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  • Der Unbekannte

    Der Unbekannte

    Heute Abend eine interessante Begegnung: Es kommt jem. auf mich zu und fragt, ob ich in Wien zuhause bin. Was sollte ich da antworten? Ich bin ja an mehreren Orten zuhause, so einfach, ohne ins Detail zu gehen, konnte ich die Frage nicht beantworten, also nicke ich einfach mit dem Kopf. Seine zweite an mich gerichtete Frage ist, ob ich mich für Kunst interessiere. Ich nicke wiederum. Und dann fängt er an, mir seine Geschichte zu erzählen.

    Er kommt ursprünglich aus Villach, wo die Menschen viel wärmer und offener als die Wiener seien und besteht darauf, dass ich mindestens für 2 Tage nach Villach fahre. Seit 4 Jahren schon kämpft er ums Überleben in Wien und versucht seine Musik und Bilder zu verkaufen: „Doch wie geht das? Wenn man keinen Kreis aus Kontakten hat…“ Also entscheidet er sich, abends auf die Straße zu gehen, und Menschen anzusprechen, die „rein holistisch“ ansprechbar wären. „Die junge Lady mit der Tom Ford Brille und der Gucci Tasche würde ich nie fragen, ob sie sich für Kunst interessiert“, fügt er hinzu, da es schon klar sei, dass sie in ihrer Ego-Welt verschlossen ist und da auch bleibt. Und er hält sich bei mir auf.

    Unsichtbar, er fühlt sich unsichtbar in Wien. Ich schlage ihm vor, dass er versucht, in seinem Stammcafé seine Musik vorzutragen. „Wissen Sie, wo ich wohne? Im 10. Bezirk. Da kann ich kein Stammcafé haben“, erwidert er. Dann fällt mir ein, dass er sich an eine kleine Galerie wenden könnte, wie etwa die Kolonie 5, wo Menschen immer willkommen sind.

    Wie misst er das Geld? In Zeit. Mit 10 000 Euro kann er ein Jahr leben und die Miete zahlen, das wäre ein Jahr seines Lebens. Wenn er 30 000 hätte, würde das für ihn 3 Jahre Lebenszeit bedeuten. Er fragt mich, ob ich vielleicht bereit wäre, mir eine seiner CDs für 25 Euro zu kaufen. Da muss ich es ihm anvertrauen, dass meine Geschichte noch komplizierter ist. Dass mir eines im Leben Angst macht: die Unfreiheit, das Gefühl, ein Glied von einem System zu werden, das dich verbiegen will, und dabei muss ich immer wieder an Foucault denken..! Systeme zeigen dir immer wieder, dass du ersetzbar bist, einfach ein Glied in der Kette, da verliert man langsam seine Individualität. Er an sich hat Angst, dass er die Zeit von 12 Monaten nicht überbrücken kann.

    Ich muss ihm meinerseits erzählen, dass mir jem., den ich bis vor Kurzem respektiert hatte, weil ich grundsätzlich an das Gute im Menschen glauben will, mir plötzlich eine gehasste voller Arroganz Mail schickte. Ja, ich muss es nur bestätigen, dass die Kluft zwischen Autor und Mensch nicht unbedingt überwindbar ist, wie das hier Manfred Klimek neulich ansprach in Bezug auf Handke. Es ist tatsächlich unser – und auch mein – naiver Glauben, dass Autoren auch unbedingt gute Menschen und hinreißende Persönlichkeiten sein sollten. Das sind aber nicht alle.

    Wir verabschieden uns. Ich wünsche meinem Unbekannten viel Glück, und vor allem, dass er da ankommt, wo er hin will. An seinem Ort.

  • Mein Europa

    Mein Europa

    Mama weinte, sie weinte ungestüm, als ob ihr jemand ein Stück Fleisch vom eigenen Leib abgerissen hätte, als ich mit 14 das Zuhause verließ und nach Ruse an der Donau loszog, den Fremdsprachen zuliebe, die mir das Tor nach Europa öffnen sollten. An der Wand rechts vom Eingang meiner alten Schule hing ein Foto von mir mit der Bildunterschrift „Unser Stolz“. Mama weinte, und ich weinte doppelt – für sie und für mich. Seitdem trage ich immer den Schmerz doppelt – einmal für mich und einmal für die Welt – herum. Nicht, dass ich ab dem Moment an wirklich displaced war, nein, ich war nur entwurzelt. Es fühlte sich so an, als ob ich an mehreren Orten gleichzeitig verweilt hätte. Was ich mir immer ausmalte, war einen Flug, der in die Ferne führte, nach Europa; machte die Augen zu, und flog dahin.

    In der Schulzeit fand sich dann eine Person, die es mir beibrachte, wie man richtig die Flügel ausbreiten sollte. Anfangs ahmte ich die Flügelschläge im Pantomimeunterricht nach, später spielte ich es auf der Bühne, bis es langsam und unmerklich ins reale Leben übertagen wurde. Flügel ausbreiten Richtung Europa. Und da ich für Leistungen immer mit Arbeit belohnt wurde, ging es mit 14 wegen ausgezeichneter Leistung am Fremdsprachengymnasium zum Arbeitseinsatz nach Deutschland (Tomaten pflücken!), mit 15 – wieder ausgezeichnet, wieder nach Deutschland (Unkraut ziehen!). Dass die deutsche Landwirtschaft heute so gut gedeiht – alles mein Verdienst!

    Mit 17, als ich zur Schönheitskönigin – Miss Bulgarien 1991 – gekrönt wurde, war ich schon weise genug, um zu wissen, dass mein Europa nur mit Mühe zu erreichen war. Der versprochene Preis in der Höhe von den damaligen 35 000 Lewa war für Ausbildung im europäischen Ausland vorgesehen. Die Schlagzeilen boomten: „Die schwere Krone“, Der schwere Weg nach Europa“, „Die Krone ist mein Weg nach Europa“, bis es die Schönheitskönigin in einem Statement für die Presse endlich nicht klarmachte: „Die Beauty Contests sind nicht unser Weg nach Europa“. Die Krone bekam ich tatsächlichin der Anwesenheit von 4000 Menschen, doch den Preis, der mir den Weg nach Europa ermöglichen sollte, nie. Wendezeit eben! Mein Europa musste noch warten.

    Gleich nach dem Studium vertiefte ich mich in die Lexikographie und trat eine Stelle am Germanistischen Institut in Bulgarien an. In kurzer Zeit häuften sich die Stempel in meinem Reisepass an: bei jedem Grenzpunkt folgte ein neuer. Jeden Kilometer durch Europa musste „gefühlt“ werden. Die 36-stündigen Busfahrten führten mich nach Jena zu einem Forschungsaufenthalt an der Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch, nach Weimar, auf die Jahresversammlung der Goethe-Gesellschaft, nach Leipzig, nach Hannover, nach München… Langsam wurde ich mir dessen bewusst, dass nicht die Sesshaftigkeit, sondern die Rastlosigkeit, die ich wortwörtlich auf der Haut spürte, ein der Menschheit innewohnendes Merkmal ist, wie es Stephen Greenblatt in seinem Cultural Mobility Manifesto[1] beschreibt.

    Die Rastlosigkeit war das, was mich 2003 auch weiter bis nach Wien trieb, wo ich an der Uni Wien die Arbeit an meiner Dissertation begann, mit einem Thema über den Wertewandel in der österreichischen und bulgarischen Gesellschaft am Beispiel des österreichischen Männermagazins WIENER und des bulgarischen Magazins EGOIST. Endlich war ich in Europa angekommen, so dachte ich mir zumindest! Das nächste Jahr kehrte ich wieder nach Wien zurück. Und seitdem – immer wieder! Hunderte Male! Zu kurz für eine life story, würdet Ihr sagen, und zu lang für eine flüchtige Begegnung – eine lebenslange Umarmung halt! Manche nennen es Masochismus, ich – Liebe. Einige fragen mich mit Mitgefühl, warum ich es mir antue, wo ich in Bulgarien angesehen und anerkannt bin, als Autorin und Dozentin, andere schauen mich völlig verständnislos zu. „Weil ich zu mir stehe. Weil ich zu mir stehen muss“, erwidere ich. Weil Heimat mehr als einen geographischen Ort bedeutet, weil ich mir den Luxus erlaube, mich für das Land zu entscheiden, das mich stärker geprägt hat, weil Wien die Möglichkeit freier Selbstbestimmung und freier Wahl multipler Identitäten bietet, weil ich nach meinen Mitmenschen suche, weil ich vom Zustand innerer Emigration in Bulgarien erschöpft bin, weil ich nicht von der Armut im ärmsten EU-Land, sondern vom Gefühl der Hoffnungslosigkeit weg wollte, weil mich meine Neugierde auf die Welt wach hält, weil ich Österreich liebe, weil ich in Wien jeden Fleck kenne, jeden Schatten, den Geruch einer jeden Straße, weil…, weil…

    Weil ich mich nicht abfinden kann. Ich kann mich mit der massenhaften Verschulung der Universitäten in Bulgarien und dem Streichen vieler moderner Disziplinen vom Lehrplan nach schon kurzer Zeit nicht abfinden, mit dem hoffnungslosen Aussterben des freien Intellektuellen auf Kosten von Engstirnigkeit, Ideenarmut und maximal beschnittenen Lehrplänen, mit dem Fehlen an kreativen Ideen, innovativen Herangehensweisen und einem Denken weg vom Klischee. Und wer sich nicht abfinden kann, muss den Schmerz doppelt tragen – einmal für sich, und einmal für die Welt.

    2018 durfte ich nach 150 fleißig geschriebenen Bewerbungen (Glückszahl!) meinen ersten Job in Wien antreten – Abhalten von Integrationskursen. Ein Gender & Diversity Zertifikat war die Voraussetzung, auch wenn ich selbst vor 12 Jahren das Curriculum für das Modul Interkulturelle Kommunikation an der Universität in Bulgarien konzipiert und Workshops an EU-Universitäten angeboten hatte. Dazu musste ich eine Deutschprüfung ablegen, um nachzuweisen, dass ich die notwendigen Deutschkenntnisse hatte, trotz Anerkennung aller meiner Bildungsabschlüsse. Inzwischen konnte ich mir eine kleine Wohnung im 18. Bezirk leisten und somit meinem jahrelangen Nomadentum ein Ende setzen, nachdem ich schon 2003/04 in Studentenheimen im 7., 8. und 19. Bezirk gewohnt hatte, und die Jahre danach vorübergehend bei Freunden im 6., 3., 16., 17., 18., 20., in Hostels und sogar notfalls im Studentenheim bei meiner Tochter. Mit Staunen beobachtete ich mich, die Heldin in meiner persönlichen Lebensgeschichte, und fragte mich, wie weit ich noch über die eigenen Grenzen hinweg gehen konnte. Die Überwindung von Grenzen – den tatsächlichen, realen, geographischen und jenen, im Kopf – schien bald ein großes Lebensthema zu werden. Ich stand da offen, verletzlich, im Mittelpunkt meines Experimentes, bereit alles anzunehmen, was mein Europa für mich bereithielt. Nebenbei arbeitete ich an einer internationalen Schule als Vertretung, abends gab ich Nachhilfeunterricht.

    Ende 2019 winkte mir mein Europa wieder zu und ich erwies mich von Neuem in Wien. Meine Kolleginnen am alten Arbeitsplatz, die schon einiges von mir in der österreichischen Presse gelesen hatten, etwa meine Theaterkritiken, sahen mich verwundert an und meinten, dass ich, mit all dem, was ich an Qualifikationen hatte, woanders hingehörte. Daraufhin lächelte ich sie nur kurz an. Das Leben hatte mir eindeutig gezeigt, welchen Wert und welche Äquivalenz meine Ausbildung und meine Frau Dr. Stelle in Österreich hatten, und das war auch gut so. Ich wollte ja halt mit dem Leben ins Reine kommen, und nicht mir etwas vormachen. Also sah ich meine Chance nach wie vor darin, wie ein Troubadour von Deutschkurs zu Deutschkurs zu wechseln, um herauszufinden, wie weit der Integrationsprozess in Österreich vorangeschritten war!

    Fest entschlossen, von Wolke sieben abzusteigen und mich an die Anforderungen der Realität anzupassen, so wie sie war, erwarb ich 2020 eine ÖIF-PrüferInnenlizenz. Der Zugang zu den Hochschulen schien mir verschlossen zu bleiben, die Kompetenzen, die ich hatte, wurden übersehen, wie bei den meisten Geisteswissenschaftlern, und selbst das Bildungsministerium hatte keine eindeutige Antwort darauf, ob ich zumindest an staatlichen Schulen in Österreich arbeiten durfte. Doch mein Hirn und insbesondere das, was in der rechten Hirnhälfte angesiedelt war, setzten sich zur Wehr und flüsterten mir zu: „Etwas stimmt von Grund auf nicht mit deinem Europa, Neli, hörst du das?“ War ich im falschen Europa gelandet? Nicht in jenem, von dem ich meinen Studierenden in Bulgarien an der Uni berichtet hatte? „In jenem Europa“, so erzählte ich ihnen, „wird die Persönlichkeit nach ihrem Können und Wissen eingeschätzt, das ist Europa der Mutigen und Fähigen, in dem jeder/jede die Chance freier Selbstbestimmung und freier Wahl multipler Identitäten hat.“

    Am sonst wolkenlosen europäischen Himmel schleicht sich jedoch ab und zu ein dunkler Schatten hindurch, und dann meldet sich mein Gerechtigkeitssinn zu Wort, dann bin ich ein paar Sekunden lang echt unaufhaltsam! Warum ist mein Wien so hart zu mir? Warum ist es so schwer, in Europa als Südosteuropäerin Fuß zu fassen, trotz guter Qualifikationen und Anerkennung in der Heimat? Ist das immer noch mein Europa oder „Europa der Anderen“? Und wenn es auch mein Europa ist, warum muss ich in Wien immer tief unter der Null anfangen, nicht mal bei der Null, wenn es gleichen Start für alle geben sollte? Bedeutet die Freizügigkeit in Europa gleich Freiheit? Und was muss ich noch tun, um diesem Europa zu beweisen, dass ich es wert bin? Dass es mich gibt?

    Für solche Überlegungen habe ich aber eh nur selten Zeit, denn meine Gedanken sind mit meinem Wien beschäftigt. Viel Wichtigeres steht an: Ich muss gehen, weitergehen auf meinem Weg nach Europa! Mein Europa wartet auf mich.

    Dr.in Neli Peycheva

    ist im Bereich der Germanistik, der Interkulturellen Kommunikation und der Lexikographie tätig.

    Auf die Welt blickt Sie mit Hoffnung.

    Persönliche Webseite: www.nelisworld.com


    [1] Vgl. Cultural Mobility: A Manifesto (Englisch) Taschenbuch: https://www.amazon.de/Cultural-Mobility-Manifesto-Stephen-Greenblatt/dp/0521682207


  • WHERE IS MY WIENER???

    WHERE IS MY WIENER???

    Auf der Suche nach dem verlorenen Wiener

    Bis vor ein paar Jahren glaubte ich, dass die Gemütlichkeit als Konzept den Deutschen zuteilgeworden war, nun bin ich mir nicht mehr so sicher. Entweder ist sie dermaßen ansteckend, dass sie sich bis nach Österreich hin ausgebreitet hat, galoppierend mit der Geschwindigkeit eines globalen Phänomens, oder war sie auch hierzulande schon immer gelebt und gehuldigt. Allerdings brauchte ich lange, bis ich in Worte fassen konnte, was genau mit dem heutigen Wiener nicht stimmt. Zugegeben, ein vages Vorgefühl auf irgendwas schwebte schon immer umher, ein Vorzeichen auf ein nicht ganz deutlich wahrzunehmendes Etwas, das sich wie ein Schatten abzeichnete, der bald in einen grauen Grat hinüberzog und für ein paar Atemzüge sein sonst so perfektes Erscheinungsbild ganz zu seinen Ungunsten betrübte: der Mangel am Adligen.

    Immer öfter kam er mir vor als jemand, der innerlich litt – als ob ihm der Kern mit Gewalt herausgerissenen wurde, und trotz aller Bemühungen, die Oberschicht blank zu polieren, glänzte er nur noch mit einem falschen, trügerischen Schein. Betrogen fühlte ich mich auch in meinen Erwartungen! Jedenfalls war seine Echtheit – die ich doch anfangs immer noch zu finden hoffte, schon von vornherein weg. Das wird wohl vielen nicht gefallen, mich stimmt es auch nicht unbedingt froh, und Pauschalisierungen sind das Letzte, was ich, die vehemente Kämpferin gegen die Stereotypen, mag. Doch ich habe ein Problem, und ein Unglück kommt wie bekannt nur selten allein: Ich kann nicht lügen – jemand hätte es mir vielleicht gefälligst in der Kindheit beibringen können, hat es aber versäumt. Dieses unverzeihliche Versäumnis ist die Ursache, warum ich mir den Luxus erlaube, zu schreiben, was ich denke und zu beschreiben, wie ich die Welt wahrnehme – ein postgenetischer Defekt nämlich. Als solche bin ich auch oft unbequem, und der Wiener wusste seine Bequemlichkeit zu schätzen.

    Wie man den Wiener am besten kennenlernen kann? Ganz einfach. Indem man nichts tut und sich ihm einfach stellt. Von da an sollte man nur die Fähigkeit besitzen, detailliert zu beobachten. Große Worte, gepaart mit Kleinbürgerlichem, Existenzängste hinter der Fassade des Dandys, Versprechen ohne Wert, die nie eingehalten werden, Handlungen, die, auch wenn an sich nicht stimmig, schlicht und einfach bequem sind. Und die Quelle all dessen – diese heilige Gemütlichkeit, die den Wiener fest in den Arm genommen hatte!

    Die gute Nachricht ist, dass der Wiener nicht nachtragend ist – das behauptet er jedenfalls von sich selbst. Und tatsächlich! Mit verblüffender Leichtigkeit werden Statements gemacht, an die man sich am Tag darauf nicht mehr erinnern kann. Außerdem ist der Schmerzpegel bei ihm sehr niedrig, und überhaupt ist er sehr empfindlich – wenn er über ein Steinchen stolpert, fließen ihm die Tränen! „Wie er die Stolpersteinchen im Leben meistert?“, fragt ihr euch? Mit innerer Widerstandsfähigkeit, genannt Leugnen. Leiden ist für ihn ein Unwort, ich habe neulich gelesen, dass er sogar an die Gesellschaft für deutsche Sprache geschrieben haben und herzenszerreißend gebeten haben soll, „Leiden“ aus dem Wörterbuch zu streichen.

    Wenn der Wiener von heute wirklich Angst hat – und Ängste hat er mehr als genug -, dann vor Frauen mit Hirn. Bedroht fühlt er sich, falls er ihnen begegnet, eingeengt in seinem Existenzwert, und folglich ist er ja auch allerseits bemüht, diese unbequemen Wesen zu meiden, im besten Fall tut er so, als ob es sie gar nicht gäbe.

    Dem Wiener kann ich eh schon vieles verzeihen: die inneren Ängste, die Zerrissenheit, die Feigheit, sogar das inkonsequente Handeln, die leeren Worte, sein Zuspätkommen, die Vergesslichkeit – alles Eigenschaften, die nicht unbedingt ein Grund zum Stolz sind, trotzdem würden sie ihn kaum von den Anderen unterscheiden. Das, was ich ihm nicht verzeihen kann, ist der Mangel an Großzügigkeit, denn dafür braucht man nichts – nur groß geschnitten im Herzensbereich zu sein.

    Wenn ich mir ab und zu die Tagträumerei großzügig erlaube, taucht von mir jene Gestalt auf, die Ende des 19. Jh. in den Wiener Kaffeehäusern erhitzt philosophiert und zu den großen Themen des Tages diskutiert hat – den Wiener Intellektuellen eben –, die den starken Willen zur Veränderung gehabt haben soll, weil sie ihren Kern noch nicht verloren hatte. In solchen Momenten denke ich an jene progressiven, mutigen Querdenker, denen weder an Worten noch an Taten fehlte, wenn es darum ging, das Rad des Weltgeschehens in Bewegung zu setzen oder gar ein Teil davon zu werden. Heutzutage ist vielleicht noch immer ein Hauch vom damaligen Philosophieren zu spüren, allerdings bleibt der innere Antrieb total auf der Strecke: In Wirklichkeit tut der Wiener von heute so, als ob er das wäre, was die Welt von ihm verlangen würde, und in vieler Hinsicht wird diese Rolle professionell gespielt.

    Was dem heutigen Wiener denn fehlt? Das Adlige. Das Großzügige. Das Feinfühlige. Das, was schon beim ersten Kontakt subtil wahrgenommen und an der Ausstrahlung eines Menschen abgelesen werden kann. Es ist da oder eben nicht. Und wenn es da ist, sind alle Worte überflüssig. Überflüssig wären auch meine Zeilen hier gewesen. Ich vermisse jedenfalls jenen Wiener, dessen Lebensstil leidenschaftliche Polemik, Aufrichtigkeit und Mut zur Weltveränderung prägten. Werde ich ihn weitersuchen? Selbstverständlich! Werde ich ihn nach wie vor wachrütteln? Na, klar! Aus einem einzigen Grund: aus Liebe.

  • Am I a good person?

    Am I a good person?

    „Am I a good person?”

    No, it’s not about what morality experts say about the ways they try to find out what kind of traits, behaviors or manners should round up the image of someone, defined as „a good person”. It’s not about the retrospective we make at the end of each year: „Did I achieve my goals?” „Did I live wisely?”

    I’m thinking of all the young people I met till now and  – of “the line game”! Do you know it? It’s called like that according to the scene in the film „Freedom Writers”, where Hillary Swank (who plays the role of the teacher Erin Gruwell) asks her students to stand on, facing each other, from the both sides of an imaginary line (https://www.youtube.com/watch?v=eYYf-mUmPqI ). After that they are being asked questions. If the answer is „Yes, I do”, they have to step onto the line and then backward again, if it doesn’t apply to them, they just remain on their places. The game I usually play at the beginning of the Intercultural training or when we discuss about Ethnocentrism in order to point out the similarities between the students and create an „in-groop-sense”.

    I’ve played „the line game” a lot of times as a part of my intercultural training with young people who studied at universities throughout Europe. Besides some questions like „Do you like music? “, „Are you curious of the world?”, and then „Do you want to change the world you live in in a way?”, “Is friendship important to you?” etc. I ask them also „Do you think, you are a good person?” It’s one of my favorite ones as it’s one of the unexpected – when you hear it, it strikes you in such a way, that you don’t have any other choice but to be honest to yourself.

    Can you imagine, 30% of all my students remain by that question on their places: They hesitate to call themselves „ a good person”. Very sad to me to watch it! Is it a lack of self-esteem? A bad experience during the childhood? A word, dropped by the way by a parent? I can only guess. My purpose has always been to show them how beautiful and valuable they are – just the way they are. Beautiful and good.

  • Familienname – noch immer ich oder nicht ich?

    Familienname – noch immer ich oder nicht ich?

    Mein Ne.

    “Halten”, Erich Fried ❤️

    Fried, geboren am Georgstag. Habe mich beim Gedanken erwischt, inwiefern der Familienname unsere Identität prägen kann im Vergleich zum Vornamen. Fried. Frieden.

    Mein Vorname fängt mit Ne- an, mein Familienname Nenova (vom Großvater geerbt), wieder mit Ne-, was ein Nein auf Bulgarisch bedeutet. „Nein!“ „Nein?“ zu was? :-)) Das frage ich mich!

    Es gab ja Zeiten, als ich vehement darauf bestand, meinen Geburtsnamen Nenova zurückzuholen – aus Protest gegen das Fremde um mich herum und natürlich als Akt des Selbstschutzes und der Selbstliebe- eine Identitätsfrage nämlich. Von außen her betrachtet eine skurille Aktion! Alle beobachteten mich perplex, stupsten mich mit dem Ellenbogen, um zu prüfen, ob es mich noch immer gab oder ein Geist namens Neli herumschwebte. Die Wahrnehmung ist allerdigs individuell, und ich – aus meiner Individualität heraus – wollte unbedigt noch ein „Nein-“ als Anfangsbuchstaben im Familiennamen haben – eben meinen eigentlichen Namen Nenova. Anwälte versuchten mir zu erklären, es sei eine Identitätsfrage, so einfach hätte ich meine Identität nicht aufgeben bzw. wechseln können! Na, eben! Deswegen wollte ich MEINE zurück. Nur wir sprachen unterschiedliche Sprachen, und am Ende stand ich vor der Unmöglichkeit, meine eigene echte Identität zurückzuholen. Verkehrte Welt. Diese offensichtliche Ungerechtigkeit konnte ich nur schwer hununterschlucken.

    Glaubt niemals anderen, was falsch und recht ist über Euch. Ihr seid es, nur Ihr, mit Eurer Individualität und Wahrnehmung, die über Euch selbst urteilen könnt. Kein Anwalt der Welt. Ich sage „Ne!“ („Nein!“) zur fremden Einmischung in Fragen der eigenen Identitätsfindung. Mein Ne.

  • Ich will nicht

    Ich will nicht

    Ich will nicht sehen,

    ich will nicht hören, glauben, verachten,

    ich will nicht erfunden sein

    und auf die Schnelle mit schwarzer Tinte umgerissen sein

    auf altem, hier und da verbranntem Papier.

    Ich radiere alles aus, was du da über mich gekritzelt hast:

    Auf einem Weg ohne Richtung,

    in einer Zeit ohne Zeitmessung,

    in einem Drehbuch ohne Text,

    in einem Theaterstück ohne Namen,

    in einem abgedroschenen Sujet – ohne Rollen, ohne Reime.

    Ich halte meine Ohren mit den Händen zu,

    decke meine Augen mit einem Eichelhäherfeder.

    Ich will nicht glauben, dass es keine Vorzeichen gab

    und dass es keine Vergeltung gibt.

    Ich will nicht denken.

    Ich will nicht diese sein,

    die zum gelben Papier und der schwarzen Tinte passen würde.

    Ich will es nicht.

  • Wenn…

    Wenn…

    Wenn

    Trauer, Verzweiflung, Leiden und Freude,

    Lachen und Schmerz unterm Himmelsgewölbe,

    wenn das Herumschleppen fremder Geschichten,

    Schritte, auf fremde Wege gerichtet,

    Träume und Rauch, Wut, Illusionen,

    Tränen vor Freude, Lachen, auch ohne

    Glück zu empfinden, um Schmerz zu verdecken –

    um das nie Endende gut zu verstecken –,

    deine Geschichte scheinen zu prägen,

    halte mal inne, sei mal verwegen!

    Denn

    jede Geschichte mit Anfang und Ende,

    glänzend zunächst, wird bald ausgeblendet,

    bis sie völlig zerbröckelt verschwindet,

    bis eine neue ihren Weg findet.

    Endlos bleibt nur das Hoffnungsgewebe,

    solang‘ ich aus dem Vogelgarn spinne und webe.

  • ZOOM Reality

    ZOOM Reality

    Heute führten mich meine Gedanken in das ferne 1998 und die Jahre danach zurück… Vor meinen Augen verliefen wie im Kino all die Stempel in meinem alten Pass, die die Ein- und Ausreise an jedem Grenzübergangspunkt dokumentiert hatten, damals, als man immer noch nicht „frei“ reisen konnte – so rund 160 an der Zahl. Die langen 35-stündigen Busfahrten nach Deutschland, die Zugreise von Bulgarien bis nach Wien und von Wien bis nach Jena, die Busreise über Wien bis nach Oradea, jeden gefühlten Kilometer hatte ich damals gezählt.

    Dass sich das Ganze mal wiederholt, das wäre mir allerdings nie durch den Kopf gelaufen, mir, die so gerne alleine reist, um völlig ungestört in der Rolle des Betrachters die Welt beobachten und wahrnehmen zu können. Nie hätte ich auch gedacht, dass aus meinem Ich ein virtuelles Bild wird, ein ZOOM-Ich, das tagtäglich vom Bildschirm auf mich blicken würde. Musste heute mit einer sehr wissbegierigen jungen Dame scherzen, dass wir wohl in Verbindung bleiben würden, auch wenn man uns in die Wüste oder an den Rand der Welt schicken würde. Nur auch das habe ich mir nicht ganz so vorgestellt.

    Nur wer die Unfreiheit kennt, kann sie aufgeben, und umgekehrt – um Scott M. Peck zu paraphrasieren. Es tut allerdings nicht weniger weh. Eure Neli P

  • Ich kann nicht mehr warten

    Ich kann nicht mehr warten

    Ich kann nicht mehr warten. Nein. Ich kann es nicht.

    Ich kann nicht unendlich vernünftig, überlegend, zahm sein –

    ich kann nicht diejenige sein,

    die den Winter langsamen Schrittes messen würde,

    die verträumt, in einem langsamen cadence warten würde,

    dass der längste mit Zähnen klappernde Winter mit einem révérence

    den fernsten Frühling um einen Rollenwechsel leise flehen würde.

    Ich kann nicht warten. Ich kann es nicht, ich gebe es zu.

    Will ich so viel? Weiß ich nicht. Ich spüre es,

    wenn der letzte Tropfen Geduld mit einem gewaltigen Donner

    in ein Meer aus Gefühlen hinüberfließt.

    Also, losziehen!

    Ich ziehe meine treuen roten, schon ein wenig abgetragenen, dazu aber bewährten Ballerinas „für Welt“ an und ich ziehe los! Auf bald!

    In einem neuen Theaterstück und in einer Frühlingsrolle!

    Eure Neli P

  • Alles an einen Nagel hängen?

    Alles an einen Nagel hängen?

    Übrigens, Café Hawelka auf dem kleinen Bild! Eure Neli P