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  • Ungeplante Geschichte

    Ungeplante Geschichte

    An alle, die ihren Glauben irgendwo da auf der Strecke verloren haben.

    Menschen sprechen zu mir, ich hören ihnen zu. Wahrscheinlich bin ich eine ziemlich gute Zuhörerin, denn das passiert immer wieder. Menschen vertrauen mir ihre Geschichten an.

    Gestern etwa saß ein schätzungsweise über 60-jähriger Mann neben mir. Die Augen – rund herum von einem feinen Fältchennetz umrandet –, Mundwinkel traurig herabhängend. Das Jugendliche an ihm war der sorgfältig schwarz gefärbte Moustache, der kämpferisch und frech über der Oberlippe hervorstach, als ob er stellvertretend für seinen in sich zusammengesunkenen Besitzer der ganzen Welt mitteilen wollte: Es gibt mich noch! Da bin ich! Es stimmt schon, dass ein Schnurbart von der Masse abheben kann! Oder war es vielleicht das Jugendliche an ihm? Das Kind, das mir schalkhaft zuwinkt und nach dem ich bei jeder Begegnung suche?

    Zuerst zeigte mir der Unbekannte eines nach dem anderen die schönen Bilder auf seinem Handy, die seine Frau einmal gemalt haben muss, als sie es noch konnte – von ihm als Dreißigjährigem, von ihrem Hund, von seinem Sohn, von einer Szene aus dem Musical „The Cats“. Denn nun ist sie demenzkrank und in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Der Aufenthalt da kostet 6000 monatlich, einen stolzen Betrag, der gottseidank von der zuständigen Krankenkasse übernommen wird. Nun sind nur die Erinnerungen wach geblieben. Der gemeinsame Sohn ist schon selbstständig, arbeitet als Krankenpfleger, muss manchmal bis zu 18 Stunden am Tag schuften, und findet nicht mal Zeit für sich, geschweige für seinen Vater. Einmal monatlich kommt er allerdings zu Besuch. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.

    Er selbst war drei Monate lang im Krankenhaus mit der Diagnose Knochenkrebs stationiert. Die Knochenmarktransplantation hat Wunder gewirkt, und nun ist er schon seit 2 Wochen zu Hause, völlig gesund. Gesund und einsam. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.

    Ich bin sprachlos. Versuche ihm Mut zu machen. Er ist gesund, seine Frau ist am Leben, gut aufgehoben. Und wenn man das Leben von nun an als eine Chance betrachtet, dem Schicksal zum Trotz? Wenn man annimmt, dass jeder Tag die Möglichkeit, sich neu zu entscheiden, bietet, ob man noch tiefer in die Traurigkeit versinkt, oder doch das Leben wählt? Sich vielleicht für das Leben entscheiden? Jeden Morgen, immer wieder? Immer wieder, bis sich neue, noch schönere Erinnerungen speisen? Denn das Leben ist so kurz. Einen Wimpernschlag lang.

    Eure Neli P

    Hier geht es zu weiteren Begegnungen: Die Einsame Der Unbekannte Ein Rezept für Glück Gurpreet „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

  • Der Mensch gegen sich selbst

    Der Mensch gegen sich selbst

    Endlich ist es soweit! Die Uraufführung vom großartigen Martin Gruber und aktionstheater ensemble „Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“ feierte am 2.06. Premiere im Werk X. Die brennend aktuelle Theaterperformance ist noch am 7. Und 8. Juni im Werk X, Wien zu sehen, jeweils um 19:30 Uhr.

    Weiß

    Weiß begegnet mir die Bühne heute Abend, auf der das preisgekrönte aktionstheater ensemble seine Neuaufführung darbietet. Die Compagnie, die durch die Aufrichtigkeit ihrer Inszenierungen erschüttert und durch ihr fulminantes Spiel einen einzigartigen theatralen „Ort“ des Ankommens im Jetzt, einen Anziehungspunkt für alle Suchenden schafft,  bleibt auch dieses Mal mit ihrem feinen Gespür für die Wundstellen der Gesellschaft entschlossen am Puls der Zeit. Um ganz ehrlich zu sein, genau das haben wir, das Publikum dringend gebraucht – die Konfrontation mit dem gnadenlosen Jetzt, nackt und schonungslos vorgetragen, vom Naiv-Witzigen übers zutiefst Rührende bis hin zum Brutalen. Nackt, in weißer Unterwäsche und ohne zusätzliche Attribute, erscheinen auch die Akteur:innen auf die Bühne. Schwarz wie in Malewitsch‘ Bild „Schwarzes Quadrat“ klaffen die dunklen Kreise auf der Projektionswand im Hintergrund der Bühne, und dieses Schwarz scheint dem bekannten Versuch, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, sehr nah zu sein.

    Weiße Räume, wie ich einmal geschrieben habe, stellen die perfekte Projektionsfläche für das Essentielle dar. Nichts ist schonungsloser als das alles widerspiegelnde Weiß. Vor dem Hintergrund  des unendlich Weißen treten auch heute Abend auf der weißen Bühne bis vor kurzem verborgene Gefühle, geheim gehaltene Stimmungen, verschwiegene Gedankenströme zum Vorschein. Sie hallen im Weiß wider, werden von dem universell Verbindenden aufgenommen und weitergetragen, einen Wimpernschlag lang. So lang, wie das menschliche Leben selbst. Denn bald erlebt das Weiß in seiner Zerbrechlichkeit den Fußabdruck einschneidender Erlebnisse, Klimakatastrophen, und wird von Tod und Gewaltgeprägt. Spätestens dann verliert das Weiß seine Unschuld und wird wie heute Abend auf der Bühne im Werk X durch das Rot des Blutes vor dem Hintergrund der Brutalität des Krieges gefärbt.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    Europa im Mittelpunkt

    Im Mittelpunkt steht Europa. Horrorfilme gegen innere Unruhe, der romantische Traum von einer Riesenmenschenkette, die in die Ukraine einmarschiert und den Aggressor aufhalten kann, der nicht uninteressante Einfall von einem Benefizporno für die Ukraine – bei dem wohl mehr Menschen erreicht werden könnten –, die Suche nach dem Gegenteil von „straight“ („nicht straight“), der Akzent auf „bio“ im Bio-Weichspüler, die Gespaltenheit in zwei Gegner-Lager infolge des Ukraine-Krieges, die Position von Frauen in der Gesellschaft („Ich schlage zu wie eine Frau“, d.h. „nicht effektiv zuschlagen“) – facettenreich sind die witzig präsentierten Themen, die die großartigen Akteur:innen auf der Bühne aufgreifen. Verhängnisvoll pointiert erklingt die donnernde Frage „Was für eine Haltung soll ich einnehmen, um wahrgenommen zu werden?“, die durch ausdrucksvolle Choreographie und sich zutiefst einprägende Beats ergänzt wird. Immer wieder werden die Sessel auf der Bühne neu positioniert, nirgendwo stehen sie richtig, die innere Hin- und Her-Gerissenheit findet im ständigen Hin- und Herrücken ihren Ausdruck.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    Demokratie als Selbsterfahrung

    Der schonungslosen Aufrichtigkeit verpflichtet, bieten uns die Darsteller:innen auf der Bühne den Einblick in einen Mikrokosmos als ein Sinnbild für die globale Gelähmtheit einer Gesellschaft, die nur „das Lügen zusammenhält“. Die mehrmals angesprochene „Vermittlung von demokratischen Werten“ bleibt auf der Strecke. Auf einem „Demokratie-Workshop“ stellt sich etwa heraus, dass 70 % unter Demokratie Diktatur verstehen. „Für mich selber bin ich eine Diktatur“, fügt Tamara hinzu. Demos gegen den Krieg rufen die rhetorische Frage hervor „Wie verlogen ist das???“ Und irgendwann artet dieses „Ich-schluck-das-alles-Runter“ in Gewalt und Würgeangriffe aus, die blutige Spuren auf der weißen Bühne hinterlassen. Wutausbrüche werden weder verhindert, noch real gestoppt, stattdessen in stiller Ohnmacht beobachtet und höchst konzentriert mit dem Handy aufgenommen. Die Realität der Social Networks siegt über die Brutalität des Unmittelbaren.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    Krieg und Zerbrechlichkeit

    Die Bilder auf der Projektionsfläche im Hintergrund der Bühne wechseln: die Weizenähren verwandeln sich in von Bombenanschlägen zerstörte Gebäude, die eintönigen Fassaden in verletzliche menschliche Haut. Und irgendwann ist im weißen Hintergrund das Publikum selbst zu erkennen: der Mensch gegen sich selbst. Momentaufnahme, schlagartiges Wachrütteln, Reminiszenz – Offenbarung, in der die ganze Magie der Wirkungskraft des Theaters essentiell zusammengefasst ist. Man steht immer gegen sich selbst: Im Frieden und im Krieg, dies- und jenseits der Frontlinie, auf der Bühne oder im Publikum. Das Gefühl der Vergänglichkeit, durch die Projektionsbilder suggeriert, erinnert mich an das letzte Buch von Phil Klay und seine äußerst detaillierten Beschreibungen der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers, auf der einen Seite, und das perfektionierte Instrumentarium des Krieges, auf der anderen. Nichts gegen den Krieg nützt es auch, dass „Liebe“ so ähnlich in beiden Sprachen – Russisch und Ukrainisch – klingt.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    In „Lüg mich an und spiel mit mir“ gelingt es dem aktionstheater ensemble die Echtheit des Moments, in dessen brennender Aktualität wir alle gefangen sind, durch durchdringendes verdichtetes Spiel künstlerisch nachzuahmen, und Fragen aufzuwerfen. Unter der Last aller sich in mir gestauten Emotionen, Sinnbilder, Eindrücke verlasse ich langsamen Schrittes den Saal. Ich habe es nicht eilig. Im Jetzt angekommen, habe ich alle Zeit der Welt, um über die Nacktheit der Wahrheit nachzudenken. Außerdem trage ich heute zufällig Weiß. Dankeschön, aktionstheater ensemble!

    05. Juni 2022, Neli Peycheva

    Konzept, Inszenierung: Martin Gruber
    Text: Martin Gruber und Ensemble
    Dramaturgie: Martin Ojster
    Bühne, Kostüm: Valerie Lutz
    Video: Resa Lut
    Regieassistenz: Michaela Prendl

    Licht: Arndt Rössler

    Live-Musik: Dominik Essletzbichler, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober

    Mit: Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Luzian Hirzel, David Kopp, Tamara Stern

  • Die Leiter als Symbol

    Die Leiter als Symbol

    „Zwei Zitronenfische und andere Sehenswürdigkeiten“, Florentin Scheicher ( http://Florentin Scheicher), ab 12.05. in der Kolonie 5

    „Sind Sie der Künstler?“, frage ich den sympathischen jungen schwarzlockigen Mann in der kleinen Galerie Kolonie 5 in der Hamburgerstraße in Wien, die an diesem warmen Maiabend ihre Türen für die Kunstliebhaber wieder geöffnet hat. „Ja, ich bin’s.“

    Heute Abend hängen an den Wänden in der Kolonie 5 die Bilder von Florentin Scheicher.

    Ich führe ihn bis zum großformatigen Bild mit der schlanken Leiter drauf, vor der ich mich vorher nachdenklich aufgehalten hatte. Mich interessiert, wohin sie denn führen könnte. Ich schaue mir das Bild noch ein paar Minuten prüfend an und bin in Gedanken bei Georg Hennig, dem Geigenmeister, der zwischen den Seiten von Viktor Paskovs Migranten-Roman „Ballade für Georg Hennig“ zum neuen Leben erweckt wurde. Für den Protagonisten Georg Hennig stellt die Leiter nämlich eine Verbindung zum Gott dar – den Pfad zwischen der Kunst und dem Göttlichen, erinnere ich mich.

    Für den jungen Künstler führe die Leiter auf seinem Bild „Gedeihen und Gedingen“ außerhalb des abgebildeten Raums hin, es stehe fürs Verlassen des Raums und in dem Sinne – für den Weg zum Spirituellen. Ich frage ihn, ob seine Bilder tatsächlich nur eine Fantasiewelt wiederspiegeln, wie es in der Ankündigung zu lesen ist. Nein, zweifelsohne hätten sie ihre Entstehungsgründe in der Wirklichkeit.

    Lieblingsfarbe? Petroleum. Auch im Alltag, nicht nur in den Kunstwelten. Und überhaupt, er möge die Kontraste. Auf dem Spiel zwischen den Kontrasten bauen auch seine Bilder auf. Die andere Leidenschaft, für die der Künstler brennt, sei die Musik.

    Wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, möchte ich immer wissen, was dem Menschen unentbehrlich im Leben ist – so nehme ich den kürzesten Weg, denke ich, um jemanden kennenzulernen. Für Florentin Scheicher ist die Zeit unentbehrlich, in der er sich in sich zurückziehen und mit sich selbst alleine bleiben kann, um über einiges zu reflektieren. Und unentbehrlich in der Kunst? Das sei ja die Möglichkeit zur Selbstreflexion sowie die Chancen, durch seine Kunst zu den Menschen zu gelangen, sie zu berühren und anzusprechen. Auf meine Frage, ob Kunst auch politisch sein sollte, antwortet der junge Künstler, dass jede Kunst an sich ein Ausdruck einer Meinung – ein Statement – sei, was sie gleich auch politisch mache, doch seine Werke hätten eher wenig damit zu tun.

    Eine Frage noch drängt sich noch auf und gibt mir keine Ruhe, bevor ich mich verabschiede, möchte ich noch gern wissen, was die Kunst heutzutage brauchen würde, um zu überleben – Self-Promoting, lautstark werden, nach neuen Wegen zu seinem Publikum suchen oder was anderes. Was sie keinesfalls bräuchte, meint Florentin, sei einen Krieg. Denn ein Kriegsausbruch bedeutete in derselben Sekunde auch ein Leiden für alle Kunstschaffende.

    Florentin Scheicher studiert an der Angewandten in Wien und ist vielleicht einer der wenigen Künstler, die um der Kunst willen malen, ohne durch die Kunst ein konkretes Ziel erreichen zu wollen. Vielleicht liegt es an seiner Jugend, wer weiß, oder auch eben daran, dass Kunst immer eine Prise Verrücktheit gebraucht hat und auch immer brauchen würde, um sich manifestieren zu können.

    Unterwegs für Euch –

    Eure Neli Peycheva

    #kunst, #kolonie5, #florentinscheicher

  • Freundschaft!

    Freundschaft!

    „Gutti und ich gingen die Treppe hinunter, er stolpernd wie der sterbende Kommunismus, ich aufrecht wie ein gut gefüllter Geldspeicher der Reichen.“ /“Erster Mai“, Manfred Rebhandl, Haymon Verlag 2022, S. 72/

    Den Autor Manfred Rebhandl hab ich 2018 kennenglernt – ein reiner Zufall. Ein paar Wochen davor sind wir in Kontakt gekommen, nachdem ich – ganz zufällig! – einen seiner Texte – über Gerda Rogers – mit einem Auszug von dem wunderbaren Dimitre Dinev, den ich sehr, sehr mag („Spas träumt“) kommentiert hatte.

    Das erste Buch von ihm, das ich danach aus reiner Neugier gelesen habe – denn davor kannte ich nur einige seiner Artikel – war über Kitty Muhr – eine Frauenfigur eben. Was mir da schon in den ersten Sekunden nach dem Aufschlagen des Buchs besonders auffiel, waren die vielen Stereotypen, die von jeder sonst mit viel Witz und Ironie geschrieben Seite frech hervorblickten und festgemauert nach Bestätigung schrien. Da ich mir da was ganz anderes erwartet hatte, hat mich dieser allererste Eindruck zuerst einmal stutzig gemacht. Erst nachdem ich „Das Schwert des Ostens“ in die Hand genommen hatte, wurde mir klar, dass die Stereotypisierung der Charaktere zu einem der Verfahren zählte, die der Autor zielgerichtet und mit einer sich durch alle Kapitel durchziehenden Beständigkeit einsetzte. Dabei verfolgte er gar nicht das Ziel, die Klischees zu entkräftigen, sondern nutzte sie gewandt in allen ihren Facetten als eine nie versickernde Quelle für Schmäh und humorvollen Umgang mit den menschlichen Schwächen. Und nicht nur! Denn das, was ich hinter den Worten, den lustigen Charakteren und den Bildern, die er auch in seinen neueren Büchern malt, deutlich als immanentes Merkmal wahrnehme, sind diese Verbitterung und Gesellschaftskritik, die durch das geschriebene Wort ihren Weg nach außen zu den Menschen suchen – eine Einstellung, eine Art Verhältnis zur Realität, die den Autor ausfüllen und prägen. Wie ich schon mal geschrieben habe, erinnert er mich seinem Still nach an Bukowski und Houellebecq: durch das nackte schonungslose Wort wird eine grotesk-witzige Situation geschaffen, in die die Figuren geraten, wobei nicht die Handlung und der Ausgang an sich so wichtig zu sein scheinen, sondern das, was im Hintergrund eingeblendet wird: das Verhältnis zur Realität: wie ist das Leben zu betrachten – als Spiel oder als eine sehr ernste Angelegenheit? Steckt hinter dem Grotesken nicht auch mal was Wahres? Sollte man sich ausschließlich auf das Schöne und Erhabene beziehen, wenn man zum Wort als Mittel zur Stellungnahme und Selbstreflexion greift, wenn etwas in der Welt draußen von Grund auf nicht stimmt?

    In den Romanwelten, die hinter den Covers von Rebhandls Büchern aufleben, kommt „der andere“ Rebhandl, l’enfant terrible, zum Ausdruck, ja und nein. Denn wenn man auch seine Artikel aufmerksam gelesen hat, versteht man, dass es doch immer wieder derselbe Rebhandl ist, seine Bücher bieten nur eine andere Ausdrucksmöglichkeit des Hauptstrang in seinen Überlegungen an.

    Lieblingsstelle im Buch – S. 72!

    Außerhalb der Romanwelten engagiert sich der Autor aktiv als KPÖ-Mitglied für die Sache, Respekt! Ich allerdings als Ex-Ostblock-Kind, wo der Kommunismus beinahe aufgebaut wurde (!), gehe sehr vorsichtig, gar misstrauisch mit allen -ismen um, manchmal finde ich diese Art Ernüchterung bei mir sogar sehr traurig: ich habe nämlich zahlreiche Beispiele erlebt, wie eine sonst schöne Idee in dem Augenblick, in dem sie zur Ideologie wird, schonungslos zur Manipulation im Namen der Masse führen kann. Aus demselben Grund bin ich ja auch parteilos, und das schließt keinesfalls meine volle Unterstützung für Ideen, an die ich glaube, aus.

    Das neu erschienene Buch von Manfred Rebhandl „Erster Mai“ setzt die Rock Rockenschaub-Serie fort. Im Vordergrund stehen zwei Morde im Wiener Gemeindebau, im Hintergrund – Kritik an die Reichen, auf die die Schuld für das fehlende Gleichgewicht im sozialen System geschoben wird. Lachen ist 100% garantiert! Und wer weiß, vielleicht löst im nächsten Buch Rock Rockenschaub auch den Fall mit der Ungerechtigkeit in der Gesellschaft! Das wünsche ich ihm auf jeden Fall! Und ob es dem Autor gelingt, mehr Gerechtigkeit in die Welt draußen einzubringen? Hoffentlich!

    Ihre Neli Peycheva

  • Julia Caesar

    Julia Caesar

    Irgendwie habe ich es schon immer gewusst, dass das Leben außerhalb des Universitätsgefildes nicht einfach sein wird. Das Uni-Umfeld hatte mich schon immer eine Umgebung aus Gleichgesinnten verschafft, wo man auf gleicher Welle funkte. Man war vorbehaltslos angenommen, fühlte sich gut aufgehoben und verstanden; geteilte Gedanken fanden Widerhall bei den Anderen. Es war ein schönes, warmes Gefühl der Geborgenheit.

    Außerhalb dieses heiligen Schutzbereichs der Ideen und Köpfe sind mir wohl oder übel allerlei andersgeartete Menschen: arrogant, zurückweisend, oberflächlich, kleinlich… Eine ganze Regenbogensammlung, aufgeschäumte bunte Gischt aus Charakteren in der Brandung der Begegnungen hatte sich blitzartig angehäuft. Ein stürmisches Menschentypenmeer, das einen anlockte und mitriss.

    In mancher Hinsicht trug das immens dazu bei, mich von meiner Naivität zu verabschieden (hurra!), fühlte sich wie eine sanfte, gutgemeinte, äußerst nötige Ohrfeige an, bei der man die Wange zahm und gehörig vorhielt, um das notwendige Übel zu erleiden, und die mich aus der Welt der Ritter des Guten hinausjagte: Die mit ausschließlich Gutem verwöhnte Prinzessin wurde nun frierend draußen vor die Tür gesetzt. Es kam allerdings auch zu völlig unerwarteten und äußerst bereichernden Begegnungen, die buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht waren, Lichtfunken, viel Dankbarkeit und Menschenliebe, aus den tiefsten verborgenen Winkeln des Herzens hinausströmend, vor allem seitens der Menschen, mit denen ich arbeite.

    Ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal freilich ist immanent, unbesiegbar und schon gar nicht auszurotten. Es schlummert da, tief in uns, materialisiert als eine Art typisch menschliche Krankheit, die gewohnheitsmäßig verschwiegen und ignoriert wird, weil sie sich in einer großen Anzahl der Fälle genau durch das gesprochene Wort unwillkürlich selbst hervortut, und die ich bei Tieren, Insekten und in der lebendigen Natur noch nie beobachtet habe: die Dummheit. Und die Bestie darf keinesfalls geweckt werden! Niemand ist vor ihr geschützt, jeder kann unmerklich in ihre Falle geraten. Eines Tages winkte die Dummheit schließlich auch mir zu, in vollster Pracht, mit Verve und Wucht. Sie hieß diesmal zur Abwechslung Julia.

    Ein schöner Abend mit live Musik in angenehmem Ambiente in einem Lokal in Wien 6. kündigte sich an. Endlich eine gute Gelegenheit, meine Freundin Rashida zu treffen und ein paar Worte mit ihr auszutauschen, dachte ich mir. Außerdem sollte die hauptsächlich für in Wien ansässige Professionals unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds organisierte Afterwork-Party mit den Klängen französischer Chansons unterlegt werden, und Französisch konnte ich in Strophen beinahe fließend.

    Auf den ersten Blick sah Julia, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, sogar ziemlich normal aus – in einem dunklen Kostüm eingekleidet, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, keine High Heels, kein Make-up, nichts Auffälliges. Über sie wusste ich gar nichts. Julia hatte sich meiner Gesprächsrunde angeschlossen, als es gerade um die Herkunft der Namen ging, eigentlich ein nicht uninteressantes Thema. Rechts und links von mir zwei Herrschaften, mir gegenüber Rashida. Da griff energisch auch Julia ein und lieferte die plausible Erklärung für das Kaiserliche an ihrem Namen, in Anlehnung an Julius Caesar. Ich hingegen war sehr glücklich, so einen kurzen und einfachen Namen zu haben. „Eine der möglichen Interpretationen für seine Herkunft geht auf die schöne Elena aus dem Trojanischen Krieg zurück“, fügte ich hinzu. Ein paar Minuten ging so das spontan eröffnete Gespräch weiter, und dann passierte eben das, worauf man im Leben halt nie vorbereitet ist: Vor meinen Augen erlebte Julia Caesar eine volle Metamorphose, die weder als ein Zeichen göttlicher Macht zu verstehen war noch mit der Verwandlung der Raupe in den Schmetterling etwas Gemeinsames hatte.

    Also stellt sie sich vor mich hin, Julia, der Herkunft nach Caesar, und so, wie sie mir zuhört, fängt sie plötzlich an, aus den Augenwinkeln rüber zu blicken, auf mich zu schielen, setzt die eine Hand in die Hüfte, und die andere lässt sie hinunterhängen. Ganz schön langsam, wie ein aus seiner Bahn hinausgeworfener Sternkörper bückt sie sich zu mir hin, kürzt den Abstand aufs Minimalste, sodass ich ihren Hauch in meinem Gesicht spüren kann, schwenkt mir androhend ihren erhobenen Zeigefinger vor die Nase und zischt mir zu: „Du, du, duuuuu….! Duuuuu, sag, dass du nicht aus Osteuropa kommst!“

    „Nein! Ich komme aus Südosteuropa! Nur ich habe mehr als nur eine Heimat! Aber bitte ganz vorsichtig mit den Stereotypen! Wir sind ja letztlich nicht hier, um uns Klischees zu bedienen, oder?“

    „Du, du, duuuuu, du, mit deinem Gesicht und so, wie du ausschaust, und mir über die Heimat erzählst..! Duuuu, du, du, duuuuu, jeder hat nur eine Heimat!!! Jeder!!! Mein Vater, wenn man ihn fragt, da kann er sofort antworten, er ist ja eben ein Österreicher!“

    „Ja, weil er sich damit identifizieren will!“, erwidere ich ihr, auch wenn ich spüre, dass diese dröhnende rollende Wortlawine nicht mehr aufzuhalten ist. Hier setzt, wie erwartet,  Julia, der Herkunft nach Caesar, mit einem Wortsturm fort, ganz rot im Gesicht, und gibt erneut dem Kaiserlichen in sich den Vorrang:

    „ Du, mit deinem Aussehen, duuuu, du hast fast keine Falten im Gesicht! Und vielleicht bist du sogar älter als ich! Du bist nach Österreich gekommen, um uns die Männer, die noch immer am Markt frei verfügbar sind, zu stehlen!!!“

    Im ersten Moment hielt ich das für einen Schmäh, denn wenn mir das Leben etwas beigebracht hatte, dann über die Klischees zu lachen, reagierte also dementsprechend, machte einen Schmollmund und wickelte sorglos eine Locke um meinen Zeigefinger um. Doch Julia schien es nicht so lustig zu sein. Sie gab nicht nach und wurde immer lauter. Ich trat zurück, schaute auf sie ein letztes Mal und das Einzige, was ich tun konnte, angesichts des niederschmetternd Kaiserlichen in ihr, das so schlagartig zum Vorschein gekommen war, war, ihr ein Luftküsschen zu schenken.

    Julia Caesar, die jeden guten Grund hatte, um glücklich zu sein – war in diesem wunderbaren Land geboren, hatte ein unerschüttertes Identitätsgefühl, und war nicht mal gezwungen, Toiletten zu putzen, wie einige neuangekommene Osteuropäerinnen  –, blieb mutterseelenalleine an der Bar stehen. Und doch war der Mangel in ihr unübersehbar. Auf einmal hatte ich so ein tiefes Mitleid mit ihr. Die Frage nach dem Warum gab mir keine Ruhe. Irgendwann, so etwa nach der siebenten Stunde kritischer Auseinandersetzung mit den Prinzipien der weiblichen Natur und dem fatalen dreizehnten starken Kaffee, leuchtete es mir auf einmal ein: Wenn eine Frau ein Problem mit sich selbst hat, ist zweifelsohne kein anderer, sondern ein Mann daran schuld! Wer denn sonst??? Ein Mann, der sich aus irgendeinem wohl völlig unverständlichen Grund geweigert haben soll, die so stark gefragte Retter-Rolle zu übernehmen. Der Retter auf dem weißen Schimmel (wenn es schon mal um Klischees gehen soll!), der Julia vielleicht auch hätte helfen können, genauso unerschüttert an ihren Selbstwert zu glauben, wie sie es an ihrer Identität tat. Also, Männer aus aller Welt, vereinigt Euch! Schenkt Euren Frauen ein bisserl mehr Aufmerksamkeit, damit sie die Bestätigung für das, was sie sind, von Euch bekommen können, wenn es anders nicht geht. Denn das Andere, der Blick in sich selbst, verlangt viel mehr als Glauben und erweist sich manchmal eine unglaublich vertrackte Aktion. Leider. Tut es bitte für mich! Ich schenke Euch ein Lächeln!

    Neli Peycheva

    *Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.

  • Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Provoziert durch die heutige Begegnung mit Ihm.

    Ich bin in einer gottlosen Gesellschaft aufgewachsen, in der Gott verboten war. Gott? So was gab es nicht, nur von den Lippen meiner Oma konnte man manchmal dieses seltsame Wort, leise und vorsichtig zugeflüstert, hören. Was sie allerdings damit meinte, blieb ein volles Rätsel. Die kleine Kirche, die mitten auf dem zentralen Platz stand, hatte für mich eine völlig plausible Geschichte: sie war ja nämlich die, an deren Kirchturm Baron von Münchhausen sein Pferd mitten in jenem heftigen Schneesturm gebunden haben soll. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeiging, schaute ich nach oben zum Turm und dachte an Münchhausen. Eine andere Funktion der Kirche konnte ich mir gar nicht vorstellen. Außerdem ging keiner hinein, was meine Vermutungen für den Grund deren Existenz nur noch bekräftigte.

    Nach der Wende öffnete die Kirche überraschenderweise ihre Türen für die Gläubigen. Waren aber solche geblieben? Den religiösen Glauben zurückerobern wurde bald zu einem Modetrend, bei dem man mehr auf ein Abenteurerlebnis infolge der Begegnung mit dem bis vor Kurzem Unzulässigen setzte, und weniger tief nach innen nach dem Sinn suchte. Das erste Mal, als ich die Kirche betrat, war zu Ostern. Das erste Ostern nach der Wende. Zur Mitternacht füllte sich die Kirche mit zuströmenden Menschenmengen von Neugierigen in Erwartung des Gottes, von dem manche schon mal gehört hatten, dicht aneinander gepresst, jeder mit einer angezündeten Kerze in der Hand. Ich bekam fast nichts zu Gesicht, außer den Rücken der in der vorderen Reihe Stehenden, und der Geruch, der sich bald durch den ganzen Innenraum ausbreitete, war nicht der nach Weihrauch, sondern nach gebranntem Haar.

    Dem unbekannten Gott musste ich irgendwie eine Form verleihen. Aber wie? Sollte es jemand sein, vor dem man Ehrfurcht empfinden sollte? Oder jemanden, an den man, wenn es unerträglich wurde, seine Bitten richten sollte? Hm, daran war ich nicht gewohnt. Wenn ich bessere Noten in der Schule haben wollte etwa, lernte ich fleißiger und wendete meine Bitten an mich. Wenn etwas schiefging, hatte ich Angst vor der Reaktion meiner Mutter. Wohnte also dieser Gott mir oder meiner Mutter inne? Jedenfalls war er nicht etwas, was ich im Außen suchen konnte.

    Ob ich heute als Erwachsene an den Gott glaube? An meinen Gott, den Gott in uns, vielleicht. An die grenzenlosen Möglichkeiten, an das Gute im Menschen, an die Liebe, an das Transzendentale, das uns miteinander verbindet, sodass wir uns in einem jeden wieder eindecken können.

    Ob ich ihn schon mal gesehen habe? Oh ja, wenn ich am Strand sitze und die ruckartige Bewegung der Wogen beobachte, wenn es ganz schön stürmisch wird und mich der Wirbel dahin weiterträgt, wohin es mag,  wenn ich im April unter einem blühenden Marillenbaum liege, wenn ich draußen im Regen durch die Pfützen laufe, wenn ich von oben auf die Welt schaue,  während die ersten Schneeflocken unbesorgt um mich herum tanzen… Der Gott einer Nichtgläubigen hat kein Gesicht, kann in einer Kirche oder in einem Gebet nicht entdeckt werden, verträgt keine Ehrerbietung. Er ist die bodenlose Stille in einem jeden von uns.

  • Notizen aus der Quarantäne II

    Notizen aus der Quarantäne II

    Bologna, cara mia Bologna! Ich steige in die Maschine und in weniger als 2 Stunden bin ich da. Ich verschmelze mit den gelb-rot-orangen Bögen über meinem Kopf, die mich auf dem Weg an den Instituten der Università di Bologna vorbei begleiten, werfe einen neugierigen Blick in die kühlen einladenden Innenhöfe. Mitten auf Plazza Maggiore halte ich inne. Für ein paar Sekunden wird es still, das ganze Getümmel verstummt, es fühlt sich so an, als ob ich genau in dem Augenblick im Mittelpunkt der Erde stehen würde. Die Glocke der Basilika San Petronio reißt mich aus der Zeitlosigkeit und holt mich in die Gegenwart zurück: Es ist punkt 12 Uhr Mittag. Und dann sehe ich sie. Sie kommen mir scharenweise entgegen, ihr schallendes Gelächter bröckelt in tausend feine kristallartige Lichtpartikeln von der Zeit ab und sättigt die Luft mit una emozione sensazione felice, schwebendes Gelächter steigt hinauf bis zum 62 m hohen Glockenturm der Basilika empor; sie machen einen kleinen Bogen um mich herum, verbeugen sich in einem  révérence vor mir: „Bella! Come stai? Come staj, amore? Ti amooooo!“, höre ich sie im Vorbeigehen, ihre strahlenden Gesichter prägen sich für immer in die Erinnerung ein. „Sempreeee!!!“, ertönt irgendwo da, mitten in der Piazza Maggiore hinter meinem Rücken, „Sempre… sempre… sempre…!“, hallt es in dem von der prallen Mittagssonne aufgewärmten Kopfsteinpflaster wider, während ich mich ein letztes Mal umdrehe… Die Italiener!

  • Notizen aus der Quarantäne I

    Notizen aus der Quarantäne I

    Ich mache breit dieses Fensterlein auf, um tief einzuatmen…

    Meine Schritte führen mich in den Stadtpark, lege mich da auf das feuchte Aprilgras hin, die Sonnenstrahlen verfangen sich in meinen Wimpern, blitze gegen die Sonne, meine Hände berühren das sich noch immer etwas borstig anfühlende Gras sanft, vielversprechend, meine Haare schlingen sich um die Grashalme herum, verflechten sich mit ihnen, die Haarspitzen werden länger und länger, schlagen Wurzeln tief in die hungrige Erde hinein, es riecht nach Magnolien, der Duft ist so betörend, dass es mir schwindlig wird, unter meinem Rücken pulsiert das Herz der Erde – Wärme fließt über meine Arme, über die Ellenbogen hinunter, ein nie aufhörender Strom, tröpfelt auf die Handflächen, rinnt die Linie des Lebens entlang, sammelt sich auf den Fingerspitzen in kleinen Pfützen, verschmilzt mit dem Rot meiner Fingernägel, fängt an zu brennen, wird zu Glut, Rot tropft langsam auf das schlaftrunkene Gras hinunter, wird von der durstigen Erde gierig in großen Schlucken aufgesaugt, tief eingeatmet… erst dann atme ich aus.

  • Ich warte auf sie

    Ich warte auf sie

    Auf die Zeit warte ich, die Minuten erforschend,
    schüttele den Staub von ihnen ab, pudere sie ein bisschen auf
    und entdecke in jeder einzelnen etwas Weißes, etwas Schönes.
    Auf die Zeit warte ich, warte wortlos.
    Dass wir uns mal wieder begegnen – ohne Worte, ohne Streit.
    Dass wir uns mal wieder verzeihen – ohne Trennlinien zu ziehen.
    Auf die Zeit warte ich – jene Januar-raufrostige, sauber gefegte, leuchtend weiße und zärtliche Zeit,
    die Zeit-Mut - die kecke, echte, kühne Zeit -, nicht auf die bedrückte Zeit-ohne-Zeit, die den Nacken beugt.
    Auf die Zeit warte ich – die Zeit-Sekunde, 
    die blitzschnell mit heftigem Getöse das Dunkel spaltet, die Zeit-Fähre, die auf keinen wartet, die Zeit-Schmetterling, die sich auf die Lippen niedersetzt und die Mundwinkel hinunterfließt.
    Es ist weiß. In der frostigen Stille winkt mir meine Zeit zu,
    dann begibt sie sich langsamen Schrittes auf den Weg zu mir. 
    Ich warte auf sie.
    

  • DIE GROSSE SHOW – ALS ABBILD KLEINER SEELENZUSTÄNDE

    DIE GROSSE SHOW – ALS ABBILD KLEINER SEELENZUSTÄNDE

    Am 11.01. wurde die Neuinszenierung DIE GROSSE SHOW von AKTIONSTHEATER ENSEMBLE im WERK X in Wien uraufgeführt. Das mitgenommene Publikum, dem wieder einmal schonungslos einen Spiegel vorgehalten wurde, hat die großartigen Akteur*innen mit heftigem Applaus verabschiedet

    Neli Peycheva

    Was versteckt sich hinter großen Phrasen eines vom Narzissmus besessenen Ich, das sich bei jeder Gelegenheit in den Mittelpunkt drängt, im Rampenlicht stehen will, und dem das “Zur-Seite-Treten” so schwer gelingt? Wodurch wird ein angeblich starkes Selbstbild genährt? Sind Seelenzustände wie das unstillbare Bedürfnis nach Anerkennung von außen und die verwüstende Leere im Innenraum des Menschen nicht ein Abbild elender politischer Umstände? Wie beeinflussen große Themen in der Politik und soziales Engagement den Einzelnen, der unmerklich dermaßen instrumentalisiert wird, dass er sein kleines, wahres Ich verliert und sich ausschließlich eingeprägter Parolen bedient? Aktionstheater ensemble scheut sich auch dieses Mal nicht, das vermeintlich Große ironisch-kritisch und mit viel Humor zur Schau zu stellen in seiner Neuinszenierung Die große Show. Denn, mal ehrlich, die große Show findet beiderseits der Bühnenwelt statt: auch draußen, in der gesellschaftspolitischen Realität, sind wir oft nicht nur ein Teil des Publikums einer imposanten Vorführung, bei der es um die möglichst größten Effekte geht, sondern auch darin mit Leib und Seele involviert.

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    Die schwarze Bühne versetzt uns in dunkle Erwartung. Auf den Projektionswänden sind weiße, langsam herabsteigende Ballons zu sehen. Und nicht zufällig überträgt uns die durch ihr fulminantes Spiel bezaubernde Michaela Bilgeri in ihrer Erzählung schon gleich zu Beginn gerade auf den Zentralfriedhof, den letzten Abstecher, an dem das Leben verabschiedet wird und wo sie einem Konzert beigewohnt hat, von einem schon älteren Sänger. Somit schleicht sich die erste klar artikulierte Opposition in einer sich sonst voll um die Überwindung der viel thematisierten Spaltung bemühenden Gesellschaft hindurch: zwischen Jung und Alt. Ihre scheinbare Bewunderung, dass er trotz seines hohen Alters noch immer singt, kann sie kaum verstecken; das berührt sie echt, weil sie einfach „ein empathischer Mensch“ ist. Ihre Beobachtungen, dass Menschen empathischer geworden sind, setzt sie mit dem sich etablierenden „Altruismus in der Politik“ in Verbindung und beruft sich dabei auf die Ergebnisse einer Studie, laut derer nach der Pandemie „alles prinzipiell besser geworden ist“.

    Das Geburtstagskind, die großartige Susanne Brandt, wird von Michaela, die einmal ihr zuliebe zur Seite treten will, mit dem Nibelungenlied begrüßt – einem markanten Beispiel für den Untergang der Germanen infolge mangelnder Empathie, so Michaela. Immer wieder wechselt sie ihre Kleider auf der Bühne der großen Show, auf der Suche nach dem besten, wie die Farben auf der politischen Bühne gewechselt werden. Klimapolitische Themen wie Michaelas Einsatz für den Klimaschutz werden aus der selbstbezogenen Ego-Perspektive des Ich mit eingewoben.

    Während Susanne auch mal so im Mittelpunkt stehen will – denn „geht es mir gut, geht es allen gut“ –, auf ein gut funktionierendes, moralisches Rüstzeug Wert legt und, um ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, die Plastiksichtfenster von den Kuverts abreißt und sie extra wegschmeißt, fabuliert Michaela „wie im Humanismus“ von einer allumfassenden Show, von einem „Gesamtkunstwerk“ aus Zauberern, Musik, Gesang etc., an der sogar Migranten teilnehmen dürfen, und die „von der Spaltung zur perfekten Gesellschaft“ führen würde.

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    Der Zauberer Raphael, dessen Zaubertricks mithilfe der Boulevardzeitung Österreich als Zauberinstrument zustande kommen, widmet sich dank seiner Jugend den Versuchen, den Moment des Staunens zu erschaffen, den Glauben zu erwecken, „dass mehr möglich ist, als man denkt“ und in dieser Weise „einen puren Moment der Hoffnung“ zu schaffen.

    Die Selfies-Diashow, die Susanne anlässlich ihres Geburtstages veranstaltet, darf bei einer großen Show selbstverständlich nicht fehlen, denn was wäre das Ego ohne die Multiplizierung seiner Selbstexposition?

    „Blut ist das, was uns verbindet!“, kündet der Festredner Elias in seiner Rede an, und ruft dabei  zu Blutspenden gegen die Spaltung der Gesellschaft auf, mit denen man „allen helfen kann, wie die Rettung“, denn auch ein Faschist sei ein Mensch.

    Dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit fügt der talentierte Chansonnier Benjamin noch eine Prise Melancholie bei, indem er „Die Chancenlosen“ von Jaques Brel in seiner leidenschaftlich-erschütternder Weise vorträgt, charakteristisch für seinen stark gefühlsbetonten Stil.

    Die glänzende Kulisse der Show bilden die Musiker in Glitzeranzügen, die mit herzergreifender Musik an der Stelle anknüpfen, wo das Narrativ verstummt, um es pointiert weiterzuerzählen.

    Kurzlebig und vermeintlich, den hinabsteigenden weißen Ballons ähnlich, die im nächsten Augenblick auch platzen, scheint auch das hier thematisierte Große zu sein. Doch die große Show verpflichtet. Ob man dabei mitspielt oder doch zur Seite tritt, diese Entscheidung überlässt aktionstheater ensemble wie immer dem kompetenten Publikum.

    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble

    PREMIERE: Di. 11. 01.2022 um 19:30 Uhr

    Vorstellungen: Mi. 12. – Sa. 15.01.2022 im WERK X, Wien

    Weitere Vorstellungen: 27.-29.01.2022, 19:30 Uhr, am Spielboden Dornbirn

    MIT: Michaela Bilgeri. Susanne Brandt, Raphael Macho sowie Elias Hirschl, Benjamin Vanyek, Christian Musser, Pete Simpson, Jean Philipp Viol, Anton Bennent.

    Regie: Martin Gruber / Text: Martin Gruber und Ensemble, Video: Resa Lut / Maxance, Dramaturgie: Martin Ojster, Musikalische Leitung: Christian Musser, Regieassistenz: Pia Nives Welser, Pressekontakt: Gerhard Breitwieser