Autor: Neli Peycheva

  • Sie

    Sie

    Die Tür öffnet sich und sie stellt sich in den Türrahmen. Sie, genau sie. Mit high heals, schön gestylt, elegant, umwerfend! Echt. Ich traue meinen Augen nicht. Halte inne und frage sie leise: Snezhi, bist du denn das? Woher kommst du? Wo warst du denn die ganze Zeit?

    Und sie erzählt mir, dass sie eh nie gegangen ist. Wir haben uns einfach eine Weile nicht gesehen. Auch sie habe mich sehr vermisst. Und nun solle ich alles schnell einpacken, sie sei ja wegen mir gekommen, um mich abzuholen. Ich mache alle Kästen auf und fange an auszuräumen. Nichts von dem, was da ist, brauche ich. Alles schmeiße ich weg. Nichts nehme  ich mit. Sie sagt zu mir, das sei nicht mein Ort.

    Ich höre ihr zu und weine.

    Frage sie, ob sie morgen wieder kommt. Und sie beruhigt mich, alles werde so sein wir früher, wir würden wie früher, über der Kaffeetasse gebeugt, über alles auf der Welt sprechen, über wirklich alles. Nie würden wir uns trennen. Nun müsse sie gehen, aber nur für ein paar Stunden, nur bis zum Ende der Nacht.

    Ich höre ihr zu und weine, und weine.

    Zur Morgendämmerung ist sie tatsächlich wieder da, steht im Türrahmen. Echt und unverfälscht. Einfach sie. Wir werfen einen letzten Blick auf alles rund herum – den leeren Raum, den Kleiderkasten, die Schränke. Nur mich selber solle ich mitnehmen, flüstert sie mir zu. Alles andere schmeiße ich weg. Und wir gehen los. Sie und ich.

    Und ich weine, und weine, und weine.

    Vor Glück.

    Ich wache auf. Der Traum ist noch immer da, und sie ist da. Und sie bleibt.

    Ein Blick in den Kalender zeigt: Der 18.02. war in Bulgarien Totentag. Zum ersten Mal in meinem Leben merke ich mir das Datum.

  • Das Ich vor der Kulisse des Weltgeschehens

    Das Ich vor der Kulisse des Weltgeschehens

    Zwei Neuinszenierungen von Marin Gruber und aktionstheater ensemble – in Kooperation mit Spielboden Dornbirn und Werk X

    Mit „Die große Pension Europa Show“ haben der Regisseur Martin Gruber und sein mehrfach ausgezeichnetes aktionstheater ensemble dem Wiener Publikum wieder einmal Stoff zum Nachdenken und kritischer Auseinandersetzung mit sich selbst geliefert. Denn im Mittelpunkt steht schon wieder die Persönlichkeit mit ihren Schwächen. Verstört, vom Hurrikan der erschütternden und in die Knie zwingenden gesellschaftspolitischen Ereignisse aufgesaugt, schreit sie danach, wahrgenommen zu werden. Gnadenlos, aber zugleich liebevoll und mit viel Humor stellt Martin Gruber das Eitle und Oberflächliche, eingebettet im aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext, ins Rampenlicht.

    Die große Pension Europa Show  ist noch am Di. 17. Jänner um 19:30 Uhr  im Werk X, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien zu sehen.

    Das WERK X in Wien, Oswaldgasse habe ich schon von allen Himmelsrichtungen, zu allen Jahreszeiten angestürmt. Jedes Mal komme ich hier angerannt, mit pochendem Herzen und einem freudigen Vorgeschmack auf etwas Geheimnisvolles, Aufregendes und auch Verpflichtendes. Denn ein Theaterbesuch, insbesondere wenn eine der alternativen Theaterkompanien spielt wie das mehrfach preisgekrönte aktionstheater ensemble, stellt an sich selbst eine kühne Aktion dar: Es ist ein Ausdruck bürgerlicher Position und zugleich eine Mutserklärung, sich dem sich auf der Bühne Ereignenden gnadenlos zu stellen. Would you dare?

    Pension Europa 01: Zwischen Grenzziehung und Selbstoptimierung

    Im Hintergrund der Bühne, wo die wunderbaren Musiker stehen, ertönen die ersten Beats. Auf den Projektionsflächen sind fließende Regentropfen zu sehen. Regentropfen fließen ineinander, Grenzen verwischen sich. Wo ist die Grenze, fragt sich Isabella, zwischen der Seite, wo es regnet und der anderen? „We believe in crossing the horizon line“, nimmt Aishas erschütternde klare Stimme den hoffnungsvollen Gedanken auf, dass die andere Seite doch erreichbar ist. Und dabei verlieren auf einmal auch die Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit an Schärfe, sie gehen ineinander, sodass das Erfundene real, und das Reale erfunden wird: „Das kannst du in Wirklichkeit gar nicht sehen. Das musst du dir im Theater anschauen“, stellt Benjamin fest. Das, was in Wirklichkeit nur unklar wahrzunehmen ist, kann nämlich im Theater künstlerisch nachgeahmt und auf die Haut gespürt werden. Daher sind wir, das treue Publikum, ja auch hier, bereit, sich auf diese schmerzvolle, aber zugleich ironisch-amüsante Auseinandersetzung einzulassen.

    Trotz der Unterschiede in der Herkunft, Religionsbekenntnis, Geschlechtsorientierung und der ironisch-pointiert dargestellten Betonung auf den eigenen ganz besonderen Mehrwert, sind zwischen persönlich und politisch, hier und dort, eigen und fremd, keine klaren Grenzlinien zu ziehen. Nackt, nur in Unterwäsche auf der Bühne, verkörpern die wunderbaren Akteur:innen im ersten Teil der Inszenierung den starken Drang nach Anerkennung, die Versuche zur Selbstoptimierung vor dem Hintergrund des Weltgeschehens. Muttermale entfernen, Vorschreibungen, wie man stehen oder sich bewegen sollte, um vorherrschenden Schönheitsidealen zu entsprechen, Verliebtsein über die geographischen Grenzen hinaus, die sogar „die Weltpolitik relativieren könnte“, die Bemühung, die eigene persönliche Geschichte noch spannender zu gestalten, um seinen Wert als Mensch noch stärker hervorheben zu können, Elemente aus der Kampfkunst und der ewige Kreislauf von „breave, strike, relax“ als Teil des Alltäglichen, die Überbetonung der Macht des Geldes, das ewig sich zu Wort meldende Ego – es werden ironisch-humorvoll Bilder gemalt, die das rein Persönliche in einen weltpolitischen Rahmen setzen. Dabei bleibt nur eines übrig – im Meer, in dem eine klare Grenzziehung zwischen Persönliches und Weltpolitisches unmöglich zu sein scheint, zu schwimmen, weiter zu schwimmen, zu einem Regentropfen zu werden. Denn, wie es Isabella sagt, wie kann man doch wissen, ob dann „das Tiefblau darin der Himmel über dir oder der Himmel in dir ist“.

    Pension Europa 01 von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser (1)

    Die große Show: Ich will wahrgenommen werden

    Im zweiten Teil der Neuinszenierung bildet „Die große Show“, auf der Babetts 60. Geburtstag gefeiert werden soll, die Kulisse. Was versteckt sich hinter einem Ich, das sich bei jeder Gelegenheit in den Mittelpunkt drängt, im Rampenlicht stehen will, und dem das “Zur-Seite-Treten” so schwer gelingt? Wodurch wird das Selbstbild genährt? Sind Seelenzustände wie das unstillbare Bedürfnis nach Anerkennung von außen und die verwüstende Leere im Innenraum des Menschen nicht ein Abbild elender politischer Umstände? Sind Trennlinien überwindbar? Aktionstheater ensemble scheut sich auch dieses Mal nicht, im zweiten Teil seiner Neuinszenierung „Die große Show“, das Ich ironisch-kritisch und mit viel Humor zur Schau zu stellen. Und nicht zufällig überträgt uns Michaela Bilgeri mit ihrer mitreißenden Erzählung, bei der sich das Publikum vor Lachen zerkugelt, schon gleich zu Beginn gerade auf den Zentralfriedhof – die Trennlinie zwischen Leben und Tod. Ihre angebliche Bewunderung von einem schon älteren Sänger, der kaum noch stehen konnte, setzt sie mit Babetts Alter in Verbindung. Dass Babett trotz ihres Alters hier „heute noch so stehen“ kann, berührt Michaela echt, was sie auf ihre Empathiefähigkeit zurückführt: laut einer Studie sind ja „positive Charaktereigenschaften prinzipiell besser geworden“. Das Geburtstagskind, die wunderbare Babett Arens, wird von Michaela, die ja einmal ihr zuliebe zur Seite treten will, mit dem Nibelungenlied begrüßt – als Beispiel für den Untergang der Germanen infolge mangelnder Empathie, so Michaela. Die Show der Eitelkeit ist in vollem Gange, immer wieder wechselt sie ihre Outfits auf der Bühne, auf der Suche nach dem besten. Während Babett auch mal so im Mittelpunkt stehen will – denn „geht es mir gut, geht es allen gut“ –, auf ein gut funktionierendes, moralisches Rüstzeug Wert legt, fabuliert Michaela „wie im Humanismus“ von einer allumfassenden Show, von einem „Gesamtkunstwerk“ aus Zauberern, Musik, Gesang etc. aus allen Schichten, „Gebildeten und Bildungsfernen“, die „von der Spaltung zurück zur perfekten Gesellschaft“ führen würde.

    Pension Europa 01 von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser (1)

    „Die große Show“ wird von den Zaubertricks des Zauberers Raphael abgerundet, der dank seiner Jugend sich den romantischen Versuchen widmet, einen Moment des Staunens zu erschaffen, der Magie, und in dieser Weise „den Leuten einen Moment der Hoffnung zu schenken“.

    Bei der Selfies-Diashow, die Babett anlässlich ihres Geburtstages projiziert, bricht das Publikum in schallendes Gelächter aus. Selbstverständlich darf bei einer großen Show die Selbstexposition des Egos nicht fehlen, denn was wäre es ohne seine Multiplizierung?

    „Blut ist das, was uns verbindet!“, kündet der Festredner Elias Hirschl in seiner einem unter die Haut gehenden Rede an, und ruft dabei zu Blutspenden gegen die Spaltung der Gesellschaft auf, mit denen man „allen helfen kann, wie die Rettung“, auch einem Faschisten, denn auch ein Faschist sei ein Mensch.

    Die letzte Szene schließt mit dem gefühlsbetonten Auftritt vom bezaubernden Benjamin, den wir nicht nur als großartigen Darsteller, sondern auch von seinen Brel-Konzerten (https://nelisworld.com/2021/10/17/es-lebe-die-leidenschaft/) kennen, und „Die Chancenlosen“. Ob die Chancenlosen doch eine Chance hätten?

    Pension Europa 01 von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser (1)

    In der mitreißenden zweiteiligen Performance – der Neuinszenierung von „Pension Europa 01“ und der Uraufführung „Die große Show“, die sich die Zuschauer an einem Abend anschauen können, werden die großartigen Darsteller:innen witzig-amüsant mal in den Abgrund getrieben und schonungslos-ironisch bloßgestellt, mal mit Mitgefühl und Liebe wieder aufgefangen. Es sind diese höchste Konzentration im Augenblick, die Verdichtung der Spannung, der explosionsartige Auftritt der Darstellerinnen auf der Bühne, der durchstechende Blick ins Publikum – all das durch die sich tief einprägenden Beats der Musik unterlegt, – die einen ganz im Moment verankern. Ein Moment voller Offenheit. Und genau in diesem stark verdichteten plastischen Moment passiert es: Es erfolgt die Konfrontation mit sich selbst. In diesem Moment wollen wir, das Publikum verweilen. Danke, aktiontheater ensemble!

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und aktionstheater ensemble sowie Claudia Tondl, Elias Hirschl |Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne, Kostüm: Valerie Lutz | Video: Resa Lut | Regieassistenz: Michaela Prendl | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser | Live-Musik: Dominik Essletzbichler, Christian Musser, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober, Pete Simpson

    Darsteller:innen: Babett Arens, Michaela BilgeriAisha EisaIsabella JeschkeElias Hirschl, Raphael Macho, Kirstin Schwab, Tamara Stern/Zeynep AlanBenjamin Vanyek

    Mein Interview mit dem Regisseur Martin Gruber im WIENER: https://wiener-online.at/2018/11/14/kunst-ist-genau-das-refugium-wo-es-darum-geht-subversiv-sein-zu-koennen-regisseur-martin-gruber-im-interview/

  • Warnung! Über die negativen Begleiterscheinungen beim Fremdsprachenerlernen

    Warnung! Über die negativen Begleiterscheinungen beim Fremdsprachenerlernen

    Eine empirische Untersuchung.

    Über den Nutzen vom Fremdsprachenlernen wird viel und ausführlich gesprochen, pointiert geschrieben und überzeugend argumentiert. Vor allem werden die Aneignung von Wissen hervorgehoben und die damit einhergehende Ausweitung sprachlicher, kultureller und persönlicher Grenzen – es geht also um ein Mehr, behaupten alle. Doch das, was oft außer Acht gelassen wird, sind die negativen Begleiterscheinungen, insbesondere in der Anfangsphase, deren man sich bewusst sein sollte. Darauf möchte ich nun im Interesse aller Beteiligten detailliert eingehen.

    Die erste Fremdsprache, mit der ich noch als Kind in Berührung kam, war Russisch. Ganze sechs Jahre war es die einzige Fremdsprache, die man in der Schule erlernen konnte. Als Folge kann ich auch heute noch Puschkin auswendig:

    Цыганы шумною толпой
    По Бессарабии кочуют.
    Они сегодня над рекой
    В шатрах изодранных ночуют.
    Как вольность, весел их ночлег
    И мирный сон под небесами;
    Между колесами телег,
    Полузавешанных коврами (…)

    Danach kam das Französische, ein Jahr lang, was an sich als eine reine Katastrophe zu beschreiben wäre: Es herrschte ein voller Wirrwarr in meinem Kopf und das, was als Kurzzeitgedächtnis zu bezeichnen ist, ähnelte einem dunklen Abgrund! Später, schon im Erwachsenenalter, habe ich mich aus eigenen Stücken und reiner Liebe für die Sprache nach einem Paris-Besuch zu einem einjährigen Sprachkurs angemeldet. Das war das Jahr, in dem ich mir ausschließlich französische Chansons anhörte, es existierte einfach keine andere Musik mehr für mich. Dies hat schließlich dazu geführt, dass ich von dem Moment an immer, wenn ich auf eine Frage, gestellt auf Französisch, zu antworten versuchte, Reime hervorbringen, d.h. mich nur in Liedtexten ausdrücken konnte. Deutsch war dann eine bewusste Entscheidung, die ich mit 14 getroffen habe. Als ich knapp einen Monat nach dem Start Goethes Wanderers Nachtlied auswendig lernen musste und es nicht mal nach der vierzigsten Wiederholung klappte, kam ich mir eindeutig dumm vor. Wer hätte sich damals gedacht, dass ich mit 27 anfangen würde, Wörterbücher zusammenzustellen!

    Nicht zu übersehen ist auch die Tatsache, dass es auch mal dazu kommen kann, die eine Fremdsprache mit der anderen zu verwechseln. Als mir etwa meine Tochter, die nicht weit von mir wohnt, zu verstehen gab „Mama, ich bin schon erwachsen und selbstständig, finde dir ein Hobby!“, habe ich ihr mit „Et si tu n’existais pas / Dis-moi, pourquoi j’existerais?“ geantwortet. Tja, so eine Sache.

    Also, Ihr seht schon, dass das Fremdsprachenlernen an sich nicht sehr ermutigend und oft von unerwünschten Nebeneffekten begleitet ist. Aus Liebe und Sorge für Euch habe ich hier eine übersichtliche Liste erstellt:

    • Orientierungslosigkeit
    • Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, sogar nach mehrfachem Wiederholen der neuen Vokabeln
    • leichtes Zittern
    • Hitzewellen
    • vorübergehende gemäßigte bis starke Empörung gegenüber der deutschen Grammatik
    • das Gefühl, nichts zu wissen
    • Gewichtabnahme
    • Schlafstörungen, begleitet von Träumen auf Deutsch
    • Vor-sich-hin-Summen von einfachen Liedtexten
    • Neigung zur Verliebtheit
    • Bedürfnis nach mehr

    Diejenigen von Euch, die sich nun nach diesem ernüchternden Moment anders überlegt und sich gegen das Erlernen einer neuen Fremdsprache entschieden haben, brauchen nicht weiter zu lesen. Die folgenden Zeilen sind für die anderen gedacht.

    Einmal an der Rezeption in einem Hotel wurde ich gefragt, wie man eine Fremdsprache lernen soll und kann. „Mit Leidenschaft“, erwiderte ich. Ich kenne keinen anderen Weg. Oder mit Rumis Worten ausgedrückt:

    „Wo immer du bist, und was auch immer du tust, sei verliebt.“

    Ab 30.01. starten neue Online-Kurse bei mir. Genauere Informationen folgen hier und unter www.nelisworld.com

    Eure Neli P

  • Da, wo alles beginnt und endet

    Da, wo alles beginnt und endet

    „Und die Zufälle ließen sich wie Vögel auf ihre Schulter nieder.“ Milan Kundera

    Begrüßen, da sein, ohne anzukommen, offen sein, präsent sein, mit der Umwelt verschmelzen, da sein, und nicht da sein, ständig unterwegs sein, ohne je abreisen zu können, mit der Zeit um die Wette rennen… Denken und nicht denken, spüren, Lichtmomente unter die Haut gehen lassen…

     Aufwachen…

    Vor dem ersten Sonnenkuss aufwachen… Bissige eiserne Schneeflocken auf den Wangen zur Morgendämmerung, Schnee auf der Handfläche schmelzen und durch die Finger verrinnen lassen, den Schnee bei jedem Schritt knistern hören, vom Schnee verblendet werden und sich im Dunkeln verlaufen, die beschlagenen Fensterscheibe mit dem Handrücken abwischen, in die Dunkelheit starren, in Geduld üben, warten, und nicht warten wollen, gegen sich kämpfen, sich selbst besiegen, da sein, sich spüren, sich fragen und sich das Fragen verbieten, warten…

    Streicheln…

    Die Baumwipfel streichen, den ganzen Ring entlang, hinter den Regenwolken immer wieder nach der Sonne suchen, die Regentropfen schmecken, an Goethe vorbeisausen, sich verabschieden, umarmen und wieder loslassen, an nichts klammern, nichts haben wollen, und alles in sich tragen, hier sein und dort sein, tief einatmen, die Luft anhalten, den Augenblick ausdehnen, schwimmen, unermüdlich schwimmen bis ans andere Ufer, wo alle Projektionen angeschwemmt sind, bis ans Ufer, das sich erst später als eine Illusion entpuppt, eintauchen, nach Luft ringen, die erfrischende Kälte der regennassen auf dem Rücken ruhenden Haare wahrnehmen, Wassertropfen die Wirbelsäule entlang hinunter rinnen spüren, am Leben sein, aufschreien…

    Lachen…

    Viel und herzlich lachen, von Lichtmomenten durchstochen werden, Lichtmomente sammeln, sorgfältig in der linken Herzkammer lagern; Röntgenblicke sammeln, tiefe Blicke sammeln, vielversprechende Blicke sammeln, Menschen sammeln, Worte sammeln, Berührungen sammeln und in der rechten Herzkammer aufstauen, Wärme für den nächsten Winter sammeln und im rechten Vorhof des Herzens parat halten, nicht denken, keine Fragen stellen, das, was ist, zulassen…

     Tanzen…

    Bis zur Morgendämmerung tanzen, wild tanzen, bis man blind vom Tanzen wird, und auch dann nicht aufhören wollen, sich selbst vergessen, die Welt vergessen, eins mit allen und allem werden, den Ort, wo man ist und wo man glaubt zu sein, in tausend Bruchstücke zerschmettern, sie in Sternenstaub zermahlen, eine Handvoll davon in den sternenklaren Himmel hineinpusten, die Arme ausbreiten, hochheben, sich drehen, sich im Kreis drehen, bis einem schwindlig wird, den Körper sprechen lassen…

    Rennen…

    Vom Morgen wegrennen, vom Gestern wegrennen, die Vergangenheit auslöschen, die Zukunft ausblenden, sich gegen Vergangenes und Künftiges abschirmen, Raum fürs Jetzt frei schaffen, diesen Raum mit Sinn ausfüllen, eine Prise Wachsamkeit dazutun, mit Freude ausfüllen, mit Entschlossenheit würzen; das Jetzt geschehen lassen. Von der Enttäuschung wegfliehen, gegen böse Blicke dreimal vor sich hin spucken, sich vor den Besserwissern schützen, taub für dunkle Vorhersagen sein, nicht glauben, niemandem glauben, nichts glauben, sich selbst vertrauen. Flattern, im Jetzt flattern…

     Abschiede hassen. Abschiede meiden. Sich nicht verabschieden wollen. Immer wieder zurückkommen.

    Wien, am 12.08.2018

  • Vorsätze fürs Neue Jahr

    Vorsätze fürs Neue Jahr

    1. Abends weniger arbeiten, um es noch rechtzeitig ins Kaffeehaus zu schaffen, und überhaupt weniger arbeiten und mehr verdienen.
    2. Reich werden, und dann wieder arm und wieder reich, und wieder arm – so insgesamt 11mal
    3. Mich beim vierten, fünften und sechsten Mal persönlich vom Bergdoktor impfen lassen (und von niemandem sonst!).
    4. Mit dem Rauchen anfangen – eine leidenschaftliche Raucherin werden, rauchen immer und überall, mit und ohne Grund! (Suche gerade nach einer Anleitung im Internet, falls wer was von einem passenden Workshop weiß, soll sich bitte melden!)
    5. Allen alles verzeihen.
    6. Anfangen, die Erwachsenen nachzuahmen.
    7. Ein Pferd streicheln.
    8. Viel reisen, immer bergauf.
    9. Einen Monat lang nicht sprechen – mit niemandem, über nichts.
    10. Einen Zufluchtsort finden (mitten im Wald?).
    11. Vieles finden, ohne suchen zu müssen.
    12. Den Sinn finden.

    Eure Neli P

  • Erster Advent

    Erster Advent

    Als ich gestern in Salzburg war, wo die vorweihnachtliche Stimmung trotz der herrschenden Gas-Krise, des Ukraine-Krieges und der steigenden Inflation in vollem Maße, zu voller Pracht zu spüren war, ist da auf einmal eine Frage aufgetaucht: Wie ist das Gefühl, in diesem Land geboren zu sein? Und nicht nur geboren, sondern auch mit all den geschichteträchtigen Entwicklungen, die die vorigen Jahrhunderte das Land geprägt und geformt haben, verbunden zu sein?

    Von dem Moment an stauten sich eine Unmenge Fragen auf, und jede drängte sich nach vorne und pochte mit seiner Legitimität, gestellt zu werden. Wie wäre es, wenn Bulgarien nicht 500 Jahre Teil vom Osmanischen Reich gewesen wäre, sondern ein paar Jahrzehnte zu Österreich-Ungarn gehört hätte? Wie wäre es, wenn der 1. Weltkrieg, in dem Bulgarien auf der Seite von Österreich-Ungarn, Deutschlang und Italien gekämpft hatte, nicht ausgebrochen wäre?

    Auch mein Urgroßvater hat am 1. Weltkrieg teilgenommen. Die Erzählungen meiner Oma von ihm waren immer von einer tiefen Traurigkeit durchtränkt – Kindheitserinnerungen, die sie lebendig hielt, wie die Flamme einer Kerze, auf der man sich mal aufwärmen kann: Wie er krank aus dem Krieg zurückgekommen ist, da er sich tagelang davor in einem Sumpf verstecken musste, um nicht getötet zu werden. Wie er sie auf seinen Schoß nahm und ihr ins Ohr flüsterte: „Du, mein hübsches braves Mädchen!“ Und wie er kurz danach an der Lungenentzündung verstorben ist.

    Was wäre es, wenn man nicht immer wieder versucht hätte, dieses Bulgarien zu zerfetzen? Und was, was muss passieren, damit das Volk aus seiner Passivität gerissen wird und endlich aufhört mit den Versuchen, eine glamouröse Vergangenheit (von vor über 6 Jh.? von vor über 40 J.?) wieder zu beleben, sondern in der Gegenwart verweilt und alles darauf setzt, das Beste daraus für das Jetzt zu machen?

    Bei der älteren Generation ist in der Zeit des – fast – aufgebauten Kommunismus so eine Gehirnwäsche stattgefunden – eine Schrumpfung der Persönlichkeit -, die leider auch heute noch zum Vorschein kommt, in einer ziemlich deutlich wahrzunehmenden Form: als Feigheit. Als Demenz. Auf der Lesung von vor 2 Tagen mit Georgi Gospodinov hat eine der Anwesenden das Wort ergriffen und appellierte an den Autor, ein gutes Wort für die Zeit, in der die kommunistische Partei regiert hatte, einzulegen. Für sie sei diese Zeitepoche der Geschichte Bulgariens mit viel Positivem verbunden. „Ich habe mir ein „Balkantsche“-Fahrrad gekauft! Nur es gab keine andere Auswahl, das war’s“, lachte ihr Gospodinov zu. Meine Schwester hatte übrigens auch ein „Balkantsche“ bekommen. Man musste sich vorher im Geschäft anmelden und lange und geduldig warten, bis man dran war und das Fahrrad endlich geliefert wurde. Ich werde es nie vergessen, wie stolz wir dann das hellblaue federleichte Traum-Ding auf zwei Rädern durch die ganze Stadt geschoben haben, damit uns ja alle sehen konnten. Das „Balkantsche“ habe ich dann von meiner Schwester übernommen, es blieb „unser“ Fahrrad – das einzige Fahrrad unserer Kindheit.

    Ein Volk, das nicht aus den Fehlern der Vergangenheit lernt, dem es lieber ist, zu vergessen und in ein verschwommenes Gebilde ausschließlich das im Gedächtnis zu rekonstruieren, was ihm ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Ist es nicht feige? Und immer wieder das Alte wählt, denn das Alte kennt es schon. Immer wieder die gleiche Regierung. Und immer wieder das alte Klammern an der Vergangenheit. Als ob ihm jem. oder etw. das Rückgrat gebrochen, die Lebenslinie in der Hand gelöscht hatte. An diesem 1. Advent zünde ich, die Nichtgläubige, eine Kerze an: für die Kraft der Persönlichkeit. Daran will ich glauben. An die Menschen.

    Eure Neli P

  • Gib mir deine Hand

    Gib mir deine Hand

    Gib mir deine Hand,
    lass sie sich auf meine Hände niedersetzen,
    ich will da, in deiner Hand, deinen Weg entdecken,
    deinen sich in Kurven schlängelnden Weg,
    und auf deinen Pfad viel Freude und Zeit ins Endlose hinunterrollen,
    Sternenstaub darauf streuen,
    und möge ich gleich vergessen, was ich enträtselt habe!

    Gib mir deine Hand,

    lass sie wie ein Blatt auf den Schoss vom November fallen und sich da ausruhen,
    damit ich mit dem Novemberregen alle eisig frierenden Winter wegspülen kann.
    Und hab keine Angst vor schlechten Vorhersagen,
    in meiner Hand wird nämlich ein Zauber geboren,
    und dank diesem Zauber kann ich aus der Hand nur von jenem lesen,
    auf dessen Weg ich meinen eigenen Namen entdecke.

    Neli P

  • Die andere Seite

    Die andere Seite

    Sofia habe ich nie gemocht. Niemals.

    Und nicht wegen der Tatsache, dass da, in der Volksversammlung, diejenigen sitzen, die alles andere tun, als das Volk zu vertreten, auch wenn auch das ein plausibler Grund wäre. „Schicksal, Schicksal!“, wehklagen die einen. Eine Ausrede, bei der sich jede andere Erklärung erübrigt, sobald man nur einen schnellen Blick in die Geschichte zurück wagt. Diejenigen von gestern sind die Regierenden von heute. Fakt.

    Sofia habe ich nie gemocht. Wegen der krassen Gegensätze. Der Diskrepanz zwischen dem Scheinbild, das man  nach außen hin demonstrieren will, und der harten Wirklichkeit, die sich zwei Quergassen weit weg von „Vitoschka“ anbietet. Einerseits die glänzenden Vitrinen der Hauptstraße, und ein paar Meter weiter die heruntergekommenen Fassaden, die Löcher auf der Straße, der Müll, die Bettelnden…

    Einmal hier angekommen, breitet sich dieses Gefühl des Elends aus, überwältigt mich, und nichts mehr kann es auslöschen. Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um eine allgemeine Stimmung – die Existenzweise der Mittelschicht. Wenn man es noch näher spüren will, steigt man in den öffentlichen Verkehr ein: graue Gesichter, farblose Figuren, in sich eingesunken, stumm, auf sich selbst gelassen. Ob sie die neue U-Bahn in eine helle Zukunft hineintransportieren wird, mitsamt ihren Sorgen von heute? Anders als die Armut im 16. Wiener Bezirk spürt sich das hier an, aber dazu ein anderes Mal. Dort zeigen zumindest Frauen Charakter: Sie schreien, verfluchen schamlos ihre Männer, auch Schwangere rauchen wie Schornsteine und verzichten auf alle Zwänge wie etwa auf den BH. Hier sind hingegen sowohl Frauen als Männer verzweifelt still.

    Einmal, als ich auf einer Konferenz in der Neuen Bulgarischen Universität eingeladen war, musste ich auf High Heels durch eine trockene Schlucht und auf staubigen Feldwegen ohne Straßenbeleg bis hin zur Universität laufen, ein Abenteuer! Keiner hatte an die Infrastruktur gedacht, in der sich diese sonst sehr schöne Oase befindet. Am Tag darauf, um 5 Uhr früh am Morgen bin ich losgefahren. Keine Kraft konnte mich länger in der Hauptstadt aufhalten.

    Ich gehe am Gerichtsgebäude vorbei und erinnere mich, wie einmal eine der Statuen vom Dach heruntergefallen war und einen der neben mir stehenden Fußgänger getroffen hatte. Damals wurde mir endlich klar: Gerechtigkeit ist das Letzte, was man hier finden kann.

    Dieses Elend lässt mich erblinden. Für nichts anderes habe ich Augen. Denn im Mittelpunkt aller Betrachtungen, des ganzen Philosophierens, der breiten Wahrnehmungspalette steht doch immer wieder der Mensch, nicht wahr? Um die Balance nicht zu verlieren, schaue ich konzentriert auf das Gebirge mir gegenüber, dessen Silhouette sich in der Ferne abzeichnet.

  • Vielleicht

    Vielleicht

    Zwischen Gestern und Heute, Neuem und Altem

    stolpere ich über ein „Vielleicht“.

    Vielleicht fällt die Prognose düster aus,

    vielleicht sind Stürme angesagt,

    vielleicht kreuzen Blitze ihre Schwerter am Horizont

    und zerschlagen Regenbögen?

    Vielleicht beugen sich verblasste Gesichter

    unter der Schwere des Kummers?

    Vielleicht wird es ein Indian Summer sein!

    Vielleicht geht es ins Blaue? Ins Goldige? Ins Hoffnungsvolle?

    Vielleicht singt man das heutige Lied

    auch morgen noch weiter?

    Nein, es regnet nicht. Die Sterne weinen,

    warten auf ihren Sturm, auf ein Vielleicht,

    das den Arm ausstreckt und ihre Tränen abwischt.

    Vielleicht.

  • Ladies After-Work-Party

    Ladies After-Work-Party

    Hello, High-Society!

    Ganz unerwartet für mich kommt eines Tages eine nette Einladung zu einem Damen-After-Work-Drink. Als Location wurde eine gemütliche Daily Lounge Bar im 1. Bezirk ausgesucht.

    Schon etwas später als die anderen angekommen, direkt von der Arbeit, schaue ich mich erst mal unruhig nach meinen Gastgeberinnen um, und bald erblicke ich die nach dem letzten Schrei der Mode gestylten und aufgepeppten Ladys (alle Hausfrauen ausnahmsweise), in glänzenden Gala-Outfits, Highheels und bis zur Schulter hängenden schweren Ohrringen. So schwer scheint der Ohrschmuck zu sein, dass er bei einem den Eindruck hinterlässt, er hätte das ganze Weltleid in sich aufgenommen. Sechs rot geschminkte Münder lächeln mir zu, als fände gleich die Grammy-Verleihung statt! Oh lala! Da habe ich offenbar etwas verpasst, sonst stünde ich nun nicht unwissend mitten in der Bar, in meinem simplen schwarzen Kostüm, wie eine Studentin vor der strengen Prüfungskommission. Das, was die Ladys allerdings nicht wussten, war, dass ich doch nicht ganz ohne Begleitung gekommen war: aus meiner Damentasche zwinkert mir verschwörerisch wie halt immer Frederic Malle zu. Einem Flügelschlag ähnlich huscht ein kaum wahrnehmbares Lächeln über meine Lippen, etwas verlegen streichle ich mit dem Zeigefinger die Haare hinter die Ohren und begrüße die Ladys. Und das hier, das wäre meine Sternenstunde gewesen, da hätte ich mich so schön herausputzen können, zumindest jenes tote Tier in der Form eines Pelzkragens, das ich einmal geschenkt bekommen habe, hätte ich aus dem Schlaf wecken und es mir um den Hals wickeln können! Denn da, meine Lieben, wären wir zwei: Ich und das Tier gegen die High Society! Über die Wichtigkeit von Attributen für die Bestimmung des Wertes eines Menschen klärte mich einmal eine der heute hier anwesenden Ladys auf. Sie trug nämlich an einem Diskoabend eine knallrote bodenlange Samtrobe mit aufgenähten Pailletten: mit Schrecken habe sie die Tage bis zum Event gezählt, in tiefster Hoffnung habe sie zu Gott gebetet, dass der Abend Coronabedingt nicht abgesagt würde, denn was hätte sie doch dann mit dem schönen, speziell für den Anlass angefertigten Prachtstück machen können?

    Der Damentisch und der Herrentisch

    Aber zurück zum heutigen Ladys-After-Work-Abend: Zwei Tische in der Bar sind für die Ladys reserviert . Sie sind, merke ich, so parallel aneinander aufgestellt, dass vor deren längerer Seite eine lange schmale Sitzbank verläuft, von den anderen zwei Seiten Sessel rund herum stehen, und zwischen den Tischen, senkrecht zur Sitzbank, sich ein schmaler Gang bildet.  Auf der Bank sitzend, mitten in der Frauenrunde am ersten Tisch, sehe ich meine Freundin Maria, die mir fröhlich und irgendwie ungeduldig zuwinkt. Neulich habe sie den Mann ihres Lebens kennengelernt – einen eleganten, sehr gepflegten und für sein Alter ziemlich zufriedenstellend aussehenden Gentleman, an dem „alles, wirklich alles“ stimme, wäre er nur nicht so niederschmetternd langweilig! Manche der Gesichter, die am selben Tisch sitzen, kenne ich schon, andere sind mir völlig neu. Ein tiefer Seufzer endloser Erleichterung reißt sich von meinen Lippen ab: endlich ein entspannter Frauenabend! Doch da der erste Tisch schon voll besetzt ist, setzte ich mich auf die Bank daneben, gleich an den zweiten Tisch, sodass mich nun von der neben mir – am ersten Tisch sitzenden – Dame genau 40 cm trennen.

    So weit, so gut! Kaum sind fünf Minuten vergangen, strömen durch die Türe scharenweise Herren herein, und da der erste Tisch voll ist, setzen sie sich … an meinen. Also so sieht eine Frauenrunde aus! Ein Damentisch und ein Herrentisch, mit Neli mitten drin. So ganz unglücklich scheinen die Herren an meinem Tisch jedoch nicht zu sein: Der, mit den dunklen Haaren, will mir unbedingt eine Kunstinstallation auf seinem Handy zeigen, und wir beginnen eine Diskussion über die Digitalisierung und Multiplizierung der Kunst in Zeiten der Post-Postmoderne; der andere, mir gegenüber, hat eine ganze Reihe praktische Tipps für mich parat, wie man in der Umgebung von Österreichern ohne große Einbuße und Leiden überleben kann; der dritte, der etwas schräg sitzt, ist Projektarbeiter an einer Uni und schildert ausführlich die statistischen Ergebnisse, die nun im Rahmen seines Projektes ausgewertet werden müssen. Na, seht Ihr! Oida! Nicht ganz zum Wegschmeißen sind meine Herrschaften! Und da kommt bald noch ein Vierter und gesellt sich uns an. Spätestens in diesem Moment richtet sich eine der Ladys vom „Frauentisch“ auf und kommt ihm mit kleinen Schritten hastig entgegen, auf den lila Highheels balancierend: „Nö, nö, nö, nöööö!“, schwenkt sie drohend den Zeigefinger vor seiner Nase. „Sie, mein Lieber, setzen sich nun zu uns, und zwar sofort, im Namen der Gleichberechtigung! Auch wir verdienen sehr wohl einen Herrn an unserem Tisch.“

    Der Neuangekommene tut zunächst so, als ob er die direkte Ansprache missverstanden hätte und bleibt ruhig sitzen. Wühlt eine Weile mit zitternden Fingern fieberhaft in seinen Hosentaschen, sieht sich verlegen mit matt glänzenden Augen um und versucht den Blick der Dame um jeden Preis zu meiden; zieht den Kopf ein, lässt die Schultern nach unten hängen, duckt sich hinter dem Tisch, wird kleiner und immer kleiner – am liebsten wäre er ganz unter dem Tisch verschwunden! Bei der zweiten Aufforderung allerdings sieht er sich gezwungen, in einer ganz langsamen Kadenz seinen Platz zu verlassen, schaut zögerlich zum nächsten Tisch hinüber, dann wieder zurück zu unserem, macht ein paar Schritte, dreht sich wieder zurück und dann macht er das, was wohl keiner erwartet hätte! Er setzt sich zwischen mich und die Lady, die am Anfang des Damentisches sitzt, und da der Platz da sehr eng – genau 40 cm breit – ist, verschränkt er zahm die Hände vor der Brust wie ein Angeklagter, der gehorsam und schicksalsergeben auf sein Urteil wartet.

    Im Namen der Gleichberechtigung

    Mir gelingt es kaum mehr, mein Lachen zu unterdrücken! Der sitzt nun ja zwischen den beiden Tischen! Für solche Fälle gibt es im Bulgarischen einen Spruch: Wer am Eck oder zwischen den Tischen sitzt, der wird nie heiraten! Nicht heiraten? Nie heiraten? Nein, das wollen wir für ihn nicht! „Die Familie ist Grundeinheit der sozialistischen Gesellschaft“, hieß es bis 1989 in Bulgarien. Also stehe ich entschlossen auf und übernehme die Verteidigung für ihn: „Meine  Damen und Herren, als Verteidigerin des hier rechts von mir gegen seinen Willen zwischen den Tischen sitzenden und zu einem Nein unfähigen netten Gentlemans plädiere ich für ‚not guilty‘!  Schauen Sie ihm bitte tief in die Augen!“ Und da mache ich einen Schritt nach vorne, um noch überzeugender zu wirken. „ Diese blauen unschuldigen Augen können nicht die Augen eines Menschen sein, der ein Verbrechen begangen hat. Also rücken wir, Frauen unterschiedlicher Nationalitäten, bitte zusammen im Namen der Gleichberechtigung, damit auch er einen rechten Platz am Tisch hat.“

    Die Gespräche verstummen. Mit tiefer Enttäuschung schauen die Ladys ein paar Sekunden lang schweigsam auf den Herrn zu, beobachten ihn prüfend, als ob er ein Golden Delicious Apfel wäre, der leider nicht angebissen werden darf, und da er kein Wort fallen lässt und wie versteinert vor sich hin blickt, nicken sie letztendlich mit dem Kopf. Erlösung für den Angeklagten! Langsam erhebt er sich und geht zu seinem ursprünglichen Sitzplatz am „Herrentisch“.

    Der Kuss

    Kaum ist er aufgestanden, schießt wie ein Pilz aus dem Boden ein anderer Bekannter, stürmt überraschenderweise auf mich, drückt mich fest an sich, küsst mich rechts und links, nimmt den soeben frei gewordenen Platz neben mich ohne Appellation an und verschränkt die Arme vor der Brust, was wie eine klare Ansage zu verstehen war! So vergehen 10, 15, 20 Minuten. Vergebens versuche ich ihm anzudeuten, dass seine Begleitung an seinem Tisch auf ihn wohl warten würde. Das scheint ihn aber kaum zu beunruhigen, und verabschieden will er sich schon gar nicht. Misstrauen packt die anderen Herren am Tisch. Vorsichtshalber trauen sie sich nicht mehr, mich anzusprechen. Also kündige ich an, dass ich nun endlich gehen werde! „Ich auch!“, ruft er mir zu. Na, so was! Vor dem Lokal schlägt er vor, mich ein paar Schritte zu begleiten. Und so, wie wir wortlos langsamen Schrittes auf der Straße gehen, sagt er auf einmal das, womit ich nie gerechnet hatte: „Ok, jetzt küsse ich dich!“, woraufhin er sich blitzschnell zu mir dreht und mich tatsächlich küsst! Perplex stehe ich da und traue meinen Augen nicht. Für diese Situation gab es keine Überlebens-Tipps in der Liste des Herrn von heute Abend, wie man hier ohne große Einbuße davonkommen kann. Auf dem Heimweg denke ich mir: So ticken also die Österreicher: Da steht auf der Agenda „Kuss heute Abend“ und die Arbeit muss sehr wohl erledigt sein. So ein tüchtiges Volk!

    Eure Neli P