Begegnungen

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    Die Petition

    „Frau Professor, kommen Sie vielleicht aus dem Iran?“ „Nein, wieso denn?“ „Nein??? Nicht aus dem Iran??? Die iranischen Frauen haben schöne ausdrucksvolle Augen und schlanke Figur, ich glaubte, dass auch Sie aus dem Iran kommen.“ So hat es angefangen, meine dreitägige Vertretung in einer völlig unbekannten Gruppe. Die erste Stunde schien alles ganz o.k. zu sein, zehn Paar Augen starrten mich wie gefesselt an und nahmen jedes meiner Worte wahr: drei Frauen und sieben Männer. Es herrschte Stille. Außer meiner Stimme konnte man nur noch das Pfeifen des Windes hören, der draußen den Kampf gegen die kalte Front aus dem Westen nicht aufgeben wollte, sich gegen die Anschuldigungen, dass sein…

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    „Da, wo die Grenzen der Medizin erreicht sind, setzt das Schicksal ein“

    Das sind ihre Hände. Diese Hände können Hilfe anbieten oder gar Menschenleben retten. Die Hände einer Ärztin. Sie kenne ich seit länger als einem Jahr schon, und Ihr werdet Euch höchstwahrscheinlich wundern, wie man jemand kennen kann, ohne diese Person irgendwann getroffen zu haben. Oh ja, da kann man sehr wohl! Denn manchmal verbindet Menschen mehr als das Offensichtliche, sie werden auf eine mysteriöse Weise zusammengeführt über die Telefonleitung – den Klang der Stimme, die gemeinsam geteilten Gedanken, die ähnliche Weltwahrnehmung, die Gefühlslage –, sodass die reale Distanz plötzlich auf das Minimalste reduziert wird. Und jetzt, wo wir uns endlich umarmen konnten, bestätigt sich mein Vorgefühl: sie kann nicht nur…

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    Die Einsame

    Erika Dieser Seidentop steht Ihnen so gut! Oooh, danke! Falconeri! Zum ersten Mal habe ich die Modemarke in Bologna entdeckt! Ich kann leider nicht mehr Klamotten mit offenem Ausschnitt tragen wegen der Altersflecken. Wissen Sie, ich bin schon 82! Früher waren es Sommersprossen, nun sind sie Altersflecken! Na, so was! Nein, Sie sehen super toll aus! Meine Haut ist schon schlapp und so dünn, was kann ich mit diesem Gesicht machen? Aber Sie, Sie schauen fantastisch aus! Darf ich Sie nach dem Alter fragen? Ach, nein! Danach darf man eine Frau nie fragen, aber ich schätze Sie höchstens auf 28! Nun muss ich schmunzeln. Nein, auch ich bin nicht mehr…

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    Der Unbekannte

    Heute Abend eine interessante Begegnung: Es kommt jem. auf mich zu und fragt, ob ich in Wien zuhause bin. Was sollte ich da antworten? Ich bin ja an mehreren Orten zuhause, so einfach, ohne ins Detail zu gehen, konnte ich die Frage nicht beantworten, also nicke ich einfach mit dem Kopf. Seine zweite an mich gerichtete Frage ist, ob ich mich für Kunst interessiere. Ich nicke wiederum. Und dann fängt er an, mir seine Geschichte zu erzählen. Er kommt ursprünglich aus Villach, wo die Menschen viel wärmer und offener als die Wiener seien und besteht darauf, dass ich mindestens für 2 Tage nach Villach fahre. Seit 4 Jahren schon kämpft…

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    WHERE IS MY WIENER???

    Auf der Suche nach dem verlorenen Wiener Bis vor ein paar Jahren glaubte ich, dass die Gemütlichkeit als Konzept den Deutschen zuteilgeworden war, nun bin ich mir nicht mehr so sicher. Entweder ist sie dermaßen ansteckend, dass sie sich bis nach Österreich hin ausgebreitet hat, galoppierend mit der Geschwindigkeit eines globalen Phänomens, oder war sie auch hierzulande schon immer gelebt und gehuldigt. Allerdings brauchte ich lange, bis ich in Worte fassen konnte, was genau mit dem heutigen Wiener nicht stimmt. Zugegeben, ein vages Vorgefühl auf irgendwas schwebte schon immer umher, ein Vorzeichen auf ein nicht ganz deutlich wahrzunehmendes Etwas, das sich wie ein Schatten abzeichnete, der bald in einen grauen…

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    „Hämwieh“

    Nun muss ich schmunzeln, echt. Da ich mich erinnerte, wie alles begonnen hatte. Ich stand im Auslandsamt der Uni Jena und wartete geduldig, vor ein paar Stunden angekommen, nach der 35-stündigen Busfahrt, erschöpft und völlig desorientiert. Die Angestellte im Büro versuchte vergebens meinen Betreuer, Herrn Dr. Lösch von der Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch zu erreichen. Als er endlich abhob, zog sich das Telefonat länger als 5 Minuten hindurch, am besorgniserregten Blick der Dame konnte ich ablesen, dass etwas nicht stimmte. Ja, es stimmte etwas definitiv nicht. Der Betreuer, der mir zugewiesen wurde, weigerte sich mich zu betreuen. Er selbst steckte bis zum Hals in der Arbeit, und das letzte, was er…

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    Das Geburtstagskind

    Es war gegen 19 Uhr. Ein zauberhafter Märzabend, Schneeflocken schwenkten ungeniert ihre Röckchen herum, ein eiskalter Windzug trug sie in einem Wirbelsturm hoch, brachte sie bald wieder aus der Reihe und spuckte sie ins blendend weiße Schneechaos hinein, wo sie – völlig verloren vor dem Hintergrund des alles widerspiegelnden Weißes, innerlich durchwühlt, ihre Krönchen aufrichteten. Eine Sekunde, zwei, drei… Mit einem erneuten Schwung traten sie wieder in die Reihe.  Man sagt, man braucht nicht länger als vier Sekunden, um sich ein allererstes Bild von jemandem ausmalen zu können. Die vierte Sekunde fehlte also nur noch, die einen echt hätte machen können, und das war das Geheimnis aller Schneeflocken. Auch mich…

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    Filinjo

    Manchmal, wenn ich mir denke, nein, weiter geht es einfach nicht mehr, das war’s, genau in dem Moment erlebe ich das, was das Universum als Schicksalsfügung bezeichnet, Zufall oder das erwartete Unerwartete, und das Leben nimmt wieder seinen Lauf voller Selbstvertrauen, die Freude ballt sich auf der Zungenspitze, rollt die Lippen hinunter und malt ein Lächeln, und alles wendet sich doch irgendwie zum Guten. Dieses Mal hat mir die Fügung Filinjo geschickt. Filinjo war das, was sich jeder wünscht, wenn man gerade in der Sackgasse steckt und verzweifelt den Blick auf die Sterne richtet. Ein Engel, würdet Ihr sagen. Ein Stern. Nein. Filinjo ist mein letzter bester Fan. Die Notwendigkeit,…

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    Spiele mir etwas vor

    Spiele, spiele mir etwas vor auf deinem Piano, die schlummernden Noten mach munter, lass sie über die Schulter hinunter rinnen andante, volcano! Spiele, erwärme sie kurz in den Händen, lass sie die Finger berühren, lass die Noten die Tasten mal spüren, und die Akkorde umwenden. Spiele nun! Weder Noten aufheben geht, noch Noten ersetzen, da vom ersten Akkord bis zum letzten tanzen zwei menschliche Leben. Views: 82

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    Günaydin, Ankara! In July, 2019

    The perception of traveling as a means of self-discovery is a principal dating back as far as Herodotus. Traveling aids us to establish a comparison between the customs and the ethics we deem familiar and those of the others in order to perceive ourselves in another light, he claims. Provided the traveler manages to gather some extra courage and readiness, the voyage could be life-altering, broadening his own horizons. I enjoy taking up the perspective of a contemplator of the world and as such, I highly value silence, whose importance is rarely comprehended. Silence is essential when it comes to the art of contemplating the moment, the need to part…