Autor: Neli Peycheva

  • Nichts macht mir mehr Angst als die Gleichförmigkeit

    Nichts macht mir mehr Angst als die Gleichförmigkeit

    Nichts macht mir mehr Angst als die Gleichförmigkeit. Ich bin zwar in einer schönen hellen viel versprechenden Zeit aufgewachsen und in einer noch schöneren, noch helleren Gesellschaft, in der Disziplinierungsmaßnahmen einen Höchstwert erreicht hatten: das Schülerheim des Fremdsprachengymnasiums, das sich im 3. Stock derselben Schule befand, schloss die Türen um 20:00 Uhr. Noten unter dem Bestergebnis waren unzulässig bzw. ein Grund zum Sich-Schämen, und die Schuluniform war ein Muss. Wir waren auch so erzogen, auf die Frage „Willst du den anderen als Vorbild dienen?“ mit „ja“ zu antworten.

    An einem warmen Sommerabend im Juni 1988, das Erscheinungsjahr vom Iwan Andonows Kultfilm „Yesterday“, dessen Sujet in der Deutschen Schule in Lovech spielte, war ich einmal zu spät, weil im Park gerade eine nicht unbekannte Band ihre neue Nummer spielte, die ich mir unbedingt anhören wollte – „Eid“ (s. den Link unten), den Titelsong zum Film. Für dieses einzige Vergehen musste ich mich zusammen mit ein paar anderen „Verbrecherinnen“ rechtfertigen😊. Doch vielleicht genau deswegen, weil ich in einer klar strukturierten Welt aufgewachsen war, konnte ich mir nie diese Disziplinierungsmaßnahmen, die einem jede Lebendigkeit wegraubten, zu eigen machen. Allmählich baute ich einen inneren Widerstand auf gegen alles, was darauf gerichtet war, den Menschen gegen seine Individualität zu „disziplinieren“, zu verbiegen.

    Jahre danach in meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen machte mich immer wieder stutzig, wie wenige von ihnen einen starken Start im Leben bekommen hatten, mit voller Unterstützung und bedingungsloser Liebe seitens der Familie, die ihre Einzigartigkeit sehr oft auch preisgegeben hatte, und wie erbarmungslos wir, Erwachsene sein können. Nach den ersten fünf Minuten taten sich bei den meisten Wunden auf, und das war traurig, unendlich traurig. Vor zwei Monaten saß etwa ein kleines Raubvögelchen mir gegenüber, zeigte Krallen und war bereit, sich mit allen Mitteln zu verteidigen. Keiner hatte ihm erklärt, dass es auch ein Falke oder eine Nachtigall hätte sein können.

    Es gibt keine Problemkinder, Kinder sind wunderbar, das Problem beginnt bei den Erwachsenen. Einmal fragte mich eine meiner KursteilnehmerInnen in Wien, ob ich Psychologin von Beruf sei. Nein, das bin ich nicht. Ich bin aber für mich im Klaren, dass es eines gibt, was in meinem Leben einen echten Wert hat: die Menschen. Und Menschen sind zerbrechlich. Eines kann ich nicht verzeihen: wenn man über Menschen geht.

    Oft sage ich zu den besorgten Eltern: „Warum möchten Sie, dass Euer Kind wie die anderen ist? Wir sind doch keine Broiler! Seien Sie froh, dass Euer Kind genau so ist, wie es ist, in seiner Einzigartigkeit steckt seine Schönheit.“

    Davon bin ich überzeugt. 100% . Wir sind keine Broiler. Lieben Sie Ihre Kinder, wie sie sind. Damit wäre der Größtteil der Arbeit erledigt. https://www.youtube.com/watch?v=5J7KqBeBpDs

  • Mein Sommer mit den duftenden Linden im Juni

    Mein Sommer mit den duftenden Linden im Juni

    
    
    Mein Sommer mit den duftenden Linden im Juni,
    mein Sommer bleibt auf der Strecke.
    Der Sommer, geboren aus Sonne und Dünen,
    scheint krank sein Gesicht zu verstecken.
    Er zaudert unsicher, hinkt hinterher,
    folgend dem Mai auf den Fersen,
    er solle, wie April meint, nun umso mehr,
    Ärzte aufsuchen diverse.
    Den Sternen zu lauschen, ein anderer sagt,
    wäre nun äußerst notwendig.
    Psychotherapie – wenn er das mag –
    mache ihn herrlich lebendig!
    Zum Kardiologen schickt ihn ein Weiser.
    Er solle sich am Tarot versuchen!
    Den Sonnenaufgang begrüßen und leise
    in Demut ein Aschram besuchen!
    Ein Dritter verschreibt ihm ein Bad in dem Bach,
    drei Kreise um sich soll er drehen –
    bewusst, konzentriert, erleuchtet und wach –,
    falls Katze ihm über den Weg geht.
    Ein indischer Guru wäre ganz fein!
    Zitieren, vergöttern, anbeten!
    Ohne Guru wärest du nichtig und klein,
    verschieden – das kann man ja wetten!
    Ob diese Welt nun die Wahrheit begreift
    und still wird vorm Antlitz des Regens?
    Damit auch mein Sommer den Milchweg erreicht,
    spinnend aus dem Vogelgarn Segen?
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
  • Das Allerschönste

    Das Allerschönste

    Das Allerschönste schiebe ich ganz an die Spitze.
    Zur Morgenröte schaut es sich in meinen Augen um
    und schmilzt im purpurroten Himmel: keine Blitze,
    kein Sturm, kein Unwetter, kein Warum.
    Es findet mich in meines Herzens Ritze.
    Das Allerschönste hat zwei zarte Arme.
    Ich spüre sie wie Vögel flatternd, im Tanz
    mich sanft berührend, windend Träume warme
    um mein Gesicht in einen Vögel-Kranz,
    den kalten Morgenwind umarmend.
    Das Allerschönste hat auch eine Seele.
    Ich decke sie mit Schneeglöckchen-Umhang,
    damit das allerwahrste Weiß, die Quelle
    jener universellen Wahrheit erhalten bleibt hinter dem Wolken-Drang  
    der grauen und verstaubten Himmelswelle.
    Das Allerschönste will ich, kein Vorgaukeln
    über das endlose Schönste ohne Herz,
    sondern die schöne Freude-Trauer-Schaukel,
    das Bild aus Alltag, Freude, Schmerz,
    das ab und zu gerät ins Straucheln.
    Das Allerschönste steht mir bevor.
    Das Allerschönste kommt erst nach der Wende,
    das Allerschönste setze ich ans Ende.
    
  • Hoffnung

    Hoffnung

    In einer ruhigen namenlosen Straße kam ich an -
    ich fand sie, sie – mich, und dann
    irgendwo da, im Dunkel neben der Straßenlaterne
    wartete ein uneingeladener Gast aus der Ferne.
    Eine Fremde, allerdings nicht ganz Unbekannte…
    Waren wir verabredet? Oder sie mich erkannte?
    Blicke, Fragen, leises Geflüster,
    ruft mich beim Namen, folgt keinem Muster,
    stellt sich nicht vor. Ob ich sie kenne?
    Ihren Hauch spüre ich, spüre ihr Brennen.
    Wartet auf mich seit Menschengedenken?
    War ich denn blind? Taub? Ihr Geschenk
    sei kleines Gespräch aus glühenden Worten.
    Hat mich gesucht an entlegenen Orten?
    Kann nicht vorbei an ihrer Umarmung,
    die flackernden Kerzen sind ihre Vorwarnung.
    Diese Hände, Dezember-erfroren,
    die eiskalten Finger, aus Schnee geboren,
    greifen nach mir, mich zu erreichen,
    suchen mein Ich, kann nicht ausweichen.
    „Wer bist denn du? Wie ist dein Name?
    Komm rein, setz dich, zünde die Flamme,
    die du für mich unter dieser Laterne
    bringst von dem Herzen weit aus der Ferne.“
    „Kennst du mich nicht? Hast du vergessen,
     den Funken Hoffnung zu messen?"
    
  • Father’s Day

    Father’s Day

    Missing the father, you never had. Missing that person, you never could really hate, but only love. Missing that one, who was always far away – the unreachable, the unknown, the misunderstood, the unworthy, the lonely one, your father.

    All you have left from him is this gold necklace with the small ruby flower.

    The one who sent you the best books of your childhood, to whom you wrote your first letters asking him to come back, the one, who even brought you once to school, which made you walk with your nose in the air, who gave you the time as a present – measured by his absence – and your first watch. He also brought you that gold chain with the ruby ​​flower and the earrings (Mom sold them later because we were so poor and needed money).

    Missing the one you had no memories with. Missing the person whom so many failed to forgive, but who was for you the only one possible father. Missing the feeling he was real. Missing the one you were always planning to call, you always wanted to hear, but you couldn’t, although the truth was obvious: Behind every alienation, every form of loneliness and rejection towards the world you can hear s.b. is calling for help. Only those who have lost their fine receptors for what happens around them, who have been trimmed and hardened by life, are unable to perceive it. You, doomed to forgive everyone but not being able to forgive yourself the simple truth: that you knew it and no explanations were needed.

    All you have left from him is a photo from your childhood and a gold chain. Time continues to measure life, loneliness continues to flow through its thin invisible threads. Death is wiser than us, if it does not make us better, it will show us its face again and again. I just hope I can learn its lesson in my lifetime, I hope.

    In July, 2015

  • Vienna

    Vienna

    I believe in no prophets or superstitions beyond me. I only trust the call of my heart.

    Vienna…

    The very thought of getting in touch with this city is so intoxicating that hardly have I got off the bus after the tiring twenty-hour trip, I rush into Mariahilfer eagerly melting into the colorful flow of people. I’m alive and breathing…

    I love to deeply breathe in this city. I can tell, even in my sleep, the whole palette of its smells. I know every square bathed in sunshine as well as every shadow. When I’m away I dream of walking winding paths, staying at unknown hotels, crossing bridges, gazing into rivers and every time I get to Vienna… I travel awake and asleep, dreams and reality become one. I’m alive. I can feel the power of the moment. I always sign the postcards I send from Vienna with “Neli, the traveler”. Let everyone interpret it the way they like. My journey to myself started here, in Vienna.

    When I received the OEAD scholarship for the second time in order to continue my research for a dissertation, which gave me another chance to live in Vienna for five months, everybody was dumb-struck. They said it was a “miracle”. I didn’t, though. But how can other people read my mind? 

    During the year I spent in Bulgaria between the two scholarships I never managed to return home. Meanwhile I travelled to Vienna four times. “What’s the matter?” asked my relatives looking worried, nervous and scared… I was called “immature”, “stuck with the crisis of the 30s”, “adventurous”, “irresponsible” and “dreamer”. I was told off for having changed and everybody desperately called on Providence to bring back the one who had already gone… “What’s wrong, lazy girl? Pull yourself together! You were taught to be tough, remember?” I was trying to convince myself at the beginning. Then it hit me: I didn’t want to be tough anymore. Vienna took off my armour and taught me to be the woman I am: bold and vulnerable, happy and violently sad, rebellious and meek. “Leave me alone,” I told them. “Stop bothering me. I’m taking a journey, can’t you see? A journey to myself”.

    I walk the streets quietly taking in the rich history of the city; I melt into the city bustle and then suddenly change my direction. I can feel the rhythm of the place; I can feel its pulse. I smile. I smile for no real reason. I smile because I know my feeling is shared. What feeling? A mutual feeling of love: I love Vienna and Vienna loves me.

    Vienna is my conscious choice to love.

    I am free here and I see no borders. Damn, I’m going to fly over them a hundred times more like in that sad and dignified Bulgarian folklore song and I’m going to prove that there are no borders capable of shutting me off from the world. There are no borders that can’t be crossed. There’s only fear and weakness and spiritual idleness. Borders eat me away.

    I like crossing borders. I’ve been doing it since I knew I could cope.

    While walking I often slow down and stop and turn my face up to stare at the blazing sun. I keep staring until tears start down my cheeks. I love the sun in Vienna. Here I saw it the way I’d never seen it before: bright yellow and shining as if freshly bathed in the Danube. Clean and white like a beautiful Bulgarian fire dancer.

    I’ve seen Vienna during the four seasons of the year. My thoughts swirled into the golden foliage of its autumn when I arrived in October and felt like jumping with joy. It felt as if I was the queen of autumn. Here I grabbed the first handful of snow last winter and the winter before. I was sitting behind the window of an Indian restaurant eagerly watching the snowflakes’ dance. “Swirl, dance, quicker, one more pirouette… And then a bow…” I breathed in the spring aroma of May last year when, setting off for the meeting of Goethe’s literary society in Weimar, I insisted on travelling to Vienna by bus and then taking a train to Weimar. “Where actually are you going?” – asked me my friends from Vienna, “I’m going to be crossing borders,” I answered back. I’m going to cover inch by inch until I get dead tired. I want to perceive them with every sense and wipe out the pain.

    I leaf through my passport: … I’ve had 121 seals for the past two years. It’s hard and sometimes even humiliating to get to Vienna though I’ve heard people say that the Balkans start from here… Why wonder? I myself always say that this place feels like home to me. I found myself here. Here I feel I’m the master of my own life and this feeling fills me up.

    Now I’m about to leave and the words struggle to come out. They get to the tip of my tongue and then roll back to the throat… They taste salty … My heart’s weeping…

    I walk about the places I love to say goodbye. Vienna says goodbye, too. See you soon…          

    Neli Peycheva

  • Die Versagerin

    Die Versagerin

    Zur Morgendämmerung schläft die Versagerin in mir nicht.
    Sie drückt mich an die Wand
    für alle meinen „Ich kann nicht über meinen Schatten springen“,
    für alle kleinen und großen bequemen Flüchte, Täuschungen,
    für alle meinen „Es ist mir scheißegal“,
    für alle „Es ist noch Zeit“,
    für alle stillen Rückzüge,
    für alle „Warte“ und „Halte mal“!
    Und wie bequem ist es nur,
    über die Schulter auf sie zu spucken,
    mit nicht sehenden Augen,
    sodass alles sich einfach und logisch,
    pragmatisch und unpersönlich weiter so hinzieht.
    Die Versagerinnen sind immer wach.
    Die Versagerinnen träumen nie.
    Wenn du glaubst, dass die Versagerin nicht mehr da ist,
    genau in dem Moment nistet sie sich in deiner Wunde ein
    und das tut höllisch weh.
    Sie schreit aus, dass du verlogen bist,
    unecht und unschön, und kommt nicht zur Ruhe.
    Und du verstehst es, ihr seid ja eh immer zwei da,
    zur Morgendämmerung.

  • Metamorphose

    Metamorphose

    Ich war sehr, brav, sehr strikt, sehr fleißig,
    endlos tüchtig, bis zum Schmerz verlässlich,
    bis zum Himmel hoch fordernd, bis zur Hölle tief kritisch,
    war streng, erbarmungslos, heroisch.
    Und dann war auf einmal los, was los war,
    meiner Krebs-Natur entsprechend machte es plötzlich „klick“ bei mir:
    ich schaute in die Augen meiner Yana,
    und dann trat so eine Veränderung auf,
    dass mein Krebs-Selbstbewusstsein
    in einem einzigen stillen Moment des Schweigens
    jene Rebellin in mir zum Leben erweckte,
    die schon lange auf ihre Zeit wartete;
    gab mir Gitarre und Elan,
    und ich verliebte mich in das Chaos in tiefster Demut,
    und wurde unordentlich, weniger kritisch,
    nicht sehr verlässlich, dafür aber sehr lyrisch!
    So wurde ich meiner Yana ähnlich!
    Und meine Yana wurde groß!
    Es ist doch klar, völlig sinnlоs zu leugnen:
    Nicht sie ist mir ähnlich, sondern ich ihr!

  • Wie Facebook zu einem Porno wurde

    Wie Facebook zu einem Porno wurde

    Am Tag Y der Krise wurde Facebook zu einem billigen Amateuren-Porno, wo jeder sein bestes versuchte. Man schlug Purzelbäume, machte Spagat und entblößte sich, so gut man eben konnte. Manche waren neu in der Branche und versuchten innovativ zu sein, andere taten das, was sie immer getan hatten und blieben in sicheren Gewässern.

    Das, mit der Nacktheit der Körper, war erstaunlich einfach, back to the roots! Am Grad der Nacktheit konnte man fehlerlos jeden wie ein Mind Map ablesen. Die innere Unsicherheit, dass man in Vergessenheit gerät, wenn man nicht täglich, stündlich an sich und seine Qualitäten erinnert, schlug Alarm.

    Porno stand jedenfalls hoch im Kurs, boomte und wurde zu einem Existenzwert erhoben. Der Appell war eindeutig: um überhaupt irgendeinen Wert zu erlangen, musste man zur Pornoindustrie! Alle ausnahmsweise! Kein Weg führte umhin. Beim näheren Hinblicken stellte man allerdings fest, dass sich nichts geändert hatte: rückblickend sah man, dass es immer noch dieselben Rollen waren, die jeder schon gespielt hatte, nur der Geist blieb stecken, daher mussten Körper den offensichtlichen Mangel ausloten, und sich gerade in der Pornobranche ganz neu zu versuchen, war zu riskant. Manche zeigten also Bein, andere Arsch oder Maul, dritte zeigten eh alles, wirklich alles, was sie zu zeigen hatten, und nur wenige zeigten Charakter. Egal, ob das Spiel mittelmäßig war oder ganz unter dem Gefrierpunkt lag: jeder wartete auf seinen Applaus.

    Und wenn die Rollen vertauscht worden waren? Und wenn man versucht hätte, die Rollen, die jeder zu verdienen glaubte, zu tauschen? Hätten die neuen nicht besser gepasst? Der sonst aufgeschlossene Pornosektor zeigte sich dagegen verschlossen, ging bewährte Wege und setzte auf Nummer Sicher. Na gut, dann sollte jeder das spielen, was er schon immer gespielt hat! Die Pornobranche ist nachsichtig, stellt keine hohen Ansprüche und ist nach wie vor allen offen. Ich gehe nun meinen roten Fishnetbody anziehen und bereite mich für die Dreharbeiten vor. Wir sehen uns demnächst in der 3D-Production „Mercy in red 1“. Folgt mir! Folgt mir leidenschaftlich! Mit Mittelmäßigkeit kann ich mich nicht begnügen! Euer Star Neli P

  • Fastenzeit

    Fastenzeit

    Je tiefer ich in die Tasse hineinschaue, desto klarer und deutlicher sehe ich… Wie im Zeitraffer verlaufen vor meinen Augen alle Lokale in der Stadt, wo man gut und ausgiebig, dabei ohne sich tief in die Tasche greifen zu müssen und in angenehmem Ambiente essen kann!  Ich erinnere mich an jedes Festmahl, wo ich kaum etwas zu mir genommen habe, da ich schon wieder auf die Figur achten musste, kann jedes Detail – vom schön dekorierten Tisch bis zu den feinsten Gerüchen – wach herbeirufen. Langsam tauchen auch jene Diners auf, wenn ich so dumm war aufs Essen zu verzichten, weil mir ein Gespräch oder ein Augenblick viel wichtiger waren…

    Wenn ich so tiefer hineinschaue, dann fällt mir plötzlich ein, was ich zu Weihnachten alles kochen könnte: exotische Speisen, die ich nie zuvor zubereitet hatte, die auf der Zunge wie Honig zergehen, echte Daumenfreuden! Das Töchterchen feiert ja dann Geburtstag, da kann ich ruhig meine Kochkünste etwas ausweiten und Gefahr laufen, die Erwartungen aller zu übersteigen, einmal im Jahr alle zu überraschen, ist doch erlaubt! Juhu!

    Wo habe ich jenes Kochbuch verstaut, das einen tiefen Einblick in die indische Küche verschafft? Habe ich alle Gewürze parat, die man braucht? Hm… Was würde meinem lieben experimentierfreudigen Sohn, der sich anstatt als künftigen Soziologen plötzlich – nach drei harten Studienjahren und dem Versuch ins selbstständige Leben – mehr in die Rolle eines Chefs de Cuisine sieht, am besten schmecken? Und woher dieser Wunsch, die Gesellschaft mit ihren ungelösten Problemen preiszugeben? Sie gegen den Herd auszutauschen? Wie kam es denn zu diesem Umschwung in seinen Präferenzen?

    Wenn ich so weiter hinschaue, erinnere ich mich an die Kindheit, als wir offensichtlich so arm waren (damals war es mir irgendwie nicht ganz bewusst!), dass Fleischlaibchen nur zu Weihnachten und Ostern auf den Tisch kamen.  Vegetarierin bin ich also nicht so sehr von Überzeugung, sondern von Erziehung aus, leuchtet es mir plötzlich auf!!!

    Ich sehe nun viel deutlicher auch jene Bilder mit den unterernährten Kindern in Afrika, die wohl nie aus dem Gedächtnis zu löschen sind, und frage mich, wo die Armut beginnt und wie sie sich anfühlt… Ob wir in Europa denn überhaupt arm sind, wenn wir Brot und Joghurt auf dem Tisch haben, wie man hierzulande im Volksmund sagt, und ein Dach über dem Kopf?

    Ich sehe Paris in jenem Frühling, als die Kälte immer noch alle Bäume in ihrer lieblosen Umarmung festhielt und die Knospen es nicht wagten, hinauszugucken und aufzublühen, rieche den leckeren Vanilleteig, die unwiderstehlich süß duftenden hinter den Schaufenstern lockenden Leckerli, in einer Sinfonie aus Zimt, Vanille und Puderzucker, in der einem schwindlig werden kann, und teste den hausgemachten Tarte aux Pommes… mmmh!!!

    Dann bin ich in Rom… Ob ich denn wieder mal jenen kleinen Laden finden kann, wo die besten Torteletts der Welt angeboten werden? Knusprig-cremig mit saftigen Beeren drauf, einfach ein Traum! Wann könnte ich früh möglichst einen Flug buchen?

    Nein, ich mag kein Marzipan. Ein Apfel. Ein Apfel hat nur 45 kcal. Ein Apfel hat kein Herz. Das ist ja herzlos. Ein herzloser Apfel.

    Je tiefer ich hineinschaue, desto tiefer sehe ich ein… Da, am Boden breitet sich ein mildes, sanftes helles Licht aus. Nur ein Schritt trennt mich von der Erleuchtung!!! Fastenzeit halt… 😊