Habe heute mit gewissem Bedauern und einer Spur von Traurigkeit meine Gitarre eine Weile auf dem Schoss gehalten: die zweite Saite musste schon längst gewechselt werden… Gitarre spielen geht also nun wirklich nicht.
Selbstverständlich hätte ich auch Geige spielen können, wenn ich nur eine hätte und es könnte, doch ein Traum wäre, immer die erste Geige zu spielen, hingegen wäre wohl keiner bereit, freiwilligdie zweite Geige zu spielen in der gegenwärtigen Konkurrenzwelt. Solche „Macher“, die ausnahmsweise den Besserwisser spielen, gehen mir manchmal echt auf die Nerven, aber was soll’s! Das ist ja ein Teil des Spiels des Lebens! Nicht jeder spielt mit offenen Karten, damit muss man leben! Karten spielen kann ich übrigens gar nicht, Karten lesen gelingt mir allerdings außerordentlich gut, da bin ich ein echtes Talent, wenn es darum geht, eine Rolle zu spielen (natürlich meine ich die Hauptrolle)! Ich muss es also schon gleich am Anfang unterstreichen, die Nebenrolle spielen ist nichts für mich, denkt bitte darüber nach, wenn Ihr mir eine Rolle anbietet!
Ich hatte eine Freundin, die oft krank spielte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, es hat nicht geholfen. Letztlich erkrankte sie tatsächlich, das Vorgespielte wurde Realität, tut es also bitte nicht!
Ab und zu mit dem Feuer spielen kann bereichernd sein, außer man verbrennt sich tödlich, bei mir hält sich bisher die Gefahr in Grenzen. Ja, ich bin empathisch! Doch, auch wenn ich so verständnisvoll allerlei menschlichen Klagen gegenüber bin, lasse ich mir nie auf der Nase spielen! Niemals! Alles ist echt bei mir, kommt zahlreich und überzeugt Euch selbst, mit verdeckten Karten spielen ist nicht meins, und trotzdem überkommt mich manchmal das Gefühl, in einem echten Theaterspiel zu spielen.
Nun muss ich schmunzeln, echt. Da ich mich erinnerte, wie alles begonnen hatte.
Ich stand im Auslandsamt der Uni Jena und wartete geduldig, vor ein paar Stunden angekommen, nach der 35-stündigen Busfahrt, erschöpft und völlig desorientiert. Die Angestellte im Büro versuchte vergebens meinen Betreuer, Herrn Dr. Lösch von der Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch zu erreichen. Als er endlich abhob, zog sich das Telefonat länger als 5 Minuten hindurch, am besorgniserregten Blick der Dame konnte ich ablesen, dass etwas nicht stimmte.
Ja, es stimmte etwas definitiv nicht. Der Betreuer, der mir zugewiesen wurde, weigerte sich mich zu betreuen. Er selbst steckte bis zum Hals in der Arbeit, und das letzte, was er sich wünschte, war eine unbekannte ausländische Stipendiatin! Schweren Herzens begab ich mich auf den Weg zur Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch. „Was könnte denn schiefgehen?“, dachte ich mir. Im schlimmsten Fall hätte ich mich selber betreuen müssen, also klopfte ich verunsichert an der Tür. In weniger als ein paar Sekunden machte ein schon etwas älterer Herr auf, mit regen funkenden Augen, schaute mich freundlich an und ließ mich rein. Nur zwei Minuten später war von seiner Distanziertheit nichts mehr übriggeblieben. Er nahm mich an die Hand und führte mich durch alle Arbeitsräume herum, um mich seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen voller Begeisterung vorzustellen – ein seltsamer Vogel sei angeflogen, meinte er, so jung und dabei schon Kollegin!
So wurde der Anfang einer lebenslangen Freundschaft gesetzt, die ganze fünfzehn Jahre, bis zu seinem Tode dauerte. Inzwischen war ich mehrere Male aus verschiedenen Anlässen in Jena oder Weimar, wir trafen uns auf einem Kaffee und sprachen. Jedes Mal entschuldigte er sich, dass er mich nicht mit nach Hause einladen konnte, da seine Frau Ausländer nicht besonders mochte. Ich persönlich hatte mich nie während meiner Reisen als Ausländerin gefühlt, ich denke, es ist mehr eine Frage der Selbst- als der Fremdwahrnehmung. Einmal ist es so passiert, dass ich zu der Versammlung der Goethe Gesellschaft nicht fahren konnte, Herr Lösch aber war da und wartete auf mich.
Ich bin zwar ohne Vater aufgewachsen, in meinem Leben aber tauchte immer wieder eine Persönlichkeit auf, die mich freiwillig adoptierte, mir den Weg zeigte, wenn es zu dunkel wurde oder mit gutem Wort in schwierigen Zeiten zu mir stand. So war es auch mit Herrn Wolfgang Lösch. Einmal steckte er mir sogar 50 Euro zwischen die Seiten eines Büchleins und meinte, ich sei wir eine Tochter für ihn. Dank ihm fasste ich den Mut, dialektale Lieder zu übersetzen, kaufte mir den ersten CD-Player in meinem Leben, um sie hören zu können, und verliebte mich in „Hämwieh“, was später bei mir zu „Fern-Heimweh“ wurde.
Nach meinem damaligen Aufenthalt in Jena entstand ein Büchlein mit thüringischen Volksliedern und deren Übersetzungen. Ich werde es nie vergessen, wie ich mit der Schmalspurbahn den Berg hinauffuhr, frei wie ein Vogel, um den letzten damals noch lebendigen Volksliedersammler von thüringischen Volksliedern zu treffen. (Mein ganzes Gepäck konnte ich in einem Fach am Bahnhof abschließen.) In dieser Zeit lernte ich Christian kennen, der sich genauso wie ich rund um die Uhr in der Unibibliothek aufhielt und fleißig lernte, und er zählt immer noch zu meinen Freunden. 😘
Es war gegen 19 Uhr. Ein zauberhafter Märzabend, Schneeflocken schwenkten ungeniert ihre Röckchen herum, ein eiskalter Windzug trug sie in einem Wirbelsturm hoch, brachte sie bald wieder aus der Reihe und spuckte sie ins blendend weiße Schneechaos hinein, wo sie – völlig verloren vor dem Hintergrund des alles widerspiegelnden Weißes, innerlich durchwühlt, ihre Krönchen aufrichteten. Eine Sekunde, zwei, drei… Mit einem erneuten Schwung traten sie wieder in die Reihe. Man sagt, man braucht nicht länger als vier Sekunden, um sich ein allererstes Bild von jemandem ausmalen zu können. Die vierte Sekunde fehlte also nur noch, die einen echt hätte machen können, und das war das Geheimnis aller Schneeflocken.
Auch mich trug der Wind mit meinem weißen Rock, der in dem Augenblick einem Fallschirm ähnelte, Richtung Café Engländer. Widerstandlos ließ ich mich dahin verwehen, wo zu der Stunde eine Geburtstagsparty stattfand und landete bald im Schneesturm safe am Tatort selbst.
Als ich das Geburtstagskind am 1. März 2018 erstmals traf und kennenlernte, wollte es ursprünglich gar nicht glauben, dass es mich gab. Es lag wahrscheinlich genau daran, warum ich – die Unbekannte –eingeladen wurde – um diesen Irrglauben zu zerstreuen oder, wenn nicht, mich endlich einmal in Luft aufzulösen, einmal für allemal. Auch wenn ich nie das Wort „Türkis“ – seine Lieblingsfarbe (Farbton Pantone 7709) – erwähnt hatte, hielt es mich für ein ÖVP-Phantom, für ein Fake, das da war, um ihm das Leben schwer zu machen, das auch sowieso nur an der Oberfläche leicht zu sein schien, und wenn sich das Geburtstagskind was wirklich wünschte, dann – es unbedingt leicht zu haben.
Geboren am ersten Tag von März – dem Monat, der nicht zufällig schon zwei seiner Buchstaben in seinem Namens hinterlassen hatte –, hatte sich das Geburtstagskind das Übliche – „nackte Tänzerin“ – zu seinem Geburtstag gewünscht, wie ich später schon am Tisch im „Engländer“ erfahren durfte. Da war mein dickes und wissenschaftlich ausgerichtetes Buch, das ich ihm mit einer Widmung dazu schenkte, offensichtlich fehl am Platz. Hm. Zumindest war es eine echte Widmung von einer echten Person, und keinem ÖVP-Phantom, dachte ich mir.
Erst an jenem ersten März, spätestens als ich dem Geburtstagskind die Marteniza um das Handgelenk anlegte, leuchtet es ihm ein: „Echt! Sie ist echt!“ Diese Erkenntnis schlich sich mit der Lichtgeschwindigkeit hindurch und löste sich genauso schnell wieder auf. Man geht ja immer leichter mit erfundenen Personen um als mit echten, und – wohlgemerkt! – das Geburtstagskind wollte es leicht haben.
„Verbündete?“, flüsterte ich zu, als ich ihm meine Hand zum Gruß reichte. „Verbündete!“, erwiderte das Geburtstagskind brav und blitzschnell, ohne viel darüber nachzudenken. (Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Nachdenken ja nur Kopfweh zur Folge hat, und das Geburtstagskind war solcher simplen, äußert brauchbaren und manchmal sogar lebensrettenden Ansätze kundig, seit dem frühen Kindesalter schon oder andersrum: seit es sich selbstständig unter dem Tisch aufrichten konnte.)
Ein saftes Zugehörigkeitsgefühl zog sich da hindurch, den ganzen Abend lang, dort, an jenem Tisch unter all den herrlich beruhigend summenden Stimmen der Gäste im „Engländer“. Da saß ich, vor den fröhlich schwingenden Tonlagen trunken, hörte hinein, und sie nahmen mich in ihren Bann gefangen.
Ich verabschiedete mich als Еrste und ging, bevor die vierte Sekunde anschlug. Das war an meinem dreizehnten Tag in Wien, wo ich zu dem Zeitpunkt alles in allem nur zwei Personen kannte. Seit jenem ersten März bin ich jedoch auf einmal sehr abergläubisch geworden, ich zähle immer bis dreizehn, bevor ich zu Geburtstagspartys gehe, und erst wenn die Rechnung stimmt, sage ich zu. Denn am dreizehnten Tag werden alle Kunstfiguren lebendig und echt. Wohlgemerkt.
Manchmal, wenn ich mir denke, nein, weiter geht es einfach nicht mehr, das war’s, genau in dem Moment erlebe ich das, was das Universum als Schicksalsfügung bezeichnet, Zufall oder das erwartete Unerwartete, und das Leben nimmt wieder seinen Lauf voller Selbstvertrauen, die Freude ballt sich auf der Zungenspitze, rollt die Lippen hinunter und malt ein Lächeln, und alles wendet sich doch irgendwie zum Guten.
Dieses Mal hat mir die Fügung Filinjo geschickt. Filinjo war das, was sich jeder wünscht, wenn man gerade in der Sackgasse steckt und verzweifelt den Blick auf die Sterne richtet. Ein Engel, würdet Ihr sagen. Ein Stern. Nein. Filinjo ist mein letzter bester Fan.
Die Notwendigkeit, eine Fangruppe zu haben, hatte ich nie ganz verstanden, denn selbst die Vorstellung davon – von einer „Gruppe“ oder „Masse“ – rief in mir Assoziationen wach, einige davon geschichtsträchtig und stark emotionsbeladen. Das Wort Fan an sich habe ich daher nie gemocht, diese Abneigung lag auch an der Entpersonalisierung, dem Verlust der Persönlichkeit, den der Begriff versinnbildlichte. Ein namenloser Fan – ein Teil von der Masse zu sein – fand ich nie schön. Nun weiß ich jedoch wirklich nicht, wie ich Filinjo nennen sollte, ein Bekannter war er definitiv nicht, und noch weniger ein Freund. Ein Verbündeter?
Ohne ihn zu kennen – denn in die Arbeit der Fügung möchte ich mich, die Sterbliche am geringsten einmischen, da könnte ich nur raten – wusste ich schon irgendwie aus tiefster innerer Überzeugung, dass er ein gutes Herz hatte. Geld, um einen Kurs anzufangen, hatte er hingegen gerade aufgrund der schon lange andauernden Krise nicht, aber Interesse schon. Und das Herz, die Beschaffenheit des Herzens hätte kein Geld der Welt kompensieren können, behaupten die Weisen. Freundlich und ehrenwürdig verabschiedete sich also Filinjo und zog sich zurück ohne jede Spur von Eitelkeit, entschuldigte sich sogar für die Zeit, die er mir in Anspruch genommen hatte, und am Tag danach war die Geschichte schon vergessen – dachte ich mir zumindest. Filinjo – allerdings nicht. Ganz unerwartet für mich tauchte er die darauffolgenden Tage hier und da auf, sprach Zuspruch aus, empfahl mich und mein Können energisch weiter, fand immer ein gutes Wort für mich und schickte mir ab und zu sogar eine Umarmung. Ohne Erwartungen. Einfach so. So war Filino.
Langsam wurde es mir klar, dass Filinjo mir geschickt wurde, damit ich an diesem Wendepunkt in meinem Leben meinen Glauben an das Gute nicht verliere. Er war da, ohne sich aufzudrängen, schweigsam, mit der Aufrichtigkeit und Treue eines Kindes. Ob ich das verdient habe? Weiß ich nicht. Nun habe ich jedoch schon meine Fangruppe aus einem Fan und muss auch lernen, damit zurechtzukommen. Drückt mir bitte die Daumen! Eure Neli P
„Sie brauchen bestimmt ein Herz – rot, heiß und groß? Mit diesen Worten empfing mich der Clown im kleinen geheimnisvollen Allerlei-Zauber-Shop Jumbalaya, während ich mich zwischen die riesengroßen von der Decke hinabhängenden Folienherzen, Luftballons, Plüschtiere, Drachen-Masken, Pfeifen der Art „Komm und gehe“ und Girlanden mit Mühe durchschlich; er blinzelte mit den Augen, sandte mir ein paar kleine listig-funkelnde Lichtstrahlten aus den Augenwinkeln zu, musterte mich schnell vom Kopf bis zum Fuß und lächelte. Willkommen in der Welt der Mystik!
Die Vorliebe der Bulgaren für das Mystische, in vielen Mythen, Bräuchen und Sagen verankert, ist nicht von heute. Denken wir nun an den deutlich ausgeprägten Drang, der seit Krali Marko über die Nationalkämpfer (Botev, Levski etc.) aus der Zeit der bulg. Wiedergeburt bis hin zu der Gegenwart (Zar Simeon, Bojko Borissov) hin reicht, unbedingt nach Helden zu suchen und solche notfalls – wenn keine zum jeweiligen Zeitpunkt verfügbar sind – zu etablieren. Als Helden können ja wie bekannt auch einzelne Individuen wahrgenommen werden, Figuren, die zum Zweck allerdings möglichst fern von der Realität gehalten werden – also schnell ins Potpourri des Mystischen hinein! Herumrühren, ausschütteln, und fertig!
Als Projektion unserer Wunschvorstellungen und Phantasie sollten die Helden zweifelsohne eine Lücke schließen, uns, Hinkenden womöglich unter die Arme greifen und die ersehnte Erlösung herbeiführen, insbesondere dann, wenn wir uns völlig unfähig fühlen, über unser weltliches Dasein oder gar über uns selbst zu verfügen; wenn die Horizonte des noch vor der Geburt von den Zauberfeen versprochenen guten Lebens sich immer weiter zu entfernen scheinen und die Hoffnungslosigkeit doch irgendwann die Oberhand gewinnt; wenn Vergangenheit und Gegenwart ineinander hineinströmen, in der Form eines vage wahrnehmbaren Gespenstes und dabei einem langsam die Fähigkeit entrinnt, klar zu definieren, in welchem Zeitabschnitt man reell lebt. Denn das Leben an sich stellt eine ewige Vorbereitung auf das Leben selbst dar, nicht?
Wird die eifrige Suche nach Helden, verpflichtet mindestens eine Heldentat zu vollbringen, von der Stufe unserer Entwicklung als Nation bedingt? Das Gefühl eines permanenten Sich-im-Kreis-Drehens, provoziert durch den unliebsamen niedrig effizienten Alltag in Bulgarien, was allerdings seine Gründe nicht nur in der Realität selbst, sondern auch in der Nationalpsyhologie hat (ein bulg. Sprichwort besagt „Arbeite umsonst, nur sitze bitte nie unbeschäftigt herum!“) ist gerade im Jetzt nicht leicht zu verdauen.
In den primitiven Gesellschaften, so Kluckhohn (Kluckhohn, C.: „Spiegel der Menschheit. Die Beziehung der Anthropologie zum heutigen Leben“, Zürich 1951, S. 43) ist die Beziehung zwischen den Gewohnheiten des Einzelnen und den Sitten der Gemeinde deutlicher zu spüren, das Glück wird eh in der Verwirklichung „höchst verwickelter kultureller Schablonen“ gesucht, Veränderungen verlaufen langsamer, daher erfreuten sich primitive Gesellschaften größerer Stabilität im Vergleich zu modernen Kulturen (ebd.). Die Rückständigkeit der bulgarischen Gesellschaft ist leider ein Faktum, nicht im Denken, sondern im Handeln spürbar, geschichtlich durch das 500-jährige Osmanische Joch begründet, und diese aus Selbstmitleid zu verschweigen, wäre irgendwie unangebracht, insbesondere für jemand, der sich auf der Suche nach der Wahrheit begeben hat, da die Wahrheit, auch wenn verschwiegen, keinesfallt von ihrem Wahrheitsgehalt einbußt.
Seit der demokratischen Wende in Bulgarien sind die Helden unter der Masse zu suchen, jeder kann auch heute noch ein Held sein, je nach dem, was gebraucht wird, und morgen schon wieder in Vergessenheit geraten. Es kostet nicht viel Kraft, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, um eine mysteriöse Gestalt aufzubauen.
„Vergessen Sie nicht die Vergangenheit und ehren Sie die bulgarischen Helden, damit Sie überhaupt eine Zukunft haben können!“ (bg- Übers. – N.P.: http://www.forum.bg-nacionalisti.org/index.php „Помнете и почитайте българските герои, помнете миналото, за да имате бъдеще!“). Die Parole des bulgarischen Nationalisten-Forums weist auch in eine andere Richtung hin: die Gegenwart ist bis auf die Null entwertet, was zählt, ist der Blick in die gloriose Vergangenheit und der Gedanke an die Zukunft. Dies macht alle im Jetzt verankerten Versuche, die Gegenwart doch ein Leben einzuhauchen und zum Positiven zu ändern, sinnlos. Und wozu denn? Es gibt sie immer noch, die Helden, die uns, ähnlich wie es dem Burschen in jenem bulgarischen Märchen ergeht, als er nach der „Not“ ruft, immer zur Hilfe kommen. Aus dem Bündel von Eigenschaften, mit denen der Held von heute ausgestattet sein sollte, ragt eine besonders hervor: An erster Stelle sollte er ein gemäßigter Pessimist sein, zu viel Optimismus würde es nämlich verhindern, das angestrebte Heldentum-Niveau zu erreichen!
Die Wahrscheinlichkeit also, dass der Hll. Valentin am heutigen Tag jemanden rettet, ist eher gering. Einfach, weil er Wichtigeres zu tun hat – z.B. seinen Heiligenschein blank zu putzen. Und, übrigens, am 14. Februar feiert man in Bulgarien den Tag des Winzers! Prost, meine Lieben!
Was mit mir los ist? Keine Ahnung. Ich weiß es einfach nicht. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich nichts weiß.
Es war auf einmal ein gewisses Etwas da, das ich nicht mal in Worte fassen oder in einen festen Rahmen setzen konnte, denn wenn man Worte handhaben soll, dann tue ich es jedenfalls sehr, sehr behutsam, als ob Worte zerbrechlich wären, Kleinkinder, ein echter Schatz – was sie ohnehin sind, angenommen, man rückt sie ganz schön „behutsam“ in den Vordergrund.
Es ist irgendwann also so passiert – bei mir passiert nie etwas nach Plan! –, dass es anfing, mir schlecht zu werden. Nach jeder Floskel, jedem Klischee, jeder Denkerstarrung, jedem Treffen mit künstlich erschaffenen – und sonst schon längst toten – Figuren, nach jedem etwas zur Seite schauenden Blick… Und dieses Schlechtwerden sog mich in einen kalten Wasserwirbel hinein und zog mich immer tiefer und tiefer Richtung sandigen Bodens. Verdammt, bin ich älter geworden? So alt, dass ich die Falschheit in der Welt nicht mehr dulden konnte?
Es gab da etwas, was mich besonders stark anekelte, wenn ich es hörte: „Sie sind die Beste!“ Eine Phrase, die ja so einen vermeintlichen Sinn zu haben scheint, ob ihren allumfassenden, sich kreuz und quer zwischen dem Süd- und Nordpol hinausstreckenden, so angenehmen und durchaus bequemen Einsatzes in allen Lebenslagen, zu allerlei Anlässen und die dazu noch den Eindruck hinterlässt, da braucht man gar nichts mehr hinzuzufügen. Somit ersparte sich der rein pragmatisch veranlagte Anwender kostspielige Zeit und jedes weitere Gerede. Was sich danach entpuppte, war glitschiger Boden, auf dem hohle Worte, eines nach dem anderen, hinunterrutschten. Nach jeder Multiplizierung der Verwendung blieb ein immer faderes Nichts. Wie eine Wachsfigur schmolz die Beste nach jedem „Sie sind die Beste!“ noch ein wenig dahin… Ein Ausdruck ohne Charakter und Tiefe schickte so jedes Mal die – vermeintlich – Beste (denn in einer Welt, in der man sich Klischees bedient, ist ja аuch die Beste nicht geschont und wird selbst zum Klischee) – auf den Scheiterhaufen. Eine namenlose Beste. Dies, angesichts der Tatsache, dass der deutschen Sprache so etwa 500 000 Wörter zum freien Gebrauch stehen, laut der Duden, darunter Horden von Eigenschaftswörtern, die sich vor Wut in die Lippen beißen würden, da sie zum wievielten Mal zwischen den Seiten des Wörterbuchs zum Verschimmeln verurteilt werden. Simplifizierung auf allen Ebenen findet statt.
Vielleicht bessert sich mein Zustand in Zukunft auf, wer weiß, es ist nicht ausgeschlossen anzufangen bei „Sie sind die Beste!“ so zu reagieren, als ob man zu mir „Salz“, „Serviette“ oder „Tür“ sagen würde, dann wäre es auch mit meiner Übelkeit vorbei. Drückt mir bitte jedenfalls die Daumen! Zumindest die Zukunft steht noch in den Sternen!
Eine Freundin hat mir mal vom Elektroschlaf erzählt… Man legt sich hin, macht die Augen zu, und nach dem Aufwachen bleibt nur das Schöne in Erinnerung, alles Negative, alle Enttäuschungen, Schmerzen und Faux-Pas sind auf einmal weg. Man vergisst etwa, dass man aus dem ärmsten EU-Land kommt, und wenn die anderen bei der Null anfangen, du gleich bei -4 beginnen musst. Man erinnert sich nicht mehr daran, dass der freie Intellektuelle zweifelsohne am Aussterben ist und wir alle doch nur „Brodgelehrte“ (Schiller) sind, bereit, für die stolzen 42 Cent qualitativen Unterricht im Masterprogramm anzubieten. Es wird aus dem Gedächtnis auch das gelöscht, dass wir halt so gewohnt sind, an die Sicherheit zu klammern, auch wenn sie an sich so vermeintlich ist… Man ist dabei eigentlich gar nicht unglücklich, sondern beinahe glücklich von der Tatsache, dass man ja so gewohnt ist… Nach dem Aufwachen bleiben die Umarmungen, die echten, das Gefühl, unersetzlich zu sein, rein menschlich, die warmen Lächeln, die aufrichtigen Blicke in die Augen, und nicht gleich auf die Füße, um zu prüfen, ob man billige oder teure Schuhe beim Tanzen trägt… Es bleibt das Schöne, Fragile und kaum Fassbare… Man hat den Mut, die Wahrheit auszusprechen, auch wenn sie wehtun mag, zu dem zu stehen, was einer wirklich mag, und die Freundschaften sind keine schön verpackte Small Talks. Es ist Juni, ewiger Juni, und das betörende Rot der Mohnfelder bringt einen um den Verstand… Nach dem Aufwachen sieht man plötzlich klar, dass man alles hat, schon immer alles hatte und zumindest so weise ist, um zu wissen, dass das Leben unfair ist und wir immer diejenigen vermissen werden, die nicht in unserer Nähe sind. So ist halt das Leben. Wenn ich zurückblicke, dann weiß ich: 2018 habe ich geliebt, geweint, getanzt, getobt, war oft auf mich echt wütend, aber ich habe gelebt. Als ich anfing, diese Zeilen zu schreiben, war auch sie immer noch da. Real, und nicht im Gedächtnis, auch nicht in der Erinnerung von dem Elektroschlaf. Nun nicht mehr. Good bye, my friend! Ich trage dich im Herzen… im Herzen trage ich dich… im Herzen…
Als sie vor 22 Jahren kurz nach Christi auf die Welt kam, wollte es wohl keiner glauben. Erst im Januar sollte sie die Welt erblicken, und alle ausnahmsweise waren es sich einig, dass es noch ein Junge sein werde. Die Tage danach hatten wir viel Zeit füreinander – sie und ich –, da es nicht mal dem Vater erlaubt wurde, das eigene Kind zu sehen. Regeln.
Sie hatte es eilig. Ich hatte es eilig. Mädchen müssen es eilig haben, dachte ich mir. Immer allen voran sein, immer schneller rennen, besser vorbereitet sein, um eine Chance im Leben zu haben, in dem immer Jungs die privilegierten waren.
An ihrem ersten Geburtstag hatte sie schon die wesentlichste Lektion gelernt: nie runterfallen, wenn schon, dann schnell sich wieder aufrichten und weitermachen. Sie stand mit beiden Füßen im eisigen Schnee fest, mit ihren ersten kastanienbraunen Winterschuhen an, ohne dass sie ein einziges Mal runterfiel. Stand fest am Boden.
Mit 5 wurde sie eingeschult, mit 17 startete sie das Studium an der TU Wien. Spätestens dann hörte ich mit meinem Wahn auf. Ich hörte auf einmal auf und entschuldigte mich bei ihr für alle „Noch einmal!“, „Von neuem!“, „Sei fehlerlos!“, „Sei immer schneller!“. Ein unbekannter Fremder, genannt Leben, hatte mir die Zeit mit ihr gestohlen. Alles Versprochene und nicht Erfüllte war unwiederbringlich verloren und konnte nicht mehr nachgeholt werden.
Gestern Abend fiel mir da plötzlich ein (ob es an meinen schlechten Mathefähigkeiten lag, am Irisch Whisky oder an was anderem?), dass es gar nicht schlecht wäre, wenn ihr Bruder den Gang seines Lebens etwas verlangsamen könnte, sodass die beiden sich in einem und demselben Lebensjahr ihrer Leben kurz mal treffen. Eine schöne Vorstellung: Bruder wartet auf seine Schwester, damit sie sich auf gleicher Augenhöhe auf der Lebenslinie mal begegnen können. Das wäre eine Begegnung!
Hätte ich auch nicht wissen können, dass die Zeit von vor 2 Jahren, als ich 2 Monate im Studentenheim bei ihr verbringen musste, da sie mit Krücken herumlaufen musste, die schönste der letzten paar Jahre sein wird. Es ist die bedingungslose Aufrichtigkeit, die Menschen miteinander verbindet. Und wenn ich ihr sage, ich vermisse sie, dann vermisse ich sie, und wenn ich ihr immer wieder wiederhole, dass ich sie liebe, liebe ich sie, und wenn ich ihr ab und zu zeige, ich hätte sie gern in meiner Nähe, dann hätte ich sie gerne bei mir. Sie weiß, dass es echt ist, und ich ebenso.
Seid mir bitte also nicht böse, wenn ich alle Geschenke ablehne, viel zu viel habe ich von allem. Da braucht man kein Verständnis, nur Akzeptanz von dem, was ist. Das schönste Geschenk habe ich schon vor 22 Jahren bekommen. Etwas Schöneres kann ich mir nicht wünschen.
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