Autor: Neli Peycheva

  • Kreide

    Kreide

    Der Kreide-Tag
    rollt auf den Sonnenuntergang zu,
    Kreide-Gedanken verziehen sich im Dunkel,
    Kreide-Menschen setzen Kreide-Schritte,
    malen einen Kreide-Morgen und warten.
    Kreide-Blicke kreuzen sich von Neuem,
    die Kreide in den Augen fängt an zu brennen.
    Die Worte aus Kreide verfliegen,
    ohne eine Spur zu hinterlassen,
    Richtung fabulierte Bahnhöfe.
    Ein erster Regentropfen, ein zweiter…
    Aus Kreide war auch diese Rolle.
    Ich warte auf Regen, Sturm und Donner-Nächte
    und bitte um ein paar Tropfen Tinte.
    Mit Tinte, bitte!
  • Ein Rezept für Glück

    Ein Rezept für Glück

    Vorgestern. Ja, es war vorgestern. Rasha sitzt rechts von mir. Ich schaue auf sie und sie lächelt mir zu.

    „Rasha, du kommst eh jeden Tag mit einem Lächeln auf den Lippen. Was provoziert dieses Lächeln? Wo steckt der Grund dafür? Woher schöpfst du diese Lebensfreude? Sie kommt wohl von innen, das sieht man dir an! Du schaust ja immer so grenzenlos glücklich aus!“ „Weiß ich nicht, so geboren“, antwortet Rasha und lächelt. Seltsam, denke ich mir… „Ist es ansteckend?“, fällt mir ein. Ich lege schnell meine Hand auf Rashas Schulter und mache die Augen erwartungsvoll zu. Rasha lacht. Beim Verlassen des Raumes rufe ich ihr zu: „Und, Rasha, schreib bitte ein Glücksrezept für mich!“ „Mache ich“, erwidert Rasha und ihr Lachen erschallt. „Ich schreibe 20 Seiten! Dann werden Sie viel Stoff zum Lesen haben!“, fügt sie hinzu und lächelt. Am Tag darauf kommt Rasha mit einem wunderschönen Rosenstrauß für mich und Baklawa, stellt sich vor mich hin, schaut mir in die Augen und lächelt mir verschwörerisch zu. „Rasha, was soll denn das sein???“ Ich kann meine Überraschung kaum unterdrücken. „Glück. Ein Rezept für Glück“, flüstert sie mir ins Ohr und lächelt.

    Rasha ist vor 20 Jahren aus Ägypten nach Wien gekommen. Inzwischen ist ihr Mann gestorben. Sie hat sechs Kinder, eine der Töchter arbeitet als Flugbegleiterin bei den Dubai Airlines.

  • Die Zeit erkrankte

    Die Zeit erkrankte

    Die Zeit erkrankte. Ich stelle die Frage:
    Gibt es noch Zeit, um etwas zu wagen?
    Ist da noch Zeit, um aus dem Steigbügel
    aller Täuschungen auszusteigen? Alle Flügel
    zusammenlegen und zu probieren
    sich selbst zu sein? Echt sein? Sich zu riskieren?
    Gibt es noch Zeit oder diese Zeit rennt?
    Gefühle, Gedanken und Menschen verbrennt?
    Ist es an der Zeit, all die Gedanken,
    schwarze, zitternde Gedanken im Wanken
    dringend sofort zu reanimieren?
    Sich selbst zu finden? Sich zu verlieren?
    Kann man Gedanken mit Schere zuschneiden?
    Mit Kerze verbrennen? Gedanken vermeiden?
    Und aus Papier, weiß und durchsichtig,
    neue Geschichte, echter und wichtig,
    ganz neu gestalten: mit einer Handvoll Lügen?
    Mit mehr Wahrheit? Mit zwei, drei Betrügen?
    Damit uns Zeit bleibt. Zeit vor dem Ende.
    Echtzeit für zwei. Für zwei Verblendete.
  • Gurpreet

    Gurpreet

    Bis zu meiner Ankunft hier hieß Gurpreet eindeutig Singh. Erst nach der ersten Stunde, nachdem ich jeden beim Namen aufgerufen hatte, klärte ich endlich auf, dass er mit dem Vornamen Gurpreet, und nicht Singh hieß. Aber damit war die Frage längst nicht erledigt.
    Alle nannten ihn beim Namen Singh, seinem Familiennamen, und sie selbst stellten sich immer mit ihrem Vornamen vor. Das Ganze machte mich sehr stutzig. Zunächst dachte ich mir, es sollten vielleicht irgendwelche religiösen Gründe dahinterstecken, dann habe ich mich jedoch vorsichtig herangetastet: „Gurpreet, können Sie bitte weiterlesen?“ Singh (so, wie ihn alle kannten), der nicht sehr gesprächig war, nickte nur mit dem Kopf. „Was??? Kein Gurpreet, Singh, Singh!“, versuchte man mich von allen Seiten her zu korrigieren. Dass Singh eh Gurpreet war, wollte keiner glauben.
    „Singh heißt eigentlich Gurpreet“, ließ ich die Bombe platzen. „Nein, nein, kein Gurpreet, Singh, Singh!“, gaben die anderen nicht nach. Und wie nur? Zwei Monate lang war er Singh! Singh nannte ich aber hartnäckig von nun an Gurpreet.
    „Singh, sind Sie Gurpreet?“, fragte ich ihn. Gurpreet nickte wieder mit dem Kopf. „Waaaas? Singh, du bist Singh, kein Gurpreet!“ Keiner wollte einen Schritt zurückweichen. Meine Hartnäckigkeit war grenzenlos. Genauso wie ihre. Allmählich, im Laufe des Tages, schlichen sich gewisse Zweifel ein. Alle stellten sich um Gurpreet herum. Dieser und jener stupste ihn mit dem Ellbogen an: „Singh, Singh, du bist Singh, kein Gurpreet, nicht?“ „Ich bin Gurpreet“, antwortete Singh, seiner ganzen Schuld bewusst…
    „Ach so! Ach sooooooooo!“, lief ein langer Seufzer durch den Raum, der Singh den Vornamen zurückholte und somit seine Identität.
    So gab ich Singh seine Identität zurück und er schenkte mir die Farbenpalette. Nie vorher habe ich gedacht, dass es so viele Farben geben könnte. Jeden Tag kommt Gurpreet mit einem anderen Turban – mal hellgrün, mal lila, mal sternenblau, mal orange… Es ist kaum möglich, alle Farben, die er stolz um den Kopf herumgewickelt trägt, aufzuzählen. Besonders mag er aber Lila, Grün und Braun.
    Gurpreet ist vor sieben Monaten aus Indien nach Wien gekommen. Seine Frau, auch indischer Herkunft, ist in Österreich geboren, arbeitet bei DM und kümmert sich sehr gut um ihn.

  • Bleibt gelassen!

    Bleibt gelassen!

    Rote Ballerinas im Einsatz

    Es war an der Zeit, meine treuen roten Ballerinas aus dem Schrank rauszuholen und zu Hilfe zu rufen… Es war einfach so weit. Also schlüpfte ich heute hinein und ging durch die vorzeitig ergrauten Straßen Tarnovos bei fast winterlichen Temperaturen. Ein Schritt, zwei Schritte, drei Schritte, ein Meter, zwei Meter…, langsam übe ich mich im Laufen, nach der 14-tägigen Quarantäne zu Hause. Den ersten Kilometer geschafft. Wie viele Schritte machen einen Kilometer aus? Bergauf am Sexshop vorbei. Ein Blick links ins Schaufenster auf die gefesselten Puppen bestätigt, dass auch sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeengt sind. Oder waren sie es schon immer?
    Wie viele Schritte sind es von hier bis nach Wien? Wenn ich mich beeile, komme ich da im Juni an? Für das Sommerkino? Aus dem Weingeschäft von einem Fass blickt misstrauisch eine porträtierte Schönheit auf die leere Straße und hält Ausschau nach dem Richtigen. Kommt er…? Kommt er nicht…? Nein, meine Liebe, er kommt nicht! Zumindest in den nächsten zwei Monaten nicht! Sie zuckt nicht mal mit den Wimpern. Die Hoffnung stirbt ja zuletzt, sagt man im Volksmund.
    Mein Spaziergang führt weiter durch die Hauptstraße, die immer geradeaus verläuft, keine Abwege, keine Quergassen. Ein gerader geebneter Weg. Immer wieder geradeaus… Wie viele Tage brauche ich, um irgendwann in der Strandbar Hermann anzukommen? Den Sand unter meinen Füßen zu spüren?
    Rechts wirbt der Lametta-Glitzer-Luxus-Highsociety-Shop für Schutzmasken. Die einfachsten wurden da für 6 Lewa verkauft, bei einem realen Preis von 0,60 Lewa, bevor auch er schließen musste. Gibt es denn keinen Verbraucherschutz in diesem Land??? Schutz. Schutz ist ein Fremdwort hier. Wenn man sich schützen will, dann lieber selber, aus eigener Kraft. Good luck!
    Ein Spaziergang durch eine surreale Stadt. Plötzlich gehen meine Gedanken Richtung Fukuyama. Eine Welt ohne Menschen. Habe ich hier schon mal gelebt? Wie ist es dazu gekommen, dass ich mich hier und nicht woanders aufgehalten habe? Wollte ich nicht Diplomatin werden? Und davor… Balletteuse? Der Dessous-Shop soll bis vor zwei Wochen auch Gesichtsmasken angeboten haben, lese ich im Schaufenster. Seine sind jedoch aus Stoff, kosten dementsprechend wahrscheinlich mehr. Unterwäsche braucht ja keiner in diesen Krisenzeiten. Hat vielleicht auch der Agent Provocateur Online-Shop alle Zustellungen eingestellt?
    Da, wo früher ein Schuhgeschäft war, lese ich die Aufschrift: „Koffer im Sale“. Wer braucht bloß noch einen Koffer in diesen Zeiten? Bisher waren es immer die finanziellen Möglichkeiten, die einen von einer Reise abgehalten haben. Nun kann man auch mit voller Geldbörse nirgendwohin reisen. Ich reise jedoch nach wie vor. Im Kopf.
    Bologna, cara mia Bologna! Sind die Tauben auf der Piazza Maggiore immer noch da? Findet die Chocolatier-Ausstellung im November wieder statt? Hat im Sommer der kleine Shop Sacro Cuore Profumi wieder geöffnet? Kann ich da irgendwo die Nachspeise „Die drei Nonnenbrüste“ endlich kosten? Ich halte mal kurz vor dem Souvenirshop gegenüber der Handwerkerstraße inne. Interessant. Ein erster westlicher Hauch ist schon in der Trachtenmode zu spüren, das kann wohl keiner bestreiten! Eines der Oberteile sieht wie ein Korsett aus. Oder habe ich vielleicht etwas von der bulgarischen Folkloretradition verpasst?
    Endlich am Ziel! Im DM-Geschäft angekommen, schaue ich mich schnell nach glutenfreien Produkten um. Zwei Packerl Falafel! Glück gehabt! Wieso hat DM in Bulgarien immer noch keinen Onlineshop? Hier kann man auch Desinfektionsmittel, Einweghandschuhe und Toilettenpapier finden! Reduziert!
    Ich drehe noch zwei Runden um die Post herum und dann geht es wieder zurück. Wenn Ihr glaubt, dass ich allein war, dann irrt Ihr Euch gewaltig. Eine neue Freundschaft entflammte irgendwo in der Mitte der Hauptstraße. Mein neuer treuer Freund begleitete mich den ganzen Weg heim, bis er endlich begriff, dass ich mein Herz einem anderen klaffenden Freund schon geschenkt hatte, nämlich dem, der von der anderen Seite der Steinmauer auf mich wartete. Enttäuschungen sind nämlich keine Seltenheit in Krisenzeiten. Bleibt gelassen!

                                                                                            

  • Wo endet Europa?

    Wo endet Europa?

    Überlegungen in Zeiten des Coronavirus aus dem Balkan

    Irgendwo da, zwischen der Sicherheitskontrolle und dem Gate am Flughafen Wien endet Europa. Zumindest dieses, von dem wir alle träumen.
    Auch die Durchsagen, zwei Meter Abstand zu halten, verstummen da. In der Maschine von Bulgaria Air, dicht aneinander gepresst, werde ich langsam vom bitteren Beigeschmack überfallen: War das nicht doch ein Fehler, ein Schritt in ein feindseliges Territorium? Wo will ich denn hin? Fängt da, in diesem Flugzeug nach Sofia, eine parallele Welt an? Oder kommt man da endlich in die wirkliche an? Meine Tochter drückt sich an mich, da der Mann neben ihr hustet. Bisher hat sie immer Abstand gehalten wegen meiner Autoimmunschwäche und die Nähe zwischen uns war die letzten Tage bis auf Luftküsschen reduziert. Nach kurzer Überlegung wechselt sie den Sitzplatz.
    Am Flughafen in Sofia füllen wir die Erklärungen mit den Personalangaben aus, die einer der Stewards mit eiserner Feldwebelstimme verteilt und uns streng darauf hinweist, dass uns ein Jahr Freiheitsentzug droht und bis zu 5000 Lewa Geldstrafe, falls wir die Quarantäne nicht einhalten. 5000 Lewa? So eine Summe habe ich noch nie in meinem Leben gesehen, die flößt ja richtig Respekt ein! Da sehe ich gleich das folgende Bild: Ich – nein, nicht gerade ich, sondern mein anderes Ich bricht von zu Hause aus. Und da mein Ich die 5000 nicht zahlen kann, verbringe ich das nächste Jahr in einem bulgarischen Gefängnis. Werde ich da einen Laptop haben? Zumindest Papier zum Schreiben? An den Rest seiner Worte erinnere ich mich kaum. Es ist seine Stimme, die tief eingeprägt bleibt und mich an die Zeiten einer Diktatur erinnert, als das Menschliche zu Tode verurteilt war. Wir warten. Warten wir auf Godot? Wir warten ungefähr zwei Stunden, bis die Erklärungen eingesammelt werden und unsere Temperatur wortlos gemessen wird. Ich friere. Mir ist kalt, nicht nur wegen der Außentemperatur von 0 Grad. Mir ist kalt ums Herz. Und es ist mir schon scheißegal, ob ich krank oder gesund bin, ich will nur nach Hause. Vergebens suche ich nach einem Funken in den Augen. Das Gefühl, ohne Schuld eines Verbrechens bezichtigt zu werden, schleicht sich langsam durch. Gegen 4.30 Uhr in der Früh erreichen wir endlich Veliko Tarnovo.
    Es stimmt schon, was man hier im Volksmund sagt: Mein Haus ist mein Tempel. Zu 90 % besitzen die Menschen Eigentum und fühlen sich da sicher und geschützt. Sicherer als woanders, in einem Staat, der keinen Schutz bietet. Auch ich verspüre gar keine Lust, meine vier Wände zu verlassen. Nun habe ich endlich viel Zeit, mich an die Wand zu stellen: sowohl über Vergangenes als auch über Künftiges nachzudenken…
    Reich? Nein. Ich war nie reich und werde nie reich sein. Oder doch? Nein, das ist doch klar und gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit für alle, die wie ich aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich kommen. Selber schuld. Vor vielen Jahren, mit 17, als mir der Titel Schönheitskönigin vor 4000 Anwesenden im Kulturpalast in der Hauptstadt verliehen wurde und ich erst ein Jahr später feststellen musste, dass ich den Preis von den damaligen 35 000 Lewa, vorgesehen für mein Studium in Deutschland, nie bekommen würde, wurde mir von der Stellvertreterin des Sparkassenvorgesetzten in Sofia ein Deal angeboten: ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. In dem Fall hätte ich als ausgezeichnete Schülerin Stipendiatin der Sparkasse werden können, mit guten Chancen am gegenwärtigen Arbeitsmarkt. Das Angebot lehnte ich ab. Träume gegen einen Deal aufzugeben? Niemals. Also selber schuld.
    Da erinnere ich mich etwa daran, wie ich mir vor ein paar Jahren als schon mehr oder weniger Etablierte in meinem Beruf zwei Exemplare meines Lehrbuchs kaufen sollte, das im Uni-Verlag erschienen war. Von Honorar war gar nicht die Rede. Wörterbücher verfassen? Um der Sprache willen, um eine Spur zu hinterlassen. Vier Jahre in ein Buch investieren, um dann festzustellen, dass es hier fast keine Verbreitung finden würde, da es auf Deutsch geschrieben war. Dabei immer von einer Kraft nach vorne getrieben, die Berufung genannt wird.
    Bücher. In einer Zeit, in der man hierzulande vor allem ans Überleben denkt. Wann wird die Zeit kommen, in der ein immaterielles Produkt einen genauso hohen Stellenwert haben wird wie ein materielles? Welche Überlebenschancen hätten Bücher hier? Und was wird nun mit all jenen, deren Arbeit nicht an etwas Materiellem, sondern eher an einem geistigen Produkt gemessen wird? Da muss ich von vornherein deutlich machen, dass weder Geisteswissenschaftler noch Freiberufler noch Kulturschaffende hierzulande mit Unterstützung seitens des Staates rechnen können. Es ist mir auch nie durch den Kopf gegangen, im Falle einer Arbeitslosigkeit zum Arbeitsamt zu gehen, da man mit dem Arbeitslosengeld sterben, aber nicht über die Runden kommen kann.
    Wieso habe ich das Gefühl, dass ich an einem Ort gelandet bin, wo ich nicht genau weiß, wovor ich mich mehr fürchten soll? Vor dem Coronavirus oder vor der Zukunft? Das, was mir am meisten Angst einjagt, ist die schwindende Menschlichkeit. Für ihr Fehlen habe ich leider sehr feine Rezeptoren.
    Die Überzeugung, dass das Land in puncto E-Government massiv hinter der allgemeinen europäischen Entwicklung hinterherhinkt, wurde jedoch in Zeiten des Coronavirus von Grund auf erschüttert, als ich in den Nachrichten gesehen habe, wie Menschen in einem der Romaviertel mithilfe von Drohnen aus der Luft darauf aufmerksam gemacht werden, Abstand voneinander zu halten. Dass hier keiner eine Gesundheitskarte hat und es unmöglich ist, online Rezepte zu bestellen oder den Arzt zu kontaktieren, wurde dann irgendwie ausgeblendet! Letztlich will man an das Gute glauben!
    Bei Fernsehinterviews halten sogar prominente Journalisten keinen Abstand zu den Menschen, von den Menschenmassen gar nicht zu reden. Und vorgestern erschienen zwei Abgeordnete im Parlament in Schutzkleidung, außer dem Romaviertel Stolipinovo sei das Parlament nämlich der einzige Ort, behaupteten sie, der sich an die Vorschriften im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie noch nicht halte. Das darauffolgende zweistündige Debattieren war alles andere als ein Zeichen der Solidarität. Bleibt das bulgarische Parlament das einzige europaweit in diesen schweren Zeiten, frage ich mich, in dem die Abgeordneten ihre persönlichen Interessen über die nationalen stellen und alles dermaßen persönlich nehmen, dass sie fast vergessen, warum sie vom Volk gewählt worden sind?
    Heute endlich nach glutenfreiem Brot gefragt, da das Baguette, das ich mir am Flughafen Wien kaufte, bald zu Ende ist. Nein, so was gibt es hier nicht. Aber glutenfreies Mehl kann man bei Metro finden, beruhigte mich eine Bekannte. Von laktosefreien Produkten weiß sie noch nicht so genau. Zum Glück gibt es nun genug Online-Videos, vielleicht kann ich inzwischen auch einen Online-Kurs im Brotbacken absolvieren!
    Nicht vor dem Verhungern habe ich Angst, sondern vor der geistigen Verarmung.
    In solchen Zeiten, sagt man aber, muss man mit beiden Füßen fest am Boden bleiben. Morgen fange ich also mit dem Hometraining an. Zumindest Muskeln kann ich eines Tages der Welt zeigen, nach dem Abklingen der Krise, wenn ich bis dahin in meinem Mut geschwächt bin.
    Ich richte den Blick hoch in den azurblauen Märzhimmel. Was bleibt mir also übrig? Mich in meine Welt hinter meine vier Wände zurückzuziehen und von einer guten Zukunft zu träumen. Das Träumen kann mir ja keiner wegnehmen.