Kategorie: Das Universelle

  • Die Himmelsleiter hinauf: Eine Erinnerung an meine Mutter

    Die Himmelsleiter hinauf: Eine Erinnerung an meine Mutter

    Über Verlust, Rettung und die zarte Verbindung zwischen dem Dies- und dem Jenseits

    Genau vor einem Jahr ist meine Mutter von uns gegangen. Ich konnte sie nicht retten. Zwar wusste ich, dass Menschen sterben und diese Welt verlassen, doch hatte ich den Tod immer als etwas Fernes, fast Unwirkliches empfunden – so wie damals, als unsere Vermieterin starb und ich gerade einmal sechs Jahre alt war. Das erstarrte Wesen, das alle beweinten, war Lichtjahre von mir entfernt. Erst als meine Mutter ging, wurde der Tod für mich greifbar und real.

    So zerbrechlich wie eine Wachsfigur lag sie im Krankenhausbett, mit dem Zopf, den ich ihr geflochten hatte, und stellte immer wieder die Frage, wann wir endlich nach Hause gehen würden.

    Mama, weißt du, wie schön du bist!

    Mama, hast du Schmerzen?

    Mama, atme – bitte atme tief ein!!!

    Mama, nur noch ein wenig, dann gehen wir. Bald.

    Meine Mutter hat Krankenhäuser ihr Leben lang gemieden und stets gefürchtet, jemals in einem zu landen. Nichts erschien ihr schlimmer als dieser Gedanke. Doch diesmal bestand ich darauf, sie dahin zu bringen – in der Hoffnung, sie dort retten zu können. Wir würden gemeinsam hineingehen und auch gemeinsam wieder hinausgehen, hatte ich ihr versprochen. Kurz vor ihrer Entlassung stieg sie still und leise die Himmelstreppe hinauf – so leicht, fast unmerklich, glitt sie zu den funkelnden Sternen, ließ das Leben mit einer Tapferkeit los, die ich ihr nie zugetraut hätte. Dabei hatte sie doch solche Angst vor dem Tod!

    So hatten wir es nicht abgemacht, Mama. Ich hatte Pläne für uns beide.

    Ich hatte ihr versprochen, wir würden zusammen nach Hause gehen. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mein Wort nicht halten: Ich konnte sie nicht retten.

    Seit diesem Tag verspüre ich den unaufhörlichen Drang, zu retten. Ich eile wie ein Wirbelwind zu den Schaukeln im Park neben der Schule, wenn ich mit meiner Klasse dort bin, allen voran, nur um sicherzugehen, dass die kleinen Kindergartenkinder nicht von meiner ausgelassenen Schar wie Federchen fortgetragen werden. Stürzt jemand zufällig, eile ich sofort zu Hilfe. „Tut es weh?“ Wenn ein geliebter Mensch erkrankt, lasse ich alles andere liegen und schlüpfe gedanklich in den weißen Kittel. Dann spüre ich, wie alles andere an Bedeutung verliert, wie mein Körper leichter wird, als ob ich nicht mehr auf dieser Erde, sondern näher an jener anderen Welt wäre – der Welt des Feinstofflichen, des Unausgesprochenen, des universell Verbindenden. Hätte ich die Kraft, würde ich neun Berge überqueren, aus neun Brunnen Wasser holen – wie es in der bulgarischen Folklore heißt –, ein Wunder vollbringen, nur um zu retten. Wenn ein Freund in Not ist, suche ich nach einer Lösung – entwirre Gedanken, verbringe schlaflose Nächte, bis ein Lichtschein sichtbar wird. Wenn jemand weint, trockne ich seine Tränen.

    In solchen Momenten werde ich vom Wunsch getragen, das Leid in dieser Welt zu verringern, in der es doch eine stetige Konstante ist.

    Stolz.

    Ich lege meinen Stolz auf die Waagschale, die Zeit, die mir davonrinnt, die Kräfte, die mir geblieben sind und wiege sie gegen das Leid. Die Waage neigt sich: Dürfte ich noch hundertmal neu entscheiden, würde ich immer wieder den Menschen mit all seinen Stärken und Schwächen über den Stolz stellen und alles geben, nur um jemanden retten zu können. Ich schlucke meinen Stolz hinunter, halte die Zeit an, lege meine Rüstung an.

    Es schmerzt mich um die Menschen. Ich sehe sie – zerbrechlich, verzweifelt, verhärtet, von Schmerz gezeichnet, umherirrend – und ich möchte sie retten. Ich möchte sie retten in diesem einen so kurzen Leben. Jetzt. Bevor auch ich die Himmelsleiter emporsteige. Doch erst kürzlich habe ich erkannt, welch große Illusion dieser Wunsch ist. Es fällt mir schwer, es sogar zuzugeben: Ich kann niemanden retten. Manchmal wollen Menschen auch gar nicht gerettet werden.

    Für die Seele meiner Mutter habe ich die Augustinerkirche in Wien gewählt – weiß, zart, zerbrechlich und lichtdurchflutet, so wie sie selbst. Dort könnte sie ihre Flügel ausbreiten und frei zwischen den Welten schweben, zwischen Diesseits und Jenseits. Ich suche sie im Kerzenschein, im Licht. Oft stelle ich mir vor, sie sei nun ein Vogel – so fühlt es sich an.

    Mama, Mama, bist du es?

    Sie kommt zu mir, besucht mich, vergisst mich nicht – sie hat mir ja versprochen, immer bei mir zu sein. Von ihr geblieben sind mir ihre Schreibmaschine und ihr Telefon – ihre Verbindung zu den Menschen und zu mir. Nun muss ich aufbrechen. An diesem vierten November habe ich ihr so viel zu erzählen.

    Eure Neli P

  • I believe in Engels

    I believe in Engels

    Eine wahre Geschichte

    Ihr Name beginnt mit dem ersten Buchstaben des Alphabets. A ist der Anfang. Und sicherlich war ihre Patin ein Engel, denn sie wurde Angelina genannt. Zu Beginn des Jahres ist sie die erste Person, über die ich schreiben möchte.

    Wenn jemand dieses zarte Wesen zufällig auf der Straße trifft, würde er nie vermuten, welche enorme Kraft in ihr steckt. Härte, gepaart mit Sanftheit, zwei zarte, feine Hände, die das Epizentrum des Schmerzes suchen, ihn finden und heilen. Ihr ganzes Wesen, vom Moment an, in dem die Tür sich öffnet und sie eintritt, strahlt ein weiches, weißes Licht aus. Auf diesem hellen Energiepfad, durch diese beiden zarten Hände, die zu Energiebündeln geworden sind, vollbringt Ani ein Wunder.

    Ihre Hände, die über den Bogen des Schmerzes gleiten, heilen jedes Leiden, nicht nur das körperliche, davon bin ich fest überzeugt. Sie heilen Traurigkeit, Misserfolge, gebrochene Herzen, Verlust des Glaubens, Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung… Und wenn man in ihr Gesicht schaut, wird man dort unweigerlich ein Lächeln finden! Während ich mich von ihren Händen neu erschaffen lasse, denke ich daran, wie stark Ani im Geiste ist!

    Ani arbeitet seit 13 Jahren im Salon Beauty in Veliko Tarnovo. Während der kurzen Zeit, in der sie wegen ihres zweiten Kindes im Mutterschaftsurlaub war, habe ich auf Massagen verzichtet – niemand konnte Anis Ausstrahlung ersetzen. Eine wunderbare Spezialistin, mit einem unglaublich aufrichtigen Verhältnis zu den Menschen und ein sehr guter Mensch. Vielleicht deshalb werde ich immer emotional, wenn ich sie sehe: Ihre Güte verbindet sie mit den Menschen durch ein unsichtbares Band. Und wenn ich jemals an Engel geglaubt habe, dann ist sie einer.

    Angelina Kerkenesova arbeitet als Masseurin beim Schönheitsstudio Beauty in Veliko Tarnovo:https://beauty-vt.com/ekip/

    Eure Neli P

    Das Foto zeigt ein Bild von Robert Longo, Albertina 2024

  • Am Ende

    Am Ende

    Am Ende
    einer jeden Unfähigkeit,
    einer jeden Niederlage,
    einer jeden Besorgnis,
    eines jeden Kummers,
    nach jedem Finale,
    nach jedem Abschied
    verstehst du, dass alles endlich ist.
    Dass alles – das dir Bewusste und Unbewusste –
    ohne einen einzigen Tropfen Dramatismus,
    mit perfekt durchtrainierter Gleichgültigkeit
    die Bühne verlässt.
    Dann richtest du dich langsam auf,
    klopfst den Staub ab,
    umarmst das Mädchen in dir,
    schluckst das finale Ende wortlos hinunter,
    verzeihst ihm seine Endgültigkeit, ohne irgendetwas zu verlangen,
    und setzt einen Schritt weiter auf den Weg…
    zu dir selbst.

    Neli P
  • Warnung! Über die negativen Begleiterscheinungen beim Fremdsprachenerlernen

    Warnung! Über die negativen Begleiterscheinungen beim Fremdsprachenerlernen

    Eine empirische Untersuchung.

    Über den Nutzen vom Fremdsprachenlernen wird viel und ausführlich gesprochen, pointiert geschrieben und überzeugend argumentiert. Vor allem werden die Aneignung von Wissen hervorgehoben und die damit einhergehende Ausweitung sprachlicher, kultureller und persönlicher Grenzen – es geht also um ein Mehr, behaupten alle. Doch das, was oft außer Acht gelassen wird, sind die negativen Begleiterscheinungen, insbesondere in der Anfangsphase, deren man sich bewusst sein sollte. Darauf möchte ich nun im Interesse aller Beteiligten detailliert eingehen.

    Die erste Fremdsprache, mit der ich noch als Kind in Berührung kam, war Russisch. Ganze sechs Jahre war es die einzige Fremdsprache, die man in der Schule erlernen konnte. Als Folge kann ich auch heute noch Puschkin auswendig:

    Цыганы шумною толпой
    По Бессарабии кочуют.
    Они сегодня над рекой
    В шатрах изодранных ночуют.
    Как вольность, весел их ночлег
    И мирный сон под небесами;
    Между колесами телег,
    Полузавешанных коврами (…)

    Danach kam das Französische, ein Jahr lang, was an sich als eine reine Katastrophe zu beschreiben wäre: Es herrschte ein voller Wirrwarr in meinem Kopf und das, was als Kurzzeitgedächtnis zu bezeichnen ist, ähnelte einem dunklen Abgrund! Später, schon im Erwachsenenalter, habe ich mich aus eigenen Stücken und reiner Liebe für die Sprache nach einem Paris-Besuch zu einem einjährigen Sprachkurs angemeldet. Das war das Jahr, in dem ich mir ausschließlich französische Chansons anhörte, es existierte einfach keine andere Musik mehr für mich. Dies hat schließlich dazu geführt, dass ich von dem Moment an immer, wenn ich auf eine Frage, gestellt auf Französisch, zu antworten versuchte, Reime hervorbringen, d.h. mich nur in Liedtexten ausdrücken konnte. Deutsch war dann eine bewusste Entscheidung, die ich mit 14 getroffen habe. Als ich knapp einen Monat nach dem Start Goethes Wanderers Nachtlied auswendig lernen musste und es nicht mal nach der vierzigsten Wiederholung klappte, kam ich mir eindeutig dumm vor. Wer hätte sich damals gedacht, dass ich mit 27 anfangen würde, Wörterbücher zusammenzustellen!

    Nicht zu übersehen ist auch die Tatsache, dass es auch mal dazu kommen kann, die eine Fremdsprache mit der anderen zu verwechseln. Als mir etwa meine Tochter, die nicht weit von mir wohnt, zu verstehen gab „Mama, ich bin schon erwachsen und selbstständig, finde dir ein Hobby!“, habe ich ihr mit „Et si tu n’existais pas / Dis-moi, pourquoi j’existerais?“ geantwortet. Tja, so eine Sache.

    Also, Ihr seht schon, dass das Fremdsprachenlernen an sich nicht sehr ermutigend und oft von unerwünschten Nebeneffekten begleitet ist. Aus Liebe und Sorge für Euch habe ich hier eine übersichtliche Liste erstellt:

    • Orientierungslosigkeit
    • Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, sogar nach mehrfachem Wiederholen der neuen Vokabeln
    • leichtes Zittern
    • Hitzewellen
    • vorübergehende gemäßigte bis starke Empörung gegenüber der deutschen Grammatik
    • das Gefühl, nichts zu wissen
    • Gewichtabnahme
    • Schlafstörungen, begleitet von Träumen auf Deutsch
    • Vor-sich-hin-Summen von einfachen Liedtexten
    • Neigung zur Verliebtheit
    • Bedürfnis nach mehr

    Diejenigen von Euch, die sich nun nach diesem ernüchternden Moment anders überlegt und sich gegen das Erlernen einer neuen Fremdsprache entschieden haben, brauchen nicht weiter zu lesen. Die folgenden Zeilen sind für die anderen gedacht.

    Einmal an der Rezeption in einem Hotel wurde ich gefragt, wie man eine Fremdsprache lernen soll und kann. „Mit Leidenschaft“, erwiderte ich. Ich kenne keinen anderen Weg. Oder mit Rumis Worten ausgedrückt:

    „Wo immer du bist, und was auch immer du tust, sei verliebt.“

    Ab 30.01. starten neue Online-Kurse bei mir. Genauere Informationen folgen hier und unter www.nelisworld.com

    Eure Neli P

  • Vielleicht

    Vielleicht

    Zwischen Gestern und Heute, Neuem und Altem
    
    stolpere ich über ein „Vielleicht“.
    
    Vielleicht fällt die Prognose düster aus,
    
    vielleicht sind Stürme angesagt,
    
    vielleicht kreuzen Blitze ihre Schwerter am Horizont
    und zerschlagen Regenbögen?
    
    Vielleicht beugen sich verblasste Gesichter
    
    unter der Schwere des Kummers?
    
    Vielleicht wird es ein Indian Summer sein!
    
    Vielleicht geht es ins Blaue? Ins Goldige? Ins Hoffnungsvolle?
    
    Vielleicht singt man das heutige Lied
    
    auch morgen noch weiter?
    
    Nein, es regnet nicht. Die Sterne weinen,
    
    warten auf ihren Sturm, auf ein Vielleicht,
    
    das den Arm ausstreckt und ihre Tränen abwischt.
    
    Vielleicht.
  • Ich halte ihn fest!

    Ich halte ihn fest!

    Habt Ihr mal das Gefühl gehabt, jemanden gekannt zu haben vor dem realen Kennenlernen? Genau dieses Gefühl hatte auch ich damals, 2017, an der Schwelle des neuen Jahres.

    Ein paar ausgetauschte Worte, kurze Sätze, in denen sich alles um den WIENER herum drehte … – vor allem ging es darum, dass ich vor Jahren eine Doktorarbeit über das Magazin geschrieben hatte, und der WIENER gerade zum Jahresende sein Jubiläum feiern wollte, und ich wusste es schon: Diese Persönlichkeit kam mir irgendwie seltsam bekannt vor!

    In Wirklichkeit haben wir uns erst am 14.02.2018 im Prückel getroffen, er saß neben dem Klavier da, auf dem Tisch vor ihm lag das neuerschienene WIENER-Heft, das er mir später schenkte, reichte mir die Hand zum Gruß und lächelte. Nach einer Pause von 6 Jahren durfte ich schon wieder ein Heft des Magazins in den Händen halten, die Aufregung war unbeschreiblich groß, und inzwischen hatte sich vieles beim WIENER geändert – neue Herausgeber, neuer Start. Nun hatten ihn zwei Enthusiasten übernommen, die dem viel zitierten und sogar in einem der früheren WIENER-Heften erschienenen Rumis Spruch „Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt.“ treu geblieben waren. An jenem Abend sprachen wir viel: warum ich mich für Wien entschlossen hatte, und er – für den WIENER, wie wichtig es ist, mit Herz und Seele bei der Sache zu sein und seine Arbeit zu lieben, welche Rolle die Leidenschaft für die Arbeit als Antrieb spielt und wieso immer mehr Menschen vergessen, mit Verve an jede Beschäftigung heranzugehen und sich damit abfinden, statt kreativer einfallsreicher Gestalter nur gedankenabwesende Ausführer und gelähmte Beobachter des Geschehens zu sein, was man alles aufs Spiel setzen musste, um Herausgeber des einzigen Männermagazins europaweit zu sein.

    Um die Männer und dementsprechend ein Männermagazin zu lieben, muss man beide verstehen und respektieren. Das tue ich auch. Hinter der Kulisse sehe ich immer die Person so, wie sie ist, das „Mehr“, was häufig verborgen bleibt, all die Kraft, all die Bemühungen, die Faux-Pas, die Selbstüberwindung, die Opferbereitschaft, die Handlungsmotive, die Ängste… Und bewunderte schon damals diesen Menschen, der für eine Idee wie ein 20-Jähriger brannte! Niemals werde ich seine Worte vergessen: „Wie nehmen Dich als Freundin der Redaktion auf!“, und wie könnte ich nur? Er erinnert mich ja immer wieder daran, dass er da ist. Dass es ihn gibt. Freundschaft, die sich über die Jahre hinweg zieht, mir nicht einmal über „Durststrecken“ hinweg half und mir damals, bei unserem Kennenlernen am verschneiten 14. Februar ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelte – einen Anhaltspunkt für mich schaffte im winterlichen eiskalten Wien. Und wenn ich zurückblicke, dann weiß ich gewiss: Alles im Leben hat seinen Sinn, ein Schritt führt zweifelsohne zum nächsten, und wenn man den Mut hat, dem Lauf des Lebens zu vertrauen, nähert man sich langsam und kaum merklich an seinen Lebensweg und steht irgendwann doch da, wo man hingehört.

    Ich kenne keinen anderen, der besser mit Menschen umgehen kann als er. Seine Gabe, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und für jeden das passende Wort im richtigen Moment zu finden, hat mich immer erstaunt – eine Art Empathie, Menschenliebe und Sanftmütigkeit, die in Lebensfreude hinüberfließen und jedes Mal zum Strahlen kommen. Es gibt Menschen, und Menschen, sagt man. Es gibt Menschen und warme Menschen, sage ich.

    Als ich dann Jahre später am Naschmarkt vorbeiging, wo wir auf einen Kaffee verabredet waren, rief mir jemand von einem der Verkaufsstände zu: „Halte ihn fest!“ Wen? Was? Ich verstand rein gar nichts. Nun leuchtet es mir aber schon ein. Das Leben liefert alle Antworten. Einen Freund wie ihn würde ich niemals aufgeben. Niemals. Ich halte ihn fest.

  • Traum

    Traum

    Traum von letzter Nacht: Um mich herum – alle meinen Nächsten, in einem neuen Haus, an einem neuen Ort. Es herrscht Frieden. Eine weiße Treppe windet sich hinauf. Einer nach dem anderen besteigen alle, gemäßigten Schrittes, die Treppe: die Verzweifelten sind nun zuversichtlich, die Leidenden – auf einmal gesund, die Hoffnungslosen – voller Glaube. Ein seltsamer Rauch reißt mich aus dem Schlaf: Weihrauch zieht durch die weit geöffneten Fenster hinein, das Läuten von Kirchenglocken ist aus der Ferne wahrzunehmen: „Bim-bam, bim-bam, bim-bam…“ Ein Blick auf den Kalender: Maria Himmelsfahrt.

    Möge mein Traum wahr werden.

  • Ein rotes Herz – heiß und groß

    Ein rotes Herz – heiß und groß

    „Sie brauchen bestimmt ein Herz – rot, heiß und groß? Mit diesen Worten empfing mich der Clown im kleinen geheimnisvollen Allerlei-Zauber-Shop Jumbalaya, während ich mich zwischen die riesengroßen von der Decke hinabhängenden Folienherzen, Luftballons, Plüschtiere, Drachen-Masken, Pfeifen der Art „Komm und gehe“ und Girlanden mit Mühe durchschlich; er blinzelte mit den Augen, sandte mir ein paar kleine listig-funkelnde Lichtstrahlten aus den Augenwinkeln zu, musterte mich schnell vom Kopf bis zum Fuß und lächelte. Willkommen in der Welt der Mystik!

    Die Vorliebe der Bulgaren für das Mystische, in vielen Mythen, Bräuchen und Sagen verankert, ist nicht von heute. Denken wir nun an den deutlich ausgeprägten Drang, der seit Krali Marko über die Nationalkämpfer (Botev, Levski etc.) aus der Zeit der bulg. Wiedergeburt bis hin zu der Gegenwart (Zar Simeon, Bojko Borissov) hin reicht, unbedingt nach Helden zu suchen und solche notfalls – wenn keine zum jeweiligen Zeitpunkt verfügbar sind – zu etablieren. Als Helden können ja wie bekannt auch einzelne Individuen wahrgenommen werden, Figuren, die zum Zweck allerdings möglichst fern von der Realität gehalten werden – also schnell ins Potpourri des Mystischen hinein! Herumrühren, ausschütteln, und fertig!

    Als Projektion unserer Wunschvorstellungen und Phantasie sollten die Helden zweifelsohne eine Lücke schließen, uns, Hinkenden womöglich unter die Arme greifen und die ersehnte Erlösung herbeiführen, insbesondere dann, wenn wir uns völlig unfähig fühlen, über unser weltliches Dasein oder gar über uns selbst zu verfügen; wenn die Horizonte des noch vor der Geburt von den Zauberfeen versprochenen guten Lebens sich immer weiter zu entfernen scheinen und die Hoffnungslosigkeit doch irgendwann die Oberhand gewinnt; wenn Vergangenheit und Gegenwart ineinander hineinströmen, in der Form eines vage wahrnehmbaren Gespenstes und dabei einem langsam die Fähigkeit entrinnt, klar zu definieren, in welchem Zeitabschnitt man reell lebt. Denn das Leben an sich stellt eine ewige Vorbereitung auf das Leben selbst dar, nicht?

    Wird die eifrige Suche nach Helden, verpflichtet mindestens eine Heldentat zu vollbringen, von der Stufe unserer Entwicklung als Nation bedingt? Das Gefühl eines permanenten Sich-im-Kreis-Drehens, provoziert durch den unliebsamen niedrig effizienten Alltag in Bulgarien, was allerdings seine Gründe nicht nur in der Realität selbst, sondern auch in der Nationalpsyhologie hat (ein bulg. Sprichwort besagt „Arbeite umsonst, nur sitze bitte nie unbeschäftigt herum!“) ist gerade im Jetzt nicht leicht zu verdauen.

    In den primitiven Gesellschaften, so Kluckhohn (Kluckhohn, C.: „Spiegel der Menschheit. Die Beziehung der Anthropologie zum heutigen Leben“, Zürich 1951, S. 43) ist die Beziehung zwischen den Gewohnheiten des Einzelnen und den Sitten der Gemeinde deutlicher zu spüren, das Glück wird eh in der Verwirklichung „höchst verwickelter kultureller Schablonen“ gesucht, Veränderungen verlaufen langsamer, daher erfreuten sich primitive Gesellschaften größerer Stabilität im Vergleich zu modernen Kulturen (ebd.). Die Rückständigkeit der bulgarischen Gesellschaft ist leider ein Faktum, nicht im Denken, sondern im Handeln spürbar, geschichtlich durch das 500-jährige Osmanische Joch begründet, und diese aus Selbstmitleid zu verschweigen, wäre irgendwie unangebracht, insbesondere für jemand, der sich auf der Suche nach der Wahrheit begeben hat, da die Wahrheit, auch wenn verschwiegen, keinesfallt von ihrem Wahrheitsgehalt einbußt.

    Seit der demokratischen Wende in Bulgarien sind die Helden unter der Masse zu suchen, jeder kann auch heute noch ein Held sein, je nach dem, was gebraucht wird, und morgen schon wieder in Vergessenheit geraten. Es kostet nicht viel Kraft, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, um eine mysteriöse Gestalt aufzubauen.

    „Vergessen Sie nicht die Vergangenheit und ehren Sie die bulgarischen Helden, damit Sie überhaupt eine Zukunft haben können!“ (bg- Übers. – N.P.: http://www.forum.bg-nacionalisti.org/index.php „Помнете и почитайте българските герои, помнете миналото, за да имате бъдеще!“). Die Parole des bulgarischen Nationalisten-Forums weist auch in eine andere Richtung hin: die Gegenwart ist bis auf die Null entwertet, was zählt, ist der Blick in die gloriose Vergangenheit und der Gedanke an die Zukunft. Dies macht alle im Jetzt verankerten Versuche, die Gegenwart doch ein Leben einzuhauchen und zum Positiven zu ändern, sinnlos. Und wozu denn? Es gibt sie immer noch, die Helden, die uns, ähnlich wie es dem Burschen in jenem bulgarischen Märchen ergeht, als er nach der „Not“ ruft, immer zur Hilfe kommen. Aus dem Bündel von Eigenschaften, mit denen der Held von heute ausgestattet sein sollte, ragt eine besonders hervor: An erster Stelle sollte er ein gemäßigter Pessimist sein, zu viel Optimismus würde es nämlich verhindern, das angestrebte Heldentum-Niveau zu erreichen!

    Die Wahrscheinlichkeit also, dass der Hll. Valentin am heutigen Tag jemanden rettet, ist eher gering. Einfach, weil er Wichtigeres zu tun hat – z.B. seinen Heiligenschein blank zu putzen. Und, übrigens, am 14. Februar feiert man in Bulgarien den Tag des Winzers! Prost, meine Lieben!

  • Elektroschlaf

    Elektroschlaf

    Reminiszenz

    Eine Freundin hat mir mal vom Elektroschlaf erzählt… Man legt sich hin, macht die Augen zu, und nach dem Aufwachen bleibt nur das Schöne in Erinnerung, alles Negative, alle Enttäuschungen, Schmerzen und Faux-Pas sind auf einmal weg.
    Man vergisst etwa, dass man aus dem ärmsten EU-Land kommt, und wenn die anderen bei der Null anfangen, du gleich bei -4 beginnen musst. Man erinnert sich nicht mehr daran, dass der freie Intellektuelle zweifelsohne am Aussterben ist und wir alle doch nur „Brodgelehrte“ (Schiller) sind, bereit, für die stolzen 42 Cent qualitativen Unterricht im Masterprogramm anzubieten. Es wird aus dem Gedächtnis auch das gelöscht, dass wir halt so gewohnt sind, an die Sicherheit zu klammern, auch wenn sie an sich so vermeintlich ist… Man ist dabei eigentlich gar nicht unglücklich, sondern beinahe glücklich von der Tatsache, dass man ja so gewohnt ist…
    Nach dem Aufwachen bleiben die Umarmungen, die echten, das Gefühl, unersetzlich zu sein, rein menschlich, die warmen Lächeln, die aufrichtigen Blicke in die Augen, und nicht gleich auf die Füße, um zu prüfen, ob man billige oder teure Schuhe beim Tanzen trägt…
    Es bleibt das Schöne, Fragile und kaum Fassbare… Man hat den Mut, die Wahrheit auszusprechen, auch wenn sie wehtun mag, zu dem zu stehen, was einer wirklich mag, und die Freundschaften sind keine schön verpackte Small Talks. Es ist Juni, ewiger Juni, und das betörende Rot der Mohnfelder bringt einen um den Verstand…
    Nach dem Aufwachen sieht man plötzlich klar, dass man alles hat, schon immer alles hatte und zumindest so weise ist, um zu wissen, dass das Leben unfair ist und wir immer diejenigen vermissen werden, die nicht in unserer Nähe sind. So ist halt das Leben.
    Wenn ich zurückblicke, dann weiß ich: 2018 habe ich geliebt, geweint, getanzt, getobt, war oft auf mich echt wütend, aber ich habe gelebt. Als ich anfing, diese Zeilen zu schreiben, war auch sie immer noch da. Real, und nicht im Gedächtnis, auch nicht in der Erinnerung von dem Elektroschlaf. Nun nicht mehr. Good bye, my friend! Ich trage dich im Herzen… im Herzen trage ich dich… im Herzen…

  • Tintenblau! Sei eine Göre!

    Tintenblau! Sei eine Göre!

    Wenn die Welt mit Tintenblau bekleckst ist,

    und der Tag ist tintenblau und kantig,

    wenn auf der tintenblau-verzwickten Straße ohne Ausfahrt die tintenblaue Zeit niedergeschlagen halt macht,

    zerzause die Haare, trage Lippenstift auf,

    schminke die Augen in Tintenblau,

    bewege dich wie eine junge Gazelle,

    male tintenblaue Sonnen und Herzen,

    sei eine Göre und lach über die Fehler – das wäre ja gar kein Fehler!

    Denn im Leben aus Fehlern – kleinen, großen, rein menschlichen – wird langsam, ein Fehler nach dem anderen, das dunkle Tintenblau zu hellem Himmelblau,

    der Tag quillt aus dem Himmelblauen hervor,

    die in Himmelblau leuchtende Welt trifft das Himmelblaue,

    und du bist himmelblau-echt-lebendig.

    Und dir steht dein Blau so gut!