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  • Links, rechts, vorwärts…

    Links, rechts, vorwärts…

    SPEED (kills content)

    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble.
    In Kooperation mit Spielboden Dornbirn und Theater am Werk, Wien
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    Links, rechts, vorwärts… Die Bewegungen, die das Ensemble auf der Bühne vollzieht, wirken wie eine choreografierte Übersetzung unserer gesellschaftlichen Zerrissenheit. In der neuen Produktion „Speed“ des aktionstheater ensemble im Theater am Werk entfaltet sich ein Abend, der zugleich rasant, humorvoll, scharf beobachtet und tief berührend ist.

    Das Ensemble bleibt seinem Markenzeichen treu: unerschöpflicher Witz, präzise Ironie und eine entwaffnende Offenheit, die das Publikum unmittelbar erreicht. Diese Schauspielerinnen und Schauspieler sind längst mehr als nur Darstellende – sie sind ein Spiegel, ein Korrektiv, ein Resonanzraum unseres eigenen Herumirrens im hektischen Takt der Gegenwart.

    Zeynep eröffnet den Abend mit einer Episode über das Sammeln von Bonuspunkten, die plötzlich wertlos werden. Eine kleine Alltagsgeschichte, die sich als treffende Satire auf unsere Konsumabhängigkeit entpuppt. Ihr ironischer Blick zwingt uns, über unsere eigenen Gewohnheiten zu schmunzeln – und uns gleichzeitig zu fragen, wie manipulierbar wir eigentlich sind.

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    Thomas wiederum wirft beiläufig die Bemerkung ein, dass „alle seine Freunde schwer depressiv“ seien. Der Satz steht im Raum wie ein Schlaglicht auf eine Generation, die zwischen Überforderung und Orientierungslosigkeit pendelt.

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    Zeyneps Erzählung über Sozialleistungen, Kirstins Darstellung der Ehefrau, die gleichzeitig die Arbeit der Putzkraft übernimmt, oder Benjamins Erinnerung an die Verehrung seiner Großmutter für Kaiserin Zita – all diese Geschichten zeichnen ein Panorama gesellschaftlicher Rollenbilder, nostalgischer Mythen und alltäglicher Absurditäten.

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    Tamara sorgt mit ihrem bewusst provokanten Auftritt und dem Satz „Ich probiere mal, nicht im Mittelpunkt zu stehen“ für schallendes Gelächter. Ihre Episode über den Möhrenkuchen, der im Café Prückel selbstverständlich „Karottentorte“ heißt, wird zur liebevollen Parodie auf österreichische Sprachstarrheit und kulturelle Eigenheiten.

    Isabellas Bericht über elf Wohnungswechsel, Kirstins Begeisterung für japanische Popkultur, Benjamins Kindheitstraum, Stationssprecher zu werden – jede dieser Miniaturen öffnet ein Fenster in persönliche Lebenswelten, die zugleich exemplarisch für viele stehen.

    Auch die Frage nach Identität und Tradition wird nicht ausgespart: Tamara weigert sich, ein Dirndl zu tragen – „Da schäme ich mich zu Tode“ –, und verweist damit auf die komplexe Beziehung zwischen jüdischer Herkunft, kultureller Identität und österreichischer Folklore. Thomas’ Erwähnung seiner „Nazi-Oma“ erinnert daran, dass manche Schatten der Vergangenheit noch immer nicht verschwunden sind.

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    Die Hysterie rund um gesunde Ernährung, die Thomas anhand von Benjamin karikiert, bringt den Saal erneut zum Beben. Vielleicht, weil wir uns alle ein wenig darin wiederfinden.

    Zwischen philosophischen Miniaturen über Einsamkeit und Glück, zwischen dem Wunsch zu verschwinden und der Unmöglichkeit, nicht aufzufallen, entsteht ein Abend, der gleichermaßen zum Lachen, Nachdenken und Wiedererkennen einlädt.

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    Begleitet vom pulsierenden Rhythmus der fantastischen Live-Band bewegen sich die Darstellerinnen und Darsteller unablässig über die Bühne. Die Projektionen im Hintergrund verstärken das Gefühl, dass sie – und wir – ständig in Bewegung sind. Rastlos. Suchend. Verletzlich. Nackt.

    So werden sie uns nah, fast intim.

    „Speed“ ist eine farbenreiche Collage aus persönlichen Geschichten, gesellschaftlichen Beobachtungen und humorvoller Selbstreflexion. Das Publikum erkennt sich in vielen Momenten wieder – in den Schwächen, den Ängsten, den kleinen Fluchten des Alltags.

    Wie die Schauspieler rennen auch wir weiter: mal entschlossen nach vorne, mal zögerlich zurück, mal nach links, mal nach rechts. Ob wir die Welt retten können? Oder wenigstens uns selbst? Vielleicht nicht. Aber der Versuch, darüber nachzudenken, ist bereits ein Schritt – und dieser Abend lädt uns ein, ihn zu gehen.

    Am 16. Januar durfte ich diese neue Produktion im Theater am Werk erleben. Ein Abend, der mitreißt, erschüttert, zum Lachen bringt und berührt. Ein Ensemble in Hochform. Und die Gewissheit, wie sehr wir dieses Theater brauchen, um uns immer wieder neu zu finden, nachdem wir uns verloren haben.

    Eure Neli P

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne, Kostüme: Valerie Lutz | Musik: Andreas Dauböck| Video: Resa Lut | Regieassistenz: Sanna Hufsky | Regiehospitanz: Salome Seidl | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser Mit: Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek sowie Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol
  • Unsere Welt

    Unsere Welt

    Ragazzi del Mondo. Nur eine Welt

    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble

    In Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz und dem Theater Kosmos. In Kooperation mit Theater am Werk, Wien.

    Ab Mi. 11. Juni im Theater am Werk, Wien, sowie ab Do. 26. Juni im Theater Kosmos Bregenz – im Rahmen des internationalen Festivals Bregenzer Frühling zu sehen.

    Aktionstheater ensemble ist die Theaterkompanie, die ich mit angehaltenem Atem erwarte. Ich zähle die Tage, frage mich, ob ich nicht einmal nach Bregenz fahren sollte – zu der Stadt, mit der das aktionstheater tief verbunden ist –, um mehr zu spüren, noch mehr zu erfahren. So groß ist meine Begeisterung. So fesselnd und mit solch einer Leidenschaft spielen diese außergewöhnlich talentierten Schauspieler*innen, die im Herbst am New Yorker Broadway erwartet werden. Mit einem faszinierenden, humorvollen und selbstironischen Ton tragen sie die gesamte Last der schonungslosen Aufrichtigkeit auf ihren Schultern – und präsentieren diese durch eine eindringliche und meisterhafte Darbietung auf der Bühne. Noch größer wird meine Ungeduld, je mehr ich mich in dieser Zeit, in dieser Welt verliere, je mehr Wahrheiten um mich herum verschwiegen oder ignoriert werden, je stärker Systeme den Druck erhöhen, je mehr autoritäre Ansätze – auf jeder Ebene – mein Gefühl für Demokratie und Freiheit verdrängen, je enger es wird.

    Am 13. Juni präsentierte das mehrfach ausgezeichnete aktionstheater ensemble sein neuestes Stück Ragazzi del Mondo in Wien, wie schon seit Jahren traditionell im Theater am Werk. Vor dem Hintergrund der globalen politischen Lage, der Bedrohung durch bewaffnete Konflikte, der Verdrängung demokratischer Werte durch rechten Radikalismus, dem Straucheln im Alltagsbanalen und dem Verlust von Orientierung zeigt das aktionstheater ein Kaleidoskop von Perspektiven, Meinungen und Charakteren. Ist die Welt, die ich „meine“ nenne, wirklich auch die einzige?

    Von der Bühne begrüßen uns diese „Ragazzi del Mondo“ – erschöpft, in staubiger Kleidung – Wanderer, Reisende, die durch die Welt schreiten, dabei die Welt in sich tragend.

    Ist es wirklich der perfekte Geschenkgedanke, eine Waffe zu verschenken, wie es die Webseite Euroguns, die „Schnupperschießen“ anbietet, beschreibt und von Thomas zitiert wird? Was fühlt man, wenn man eine Waffe in der Hand hält, wenn man abdrückt? Diese Fragen diskutieren die großartigen Schauspieler*innen, die uns bereits aus anderen Stücken der Theatertruppe wohlbekannt sind. Und wie steht es mit dem Töten eines Tieres und dessen Opferung, wie etwa bei Zeyneps Maturafeier in der Türkei – ein Ritual, das als Geste des Wohlwollens betrachtet wird? Wird ein Opfer freiwillig zum Opfer, so wie die Ziege ihren Kopf senkt und darauf wartet, zum Opfer zu werden? Macht unsere Passivität uns selbst zu Opfern, fragen wir uns, das Publikum. Genau in diesem Moment, als all diese Fragen in mir aufkommen, fasst Benjamin mit seiner klaren Feststellung zusammen: „Man darf sich nicht immer zum Opfer machen.“

    Die Puppe, die Thomas in den Händen hält, verkörpert einen bewaffneten Menschen, bereit zum Handeln. Es scheint, als wären Thomas und die Puppe untrennbar miteinander verbunden – er trägt sie wie eine Waffe vor sich her.

    Zeyneps Schmerz, ausgelöst durch die politische Situation in ihrem Heimatland der Türkei, und ihre durchdringende Besorgnis scheinen für die Anderen weit weg zu sein – als ginge es sie nichts an, als lebte jede*r nur in seiner eigenen Welt.

    Isabellа besteht auf Objektivität. Die Sensibilität, die sie als charakteristisch für sich betrachtet, fasst Kirstin als eine allgemeine Charaktereigenschaft zusammen: Jeder sei sensibel.

    Benjamin, in der Rolle des Mediators, der Konflikte entschärft und Spannungen im Namen des guten Tons abbaut, fasst zusammen: „Es geht um das Miteinander.“

    Selbst die Bühnenchoreographie – energische Schritte, Arme, die sich immer wieder schützend vor der Brust verschränken, Blicke, die hektisch umherwandern auf der Suche nach dem richtigen Weg und einer Orientierung – verkörpert eindrucksvoll die Idee des Verlusts von Orientierung und Vision. Bewegung – in Gedanken, Emotionen und in den Landschaften der eigenen Vorstellungen – findet ihren Ausdruck sowohl in den Tanzschritten als auch in den kraftvoll geladenen Beats der Musik von Andreas Dauböck. Gruppen bilden sich, ihre Zusammensetzung wandelt sich ständig, je nachdem, wer sich gerade auf welche Seite und gegen wen stellt. Die Parallele zu den sich schnell verändernden politischen Farben und Loyalitäten ist unübersehbar.

    Von den Projektionswänden rund um die Bühne blicken uns Gesichter entgegen – vor Schreck verzerrt, mit weit aufgerissenen Mündern, als würden sie stumm um Hilfe schreien. Uns  marschieren disziplinierte und bewaffnete Armeen in perfektem Gleichschritt entgegen. Sie vermitteln das Gefühl einer Kriegssituation.

    In einer Welt, in der jede*r seinen Platz finden kann, solange gewisse Grenzen eingehalten werden, erklärt Benjamin entschieden: „Ich will nicht mit Nazis und Faschisten zusammen sein.“

    Obwohl Thomas nur eine einzige Vision für sich selbst skizziert – das Fliehen, falls ein Krieg ausbricht – führen die Überlegungen, wo woanders denn Platz auf der Welt für uns sein könnte, ins Nichts. Es scheint kein anderes „Wo“ zu geben, als genau hier – genau dort, wo wir immer waren.

    Das Thema Schuld wird in einem sehr intensiven und emotional aufgeladenen Moment behandelt, der das Publikum in ergriffenes Schweigen hüllt: Thomas ist wie erstarrt, weil er den letzten Wunsch seiner Großmutter nicht erfüllen konnte.

    Kirstin thematisiert Konformität – die fehlende Bereitschaft, anders zu sein oder Stellung zu beziehen, als sie erzählt, wie sie über eine Leiche am Eingang eines Geschäfts steigen musste und dabei versuchte, an ihre Einkäufe zu denken: „Ich habe versucht, das zu machen, was alle machten.“

    „Drübersteigen, weitergehen“, fügt Benjamin hinzu – ein Slogan, der in der heutigen Welt immer präsenter wird, in einer Zeit, in der der Mensch und seine individuelle Bedeutung mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt werden, zugunsten von Diktatoren und geopolitischen Ambitionen.

    Und so setzt sich der Weg fort – nach vorne schreitend, dann wieder umdrehend, vermeintlich voranschreitend, manchmal auch Schlamm kriechend, doch immer weiter, immer vorwärts, in einer scheinbar endlosen Spirale des Fortschreitens, ohne vom Kurs abzuweichen, aber nie ankommend.

    Persönlichkeiten, die sich herausfordern und provozieren. Welten, jede für sich allein, individuell, mit eigenen Theorien, Vorstellungen und Interpretationen, die den eigenen Bedürfnissen dienen – und dennoch nicht weit genug entfernt, um wirklich als „anders“ bezeichnet werden zu können. Wie auch der Regisseur Martin Gruber in einem Interview unter Bezugnahme auf Viktor Frankl betonte: Wir haben dieses einzige Leben, um hier etwas zu bewirken.

    Diese Welt – unruhig, besorgt, erschütternd, beängstigend, durchzogen von Schuld, Paradoxien und Widersprüchen ist … die einzige. Der einzige Ort, den wir haben, an dem wir existieren können, ist hier und jetzt. Indem wir die Grenzen des eigenen Selbst überschreiten – füreinander, miteinander. Unsere Welt.

    Eure Neli P


    Cast & Crew:

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne: Valerie Lutz und Martin Platzgummer | Kostüme: Luis Kaindlstorfer | Musik: Andreas Dauböck | Video: Resa Lut | Regieassistenz: Sana Hufsky | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser

    Mit: Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Benjamin Vanyek und Musiker:innen des aktionstheater ensemble

    Uraufführung: Mi. 11. Juni 19:30 Uhr

    Do. 12. Juni, Fr. 13. Juni, Sa. 14. Juni und So. 15. Juni jeweils 19:30 Uhr

    im Theater am Werk, Kabelwerk, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien

    Kartenvorverkauf: www.theater-am-werk.atwww.aktionstheater.at

    Vorarlberg-Premiere: Do. 26. Juni 20:00 Uhr

    Fr. 27. Juni, Sa. 28. Juni und So. 29. Juni jeweils 20:00 Uhr
    im Theater Kosmos Bregenz, Mariahilfstraße 29, 6900 Bregenz

    Kartenvorverkauf: tourismus@bregenz.at, T +43 (0)5574 4080, tickets.visitbregenz.com oder events-vorarlberg.at

  • Magdalena

    Magdalena

    Es ist nicht nur ihr Name, der etwas fast Religiöses suggeriert. Dass hier, im Salon Magdalena Bari Kunst in ein Heiligtum verwandelt wird und allem, was ihre Hände berühren, Leben eingehaucht wird, ist kein Zufall. Wenn man diesen besonderen Ort betritt, entfernt man sich in Sekundenschnelle von dem regen Treiben draußen und taucht in eine ruhige, lichtdurchflutete Welt ein.

    Hier geht es lang zum Salon…

    Für mich fühlt sich jeder Besuch im Salon Magdalena Bari wie eine meditative Begegnung mit der Schönheit an. Man ist dort, um die Zeit anzuhalten, den Moment zu genießen, ohne Eile, ganz entspannt im geräumigen, geschmackvoll dekorierten Studio, das sofort die künstlerische Neigung erahnen lässt.

    Denn Kunst ereignet sich auch hier, wenn sie sich mit Schere und Kamm in der Hand vor den Spiegel stellt. Was ihre Oma einst sagte, dass sie mit Schere und Kamm in der Hand immer ihr Brot verdienen könnte, hat sich durch die Jahre weiterentwickelt – zu einer Form voller Ästhetik, Sinn und Leidenschaft.

    Die Tür ist schon offen…

    Vor 13 Jahren hat der Saloni seine Türen in der Schulerstraße, gleich hinter dem Stephansdom, geöffnet. Für Magdalena war es ein langer, nicht immer leichter, aber sehr erfüllender Weg, den sie mit der moralischen Unterstützung ihres Partners eingeschlagen hat, der ihr Potenzial schon früh erkannte.

    Licht drängt sich durch die Fenster herein.

    Schon mit 12 Jahren kam sie mit ihrer Familie aus dem schönen Budapest nach Wien. Seitdem ist diese Stadt ihr Zuhause geworden, und zugleich der Ort, an dem sie ihre Berufung voll ausleben kann. Den Schritt hat sie nie bereut, denn ihr Herz schlägt für Wien und ihre Leidenschaft.

    Das Haus in Budapest, in dem Magdalena und ihre Geschwister aufgewachsen sind.

    Es ist immer das Neue, Provokante, Mutige, das sie inspiriert. Sie hat sich der Kunst verpflichtet hat und ist vielseitig interessiert. Jede neue Ausgabe des Impulstanz-Festivals erwartet sie mit Spannung. Sie ist laufend in Museen, auf Ausstellungen oder Konzerten ihrer Lieblingsmusiker, wie Nick Cave, zu sehen. Es ist ein stetiger künstlerischer Energiefluss, der durch sie fließt und in der Kunst ihrer Hände Ausdruck findet.

    Hier werden alle Wünsche besprochen und die richtige „Strategie“ angelegt.

    Vor meinem Termin bei Magdalena Bari habe ich lange überlegt, welche Blume zu ihr passen würde. Letztlich wählte ich Anemonen, deren Eleganz und Zerbrechlichkeit am besten zu Magdalena passen würden, denke ich. Genauso fein, voller Ästhetik und Licht ist die Kunst, die sie in der Schulerstraße 1-3 in Wien erschafft. Kommt und überzeugt Euch selbst!

    Eure Neli P

    Wo? In der Schulerstraße 1-3, 1010 Wien

    Kontakt: +43 (0) 1 512 11 12

    salon@magdalenabari.wien

  • „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“

    „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“

    Aktionstheater ensemble feiert sein 35. Jubiläum mit der Neuaufführung „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“

    Die Neuinszenierung ist noch vom 09. bis 15. Juni im THEATER AM

    WERK in Wien zu sehen

    Aktionstheater ensemble brauche ich wie die Luft zum Atmen. Wenn es zu eng wird, gehe ich ins Theater, um mir wieder Luft holen zu können.

    An diesem warmen Juniabend fällt die Wetterprognose im Theater am Werk in Wien nicht so optimistisch aus: Die dunklen Regenwolken von den Wandprojektionsflächen, die die Bühne umgeben, deuten wohl auf düstere Zeiten hin. Vor schlechten Prognosen habe ich keine Angst, viel mehr fürchte ich jenen Zustand, in dem man so tut, als ob alles nur Sonnenschein wäre.

    Das aktionstheater ensemble, eine Institution, die für ihre tiefgründige und provokative Bühnenkunst bekannt ist, feiert sein 35-jähriges Bestehen mit einer Neuaufführung, die den Titel „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“ trägt. Diese Inszenierung, deren Premiere am 08. Juni im Theater am Werk in Wien stattgefunden hat, ist ein Zeugnis für die anhaltende Relevanz, Brisanz und die Innovationskraft des mehrmals preisgekrönten Ensembles. Die Aufführung stellt eine Reflexion über das individuelle und kollektive Dasein dar, indem sie die Zuschauer dazu einlädt, über die Bedeutung des Selbst, verwickelt in selbstgesponnenen Analysen, in einer zunehmend komplexen Welt nachzudenken, in der das Miteinander scheitert. Mit einer Mischung aus Humor, Selbstironie und Ernsthaftigkeit erforscht das Stück die Eitelkeit der menschlichen Natur und unsere Reaktionen auf die Herausforderungen des gesellschaftspolitischen Lebens. Es ist eine Auseinandersetzung mit der Einsamkeit, der Selbstbezogenheit und der Suche nach Bedeutung in einer Zeit, in der der kollektive Zusammenhalt mehr denn je zu zerfallen scheint. Die Darbietung, die sich durch eine intensive Bühnensprache, in der Wort, Tanz und Rhythmus ineinander fließen, auszeichnet, lädt dazu ein, die eigene Position in der Welt zu hinterfragen, indem sie einen Raum für Selbstreflexion schafft. In einer Zeit, in der Europa vor wichtigen Wahlen steht und die Gesellschaft verzweifelt nach Zusammenhalt sucht, bietet das aktionstheater ensemble mit seiner Jubiläumsaufführung einen Blick auf unsere Gegenwart – verwirrt, verstört, echt. Es ist eine Erinnerung an die wichtige Funktion des Theaters als mächtiges Medium für sozialen und politischen Diskurs. Die Aufführung „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“ ist somit eine Momentaufnahme der Gesellschaft und zugleich ein Nicht-Aufgeben-Wollen der Hoffnung auf ein Miteinander in einer gespaltenen Welt.

    „Es vermisst mich niemand“

    hallen in uns Benjamins Worte wider. „Ich bin eine kleine Künstlerin“, fügt Kirstin hinzu. Jeder möchte wahrgenommen werden und jeder ist nur an sich selbst interessiert. Dennoch spürt jeder diese völlige Isolation und Trennung von anderen. Sechs fantastische Schauspieler auf der Bühne, die wir von früheren Auftritten bestens kennen, alle in Maleroveralls gekleidet, entführen uns in eine Welt, in der die Maßstäbe von „klein“ und „groß“ völlig verschwimmen. Eine Welt, die uns doch sehr vertraut vorkommt und in der auch in der Kunst das Profane den Vorrang gewinnt, wie etwa im Beispiel mit Andreas‘ Rolle als der „Lebkuchen-Mann“. Oder wo nur „hohe Kunst“ besondere Aufmerksamkeit verdient. Die Welt, die nämlich neu erschaffen, in neuen Farben bemalt werden muss – unsere Welt. Sechs Schauspieler – „Maler“ – bewegen sich rhythmisch auf der Bühne, ein paar Schritte vorwärts, dann wieder einer zurück, ganz wie im wirklichen Leben. Ängstliche Blicke schweifen umher, Arme umschlingen sich in einer Selbstumarmung. Die Rastlosigkeit korrespondiert mit dem Nicht-Aushalten-Können der Situation.  Und alles beginnt wieder von vorne…

    ©anja koehler

    „Alles ist persönlich“

    Sei es Kirstins naiver Wunsch, wieder einmal ein Kind sein zu dürfen, Tamaras Neurosen und Schrecken bei der Aussicht, auf dem Wiener Friedhof neben Nazis in einem Grab zu liegen, Isabellas Beobachtung, dass Politiker „so gut im Lügen sind“, oder die Schlussfolgerung von Andreas, dass „die Thematiken der Kompanie sich geändert haben – das Karussell verschiedenster Wahrnehmungsmuster dreht sich weiter. Rote Clownnasen erinnern uns daran, dass wir alle ein Teil der „Show“ sind. Sie spielt sich allerdings nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der realen Welt ab. Auch dieses Mal werden brennend aktuelle Gesellschaftsproblematiken in die Aufführung des aktionstheater ensemble eingewoben, die über die rein persönliche Dimension hinausgehen: Die Angst davor, ein „geklontes Selbst“ zu zeugen, dem dann jegliche Autonomie verweigert würde, unser ins Wanken geratenes Demokratieverständnis, das Verhältnis von Politikern zur Wahrheit…. Das Gesellschaftspolitische greift ins Persönliche hinein und umgekehrt, und alles wird persönlich. Denn „alles ist persönlich“.

    ©anja koehler

    Das Nicht-Aushalten-Können

    der derzeitigen Situation, das rastlose Hin- und Herschreiten der Darsteller, musikalisch begleitet durch die Beats der großartigen Band von dem Hintergrund der Bühne, lassen doch auf mögliche Veränderung hoffen. Auch das Leiden sucht seinen Weg nach außen. Anhand einer Theaterübung zeigt uns Tamara vor, wie man den aufgestauten Schmerz doch rausschreien kann – voller Wucht, von innen heraus. In der Schlüsselszene erklärt Isabella, wie man Umarmungen richtig gibt – sowohl denen, die noch da sind, als auch jenen, die bereits gegangen sind. Eine Umarmung darf ruhig länger dauern, sagt sie. Man muss eine Umarmung aushalten können. Dieses rührende Bekenntnis leitet über zum Song „Gone“ vom Album „Lonely Ballads“. Die Beats dringen tief unter die Haut und bieten in der Tiefe des Selbst viel Raum für Interpretationen. Aufrichtigkeit trifft auf Aufrichtigkeit wie bei jeder Interaktion mit dieser wunderbaren Theaterkompanie, die sich der Wahrheit verschrieben hat.

    Mit dem Bild von Isabellas Umarmung – und all den Umarmungen in meinem Leben, die ich nur lange genug aushalten musste, um sie wirklich zu spüren – verlasse ich den Saal. Das Publikum verabschiedet sich mit Standing Ovations. Danke, aktionstheater ensemble!

    Eure Neli P

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth | Dramaturgie: Martin Ojster | Musik: Andreas Dauböck | Bühne/Kostüme: Valerie Lutz | Videoinstallation: Resa Lut | Regie-Assistenz: Sanna Hufsky | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser Mit: Isabella Jeschke, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek sowie Live-Musik: Andreas Dauböck, Ernst Tiefenthaler, Emanuel Preuschl​​​​, Jean Philipp Viol im Theater am Werk, Kabelwerk (Oswaldgasse 35a, 1120 Wien)

    Kartenvorverkauf: reservierung@theater-am-werk.at, T +43 1 535 32 00, www.theater-am-werk.atwww.aktionstheater.at

    Mit dem Regisseur Martin Gruber und den fantastischen Tamara Stern und Kirstin Schwab…

    im Theater am Werk
  • Aggregatzustand Klimek

    Aggregatzustand Klimek

    „Ich bin niemand“, sagte ich, „hier kennt mich keiner.“
    „Sie sind nicht niemand. Mir kann nicht niemand schreiben.“

    Manche Legenden bekommen ihren Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood, nach anderen werden Straßen, Parks, Institutionen, gar Schiffe benannt. Das, worum es hier geht und was am besten zu seinem Namensgeber korrespondieren würde, ist allerdings ein Aggregatzustand – weder fest, noch flüssig, noch gasförmig, sondern explosionsartig! –  der Aggregatzustand Klimek.

    Zumindest so hat er auf mich gewirkt, als ich ihn vor geraumer Zeit nicht woanders, sondern im „Freiraum“ in Wien traf. Kein Zufall, auch der Name des Lokals versinnbildlicht einen Teil dieser unübersehbar vielschichtigen Persönlichkeit. Denn Manfred Klimek braucht seinen Freiraum und würde ihn sehr wohl niemandem, unter keiner Bedingung abtreten – eine der Sachen wegen derer ich ihn mag.

    Vor unserem Treffen wurde ich gewarnt: dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt, eventuell könnte ich was hören, was mir nicht so gut gefallen könnte, dass ich im schlimmsten Fall auch „angespuckt“ werden könnte:-)), – etwas, mit unvorhersehbaren Folgen also stand mir bevor, was mich noch neugieriger auf die Begegnung machte. Wovor hätte ich Angst haben können?[1] Vor der Aufrichtigkeit im Austausch mit einem Anderen? Niemals.

    Ich ging hinein, und er saß schon da. So, wie ich ihn damals erlebte – ein aufgeregter, lebendiger, explosionsartiger Ball, voller Eindrücke und Emotionen, reich an Geschichten und Erfahrung, vehement die eigene Meinung verteidigend – voller Elan und Begeisterung! –, kann ich ihn nichts anderem gleichsetzen außer einem noch nie zuvor existierenden, mit nichts anderem zu vergleichenden Aggregatzustand – Klimek. Einer der offensten, aufrichtigsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Künstler und Autor. Souveräner Krieger, der sich nicht scheut, die Unantastbarkeit seiner eigenen Meinung zu verteidigen, der sich den Luxus gönnt, sich hinter seine Worte zu stellen – egal, wie die bei den Anderen ankommen. Ich denke eh aber nicht, dass er sich mal in die hohe Kunst der Diplomatie versuchen würde, weil es weder seiner Grundeinstellung noch seinem Lebensziel entsprechen würde. Aufrichtigkeit voll und ganz. Es werden keine Schmeicheleien, keine „weißen“ Lügen erzählt – es ist, wie es ist. Bei ihm weiß man, woran man ist. Wer hätte schon den Mut, seine Wahrheit auszusprechen?

    Manfred Klimek in der Kolonie 5. Bild: Neli Peycheva

    Auf der ihm gewidmeten Ausstellung in der Galerie Kolonie 5 ist er nicht persönlich erschienen. Doch seine explosionsartige Ladung ist in allen Bildern an den Wänden zu spüren. Ich war dort und habe es selbst erlebt. Schon beim Betreten des Raumes wird man von den vielen da anwesenden Geistern überwältigt, ich habe Gänsehaut bekommen – Momentaufnahmen des kaum Fassbaren, des Besonderen. Das Interesse eines Künstlers, habe ich neulich bei Ayn Rand  gelesen, gilt der Kunst an sich, nicht den Reaktionen der Anderen, und genau das macht einen zum Künstler, unterscheidet Kunst von der Metaebene, auf der über Kunst gesprochen, aber keine Kunst erschaffen wird. Mit seinem Nicht-Erscheinen hat uns der Künstler vielleicht eben das gezeigt?

    Als er nach Berlin endgültig abreiste und sich von Wien Abschied nahm, habe ich es zuerst in der Atmosphäre draußen gespürt – im Aggregatzustand. Es war nicht mehr so verdichtet, wie früher, sondern eher farblos, abgewaschen, öde. Doch ab und zu spürt man – bei seinen kurzen Wien-Besuchen, dass sich doch wieder was tut, und die Luft mit Elektrizität geladen wird. Manfred Klimek eben.

    Natürlich weiß ich nun nicht, wie mein Text bei ihm ankommt. Wovor soll ich aber fürchten? Vor der Aufrichtigkeit? Also: Es sind meine Worte und ich stehe dazu – habe es nämlich von ihm gelernt. Außerdem bin ich ja eine Bulgarin!


    [1] „Wovor haben Sie Angst? Sie sind doch eine Bulgarin!“ habe ich  übrigens erstmals 2018 von einem anderen Manfred – Manfred Rebhandl gehört! Seit dem Moment denke ich intensiv darüber nach! Wort!

  • Da, wo alles beginnt und endet

    Da, wo alles beginnt und endet

    „Und die Zufälle ließen sich wie Vögel auf ihre Schulter nieder.“ Milan Kundera

    Begrüßen, da sein, ohne anzukommen, offen sein, präsent sein, mit der Umwelt verschmelzen, da sein, und nicht da sein, ständig unterwegs sein, ohne je abreisen zu können, mit der Zeit um die Wette rennen… Denken und nicht denken, spüren, Lichtmomente unter die Haut gehen lassen…

     Aufwachen…

    Vor dem ersten Sonnenkuss aufwachen… Bissige eiserne Schneeflocken auf den Wangen zur Morgendämmerung, Schnee auf der Handfläche schmelzen und durch die Finger verrinnen lassen, den Schnee bei jedem Schritt knistern hören, vom Schnee verblendet werden und sich im Dunkeln verlaufen, die beschlagenen Fensterscheibe mit dem Handrücken abwischen, in die Dunkelheit starren, in Geduld üben, warten, und nicht warten wollen, gegen sich kämpfen, sich selbst besiegen, da sein, sich spüren, sich fragen und sich das Fragen verbieten, warten…

    Streicheln…

    Die Baumwipfel streichen, den ganzen Ring entlang, hinter den Regenwolken immer wieder nach der Sonne suchen, die Regentropfen schmecken, an Goethe vorbeisausen, sich verabschieden, umarmen und wieder loslassen, an nichts klammern, nichts haben wollen, und alles in sich tragen, hier sein und dort sein, tief einatmen, die Luft anhalten, den Augenblick ausdehnen, schwimmen, unermüdlich schwimmen bis ans andere Ufer, wo alle Projektionen angeschwemmt sind, bis ans Ufer, das sich erst später als eine Illusion entpuppt, eintauchen, nach Luft ringen, die erfrischende Kälte der regennassen auf dem Rücken ruhenden Haare wahrnehmen, Wassertropfen die Wirbelsäule entlang hinunter rinnen spüren, am Leben sein, aufschreien…

    Lachen…

    Viel und herzlich lachen, von Lichtmomenten durchstochen werden, Lichtmomente sammeln, sorgfältig in der linken Herzkammer lagern; Röntgenblicke sammeln, tiefe Blicke sammeln, vielversprechende Blicke sammeln, Menschen sammeln, Worte sammeln, Berührungen sammeln und in der rechten Herzkammer aufstauen, Wärme für den nächsten Winter sammeln und im rechten Vorhof des Herzens parat halten, nicht denken, keine Fragen stellen, das, was ist, zulassen…

     Tanzen…

    Bis zur Morgendämmerung tanzen, wild tanzen, bis man blind vom Tanzen wird, und auch dann nicht aufhören wollen, sich selbst vergessen, die Welt vergessen, eins mit allen und allem werden, den Ort, wo man ist und wo man glaubt zu sein, in tausend Bruchstücke zerschmettern, sie in Sternenstaub zermahlen, eine Handvoll davon in den sternenklaren Himmel hineinpusten, die Arme ausbreiten, hochheben, sich drehen, sich im Kreis drehen, bis einem schwindlig wird, den Körper sprechen lassen…

    Rennen…

    Vom Morgen wegrennen, vom Gestern wegrennen, die Vergangenheit auslöschen, die Zukunft ausblenden, sich gegen Vergangenes und Künftiges abschirmen, Raum fürs Jetzt frei schaffen, diesen Raum mit Sinn ausfüllen, eine Prise Wachsamkeit dazutun, mit Freude ausfüllen, mit Entschlossenheit würzen; das Jetzt geschehen lassen. Von der Enttäuschung wegfliehen, gegen böse Blicke dreimal vor sich hin spucken, sich vor den Besserwissern schützen, taub für dunkle Vorhersagen sein, nicht glauben, niemandem glauben, nichts glauben, sich selbst vertrauen. Flattern, im Jetzt flattern…

     Abschiede hassen. Abschiede meiden. Sich nicht verabschieden wollen. Immer wieder zurückkommen.

    Wien, am 12.08.2018

  • Ladies After-Work-Party

    Ladies After-Work-Party

    Hello, High-Society!

    Ganz unerwartet für mich kommt eines Tages eine nette Einladung zu einem Damen-After-Work-Drink. Als Location wurde eine gemütliche Daily Lounge Bar im 1. Bezirk ausgesucht.

    Schon etwas später als die anderen angekommen, direkt von der Arbeit, schaue ich mich erst mal unruhig nach meinen Gastgeberinnen um, und bald erblicke ich die nach dem letzten Schrei der Mode gestylten und aufgepeppten Ladys (alle Hausfrauen ausnahmsweise), in glänzenden Gala-Outfits, Highheels und bis zur Schulter hängenden schweren Ohrringen. So schwer scheint der Ohrschmuck zu sein, dass er bei einem den Eindruck hinterlässt, er hätte das ganze Weltleid in sich aufgenommen. Sechs rot geschminkte Münder lächeln mir zu, als fände gleich die Grammy-Verleihung statt! Oh lala! Da habe ich offenbar etwas verpasst, sonst stünde ich nun nicht unwissend mitten in der Bar, in meinem simplen schwarzen Kostüm, wie eine Studentin vor der strengen Prüfungskommission. Das, was die Ladys allerdings nicht wussten, war, dass ich doch nicht ganz ohne Begleitung gekommen war: aus meiner Damentasche zwinkert mir verschwörerisch wie halt immer Frederic Malle zu. Einem Flügelschlag ähnlich huscht ein kaum wahrnehmbares Lächeln über meine Lippen, etwas verlegen streichle ich mit dem Zeigefinger die Haare hinter die Ohren und begrüße die Ladys. Und das hier, das wäre meine Sternenstunde gewesen, da hätte ich mich so schön herausputzen können, zumindest jenes tote Tier in der Form eines Pelzkragens, das ich einmal geschenkt bekommen habe, hätte ich aus dem Schlaf wecken und es mir um den Hals wickeln können! Denn da, meine Lieben, wären wir zwei: Ich und das Tier gegen die High Society! Über die Wichtigkeit von Attributen für die Bestimmung des Wertes eines Menschen klärte mich einmal eine der heute hier anwesenden Ladys auf. Sie trug nämlich an einem Diskoabend eine knallrote bodenlange Samtrobe mit aufgenähten Pailletten: mit Schrecken habe sie die Tage bis zum Event gezählt, in tiefster Hoffnung habe sie zu Gott gebetet, dass der Abend Coronabedingt nicht abgesagt würde, denn was hätte sie doch dann mit dem schönen, speziell für den Anlass angefertigten Prachtstück machen können?

    Der Damentisch und der Herrentisch

    Aber zurück zum heutigen Ladys-After-Work-Abend: Zwei Tische in der Bar sind für die Ladys reserviert . Sie sind, merke ich, so parallel aneinander aufgestellt, dass vor deren längerer Seite eine lange schmale Sitzbank verläuft, von den anderen zwei Seiten Sessel rund herum stehen, und zwischen den Tischen, senkrecht zur Sitzbank, sich ein schmaler Gang bildet.  Auf der Bank sitzend, mitten in der Frauenrunde am ersten Tisch, sehe ich meine Freundin Maria, die mir fröhlich und irgendwie ungeduldig zuwinkt. Neulich habe sie den Mann ihres Lebens kennengelernt – einen eleganten, sehr gepflegten und für sein Alter ziemlich zufriedenstellend aussehenden Gentleman, an dem „alles, wirklich alles“ stimme, wäre er nur nicht so niederschmetternd langweilig! Manche der Gesichter, die am selben Tisch sitzen, kenne ich schon, andere sind mir völlig neu. Ein tiefer Seufzer endloser Erleichterung reißt sich von meinen Lippen ab: endlich ein entspannter Frauenabend! Doch da der erste Tisch schon voll besetzt ist, setzte ich mich auf die Bank daneben, gleich an den zweiten Tisch, sodass mich nun von der neben mir – am ersten Tisch sitzenden – Dame genau 40 cm trennen.

    So weit, so gut! Kaum sind fünf Minuten vergangen, strömen durch die Türe scharenweise Herren herein, und da der erste Tisch voll ist, setzen sie sich … an meinen. Also so sieht eine Frauenrunde aus! Ein Damentisch und ein Herrentisch, mit Neli mitten drin. So ganz unglücklich scheinen die Herren an meinem Tisch jedoch nicht zu sein: Der, mit den dunklen Haaren, will mir unbedingt eine Kunstinstallation auf seinem Handy zeigen, und wir beginnen eine Diskussion über die Digitalisierung und Multiplizierung der Kunst in Zeiten der Post-Postmoderne; der andere, mir gegenüber, hat eine ganze Reihe praktische Tipps für mich parat, wie man in der Umgebung von Österreichern ohne große Einbuße und Leiden überleben kann; der dritte, der etwas schräg sitzt, ist Projektarbeiter an einer Uni und schildert ausführlich die statistischen Ergebnisse, die nun im Rahmen seines Projektes ausgewertet werden müssen. Na, seht Ihr! Oida! Nicht ganz zum Wegschmeißen sind meine Herrschaften! Und da kommt bald noch ein Vierter und gesellt sich uns an. Spätestens in diesem Moment richtet sich eine der Ladys vom „Frauentisch“ auf und kommt ihm mit kleinen Schritten hastig entgegen, auf den lila Highheels balancierend: „Nö, nö, nö, nöööö!“, schwenkt sie drohend den Zeigefinger vor seiner Nase. „Sie, mein Lieber, setzen sich nun zu uns, und zwar sofort, im Namen der Gleichberechtigung! Auch wir verdienen sehr wohl einen Herrn an unserem Tisch.“

    Der Neuangekommene tut zunächst so, als ob er die direkte Ansprache missverstanden hätte und bleibt ruhig sitzen. Wühlt eine Weile mit zitternden Fingern fieberhaft in seinen Hosentaschen, sieht sich verlegen mit matt glänzenden Augen um und versucht den Blick der Dame um jeden Preis zu meiden; zieht den Kopf ein, lässt die Schultern nach unten hängen, duckt sich hinter dem Tisch, wird kleiner und immer kleiner – am liebsten wäre er ganz unter dem Tisch verschwunden! Bei der zweiten Aufforderung allerdings sieht er sich gezwungen, in einer ganz langsamen Kadenz seinen Platz zu verlassen, schaut zögerlich zum nächsten Tisch hinüber, dann wieder zurück zu unserem, macht ein paar Schritte, dreht sich wieder zurück und dann macht er das, was wohl keiner erwartet hätte! Er setzt sich zwischen mich und die Lady, die am Anfang des Damentisches sitzt, und da der Platz da sehr eng – genau 40 cm breit – ist, verschränkt er zahm die Hände vor der Brust wie ein Angeklagter, der gehorsam und schicksalsergeben auf sein Urteil wartet.

    Im Namen der Gleichberechtigung

    Mir gelingt es kaum mehr, mein Lachen zu unterdrücken! Der sitzt nun ja zwischen den beiden Tischen! Für solche Fälle gibt es im Bulgarischen einen Spruch: Wer am Eck oder zwischen den Tischen sitzt, der wird nie heiraten! Nicht heiraten? Nie heiraten? Nein, das wollen wir für ihn nicht! „Die Familie ist Grundeinheit der sozialistischen Gesellschaft“, hieß es bis 1989 in Bulgarien. Also stehe ich entschlossen auf und übernehme die Verteidigung für ihn: „Meine  Damen und Herren, als Verteidigerin des hier rechts von mir gegen seinen Willen zwischen den Tischen sitzenden und zu einem Nein unfähigen netten Gentlemans plädiere ich für ‚not guilty‘!  Schauen Sie ihm bitte tief in die Augen!“ Und da mache ich einen Schritt nach vorne, um noch überzeugender zu wirken. „ Diese blauen unschuldigen Augen können nicht die Augen eines Menschen sein, der ein Verbrechen begangen hat. Also rücken wir, Frauen unterschiedlicher Nationalitäten, bitte zusammen im Namen der Gleichberechtigung, damit auch er einen rechten Platz am Tisch hat.“

    Die Gespräche verstummen. Mit tiefer Enttäuschung schauen die Ladys ein paar Sekunden lang schweigsam auf den Herrn zu, beobachten ihn prüfend, als ob er ein Golden Delicious Apfel wäre, der leider nicht angebissen werden darf, und da er kein Wort fallen lässt und wie versteinert vor sich hin blickt, nicken sie letztendlich mit dem Kopf. Erlösung für den Angeklagten! Langsam erhebt er sich und geht zu seinem ursprünglichen Sitzplatz am „Herrentisch“.

    Der Kuss

    Kaum ist er aufgestanden, schießt wie ein Pilz aus dem Boden ein anderer Bekannter, stürmt überraschenderweise auf mich, drückt mich fest an sich, küsst mich rechts und links, nimmt den soeben frei gewordenen Platz neben mich ohne Appellation an und verschränkt die Arme vor der Brust, was wie eine klare Ansage zu verstehen war! So vergehen 10, 15, 20 Minuten. Vergebens versuche ich ihm anzudeuten, dass seine Begleitung an seinem Tisch auf ihn wohl warten würde. Das scheint ihn aber kaum zu beunruhigen, und verabschieden will er sich schon gar nicht. Misstrauen packt die anderen Herren am Tisch. Vorsichtshalber trauen sie sich nicht mehr, mich anzusprechen. Also kündige ich an, dass ich nun endlich gehen werde! „Ich auch!“, ruft er mir zu. Na, so was! Vor dem Lokal schlägt er vor, mich ein paar Schritte zu begleiten. Und so, wie wir wortlos langsamen Schrittes auf der Straße gehen, sagt er auf einmal das, womit ich nie gerechnet hatte: „Ok, jetzt küsse ich dich!“, woraufhin er sich blitzschnell zu mir dreht und mich tatsächlich küsst! Perplex stehe ich da und traue meinen Augen nicht. Für diese Situation gab es keine Überlebens-Tipps in der Liste des Herrn von heute Abend, wie man hier ohne große Einbuße davonkommen kann. Auf dem Heimweg denke ich mir: So ticken also die Österreicher: Da steht auf der Agenda „Kuss heute Abend“ und die Arbeit muss sehr wohl erledigt sein. So ein tüchtiges Volk!

    Eure Neli P

  • „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

    „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

    Die Not, nicht der Überfluss hat Olga dazu getrieben, nach Wien zu kommen. Notgedrungen hatte sie ihre sieben Sachen gepackt – die alle in ihrem Pelzmantel reinpassten –, und verließ die Heimat, nachdem ihr das Leben ein paar harte Ohrfeigen verpasst hatte, und einige davon sie in die Knie gezwungen hatten. Hinter sich, in Odessa, ließ sie einen Ex-Mann, der auf seine Weise um ein besseres Realitätsbild kämpfte, indem er das Verzerrte draußen durch Alkohol wieder auszuloten versuchte, und den sie lange genug auf dem Weg, genannt „Ehe“, mitgeschleppt hatte. Ob sich seine eigene Realität dadurch schöner, erträglicher anfühlte, wusste Olga nicht, ihre war allerdings nur noch gruseliger geworden. Bis sich eines Tages ein verzweifelter Schrei ihren Lippen entschlüpfte und Olgas ermattete Seele, die mit dem einem Bein schon im Reich der Schatten stand, zurückholte. Der führte sie Richtung eine Welt, die sie nicht kannte, in der aber ein wie von hier bis zum Mond hin und zurück großes Versprechen zu schlummern schien. Träumen? Nein, das hatte sie schon als Kind verlernt, als ihr die Fähigkeit zu träumen von der Diebin Realität gestohlen wurde, und anstelle von Blut in ihren Adern Bitterkeit floss.

    Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob es Olga kaum etwas gekostet hätte, Odessa gegen den Wiener Westwind auszutauschen, und das glaubte auch sie eine Weile lang, bis es nicht auf ihren Pelzmantel ankam. Der wurde im fernen 1886 von einem großzügigen Ur-Ur-Urgroßvater und wohlhabendem Fabrikanten anlässlich seiner Hochzeitsfeier als Zeichen von Liebe und ewiger Treue an die geliebte Braut verschenkt, und seitdem immer wieder über Generationen hinweg von der Mutter an die Tochter vererbt, galt als eine Familienreliquie und irgendwann, als sie 18 wurde, gehörte er endlich auch ihr. Wie einen Zauberumhang schlang Olga den Mantel um ihre Schultern. Viele klirrend kalte Winter kannte er schon, unzählige Songs der Dachrinnen hatte er sich angehört, tausendmal hatte er den aus dem Holzofen aufsteigenden Rauch im Spätherbst in sich aufgenommen. Tränen von Frauen, die ihre Nächsten verabschiedeten, von Männern, die ihre Liebsten zum letzten Mal umarmten und dann spurlos verschwanden, von Kindern, die früh verweist waren, kannte der dicke Pelzmantel; Tränen vor betörender Freude und tiefster Trauer, niederschmetternder Verzweiflung und überschwänglicher Hoffnung hatten den Mantel durchgesickert und zu einem Pergament verwandelt, auf dem die Jahrzehnte ihre Geschichte niederschrieben. Jahr um Jahr hatte er auch Olga durch die verschneiten Straßen Odessas getragen; einmal angezogen, riss er da plötzlich alle Bänder, die Olga an der zermürbenden Gegenwart festhielten, und ihr eröffnete sich eine völlig neue Welt voller Geborgenheit, in der sie Schutz gegen alle und alles finden konnte. Schön war es in ihrem Pelzmantel, warm wie ein Zuhause, in dem man jederzeit zurückkehren konnte, fühlte er sich an. Jedes Mal, wenn es ihr kalt und bange ums Herz wurde, wärmte sie sich an seiner Feuerstätte des kollektiven Erinnerungsgedächtnisses auf. „Olja, Oletschka!“, rief sie aus dem Pelzmantel ihre Oma, die sie morgens mit dem süßen Duft von frisch gebackenen Blini und heißem Lindentee weckte. „Olenka, du, meine Liebe!“, sprach ihre Jugendliebe zu ihr, wenn sie ihr Gesicht im dicken Pelzmantel verkroch. Und wenn sie ihre Hand tief in die Tasche steckte, konnte Olga da noch immer einen vergessenen „Tschaika“ Bonbon finden.

    Nach Odessa war Olga nach Sotschi gegangen, wo sie sich als Zimmermädchen in einem 4-Sterne-Hotel abrackerte und ein bisschen Geld zur Seite legen konnte. Olga träumte nicht, sie war näher denn je an der Realität, bis sie an einem Nachmittag ein unerwarteter Anruf erschütterte: es war ihre Jugendliebe Volodja. Seit über 10 Jahren arbeitete er schon unermüdlich in Wien, auf einer Baustelle – ein Mann mit sicherem Einkommen und guten Absichten. Wegen ihrer großen Jugendliebe kehrte Olga allem den Rücken zu und kam nach Wien. Von allem konnte sie sich trennen, nur den Pelzmantel wollte sie nicht aufgeben. In Wien würden sie aber die Tierschützer schon beim ersten Schritt draußen mit rohen Eiern bewerfen und als Tiermörderin anprangern, sie, die noch nie jemandem was Schlimmes angetan hatte, warnte sie Volodja. Daran hatte Olga noch nie gedacht, sie hatte noch nie die Zeit gehabt, an sich selbst zu denken und in der Menschenwelt zurechtzukommen, die der Tierwelt sehr ähnelte, geschweige an die Tiere.

    Nur ungern zog sie langsam, mit zitternden Fingern ihren warmen Pelzmantel aus und tauschte ihn gegen die westlichen Werte um, die nach Freiheit schmeckten. Nur mit einem dünnen grünen Pullover angezogen, betrat sie zögernden Schrittes den Kursraum, wo ihr Integrationskurs stattfinden sollte. Der warme Pelzmantel, auf dem die Geschichten der Jahrzehnte geprägt wurden und somit auch ihr bisheriger Lebenspfad Platz fand, fehlte ihr. Ganz vorsichtig schlich sie sich nach vorne, setzte sich auf die erste Bank, senkte ihren Blick und blätterte das Kursbuch um. Auf der ersten Seite oben stand fettgedruckt: „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“ Eine einzige, große, brennende und wie ein Gebet schwere Träne löste sich von ihrem Augenwinkel und rollte ihre Wange hinunter. Olga träumte.

  • Es lebe die Leidenschaft!

    Es lebe die Leidenschaft!

    Wenn man dem Gefühl eine konkrete Form verleihen kann, dann ist es Benjamin Vanyek. Wir kennen schon den talentierten Schauspieler dank seiner mitreißenden Rollen in den Aufführungen von aktionstheater ensemble und haben den Akteur, der sich in seine Protagonisten dermaßen gelungen hineinversetzen kann, dass er ein Leib und Seele mit ihnen wird, des Öfteren bewundert und mit großem Respekt vor seinem Talent mitverfolgt. Sein facettenreiches Schauspiel fand dieses Mal seinen einzigartigen Ausdruck in den Interpretationen des „Großen der Großen“ – Jacques Brel – im Nestroyhof Hamakom am 15. Und 16. Oktober.

    Benjamin Vanyek_ (c) Neli Peycheva_1

    Leidenschaft war das Wort, betonte Benjamin, das im Mittelpunkt des Ereignisses stand. Leidenschaft war auch das Gefühl, das Publikum und Schauspieler in einem unausgesprochen schönen amorphen Ganzen verband – eine Art Huldigung mit viel Pathos, voller Hingabe und starker Präsenz von demjenigen von gestern, der zu Lebzeiten bei nur Wenigen Zuspruch fand, dank dem Schauspieler von heute, der ihn nahe an die Gegenwart brachte. Brel, dem das Kleiden in Worte von inneren Gemütszuständen, die durch den Zusammenprall mit der Realität verursacht wurden, wichtiger als das Vortragen seiner Songs war, sah sich lange Zeit gezwungen, selbst auch als Sänger aufzutreten. Die Jahrzehnte danach wurden allerdings seine schonungslos kritischen Lieder immer wieder neu interpretiert und gesungen. Voller Leidenschaft war auch der bis aufs Äußerste zugespitzte Auftritt von Benjamin Vanyek.

    Benjamin Vanyek_ (c) Neli Peycheva_2

    Kunst vereint Welten, ohne Trennlinien zu ziehen. Es gibt nichts Größeres, was über Armut und Reichtum, politischen Ansichten, persönlichen Weltauffassungen, kulturellen Besonderheiten, Altersunterschieden stehen und Welten näher aneinander führen kann: man soll sich nur der Kunst voll ausliefern können.  Dieses Voll-ausgeliefert-Sein war hautnah am herbstlichen Samstagsabend in Theater Nestroyhof zu spüren. Benjamin Vanyek brachte schauspielerische Kunst, Musik, Wort und Gefühl zu einer Symbiose zusammen. Plastisch, gefühlsbetont, zutiefst erschütternd schaffte er einen Raum zwischen Publikum und Interpreten, in dem ein untrennbares Ganzes entstand – ein Wirbel aus geteilter Leidenschaft, Liebe für Brel und Hingabe an die Kunst, ein Wir. Es braucht Mut, diesen Raum zu betreten. Mutig ist, sich vor das Publikum zu stellen und an einen der Großen so nah wie möglich zu kommen, sich in ihn voll und ganz zu versetzen. Benjamin Vanyek fehlte es keinesfalls an Mut, das zu versuchen, was schon viele Interpreten mal versucht haben: eine eigene Interpretation von Jacques Brel. Mal frivol, mal aggressiv, mal voller Pathos brannte er für die Sache:  Innenwelt und Musik, Realität und Kunst, Brel und Vanyek wurden zu einem Ganzen.

    „Das Karussell“, auf das wir alle eingeladen wurden, einzusteigen, fuhr los! „Die Bonboniere“ wurde liebevoll überreicht. Die Erinnerungen an den „Port von Amsterdam“ wurden wachgerufen. Und irgendwann, wie es eh oft in der Realität passiert, die in Brels Lieder künstlerisch wiedergegeben wird, folgte auch die Begegnung mit dem „Teufel“.  

    Benjamin Vanyek_ (c) Neli Peycheva_3

    Das Besondere an der Intensität des Gefühls, mit der Benjamin Vanyek Brels Lieder vortrug, ist, dass sie sich nicht bändigen lässt. Wer die Leidenschaft Jacques Brels kennt und liebt, wird auch Benjamin Vanyeks Interpretationen lieben. Mit einem höchstpersönlichen Unterton, in einer äußerst ausdrucksvollen Weise gelingt es ihm, den Schauspieler und den Interpreten in sich zu Wort kommen zu lassen und Brels von allgegenwärtiger Aktualität geprägte Songs in die heutige Zeit zu verlagern. Brel lebt! Es lebe die Leidenschaft!

    Eure Neli P

  • Ich halte ihn fest!

    Ich halte ihn fest!

    Habt Ihr mal das Gefühl gehabt, jemanden gekannt zu haben vor dem realen Kennenlernen? Genau dieses Gefühl hatte auch ich damals, 2017, an der Schwelle des neuen Jahres.

    Ein paar ausgetauschte Worte, kurze Sätze, in denen sich alles um den WIENER herum drehte … – vor allem ging es darum, dass ich vor Jahren eine Doktorarbeit über das Magazin geschrieben hatte, und der WIENER gerade zum Jahresende sein Jubiläum feiern wollte, und ich wusste es schon: Diese Persönlichkeit kam mir irgendwie seltsam bekannt vor!

    In Wirklichkeit haben wir uns erst am 14.02.2018 im Prückel getroffen, er saß neben dem Klavier da, auf dem Tisch vor ihm lag das neuerschienene WIENER-Heft, das er mir später schenkte, reichte mir die Hand zum Gruß und lächelte. Nach einer Pause von 6 Jahren durfte ich schon wieder ein Heft des Magazins in den Händen halten, die Aufregung war unbeschreiblich groß, und inzwischen hatte sich vieles beim WIENER geändert – neue Herausgeber, neuer Start. Nun hatten ihn zwei Enthusiasten übernommen, die dem viel zitierten und sogar in einem der früheren WIENER-Heften erschienenen Rumis Spruch „Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt.“ treu geblieben waren. An jenem Abend sprachen wir viel: warum ich mich für Wien entschlossen hatte, und er – für den WIENER, wie wichtig es ist, mit Herz und Seele bei der Sache zu sein und seine Arbeit zu lieben, welche Rolle die Leidenschaft für die Arbeit als Antrieb spielt und wieso immer mehr Menschen vergessen, mit Verve an jede Beschäftigung heranzugehen und sich damit abfinden, statt kreativer einfallsreicher Gestalter nur gedankenabwesende Ausführer und gelähmte Beobachter des Geschehens zu sein, was man alles aufs Spiel setzen musste, um Herausgeber des einzigen Männermagazins europaweit zu sein.

    Um die Männer und dementsprechend ein Männermagazin zu lieben, muss man beide verstehen und respektieren. Das tue ich auch. Hinter der Kulisse sehe ich immer die Person so, wie sie ist, das „Mehr“, was häufig verborgen bleibt, all die Kraft, all die Bemühungen, die Faux-Pas, die Selbstüberwindung, die Opferbereitschaft, die Handlungsmotive, die Ängste… Und bewunderte schon damals diesen Menschen, der für eine Idee wie ein 20-Jähriger brannte! Niemals werde ich seine Worte vergessen: „Wie nehmen Dich als Freundin der Redaktion auf!“, und wie könnte ich nur? Er erinnert mich ja immer wieder daran, dass er da ist. Dass es ihn gibt. Freundschaft, die sich über die Jahre hinweg zieht, mir nicht einmal über „Durststrecken“ hinweg half und mir damals, bei unserem Kennenlernen am verschneiten 14. Februar ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelte – einen Anhaltspunkt für mich schaffte im winterlichen eiskalten Wien. Und wenn ich zurückblicke, dann weiß ich gewiss: Alles im Leben hat seinen Sinn, ein Schritt führt zweifelsohne zum nächsten, und wenn man den Mut hat, dem Lauf des Lebens zu vertrauen, nähert man sich langsam und kaum merklich an seinen Lebensweg und steht irgendwann doch da, wo man hingehört.

    Ich kenne keinen anderen, der besser mit Menschen umgehen kann als er. Seine Gabe, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und für jeden das passende Wort im richtigen Moment zu finden, hat mich immer erstaunt – eine Art Empathie, Menschenliebe und Sanftmütigkeit, die in Lebensfreude hinüberfließen und jedes Mal zum Strahlen kommen. Es gibt Menschen, und Menschen, sagt man. Es gibt Menschen und warme Menschen, sage ich.

    Als ich dann Jahre später am Naschmarkt vorbeiging, wo wir auf einen Kaffee verabredet waren, rief mir jemand von einem der Verkaufsstände zu: „Halte ihn fest!“ Wen? Was? Ich verstand rein gar nichts. Nun leuchtet es mir aber schon ein. Das Leben liefert alle Antworten. Einen Freund wie ihn würde ich niemals aufgeben. Niemals. Ich halte ihn fest.