Autor: Neli Peycheva

  • Ladys-After-Work-Party

    Ladys-After-Work-Party

    Hello, High Society!

    Ganz unerwartet für mich kommt eines Tages eine nette Einladung zu einem Damen-After-Work-Drink. Als Location wurde eine gemütliche Daily Lounge Bar im 1. Bezirk ausgesucht.

    Schon etwas später als die anderen angekommen, direkt von der Arbeit, schaue ich mich erst mal unruhig nach meinen Gastgeberinnen um, und bald erblicke ich die nach dem letzten Schrei der Mode gestylten und aufgepeppten Ladys (alle Hausfrauen ausnahmslos), in glänzenden Gala-Outfits, Highheels und bis zur Schulter hängenden schweren Ohrringen. So schwer scheint der Ohrschmuck zu sein, dass er bei einem den Eindruck hinterlässt, er hätte das ganze Weltleid in sich aufgenommen. Sechs rot geschminkte Münder lächeln mir zu, als fände gleich die Grammy-Verleihung statt! Oh lala! Da habe ich offenbar etwas verpasst, sonst stünde ich nun nicht unwissend mitten in der Bar, in meinem simplen schwarzen Kostüm, wie eine Studentin vor der strengen Prüfungskommission. Das, was die Ladys allerdings nicht wussten, war, dass ich doch nicht ganz ohne Begleitung gekommen war: aus meiner Damentasche zwinkert mir verschwörerisch wie halt immer Frederic Malle zu. Einem Flügelschlag ähnlich huscht ein kaum wahrnehmbares Lächeln über meine Lippen, etwas verlegen streiche ich mit dem Zeigefinger die Haare hinter die Ohren und begrüße die Ladys. Und das hier, das wäre meine Sternenstunde gewesen, da hätte ich mich so schön herausputzen können, zumindest jenes tote Tier in der Form eines Pelzkragens, das ich einmal geschenkt bekommen habe, hätte ich aus dem Schlaf wecken und es mir um den Hals wickeln können! Denn da, meine Lieben, wären wir zwei: Ich und das Tier gegen die High Society! Über die Wichtigkeit von Attributen für die Bestimmung des Wertes eines Menschen klärte mich einmal eine der heute hier anwesenden Ladys auf. Sie trug nämlich an einem Diskoabend eine knallrote bodenlange Samtrobe mit aufgenähten Pailletten: mit Schrecken habe sie die Tage bis zum Event gezählt, in tiefster Hoffnung habe sie zu Gott gebetet, dass der Abend coronabedingt nicht abgesagt würde, denn was hätte sie doch dann mit dem schönen, speziell für den Anlass angefertigten Prachtstück machen können?

    Der Damentisch und der Herrentisch

    Aber zurück zum heutigen Ladys-After-Work-Abend: Zwei Tische in der Bar sind für die Ladys reserviert. Sie sind, merke ich, so parallel aneinander aufgestellt, dass vor ihrer längeren Seite eine lange schmale Sitzbank verläuft, an den anderen zwei Seiten Sessel rund herum stehen, und zwischen den Tischen, senkrecht zur Sitzbank, sich ein schmaler Gang bildet.  Auf der Bank sitzend, mitten in der Frauenrunde am ersten Tisch, sehe ich meine Freundin Maria, die mir fröhlich und irgendwie ungeduldig zuwinkt. Neulich habe sie den Mann ihres Lebens kennengelernt – einen eleganten, sehr gepflegten und für sein Alter ziemlich zufriedenstellend aussehenden Gentleman, an dem „alles, wirklich alles“ stimme, wäre er nur nicht so niederschmetternd langweilig! Manche der Gesichter, die am selben Tisch sitzen, kenne ich schon, andere sind mir völlig neu. Ein tiefer Seufzer endloser Erleichterung entringt sich meinen Lippen: endlich ein entspannter Frauenabend! Doch da der erste Tisch schon voll besetzt ist, setze ich mich auf die Bank daneben, gleich an den zweiten Tisch, sodass mich nun von der neben mir – am ersten Tisch sitzenden – Dame genau 40 cm trennen.

    So weit, so gut! Kaum sind fünf Minuten vergangen, strömen durch die Türe scharenweise Herren herein, und da der erste Tisch voll ist, setzen sie sich … an meinen. Also so sieht eine Frauenrunde aus! Ein Damentisch und ein Herrentisch, mit Neli mittendrin. So ganz unglücklich scheinen die Herren an meinem Tisch jedoch nicht zu sein: Der, mit den dunklen Haaren, will mir unbedingt eine Kunstinstallation auf seinem Handy zeigen, und wir beginnen eine Diskussion über die Digitalisierung und Multiplizierung der Kunst in Zeiten der Post-Postmoderne; der andere, mir gegenüber, hat eine ganze Reihe praktischer Tipps für mich parat, wie man in der Umgebung von Österreichern ohne große Einbußen und Leiden überleben kann; der dritte, der etwas schräg sitzt, ist Projektarbeiter an einer Uni und schildert ausführlich die statistischen Ergebnisse, die nun im Rahmen seines Projektes ausgewertet werden müssen. Na, seht Ihr! Oida! Nicht ganz zum Wegschmeißen sind meine Herrschaften! Und da kommt bald noch ein Vierter und gesellt sich zu uns. Spätestens in diesem Moment richtet sich eine der Ladys vom „Frauentisch“ auf und kommt ihm mit kleinen Schritten hastig entgegen, auf den lila Highheels balancierend: „Nö, nö, nö, nöööö!“, schwenkt sie drohend den Zeigefinger vor seiner Nase. „Sie, mein Lieber, setzen sich nun zu uns, und zwar sofort, im Namen der Gleichberechtigung! Auch wir verdienen sehr wohl einen Herrn an unserem Tisch.“

    Der Neuangekommene tut zunächst so, als ob er die direkte Ansprache missverstanden hätte, und bleibt ruhig sitzen. Wühlt eine Weile mit zitternden Fingern fieberhaft in seinen Hosentaschen, sieht sich verlegen mit matt glänzenden Augen um und versucht den Blick der Dame um jeden Preis zu meiden; zieht den Kopf ein, lässt die Schultern nach unten hängen, duckt sich hinter den Tisch, wird kleiner und immer kleiner – am liebsten wäre er ganz unter dem Tisch verschwunden! Bei der zweiten Aufforderung allerdings sieht er sich gezwungen, in einer ganz langsamen Kadenz seinen Platz zu verlassen, schaut zögerlich zum nächsten Tisch hinüber, dann wieder zurück zu unserem, macht ein paar Schritte, dreht sich wieder zurück und dann macht er das, was wohl keiner erwartet hätte! Er setzt sich zwischen mich und die Lady, die am Anfang des Damentisches sitzt, und da der Platz da sehr eng – genau 40 cm breit – ist, verschränkt er zahm die Hände vor der Brust wie ein Angeklagter, der gehorsam und schicksalsergeben auf sein Urteil wartet.

    Im Namen der Gleichberechtigung

    Mir gelingt es kaum mehr, mein Lachen zu unterdrücken! Der sitzt nun ja zwischen den beiden Tischen! Für solche Fälle gibt es im Bulgarischen einen Spruch: Wer am Eck oder zwischen den Tischen sitzt, der wird nie heiraten! Nicht heiraten? Nie heiraten? Nein, das wollen wir für ihn nicht! „Die Familie ist Grundeinheit der sozialistischen Gesellschaft“, hieß es bis 1989 in Bulgarien. Also stehe ich entschlossen auf und übernehme die Verteidigung für ihn: „Meine  Damen und Herren, als Verteidigerin des hier rechts von mir gegen seinen Willen zwischen den Tischen sitzenden und zu einem Nein unfähigen netten Gentlemans plädiere ich für ‚not guilty‘!  Schauen Sie ihm bitte tief in die Augen!“ Und da mache ich einen Schritt nach vorne, um noch überzeugender zu wirken. „ Diese blauen unschuldigen Augen können nicht die Augen eines Menschen sein, der ein Verbrechen begangen hat. Also rücken wir, Frauen unterschiedlicher Nationalitäten, bitte zusammen im Namen der Gleichberechtigung, damit auch er einen rechten Platz am Tisch hat.“

    Die Gespräche verstummen. Mit tiefer Enttäuschung schauen die Ladys ein paar Sekunden lang schweigsam auf den Herrn, beobachten ihn prüfend, als ob er ein Golden-Delicious-Apfel wäre, der leider nicht angebissen werden darf, und da er kein Wort fallen lässt und wie versteinert vor sich hin blickt, nicken sie letztendlich mit dem Kopf. Erlösung für den Angeklagten! Langsam erhebt er sich und geht zu seinem ursprünglichen Sitzplatz am „Herrentisch“.

    Der Kuss

    Kaum ist er aufgestanden, schießt wie ein Pilz aus dem Boden ein anderer Bekannter, stürmt überraschenderweise auf mich zu, drückt mich fest an sich, küsst mich rechts und links, nimmt den soeben frei gewordenen Platz neben mir ohne Appellation an und verschränkt die Arme vor der Brust, was wie eine klare Ansage zu verstehen ist! So vergehen 10, 15, 20 Minuten. Vergebens versuche ich ihm anzudeuten, dass seine Begleitung an seinem Tisch auf ihn wohl warten würde. Das scheint ihn aber kaum zu beunruhigen, und verabschieden will er sich schon gar nicht. Misstrauen packt die anderen Herren am Tisch. Vorsichtshalber trauen sie sich nicht mehr, mich anzusprechen. Also kündige ich an, dass ich nun endlich gehen werde! „Ich auch!“, ruft er mir zu. Na, so was! Vor dem Lokal schlägt er vor, mich ein paar Schritte zu begleiten. Und so, wie wir wortlos langsamen Schrittes auf der Straße gehen, sagt er auf einmal das, womit ich nie gerechnet hatte: „Ok, jetzt küsse ich dich!“, woraufhin er sich blitzschnell zu mir dreht und mich tatsächlich küsst! Perplex stehe ich da und traue meinen Augen nicht. Für diese Situation gab es keine Überlebenstipps in der Liste des Herrn von heute Abend, wie man hier ohne große Einbußen davonkommen kann. Auf dem Heimweg denke ich mir: So ticken also die Österreicher: Da steht auf der Agenda „Kuss heute Abend“ und die Arbeit muss sehr wohl erledigt sein. So ein tüchtiges Volk!

    Eure Neli P

  • Ungeplante Geschichte

    Ungeplante Geschichte

    An alle, die ihren Glauben irgendwo da auf der Strecke verloren haben.

    Menschen sprechen zu mir, ich höre ihnen zu. Wahrscheinlich bin ich eine ziemlich gute Zuhörerin, denn das passiert immer wieder. Menschen vertrauen mir ihre Geschichten an.

    Gestern etwa saß ein schätzungsweise über 60-jähriger Mann neben mir. Die Augen – rund herum von einem feinen Fältchennetz umrandet –, Mundwinkel traurig herabhängend. Das Jugendliche an ihm war der sorgfältig schwarz gefärbte Moustache, der kämpferisch und frech über der Oberlippe hervorstach, als ob er stellvertretend für seinen in sich zusammengesunkenen Besitzer der ganzen Welt mitteilen wollte: Es gibt mich noch! Da bin ich! Es stimmt schon, dass ein Schnurrbart sich von der Masse abheben kann! Oder war es vielleicht doch etwas ganz anderes? Das Kind, das mir schalkhaft zuwinkt und nach dem ich bei jeder Begegnung suche?

    Zuerst zeigte mir der Unbekannte eines nach dem anderen die schönen Bilder auf seinem Handy, die seine Frau einmal gemalt haben muss, als sie es noch konnte – von ihm als Dreißigjährigem, von ihrem Hund, von seinem Sohn, von einer Szene aus dem Musical „Cats“. Denn nun ist sie demenzkrank und in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Der Aufenthalt da kostet 6000 Euro monatlich, einen stolzen Betrag, der gottseidank von der zuständigen Krankenkasse übernommen wird. Nun sind nur die Erinnerungen wach geblieben. Der gemeinsame Sohn ist schon selbstständig, arbeitet als Krankenpfleger, muss manchmal bis zu 18 Stunden am Tag schuften, und findet nicht mal Zeit für sich, geschweige denn für seinen Vater. Einmal monatlich kommt er allerdings zu Besuch. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.

    Er selbst war drei Monate lang im Krankenhaus mit der Diagnose Knochenkrebs in stationärer Behandlung. Die Knochenmarktransplantation hat Wunder gewirkt, und nun ist er schon seit zwei Wochen zu Hause, völlig gesund. Gesund und einsam. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.

    Ich bin sprachlos. Versuche ihm Mut zu machen. Er ist gesund, seine Frau ist am Leben, gut aufgehoben. Und wenn man das Leben von nun an als eine Chance betrachtet, dem Schicksal zum Trotz? Wenn man annimmt, dass jeder Tag die Möglichkeit, sich neu zu entscheiden, bietet, ob man noch tiefer in die Traurigkeit versinkt oder doch das Leben wählt? Sich vielleicht für das Leben entscheiden? Jeden Morgen, immer wieder? Immer wieder, bis sich neue, noch schönere Erinnerungen ansammeln? Denn das Leben ist so kurz. Einen Wimpernschlag lang.

    Eure Neli P

    Hier geht es zu weiteren Begegnungen: Die Einsame · Der Unbekannte · Ein Rezept für Glück · Gurpreet · „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“

  • Der Mensch gegen sich selbst

    Der Mensch gegen sich selbst

    Endlich ist es so weit! „Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“ des großartigen Martin Gruber und des aktionstheater ensemble feierte am 2. Juni Wiener Premiere im Werk X. Uraufgeführt wurde die Produktion am 18. Mai 2022 am Vorarlberger Landestheater in Bregenz. Die brennend aktuelle Theaterperformance ist noch am 7. und 8. Juni im Werk X, Wien, zu sehen, jeweils um 19:30 Uhr.

    Weiß

    Weiß begegnet mir die Bühne heute Abend, auf der das preisgekrönte aktionstheater ensemble seine jüngste Inszenierung darbietet. Die Compagnie, die durch die Aufrichtigkeit ihrer Inszenierungen erschüttert und durch ihr fulminantes Spiel einen einzigartigen theatralen „Ort“ des Ankommens im Jetzt, einen Anziehungspunkt für alle Suchenden schafft,  bleibt auch dieses Mal mit ihrem feinen Gespür für die Wundstellen der Gesellschaft entschlossen am Puls der Zeit. Um ganz ehrlich zu sein, genau das haben wir, das Publikum, dringend gebraucht – die Konfrontation mit dem gnadenlosen Jetzt, nackt und schonungslos vorgetragen, vom Naiv-Witzigen übers zutiefst Rührende bis hin zum Brutalen. In weißer Unterwäsche und ohne zusätzliche Attribute erscheinen auch die Akteur:innen auf der Bühne. Schwarz wie in Malewitsch‘ Bild „Schwarzes Quadrat“ klaffen die dunklen Kreise auf der Projektionswand im Hintergrund der Bühne, und dieses Schwarz scheint dem bekannten Versuch, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, sehr nah zu sein.

    Weiße Räume, wie ich einmal geschrieben habe, stellen die perfekte Projektionsfläche für das Essentielle dar. Nichts ist schonungsloser als das alles widerspiegelnde Weiß. Vor dem Hintergrund  des unendlich Weißen treten auch heute Abend auf der weißen Bühne bis vor Kurzem verborgene Gefühle, geheim gehaltene Stimmungen, verschwiegene Gedankenströme zum Vorschein. Sie hallen im Weiß wider, werden von dem universell Verbindenden aufgenommen und weitergetragen, einen Wimpernschlag lang. So lang, wie das menschliche Leben selbst. Denn bald trägt das Weiß in seiner Zerbrechlichkeit die Spuren einschneidender Erlebnisse und der Klimakatastrophen und wird von Tod und Gewalt geprägt. Spätestens dann verliert das Weiß seine Unschuld und wird wie heute Abend auf der Bühne im Werk X durch das Rot des Blutes vor dem Hintergrund der Brutalität des Krieges gefärbt.

    Europa im Mittelpunkt

    Im Mittelpunkt steht Europa. Horrorfilme gegen innere Unruhe, der romantische Traum von einer Riesenmenschenkette, die in die Ukraine einmarschiert und den Aggressor aufhalten kann, der nicht uninteressante Einfall von einem Benefizporno für die Ukraine – bei dem wohl mehr Menschen erreicht werden könnten –, die Suche nach dem Gegenteil von „straight“ („nicht straight“), der Akzent auf „bio“ im Bio-Weichspüler, die Gespaltenheit in zwei Gegner-Lager infolge des Ukraine-Krieges, die Position von Frauen in der Gesellschaft („Ich schlage zu wie eine Frau“, d.h. „nicht effektiv zuschlagen“) – facettenreich sind die witzig präsentierten Themen, die die großartigen Akteur:innen auf der Bühne aufgreifen. Verhängnisvoll pointiert erklingt die donnernde Frage „Was für eine Haltung soll ich einnehmen, um wahrgenommen zu werden?“, die durch ausdrucksvolle Choreographie und sich zutiefst einprägende Beats ergänzt wird. Immer wieder werden die Sessel auf der Bühne neu positioniert, nirgendwo stehen sie richtig, die innere Hin- und Her-Gerissenheit findet im ständigen Hin- und Herrücken ihren Ausdruck.

    Demokratie als Selbsterfahrung

    Der schonungslosen Aufrichtigkeit verpflichtet, bieten uns die Darsteller:innen auf der Bühne den Einblick in einen Mikrokosmos als ein Sinnbild für die globale Gelähmtheit einer Gesellschaft, die nur „das Lügen zusammenhält“. Die mehrmals angesprochene „Vermittlung von demokratischen Werten“ bleibt auf der Strecke. Auf einem „Demokratie-Workshop“ stellt sich etwa heraus, dass 70 % unter Demokratie Diktatur verstehen. „Für mich selber bin ich eine Diktatur“, fügt Tamara hinzu. Demos gegen den Krieg rufen die rhetorische Frage hervor: „Wie verlogen ist das???“ Und irgendwann artet dieses „Ich-schluck-das-alles-Runter“ in Gewalt und Würgeangriffe aus, die blutige Spuren auf der weißen Bühne hinterlassen. Wutausbrüche werden weder verhindert noch real gestoppt, stattdessen in stiller Ohnmacht beobachtet und höchst konzentriert mit dem Handy aufgenommen. Die Realität der Social Networks siegt über die Brutalität des Unmittelbaren.

    Krieg und Zerbrechlichkeit

    Die Bilder auf der Projektionsfläche im Hintergrund der Bühne wechseln: Die Weizenähren verwandeln sich in von Bombenanschlägen zerstörte Gebäude, die eintönigen Fassaden in verletzliche menschliche Haut. Und irgendwann ist im weißen Hintergrund das Publikum selbst zu erkennen: der Mensch gegen sich selbst. Momentaufnahme, schlagartiges Wachrütteln, Reminiszenz – Offenbarung, in der die ganze Magie der Wirkungskraft des Theaters essentiell zusammengefasst ist. Man steht immer gegen sich selbst: Im Frieden und im Krieg, dies- und jenseits der Frontlinie, auf der Bühne oder im Publikum. Das Gefühl der Vergänglichkeit, durch die Projektionsbilder suggeriert, erinnert mich an das letzte Buch von Phil Klay und seine äußerst detaillierten Beschreibungen der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers, auf der einen Seite, und des perfektionierten Instrumentariums des Krieges, auf der anderen. Auch dass „Liebe“ in beiden Sprachen – Russisch und Ukrainisch – so ähnlich klingt, nützt nichts gegen den Krieg.

    In „Lüg mich an und spiel mit mir“ gelingt es dem aktionstheater ensemble, die Echtheit des Moments, in dessen brennender Aktualität wir alle gefangen sind, durch durchdringendes, verdichtetes Spiel künstlerisch nachzuahmen und Fragen aufzuwerfen. Unter der Last aller sich in mir gestauten Emotionen, Sinnbilder, Eindrücke verlasse ich langsamen Schrittes den Saal. Ich habe es nicht eilig. Im Jetzt angekommen, habe ich alle Zeit der Welt, um über die Nacktheit der Wahrheit nachzudenken. Außerdem trage ich heute zufällig Weiß. Dankeschön, aktionstheater ensemble!

    5. Juni 2022, Neli Peycheva

    Konzept, Inszenierung: Martin Gruber
    Text: Martin Gruber und Ensemble
    Dramaturgie: Martin Ojster
    Bühne, Kostüm: Valerie Lutz
    Video: Resa Lut
    Regieassistenz: Michaela Prendl

    Licht: Arndt Rössler

    Live-Musik: Dominik Essletzbichler, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober

    Mit: Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Luzian Hirzel, David Kopp, Tamara Stern

  • Die Leiter als Symbol

    Die Leiter als Symbol

    „Zwei Zitronenfische und andere Sehenswürdigkeiten“, Florentin Scheicher, ab 12.05. in der Kolonie 5

    „Sind Sie der Künstler?“, frage ich den sympathischen jungen schwarzlockigen Mann in der kleinen Galerie Kolonie 5 in der Hamburgerstraße in Wien, die an diesem warmen Maiabend ihre Türen für die Kunstliebhaber wieder geöffnet hat. „Ja, ich bin’s.“

    Heute Abend hängen an den Wänden in der Kolonie 5 die Bilder von Florentin Scheicher.

    Ich führe ihn bis zum großformatigen Bild mit der schlanken Leiter drauf, vor der ich mich vorher nachdenklich aufgehalten hatte. Mich interessiert, wohin sie denn führen könnte. Ich schaue mir das Bild noch ein paar Minuten prüfend an und bin in Gedanken bei Georg Henig, dem Geigenmeister, der zwischen den Seiten von Viktor Paskovs Migranten-Roman „Ballade für Georg Henig“ zu neuem Leben erweckt wurde. Für den Protagonisten Georg Henig stellt die Leiter nämlich eine Verbindung zu Gott dar – den Pfad zwischen der Kunst und dem Göttlichen, erinnere ich mich.

    Für den jungen Künstler führe die Leiter auf seinem Bild „Gedeihen und Gedingen“ aus dem abgebildeten Raum hinaus, sie stehe fürs Verlassen des Raums und in dem Sinne – für den Weg zum Spirituellen. Ich frage ihn, ob seine Bilder tatsächlich nur eine Fantasiewelt widerspiegeln, wie es in der Ankündigung zu lesen ist. Nein, zweifelsohne hätten sie ihre Entstehungsgründe in der Wirklichkeit.

    Lieblingsfarbe? Petroleum. Auch im Alltag, nicht nur in den Kunstwelten. Und überhaupt, er möge die Kontraste. Auf dem Spiel zwischen den Kontrasten bauen auch seine Bilder auf. Die andere Leidenschaft, für die der Künstler brennt, sei die Musik.

    Wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, möchte ich immer wissen, was dem Menschen unentbehrlich im Leben ist – so nehme ich den kürzesten Weg, denke ich, um jemanden kennenzulernen. Für Florentin Scheicher ist die Zeit unentbehrlich, in der er sich in sich zurückziehen und mit sich selbst alleine bleiben kann, um über einiges zu reflektieren. Und unentbehrlich in der Kunst? Das sei ja die Möglichkeit zur Selbstreflexion sowie die Chance, durch seine Kunst zu den Menschen zu gelangen, sie zu berühren und anzusprechen. Auf meine Frage, ob Kunst auch politisch sein sollte, antwortet der junge Künstler, dass jede Kunst an sich ein Ausdruck einer Meinung – ein Statement – sei, was sie gleich auch politisch mache, doch seine Werke hätten eher wenig damit zu tun.

    Eine Frage drängt sich noch auf und gibt mir keine Ruhe; bevor ich mich verabschiede, möchte ich noch gern wissen, was die Kunst heutzutage brauchen würde, um zu überleben – Self-Promoting, lautstark werden, nach neuen Wegen zu seinem Publikum suchen oder was anderes. Was sie keinesfalls bräuchte, meint Florentin, sei einen Krieg. Denn ein Kriegsausbruch bedeute in derselben Sekunde auch ein Leiden für alle Kunstschaffenden.

    Florentin Scheicher studiert an der Angewandten in Wien und ist vielleicht einer der wenigen Künstler, die um der Kunst willen malen, ohne durch die Kunst ein konkretes Ziel erreichen zu wollen. Vielleicht liegt es an seiner Jugend, wer weiß, oder auch eben daran, dass Kunst immer eine Prise Verrücktheit gebraucht hat und auch immer brauchen wird, um sich manifestieren zu können.

    Unterwegs für Euch –

    Eure Neli Peycheva

    #kunst, #kolonie5, #florentinscheicher

  • Freundschaft!

    Freundschaft!

    „Gutti und ich gingen die Treppe hinunter, er stolpernd wie der sterbende Kommunismus, ich aufrecht wie ein gut gefüllter Geldspeicher der Reichen.“ („Erster Mai“, Manfred Rebhandl, Haymon Verlag 2022, S. 72)

    Den Autor Manfred Rebhandl habe ich 2018 kennengelernt – ein reiner Zufall. Ein paar Wochen davor sind wir in Kontakt gekommen, nachdem ich – ganz zufällig! – einen seiner Texte – über Gerda Rogers – mit einem Auszug von dem wunderbaren Dimitre Dinev, den ich sehr, sehr mag („Spas träumt“), kommentiert hatte.

    Das erste Buch von ihm, das ich danach aus reiner Neugier gelesen habe – denn davor kannte ich nur einige seiner Artikel – war über Kitty Muhr – eine Frauenfigur eben. Was mir da schon in den ersten Sekunden nach dem Aufschlagen des Buchs besonders auffiel, waren die vielen Stereotypen, die von jeder sonst mit viel Witz und Ironie geschriebenen Seite frech hervorblickten und festgemauert nach Bestätigung schrien. Da ich mir da was ganz anderes erwartet hatte, hat mich dieser allererste Eindruck zuerst einmal stutzig gemacht. Erst nachdem ich „Das Schwert des Ostens“ in die Hand genommen hatte, wurde mir klar, dass die Stereotypisierung der Charaktere zu einem der Verfahren zählte, die der Autor zielgerichtet und mit einer sich durch alle Kapitel durchziehenden Beständigkeit einsetzte. Dabei verfolgte er gar nicht das Ziel, die Klischees zu entkräften, sondern nutzte sie gewandt in allen ihren Facetten als eine nie versickernde Quelle für Schmäh und humorvollen Umgang mit den menschlichen Schwächen. Und nicht nur! Denn das, was ich hinter den Worten, den lustigen Charakteren und den Bildern, die er auch in seinen neueren Büchern malt, deutlich als immanentes Merkmal wahrnehme, sind diese Verbitterung und Gesellschaftskritik, die durch das geschriebene Wort ihren Weg nach außen zu den Menschen suchen – eine Einstellung, eine Art Verhältnis zur Realität, die den Autor ausfüllen und prägen. Wie ich schon mal geschrieben habe, erinnert er mich seinem Stil nach an Bukowski und Houellebecq: Durch das nackte, schonungslose Wort wird eine grotesk-witzige Situation geschaffen, in die die Figuren geraten, wobei nicht die Handlung und der Ausgang an sich so wichtig zu sein scheinen, sondern das, was im Hintergrund eingeblendet wird: das Verhältnis zur Realität. Wie ist das Leben zu betrachten – als Spiel oder als eine sehr ernste Angelegenheit? Steckt hinter dem Grotesken nicht auch mal was Wahres? Sollte man sich ausschließlich auf das Schöne und Erhabene beziehen, wenn man zum Wort als Mittel zur Stellungnahme und Selbstreflexion greift, wenn etwas in der Welt draußen von Grund auf nicht stimmt?

    In den Romanwelten, die hinter den Covern von Rebhandls Büchern aufleben, kommt „der andere“ Rebhandl, l’enfant terrible, zum Ausdruck, ja und nein. Denn wenn man auch seine Artikel aufmerksam gelesen hat, versteht man, dass es doch immer wieder derselbe Rebhandl ist, seine Bücher bieten nur eine andere Ausdrucksmöglichkeit des Hauptstrangs in seinen Überlegungen an.

    Außerhalb der Romanwelten engagiert sich der Autor aktiv als KPÖ-Mitglied für die Sache, Respekt! Ich allerdings als Ex-Ostblock-Kind – dort wurde der Kommunismus beinahe aufgebaut (!) – gehe sehr vorsichtig, gar misstrauisch mit allen -ismen um, manchmal finde ich diese Art Ernüchterung bei mir sogar sehr traurig: Ich habe nämlich zahlreiche Beispiele erlebt, wie eine sonst schöne Idee in dem Augenblick, in dem sie zur Ideologie wird, schonungslos zur Manipulation im Namen der Masse führen kann. Aus demselben Grund bin ich ja auch parteilos, und das schließt keinesfalls meine volle Unterstützung für Ideen, an die ich glaube, aus.

    Das neu erschienene Buch von Manfred Rebhandl „Erster Mai“ setzt die Rock-Rockenschaub-Serie fort. Im Vordergrund stehen zwei Morde im Wiener Gemeindebau, im Hintergrund – Kritik an den Reichen, auf die die Schuld für das fehlende Gleichgewicht im sozialen System geschoben wird. Lachen ist 100 % garantiert! Und wer weiß, vielleicht löst Rock Rockenschaub im nächsten Buch auch gleich den Fall mit der Ungerechtigkeit in der Gesellschaft! Das wünsche ich ihm auf jeden Fall! Und ob es dem Autor gelingt, mehr Gerechtigkeit in die Welt draußen einzubringen? Hoffentlich!

    Eure Neli P

  • Julia Caesar

    Julia Caesar

    Irgendwie habe ich es schon immer gewusst, dass das Leben außerhalb des Universitätsgefildes nicht einfach sein würde. Das Uni-Umfeld hatte mir schon immer eine Umgebung aus Gleichgesinnten verschafft, wo man auf gleicher Wellenlänge funkte. Man war vorbehaltlos angenommen, fühlte sich gut aufgehoben und verstanden; geteilte Gedanken fanden Widerhall bei den Anderen. Es war ein schönes, warmes Gefühl der Geborgenheit.

    Außerhalb dieses heiligen Schutzbereichs der Ideen und Köpfe begegneten mir wohl oder übel allerlei andersgeartete Menschen: arrogant, zurückweisend, oberflächlich, kleinlich… Eine ganze Regenbogensammlung, aufgeschäumte bunte Gischt aus Charakteren in der Brandung der Begegnungen hatte sich blitzartig angehäuft. Ein stürmisches Menschentypenmeer, das einen anlockte und mitriss.

    In mancher Hinsicht trug das immens dazu bei, mich von meiner Naivität zu verabschieden (hurra!), fühlte sich wie eine sanfte, gut gemeinte, äußerst nötige Ohrfeige an, bei der man die Wange zahm und gehörig hinhielt, um das notwendige Übel zu erleiden, und die mich aus der Welt der Ritter des Guten hinausjagte: Die mit ausschließlich Gutem verwöhnte Prinzessin wurde nun frierend draußen vor die Tür gesetzt. Es kam allerdings auch zu völlig unerwarteten und äußerst bereichernden Begegnungen, die buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht waren, Lichtfunken, viel Dankbarkeit und Menschenliebe, aus den tiefsten verborgenen Winkeln des Herzens hinausströmend, vor allem seitens der Menschen, mit denen ich arbeite.

    Ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal freilich ist immanent, unbesiegbar und schon gar nicht auszurotten. Es schlummert da, tief in uns, materialisiert als eine Art typisch menschliche Krankheit, die gewohnheitsmäßig verschwiegen und ignoriert wird, weil sie sich in einer großen Anzahl der Fälle genau durch das gesprochene Wort unwillkürlich selbst hervortut, und die ich bei Tieren, Insekten und in der lebendigen Natur noch nie beobachtet habe: die Dummheit. Und die Bestie darf keinesfalls geweckt werden! Niemand ist vor ihr geschützt, jeder kann unmerklich in ihre Falle geraten. Eines Tages winkte die Dummheit schließlich auch mir zu, in vollster Pracht, mit Verve und Wucht. Sie hieß diesmal zur Abwechslung Julia.

    Ein schöner Abend mit Live-Musik in angenehmem Ambiente in einem Lokal in Wien 6 kündigte sich an. Endlich eine gute Gelegenheit, meine Freundin Rashida zu treffen und ein paar Worte mit ihr auszutauschen, dachte ich mir. Außerdem sollte die hauptsächlich für in Wien ansässige Professionals unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds organisierte Afterwork-Party mit den Klängen französischer Chansons unterlegt werden, und Französisch konnte ich in Strophen beinahe fließend.

    Auf den ersten Blick sah Julia, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, sogar ziemlich normal aus – in ein dunkles Kostüm gekleidet, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, keine High Heels, kein Make-up, nichts Auffälliges. Über sie wusste ich gar nichts. Julia hatte sich meiner Gesprächsrunde angeschlossen, als es gerade um die Herkunft der Namen ging, eigentlich ein nicht uninteressantes Thema. Rechts und links von mir zwei Herrschaften, mir gegenüber Rashida. Da griff energisch auch Julia ein und lieferte die plausible Erklärung für das Kaiserliche an ihrem Namen, in Anlehnung an Julius Caesar. Ich hingegen war sehr glücklich, so einen kurzen und einfachen Namen zu haben. „Eine der möglichen Interpretationen für seine Herkunft geht auf die schöne Elena aus dem Trojanischen Krieg zurück“, fügte ich hinzu. Ein paar Minuten ging so das spontan eröffnete Gespräch weiter, und dann passierte eben das, worauf man im Leben halt nie vorbereitet ist: Vor meinen Augen erlebte Julia Caesar eine volle Metamorphose, die weder als ein Zeichen göttlicher Macht zu verstehen war noch mit der Verwandlung der Raupe in den Schmetterling etwas Gemeinsames hatte.

    Also stellt sie sich vor mich hin, Julia, der Herkunft nach Caesar, und so, wie sie mir zuhört, fängt sie plötzlich an, aus den Augenwinkeln rüberzublicken, auf mich zu schielen, stemmt die eine Hand in die Hüfte, und die andere lässt sie hinunterhängen. Ganz schön langsam, wie ein aus seiner Bahn hinausgeworfener Himmelskörper bückt sie sich zu mir hin, verkürzt den Abstand auf ein Minimum, sodass ich ihren Hauch in meinem Gesicht spüren kann, schwenkt mir drohend ihren erhobenen Zeigefinger vor die Nase und zischt mir zu: „Du, du, duuuuu …! Duuuuu, sag, dass du nicht aus Osteuropa kommst!“

    „Nein! Ich komme aus Südosteuropa! Nur habe ich mehr als eine Heimat! Aber bitte ganz vorsichtig mit den Stereotypen! Wir sind ja letztlich nicht hier, um uns der Klischees zu bedienen, oder?“

    „Du, du, duuuuu, du, mit deinem Gesicht und so, wie du ausschaust, und mir über die Heimat erzählst …! Duuuu, du, du, duuuuu, jeder hat nur eine Heimat!!! Jeder!!! Mein Vater, wenn man ihn fragt, da kann er sofort antworten, er ist ja eben ein Österreicher!“

    „Ja, weil er sich damit identifizieren will!“, erwidere ich, auch wenn ich spüre, dass diese dröhnende rollende Wortlawine nicht mehr aufzuhalten ist. Hier fährt, wie erwartet, Julia, der Herkunft nach Caesar, mit einem Wortsturm fort, ganz rot im Gesicht, und gibt erneut dem Kaiserlichen in sich den Vorrang:

    „Du, mit deinem Aussehen, duuuu, du hast fast keine Falten im Gesicht! Und vielleicht bist du sogar älter als ich! Du bist nach Österreich gekommen, um uns die Männer, die noch immer am Markt frei verfügbar sind, zu stehlen!!!“

    Im ersten Moment hielt ich das für einen Schmäh, denn wenn mir das Leben etwas beigebracht hatte, dann über die Klischees zu lachen. Ich reagierte also dementsprechend, machte einen Schmollmund und wickelte sorglos eine Locke um meinen Zeigefinger. Doch Julia schien das nicht so lustig zu finden. Sie gab nicht nach und wurde immer lauter. Ich trat zurück, schaute sie ein letztes Mal an, und das Einzige, was ich tun konnte, angesichts des niederschmetternd Kaiserlichen in ihr, das so schlagartig zum Vorschein gekommen war, war, ihr ein Luftküsschen zu schenken.

    Julia Caesar, die jeden guten Grund hatte, um glücklich zu sein – war in diesem wunderbaren Land geboren, hatte ein unerschüttertes Identitätsgefühl und war nicht mal gezwungen, Toiletten zu putzen, wie einige neu angekommene Osteuropäerinnen  –, blieb mutterseelenalleine an der Bar stehen. Und doch war der Mangel in ihr unübersehbar. Auf einmal hatte ich so ein tiefes Mitleid mit ihr. Die Frage nach dem Warum gab mir keine Ruhe. Irgendwann, so etwa nach der siebenten Stunde kritischer Auseinandersetzung mit den Prinzipien der weiblichen Natur und dem fatalen dreizehnten starken Kaffee, leuchtete es mir auf einmal ein: Wenn eine Frau ein Problem mit sich selbst hat, ist zweifelsohne kein anderer, sondern ein Mann daran schuld! Wer denn sonst??? Ein Mann, der sich aus irgendeinem wohl völlig unverständlichen Grund geweigert haben soll, die so stark gefragte Retter-Rolle zu übernehmen. Der Retter auf dem weißen Schimmel (wenn es schon mal um Klischees gehen soll!), der Julia vielleicht auch hätte helfen können, genauso unerschüttert an ihren Selbstwert zu glauben, wie sie es an ihrer Identität tat. Also, Männer aus aller Welt, vereinigt Euch! Schenkt Euren Frauen ein bisserl mehr Aufmerksamkeit, damit sie die Bestätigung für das, was sie sind, von Euch bekommen können, wenn es anders nicht geht. Denn das Andere, der Blick in sich selbst, verlangt viel mehr als Glauben und erweist sich manchmal als eine unglaublich vertrackte Aktion. Leider. Tut es bitte für mich! Ich schenke Euch ein Lächeln!

    Neli P

    *Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.

  • Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Provoziert durch die heutige Begegnung mit Ihm.

    Ich bin in einer gottlosen Gesellschaft aufgewachsen, in der Gott verboten war. Gott? So was gab es nicht, nur von den Lippen meiner Oma konnte man manchmal dieses seltsame Wort, leise und vorsichtig zugeflüstert, hören. Was sie allerdings damit meinte, blieb ein volles Rätsel. Die kleine Kirche, die mitten auf dem zentralen Platz stand, hatte für mich eine völlig plausible Geschichte: Sie war ja nämlich die, an deren Kirchturm Baron von Münchhausen sein Pferd mitten in jenem heftigen Schneesturm gebunden haben soll. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeiging, schaute ich nach oben zum Turm und dachte an Münchhausen. Eine andere Funktion der Kirche konnte ich mir gar nicht vorstellen. Außerdem ging keiner hinein, was meine Vermutungen über den Grund ihrer Existenz nur noch bekräftigte.

    Nach der Wende öffnete die Kirche überraschenderweise ihre Türen für die Gläubigen. Waren aber solche geblieben? Den religiösen Glauben zurückzuerobern wurde bald zu einem Modetrend, bei dem man mehr auf ein Abenteuererlebnis infolge der Begegnung mit dem bis vor Kurzem Unzulässigen setzte, und weniger tief nach innen nach dem Sinn suchte. Das erste Mal, als ich die Kirche betrat, war zu Ostern. Das erste Ostern nach der Wende. Um Mitternacht füllte sich die Kirche mit zuströmenden Menschenmengen von Neugierigen in Erwartung des Gottes, von dem manche schon mal gehört hatten, dicht aneinander gepresst, jeder mit einer angezündeten Kerze in der Hand. Ich bekam fast nichts zu Gesicht, außer die Rücken der in der vorderen Reihe Stehenden, und der Geruch, der sich bald durch den ganzen Innenraum ausbreitete, war nicht der nach Weihrauch, sondern nach verbranntem Haar.

    Dem unbekannten Gott musste ich irgendwie eine Form verleihen. Aber wie? Sollte es jemand sein, vor dem man Ehrfurcht empfinden sollte? Oder jemand, an den man, wenn es unerträglich wurde, seine Bitten richten sollte? Hm, daran war ich nicht gewöhnt. Wenn ich bessere Noten in der Schule haben wollte etwa, lernte ich fleißiger und richtete meine Bitten an mich. Wenn etwas schiefging, hatte ich Angst vor der Reaktion meiner Mutter. Wohnte also dieser Gott mir oder meiner Mutter inne? Jedenfalls war er nicht etwas, was ich im Außen suchen konnte.

    Ob ich heute als Erwachsene an Gott glaube? An meinen Gott, den Gott in uns, vielleicht. An die grenzenlosen Möglichkeiten, an das Gute im Menschen, an die Liebe, an das Transzendentale, das uns miteinander verbindet, sodass wir uns in einem jeden wiederfinden können.

    Ob ich ihn schon mal gesehen habe? Oh ja, wenn ich am Strand sitze und die ruckartige Bewegung der Wogen beobachte, wenn es ganz schön stürmisch wird und mich der Wirbel dahin weiterträgt, wohin er mag,  wenn ich im April unter einem blühenden Marillenbaum liege, wenn ich draußen im Regen durch die Pfützen laufe, wenn ich von oben auf die Welt schaue,  während die ersten Schneeflocken unbesorgt um mich herum tanzen… Der Gott einer Nichtgläubigen hat kein Gesicht, kann in einer Kirche oder in einem Gebet nicht entdeckt werden, verträgt keine Ehrerbietung. Er ist die bodenlose Stille in einem jeden von uns.

  • Notizen aus der Quarantäne II

    Notizen aus der Quarantäne II

    Bologna, cara mia Bologna! Ich steige in die Maschine und in weniger als zwei Stunden bin ich da. Ich verschmelze mit den gelb-rot-orangen Bögen über meinem Kopf, die mich auf dem Weg an den Instituten der Università di Bologna vorbei begleiten, werfe einen neugierigen Blick in die kühlen einladenden Innenhöfe. Mitten auf der Piazza Maggiore halte ich inne. Für ein paar Sekunden wird es still, das ganze Getümmel verstummt, es fühlt sich so an, als ob ich genau in dem Augenblick im Mittelpunkt der Erde stehen würde. Die Glocke der Basilika San Petronio reißt mich aus der Zeitlosigkeit und holt mich in die Gegenwart zurück: Es ist punkt 12 Uhr mittags. Und dann sehe ich sie. Sie kommen mir scharenweise entgegen, ihr schallendes Gelächter bröckelt in tausend feine, kristallartige Lichtpartikel von der Zeit ab und sättigt die Luft mit un’emozione felice, schwebendes Gelächter steigt hinauf bis zum 62 Meter hohen Glockenturm der Basilika empor; sie machen einen kleinen Bogen um mich herum, verbeugen sich in einer Révérence vor mir: „Bella! Come stai? Come stai, amore? Ti amooooo!“, höre ich sie im Vorbeigehen, ihre strahlenden Gesichter prägen sich für immer in die Erinnerung ein. „Sempreeee!!!“, ertönt irgendwo da, mitten in der Piazza Maggiore hinter meinem Rücken, „Sempre… sempre… sempre…!“, hallt es in dem von der prallen Mittagssonne aufgewärmten Kopfsteinpflaster wider, während ich mich ein letztes Mal umdrehe… Die Italiener! Zurück zu Notizen aus der Quarantäne I

  • Notizen aus der Quarantäne I

    Notizen aus der Quarantäne I

    Ich mache dieses Fensterlein breit auf, um tief einzuatmen…

    Meine Schritte führen mich in den Stadtpark, lege mich da auf das feuchte Aprilgras hin, die Sonnenstrahlen verfangen sich in meinen Wimpern, blinzle gegen die Sonne, meine Hände berühren das sich noch immer etwas borstig anfühlende Gras sanft, vielversprechend, meine Haare schlingen sich um die Grashalme herum, verflechten sich mit ihnen, die Haarspitzen werden länger und länger, schlagen Wurzeln tief in die hungrige Erde hinein, es riecht nach Magnolien, der Duft ist so betörend, dass es mir schwindlig wird, unter meinem Rücken pulsiert das Herz der Erde – Wärme fließt über meine Arme, über die Ellenbogen hinunter, ein nie aufhörender Strom, tröpfelt auf die Handflächen, rinnt die Linie des Lebens entlang, sammelt sich auf den Fingerspitzen in kleinen Pfützen, verschmilzt mit dem Rot meiner Fingernägel, fängt an zu brennen, wird zu Glut, Rot tropft langsam auf das schlaftrunkene Gras hinunter, wird von der durstigen Erde gierig in großen Schlucken aufgesaugt, tief eingeatmet… erst dann atme ich aus.

  • Ich warte auf sie

    Ich warte auf sie

    Auf die Zeit warte ich, die Minuten erforschend,
    schüttele den Staub von ihnen ab, pudere sie ein bisschen auf
    und entdecke in jeder einzelnen etwas Weißes, etwas Schönes.
    Auf die Zeit warte ich, warte wortlos.
    Dass wir uns mal wieder begegnen – ohne Worte, ohne Streit.
    Dass wir uns mal wieder verzeihen – ohne Trennlinien zu ziehen.
    Auf die Zeit warte ich – jene Januar-raureifweiße, sauber gefegte, leuchtend helle und zärtliche Zeit,
    die Zeit-Mut – die kecke, echte, kühne Zeit –, nicht auf die bedrückte Zeit-ohne-Zeit, die den Nacken beugt.
    Auf die Zeit warte ich – die Zeit-Sekunde, 
    die blitzschnell mit heftigem Getöse das Dunkel spaltet, die Zeit-Fähre, die auf keinen wartet, die Zeit-Schmetterling, die sich auf die Lippen niedersetzt und die Mundwinkel hinunterfließt.
    Es ist weiß. In der frostigen Stille winkt mir meine Zeit zu,
    dann begibt sie sich langsamen Schrittes auf den Weg zu mir. 
    Ich warte auf sie.