefühl eine konkrete Form verleihen kann, dann ist es Benjamin Vanyek. Wir kennen schon den talentierten Schauspieler dank seiner mitreißenden Rollen in den Aufführungen von aktionstheater ensemble und haben den Akteur, der sich in seine Protagonisten dermaßen gelungen hineinversetzen kann, dass er ein Leib und Seele mit ihnen wird, des Öfteren bewundert und mit großem Respekt vor seinem Talent mitverfolgt. Sein facettenreiches Schauspiel fand dieses Mal seinen einzigartigen Ausdruck in den Interpretationen des „Großen der Großen“ – Jacques Brel – im Nestroyhof Hamakom am 15. Und 16. Oktober.

    Leidenschaft war das Wort, betonte Benjamin, das im Mittelpunkt des Ereignisses stand. Leidenschaft war auch das Gefühl, das Publikum und Schauspieler in einem unausgesprochen schönen amorphen Ganzen verband – eine Art Huldigung mit viel Pathos, voller Hingabe und starker Präsenz von demjenigen von gestern, der zu Lebzeiten bei nur Wenigen Zuspruch fand, dank dem Schauspieler von heute, der ihn nahe an die Gegenwart brachte. Brel, dem das Kleiden in Worte von inneren Gemütszuständen, die durch den Zusammenprall mit der Realität verursacht wurden, wichtiger als das Vortragen seiner Songs war, sah sich lange Zeit gezwungen, selbst auch als Sänger aufzutreten. Die Jahrzehnte danach wurden allerdings seine schonungslos kritischen Lieder immer wieder neu interpretiert und gesungen. Voller Leidenschaft war auch der bis aufs Äußerste zugespitzte Auftritt von Benjamin Vanyek.

    Kunst vereint Welten, ohne Trennlinien zu ziehen. Es gibt nichts Größeres, was über Armut und Reichtum, politischen Ansichten, persönlichen Weltauffassungen, kulturellen Besonderheiten, Altersunterschieden stehen und Welten näher aneinander führen kann: man soll sich nur der Kunst voll ausliefern können.  Dieses Voll-ausgeliefert-Sein war hautnah am herbstlichen Samstagsabend in Theater Nestroyhof zu spüren. Benjamin Vanyek brachte schauspielerische Kunst, Musik, Wort und Gefühl zu einer Symbiose zusammen. Plastisch, gefühlsbetont, zutiefst erschütternd schaffte er einen Raum zwischen Publikum und Interpreten, in dem ein untrennbares Ganzes entstand – ein Wirbel aus geteilter Leidenschaft, Liebe für Brel und Hingabe an die Kunst, ein Wir. Es braucht Mut, diesen Raum zu betreten. Mutig ist, sich vor das Publikum zu stellen und an einen der Großen so nah wie möglich zu kommen, sich in ihn voll und ganz zu versetzen. Benjamin Vanyek fehlte es keinesfalls an Mut, das zu versuchen, was schon viele Interpreten mal versucht haben: eine eigene Interpretation von Jacques Brel. Mal frivol, mal aggressiv, mal voller Pathos brannte er für die Sache:  Innenwelt und Musik, Realität und Kunst, Brel und Vanyek wurden zu einem Ganzen.

    „Das Karussell“, auf das wir alle eingeladen wurden, einzusteigen, fuhr los! „Die Bonboniere“ wurde liebevoll überreicht. Die Erinnerungen an den „Port von Amsterdam“ wurden wachgerufen. Und irgendwann, wie es eh oft in der Realität passiert, die in Brels Lieder künstlerisch wiedergegeben wird, folgte auch die Begegnung mit dem „Teufel“.  

    Das Besondere an der Intensität des Gefühls, mit der Benjamin Vanyek Brels Lieder vortrug, ist, dass sie sich nicht bändigen lässt. Wer die Leidenschaft Jacques Brels kennt und liebt, wird auch Benjamin Vanyeks Interpretationen lieben. Mit einem höchstpersönlichen Unterton, in einer äußerst ausdrucksvollen Weise gelingt es ihm, den Schauspieler und den Interpreten in sich zu Wort kommen zu lassen und Brels von allgegenwärtiger Aktualität geprägte Songs in die heutige Zeit zu verlagern. Brel lebt! Es lebe die Leidenschaft!

    Eure Neli P

  • Ich halte ihn fest!

    Ich halte ihn fest!

    Habt Ihr mal das Gefühl gehabt, jemanden gekannt zu haben vor dem realen Kennenlernen? Genau dieses Gefühl hatte auch ich damals, 2017, an der Schwelle des neuen Jahres.

    Ein paar ausgetauschte Worte, kurze Sätze, in denen sich alles um den WIENER herum drehte … – vor allem ging es darum, dass ich vor Jahren eine Doktorarbeit über das Magazin geschrieben hatte, und der WIENER gerade zum Jahresende sein Jubiläum feiern wollte, und ich wusste es schon: Diese Persönlichkeit kam mir irgendwie seltsam bekannt vor!

    In Wirklichkeit haben wir uns erst am 14.02.2018 im Prückel getroffen, er saß neben dem Klavier da, auf dem Tisch vor ihm lag das neuerschienene WIENER-Heft, das er mir später schenkte, reichte mir die Hand zum Gruß und lächelte. Nach einer Pause von 6 Jahren durfte ich schon wieder ein Heft des Magazins in den Händen halten, die Aufregung war unbeschreiblich groß, und inzwischen hatte sich vieles beim WIENER geändert – neue Herausgeber, neuer Start. Nun hatten ihn zwei Enthusiasten übernommen, die dem viel zitierten und sogar in einem der früheren WIENER-Heften erschienenen Rumis Spruch „Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt.“ treu geblieben waren. An jenem Abend sprachen wir viel: warum ich mich für Wien entschlossen hatte, und er – für den WIENER, wie wichtig es ist, mit Herz und Seele bei der Sache zu sein und seine Arbeit zu lieben, welche Rolle die Leidenschaft für die Arbeit als Antrieb spielt und wieso immer mehr Menschen vergessen, mit Verve an jede Beschäftigung heranzugehen und sich damit abfinden, statt kreativer einfallsreicher Gestalter nur gedankenabwesende Ausführer und gelähmte Beobachter des Geschehens zu sein, was man alles aufs Spiel setzen musste, um Herausgeber des einzigen Männermagazins europaweit zu sein.

    Um die Männer und dementsprechend ein Männermagazin zu lieben, muss man beide verstehen und respektieren. Das tue ich auch. Hinter der Kulisse sehe ich immer die Person so, wie sie ist, das „Mehr“, was häufig verborgen bleibt, all die Kraft, all die Bemühungen, die Faux-Pas, die Selbstüberwindung, die Opferbereitschaft, die Handlungsmotive, die Ängste… Und bewunderte schon damals diesen Menschen, der für eine Idee wie ein 20-Jähriger brannte! Niemals werde ich seine Worte vergessen: „Wie nehmen Dich als Freundin der Redaktion auf!“, und wie könnte ich nur? Er erinnert mich ja immer wieder daran, dass er da ist. Dass es ihn gibt. Freundschaft, die sich über die Jahre hinweg zieht, mir nicht einmal über „Durststrecken“ hinweg half und mir damals, bei unserem Kennenlernen am verschneiten 14. Februar ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelte – einen Anhaltspunkt für mich schaffte im winterlichen eiskalten Wien. Und wenn ich zurückblicke, dann weiß ich gewiss: Alles im Leben hat seinen Sinn, ein Schritt führt zweifelsohne zum nächsten, und wenn man den Mut hat, dem Lauf des Lebens zu vertrauen, nähert man sich langsam und kaum merklich an seinen Lebensweg und steht irgendwann doch da, wo man hingehört.

    Ich kenne keinen anderen, der besser mit Menschen umgehen kann als er. Seine Gabe, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und für jeden das passende Wort im richtigen Moment zu finden, hat mich immer erstaunt – eine Art Empathie, Menschenliebe und Sanftmütigkeit, die in Lebensfreude hinüberfließen und jedes Mal zum Strahlen kommen. Es gibt Menschen, und Menschen, sagt man. Es gibt Menschen und warme Menschen, sage ich.

    Als ich dann Jahre später am Naschmarkt vorbeiging, wo wir auf einen Kaffee verabredet waren, rief mir jemand von einem der Verkaufsstände zu: „Halte ihn fest!“ Wen? Was? Ich verstand rein gar nichts. Nun leuchtet es mir aber schon ein. Das Leben liefert alle Antworten. Einen Freund wie ihn würde ich niemals aufgeben. Niemals. Ich halte ihn fest.

  • Die Petition

    Die Petition

    „Frau Professor, kommen Sie vielleicht aus dem Iran?“

    „Nein, wieso denn?“

    „Nein??? Nicht aus dem Iran??? Die iranischen Frauen haben schöne ausdrucksvolle Augen und schlanke Figur, ich glaubte, dass auch Sie aus dem Iran kommen.“

    So hat es angefangen, meine dreitägige Vertretung in einer völlig unbekannten Gruppe. Die erste Stunde schien alles ganz o.k. zu sein, zehn Paar Augen starrten mich wie gefesselt an und nahmen jedes meiner Worte wahr: drei Frauen und sieben Männer. Es herrschte Stille. Außer meiner Stimme konnte man nur noch das Pfeifen des Windes hören, der draußen den Kampf gegen die kalte Front aus dem Westen nicht aufgeben wollte, sich gegen die Anschuldigungen, dass sein Verhalten mitten in der schönsten Jahreszeit völlig fehl am Platz war, taub stellte, und auf der Donau und in den Baumkronen austobte. Das, was aber danach passierte, versetzte mich in Staunen: Eine der drei Damen rechts hinten unterbrach auf einmal gegen die 30-ste Minute meinen Redefluss, wandte sich an die Gruppe, sagte etwas in ihrer Muttersprache. Die Anderen blickten sie an und nickten verständnisvoll mit dem Kopf. Ich fuhr vorsichtig fort. Nach der nächsten Erklärung meinerseits sprach sie von Neuem etwas aus, was eine Woge der Unruhe hinter sich brachte: Ein Anderer griff ihre Worte auf, ein Dritter schloss sich daran an, ein Vierter unterbrach sie, ein Fünfter richtete sich auf und gab ein Zeichen mit der Hand, woraufhin alle auf mich blickten und nachdenklich wurden. Es wurde still.

    Und so lief dieses für mich unverständliche Sprachspiel bis zum Ende des Tages, kaum hatte ich etwas erläutert, mischte sich eine Stimme ein, die in ihrer Muttersprache zwischen meine Worte fremde einwob. „Seltsam“, dachte ich mir, und fand es so schade, kein Wort Arabisch zu verstehen. Oder doch. Kann ich wirklich kein Arabisch? Kaffee, Gitarre, Magazin… Kef, rahat, istah… (in der bulg. Sprache übernommen). Es ging allerdings um nichts von dem, was ich schon kannte! Ein anderer geheimnisvoller Grund beunruhigte wohl meine Schüler. Sehr vorsichtig merkte ich irgendwann jedoch an, dass es unhöflich ist, wenn alle sich in einer Sprache unterhalten, die nur ich als Außenseiterin – leider – nicht verstehen kann.

    Am nächsten Tag wiederholte sich das Ganze. Gegen Ende des Unterrichts stellten sich meine drei Schülerinnen um mich herum und fragten: „Kommen Sie morgen wieder?“ „Ja, morgen ist mein letzter Tag mit Ihnen“, erwiderte ich. „Der letzte Tag??? Und dann???“ Drei paar Augen schauten mich verständnislos an. Die drei bedankten sich bei mir für den Unterricht, drehten sich um und gleich starteten sie eine heftige Diskussion mit den Anderen in ihrer Muttersprache.

    Am Tag drei löste sich endlich der Knoten auf: Kaum hatte ich den Raum betreten, zeigte die Frau aus Somalien auf: „Frau Professor, wir schreiben eine Liste.“ „Liste? Was für eine Liste? Eine Anwesenheitsliste habe ich schon.“ „Nein, eine andere Liste“, fügte die junge Afghanin von der hinteren Bank hinzu. „Petition, wir schreiben eine Petition!“, fuhr aufgeregt die Iranerin fort, die mich am ersten Tag gefragt hatte, ob ich auch aus dem Iran gekommen war und dessen Vater – wie ich später von ihr erfahren durfte – 60 000 Euro pro Kopf für sie, ihre Schwester und ihre Tochter gezahlt hatte, damit jede von ihnen ein gefälschtes Visum bekommen und Deutschland erreichen konnte, was leider bei meiner Schülerin und ihrem Kind nicht klappte. „Ja! Wir schreiben eine Petition und wir unterschreiben! Wir brauchen Sie! Wir unterschreiben! Wir wollen Sie als Lehrerin auf B1 haben! B1 ist schwierig, und Sie erklären so gut! Wir brauchen Sie, Frau Professor, verstehen Sie? Für drei Tage haben wir mehr gelernt als für vier Monate!“

    „Frau Professor“, mischten sich die Herren rechts ein, „Frau Professor, wollen Sie uns? Wollen Sie unsere Gruppe haben? Sagen Sie Ja?“

    „Ja. Ja! Es ist gegenseitig. Es ist immer gegenseitig.“ Als ich den Raum verließ, drehte ich mich einmal um: meine drei Schülerinnen verabschiedeten mich mit einem Luftbussi!

  • „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“

    „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“

    Das sind ihre Hände. Diese Hände können Hilfe anbieten oder gar Menschenleben retten. Die Hände einer Ärztin.

    Sie kenne ich seit länger als einem Jahr schon, und Ihr werdet Euch höchstwahrscheinlich wundern, wie man jemand kennen kann, ohne diese Person irgendwann getroffen zu haben. Oh ja, da kann man sehr wohl! Denn manchmal verbindet Menschen mehr als das Offensichtliche, sie werden auf eine mysteriöse Weise zusammengeführt über die Telefonleitung – den Klang der Stimme, die gemeinsam geteilten Gedanken, die ähnliche Weltwahrnehmung, die Gefühlslage –, sodass die reale Distanz plötzlich auf das Minimalste reduziert wird. Und jetzt, wo wir uns endlich umarmen konnten, bestätigt sich mein Vorgefühl: sie kann nicht nur Menschen, sondern auch Seelen retten.

    Das Leben hat sie so modelliert, wie sie jetzt eben ist. Es hat sie von dem Schein und der Eitelkeit der ein luxuriöses Leben führenden und in Selbstvergessenheit geratenen Oberschicht auf Lichtjahre entfernt. „Haben oder sein?“, würde hier Fromm die Essenz einer Lebensauffassung auf den Punk bringen. „Sein“, würde sie antworten. Denn angesichts des pulsierenden Schmerzens, der ins Bodenlose gehenden Verzweiflung, der unheilbaren Krankheit oder gar des Todes fällt einem gar nicht schwer, die Frage eindeutig zu beantworten. Und vor allem einem, der schon viel zu viel davon gesehen hat und selbst in all diesen Lebensleidensgeschichten mit involviert war. Patienten schauen sie mit Hoffnung in den Augen, als ob sie Gott wäre. Sie verstehen nur eines nicht: dass die Medizin ihre Grenzen, ihr Limit hat. „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“, fügt sie hinzu.

    Letzte Woche soll sich ein Passant gerade an ihr Auto gelehnt haben, vor Schmerz laut schreiend. Gerade sie bat ihn in ihr Auto hinein, um ihn dann bis zum Spital zu fahren. Nachdem er sich heftig geweigert hatte, etwaige Hilfe anzunehmen, hätte sie ihm ein Taxi gerufen. Eine Stunde später wurde er tot auf der Straße gefunden. Und es stellte sich heraus, dass ihn alle im Grätzel schon gut gekannt hatten, nur sie nicht, doch keiner seiner „Freunde“ wollte ihm helfen, alle hatten ihn in seinem Leid still von der Seite her beobachtet. Hm. Mit dem Konzept „Freundschaft“ muss man heutzutage mit höchster Vorsicht umgehen, denke ich mir.

    Trotz der Sackgassen und der Hindernisse in ihrem Leben, schlägt sie sich als Ärztin in Wien durch und glaubt nach wie vor, dass gerade der Glaube das ist, was uns retten würde: dass man dem Fluss des Lebens vertrauen sollte – nachdem man alles Mögliche versucht hat –, ohne zu vergessen, dass alles, wirklich alles im Leben nicht mehr und nicht weniger als eine Art Prüfung angesehen werden soll; dass Freud und Leid, Leid und Freud sich in einem ständigen Wettlauf abwechseln; dass die Hoffnung nie sterben darf, unabhängig davon, wie schwer gerade die Lage ist; dass wir vor uns selbst verpflichtet sind, das Beste für uns zu tun, da das Leben kostbar ist, wir vergessen es einfach manchmal… Und sie weiß ja sehr gut als Ärztin, dass das allererste Gespräch mit dem Patienten das entscheidende ist, da nicht jedes Leid unbedingt eine körperliche Krankheit voraussetzt, und viele glauben einfach daran, erkrankt zu haben, auch wenn der Schmerz ganz anderer Natur sei – ein seelischer nämlich.

    Wir verabschieden uns mit einer Umarmung. Ihr Glaube ist ansteckend, genauso wie das gegenseitige Vertrauen, das uns verbindet. Auf dem Weg nach Hause denke ich mir immer wieder: Da, wo die Grenzen unserer Möglichkeiten erreicht sind, genau da setzt das Schicksal ein.

  • Die Einsame

    Die Einsame

    Erika

    • Dieser Seidentop steht Ihnen so gut!
    • Oooh, danke! Falconeri! Zum ersten Mal habe ich die Modemarke in Bologna entdeckt!
    • Ich kann leider nicht mehr Klamotten mit offenem Ausschnitt tragen wegen der Altersflecken. Wissen Sie, ich bin schon 82! Früher waren es Sommersprossen, nun sind sie Altersflecken! Na, so was!
    • Nein, Sie sehen super toll aus!
    • Meine Haut ist schon schlapp und so dünn, was kann ich mit diesem Gesicht machen? Aber Sie, Sie schauen fantastisch aus! Darf ich Sie nach dem Alter fragen? Ach, nein! Danach darf man eine Frau nie fragen, aber ich schätze Sie höchstens auf 28!

    Nun muss ich schmunzeln.

    • Nein, auch ich bin nicht mehr die jüngste, und nächste Woche werde ich sogar um noch ein Jahr älter!

    So hat die Geschichte mit Erika begonnen, die sich neben mich auf eine Bank in der Innenstadt hinsetzte, während sie an ihrem erfrischenden Eis gierig leckte. Erika ist in Wien geboren, doch das sei nicht mehr jenes Wien, meint sie. „Und die Wiener sind nicht mehr dieselben“, füge ich hinzu. „Nein, gar nicht, es gibt die echten Wiener nicht mehr“, seufzt sie auf. „Stimmt, ich habe sie gesucht, brav gesucht, und nirgends gefunden. Infolge dessen entstand mein Text „Auf der Suche nach dem verlorenen Wiener“, erzähle ich Erika, wie meine Suche ins Leere geführt hatte.

    Erika und mich trennen Jahrzehnte, und trotzdem kommt es mir vor, ich habe sie schon immer gekannt und wir waren schon ewig beste Busenfreundinnen.

    • Ich habe so viele Klamotten bei mir im Schrank – vertraut es mir die modebewusste Erika an.
    • Und ich gar nicht! Ich verschenke alles, was mir zu viel ist! Die Übersicht will ich nicht verlieren – sowohl in meinem Kleiderschrank als auch in meinem Leben. Wenn ich an etwas zu viel habe, fange ich an zu ersticken.
    • Sehen Sie! Sehen Sie! Genau das ist es, deswegen bin ich krank! Ich muss mich von all diesen Fetzen, die bei mir im Schrank hängen, trennen!

    Erika ist einsam. Einmal bekommt sie eine Einladung zu einem Kaffee von den Nachbarn gegenüber. Was passiert danach? Sie sieht sie die nächsten drei Monate kein einziges Mal wieder. Kein Mensch interessiert sich für sie, und das Leben in Wien ist teuer, wie kann es sich eine Pensionistin mit so einer niedrigen Pension leisten? Sie würde gerne in einem SOS-Dorf oder in einem Kindergarten helfen – die Ersatzmütter vertreten, den Kindern Geschichten vorlesen -, tausendmal habe sie schon darauf gehofft, doch keiner nehme sie, da sie schon 82 sei.

    Sie hört sich meine Geschichte an. Das Einzige, was sie danach noch immer leise zuflüstern kann ist „Ich bewundere Sie…, ich bewundere Sie..!“

    Wir trennen uns. Ich wünsche mir, dass mir Erika irgendwann mal wieder durch den Weg läuft. Wenn ich mal wieder durch die Innenstadt laufe, werde ich unbedingt Ausschau nach ihr halten. Eine Freundin wie sie hätte ich gerne.