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  • „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

    „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

    Die Not, nicht der Überfluss hat Olga dazu getrieben, nach Wien zu kommen. Notgedrungen hatte sie ihre sieben Sachen gepackt – die alle in ihrem Pelzmantel reinpassten –, und verließ die Heimat, nachdem ihr das Leben ein paar harte Ohrfeigen verpasst hatte, und einige davon sie in die Knie gezwungen hatten. Hinter sich, in Odessa, ließ sie einen Ex-Mann, der auf seine Weise um ein besseres Realitätsbild kämpfte, indem er das Verzerrte draußen durch Alkohol wieder auszuloten versuchte, und den sie lange genug auf dem Weg, genannt „Ehe“, mitgeschleppt hatte. Ob sich seine eigene Realität dadurch schöner, erträglicher anfühlte, wusste Olga nicht, ihre war allerdings nur noch gruseliger geworden. Bis sich eines Tages ein verzweifelter Schrei ihren Lippen entschlüpfte und Olgas ermattete Seele, die mit dem einem Bein schon im Reich der Schatten stand, zurückholte. Der führte sie Richtung eine Welt, die sie nicht kannte, in der aber ein wie von hier bis zum Mond hin und zurück großes Versprechen zu schlummern schien. Träumen? Nein, das hatte sie schon als Kind verlernt, als ihr die Fähigkeit zu träumen von der Diebin Realität gestohlen wurde, und anstelle von Blut in ihren Adern Bitterkeit floss.

    Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob es Olga kaum etwas gekostet hätte, Odessa gegen den Wiener Westwind auszutauschen, und das glaubte auch sie eine Weile lang, bis es nicht auf ihren Pelzmantel ankam. Der wurde im fernen 1886 von einem großzügigen Ur-Ur-Urgroßvater und wohlhabendem Fabrikanten anlässlich seiner Hochzeitsfeier als Zeichen von Liebe und ewiger Treue an die geliebte Braut verschenkt, und seitdem immer wieder über Generationen hinweg von der Mutter an die Tochter vererbt, galt als eine Familienreliquie und irgendwann, als sie 18 wurde, gehörte er endlich auch ihr. Wie einen Zauberumhang schlang Olga den Mantel um ihre Schultern. Viele klirrend kalte Winter kannte er schon, unzählige Songs der Dachrinnen hatte er sich angehört, tausendmal hatte er den aus dem Holzofen aufsteigenden Rauch im Spätherbst in sich aufgenommen. Tränen von Frauen, die ihre Nächsten verabschiedeten, von Männern, die ihre Liebsten zum letzten Mal umarmten und dann spurlos verschwanden, von Kindern, die früh verweist waren, kannte der dicke Pelzmantel; Tränen vor betörender Freude und tiefster Trauer, niederschmetternder Verzweiflung und überschwänglicher Hoffnung hatten den Mantel durchgesickert und zu einem Pergament verwandelt, auf dem die Jahrzehnte ihre Geschichte niederschrieben. Jahr um Jahr hatte er auch Olga durch die verschneiten Straßen Odessas getragen; einmal angezogen, riss er da plötzlich alle Bänder, die Olga an der zermürbenden Gegenwart festhielten, und ihr eröffnete sich eine völlig neue Welt voller Geborgenheit, in der sie Schutz gegen alle und alles finden konnte. Schön war es in ihrem Pelzmantel, warm wie ein Zuhause, in dem man jederzeit zurückkehren konnte, fühlte er sich an. Jedes Mal, wenn es ihr kalt und bange ums Herz wurde, wärmte sie sich an seiner Feuerstätte des kollektiven Erinnerungsgedächtnisses auf. „Olja, Oletschka!“, rief sie aus dem Pelzmantel ihre Oma, die sie morgens mit dem süßen Duft von frisch gebackenen Blini und heißem Lindentee weckte. „Olenka, du, meine Liebe!“, sprach ihre Jugendliebe zu ihr, wenn sie ihr Gesicht im dicken Pelzmantel verkroch. Und wenn sie ihre Hand tief in die Tasche steckte, konnte Olga da noch immer einen vergessenen „Tschaika“ Bonbon finden.

    Nach Odessa war Olga nach Sotschi gegangen, wo sie sich als Zimmermädchen in einem 4-Sterne-Hotel abrackerte und ein bisschen Geld zur Seite legen konnte. Olga träumte nicht, sie war näher denn je an der Realität, bis sie an einem Nachmittag ein unerwarteter Anruf erschütterte: es war ihre Jugendliebe Volodja. Seit über 10 Jahren arbeitete er schon unermüdlich in Wien, auf einer Baustelle – ein Mann mit sicherem Einkommen und guten Absichten. Wegen ihrer großen Jugendliebe kehrte Olga allem den Rücken zu und kam nach Wien. Von allem konnte sie sich trennen, nur den Pelzmantel wollte sie nicht aufgeben. In Wien würden sie aber die Tierschützer schon beim ersten Schritt draußen mit rohen Eiern bewerfen und als Tiermörderin anprangern, sie, die noch nie jemandem was Schlimmes angetan hatte, warnte sie Volodja. Daran hatte Olga noch nie gedacht, sie hatte noch nie die Zeit gehabt, an sich selbst zu denken und in der Menschenwelt zurechtzukommen, die der Tierwelt sehr ähnelte, geschweige an die Tiere.

    Nur ungern zog sie langsam, mit zitternden Fingern ihren warmen Pelzmantel aus und tauschte ihn gegen die westlichen Werte um, die nach Freiheit schmeckten. Nur mit einem dünnen grünen Pullover angezogen, betrat sie zögernden Schrittes den Kursraum, wo ihr Integrationskurs stattfinden sollte. Der warme Pelzmantel, auf dem die Geschichten der Jahrzehnte geprägt wurden und somit auch ihr bisheriger Lebenspfad Platz fand, fehlte ihr. Ganz vorsichtig schlich sie sich nach vorne, setzte sich auf die erste Bank, senkte ihren Blick und blätterte das Kursbuch um. Auf der ersten Seite oben stand fettgedruckt: „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“ Eine einzige, große, brennende und wie ein Gebet schwere Träne löste sich von ihrem Augenwinkel und rollte ihre Wange hinunter. Olga träumte.

  • Es lebe die Leidenschaft!

    Es lebe die Leidenschaft!

    Wenn man dem Gefühl eine konkrete Form verleihen kann, dann ist es Benjamin Vanyek. Wir kennen schon den talentierten Schauspieler dank seiner mitreißenden Rollen in den Aufführungen von aktionstheater ensemble und haben den Akteur, der sich in seine Protagonisten dermaßen gelungen hineinversetzen kann, dass er ein Leib und Seele mit ihnen wird, des Öfteren bewundert und mit großem Respekt vor seinem Talent mitverfolgt. Sein facettenreiches Schauspiel fand dieses Mal seinen einzigartigen Ausdruck in den Interpretationen des „Großen der Großen“ – Jacques Brel – im Nestroyhof Hamakom am 15. Und 16. Oktober.

    Benjamin Vanyek_ (c) Neli Peycheva_1

    Leidenschaft war das Wort, betonte Benjamin, das im Mittelpunkt des Ereignisses stand. Leidenschaft war auch das Gefühl, das Publikum und Schauspieler in einem unausgesprochen schönen amorphen Ganzen verband – eine Art Huldigung mit viel Pathos, voller Hingabe und starker Präsenz von demjenigen von gestern, der zu Lebzeiten bei nur Wenigen Zuspruch fand, dank dem Schauspieler von heute, der ihn nahe an die Gegenwart brachte. Brel, dem das Kleiden in Worte von inneren Gemütszuständen, die durch den Zusammenprall mit der Realität verursacht wurden, wichtiger als das Vortragen seiner Songs war, sah sich lange Zeit gezwungen, selbst auch als Sänger aufzutreten. Die Jahrzehnte danach wurden allerdings seine schonungslos kritischen Lieder immer wieder neu interpretiert und gesungen. Voller Leidenschaft war auch der bis aufs Äußerste zugespitzte Auftritt von Benjamin Vanyek.

    Benjamin Vanyek_ (c) Neli Peycheva_2

    Kunst vereint Welten, ohne Trennlinien zu ziehen. Es gibt nichts Größeres, was über Armut und Reichtum, politischen Ansichten, persönlichen Weltauffassungen, kulturellen Besonderheiten, Altersunterschieden stehen und Welten näher aneinander führen kann: man soll sich nur der Kunst voll ausliefern können.  Dieses Voll-ausgeliefert-Sein war hautnah am herbstlichen Samstagsabend in Theater Nestroyhof zu spüren. Benjamin Vanyek brachte schauspielerische Kunst, Musik, Wort und Gefühl zu einer Symbiose zusammen. Plastisch, gefühlsbetont, zutiefst erschütternd schaffte er einen Raum zwischen Publikum und Interpreten, in dem ein untrennbares Ganzes entstand – ein Wirbel aus geteilter Leidenschaft, Liebe für Brel und Hingabe an die Kunst, ein Wir. Es braucht Mut, diesen Raum zu betreten. Mutig ist, sich vor das Publikum zu stellen und an einen der Großen so nah wie möglich zu kommen, sich in ihn voll und ganz zu versetzen. Benjamin Vanyek fehlte es keinesfalls an Mut, das zu versuchen, was schon viele Interpreten mal versucht haben: eine eigene Interpretation von Jacques Brel. Mal frivol, mal aggressiv, mal voller Pathos brannte er für die Sache:  Innenwelt und Musik, Realität und Kunst, Brel und Vanyek wurden zu einem Ganzen.

    „Das Karussell“, auf das wir alle eingeladen wurden, einzusteigen, fuhr los! „Die Bonboniere“ wurde liebevoll überreicht. Die Erinnerungen an den „Port von Amsterdam“ wurden wachgerufen. Und irgendwann, wie es eh oft in der Realität passiert, die in Brels Lieder künstlerisch wiedergegeben wird, folgte auch die Begegnung mit dem „Teufel“.  

    Benjamin Vanyek_ (c) Neli Peycheva_3

    Das Besondere an der Intensität des Gefühls, mit der Benjamin Vanyek Brels Lieder vortrug, ist, dass sie sich nicht bändigen lässt. Wer die Leidenschaft Jacques Brels kennt und liebt, wird auch Benjamin Vanyeks Interpretationen lieben. Mit einem höchstpersönlichen Unterton, in einer äußerst ausdrucksvollen Weise gelingt es ihm, den Schauspieler und den Interpreten in sich zu Wort kommen zu lassen und Brels von allgegenwärtiger Aktualität geprägte Songs in die heutige Zeit zu verlagern. Brel lebt! Es lebe die Leidenschaft!

    Eure Neli P

  • Politik ist schmutzige Sache

    Politik ist schmutzige Sache

    Bild: Mike Peters https://www.cartoonistgroup.com/subject/The-Moral+Majority-Comics-and-Cartoons.php

    Politik und Moral sind offenbar unvereinbar. Der Machiavellismus hat es schon im 16. Jh. festgestellt. Ich habe es zig Mal beobachtet, und das zeigte uns auch die derzeitige politische Situation in Österreich. Egal, wie sehr man es sich wünscht, in einer realen Demokratie zu leben und ethisch zu handeln, hat die Menschheit wohl die Aggressivität als anthropologische Komponente trotz aller Bemühungen und Evolutionsphasen bisher noch nicht überwunden. Und diese unbewusste Aggressivität geht in fehlende Moral, Machtgier und Skrupellosigkeit hinüber.

    Irgendwann sollte man an die Wurzeln des Problems herankommen. Und die liegen nicht woanders, sondern in der menschlichen Natur. Diese unaufhaltsame Triebkraft bewegt – „im Namen des eigenen Landes“ – dazu, Menschen, die an der Spitze stehen und die Entscheidungsmacht besitzen, skrupellos zu handeln. Und all das spielt sich hinter den Kulissen, hinter dem Rücken des Volkes ab, das eigentlich die oberste Staatsgewalt in einer Demokratie sein sollte. Wo geht das Ganze hin?

    Das Mehr führt unvermeidbar zu einer noch größeren Gier nach Mehr. Bis man sich einbildet, man lebe in einem Marionettentheater, in dem man mit links alle Fäden ziehen kann, die Realität in eine abscheuliche Nachahmung der Wahrheit abgleitet, aus der Wahrheit Lüge wird, und die Demokratie rutscht in eine Diktatur aus.

    In Bulgarien artete der Kommunismus in eine Diktatur aus. Jene, die Mitglieder der KP nicht werden konnten, d.h. „in die Reihen der KP“ nicht aufgenommen wurden – weh denen! – aus unterschiedlichen Gründen, etwa, weil geschieden und daher kein Vorbild für die makkellose kommunistische Gesellschaft, galten als minderwertig und Außenseiter. Und nichts tat mehr weh, als nicht angenommen zu sein, „anders“ zu sein. Das spiegelte nur die so gut bekannte Dynamik der Masse wider und was sie an Schäden in puncto Individualität anrichten kann.  

    Zu mir war das Schicksal aber gut.  Zum Glück konnte ich kein Mitglied des Komsomols werden, da genau zu dem Punkt, als es gerade so weit war, die demokratische Wende in Bulgarien eintraf: die eine Hälfte meiner Klasse waren Komsomolzi, die andere Hälfte konnten es nie werden. So bin ich auf der Scheidelinie geblieben. Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Plan- und Marktwirtschaft, festen Vorschriften und Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und Hoffnung. Ich habe später immer vehement abgelehnt, mich für eine der Parteien, die um die Macht kämpften, zu engagieren, denn irgendwie hatte ich früh diesen Mechanismus durchschaut: Egal, welche Partei mich für ihre Ideologie gewinnen wollte, waren die allerersten Worte immer die gleichen: „Wir brauchen jemanden wie dich, unbescholten und mit reiner Vergangenheit.“ Somit war die Frage für mich von selbst beantwortet. Es gefiel mir irgendwie in meiner Ein-Personen-Partei, in der ich frei war, meine eigene Ideologie zu vertreten und abends mit reinem Gewissen ins Bett zu gehen. Dass ich nicht Demagogien dienen wollte, weil ich nicht lügen konnte, wurde bald allen klar, und nicht häufig als Manko angesehen. Tja. Über den Umgang mit Kreativität bei der Durchführung von Wahlen kann ich vieles erzählen. Hier hat Österreich noch viel von Bulgarien zu lernen, etwa welche starke Überzeugungskraft die Cevapcici haben können oder wie 10 Euro bei den ärmeren Bevölkerungsschichten Wunder wirken können. Wenn Wahlen in Österreich anstehen, muss ich immer daran denken und schmunzeln. Und überhaupt. Beide Staaten sollten sich zum Thema konstruktiv austauschen und voneinander lernen!

    An Österreich wollte ich glauben. Ich brauchte es, an etwas zu glauben, was die Werte verinnerlicht, die ich in Bulgarien umsonst gesucht hatte: Menschlichkeit, Moral in der Politik, real funktionierende und gelebte Demokratie, ohne dass Angst eingejagt wird – ohne diesen sich längst bewährten Manipulationsmechanismus in Bulgarien, der da auch heute noch zum Einsatz kommt. Hoffentlich erschüttert die Zukunft nicht meinen Glauben. Hoffentlich.

  • Rapidler, ich komme!!!

    Rapidler, ich komme!!!

    Man soll ja nicht daran denken, was man hätte werden können, und grundsätzlich, schon gar nicht viel grübeln im Leben, sondern das Beste daraus machen, was man eben ist, sagt man. Und trotzdem, trotz des Wissens über die Sinnlosigkeit derartigen Tuns, blickt man ab und zu zurück, rekapituliert, wägt diese und jene Option ab und versucht die Vergangenheit vom Blickwinkel der Gegenwart aus neu zu beleuchten, indem man seine Schritte rechtfertigt oder ihnen erst nun eine – wohlverdiente –Bedeutung beimisst. Und in solchen Momenten kann ich nicht anders als mich auf den Flügel des inneren Monologs treiben lassen. „Und du hättest was Großes werden können, Neli! Eine Fußballerin nämlich!“, flüstert mir diese treue Begleiterin, innere Stimme zu.

    Solche Gedanken überkommen mich uneingeladen und erwischen mich irgendwie unvorbereitet auf die geile Vorstellung einer glamourösen Zukunft – und gerade das ist das Süße am Ganzen! –, gerade in der Zeit, während ich mir das Spiel von Rapid gegen die Admira im Fernsehen anschaue. Zuerst muss ich aber unbedingt die Anmerkung machen, dass ich eine Genießerin bin. Rein optisch wurde ich schon immer mehr vom Blau als vom Grün angesprochen, auch wenn ich mich nur in seltenen Fällen von genau diesem Hellblau inspiriert fühlte, doch diesmal fesselt mich das Grün an – kurz die Augen zusammenkneifen, Grün gegen Blau, Blau gegen Grün …, und voilà! Es ist dieses unwiderstehliche Grün, dem ich heute Abend meine ganze Aufmerksamkeit schenke! Es erinnert mich farblich nämlich sehr an Lokomotiv, den 1926 gegründeten bulgarischen Profi-Fußballverein. Mich interessieren mitunter also Haarschnitte, Bärte, Körper, Multikulturalität, Flüche – Letzteres selbstverständlich nur rein wissenschaftlich! – auch wenn ich von Stoichkov in meiner Kindheit auch einiges nebenbei gelernt hatte, während ich an den Hausübungen schrieb und der Fernseher im Hintergrund lief, dafür bin ich aber diesmal leider zu weit weg vom realen Tatort entfernt.

    Als Kind habe ich eigentlich nur Fußball gespielt – ich musste es! –, da ich mit meinem Cousin aufgewachsen bin, dessen Vater, mein Onkel, ein begeisterter Fußballfan und -trainer war. Dank ihm landete ich schon damals nicht einmal, und nicht zweimal am Stadion und durfte einem echten Fußballspiel beiwohnen, während die anderen Mädels mit ihren Puppen spielten. Geschweige von den Sommern, verbracht mit meinem Cousin auf dem Lande, in jenen fernen Zeit, als die technische Revolution in der sozialistischen Welt noch immer in den Anfängen steckte, nicht jeder Haushalt einen eigenen Fernseher besaß und deswegen notfalls zum Nachbarn musste. Und solche äußerst dringenden Notfälle waren ausnahmsweise einzig und alleine die Fußballspiele, die an jenen heißen Sommerferienabenden im Dorf meines Cousins im Fernsehen übertragen wurden. Da war man als Kind bereit zu sterben um der Möglichkeit willen, vor einem echten Fernseher zu sitzen, im Kreise einer echten ländlichen Gesellschaft – social community, you understand? –, und was da gerade im Fernsehen lief, war nur eine Nebensache. Ein Mega-Dorfevent also, bei dem sich alles natürlich ausschließlich um Fußball drehte.

    Und so ging es eine Weile: mein Cousin spielte mit mir Fußball, und im Gegenzug las ich für ihn die ganze Sommerpflichtlektüre und erzählte ihm kurz den Inhalt. Deal ist Deal! Aus meinem Cousin ist später ein Profifußballtrainer geworden, aus mir nichts. Wieso denn, fragt ihr Euch? Bald nach meiner Leidenschaft für das Fußballspiel kam eine Balletttrainerin in die Stadt und ich bin ins Ballett gewechselt. Nur es ist auch keine Balletteuse aus mir geworden, da hat meine Mama ziemlich früh die schicksalhafte Frage aller weisen Mütter gestellt: „Willst du ein ganzes Leben lang Bein in einer Nachtbar zeigen oder meinst du es wirklich ernst mit dir?“ Ich meinte es ernst. Bis vor ein paar Jahren. Und insbesondere heute, wenn ich vorm Bildschirm sitze, bereue ich es zutiefst und aufrichtig, keine Fußballerin geworden zu sein, da hätte aus mir was Großes werden können!

    Im Hintergrund höre ich nun die Stimme des Moderators: „Körperliche Stärke…!“, „Nicht zu bremsen, nicht zu stoppen!“, „Ein Tor ins österreichische Grab!“, „Die Herren, die jubeln!“, „Das Ganze beginnt von Neuem!“, „Viel Überzeugung, guter Nachdruck!“, und dann erreicht mich auf einmal eine Anmerkung, die meine ganze Aufmerksamkeit fesselt: „Er hat als Model gearbeitet, dann hat er sich für den Fußball entschieden.“ Also, es ist doch möglich! Jeder/Jede kann sich auch zu einem späteren Zeitpunkt für den Fußball entscheiden! Es ist nie zu spät! Zu lange will ich allerdings nicht warten, und gar nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, ich entscheide mich heute, sofort! Tor! Tooooooor!!! Rapidler, ich komme!!!

  • Ich halte ihn fest!

    Ich halte ihn fest!

    Habt Ihr mal das Gefühl gehabt, jemanden gekannt zu haben vor dem realen Kennenlernen? Genau dieses Gefühl hatte auch ich damals, 2017, an der Schwelle des neuen Jahres.

    Ein paar ausgetauschte Worte, kurze Sätze, in denen sich alles um den WIENER herum drehte … – vor allem ging es darum, dass ich vor Jahren eine Doktorarbeit über das Magazin geschrieben hatte, und der WIENER gerade zum Jahresende sein Jubiläum feiern wollte, und ich wusste es schon: Diese Persönlichkeit kam mir irgendwie seltsam bekannt vor!

    In Wirklichkeit haben wir uns erst am 14.02.2018 im Prückel getroffen, er saß neben dem Klavier da, auf dem Tisch vor ihm lag das neuerschienene WIENER-Heft, das er mir später schenkte, reichte mir die Hand zum Gruß und lächelte. Nach einer Pause von 6 Jahren durfte ich schon wieder ein Heft des Magazins in den Händen halten, die Aufregung war unbeschreiblich groß, und inzwischen hatte sich vieles beim WIENER geändert – neue Herausgeber, neuer Start. Nun hatten ihn zwei Enthusiasten übernommen, die dem viel zitierten und sogar in einem der früheren WIENER-Heften erschienenen Rumis Spruch „Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt.“ treu geblieben waren. An jenem Abend sprachen wir viel: warum ich mich für Wien entschlossen hatte, und er – für den WIENER, wie wichtig es ist, mit Herz und Seele bei der Sache zu sein und seine Arbeit zu lieben, welche Rolle die Leidenschaft für die Arbeit als Antrieb spielt und wieso immer mehr Menschen vergessen, mit Verve an jede Beschäftigung heranzugehen und sich damit abfinden, statt kreativer einfallsreicher Gestalter nur gedankenabwesende Ausführer und gelähmte Beobachter des Geschehens zu sein, was man alles aufs Spiel setzen musste, um Herausgeber des einzigen Männermagazins europaweit zu sein.

    Um die Männer und dementsprechend ein Männermagazin zu lieben, muss man beide verstehen und respektieren. Das tue ich auch. Hinter der Kulisse sehe ich immer die Person so, wie sie ist, das „Mehr“, was häufig verborgen bleibt, all die Kraft, all die Bemühungen, die Faux-Pas, die Selbstüberwindung, die Opferbereitschaft, die Handlungsmotive, die Ängste… Und bewunderte schon damals diesen Menschen, der für eine Idee wie ein 20-Jähriger brannte! Niemals werde ich seine Worte vergessen: „Wie nehmen Dich als Freundin der Redaktion auf!“, und wie könnte ich nur? Er erinnert mich ja immer wieder daran, dass er da ist. Dass es ihn gibt. Freundschaft, die sich über die Jahre hinweg zieht, mir nicht einmal über „Durststrecken“ hinweg half und mir damals, bei unserem Kennenlernen am verschneiten 14. Februar ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelte – einen Anhaltspunkt für mich schaffte im winterlichen eiskalten Wien. Und wenn ich zurückblicke, dann weiß ich gewiss: Alles im Leben hat seinen Sinn, ein Schritt führt zweifelsohne zum nächsten, und wenn man den Mut hat, dem Lauf des Lebens zu vertrauen, nähert man sich langsam und kaum merklich an seinen Lebensweg und steht irgendwann doch da, wo man hingehört.

    Ich kenne keinen anderen, der besser mit Menschen umgehen kann als er. Seine Gabe, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und für jeden das passende Wort im richtigen Moment zu finden, hat mich immer erstaunt – eine Art Empathie, Menschenliebe und Sanftmütigkeit, die in Lebensfreude hinüberfließen und jedes Mal zum Strahlen kommen. Es gibt Menschen, und Menschen, sagt man. Es gibt Menschen und warme Menschen, sage ich.

    Als ich dann Jahre später am Naschmarkt vorbeiging, wo wir auf einen Kaffee verabredet waren, rief mir jemand von einem der Verkaufsstände zu: „Halte ihn fest!“ Wen? Was? Ich verstand rein gar nichts. Nun leuchtet es mir aber schon ein. Das Leben liefert alle Antworten. Einen Freund wie ihn würde ich niemals aufgeben. Niemals. Ich halte ihn fest.

  • Gibt es ein Maß für Einsamkeit?

    Gibt es ein Maß für Einsamkeit?

    Vom 16. bis is 21 Juni hatte das Wiener Publikum die Chance, nach der schweren Zeit des Lockdowns AKTIONSTHEATER ENSEMBLE – das Theater, das berührt! – in seiner schon lange erwarteten Uraufführung LONELY BALLADS EINS und ZWEI im WERK X in Wien zu sehen und somit seine Einsamkeit mit der der Akteur*innen in ihrem faszinierenden Spiel zu teilen.

    Ab 15. September startet nun die Theaterkompanie in Koproduktion mit Spielboden Dornbirn und Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz in die neue Herbstsaison.

    Kann die Einsamkeit gemessen werden? Und wenn ja, was dient als Maß für sie? Wie bestimmt man, wer einsam, und wer noch einsamer ist? Kann die Einsamkeit gesteigert oder irgendwie mal durchbrochen, gar verjagt werden, ausgelacht werden, indem man Geschichten aneinanderreiht, die durch das subjektive Erlebnis und das Thematisieren der Einsamkeit Menschen näher aneinander bringen? Der Ausgangspunkt ist immer der Vergleich, nur im Vergleich mit den Anderen sind Quantifizierung und Messbarkeit dieses sonst als subjektives Empfinden erlebten Zustands möglich. Dies möchte uns wohl aktionstheater ensemble anhand vierer Geschichten über die Einsamkeit aufzeigen, ohne fertige Antworten anzubieten. Vier, das Publikum mit ihrem fulminanten Spiel berührende, zerfetzte von Einsamkeit Akteur*innen und eine von Einsamkeit erstarrte Bühne, die danach schreit, zum Leben geweckt zu werden, bilden die Kulisse der Neuaufführung des aktionstheaters ensemble „Lonely Ballads“.

    Nicht Nietzsches Einsamkeit, in der etwas Befreiendes erkannt wird, begegnet uns von der Bühne, auf der aktionstheater ensemble sein rührendes Narrativ mit hoher künstlerischer Präzision und ergreifender Leidenschaft präsentiert. Nein. Es ist jene Form der Einsamkeit, die sich potenziert, um das Vielfache gesteigert wird, sich windet, sich dreht, bohrt in die Tiefe, bis am Ende nach diesem unebenbürtigen Zweikampf ein zermürbtes, geschwächtes und entmächtigtes, fast entpersonalisiertes Selbst übrigbleibt.

    „Ich will auch wahrgenommen werden“

    Wie immer halten uns auch dieses Mal die großartigen Akteur*innen, nach denen wir uns schon so lange gesehnt haben, einen Spiegel vor: Kommt uns das Narrativ nicht irgendwie bekannt vor? Können wir uns darin nicht mal selber erkennen? Verständnis dafür gewinnen, wie wir sind und wie wir noch sein können? Hat uns die Entfremdung in der Zeit der Pandemie durchsichtig gemacht? Klein und anonym? In dem Maße, dass das Ich in seinem Selbstwert zutiefst erschüttert zu sein schien, und nun nach Selbstbestätigung schreit?

    Isabella Jeschke_lonely_ballads_aktionstheater_ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Das komische, eitle und zugleich rein menschliche Bedürfnis, unbedingt gesehen, wahrgenommen zu werden, zugespitzt bis aufs Äußerste, treibt Isabella, die als Erste die Bühne betritt, dazu, sich an alles, was sie je gut konnte, zu erinnern – an alle Talente, Erfolge und Auszeichnungen in ihrem Leben: Schifahren, Ballett, Tanzen, Schwimmen…, als ob sie allen klar machen wollte, dass es sie gibt, sie noch immer da ist! „Tanzen ist mir so wichtig, weil alles so frei wird“, fügt sie hinzu. Nicht nur die Unfreiheit, auch die Traurigkeit, von der die als unerträglich lange empfundene Lockdown-Zeit durchtränkt war, kommt deutlich artikuliert zum Vorschein: „An der Traurigkeit mag ich, dass es so traurig ist.“ Traurig klingt auch Isabellas Bekenntnis, dass gerade die vom Staat ausgezahlten Corona-Hilfszahlungen endlich ein paar Hunderte mehr auf ihr Konto gebracht hätten.

    Das naive Streben nach Anerkennung („Ich will auch wahrgenommen werden!“), das Problem mit den Abschiebungen, das sehr bald in Vergessenheit geriet, und die Abneigung gegen Schwarz („Schwarz geht gar nicht!“) gehen in die Geschichte über den einsamen Peter von Media Markt hinüber, mit dem Isabella ihre Einsamkeit zuerst über die Telefonleitung geteilt haben will. „You took all my love and disappear…“, greifen die seitlich auf der Bühne zu sehenden Musiker*innen Isabellas Erzählung auf. Nicht nur der Geist gerät ins Stocken, auch die Körperbewegungen sind verkrampft, ohne jedes Schamgefühl, ähneln dem asozialen Verhalten von Gefangenen, die schon lange Zeit in Isolation verbracht haben.

    „Well, I’m not the man, you need… “

    Die Probleme mit der Ex-Freundin, die er bei einer erneuten Begegnung kaum erkennen konnte, nicht nur, weil sie zugenommen haben soll – sie habe ja „ihre Ausstrahlung verloren“ –, diskutiert Thomas mit bitterem Humor, verstrickt sich in aller Schärfe in die Banalitäten des Alltags, und plädiert gleichzeitig für „ein Grundeinkommen für arme Leute, für Künstler“. Seine enorme Gereiztheit, provoziert von dem unbändigen Drang zur scharfen Kritik und gnadenloser Auseinandersetzung mit Alltäglichkeiten, lässt er dann im Tanz frei, der ihn durch die Bühne wie ein Hurrikan treibt; sie hallt in den höchste Anspannung symbolisierenden Tanzbewegungen, die Schläge nachahmen, wider.

    Thomas_Kolle_lonely_ballads_aktionstheater_ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Trotz aller Versuche, Bettinas „Kochverhalten zu optimieren“ und ihr seine Unterstützung zu bezeugen – er hat sich ja sogar die Fingernägel lackiert, um ihr zu zeigen: „Bettina, ich stehe auf deiner Seite!“ –, wird er von ihr als „Küchennazzi“ gebrandmarkt. Nur in seiner Männerrunde begegnet man seinem Wunsch, ein Kind zu haben, mit Verständnis, denn er, im Unterschied zu Bettina, bei der der Feminismus in der Dichotomie zwischen Maskulinität und Feminität wohl zu einer seltsamen Ausprägung abgeartet haben soll, bereit wäre, seine Karriere aufzugeben und ein Kind großzuziehen. Statt eine Annäherung der Polaritäten von Feminität und Maskulinität feiert hier der Feminismus mit dem totalen Kommunikationsbruch und Mangel von Verständnis wohl sein Versagen: „Ich finde einfach keinen Ausweg aus der Misere“, stellt Thomas, zutiefst verzweifelt, fest.Die wunderbaren Musiker*innen, die die Bühnen-Akteur*innen umgeben, als ob sie sie in Schutz nehmen wollten und nun in einer erweiterten Besetzung viel intensiverer erlebt werden können, setzen Thomas in der Beichte-Form vorgetragene Geschichte da fort, wo seine Worte verstummen: „Well, I’m not the man, you need…“

    „I Wanna Be Happy (Until I Die)“

    Durch die Rhythmen der Musik wird Tamaras Geschichte eingeleitet, während sie selbst mit einem übertrieben fröhlichen Gesichtsausdruck die Bühne betritt. Ironisch-schalkhaft wirkt die Szene, in der sie von ihren Begegnungen mit dem Österreichischen Deutsch erzählt, bei denen die Wichtigtuerei der sie immer wieder auf die richtige Bezeichnung hinweisenden Kellner hinter derer „unechten Freundlichkeit“ hervorblickte: Karottentorte, nicht Möhrenkuchen, korrigierten sie sie, Staubzucker, und nicht Puderzucker! „Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Deutschen“, fasst Tamara zusammen – ein Thema, das, wie bekannt, im Laufe der Jahrhunderte schon fast mythologisiert worden ist.

    Tamara_Stern_lonely_ballads_aktionstheater_ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Nein, dem Publikum will Tamara nicht unbedingt gefallen, um wohl mit dieser Replik das Klischee zu brechen und die Anwesenden dazu zu veranlassen, in Frage zu stellen, ob das Sich-Anpassen an die Erwartungen der Anderen – diese Art von gelebtem Konformismus – immer die Basis für das Angenommensein schaffen soll. Dass die Psychotherapie nicht von den Steuern abgesetzt wird, sie den Geruch der Kindheit – und vermutlich auch diese Form der Geborgenheit – vermisst oder dass der Verstand aussetzt, wenn sie emotional wird, sowie der Gedanke an den Tod bilden die Kulisse von Erlebnissen, die von der Verstörtheit der bis in den Wahnsinn getriebenen Vereinsamung geprägt sind. 

    „The future is already gone…“

    Das Albern-Infantile blickt durch Benjamis Geschichte und sein großartiges, witzig-hinreißendes Spiel hervor, das ihn als Bühnen-Akteur sofort in die 1. Sternengröße einordnet! Es werden Kindheitserinnerungen eingeblendet, die Momente, wenn er bei jedem Geburtstag die U-Bahn-Stationen und dann die Bezirke sagen sollte und dafür das Lob seiner Nächsten genoss – der Zustand des Kindseins wird wachgerufen, von dem sich sein Protagonist vermutlich nie emanzipieren konnte. Mit seiner „Glockenstimme“ hätte er ja auch zu den Sängerknaben gehen können, fügt er nachdenklich hinzu.

    Benjamin_Vanyek_lonely_ballads_aktionstheater_ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Bitteren Beigeschmack hinterlässt sein bewegendes Selbstgespräch, das das Publikum oft zum Lachen bringt, und das Zugeständnis, dass, wenn er auf etwas stolz sein sollte, dann auf die Straßenbahnstationen. Das durch die Einsamkeit hervorgerufene Interesse am Malen, der Stolz auf die selbst gemalten Bilder, – Apfelbaum I und Apfelbaum II – , die Benjamins klischeehaftes Statement veranschaulichen, dass bei ihm – wie wohl bei jedem kommerziell gut platzierten „Künstler“ –, „alles blühen soll“, die leere Hoffnung, dass man doch irgendwann einmal Besuch bekommt, die Worte seiner Oma, dass die Fleißigen Erfolg im Leben haben – dieses bunte Potpourri an Erlebnissen mündet in den Höhepunkt seines Narratives: „Ja, kommt einmal!!!“ Der einsame Schrei geht wie eine Woge durch den stillen Saal hindurch. Bühne und Publikum, durch die Kraft des Unausgesprochenen vereint, werden eins. Das Bild einer aussichtslosen Zukunft wird von der einsetzenden musikalischen Begleitung weitergetragen: „And I know, the future is already gone…“

    Die endlich stattgefundene, lang ersehnte Begegnung mit aktionstheater ensemble, das auch dieses Mal mit seiner Neuaufführung „Lonely Ballads“ ein fehlerloses Gespür für das Kranke und gnadenlos Zehrende in der Gesellschaft demonstriert hat – trotz aller durch die Pandemie bisher verursachten Hindernisse – lässt bei uns, dem Publikum allerdings einen Funken Hoffnung aufflimmern: Solange wir mit großen Künstlern, wie der Theaterkompanie aktionstheater ensemble in Berührung kommen können, deren Herz ganz für die Bühne und ihr Publikum schlägt, ist die Kunst und somit auch unsere Zukunftsvision gerettet. Und irgendwo da, zwischen der magisch anziehenden Bühne, dem bunt vorgetragenen Narrativ, dem ergreifenden Spiel, der verstörten Welt draußen und dеn gefesselten Blicken des Publikums liegen alle Antworten. Dort, in diesem geteilten verdichteten Freiraum werden nämlich neue Zukunftsvisionen geboren.

    Simon_Scharinger_Simon-Gramberger_Joachim_Rigler_Kristian_Musser_lonely ballads_aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Großes Lob gilt auch an die Musiker*innen! Großartige, gefühlsbetonte Musik, und gedankenschwangere, kurz formulierte, prägnante Songtexte, die einem unter die Haut gehen! Doch niemals war die musikalische Begleitung – diese feine Symbiose zwischen Ton und Songtext – auf der einen Seite, und Narrativ und Spiel, auf der anderen, dermaßen intensiv und eindrucksvoll wahrzunehmen, in der amorphen Form eines sich völlig ergänzenden und gegenseitig unterstützenden Ineinander-Fließens!

    Für Euch auf den Spuren der Einsamkeit –

    Eure Neli Peycheva

    „Lonely Ballads

    Termine: Mi. 15.9. und Do. 16.9 um 20 Uhr am Spielboden Dornbirn

    Text: Martin Gruber https://wiener-online.at/2018/11/14/kunst-ist-genau-das-refugium-wo-es-darum-geht-subversiv-sein-zu-koennen-regisseur-martin-gruber-im-interview/ und aktionstheater ensemble

    Dramaturgie: Martin Ojster

    Regieassistenz: Laura Loacker

    Medienkontakte: Gerhard Breitwieser

    aktionstheater ensemble Songbook:

    https://store.noiseappeal.com/shop/music/vinyl/aktionstheater-ensemble-lonely-ballads/

    Komposition: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Kristian Musser

    Mit: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Simon Gramberger, Kristian Musser, Joachim Rigler, Simon Scharinger

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  • Die Petition

    Die Petition

    „Frau Professor, kommen Sie vielleicht aus dem Iran?“

    „Nein, wieso denn?“

    „Nein??? Nicht aus dem Iran??? Die iranischen Frauen haben schöne ausdrucksvolle Augen und schlanke Figur, ich glaubte, dass auch Sie aus dem Iran kommen.“

    So hat es angefangen, meine dreitägige Vertretung in einer völlig unbekannten Gruppe. Die erste Stunde schien alles ganz o.k. zu sein, zehn Paar Augen starrten mich wie gefesselt an und nahmen jedes meiner Worte wahr: drei Frauen und sieben Männer. Es herrschte Stille. Außer meiner Stimme konnte man nur noch das Pfeifen des Windes hören, der draußen den Kampf gegen die kalte Front aus dem Westen nicht aufgeben wollte, sich gegen die Anschuldigungen, dass sein Verhalten mitten in der schönsten Jahreszeit völlig fehl am Platz war, taub stellte, und auf der Donau und in den Baumkronen austobte. Das, was aber danach passierte, versetzte mich in Staunen: Eine der drei Damen rechts hinten unterbrach auf einmal gegen die 30-ste Minute meinen Redefluss, wandte sich an die Gruppe, sagte etwas in ihrer Muttersprache. Die Anderen blickten sie an und nickten verständnisvoll mit dem Kopf. Ich fuhr vorsichtig fort. Nach der nächsten Erklärung meinerseits sprach sie von Neuem etwas aus, was eine Woge der Unruhe hinter sich brachte: Ein Anderer griff ihre Worte auf, ein Dritter schloss sich daran an, ein Vierter unterbrach sie, ein Fünfter richtete sich auf und gab ein Zeichen mit der Hand, woraufhin alle auf mich blickten und nachdenklich wurden. Es wurde still.

    Und so lief dieses für mich unverständliche Sprachspiel bis zum Ende des Tages, kaum hatte ich etwas erläutert, mischte sich eine Stimme ein, die in ihrer Muttersprache zwischen meine Worte fremde einwob. „Seltsam“, dachte ich mir, und fand es so schade, kein Wort Arabisch zu verstehen. Oder doch. Kann ich wirklich kein Arabisch? Kaffee, Gitarre, Magazin… Kef, rahat, istah… (in der bulg. Sprache übernommen). Es ging allerdings um nichts von dem, was ich schon kannte! Ein anderer geheimnisvoller Grund beunruhigte wohl meine Schüler. Sehr vorsichtig merkte ich irgendwann jedoch an, dass es unhöflich ist, wenn alle sich in einer Sprache unterhalten, die nur ich als Außenseiterin – leider – nicht verstehen kann.

    Am nächsten Tag wiederholte sich das Ganze. Gegen Ende des Unterrichts stellten sich meine drei Schülerinnen um mich herum und fragten: „Kommen Sie morgen wieder?“ „Ja, morgen ist mein letzter Tag mit Ihnen“, erwiderte ich. „Der letzte Tag??? Und dann???“ Drei paar Augen schauten mich verständnislos an. Die drei bedankten sich bei mir für den Unterricht, drehten sich um und gleich starteten sie eine heftige Diskussion mit den Anderen in ihrer Muttersprache.

    Am Tag drei löste sich endlich der Knoten auf: Kaum hatte ich den Raum betreten, zeigte die Frau aus Somalien auf: „Frau Professor, wir schreiben eine Liste.“ „Liste? Was für eine Liste? Eine Anwesenheitsliste habe ich schon.“ „Nein, eine andere Liste“, fügte die junge Afghanin von der hinteren Bank hinzu. „Petition, wir schreiben eine Petition!“, fuhr aufgeregt die Iranerin fort, die mich am ersten Tag gefragt hatte, ob ich auch aus dem Iran gekommen war und dessen Vater – wie ich später von ihr erfahren durfte – 60 000 Euro pro Kopf für sie, ihre Schwester und ihre Tochter gezahlt hatte, damit jede von ihnen ein gefälschtes Visum bekommen und Deutschland erreichen konnte, was leider bei meiner Schülerin und ihrem Kind nicht klappte. „Ja! Wir schreiben eine Petition und wir unterschreiben! Wir brauchen Sie! Wir unterschreiben! Wir wollen Sie als Lehrerin auf B1 haben! B1 ist schwierig, und Sie erklären so gut! Wir brauchen Sie, Frau Professor, verstehen Sie? Für drei Tage wir mehr gelernt als für vier Monate!“

    „Frau Professor“, mischten sich die Herren rechts ein, „Frau Professor, wollen Sie uns? Wollen Sie unsere Gruppe haben? Sagen Sie Ja?“

    „Ja. Ja! Es ist gegenseitig. Es ist immer gegenseitig.“ Als ich den Raum verließ, drehte ich mich einmal um: meine drei Schülerinnen verabschiedeten mich mit einem Luftbussi!

  • Traum

    Traum

    Traum von letzter Nacht: Um mich herum – alle meinen Nächsten, in einem neuen Haus, an einem neuen Ort. Es herrscht Frieden. Eine weiße Treppe windet sich hinauf. Einer nach dem anderen besteigen alle, gemäßigten Schrittes, die Treppe: die Verzweifelten sind nun zuversichtlich, die Leidenden – auf einmal gesund, die Hoffnungslosen – voller Glaube. Ein seltsamer Rauch reißt mich aus dem Schlaf: Weihrauch zieht durch die weit geöffneten Fenster hinein, das Läuten von Kirchenglocken ist aus der Ferne wahrzunehmen: „Bim-bam, bim-bam, bim-bam…“ Ein Blick auf den Kalender: Maria Himmelsfahrt.

    Möge mein Traum wahr werden.

  • „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“

    „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“

    Das sind ihre Hände. Diese Hände können Hilfe anbieten oder gar Menschenleben retten. Die Hände einer Ärztin.

    Sie kenne ich seit länger als einem Jahr schon, und Ihr werdet Euch höchstwahrscheinlich wundern, wie man jemand kennen kann, ohne diese Person irgendwann getroffen zu haben. Oh ja, da kann man sehr wohl! Denn manchmal verbindet Menschen mehr als das Offensichtliche, sie werden auf eine mysteriöse Weise zusammengeführt über die Telefonleitung – den Klang der Stimme, die gemeinsam geteilten Gedanken, die ähnliche Weltwahrnehmung, die Gefühlslage –, sodass die reale Distanz plötzlich auf das Minimalste reduziert wird. Und jetzt, wo wir uns endlich umarmen konnten, bestätigt sich mein Vorgefühl: sie kann nicht nur Menschen, sondern auch Seelen retten.

    Das Leben hat sie so modelliert, wie sie jetzt eben ist. Es hat sie von dem Schein und der Eitelkeit der ein luxuriöses Leben führenden und in Selbstvergessenheit geratenen Oberschicht auf Lichtjahre entfernt. „Haben oder sein?“, würde hier Fromm die Essenz einer Lebensauffassung auf den Punk bringen. „Sein“, würde sie antworten. Denn angesichts des pulsierenden Schmerzens, der ins Bodenlose gehenden Verzweiflung, der unheilbaren Krankheit oder gar des Todes fällt einem gar nicht schwer, die Frage eindeutig zu beantworten. Und vor allem einem, der schon viel zu viel davon gesehen hat und selbst in all diesen Lebensleidensgeschichten mit involviert war. Patienten schauen sie mit Hoffnung in den Augen, als ob sie Gott wäre. Sie verstehen nur eines nicht: dass die Medizin ihre Grenzen, ihr Limit hat. „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“, fügt sie hinzu.

    Letzte Woche soll sich ein Passant gerade an ihr Auto gelehnt haben, vor Schmerz laut schreiend. Gerade sie bat ihn in ihr Auto hinein, um ihn dann bis zum Spital zu fahren. Nachdem er sich heftig geweigert hatte, etwaige Hilfe anzunehmen, hätte sie ihm ein Taxi gerufen. Eine Stunde später wurde er tot auf der Straße gefunden. Und es stellte sich heraus, dass ihn alle im Grätzel schon gut gekannt hatten, nur sie nicht, doch keiner seiner „Freunde“ wollte ihm helfen, alle hatten ihn in seinem Leid still von der Seite her beobachtet. Hm. Mit dem Konzept „Freundschaft“ muss man heutzutage mit höchster Vorsicht umgehen, denke ich mir.

    Trotz der Sackgassen und der Hindernisse in ihrem Leben, schlägt sie sich als Ärztin in Wien durch und glaubt nach wie vor, dass gerade der Glaube das ist, was uns retten würde: dass man dem Fluss des Lebens vertrauen sollte – nachdem man alles Mögliche versucht hat –, ohne zu vergessen, dass alles, wirklich alles im Leben nicht mehr und nicht weniger als eine Art Prüfung angesehen werden soll; dass Freud und Leid, Leid und Freud sich in einem ständigen Wettlauf abwechseln; dass die Hoffnung nie sterben darf, unabhängig davon, wie schwer gerade die Lage ist; dass wir vor uns selbst verpflichtet sind, das Beste für uns zu tun, da das Leben kostbar ist, wir vergessen es einfach manchmal… Und sie weiß ja sehr gut als Ärztin, dass das allererste Gespräch mit dem Patienten das entscheidende ist, da nicht jedes Leid unbedingt eine körperliche Krankheit voraussetzt, und viele glauben einfach daran, erkrankt zu haben, auch wenn der Schmerz ganz anderer Natur sei – ein seelischer nämlich.

    Wir verabschieden uns mit einer Umarmung. Ihr Glaube ist ansteckend, genauso wie das gegenseitige Vertrauen, das uns verbindet. Auf dem Weg nach Hause denke ich mir immer wieder: Da, wo die Grenzen unserer Möglichkeiten erreicht sind, genau da setzt das Schicksal ein.

  • Die Einsame

    Die Einsame

    Erika

    • Dieser Seidentop steht Ihnen so gut!
    • Oooh, danke! Falconeri! Zum ersten Mal habe ich die Modemarke in Bologna entdeckt!
    • Ich kann leider nicht mehr Klamotten mit offenem Ausschnitt tragen wegen der Altersflecken. Wissen Sie, ich bin schon 82! Früher waren es Sommersprossen, nun sind sie Altersflecken! Na, so was!
    • Nein, Sie sehen super toll aus!
    • Meine Haut ist schon schlapp und so dünn, was kann ich mit diesem Gesicht machen? Aber Sie, Sie schauen fantastisch aus! Darf ich Sie nach dem Alter fragen? Ach, nein! Danach darf man eine Frau nie fragen, aber ich schätze Sie höchstens auf 28!

    Nun muss ich schmunzeln.

    • Nein, auch ich bin nicht mehr die jüngste, und nächste Woche werde ich sogar um noch ein Jahr älter!

    So hat die Geschichte mit Erika begonnen, die sich neben mich auf eine Bank in der Innenstadt hinsetzte, während sie an ihrem erfrischenden Eis gierig leckte. Erika ist in Wien geboren, doch das sei nicht mehr jenes Wien, meint sie. „Und die Wiener sind nicht mehr dieselben“, füge ich hinzu. „Nein, gar nicht, es gibt die echten Wiener nicht mehr“, seufzt sie auf. „Stimmt, ich habe sie gesucht, brav gesuch, und nirgends gefunden. Infolge dessen entstand mein Text „Auf der Suche nach dem verlorenen Wiener“, erzähle ich Erika, wie meine Suche ins Leere geführt hatte.

    Erika und mich trennen Jahrzehnte, und trotzdem kommt es mir vor, ich habe sie schon immer gekannt und wir waren schon ewig beste Busenfreundinnen.

    • Ich habe so viele Klamotten bei mir im Schrank – vertraut es mir die modebewusste Erika an.
    • Und ich gar nicht! Ich verschenke alles, was mir zu viel ist! Die Übersicht will ich nicht verlieren – sowohl in meinem Kleiderschrank als auch in meinem Leben. Wenn ich an etwas zu viel habe, fange ich an zu ersticken.
    • Sehen Sie! Sehen Sie! Genau das ist es, deswegen bin ich krank! Ich muss mich von all diesen Fetzen, die bei mir im Schrank hängen, trennen!

    Erika ist einsam. Einmal bekommt sie eine Einladung zu einem Kaffee von den Nachbarn gegenüber. Was passiert danach? Sie sieht sie die nächsten drei Monate kein einziges Mal wieder. Kein Mensch interessiert sich für sie, und das Leben in Wien ist teuer, wie kann es sich eine Pensionistin mit so einer niedrigen Pension leisten? Sie würde gerne in einem SOS-Dorf oder in einem Kindergarten helfen – die Ersatzmütter vertreten, den Kindern Geschichten vorlesen -, tausendmal habe sie schon darauf gehofft, doch keiner nehme sie, da sie schon 82 sei.

    Sie hört sich meine Geschichte an. Das Einzige, was sie danach noch immer leise zuflüstern kann ist „Ich bewundere Sie…, ich bewundere Sie..!“

    Wir trennen uns. Ich wünsche mir, dass mir Erika irgendwann mal wieder durch den Weg läuft. Wenn ich mal wieder durch die Innenstadt laufe, werde ich unbedingt Ausschau nach ihr halten. Eine Freundin wie sie hätte ich gerne.