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  • Gedanken

    Gedanken

    Diese Gedanken –

    umherirrende Ritter, Don Quijote-Gestalten,

    Landstreicher, Schicksalsfeen,

    Gedanken, die fordern, bitten und flehen,

    Gedanken aufgeblasene, eitle und wichtige,

    galoppierende, kleinliche, nichtige,

    Gedanken gemäßigte, langsame, schnelle,

    Gedanken freudige, weiße und helle,

    Gedanken-Dichter – beflügelte, reine,

    Gedanken-Peitschen – quälende, kleine,

    blöde Gedanken, kluge Gedanken

    lasse ich los – es reicht! -, um zu tanken

    neue. Und diese lass ich daneben –

    zwischen den Seiten des Buches aufleben,

    in einem versehentlichen Kurzfilm entstehen,

    als blasse Erinnerung kommen und gehen.

    Denn jene Gedanken – dursichtige, leichte,

    aus Löwenzahnröckchen, Gedanken wie Beichte,

    Gedanken, absteigend auf frostigen Wegen,

    die nebligen schweren Gedanken wegfegend –

    erwarte ich, um euch eine Handvoll Schnee,

    gesponnen aus Schneegarn tanzende Feen

    schicken zu können, jetzt, in der Stille.

    Eine Handvoll Hoffnung. Eine Handvoll Wille.

  • Die Tragik der Fallhöhe

    Die Tragik der Fallhöhe

    Vom 29.9. – 3.10.2020 war das mehrfach presigekrönte aktionstheater ensemble mit der Uraufführung Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben im WERK X in Wien zu sehen

    Was bleibt hinter uns?

    Müll, Orangen, Plastikblumen, unbrauchbare Nationalflaggen – Spuren von Verbrauchtem und kein Funken Leben, keine – zumindest wage – Andeutung an Erschaffenes, Erfundenes, Erbautes. Nur Müll. Gitterschränke voller Überbleibsel der menschlichen Existenz. Untergang statt Aufgang. Dunkelheit statt Licht. In einer Welt ohne Menschen, auf einer Bühne, die seit Monaten auf ihre Darsteller wartet. In Zeiten eines Lockdowns. In einem Dasein ohne Essenz, in der Ego-Trips Schicksäle stärker denn je zusammenschweißen, die Erlahmung des Geistes so krass zu spüren ist, dass sie einen faden Beigeschmack hinterlässt und Subjekte kaum noch von Objekten zu unterscheiden sind.

    „Wann beginnt das Leben?“, fragen Martin Gruber (Der Regisseur im Gespräch für den WIENER) und sein aktionstheater ensemble in ihrer zutiefst erschütternden Neuaufführung im WERK X.  „WANN beginnt das Leben?“, möchten auch wir, das Publikum endlich einmal laut ausschreien. Die einsame Bühne – ein Abziehbild der Welt draußen – wartet auf ihre Darsteller und verschweigt vorerst die Antworten.

    Bürgerliches Trauerspiel. Uraufführung (c) Gerhard Breitwieser

    Die Bühne – nah und fern

    Als erster traut sich Thomas, sie zu betreten. Irgendwie seltsam fühlt sich das an, langsam und vorsichtig tastet er sich heran, als ob er sich in einem Traumzustand befände. Dann nimmt er gleich die Kreide und zeichnet eine weiße Trennlinie, die ihn von der Außenwelt abgrenzt. Die Versuchung, einen Schritt nach vorne zu setzen, um den Zustand des Getrenntseins zu überwinden und gegen Regeln, Einschränkungen, Verbote zu verstoßen, ist groß: Das Jenseits war doch immer verlockender als das Diesseits, und die Freiheit einem lieber als die Unfreiheit. Die Trennlinie als Kunstmittel kommt oft in den Aufführungen von aktionstheater ensemble vor, entweder um den Einzelnen in die Enge seiner subjektiven Welt zu positionieren oder den Versuch zu artikulieren, über die eigenen, inneren oder die von außen aufgesetzten Einschränkungen hinwegzukommen. Endlich spuckt sich Thomas in die Hände und es geht los! Auch Horst und Benjamin bewegen sich unsicheren Schrittes, zaghaft nach Spuren von Lebendigkeit suchend, als ob sie ihre eigene Bühne kaum noch erkennen könnten. So nah und zugleich fern wirkt sie auf sie.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Die Tragik der Fallhöhe

    Schon wieder gleitet unter der Regieführung von Martin Grubers das Kleinbürgerliche, Prosaische und Belanglose ins Globale hinüber. Die Auf-sich-selbst-Bezogenheit, vermischt mit einem bis aufs Äußerste ausgeprägte Gefühl der Vereinsamung, der Abgetrenntheit, abgeschmeckt mit einem witzig-ironischen Unterton, auf der einen Seite, und der globale, aus politisch-wirtschaftlichem Geschehen zusammengenähte Kontext, auf den der Verstand, der unbedingt eine Erklärung braucht, mit selbstgesponnenen Theorien reagiert, auf der anderen, bilden den inhaltlichen Rahmen.

    Einer Marionette ähnlich zappelt das Selbst im Fluss von Moralvorstellungen, Debatten um die Gleichberechtigung, Wutanfällen auf Banken und Versicherungen, Überzeugungen über Liebekonzepte, Flüchtlingskrisen, Ernährungsgewohnheiten, Aufrufen der Bundesregierung herum. In sich selbst verfangen steht der Einzelne da hilflos und verloren.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber (c) Gerhard Breitwieser

    Und so fängt es an: Michaelas Feststellung, sie mag keine süßen Getränke mehr oder der Entschluss, auf Fleisch zu verzichten, knüpfen an die Notwendigkeit, ein Alkohol-Tagebuch zu führen an, die während der Krise entstanden ist. Schon wieder der Lockdown hindert sie daran, die Gleichberechtigung in ihrer vollsten Form zu erfahren und endlich mal eine offene Beziehung zu führen. Die Seifen, die sie nach Kuba geschickt hat, im Austausch für Ärzte, wenn es mal dazu kommt, und das Experiment, bei dem sie zwei Seifen vor zwei Obdachlosen legt, lassen dann die Frage auftauchen: „Was ist schlimmer: Hier arm zu sein oder in Kuba?“ Der Redefluss wird oft von Sprüchen, Floskeln oder Erkenntnissen unterbrochen, wie „Der empathische Mensch ist oft einsam.“

    Horst, der rastlos hin und her schreitet, lässt seien Wut an Banken und Versicherungen aus („Alle Arschlöcher!“) und redet gerne über Möbel, um irgendwann so nebenbei festzustellen, dass man die Hässlichkeit schön mit Schwarz bedecken kann – ein Statement, das wie ein Blitz auf die Bühne schlägt und beim Publikum lange nachklingt.

    Auch Thomas ist in seiner Welt gefangen: er spricht über seine große Angst vor dem Faschismus („Oma hat Angst wie nach dem 2. Weltkrieg!“), gibt seiner Duft-Anhänglichkeit freien Lauf und hält sich fest an tradierte Wertvorstellungen – etwa von den Eltern übernommen –, die für ihn die Gültigkeit eines Kanons haben: „Fleiß, Verlässlichkeit, Talent, hat der Papa gesagt.“ Die alten Sprüche schließen eine zeitgemäße Emanzipation des Geistes aus.

    „Und jetzt stellen Sie sich mich als Emilia Galotti vor“, unterbricht plötzlich Benjamin den Redefluss, dem Appell der Bundesregierung folgend, die Künstler in Krisenzeiten zu unterstützen und der hohen Kunst den Vorrang zu geben. „Leidenschaft, das ist, was heute fehlt!“, fährt er fort. Witzig-ironisch bis grotesk-traurig wirkt sein Auftritt, wenn seine Erzählung, während er im schwarzen Witwenkeid durch die Bühne schwebt, in persönliche Leidensgeschichte übergeht: von dem Augenblick an – angefangen bei der Schilderung von der Misshandlung bei der Armee bis er die Zahnprothese als Beweis herausnimmt – wird das Traurige plastisch, es wird dermaßen verdichtet, dass man die Bitterkeit des Leids wortwörtlich auf der Zunge schmecken kann.

    Martin Gruber löst das bürgerliche Trauerspiel von seiner historischen Bedeutung ab und versetzt es in den gegenwärtigen Kontext, in dem der Tragik der Fallhöhe neue Dimensionen und Interpretationen beigemessen werden. Unglaublich, wie weit die Palette aus Assoziationen reicht, zu der der Regisseur greift! Aus dem unmittelbaren Vergleich mit den klassischen Werken entsteht das Witzig-Lustvolle, vor dessen Hintergrund das Gegenwärtige noch deutlicher wahrzunehmen ist. Die großartigen Darsteller Michaela Bilgeri, Horst Heiß, Thomas Kolle und Benjamin Vanyek übernehmen wiederum für uns, das Publikum mit ihrem unter die Haut gehendes Spiel, das einen an die Grenzen seiner Wahrnehmung treibt, den schwierigen Teil. Die Realität, die mit ihren lustigen, albernen, banalen, aber auch schmerzvoll-skurrilen Ausprägungsformen auf die Bühne übertragen wird, stellt ein bürgerliches Trauerspiel nämlich, in dem das Bürgerliche ins Zentrum des Tragischen rückt. Wie ein Karussell drehen sich Banalitäten, eine nach der anderen, mit der Lichtgeschwindigkeit und füllen so die Mikrowelt des Einzelnen vermeintlich mit Lebenssinn aus. Unabhängig davon, ob es dabei um Vorlieben, Gewohnheiten oder Überzeugungen geht, eines bleibt konstant: das Fehlen an einem starken Impuls, der ein gesellschaftlicher Konsens denkbar machen würde: Sowohl in den Banalitäten des Alltags als auch in der Besprechung der „großen Themen“ redet man aneinander vorbei, der Gemeinsinn ist verfehlt.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Stefan Hauer

    In der Umarmung von Musik und Tanz

    Die wunderbare Sängerin Nadine Abado, der talentierte Schlagzeuger Alexander Yannilos und der uns allen bekannte Musiker Kristian Musser, die aktionstheater ensemble schon lange begleiten, halten musikalisch die Bühne fest in ihrer Umarmung und verleihen dem Stück durch die Wirkungskraft der Stimme, der Musik und des Schlagzeugs eine ganz besondere Fülle, indem sie entweder die Tonstärke virtuos hochklettern, sodass der Gesang beinahe als Hilferuf, der die Stille durchschneidet, wahrgenommen wird oder leise und gesprächig uns Bilder reinflüstern – da, wo die verbale Erzählung abbricht oder diese in die musikalische Begleitung eingewoben wird.  

    Wenn Thomas und Horst nicht breitbeinig dasitzen a là Manspreading oder demonstrativ-offensiv die Beine übereinanderschlagen (Sohlen zeigen nach außen!) bewegen sie sich im gleichen Tempo, mit ihren Liegestühlen in der Hand, die während der Krise mit ihnen beinahe zusammengewachsen sind, kreisen um sich herum, ohne aus dem eigenen eng umrissenen Bewegungsfeld ausbrechen zu können. Die gleich rhythmischen, eintönigen, sich wiederholenden Schritte auch bei den anderen DarstellerInnen widerspiegeln das Sich-Ewig-Wiederholende, das aus alten Denkmustern oder Eigentheorien Zusammengebastelte, das Neues nicht zulässt. Zugleich vereinen die synchronen Bewegungen auf der Bühne ähnliche Schicksäle, Charaktere, denen eine tragfähige Zukunftsperspektive fehlt. Als Thomas ausrastet, ist das als Ausbruch aus den eigenen Grenzen hinaus zu empfinden. Dass gegen Ende des Spiels auch manche der DarstellerInnen in den Käfigen hinter den Gittern stehen, stellt jedoch ein Zeichen dafür dar, dass es dem Einzelnen nicht gelingt, seinen Mikrokosmos zu verlassen und die Gitter zu durchbrechen, denn, wie Horst einmal bemerkt, man habe sich während der Krise an die Eintönigkeit gewöhnt.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Nichtigkeit als Chance

    Wären nicht die fantastischen DarstellerInnen da, auf der Bühne, hätten wir, die Zuschauer vielleicht auch nicht die Chance bekommen, in die Rolle des Beobachters von uns selbst reinzuschlüpfen und somit den Schritt aus unserem eigenen Trauerspiel raus zu wagen. Diese Entscheidung überlässt aktionstheater ensemble, das sich weit fern von allen Versuchen hält, fertige Lösungen anzubieten, dennoch einem selbst. Das mehrfach ausgezeichnete Theater, das von dem Temperaturgrad seiner schonungslosen Subversivität her einzigartig ist, fordert uns mit seinem fulminanten Spiel immer wieder heraus, in den Spiegel zu blicken. Die Nichtigkeit des Daseins mit der radikalen Belanglosigkeit seiner Tagesthemen kollidiert im Bürgerliches Trauerspiel mit der äußert intensiv wahrnehmbaren Notwendigkeit, nach der Essenz und somit auch nach einem Gemeinsinn zu suchen, die eigenen Grenzen zu sprengen. Ob das uns gelingt? Das ist die Frage. Bis dahin: Alles Konfetti.

    Neli Peycheva

  • Tintenblau! Sei eine Göre!

    Tintenblau! Sei eine Göre!

    Wenn die Welt mit Tintenblau bekleckst ist,

    und der Tag ist tintenblau und kantig,

    wenn auf der tintenblau-verzwickten Straße ohne Ausfahrt die tintenblaue Zeit niedergeschlagen halt macht,

    zerzause die Haare, trage Lippenstift auf,

    schminke die Augen in Tintenblau,

    bewege dich wie eine junge Gazelle,

    male tintenblaue Sonnen und Herzen,

    sei eine Göre und lach über die Fehler aus – das wäre ja gar kein Fehler!

    Denn im Leben aus Fehlern – kleinen, großen, rein menschlichen – wird langsam, ein Fehler nach dem anderen, das dunkle Tintenblau zu hellem Himmelblau,

    der Tag quillt aus dem Himmelblauen hervor,

    die in Himmelblau leuchtende Welt trifft das Himmelblaue,

    und du bist himmelblau-echt-lebendig.

    Und dir steht dein Blau so gut!

  • Weiß

    Weiß

    Weiße Räume üben eine ziemlich merkwürdige magnetisierende Wirkung auf mich aus. Wenn ich einen weißen Raum betrete, werde ich blind, die Weißheit des nichtssagenden, sinn- und emotionsentleerten, das Ich widerspiegelnden Weiß lädt zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst ein.  Dieses mich reflektierende Weiß blendet mich dermaßen ein, dass es mir – zwischen Weiß und Weiß gefangengenommen – unmöglich erscheint, dieser Falle entkommen zu können, ohne vorher eine Beichte abgelegt zu haben. Ein Blick im Spiegel, Ich gegen Ich. In die Stille hineinhorchen, um nachzuspüren, was da ist oder was eben nicht. Das, was gerade „nicht da ist“, ich allerdings viel intensiver wahrzunehmen. Heute jedenfalls!

    Also, was ist nicht da?

    Kein Make-Up, keine Rolex am Handgelenk, keine schimmernde Goldkette um den Hals, keine high heals, kein einziges Swarovski Steinchen, kein Sonnenbrand, nicht mal ein Piercing oder ein winzig kleines Tattoo – einfach so, zum Anheben des Selbstwerts, so nebenbei! Nichts.

    Weiße Räume machen mir Einiges zu schaffen, und vor allem – Sorgen! Diesmal – Sorgen um mich.

    Wie geht es so weiter mit dir, Neli?

    Ohne Statussymbole ist man nämlich eine weiße Wand. Wie geht es nun also so weiter mit mir? Ohne irgendwelche Attribute, die mir Halt und Orientierungsbasis im Leben geben, wo ich hingehöre und wo nicht? Ausschließlich aufgrund dessen, was ich bin? Ach, Bullshit! Es gibt so Vieles, so unglaublich Vieles an mir auszubauen, Leute!

  • Die Psychologin

    Die Psychologin

    Und so bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich mir nichts, wirklich nichts mehr wünschte. Andersrum: es war auch nichts mehr so, wie erwünscht. Weder Beförderung, noch die schon 20 Jahre alte Hoffnung auf Gehaltserhöhung, noch der Gedanke an glänzende Auftritte vor interessiertem Publikum konnten mich nun mehr begeistern. Nicht mal jener teure Gürtel von Cucinelli ließ mein Herz aufflammen, verdammt! Und schon die Vorstellung wissenschaftlicher Betätigung widerte mich an, ja, mich, wo ich sonst so gerne schreibe.

    War ich älter geworden? Noch schlimmer: eine Reisende auf dem Weg zum Endgültigen ins Jenseits? Das etwas gewaltig mit mir nicht stimmte, war doch klar. Außerdem gab es noch einen wichtigen Grund für Sorge, der den faden Beigeschmack einer unklaren Zukunft nur noch zu verstärken schien: mein Lebensbild wies schon ziemlich große, unüberwindbare Unterschiede auf im Vergleich zum Bild meiner Psychologin, das eh das „richtige“ bzw. das „funktionierende“ sein sollte: „So ist halt das Leben, die einfachen Sachen sollten uns Freude bereiten, und nicht die Höhenflüge. Etwa mit Freundinnen fortgehen oder mal wieder in die Hauptstadt fahren, um sich was Schönes zu leisten!“ Es wurde mir schlecht. Einfach übel. Wieso sollte mir Einkaufen Freude machen? Und wozu Sachen kaufen, wenn ich schon meine verschenke und im Klaren bin, dass ich nicht mehr als einen Koffer brauche? Und wieso sollten es immer die einfachen Sachen sein? Und wie konnte sie wissen, was für mich einfach und was komplex war? Sollten die materiellen Dinge mehr Freude bereiten als die immateriellen? Meine Verwirrung war voll und die Diagnose lag eindeutig vor: ich war hoffnungslos krank.

    Dann kam es zu der nächsten Enttäuschung: ich musste feststellen, dass ich gar nicht so gut bin. Weder gut noch brav. Wahrscheinlich war ich noch nie gut oder brav, ich war nichts davon, was man sich von mir erwartete, und alles, was zum Tragen kam, nur einer Vorstellung von dem ähnelte, was ich hätte sein müssen. Die neueste Erkenntnis also, dass meine dunkle Seite am Werk war, führte bald zu einer lawinenartigen Aktion, in der, eine nach der anderen, Schattenseiten meines Charakters – jede dunkler als die andere – zur Schau getragen wurden. Der Trend ins Bodenlose kündigte sich schon beim ersten Treffen mit meiner Psychologin an – vielleicht habe ich auch das Bodenlose immer in mir getragen, weiß ich ja selber nicht mehr –, während dessen ich erklärt hatte, ganz zu Beginn des Gesprächs, dass ich Ratschläge nur von Menschen akzeptiere, die entweder weiser sind als ich oder als Profis auf ihrem Fachgebiet gelten, was sie in einen Schock-ähnlichen Zustand versetzte oder zumindest fühlte es sich auf den ersten Blick so an, als ob ich an einer Filmszene teilnahm: Die Pupillen weiteten sich, ihr Atem geriet ins Stocken und der Wortfluss verstummte. Ich hatte aber, ehrlich gesagt, echt keine Zeit mehr, um sie mit leerem Gerede zu vergeuden und wollte uns beiden kostbare Minuten ersparen. Und was passierte stattdessen? Nicht nur, dass ich krank war, ich machte auch andere krank!

    Was ich ihr dann erzählte, hatte einen noch beeindruckenderen Effekt auf sie, sodass ich irgendwann um ihre Gesundheit echt besorgt war: „Wie kann aber das nur denn sein? Was erzählen Sie mir überhaupt? Wie ist Ihnen überhaupt eingefallen, ohne sichere Einkünfte und einen festen Arbeitsplatz zu haben, das Land zu verlassen?“ Ganz zu meinen Ungunsten hat mich diese unendliche Tirade, wenn sie doch dann irgendwann zu Ende war, zu den verantwortungslosen hysterischen Persönlichkeiten zugeordnet. Na, bravo! Möge Fritz Riemann Erbarmen mit ihr haben und ihr diesen geistigen Ohnmachtsanfall verzeihen!

    Von nun an folgten unsere Treffen immer demselben Sujet: „Entscheiden Sie sich! Sie müssen sich entscheiden! Entscheiden Sie sich, sonst werden Sie krank, schnell!“, klammerte sie gnadenlos an ihren Grundgedanken und hoffte, sich in die Rolle des Baumeisters eingelebt, diesen so tollen Einfall, dass ich mich sofort entscheiden musste, auf den ich in ihren Augen allein wohl nie gekommen wäre, mit dem Mörtelbrett bald in meinem Bewusstsein betonieren zu können. „Glauben Sie, ich wäre zu Ihnen gekommen, wenn das so leicht wäre???“, schrie ich ihr daraufhin ins Gesicht.

    Da ich offenbar eine harte Nuss war, schien unsere Therapie keinen einzigen Schritt nach vorne zu verzeichnen. Alles umsonst. Keine Auflösung. Ich fühlte mich definitiv nicht gestärkt, aber auch sie schien immer schwächer zu werden. Bis auf den Tag, als ich plötzlich eine andere Antwort für sie hatte: „Ok, nehmen wir an, dass ich mich für die vernünftige Variante entscheide, da möchte ich Sie gerne sehen, ja, SIE, ob sie auf der ganzen Welt jem. finden würden, der fähig wäre, einen Menschen zu therapieren, der seinen Traum aufgegeben hat! Das möchte ich gerne sehen!“ Diese Antwort traf sie völlig unvorbereitet. Eine Weile lang saßen wir da noch schweigend und zum ersten Mal gleichgestellt: ich wusste nicht mehr weiter und sie wusste nicht mehr weiter. Zum ersten Mal waren die Kräfte im Gleichgewicht und ich konnte mich ohne keinerlei Gewissensbisse von ihr verabschieden.

  • Auf der Theaterbühne meines Lebens

    Auf der Theaterbühne meines Lebens

    Ich weiß immer noch ganz genau wo die drei Bände von Stanislawski in meiner Bibliothek stehen, ich kann nach wie vor jeden Moment den Geruch von altem Papier wachrufen und somit auch die Aufregung, die ich beim Umblättern spüre. Eine Seite, zwei Seiten, drei… Und schon betrete ich eine andere Welt, in der das Unmögliche draußen vor der Tür bleibt. Denn hier ist alles möglich. Auf einmal wird die Begrenztheit des Daseins überwunden. Es hat sich also nichts verändert. Die Erinnerung ist da, farbig-duftend, plastisch, grell leuchtend, der Augenblick, als ich dieses kostbare Geschenk bekam, flattert wie Schmetterling in der Luft, und… er. Als ob er immer da gewesen wäre.

    An einem warmen Märzabend sitze ich unter den Zuschauern im vollen Theatersaal des Puppentheaters in Russe. Wie war es dazu gekommen? Keine Ahnung. Der frische Märzwind soll mich dahin geweht haben. Die Bäume treiben schüchtern Knospen. Ein sanfter Duft breitet sich Richtung Donau aus. Das Gebäude befindet sich nicht weit von dem ruhig fließenden Fluss entfernt, der sich, wie ich erst Jahre später feststelle, in Menschen verfängt, die Menschen verfangen sich ihrerseits in Zeiten, die Zeiten in Erinnerungen, und die Erinnerungen wiederum in Menschengeschichten, sodass ein unübersehbares Netz aus Endlosigkeit entsteht, das von Russe über Wien hinaus bis nach Passau hinüber reicht. Verhängnisvoll. Damals ahne ich es allerdings immer noch nicht. Das, was ich zu jenem Zeitpunkt weiß, ist, dass dieses Donaublaue wie ein Magnet auf mich wirkt.

    An jenem Abend spielt eine junge Pantomimetruppe. Erschütternd! Die Handlung, die die sichtbaren Grenzen des Raums bald verlässt, die begabten jungen Menschen auf der Bühne, die mit der Sprache des Körpers Geschichten fabulieren, er. Nicht länger als eine Stunde ist vergangen, und die Entscheidung steht schon fest. Es geht um eine jener Fragen, bei denen es kein Zurück gibt. Es ist nämlich eine Frage auf Leben und Tod. Was ich will, ist um jeden Preis ein Teil vom Wunder, genannt Theater, zu werden. Also warte ich ruhig ab, dass auch der letzte Zuschauer sich verabschiedet und den Raum verlässt und nähere mich langsamen Schrittes auf die Bühne zu, stelle mich kurz vor und bringe es gleich direkt auf den Punkt, so ist es halt mit den Fragen auf Leben und Tod: „Ich will eine von Euch sein!“, kündige ich an. „Was kannst du?“, fragt er. Ich, die erfahrene Gymnastikerin, denke einen Moment lang nach. Da leuchtet es mir plötzlich ein, wo meine verborgenen Talente wohl hätten liegen können und packe die Sache professionell an: „Spagat! Ich kann Spagat!“, rufe ich aus und gleite sofort in den Spagat. Er lacht.

    So beginnt mein Treffen mit dem Theater und dem Menschen, der mich beinahe adoptierte. „Adoptiert“ von ihm waren fast alle anderen Kinder in der Truppe. Fast alle von uns waren entweder nur mit dem einen Elternteil aufgewachsen oder kamen aus schwierigen Verhältnissen. Und alle brauchten wahnsinnig einen Vater.

    Ich bin 16. Die wöchentlichen Pantomime-Proben fangen an. Es beginnt ein Leben voller Elektrizität, das von einem unsichtbaren Motor vorangetrieben wird, in dem allem einen tieferen Sinn eingehaucht wird. Und er. Eine markante Persönlichkeit, die man nie aus dem Gedächtnis verlieren kann – Yordan de Meo. Ich probe. Fleißig. Mit Leidenschaft. Dann folgt der Bühnenauftritt unter dem Licht der Scheinwerfer. Ich lerne Maria Luisa, die Schwester von Simeon Sakskoburggotski kennen. Er schenkt mir die Platte von Kenny Rogers. Ich verliebe mich in die Songs. Bald danach beginne ich regelmäßig seine Mutter, eine gebürtige Deutsche, zu besuchen, um mit ihr mein Deutsch zu üben. Wir sprechen. Wir sprechen über „Vom Winde verweht“. Ich lasse mich vom Wind verwehen. Modeschau. Ich nehme an einem Casting für eine Modeschau teil.

    Die Schulzeit ist zu Ende und er stellt die Frage aller Fragen: „Willst du nicht Schauspiel studieren?“ Ich glaube nicht. Eine Nichtgläubige. Oder ich glaube zu wenig, dass es möglich wäre und bestehe stur auf die Fremdsprachen, als ob ich bei der Geburt verflucht worden wäre, mein Leben einzig und alleine mit den Sprachen in Verbindung zu setzen. Andere von meiner Pantomimetruppe aber, etwa Simeon Lytakov, haben mehr Glauben. Oder zumindest genug, um später erfolgreiche Schauspieler zu werden.

    Jahre danach treffe ich ihn von Neuem. Diesmal in Sofia. Er lacht genauso wie einst, glaubt, dass ich nicht an die Uni hingehöre. Prophet.

    Und endlich mache mich auf den Weg nach Wien. Nein, nicht über die Donau. Ich nehme den schwereren Weg, der mir in kurzer Zeit über 160 Stempel in meinem Pass sichert für Grenzen, die zu überqueren waren. Nach fünf dort verbrachten Monaten fangen die ersten Zweifel an. Gibt es für mich einen Rückweg? Ich muss jedoch zurück, um ihn anzurufen. Die Weihnachtsfeiertage vergehen. Ich nehme den Hörer in die Hand und dann verstehe ich auf einmal, dass ich zu spät bin. Ein nie zustande gekommenes Gespräch bleibt in der rechten Herzenskammer und wird ewig herumgeschleppt.

    Später treffe ich völlig unerwartet für mich seine Tochter Mariana in Wien!  Und somit taucht er wieder in der Erinnerung auf, als ob er immer da gewesen wäre. Seltsam, wie sich diese roten Fäden in meinem Leben durchkreuzen, ähnlich all jenen mir am Herzen liegenden Menschen, ohne die ich nicht das wäre, was ich jetzt bin.

    Ich höre Kenny Rogers. Neben mir sitzt Stanislawski. Ins Unausgesprochene lausche ich hinein, dem Offensichtlichen hingegen drehe ich den Rücken und verstehe nun besser denn je: Mein Leben ist eine Bühne voller Elektrizität, die von einem unsichtbaren geistigen Motor vorangetrieben wird, der jeder Sache einen tieferen Sinn verleiht, wohl oder übel. So war es schon immer und so wird es sein. Nichts hat sich verändert. Verlangt bitte also nicht von mir, in einem fremden Theaterstück zu spielen. Und, übrigens, die Arbeit des Schauspielers an sich selbst geht weiter.

  • Ich erkläre es Euch

    Ich erkläre es Euch

    Ihr fragt Euch, warum ich so gut aussehe und dieses unbeschreibliche Glück ausstrahle?

    Ich erkläre es Euch.

    Jeder Tag beginnt für mich mit dem Sonnengruß, gefolgt von aufrichtiger Danksagung an die bulgarische Regierung. Gleich danach, in stillem Rückzug (still, weil da nicht viel zu sagen übrig bleibt), widme ich mich devoter einstündiger Meditation. Dies lässt mich denken, dass ich mir völlig genug bin, so, wie ich ganz alleine dasitze, unabhängig davon, was in der äußeren Welt los ist. Daraufhin wende ich mich immer an die Sterne, lausche im Wind hinein und kriege eindeutige Antworten für meine Zukunft, weil ich ja die richtigen Fragen gestellt habe. Gegen Mittag bekomme ich regelmäßig je ein Video von Euch mit einem allwissenden Weisen darauf. Mein Tag ist gerettet! Dankeschön, das stärkt meinen Glauben an das Gute immens und macht mir deutlich, wie wenig ich, die Arme, weiß! Nachmittags lege ich die Tarotkarten und da entscheiden die Göttinnen für mich (ein Geheimnis: alle Karten sind streng geprüft, sonst hätte ich sie nicht gekauft! Kein Tod, keine Rache und keine Schicksalsschläge! Garantiert!) Abends schalte ich nie den Fernseher ein, sonst wäre die ganze Mühe umsonst!

    Ein ganz normaler sorgenfreier Tag bei mir…

    Doch manchmal erwischen mich manche Nachrichten früh morgens und bringen mich aus meiner Nirwana-ähnlichen Balance, wie etwa diese, dass Flüge vom Balkan nach Wien untersagt werden. Da werde ich blitzschnell in die Realität zurückgeholt. Wer hätte daran gedacht, dass ich nun einen Tunnel graben muss.

  • Does Muhammad need that much?

    Does Muhammad need that much?

    I’m sad today. And no, I don’t need numerology or astrology or any prophets at all to find out that I’m like the moon 😊. And I do admire the newly risen commercially oriented sexologist and almost established influencer in Bulgaria Natalia Kobilkina, as she says in one of her competent videos, she doesn’t care about the protests in America or anything else, as she lives pretty fine in her own micro-world.

    Well, I function differently.

    Because my world is not only mine and the outside world is not only foreign. Because there is something called “collective memory” and that thing connects us throughout the ages beyond borders and generations.

    I understand more than ever the concept of „thinking with an open mind,“ the concept of being able to see the whole, not just observing and perceiving from one’s own limited point of view – a quality that, on the contrary to all evolutionary laws, turns out to be underdeveloped nowadays. On the contrary to the laws of evolution, we do not become wiser, but only more arrogant, more unforgiving, more narcissistic, and more sticking to the only one worldview (!) – ours. To turn a Hagia Sophia https://www.hagiasophia.com/ without thinking too much into a mosque is a sad proof of trampling on and neglecting the collective memory.

    And The Hagia Sophia is a part of it. Just like the Egyptian obelisk, just like the Fountain of Wilhelm II in Istanbul. I was there, in the church, and I saw it with my own eyes, and most of all, I felt it. A centuries-old story with lots of intertwined destinies. Look into the eyes of the icons on the walls and let us see if you can stay unaffected by the flow of history. And I keep asking myself „Does Muhammad need that much? So much noise? All that ostentatiousness? Such a gesture?” I doubt it, because I spoke to him in June a year ago in private in the Haci Bayram https://kvmgm.ktb.gov.tr/TR-43999/ankara—haci-bayram-camii.html mosque in Ankara.

    When I traveled for a second time to Istanbul 2012, alone and by bus, I heard from the guide the whole story of Ataturk again, including the romantic love story about him and a beautiful Bulgarian girl. Last year in Ankara, I was so impressed to see him, looking at me from a portrait from almost every corner. Now I understand more than ever why. Turkey needs an Ataturk nowadays, but he isn’t here. He isn’t here.

  • Zwei Kilo Zeit, bitte!

    Zwei Kilo Zeit, bitte!

    Meine Liebe,

    zwei Kilo Zeit will ich! Glück in Sicht! Kaufe Zeit!

    Schneiden Sie mir bitte zwei Kilo Zeit ab, zahle bar!

    Mit dem schärfsten Messer! Von der teuren Zeit!

    Scheißegal dieser Preis, es ist wahr,

    dass ich von der kostbarsten Zeit haben will,

    damit wir ohne überflüssige Worte, ganz still

    sitzen ohne „Wie lange?“ und „Wann?“,

    und unsere Stille zu Wort kommen kann.

    Damit die Zeit, tragend deinen Namen,

    meine Zeit setzt in leuchtenden Rahmen,

    und ich neben dir auch dieses Mal

    zahle pro Kilo für Stille real.

    Netto. Für zwei Verse Leben,

    für zwei Herzgeschichten zahle die Summe,

    für unsere Stille, für zeitloses Schweben.

    Und möge die Stille niemals verstummen.

  • Ich reich!

    Wenn mir jemand sagt, ich war immer arm und so wird es immer sein, da bin ich beleidigt. Ich bin beleidigt, weil es nicht stimmt, zumindest, was die erste Hälfte betrifft.

    Nach dem 1. Studienjahr ging ich für eine Woche in Urlaub ans Meer. Dort angekommen, fiel es mir plötzlich ein anzufangen, „Rap Hairs“ aus bunten Fäden zu flechten, und ich blieb da den ganzen Sommer, drei Monate lang. Die Zöpfchen aus Fäden verzierte ich mit farbigen Glasperlen, und die reichen Touristen zahlten viel Geld dafür, und mir besonders gut, da ich Deutsch und Englisch konnte!

    Die Zeit der Bananen war das, da es völlig unmöglich war zu „schließen“, da sich das ganze Geschäft auf der Straße vorm Hotel abspielte. Also arbeitete ich ununterbrochen und bis zur vollen Erschöpfung. Mitte des Sommers war ich dermaßen am Ende meiner Kräfte, dass ich drei Tage vom Bett nicht aufstehen konnte. Dann ging alles von Neuem weiter. In jenem Sommer eröffnete ich mir mein erstes Bankkonto und sparte so viel Geld, dass es mir gelang im Herbst eine Waschmaschine (der Traum einer jeder Hausfrau, hihi!) und einen kleinen Farbfernseher zu kaufen. Somit war das ganze Geld vom Bankkonto verbraucht. Davor war ich aber drei ganze Monate reich! Hört ihr das??? Reich!

    Seitdem bin ich allerdings arm. Ich besitze aber eine Waschmaschine und einen Farbfernseher immer noch!