Kategorie: Kultur

  • Ich halte ihn fest!

    Ich halte ihn fest!

    Habt Ihr mal das Gefühl gehabt, jemanden gekannt zu haben vor dem realen Kennenlernen? Genau dieses Gefühl hatte auch ich damals, 2017, an der Schwelle des neuen Jahres.

    Ein paar ausgetauschte Worte, kurze Sätze, in denen sich alles um den WIENER herum drehte … – vor allem ging es darum, dass ich vor Jahren eine Doktorarbeit über das Magazin geschrieben hatte, und der WIENER gerade zum Jahresende sein Jubiläum feiern wollte, und ich wusste es schon: Diese Persönlichkeit kam mir irgendwie seltsam bekannt vor!

    In Wirklichkeit haben wir uns erst am 14.02.2018 im Prückel getroffen, er saß neben dem Klavier da, auf dem Tisch vor ihm lag das neuerschienene WIENER-Heft, das er mir später schenkte, reichte mir die Hand zum Gruß und lächelte. Nach einer Pause von 6 Jahren durfte ich schon wieder ein Heft des Magazins in den Händen halten, die Aufregung war unbeschreiblich groß, und inzwischen hatte sich vieles beim WIENER geändert – neue Herausgeber, neuer Start. Nun hatten ihn zwei Enthusiasten übernommen, die dem viel zitierten und sogar in einem der früheren WIENER-Heften erschienenen Rumis Spruch „Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt.“ treu geblieben waren. An jenem Abend sprachen wir viel: warum ich mich für Wien entschlossen hatte, und er – für den WIENER, wie wichtig es ist, mit Herz und Seele bei der Sache zu sein und seine Arbeit zu lieben, welche Rolle die Leidenschaft für die Arbeit als Antrieb spielt und wieso immer mehr Menschen vergessen, mit Verve an jede Beschäftigung heranzugehen und sich damit abfinden, statt kreativer einfallsreicher Gestalter nur gedankenabwesende Ausführer und gelähmte Beobachter des Geschehens zu sein, was man alles aufs Spiel setzen musste, um Herausgeber des einzigen Männermagazins europaweit zu sein.

    Um die Männer und dementsprechend ein Männermagazin zu lieben, muss man beide verstehen und respektieren. Das tue ich auch. Hinter der Kulisse sehe ich immer die Person so, wie sie ist, das „Mehr“, was häufig verborgen bleibt, all die Kraft, all die Bemühungen, die Faux-Pas, die Selbstüberwindung, die Opferbereitschaft, die Handlungsmotive, die Ängste… Und bewunderte schon damals diesen Menschen, der für eine Idee wie ein 20-Jähriger brannte! Niemals werde ich seine Worte vergessen: „Wie nehmen Dich als Freundin der Redaktion auf!“, und wie könnte ich nur? Er erinnert mich ja immer wieder daran, dass er da ist. Dass es ihn gibt. Freundschaft, die sich über die Jahre hinweg zieht, mir nicht einmal über „Durststrecken“ hinweg half und mir damals, bei unserem Kennenlernen am verschneiten 14. Februar ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelte – einen Anhaltspunkt für mich schaffte im winterlichen eiskalten Wien. Und wenn ich zurückblicke, dann weiß ich gewiss: Alles im Leben hat seinen Sinn, ein Schritt führt zweifelsohne zum nächsten, und wenn man den Mut hat, dem Lauf des Lebens zu vertrauen, nähert man sich langsam und kaum merklich an seinen Lebensweg und steht irgendwann doch da, wo man hingehört.

    Ich kenne keinen anderen, der besser mit Menschen umgehen kann als er. Seine Gabe, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und für jeden das passende Wort im richtigen Moment zu finden, hat mich immer erstaunt – eine Art Empathie, Menschenliebe und Sanftmütigkeit, die in Lebensfreude hinüberfließen und jedes Mal zum Strahlen kommen. Es gibt Menschen, und Menschen, sagt man. Es gibt Menschen und warme Menschen, sage ich.

    Als ich dann Jahre später am Naschmarkt vorbeiging, wo wir auf einen Kaffee verabredet waren, rief mir jemand von einem der Verkaufsstände zu: „Halte ihn fest!“ Wen? Was? Ich verstand rein gar nichts. Nun leuchtet es mir aber schon ein. Das Leben liefert alle Antworten. Einen Freund wie ihn würde ich niemals aufgeben. Niemals. Ich halte ihn fest.

  • Ein rotes Herz – heiß und groß

    Ein rotes Herz – heiß und groß

    „Sie brauchen bestimmt ein Herz – rot, heiß und groß? Mit diesen Worten empfing mich der Clown im kleinen geheimnisvollen Allerlei-Zauber-Shop Jumbalaya, während ich mich zwischen die riesengroßen von der Decke hinabhängenden Folienherzen, Luftballons, Plüschtiere, Drachen-Masken, Pfeifen der Art „Komm und gehe“ und Girlanden mit Mühe durchschlich; er blinzelte mit den Augen, sandte mir ein paar kleine listig-funkelnde Lichtstrahlten aus den Augenwinkeln zu, musterte mich schnell vom Kopf bis zum Fuß und lächelte. Willkommen in der Welt der Mystik!

    Die Vorliebe der Bulgaren für das Mystische, in vielen Mythen, Bräuchen und Sagen verankert, ist nicht von heute. Denken wir nun an den deutlich ausgeprägten Drang, der seit Krali Marko über die Nationalkämpfer (Botev, Levski etc.) aus der Zeit der bulg. Wiedergeburt bis hin zu der Gegenwart (Zar Simeon, Bojko Borissov) hin reicht, unbedingt nach Helden zu suchen und solche notfalls – wenn keine zum jeweiligen Zeitpunkt verfügbar sind – zu etablieren. Als Helden können ja wie bekannt auch einzelne Individuen wahrgenommen werden, Figuren, die zum Zweck allerdings möglichst fern von der Realität gehalten werden – also schnell ins Potpourri des Mystischen hinein! Herumrühren, ausschütteln, und fertig!

    Als Projektion unserer Wunschvorstellungen und Phantasie sollten die Helden zweifelsohne eine Lücke schließen, uns, Hinkenden womöglich unter die Arme greifen und die ersehnte Erlösung herbeiführen, insbesondere dann, wenn wir uns völlig unfähig fühlen, über unser weltliches Dasein oder gar über uns selbst zu verfügen; wenn die Horizonte des noch vor der Geburt von den Zauberfeen versprochenen guten Lebens sich immer weiter zu entfernen scheinen und die Hoffnungslosigkeit doch irgendwann die Oberhand gewinnt; wenn Vergangenheit und Gegenwart ineinander hineinströmen, in der Form eines vage wahrnehmbaren Gespenstes und dabei einem langsam die Fähigkeit entrinnt, klar zu definieren, in welchem Zeitabschnitt man reell lebt. Denn das Leben an sich stellt eine ewige Vorbereitung auf das Leben selbst dar, nicht?

    Wird die eifrige Suche nach Helden, verpflichtet mindestens eine Heldentat zu vollbringen, von der Stufe unserer Entwicklung als Nation bedingt? Das Gefühl eines permanenten Sich-im-Kreis-Drehens, provoziert durch den unliebsamen niedrig effizienten Alltag in Bulgarien, was allerdings seine Gründe nicht nur in der Realität selbst, sondern auch in der Nationalpsyhologie hat (ein bulg. Sprichwort besagt „Arbeite umsonst, nur sitze bitte nie unbeschäftigt herum!“) ist gerade im Jetzt nicht leicht zu verdauen.

    In den primitiven Gesellschaften, so Kluckhohn (Kluckhohn, C.: „Spiegel der Menschheit. Die Beziehung der Anthropologie zum heutigen Leben“, Zürich 1951, S. 43) ist die Beziehung zwischen den Gewohnheiten des Einzelnen und den Sitten der Gemeinde deutlicher zu spüren, das Glück wird eh in der Verwirklichung „höchst verwickelter kultureller Schablonen“ gesucht, Veränderungen verlaufen langsamer, daher erfreuten sich primitive Gesellschaften größerer Stabilität im Vergleich zu modernen Kulturen (ebd.). Die Rückständigkeit der bulgarischen Gesellschaft ist leider ein Faktum, nicht im Denken, sondern im Handeln spürbar, geschichtlich durch das 500-jährige Osmanische Joch begründet, und diese aus Selbstmitleid zu verschweigen, wäre irgendwie unangebracht, insbesondere für jemand, der sich auf der Suche nach der Wahrheit begeben hat, da die Wahrheit, auch wenn verschwiegen, keinesfallt von ihrem Wahrheitsgehalt einbußt.

    Seit der demokratischen Wende in Bulgarien sind die Helden unter der Masse zu suchen, jeder kann auch heute noch ein Held sein, je nach dem, was gebraucht wird, und morgen schon wieder in Vergessenheit geraten. Es kostet nicht viel Kraft, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, um eine mysteriöse Gestalt aufzubauen.

    „Vergessen Sie nicht die Vergangenheit und ehren Sie die bulgarischen Helden, damit Sie überhaupt eine Zukunft haben können!“ (bg- Übers. – N.P.: http://www.forum.bg-nacionalisti.org/index.php „Помнете и почитайте българските герои, помнете миналото, за да имате бъдеще!“). Die Parole des bulgarischen Nationalisten-Forums weist auch in eine andere Richtung hin: die Gegenwart ist bis auf die Null entwertet, was zählt, ist der Blick in die gloriose Vergangenheit und der Gedanke an die Zukunft. Dies macht alle im Jetzt verankerten Versuche, die Gegenwart doch ein Leben einzuhauchen und zum Positiven zu ändern, sinnlos. Und wozu denn? Es gibt sie immer noch, die Helden, die uns, ähnlich wie es dem Burschen in jenem bulgarischen Märchen ergeht, als er nach der „Not“ ruft, immer zur Hilfe kommen. Aus dem Bündel von Eigenschaften, mit denen der Held von heute ausgestattet sein sollte, ragt eine besonders hervor: An erster Stelle sollte er ein gemäßigter Pessimist sein, zu viel Optimismus würde es nämlich verhindern, das angestrebte Heldentum-Niveau zu erreichen!

    Die Wahrscheinlichkeit also, dass der Hll. Valentin am heutigen Tag jemanden rettet, ist eher gering. Einfach, weil er Wichtigeres zu tun hat – z.B. seinen Heiligenschein blank zu putzen. Und, übrigens, am 14. Februar feiert man in Bulgarien den Tag des Winzers! Prost, meine Lieben!

    Prost zum Tag des Winzers!
  • Ein Rezept für Glück

    Ein Rezept für Glück

    Vorgestern. Ja, es war vorgestern. Rasha sitzt rechts von mir. Ich schaue auf sie und sie lächelt mir zu.

    „Rasha, du kommst ehe jeden Tag mit einem Lächeln auf den Lippen. Was provoziert dieses Lächeln? Wo steckt der Grund dafür? Woher schöpfst du diese Lebensfreude? Sie kommt wohl von innen, das sieht man dir an! Du schaust ja immer so grenzenlos glücklich aus!“ „Weiß ich nicht, so geboren“, antwortet Rasha und lächelt. Seltsam, denke ich mir… „Ist es ansteckend?“, fällt es mir ein. Ich lege schnell meine Hand auf Rashas Schulter und mache die Augen erwartungsvoll zu. Rasha lacht. Beim Verlassen des Raumes rufe ich ihr zu: „Und, Rasha, schreib bitte ein Glücksrezept für mich!“ „Mache ich“, erwidert Rasha und ihr Lachen erschallt. „Ich schreibe 20 Seiten! Dann werden Sie viel Stoff zum Lesen haben!“, fügt sie hinzu und lächelt. Am Tag darauf kommt Rasha mit einem wunderschönen Rosenstrauß für mich und Baklawa, stellt sich vor mich hin, schaut mir in die Augen und lächelt mir verschwörerisch zu. „Rasha, was soll denn das sein???“ Ich kann meine Überraschung kaum unterdrücken. „Glück. Ein Rezept für Glück“ flüstert sie mir ins Ohr zu und lächelt.

    Rasha ist vor 20 Jahren aus Ägypten nach Wien gekommen. Inzwischen stirbt ihr Mann. Sie hat sechs Kinder, die eine Tochter arbeitet als Flugbegleiterin bei den Dubai Airlines.

  • Gurpreet

    Gurpreet

    Bis vor meiner Ankunft hier hieß Gurpreet eindeutig Singh. Erst nach der ersten Stunde, nachdem ich jeden beim Namen aufgerufen hatte, klärte ich endlich auf, dass er mit dem Vornamen Gurpreet, und nicht Singh war. Aber damit war die Frage längst nicht erledigt.
    Alle nannten ihn beim Namen Singh, seinem Familiennamen, und sie selbst stellten sich immer mit ihrem Vornamen vor. Das Ganze machte mich sehr stutzig. Zunächst dachte ich mir, es sollten vielleicht irgendwelche religiösen Gründe dahinter stecken, dann habe ich mich jedoch vorsichtig herangetastet: „Gurpreet, können Sie bitte weiterlesen?“ Singh (so, wie ihn alle kannten), der nicht sehr gesprächig war, nickte nur mit dem Kopf. „Was??? Kein Gurpreet, Singh, Singh!“, versuchte man mich von allen Seiten her zu korrigieren. Dass Singh eh Gurpreet war, wollte keiner glauben.
    „Singh heißt eigentlich Gurpreet“, ließ ich die Bombe platzen. „Nein, nein, kein Gurpreet, Singh, Singh!“, gaben die anderen nicht nach. Und wie nur? Zwei Monate lang war er Singh! Singh nannte ich aber hartnäckig von nun an Gurpreet.
    „Singh, sind Sie Gurpreet?“, fragte ich ihn. Gurpreet nickte wieder mit dem Kopf. „Waaaas? Singh, du bist Singh, kein Gurpreet!“ Keiner wollte einen Schritt zurücksetzten. Meine Hartnäckigkeit war grenzenlos. Genauso wie ihre. Allmählich, im Laufe des Tages, schlichen sich gewisse Zweifel ein. Alle stellten sich um Gurpreet herum. Dieser und jener stupste ihn mit dem Ellbogen an: „Singh, Singh, du bist Singh, kein Gurpreet, nicht?“ Ich bin Gurpreet, antwortete Singh, seiner ganzen Schuld bewusst…
    „Ach so! Ach sooooooooo!“, lief ein langer Seufzer durch den Raum, der Singh den Vornamen zurückholte und somit seine Identität.
    So gab ich Singh seine Identität zurück und er schenkte mir die Farbenpalette. Nie vorher habe ich gedacht, dass es so viele Farben geben könnte. Jeden Tag kommt Gurpreet mit einem anderen Turban – mal hellgrün, mal lila, mal sternenblau, mal orange… Es ist kaum möglich, alle Farben, die er stolz um den Kopf herumgewickelt trägt, aufzuzählen. Besonders mag er aber Lila, Grün und Braun.
    Gurpreet ist vor 7 Monaten aus Indien nach Wien gekommen. Seine Frau, auch indischer Herkunft, ist in Österreich geboren, arbeitet bei DM und kümmert sich sehr gut um ihn.

  • Wo endet Europa?

    Wo endet Europa?

    Überlegungen in Zeiten des Coronavirus aus dem Balkan

    Irgendwo da, zwischen der Sicherheitskontrolle und dem Gate am Flughafen Wien endet Europa. Zumindest dieses, von dem wir alle träumen.
    Auch die Durchsagen, 2m Abstand zu halten, verstummen da. In der Maschine von Bulgaria Air, dicht aneinander gepresst, werde ich langsam vom bitteren Beigeschmack überfallen: war das doch nicht ein Fehler, ein Schritt in ein feindseliges Territorium? Wo will ich denn hin? Fängt da, in diesem Flugzeug nach Sofia, eine parallele Welt an? Oder kommt man da endlich in die wirkliche an? Meine Tochter drückt sich an mich, da der Mann neben ihr hustet. Bisher hat sie immer Abstand gehalten wegen meiner Autoimmunschwäche und die Nähe zwischen uns war die letzten Tage bis auf Luftküsschen reduziert. Nach kurzer Überlegung wechselt sie den Sitzplatz.
    Am Flughafen in Sofia füllen wir die Erklärungen mit den Personalangaben aus, die einer der Stewards mit eiserner Feldwebelstimme verteilt und uns streng darauf hinweist, dass uns 1 Jahr Freiheitsentzug droht und bis zu 5000 Lewa Geldstrafe, falls wir die Quarantäne nicht einhalten. 5000 Lewa? So eine Summe habe ich noch nie in meinem Leben gesehen, die flößt ja richtig Respekt ein! Da sehe ich gleich das folgende Bild: Ich – nein, nicht gerade ich, sondern mein anderes Ich bricht von zuhause aus. Und da mein Ich die 5000 nicht zahlen kann, verbringe ich das nächste Jahr in einem bulgarischen Gefängnis. Werde ich da einen Laptop haben? Zumindest Papier zum Schreiben??? Am Rest seiner Worte erinnere ich mich kaum. Es ist seine Stimme, die tief eingeprägt bleibt und mich an die Zeiten einer Diktatur erinnert, als das Menschliche zu Tode verurteilt war. Wir warten. Warten wir auf Godot? Wir warten ungefähr 2 Stunden, bis die Erklärungen eingesammelt werden und unsere Temperatur wortlos gemessen wird. Ich friere. Es ist mir kalt, nicht nur wegen der Außentemperatur von 0 Grad. Es ist mir kalt ums Herz. Und es ist mir schon scheißegal, ob ich krank oder gesund bin, ich will nur nach Hause. Vergebens suche ich nach einem Funken in den Augen. Das Gefühl, ohne Schuld eines Verbrechens beschuldigt zu sein, schleicht sich langsam durch. Gegen 4:30 Uhr in der Früh erreichen wir endlich Veliko Tarnovo.
    Es stimmt schon, was man hier im Volksmunde sagt: Mein Haus ist mein Tempel. Zu 90% besitzen die Menschen ein Eigentum und fühlen sich da sicher und geschützt. Sicherer als woanders, in einem Staat, der keinen Schutz bietet. Auch ich verspüre gar keine Lust meine vier Wände zu verlassen. Nun habe ich endlich viel Zeit, mich an die Wand zu stellen: sowohl über Vergangenes, als auch über Künftiges nachzudenken…
    Reich? Nein. Ich war nie reich und werde nie reich sein. Oder doch? Nein, das ist doch klar und gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit für alle, die wie ich aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich kommen. Selber schuld. Vor vielen Jahren, mit 17, als mir der Titel Schönheitskönigin vor 4000 Anwesenden im Kulturpalast in der Hauptstadt verliehen wurde, und ich erst ein Jahr später feststellen musste, dass ich den Preis von den damaligen 35 000 Lewa, vorgesehen für mein Studium in Deutschland, nie bekommen würde, wurde mir von der Stellvertreterin des Sparkassenvorgesetzten in Sofia einen Deal angeboten: ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. In dem Fall hätte ich als ausgezeichnete Schülerin Stipendiatin der Sparkasse werden können, mit guten Chancen am gegenwärtigen Arbeitsmarkt. Das Angebot lehnte ich ab. Träume gegen einen Deal aufzugeben? Niemals. Also selber schuld.
    Da erinnere ich mich etwa, wie ich mir vor ein paar Jahren als schon mehr oder weniger Etablierte in meinem Beruf 2 Exemplare meines Lehrbuchs kaufen sollte, das im Uni-Verlag erschienen worden war. Von Honorar war gar nicht die Rede. Wörterbücher verfassen? Um der Sprache willen, um eine Spur zu hinterlassen. Vier Jahre in ein Buch investieren, um dann festzustellen, dass es hier fast keine Verbreitung fände, da es auf Deutsch geschrieben war. Dabei immer von einer Kraft nach vorne getrieben, die Berufung genannt wird.
    Bücher. In einer Zeit, wenn man hierzulande vor allem ans Überleben denkt. Wann wird die Zeit kommen, wenn ein immaterielles Produkt einen genauso hohen Stellenwert haben wird wie ein materielles? Welche Überlebenschancen hätten Bücher hier? Und was wird nun mit all jenen, deren Arbeit nicht an etwas Materiellem, sondern eher an einem geistigen Produkt gemessen wird? Da muss ich von vornherein deutlich machen, dass weder Geisteswissenschaftler, noch Freiberufler, noch Kulturschaffende hierzulande mit Unterstützung seitens des Staates rechnen können. Es ist mir auch nie durch den Kopf gegangen, im Falle einer Arbeitslosigkeit zum Arbeitsamt zu gehen, da man mit dem Arbeitslosengeld sterben, aber nicht über die Runden kommen kann.
    Wieso habe ich das Gefühl, dass ich in einem Ort gelandet bin, wo ich nicht genau weiß, wovor ich mehr fürchten soll? Vor dem Coronavirus oder vor der Zukunft? Das, was mir am meisten Angst einjagt, ist die schwindende Menschlichkeit. Für ihr Fehlen habe ich leider sehr feine Rezeptoren.
    Die Überzeugung, dass das Land in puncto e-government massiv hinter der allgemeinen europäischen Entwicklung hinterherhinkt, wurde jedoch in Zeiten des Coronavirus von Grund auf erschüttert, als ich in den Nachrichten gesehen habe, wie Menschen in einem der Romaviertel mithilfe von Drohnen aus der Luft darauf aufmerksam gemacht werden, Abstand voneinander zu halten. Dass hier keiner eine Gesundheitskarte hat und es unmöglich ist, online Rezepte zu bestellen oder den Arzt zu kontaktieren, wurde dann irgendwie ausgeblendet! Letztlich will man an das Gute glauben!
    Bei Fernsehinterviews halten sogar prominente Journalisten keinen Abstand zu den Menschen, von den Menschenmassen gar nicht zu reden. Und vorgestern erschienen zwei Abgeordnete im Parlament in Schutzkleidung, neben dem Romaviertel Stolipinovo sei das Parlament nämlich der einzige Ort, behaupteten sie, der sich an die Vorschriften im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie noch nicht hält. Das darauffolgende zweistündige Debattieren war alles andere als ein Zeichen der Solidarität. Bleibt das bulgarische Parlament das einzige europaweit in diesen schweren Zeiten, frage ich mich, in dem die Abgeordneten ihre Persönlichkeiten über die nationalen Interessen stellen und alles dermaßen persönlich nehmen, dass sie fast vergessen, warum sie vom Volk gewählt worden sind?
    Heute endlich nach glutenfreiem Brot gefragt, da die Baguette, die ich mir am Flughafen Wien kaufte, bald zu Ende ist. Nein, so was gibt es hier nicht. Aber glutenfreies Mehl kann man bei Metro finden, beruhigte mich eine Bekannte. Von laktosefreien Produkten weiß sie noch nicht so genau. Zum Glück gibt es nun genug Online-Videos, vielleicht kann ich inzwischen auch einen Online-Kurs Brotbacken absolvieren!
    Nicht vor dem Verhungern habe ich Angst, sondern vor der geistigen Verarmung.
    In solchen Zeiten, sagt man aber, muss man mit beiden Füßen fest am Boden bleiben. Morgen fange ich also mit dem Hometraining an. Zumindest Muskeln kann ich eines Tages der Welt zeigen, nach dem Abklingen der Krise, wenn ich bis dahin in meinem Mut geschwächt bin.
    Ich richte den Blick hoch in den azurblauen Märzhimmel. Was bleibt mir also übrig? Mich in meine Welt hinter meine vier Wände zurückzuziehen und von einer guten Zukunft zu träumen. Das Träumen kann mir ja keiner wegnehmen.