Kategorie: Begegnungen

  • Das Leben ist lebenswert

    Das Leben ist lebenswert

    „Wie alt schätzen Sie mich? Sagen Sie mal!“

    „70.“

    „Nein! Ich bin 86! Keine Medikamente, keine Therapien, fühle mich topfit.“

    So komme ich ins Gespräch  mit der Dame, die auf der Bank neben mir vor der Kaiservilla sitzt. Mit ihrem geblümten rosa-hellgrünen Kleid mit Puffärmeln fällt sie sofort ins Auge. Ich mache ihr ein Kompliment. Sie bedankt sich strahlend und nimmt ihre Sonnenbrille ab. Ich hingegen blinzle gegen die Sonne, da ich meine vor ein paar Wochen in Sevilla verloren habe, das macht mir aber nichts aus, ich genieße es.

    Dann erzählt sie mir, dass sie auf ihre Familie warte, ist aber als Erste losgegangen, um sich von alldem Vorbereitungsstress vor dem Fortgehen zu schonen. Vor der Kaiservilla in Bad Ischl findet gerade ein Weinfest statt. Alkohol hat sie nie im Leben getrunken. Es wundert sie sehr, wenn sie die jungen Mädels betrachtet, die gar nicht auf die Figur aufpassen, so was wäre für sie unzulässig – woraufhin sie sich aufrichtet und mir ihre Figur vorzeigt. Sie ernährt sich ausschließlich gesund. All die Würsteln, die an den Ständen rund herum angeboten werden und so unwiderstehlich riechen, interessieren sie nicht. Da bin ich am heutigen Abend also nicht allein! Sie trinkt höchstens – so, wie ich – ein Mineralwasser. Und auch wenn sie mal samstags zum Zauner geht, oder unter der Woche, wie gestern, als sie ein wunderschönes Dirndl getragen hat, bestellt sie nichts zum Essen, sie nimmt nur einen Tee. Da ist ja so viel Fett drinnen, in all diesen süßen Versuchungen! Ich erzähle ich von meinem Fasten, wie ich feststellen musste, dass Essen nur eines von vielen ist, die wir „Nahrung“ nennen, viel mehr brauche ich Sonne, Wind, Regen, Luft, Schlaf… Da stimmt sie mir völlig zu.

    Uns vereint auch die Liebe für die Schauer Mode, den Designer, von dem ich mir letztes Jahr das Sisi-Dirndl gekauft habe. Dort kauft sie auch regelmäßig ein.

    „Beobachten Sie die Männer!“, ruft sie mir zu. Von allen Anwesenden hat sie keinen einzigen Attraktiven gesehen. Nach 30 min kann man zusehen, meint sie, wie sie sich wankelnden Schrittes auf den Weg nach Hause machen, der Bierbauch allem voran. Bei dem Bild muss ich schmunzeln.

    Wie denkt sie über die Lederhose? Wenn ein Mann eine gute Figur hat, einen flachen Bauch, muskulösen Körper, gut gestylt und gepflegt ist, und dazu noch ein Messer hinten eingesteckt ist, dann sieht er selbstverständlich auch in einer Lederhose gut aus! Ihre Ansprüche sind hoch, gibt sie zu, und gesteht mir, so nebenbei, dass sie einen Freund hat – wenn sie ihn anruft, kommt er, wenn sie ihn nicht anruft, kommt er nicht. „Ein Mann auf Bestellung!“, lächele ich ihr zu. Schön, nicht?

    Dass Männer heutzutage nicht monogam sind, weiß sie ganz gut. Auch ihr Freund trifft andere, jüngere Frauen, wenn er aber zu ihr kommt, gehen beide in die Sauna und er ölt sie ganz schön ein, vom Kopf bis zu Fuß, danach macht er eine Flasche Champagner auf und sie genießen den schönen Ausklang des Abends.

    Diskriminierung ist nach wie vor aktuell, ist sie ganz meiner Meinung. Frauen verdienen nach wie vor um die 30% weniger als Männer.

    Was will ein Mann? Angebetet werden! Bestätigung für seine Einzigartigkeit! Aber wie geht das, wenn Frauen häuig mehr, viel mehr als Männer leisten und größere Erfolge erzielen?

    Ich frage sie, wie das Gefühl ist, hier, an diesem bezaubernden grünen und ruhigen Ort geboren und aufgewachsen zu sein. Wunderschön! Ihr Rezept für Jungsein? Kein Jammern, immer positiv bleiben.

    Ob sie vielleicht Angst vor dem Tod hat? Überhaupt keine. Weil sie ein schönes erfülltes Leben hinter sich hat. Irgendwann bleibt das Herz einfach stehen. Was sie sich für die Zukunft wünscht? Bis 90 am Leben zu bleiben. Denn das Leben ist lebenswert.

  • Wenn im Raum, genannt Mikrowelt, die Hysterie die Oberhand gewinnt

    Wenn im Raum, genannt Mikrowelt, die Hysterie die Oberhand gewinnt

    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht

    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble

    In Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz. In Kooperation mit Werk X. In Wien noch am Sa. 3. Juni und So. 4. Juni jeweils um 19:30 Uhr im Werk X, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien zu sehen.

    Wie in allen bisherigen Aufführungen vom mehrfach preisgekrönten aktionstheater ensemble, das ich seit 2018 begleite, geht es auch bei der Neuinszenierung Morbus Hysteria um einen Paradigmenwechsel. Deutungsversuche, Wichtigtuerei, Belanglosigkeit – Phänomene der Einkapselung in der kleinen eigenen Welt werden witzig-ironisch und pointiert zur Schau gestellt.

    „Wie betreten den Raum!

    Mit diesen Worten treten Thomas und Kirstin auf die Bühne auf, ihre Schritte sind vorsichtig, ängstlich erforschen ihre Blicke die Umgebung, betasten den Raum, der, wie sich später herausstellt,  ihre kleine Mikrowelt, in der jeder befangen ist, symbolisieren soll. Die Farben auf der Bühne sind schwarz-weiß, Schwarz-weiß tragen auch die Darsteller:innen. Die Projektionswänden rund herum spiegeln Bäume wider – Die grünen Wälder Österreichs? Die österreichische Gesellschaft selbst, in der Funktion des teilnahmslosen Zuschauers? -, durch die ein leichter Wind weht; sie umgeben die Bühne, einem Schutzzaun ähnlich, und werden Zeugen von dem, was sich da gerade ereignet.

    Typisch österreichisch: Jeder hat den eigenen Rhythmus

    Gleich zu Beginn wird das Thema über die interkulturelle Kulturvermittlung und den Deutschunterricht für Migrant:innen eröffnet, und in diesem Zusammenhang auch die Frage gestellt, was man als österreichisch bezeichnen kann. Spielerisch – mit Körperteilen -, meint Kirstin, kann österreichisches Deutsch unterrichtet werden (für Deutschehrer:innen in Albanien), indem man vier Körperteile nacheinander in einen Rap-Rhythmus integriert. Was ist dabei das typisch Österreichische? Dass jeder einen eigenen Rhythmus findet, erklärt Kirstin, und zeigt es vor, das Traurige trifft auf das Komische. Auch die Darsteller:innen haben ihren eigenen Rhythmus – jeder/jede nimmt sich unglaublich wichtig, besteht auf die eigene Richtigkeit, doch der Rhythmus ist das ,was sie eben vereint: der ausschließlich auf sich selbst gerichtete Blick. Immer wieder werden die gleichen Rapp-Schritte eingesetzt, immer im gleichen Rhythmus, durch die kräftigen Beats der Musik unterlegt. Ist nicht der gleiche Rhythmus vielleicht das, was uns, von den Banalitäten der kleinen Mikro-Welt getrieben, vom Wesentlichen – den Versuch, einen gemeinsamen Rhythmus auf der gesellschaftlichen Bühne  zu finden – ablenkt? Ob der Apfelstrudel – „eine österreichische Köstlichkeit“ (Benjamin) oder die Spätzle – „das Hitlermenü“ – auch als typisch österreichisch gelten? Die Verweise treffen auf die richtige Stelle.

    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Diversität: „sichtbar und unsichtbar“

    Dass Diversität  mithilfe einer App berechnet werden kann, die die Laute, die Tiere von sich her geben, in unterschiedlichen Ländern lautmalerisch demonstriert,  wie etwa von einem Pferd oder einem Frosch, und dass es auch dabei Unterschiede geben kann, erzeugt ein komischer Moment, bei dem das Publikum in lauter Gelächter ausbricht. Weiter vertieft man sich in Versuchen, die eigene Empathiefähigkeit ganz vorne hinzustellen und als Fahne vor sich zu schweben, sucht man nach ihrem Gegenteil, philosophiert über die Funktion vom Dirndl, eigentlich von Juden erfunden (Dirndl mit 16?), lenkt so nebenbei den Blick auf die Schwachstellen des Feminismus („Das hat schon EINE FRAU gesagt.“). Als Benjamin Meryl Streep zitiert: „Du lebst in diesem Land und muss für diesen Privileg zahlen“, stellt man sich unumwunden die Frage, inwiefern dieses Statement gerechtfertigt ist bzw. wie hoch dieser Preis sein muss. Dass sich Thomas Diversität im Theater wüscht – ein neues Männerbild, von Sensibilität geprägt, und er dabei letztlich ausrastet, lässt einen nachdenken: wie ist er eigentlich, der Mann von heute? Auch ein anderer wichtiger Moment, nämlich die Judenproblematik, wird pointiert von Thomas in den Mittelpunkt gestellt (das Restaurantgespräch, das vom Nebentisch belauscht wird). Das Thema vom jüdischen Humor wird dann von der wunderbaren Tamara aufgegriffen, die sich als lustig findet und als solche wahrgenommen werden will, was aber einen lustig-tragischen Moment erzeugt, und sie letztendlich in Tränen ausbricht. Eine vielschichtige Darstellerin, die innerhalb von wenigen Sekunden verschiedene Stimmungsnuancen auf die Bühne bringen kann. „Sing Tamara“, sagt Benjamin zu ihr, „das Singen ist ein starkes Ausdrucksmittel.“

    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Auf der Suche nach der Identität

    In Pop-Ups, erzählt der großartige Benjamin, den wir nicht nur vom Theater, sondern auch von seinen zutiefst rührenden Jacques Brel-Auftritten kennen, gibt es Menschen, die sich als Tiere empfinden, und etwa mit „Wolf“ angesprochen werden möchten. Die Suche nach der Identität scheint völlig auf dem Holzwege geraten zu sein, Menschlichkeit tritt auf Kosten von tierischen Zügen zurück. Die Spannung auf der Bühne wird einen Schritt nach dem anderen dermaßen gesteigert, dass im nächsten Moment Benjamin und Thomas dem tierischen Trieb nachgeben und aufeinander auf der Bühne liegen – das Ganze mündet in einen tierischen triebhaften Kampf, ein Ringen, das ins Bodenlose führt. Und wenn alle Worte verstummen und sich überflüssig erweisen, kommt es tatsächlich dazu, dass Tamara sich vor das Mikro hinstellt und ihre starke, klare, gefühlsbetonte Stimme den ganzen Saal einnimmt – „So sad…“ –, bis die Hysterie wieder die Oberhand gewinnt und das alte Spiel von Neuem beginnt. „Ihr seid so extrem…“, macht Manuela so nebenbei die Bemerkung. Somit knüpft sie an das Thema Rechtsextremismus an. Um das richtige Maß muss es gehen, betont sie, die Balance, die Mitte muss man finden: wenn man einem was Schlechtes antut, muss es für diesen Menschen als Ausgleich aus was Gutes tun. Bitter-traurig fühlt sich diese Aussage an, die die die Verschlossenheit der eigenen kleinen Welt widerspiegelt und den Weg für einfache Manipulation aufgrund von Fehlinterpretationen zeichnet.


    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    „Ich nehme immer nur von den Großen“

    Soziale Ungerechtigkeit, oder genauer das Fehlen einer solchen, ist ein weiterer pointiert auf die Bühne dargestellter Moment. Lustig-ernst klingt Manuelas Erzählung, wie sie beim Einkaufen falsche Produkte an der Selbstbedienungskassa einscannt und dafür teurere in die Tasche legt. Ihr Protest. Es ist kein Stehlen, sagt sie, da sie immer nur von den Großen nimmt, und nie von den Kleinen, sie verteile es einfach um.

    In der letzten Szene scheint die Hysterie alle niedergeschlagen und alles um sich herum verwüstet zu haben. Nur die klaren, einem unter die Haut gehenden Klänge der Musik steigen empor. Sie ähneln die Ankündigung einer Katastrophe und zugleich einem Hilferuf, der von der Erde Richtung Himmel gesendet wird, einem SOS-Signal.

    Ein Abend, der lange nachklingt. Intensive Eindrücke, die sich zutiefst einprägen, Bilder, Phrasen, Verweise, Stimmungen, in deren ganzen Nuancen-Palette, die man mitnimmt. Momente der Aufrichtigkeit, die einem zutiefst erschüttern, unbequeme Fragen, die durch ihre Brisanz durchstechen. Banalitäten, die die Tragikomödie des Alltags in der kleinen Mikrowelt, ausmachen. Orientierungslosigkeit und die Frage: Was ist Österreich? Fulminantes Spiel, bei dem die Hysterie einer Gesellschaft auf den Höhepunkt gebracht wird.

    Für Euch gesehen und erlebt.

    Eure Neli Peycheva

     Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne/Kostüme: Valerie Lutz| Video: Resa Lut | Musik: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Pete Simpson | Regieassistenz: Johny Ritter| Medienkontakt: Gerhard Breitwieser

    Mit: Michaela Bilgeri, Thomas Kolle,Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek

    Live-Musik: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Pete Simpson

    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht


    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble

    In Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz. In Kooperation mit Werk X


    Uraufführung: Di. 30. Mai 19:30 Uhr

    Do. 1. Juni, Fr. 2. Juni, Sa. 3. Juni und So. 4. Juni jeweils 19:30 Uhr 

    im Werk X, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien

    Karten (öffentlich): reservierung@werk-x.at, T +43 1 535 32 00-11, werk-x.at
    www.aktionstheater.at

  • Sie

    Sie

    Die Tür öffnet sich und sie stellt sich in den Türrahmen. Sie, genau sie. Mit high heals, schön gestylt, elegant, umwerfend! Echt. Ich traue meinen Augen nicht. Halte inne und frage sie leise: Snezhi, bist du denn das? Woher kommst du? Wo warst du denn die ganze Zeit?

    Und sie erzählt mir, dass sie eh nie gegangen ist. Wir haben uns einfach eine Weile nicht gesehen. Auch sie habe mich sehr vermisst. Und nun solle ich alles schnell einpacken, sie sei ja wegen mir gekommen, um mich abzuholen. Ich mache alle Kästen auf und fange an auszuräumen. Nichts von dem, was da ist, brauche ich. Alles schmeiße ich weg. Nichts nehme  ich mit. Sie sagt zu mir, das sei nicht mein Ort.

    Ich höre ihr zu und weine.

    Frage sie, ob sie morgen wieder kommt. Und sie beruhigt mich, alles werde so sein wir früher, wir würden wie früher, über der Kaffeetasse gebeugt, über alles auf der Welt sprechen, über wirklich alles. Nie würden wir uns trennen. Nun müsse sie gehen, aber nur für ein paar Stunden, nur bis zum Ende der Nacht.

    Ich höre ihr zu und weine, und weine.

    Zur Morgendämmerung ist sie tatsächlich wieder da, steht im Türrahmen. Echt und unverfälscht. Einfach sie. Wir werfen einen letzten Blick auf alles rund herum – den leeren Raum, den Kleiderkasten, die Schränke. Nur mich selber solle ich mitnehmen, flüstert sie mir zu. Alles andere schmeiße ich weg. Und wir gehen los. Sie und ich.

    Und ich weine, und weine, und weine.

    Vor Glück.

    Ich wache auf. Der Traum ist noch immer da, und sie ist da. Und sie bleibt.

    Ein Blick in den Kalender zeigt: Der 18.02. war in Bulgarien Totentag. Zum ersten Mal in meinem Leben merke ich mir das Datum.

  • Da, wo alles beginnt und endet

    Da, wo alles beginnt und endet

    „Und die Zufälle ließen sich wie Vögel auf ihre Schulter nieder.“ Milan Kundera

    Begrüßen, da sein, ohne anzukommen, offen sein, präsent sein, mit der Umwelt verschmelzen, da sein, und nicht da sein, ständig unterwegs sein, ohne je abreisen zu können, mit der Zeit um die Wette rennen… Denken und nicht denken, spüren, Lichtmomente unter die Haut gehen lassen…

     Aufwachen…

    Vor dem ersten Sonnenkuss aufwachen… Bissige eiserne Schneeflocken auf den Wangen zur Morgendämmerung, Schnee auf der Handfläche schmelzen und durch die Finger verrinnen lassen, den Schnee bei jedem Schritt knistern hören, vom Schnee verblendet werden und sich im Dunkeln verlaufen, die beschlagenen Fensterscheibe mit dem Handrücken abwischen, in die Dunkelheit starren, in Geduld üben, warten, und nicht warten wollen, gegen sich kämpfen, sich selbst besiegen, da sein, sich spüren, sich fragen und sich das Fragen verbieten, warten…

    Streicheln…

    Die Baumwipfel streichen, den ganzen Ring entlang, hinter den Regenwolken immer wieder nach der Sonne suchen, die Regentropfen schmecken, an Goethe vorbeisausen, sich verabschieden, umarmen und wieder loslassen, an nichts klammern, nichts haben wollen, und alles in sich tragen, hier sein und dort sein, tief einatmen, die Luft anhalten, den Augenblick ausdehnen, schwimmen, unermüdlich schwimmen bis ans andere Ufer, wo alle Projektionen angeschwemmt sind, bis ans Ufer, das sich erst später als eine Illusion entpuppt, eintauchen, nach Luft ringen, die erfrischende Kälte der regennassen auf dem Rücken ruhenden Haare wahrnehmen, Wassertropfen die Wirbelsäule entlang hinunter rinnen spüren, am Leben sein, aufschreien…

    Lachen…

    Viel und herzlich lachen, von Lichtmomenten durchstochen werden, Lichtmomente sammeln, sorgfältig in der linken Herzkammer lagern; Röntgenblicke sammeln, tiefe Blicke sammeln, vielversprechende Blicke sammeln, Menschen sammeln, Worte sammeln, Berührungen sammeln und in der rechten Herzkammer aufstauen, Wärme für den nächsten Winter sammeln und im rechten Vorhof des Herzens parat halten, nicht denken, keine Fragen stellen, das, was ist, zulassen…

     Tanzen…

    Bis zur Morgendämmerung tanzen, wild tanzen, bis man blind vom Tanzen wird, und auch dann nicht aufhören wollen, sich selbst vergessen, die Welt vergessen, eins mit allen und allem werden, den Ort, wo man ist und wo man glaubt zu sein, in tausend Bruchstücke zerschmettern, sie in Sternenstaub zermahlen, eine Handvoll davon in den sternenklaren Himmel hineinpusten, die Arme ausbreiten, hochheben, sich drehen, sich im Kreis drehen, bis einem schwindlig wird, den Körper sprechen lassen…

    Rennen…

    Vom Morgen wegrennen, vom Gestern wegrennen, die Vergangenheit auslöschen, die Zukunft ausblenden, sich gegen Vergangenes und Künftiges abschirmen, Raum fürs Jetzt frei schaffen, diesen Raum mit Sinn ausfüllen, eine Prise Wachsamkeit dazutun, mit Freude ausfüllen, mit Entschlossenheit würzen; das Jetzt geschehen lassen. Von der Enttäuschung wegfliehen, gegen böse Blicke dreimal vor sich hin spucken, sich vor den Besserwissern schützen, taub für dunkle Vorhersagen sein, nicht glauben, niemandem glauben, nichts glauben, sich selbst vertrauen. Flattern, im Jetzt flattern…

     Abschiede hassen. Abschiede meiden. Sich nicht verabschieden wollen. Immer wieder zurückkommen.

    Wien, am 12.08.2018

  • Die Leiter als Symbol

    Die Leiter als Symbol

    „Zwei Zitronenfische und andere Sehenswürdigkeiten“, Florentin Scheicher ( http://Florentin Scheicher), ab 12.05. in der Kolonie 5

    „Sind Sie der Künstler?“, frage ich den sympathischen jungen schwarzlockigen Mann in der kleinen Galerie Kolonie 5 in der Hamburgerstraße in Wien, die an diesem warmen Maiabend ihre Türen für die Kunstliebhaber wieder geöffnet hat. „Ja, ich bin’s.“

    Heute Abend hängen an den Wänden in der Kolonie 5 die Bilder von Florentin Scheicher.

    Ich führe ihn bis zum großformatigen Bild mit der schlanken Leiter drauf, vor der ich mich vorher nachdenklich aufgehalten hatte. Mich interessiert, wohin sie denn führen könnte. Ich schaue mir das Bild noch ein paar Minuten prüfend an und bin in Gedanken bei Georg Hennig, dem Geigenmeister, der zwischen den Seiten von Viktor Paskovs Migranten-Roman „Ballade für Georg Hennig“ zum neuen Leben erweckt wurde. Für den Protagonisten Georg Hennig stellt die Leiter nämlich eine Verbindung zum Gott dar – den Pfad zwischen der Kunst und dem Göttlichen, erinnere ich mich.

    Für den jungen Künstler führe die Leiter auf seinem Bild „Gedeihen und Gedingen“ außerhalb des abgebildeten Raums hin, es stehe fürs Verlassen des Raums und in dem Sinne – für den Weg zum Spirituellen. Ich frage ihn, ob seine Bilder tatsächlich nur eine Fantasiewelt wiederspiegeln, wie es in der Ankündigung zu lesen ist. Nein, zweifelsohne hätten sie ihre Entstehungsgründe in der Wirklichkeit.

    Lieblingsfarbe? Petroleum. Auch im Alltag, nicht nur in den Kunstwelten. Und überhaupt, er möge die Kontraste. Auf dem Spiel zwischen den Kontrasten bauen auch seine Bilder auf. Die andere Leidenschaft, für die der Künstler brennt, sei die Musik.

    Wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, möchte ich immer wissen, was dem Menschen unentbehrlich im Leben ist – so nehme ich den kürzesten Weg, denke ich, um jemanden kennenzulernen. Für Florentin Scheicher ist die Zeit unentbehrlich, in der er sich in sich zurückziehen und mit sich selbst alleine bleiben kann, um über einiges zu reflektieren. Und unentbehrlich in der Kunst? Das sei ja die Möglichkeit zur Selbstreflexion sowie die Chancen, durch seine Kunst zu den Menschen zu gelangen, sie zu berühren und anzusprechen. Auf meine Frage, ob Kunst auch politisch sein sollte, antwortet der junge Künstler, dass jede Kunst an sich ein Ausdruck einer Meinung – ein Statement – sei, was sie gleich auch politisch mache, doch seine Werke hätten eher wenig damit zu tun.

    Eine Frage noch drängt sich noch auf und gibt mir keine Ruhe, bevor ich mich verabschiede, möchte ich noch gern wissen, was die Kunst heutzutage brauchen würde, um zu überleben – Self-Promoting, lautstark werden, nach neuen Wegen zu seinem Publikum suchen oder was anderes. Was sie keinesfalls bräuchte, meint Florentin, sei einen Krieg. Denn ein Kriegsausbruch bedeutete in derselben Sekunde auch ein Leiden für alle Kunstschaffende.

    Florentin Scheicher studiert an der Angewandten in Wien und ist vielleicht einer der wenigen Künstler, die um der Kunst willen malen, ohne durch die Kunst ein konkretes Ziel erreichen zu wollen. Vielleicht liegt es an seiner Jugend, wer weiß, oder auch eben daran, dass Kunst immer eine Prise Verrücktheit gebraucht hat und auch immer brauchen würde, um sich manifestieren zu können.

    Unterwegs für Euch –

    Eure Neli Peycheva

    #kunst, #kolonie5, #florentinscheicher