Kategorie: Begegnungen

  • Der Unbekannte

    Der Unbekannte

    Heute Abend eine interessante Begegnung: Es kommt jem. auf mich zu und fragt, ob ich in Wien zuhause bin. Was sollte ich da antworten? Ich bin ja an mehreren Orten zuhause, so einfach, ohne ins Detail zu gehen, konnte ich die Frage nicht beantworten, also nicke ich einfach mit dem Kopf. Seine zweite an mich gerichtete Frage ist, ob ich mich für Kunst interessiere. Ich nicke wiederum. Und dann fängt er an, mir seine Geschichte zu erzählen.

    Er kommt ursprünglich aus Villach, wo die Menschen viel wärmer und offener als die Wiener seien und besteht darauf, dass ich mindestens für 2 Tage nach Villach fahre. Seit 4 Jahren schon kämpft er ums Überleben in Wien und versucht seine Musik und Bilder zu verkaufen: „Doch wie geht das? Wenn man keinen Kreis aus Kontakten hat…“ Also entscheidet er sich, abends auf die Straße zu gehen, und Menschen anzusprechen, die „rein holistisch“ ansprechbar wären. „Die junge Lady mit der Tom Ford Brille und der Gucci Tasche würde ich nie fragen, ob sie sich für Kunst interessiert“, fügt er hinzu, da es schon klar sei, dass sie in ihrer Ego-Welt verschlossen ist und da auch bleibt. Und er hält sich bei mir auf.

    Unsichtbar, er fühlt sich unsichtbar in Wien. Ich schlage ihm vor, dass er versucht, in seinem Stammcafé seine Musik vorzutragen. „Wissen Sie, wo ich wohne? Im 10. Bezirk. Da kann ich kein Stammcafé haben“, erwidert er. Dann fällt mir ein, dass er sich an eine kleine Galerie wenden könnte, wie etwa die Kolonie 5, wo Menschen immer willkommen sind.

    Wie misst er das Geld? In Zeit. Mit 10 000 Euro kann er ein Jahr leben und die Miete zahlen, das wäre ein Jahr seines Lebens. Wenn er 30 000 hätte, würde das für ihn 3 Jahre Lebenszeit bedeuten. Er fragt mich, ob ich vielleicht bereit wäre, mir eine seiner CDs für 25 Euro zu kaufen. Da muss ich es ihm anvertrauen, dass meine Geschichte noch komplizierter ist. Dass mir eines im Leben Angst macht: die Unfreiheit, das Gefühl, ein Glied von einem System zu werden, das dich verbiegen will, und dabei muss ich immer wieder an Foucault denken! Systeme zeigen dir immer wieder, dass du ersetzbar bist, einfach ein Glied in der Kette, da verliert man langsam seine Individualität. Er an sich hat Angst, dass er die Zeit von 12 Monaten nicht überbrücken kann.

    Ich muss ihm meinerseits erzählen, dass mir jem., den ich bis vor Kurzem respektiert hatte, weil ich grundsätzlich an das Gute im Menschen glauben will, mir plötzlich eine gehässige, arrogante Mail schickte. Ja, ich muss es nur bestätigen, dass die Kluft zwischen Autor und Mensch nicht unbedingt überwindbar ist, wie das hier Manfred Klimek neulich ansprach in Bezug auf Handke. Es ist tatsächlich unser – und auch mein – naiver Glauben, dass Autoren auch unbedingt gute Menschen und hinreißende Persönlichkeiten sein sollten. Das sind aber nicht alle.

    Wir verabschieden uns. Ich wünsche meinem Unbekannten viel Glück, und vor allem, dass er da ankommt, wo er hin will. An seinem Ort.

  • WHERE IS MY WIENER???

    WHERE IS MY WIENER???

    Auf der Suche nach dem verlorenen Wiener

    Bis vor ein paar Jahren glaubte ich, dass die Gemütlichkeit als Konzept den Deutschen zuteilgeworden war, nun bin ich mir nicht mehr so sicher. Entweder ist sie dermaßen ansteckend, dass sie sich bis nach Österreich hin ausgebreitet hat, galoppierend mit der Geschwindigkeit eines globalen Phänomens, oder war sie auch hierzulande schon immer gelebt und gehuldigt. Allerdings brauchte ich lange, bis ich in Worte fassen konnte, was genau mit dem heutigen Wiener nicht stimmt. Zugegeben, ein vages Vorgefühl auf irgendwas schwebte schon immer umher, ein Vorzeichen auf ein nicht ganz deutlich wahrzunehmendes Etwas, das sich wie ein Schatten abzeichnete, der bald in einen grauen Grat hinüberzog und für ein paar Atemzüge sein sonst so perfektes Erscheinungsbild ganz zu seinen Ungunsten betrübte: der Mangel am Adligen.

    Immer öfter kam er mir vor als jemand, der innerlich litt – als ob ihm der Kern mit Gewalt herausgerissenen wurde, und trotz aller Bemühungen, die Oberschicht blank zu polieren, glänzte er nur noch mit einem falschen, trügerischen Schein. Betrogen fühlte ich mich auch in meinen Erwartungen! Jedenfalls war seine Echtheit – die ich doch anfangs immer noch zu finden hoffte, schon von vornherein weg. Das wird wohl vielen nicht gefallen, mich stimmt es auch nicht unbedingt froh, und Pauschalisierungen sind das Letzte, was ich, die vehemente Kämpferin gegen die Stereotypen, mag. Doch ich habe ein Problem, und ein Unglück kommt wie bekannt nur selten allein: Ich kann nicht lügen – jemand hätte es mir vielleicht gefälligst in der Kindheit beibringen können, hat es aber versäumt. Dieses unverzeihliche Versäumnis ist die Ursache, warum ich mir den Luxus erlaube, zu schreiben, was ich denke und zu beschreiben, wie ich die Welt wahrnehme – ein postgenetischer Defekt nämlich. Als solche bin ich auch oft unbequem, und der Wiener wusste seine Bequemlichkeit zu schätzen.

    Wie man den Wiener am besten kennenlernen kann? Ganz einfach. Indem man nichts tut und sich ihm einfach stellt. Von da an sollte man nur die Fähigkeit besitzen, detailliert zu beobachten. Große Worte, gepaart mit Kleinbürgerlichem, Existenzängste hinter der Fassade des Dandys, Versprechen ohne Wert, die nie eingehalten werden, Handlungen, die, auch wenn an sich nicht stimmig, schlicht und einfach bequem sind. Und die Quelle all dessen – diese heilige Gemütlichkeit, die den Wiener fest in den Arm genommen hatte!

    Die gute Nachricht ist, dass der Wiener nicht nachtragend ist – das behauptet er jedenfalls von sich selbst. Und tatsächlich! Mit verblüffender Leichtigkeit werden Statements gemacht, an die man sich am Tag darauf nicht mehr erinnern kann. Außerdem ist der Schmerzpegel bei ihm sehr niedrig, und überhaupt ist er sehr empfindlich – wenn er über ein Steinchen stolpert, fließen ihm die Tränen! „Wie er die Stolpersteinchen im Leben meistert?“, fragt ihr euch? Mit innerer Widerstandsfähigkeit, genannt Leugnen. Leiden ist für ihn ein Unwort, ich habe neulich gelesen, dass er sogar an die Gesellschaft für deutsche Sprache geschrieben haben und herzenszerreißend gebeten haben soll, „Leiden“ aus dem Wörterbuch zu streichen.

    Wenn der Wiener von heute wirklich Angst hat – und Ängste hat er mehr als genug -, dann vor Frauen mit Hirn. Bedroht fühlt er sich, falls er ihnen begegnet, eingeengt in seinem Existenzwert, und folglich ist er ja auch allerseits bemüht, diese unbequemen Wesen zu meiden, im besten Fall tut er so, als ob es sie gar nicht gäbe.

    Dem Wiener kann ich eh schon vieles verzeihen: die inneren Ängste, die Zerrissenheit, die Feigheit, sogar das inkonsequente Handeln, die leeren Worte, sein Zuspätkommen, die Vergesslichkeit – alles Eigenschaften, die nicht unbedingt ein Grund zum Stolz sind, trotzdem würden sie ihn kaum von den Anderen unterscheiden. Das, was ich ihm nicht verzeihen kann, ist der Mangel an Großzügigkeit, denn dafür braucht man nichts – nur groß geschnitten im Herzensbereich zu sein.

    Wenn ich mir ab und zu die Tagträumerei großzügig erlaube, taucht von mir jene Gestalt auf, die Ende des 19. Jh. in den Wiener Kaffeehäusern erhitzt philosophiert und zu den großen Themen des Tages diskutiert hat – den Wiener Intellektuellen eben –, die den starken Willen zur Veränderung gehabt haben soll, weil sie ihren Kern noch nicht verloren hatte. In solchen Momenten denke ich an jene progressiven, mutigen Querdenker, denen weder an Worten noch an Taten fehlte, wenn es darum ging, das Rad des Weltgeschehens in Bewegung zu setzen oder gar ein Teil davon zu werden. Heutzutage ist vielleicht noch immer ein Hauch vom damaligen Philosophieren zu spüren, allerdings bleibt der innere Antrieb total auf der Strecke: In Wirklichkeit tut der Wiener von heute so, als ob er das wäre, was die Welt von ihm verlangen würde, und in vieler Hinsicht wird diese Rolle professionell gespielt.

    Was dem heutigen Wiener denn fehlt? Das Adlige. Das Großzügige. Das Feinfühlige. Das, was schon beim ersten Kontakt subtil wahrgenommen und an der Ausstrahlung eines Menschen abgelesen werden kann. Es ist da oder eben nicht. Und wenn es da ist, sind alle Worte überflüssig. Überflüssig wären auch meine Zeilen hier gewesen. Ich vermisse jedenfalls jenen Wiener, dessen Lebensstil leidenschaftliche Polemik, Aufrichtigkeit und Mut zur Weltveränderung prägten. Werde ich ihn weitersuchen? Selbstverständlich! Werde ich ihn nach wie vor wachrütteln? Na, klar! Aus einem einzigen Grund: aus Liebe.

  • „Hämwieh“

    „Hämwieh“

    Nun muss ich schmunzeln, echt. Da ich mich erinnerte, wie alles begonnen hatte.

    Ich stand im Auslandsamt der Uni Jena und wartete geduldig, vor ein paar Stunden angekommen, nach der 35-stündigen Busfahrt, erschöpft und völlig desorientiert. Die Angestellte im Büro versuchte vergebens meinen Betreuer, Herrn Dr. Lösch von der Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch zu erreichen. Als er endlich abhob, zog sich das Telefonat länger als 5 Minuten hindurch, am besorgniserregten Blick der Dame konnte ich ablesen, dass etwas nicht stimmte.

    Ja, es stimmte etwas definitiv nicht. Der Betreuer, der mir zugewiesen wurde, weigerte sich mich zu betreuen. Er selbst steckte bis zum Hals in der Arbeit, und das letzte, was er sich wünschte, war eine unbekannte ausländische Stipendiatin! Schweren Herzens begab ich mich auf den Weg zur Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch. „Was könnte denn schiefgehen?“, dachte ich mir. Im schlimmsten Fall hätte ich mich selber betreuen müssen, also klopfte ich verunsichert an der Tür. In weniger als ein paar Sekunden machte ein schon etwas älterer Herr auf, mit regen funkenden Augen, schaute mich freundlich an und ließ mich rein. Nur zwei Minuten später war von seiner Distanziertheit nichts mehr übriggeblieben. Er nahm mich an die Hand und führte mich durch alle Arbeitsräume herum, um mich seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen voller Begeisterung vorzustellen – ein seltsamer Vogel sei angeflogen, meinte er, so jung und dabei schon Kollegin!

    So wurde der Anfang einer lebenslangen Freundschaft gesetzt, die ganze fünfzehn Jahre, bis zu seinem Tode dauerte. Inzwischen war ich mehrere Male aus verschiedenen Anlässen in Jena oder Weimar, wir trafen uns auf einem Kaffee und sprachen. Jedes Mal entschuldigte er sich, dass er mich nicht mit nach Hause einladen konnte, da seine Frau Ausländer nicht besonders mochte. Ich persönlich hatte mich nie während meiner Reisen als Ausländerin gefühlt, ich denke, es ist mehr eine Frage der Selbst- als der Fremdwahrnehmung. Einmal ist es so passiert, dass ich zu der Versammlung der Goethe Gesellschaft nicht fahren konnte, Herr Lösch aber war da und wartete auf mich.

    Ich bin zwar ohne Vater aufgewachsen, in meinem Leben aber tauchte immer wieder eine Persönlichkeit auf, die mich freiwillig adoptierte, mir den Weg zeigte, wenn es zu dunkel wurde oder mit gutem Wort in schwierigen Zeiten zu mir stand. So war es auch mit Herrn Wolfgang Lösch. Einmal steckte er mir sogar 50 Euro zwischen die Seiten eines Büchleins und meinte, ich sei wie eine Tochter für ihn. Dank ihm fasste ich den Mut, dialektale Lieder zu übersetzen, kaufte mir den ersten CD-Player in meinem Leben, um sie hören zu können, und verliebte mich in „Hämwieh“, was später bei mir zu „Fern-Heimweh“ wurde.

    Nach meinem damaligen Aufenthalt in Jena entstand ein Büchlein mit thüringischen Volksliedern und deren Übersetzungen. Ich werde es nie vergessen, wie ich mit der Schmalspurbahn den Berg hinauffuhr, frei wie ein Vogel, um den letzten damals noch lebendigen Volksliedersammler von thüringischen Volksliedern zu treffen. (Mein ganzes Gepäck konnte ich in einem Fach am Bahnhof abschließen.) In dieser Zeit lernte ich Christian kennen, der sich genauso wie ich rund um die Uhr in der Unibibliothek aufhielt und fleißig lernte, und er zählt immer noch zu meinen Freunden. 😘

    Eure Neli P

  • Das Geburtstagskind

    Das Geburtstagskind

    Es war gegen 19 Uhr. Ein zauberhafter Märzabend, Schneeflocken schwenkten ungeniert ihre Röckchen herum, ein eiskalter Windzug trug sie in einem Wirbelsturm hoch, brachte sie bald wieder aus der Reihe und spuckte sie ins blendend weiße Schneechaos hinein, wo sie – völlig verloren vor dem Hintergrund des alles widerspiegelnden Weißes, innerlich durchwühlt, ihre Krönchen aufrichteten. Eine Sekunde, zwei, drei… Mit einem erneuten Schwung traten sie wieder in die Reihe.  Man sagt, man braucht nicht länger als vier Sekunden, um sich ein allererstes Bild von jemandem ausmalen zu können. Die vierte Sekunde fehlte also nur noch, die einen echt hätte machen können, und das war das Geheimnis aller Schneeflocken.

    Auch mich trug der Wind mit meinem weißen Rock, der in dem Augenblick einem Fallschirm ähnelte, Richtung Café Engländer. Widerstandlos ließ ich mich dahin verwehen, wo zu der Stunde eine Geburtstagsparty stattfand und landete bald im Schneesturm safe am Tatort selbst.

    Als ich das Geburtstagskind am 1. März 2018 erstmals traf und kennenlernte, wollte es ursprünglich gar nicht glauben, dass es mich gab. Es lag wahrscheinlich genau daran, warum ich – die Unbekannte –eingeladen wurde – um diesen Irrglauben zu zerstreuen oder, wenn nicht, mich endlich einmal in Luft aufzulösen, einmal für allemal. Auch wenn ich nie das Wort „Türkis“ – seine Lieblingsfarbe (Farbton Pantone 7709) – erwähnt hatte, hielt es mich für ein ÖVP-Phantom, für ein Fake, das da war, um ihm das Leben schwer zu machen, das auch sowieso nur an der Oberfläche leicht zu sein schien, und wenn sich das Geburtstagskind was wirklich wünschte, dann – es unbedingt leicht zu haben.

    Geboren am ersten Tag von März – dem Monat, der nicht zufällig schon zwei seiner Buchstaben in seinem Namen hinterlassen hatte –, hatte sich das Geburtstagskind das Übliche – „nackte Tänzerin“ – zu seinem Geburtstag gewünscht, wie ich später schon am Tisch im „Engländer“ erfahren durfte. Da war mein dickes und wissenschaftlich ausgerichtetes Buch, das ich ihm mit einer Widmung dazu schenkte, offensichtlich fehl am Platz. Hm. Zumindest war es eine echte Widmung von einer echten Person, und keinem ÖVP-Phantom, dachte ich mir.

    Erst an jenem ersten März, spätestens als ich dem Geburtstagskind die Marteniza um das Handgelenk anlegte, leuchtet es ihm ein: „Echt! Sie ist echt!“ Diese Erkenntnis schlich sich mit der Lichtgeschwindigkeit hindurch und löste sich genauso schnell wieder auf. Man geht ja immer leichter mit erfundenen Personen um als mit echten, und – wohlgemerkt! – das Geburtstagskind wollte es leicht haben.

    „Verbündete?“, flüsterte ich zu, als ich ihm meine Hand zum Gruß reichte. „Verbündete!“, erwiderte das Geburtstagskind brav und blitzschnell, ohne viel darüber nachzudenken. (Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Nachdenken ja nur Kopfweh zur Folge hat, und das Geburtstagskind war solcher simplen, äußert brauchbaren und manchmal sogar lebensrettenden Ansätze kundig, seit dem frühen Kindesalter schon oder andersrum: seit es sich selbstständig unter dem Tisch aufrichten konnte.)

    Ein sanftes Zugehörigkeitsgefühl zog sich da hindurch, den ganzen Abend lang, dort, an jenem Tisch unter all den herrlich beruhigend summenden Stimmen der Gäste im „Engländer“. Da saß ich, vor den fröhlich schwingenden Tonlagen trunken, hörte hinein, und sie nahmen mich in ihren Bann gefangen.

    Ich verabschiedete mich als Еrste und ging, bevor die vierte Sekunde anschlug. Das war an meinem dreizehnten Tag in Wien, wo ich zu dem Zeitpunkt alles in allem nur zwei Personen kannte. Seit jenem ersten März bin ich jedoch auf einmal sehr abergläubisch geworden, ich zähle immer bis dreizehn, bevor ich zu Geburtstagspartys gehe, und erst wenn die Rechnung stimmt, sage ich zu. Denn am dreizehnten Tag werden alle Kunstfiguren lebendig und echt. Wohlgemerkt.

  • Filinjo

    Filinjo

    Manchmal, wenn ich mir denke, nein, weiter geht es einfach nicht mehr, das war’s, genau in dem Moment erlebe ich das, was das Universum als Schicksalsfügung bezeichnet, Zufall oder das erwartete Unerwartete, und das Leben nimmt wieder seinen Lauf voller Selbstvertrauen, die Freude ballt sich auf der Zungenspitze, rollt die Lippen hinunter und malt ein Lächeln, und alles wendet sich doch irgendwie zum Guten.

    Dieses Mal hat mir die Fügung Filinjo geschickt. Filinjo war das, was sich jeder wünscht, wenn man gerade in der Sackgasse steckt und verzweifelt den Blick auf die Sterne richtet. Ein Engel, würdet Ihr sagen. Ein Stern. Nein. Filinjo ist mein letzter bester Fan.

    Die Notwendigkeit, eine Fangruppe zu haben, hatte ich nie ganz verstanden, denn selbst die Vorstellung davon – von einer „Gruppe“ oder „Masse“ – rief in mir Assoziationen wach, einige davon geschichtsträchtig und stark emotionsbeladen. Das Wort Fan an sich habe ich daher nie gemocht, diese Abneigung lag auch an der Entpersonalisierung, dem Verlust der Persönlichkeit, den der Begriff versinnbildlichte. Ein namenloser Fan – ein Teil von der Masse zu sein – fand ich nie schön. Nun weiß ich jedoch wirklich nicht, wie ich Filinjo nennen sollte, ein Bekannter war er definitiv nicht, und noch weniger ein Freund. Ein Verbündeter?

    Ohne ihn zu kennen – denn in die Arbeit der Fügung möchte ich mich, die Sterbliche am geringsten einmischen, da könnte ich nur raten – wusste ich schon irgendwie aus tiefster innerer Überzeugung, dass er ein gutes Herz hatte. Geld, um einen Kurs anzufangen, hatte er hingegen gerade aufgrund der schon lange andauernden Krise nicht, aber Interesse schon. Und das Herz, die Beschaffenheit des Herzens hätte kein Geld der Welt kompensieren können, behaupten die Weisen. Freundlich und ehrenwürdig verabschiedete sich also Filinjo und zog sich zurück ohne jede Spur von Eitelkeit, entschuldigte sich sogar für die Zeit, die er mir in Anspruch genommen hatte, und am Tag danach war die Geschichte schon vergessen – dachte ich mir zumindest. Filinjo – allerdings nicht. Ganz unerwartet für mich tauchte er die darauffolgenden Tage hier und da auf, sprach Zuspruch aus, empfahl mich und mein Können energisch weiter, fand immer ein gutes Wort für mich und schickte mir ab und zu sogar eine Umarmung. Ohne Erwartungen. Einfach so. So war Filino.

    Langsam wurde es mir klar, dass Filinjo mir geschickt wurde, damit ich an diesem Wendepunkt in meinem Leben meinen Glauben an das Gute nicht verliere. Er war da, ohne sich aufzudrängen, schweigsam, mit der Aufrichtigkeit und Treue eines Kindes. Ob ich das verdient habe? Weiß ich nicht. Nun habe ich jedoch schon meine Fangruppe aus einem Fan und muss auch lernen, damit zurechtzukommen. Drückt mir bitte die Daumen! Eure Neli P

  • Spiele mir etwas vor

    Spiele mir etwas vor

    Spiele,

    spiele mir etwas vor auf deinem Piano,
    die schlummernden Noten mach munter,
    lass sie über die Schulter hinunter
    rinnen andante, volcano!

    Spiele,
    erwärme sie kurz in den Händen,
    lass sie die Finger berühren,
    lass die Noten die Tasten mal spüren,
    und die Akkorde umwenden.

    Spiele
    nun! Weder Noten aufheben
    geht, noch Noten ersetzen,
    da vom ersten Akkord bis zum letzten
    tanzen zwei menschliche Leben.
  • Günaydin, Ankara!                                                                                                                            In July, 2019

    Günaydin, Ankara! In July, 2019

    The perception of traveling as a means of self-discovery is a principal dating back as far as Herodotus. Traveling aids us to establish a comparison between the customs and the ethics we deem familiar and those of the others in order to perceive ourselves in another light, he claims. Provided the traveler manages to gather some extra courage and readiness, the voyage could be life-altering, broadening his own horizons. I enjoy taking up the perspective of a contemplator of the world and as such, I highly value silence, whose importance is rarely comprehended. Silence is essential when it comes to the art of contemplating the moment, the need to part on your own way, alone, without the slightest distractions induced by the others, which is very much a thing that intrigues me. It has nothing to do with tourism, instead it’s a way of experiencing and re-experiencing equivalent to discovering your own self. Every single time I return home I find myself a little more changed, yet a little more me.

    Traveling as part of the Erasmus program enables not only encountering your real self, but encountering others as well. This time my favorite red ballet flats took me to the University of Ankara, the capital of Turkey, seated cozily among the hills of the Anatolian plateau. The city itself seems unmeasurable, many-faced, with a population of 5.5 million people and an altitude of 900 meters, ostensible only in case you decide to trust your two feet to explore it. The moment you land at the local airport two bus agencies are awaiting you right at the exit, so don’t worry, the danger of missing the city is none.

    I was accommodated in proximity of the Maltepe metro station since the Ankara University is just a minute away. Metro stations are overflowing with security who rather often scans your luggage before you enter the metro – an extra security measure.

    The University of Ankara was founded in 1946 and represents the first university to open doors after Turkey’s inauguration as a republic by Kemal Ataturk. His full-sized portraits are omnipresent.

    The university consists of as much as 17 faculties and offers education to 70 000 students! Located on a vast green space, its many institutes and centres are positioned in various buildings. The conferences I contributed to took place in the beautiful Senate Hall.

    The Erasmus Department of the University is extremely active in every aspect, whether it is international activity, new partnerships and even supporting future partners from the European Union in initiating common projects and signing collaborative contracts. The fact, that a special mobile application allowing foreign students to obtain any needed information in relation to the study process, documentation and student life with a simple click has been developed, left a lasting impression on me. It goes as far as helping students navigate through the studying environment, cultural events, restaurants and many more! Professor Süzen, the director of the Erasmus department, makes every guest feel at home, me included, thanks to her energy and her liveliness!

    As a part of a rich and diverse cultural program, our hosts took upon themselves to organize a visit of the Mausoleum of Ataturk – Anıtkabir. A paved alley leads the way to the monument, as grass is intentionally grown in between each plate. It makes it impossible for one to stroll around without paying attention and watching their step. I was surprised to learn it was an original idea of Ataturk, something that has been recreated even here: not to forget that one should often look at the ground by walking through life! Many of Ataturk’s belongings are exhibited in his mausoleum and also a full-size copy of his figure. An astonishing view of the city is peeking through the narrow windows.

    If you ever find yourself in Ankara, you should most definitely take the time to visit the old part of the city, on foot, just like I did! It’s well worth it! You would traverse little lanes, where locals reside, filled with bridal dresses and accessories, hen’s party attires, head scarves, drapes, bracelets, markets offering everything you could think of, buzzing with the hollers of vendors asking you to check out their merchandise.

    Our promenade ends at the mosque of Hacı Bayram, built in 1427. Unfortunately for me, I failed to enter into the mosque, as a separate place is established for women. It is situated in the end of the square forth of the mosque, underground. An escalator takes you the shoe lockers, as well a designated washing area. Further along the way the space is reigned by silence and tranquility. A rose light radiates in the halls. On the side you can find the Koran, accompanied by little foldable holders and praying beads.

    In case you manage to reach the Ankara Castle, you will soon comprehend the magnitude of our connection to Turkey. A connection marked not only by the thousands of Turkish words, existing in the Bulgarian language, by our acquired tastes in coffee, by our hospitality and mentality – very often locals treated me as one of their own, as a ‘komşu’ (neighbor), the moment they learned I was Bulgarian – even by the architecture so similar to the one of our own Renaissance: the narrow paved alleys meandering up the hill towards the castle, the little artisanal boutiques tempting you with various merchandise, the pretzel vendors stationed at every corner. I even ran into a couple of honeymooners, taking pictures of themselves on the historic site as a souvenir.

    The Erasmus Week in the University of Ankara I participated in as an Erasmus Coordinator of the Philology Faculty of the University of Veliko Tarnovo and a Lecturer of Intercultural Competence for international students was extremely beneficial for me in a multitude of ways. Tons of experience had been exchanged in terms of digitalizing of the program reports. Colleagues from Ukraine and the University in Tekirdağ proved to be intrigued by the University of Veliko Tarnovo, thus clearly manifesting their amicable intentions to collaborate and sign partnership contracts in order to enable student exchanges. I, on the other hand, had the opportunity to promote to my colleagues the importance of developing an intercultural competence among foreign students and their integration to the hosting environment, as well as promoting the Veliko Tarnovo University as a study centre open to all cultures.

    Asking me what I took from Ankara, I would answer: I interiorized the rhythm and the pulse of the city, the perception of its many faces, the feeling that Ankara is a city of various extremities weaved together in a complicated scheme, for whose investigation the time would never be sufficient. I took with me the aroma of the coffee, the taste of the strong black tea, the shouts of the vendors, the look in people’s eyes whenever they gave me their seat in the metro, the generosity of our guests, the dances of the improvised hen’s party, the sun shyly rising above the slumbering city. I understood that the university milieu is marked by a feeling of belonging, the feeling that you’re at home, wherever you are. The understanding that contacts above all allow for the reestablishing of education into an interesting challenge. On another note, I got to get on the other side. I was one of the others. That’s enough for me, and what about you?

    Neli Peycheva

  • Ein Rezept für Glück

    Ein Rezept für Glück

    Vorgestern. Ja, es war vorgestern. Rasha sitzt rechts von mir. Ich schaue auf sie und sie lächelt mir zu.

    „Rasha, du kommst eh jeden Tag mit einem Lächeln auf den Lippen. Was provoziert dieses Lächeln? Wo steckt der Grund dafür? Woher schöpfst du diese Lebensfreude? Sie kommt wohl von innen, das sieht man dir an! Du schaust ja immer so grenzenlos glücklich aus!“ „Weiß ich nicht, so geboren“, antwortet Rasha und lächelt. Seltsam, denke ich mir… „Ist es ansteckend?“, fällt es mir ein. Ich lege schnell meine Hand auf Rashas Schulter und mache die Augen erwartungsvoll zu. Rasha lacht. Beim Verlassen des Raumes rufe ich ihr zu: „Und, Rasha, schreib bitte ein Glücksrezept für mich!“ „Mache ich“, erwidert Rasha und ihr Lachen erschallt. „Ich schreibe 20 Seiten! Dann werden Sie viel Stoff zum Lesen haben!“, fügt sie hinzu und lächelt. Am Tag darauf kommt Rasha mit einem wunderschönen Rosenstrauß für mich und Baklawa, stellt sich vor mich hin, schaut mir in die Augen und lächelt mir verschwörerisch zu. „Rasha, was soll denn das sein???“ Ich kann meine Überraschung kaum unterdrücken. „Glück. Ein Rezept für Glück“, flüstert sie mir ins Ohr zu und lächelt.

    Rasha ist vor 20 Jahren aus Ägypten nach Wien gekommen. Inzwischen stirbt ihr Mann. Sie hat sechs Kinder, die eine Tochter arbeitet als Flugbegleiterin bei den Dubai Airlines.

  • Gurpreet

    Gurpreet

    Bis vor meiner Ankunft hier hieß Gurpreet eindeutig Singh. Erst nach der ersten Stunde, nachdem ich jeden beim Namen aufgerufen hatte, klärte ich endlich auf, dass er mit dem Vornamen Gurpreet, und nicht Singh war. Aber damit war die Frage längst nicht erledigt.
    Alle nannten ihn beim Namen Singh, seinem Familiennamen, und sie selbst stellten sich immer mit ihrem Vornamen vor. Das Ganze machte mich sehr stutzig. Zunächst dachte ich mir, es sollten vielleicht irgendwelche religiösen Gründe dahinter stecken, dann habe ich mich jedoch vorsichtig herangetastet: „Gurpreet, können Sie bitte weiterlesen?“ Singh (so, wie ihn alle kannten), der nicht sehr gesprächig war, nickte nur mit dem Kopf. „Was??? Kein Gurpreet, Singh, Singh!“, versuchte man mich von allen Seiten her zu korrigieren. Dass Singh eh Gurpreet war, wollte keiner glauben.
    „Singh heißt eigentlich Gurpreet“, ließ ich die Bombe platzen. „Nein, nein, kein Gurpreet, Singh, Singh!“, gaben die anderen nicht nach. Und wie nur? Zwei Monate lang war er Singh! Singh nannte ich aber hartnäckig von nun an Gurpreet.
    „Singh, sind Sie Gurpreet?“, fragte ich ihn. Gurpreet nickte wieder mit dem Kopf. „Waaaas? Singh, du bist Singh, kein Gurpreet!“ Keiner wollte einen Schritt zurücksetzten. Meine Hartnäckigkeit war grenzenlos. Genauso wie ihre. Allmählich, im Laufe des Tages, schlichen sich gewisse Zweifel ein. Alle stellten sich um Gurpreet herum. Dieser und jener stupste ihn mit dem Ellbogen an: „Singh, Singh, du bist Singh, kein Gurpreet, nicht?“ Ich bin Gurpreet, antwortete Singh, seiner ganzen Schuld bewusst…
    „Ach so! Ach sooooooooo!“, lief ein langer Seufzer durch den Raum, der Singh den Vornamen zurückholte und somit seine Identität.
    So gab ich Singh seine Identität zurück und er schenkte mir die Farbenpalette. Nie vorher habe ich gedacht, dass es so viele Farben geben könnte. Jeden Tag kommt Gurpreet mit einem anderen Turban – mal hellgrün, mal lila, mal sternenblau, mal orange… Es ist kaum möglich, alle Farben, die er stolz um den Kopf herumgewickelt trägt, aufzuzählen. Besonders mag er aber Lila, Grün und Braun.
    Gurpreet ist vor 7 Monaten aus Indien nach Wien gekommen. Seine Frau, auch indischer Herkunft, ist in Österreich geboren, arbeitet bei DM und kümmert sich sehr gut um ihn.