Kategorie: Das Universelle

  • Does Muhammad need that much?

    Does Muhammad need that much?

    I’m sad today. And no, I don’t need numerology or astrology or any prophets at all to find out that I’m like the moon 😊. And I do admire the newly risen commercially oriented sexologist and almost established influencer in Bulgaria Natalia Kobilkina, as she says in one of her competent videos, she doesn’t care about the protests in America or anything else, as she lives pretty fine in her own micro-world.

    Well, I function differently.

    Because my world is not only mine and the outside world is not only foreign. Because there is something called “collective memory” and that thing connects us throughout the ages beyond borders and generations.

    I understand more than ever the concept of „thinking with an open mind,“ the concept of being able to see the whole, not just observing and perceiving from one’s own limited point of view – a quality that, on the contrary to all evolutionary laws, turns out to be underdeveloped nowadays. On the contrary to the laws of evolution, we do not become wiser, but only more arrogant, more unforgiving, more narcissistic, and more sticking to the only one worldview (!) – ours. To turn a Hagia Sophia https://www.hagiasophia.com/ without thinking too much into a mosque is a sad proof of trampling on and neglecting the collective memory.

    And The Hagia Sophia is a part of it. Just like the Egyptian obelisk, just like the Fountain of Wilhelm II in Istanbul. I was there, in the church, and I saw it with my own eyes, and most of all, I felt it. A centuries-old story with lots of intertwined destinies. Look into the eyes of the icons on the walls and let us see if you can stay unaffected by the flow of history. And I keep asking myself „Does Muhammad need that much? So much noise? All that ostentatiousness? Such a gesture?” I doubt it, because I spoke to him in June a year ago in private in the Haci Bayram https://kvmgm.ktb.gov.tr/TR-43999/ankara—haci-bayram-camii.html mosque in Ankara.

    When I traveled for a second time to Istanbul 2012, alone and by bus, I heard from the guide the whole story of Ataturk again, including the romantic love story about him and a beautiful Bulgarian girl. Last year in Ankara, I was so impressed to see him, looking at me from a portrait from almost every corner. Now I understand more than ever why. Turkey needs an Ataturk nowadays, but he isn’t here. He isn’t here.

  • Zwei Kilo Zeit, bitte!

    Zwei Kilo Zeit, bitte!

    Meine Liebe,
    zwei Kilo Zeit will ich! Glück in Sicht! Kaufe Zeit!
    Schneiden Sie mir bitte zwei Kilo Zeit ab, zahle bar!
    Mit dem schärfsten Messer! Von der teuren Zeit!
    Scheißegal dieser Preis, es ist wahr,
    dass ich von der kostbarsten Zeit haben will,
    damit wir ohne überflüssige Worte, ganz still
    sitzen ohne „Wie lange?“ und „Wann?“,
    und unsere Stille zu Wort kommen kann.
    Damit die Zeit, tragend deinen Namen,
    meine Zeit setzt in leuchtenden Rahmen,
    und ich neben dir auch dieses Mal
    zahle pro Kilo für Stille real.
    Netto. Für zwei Verse Leben,
    für zwei Herzgeschichten zahle die Summe,
    für unsere Stille, für zeitloses Schweben.
    Und möge die Stille niemals verstummen.
  • Nichts macht mir mehr Angst als die Gleichförmigkeit

    Nichts macht mir mehr Angst als die Gleichförmigkeit

    Nichts macht mir mehr Angst als die Gleichförmigkeit. Ich bin zwar in einer schönen hellen viel versprechenden Zeit aufgewachsen und in einer noch schöneren, noch helleren Gesellschaft, in der Disziplinierungsmaßnahmen einen Höchstwert erreicht hatten: das Schülerheim des Fremdsprachengymnasiums, das sich im 3. Stock derselben Schule befand, schloss die Türen um 20:00 Uhr. Noten unter dem Bestergebnis waren unzulässig bzw. ein Grund zum Sich-Schämen, und die Schuluniform war ein Muss. Wir waren auch so erzogen, auf die Frage „Willst du den anderen als Vorbild dienen?“ mit „ja“ zu antworten.

    An einem warmen Sommerabend im Juni 1988, das Erscheinungsjahr vom Iwan Andonows Kultfilm „Yesterday“, dessen Sujet in der Deutschen Schule in Lovech spielte, war ich einmal zu spät, weil im Park gerade eine nicht unbekannte Band ihre neue Nummer spielte, die ich mir unbedingt anhören wollte – „Eid“ (s. den Link unten), den Titelsong zum Film. Für dieses einzige Vergehen musste ich mich zusammen mit ein paar anderen „Verbrecherinnen“ rechtfertigen😊. Doch vielleicht genau deswegen, weil ich in einer klar strukturierten Welt aufgewachsen war, konnte ich mir nie diese Disziplinierungsmaßnahmen, die einem jede Lebendigkeit wegraubten, zu eigen machen. Allmählich baute ich einen inneren Widerstand auf gegen alles, was darauf gerichtet war, den Menschen gegen seine Individualität zu „disziplinieren“, zu verbiegen.

    Jahre danach in meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen machte mich immer wieder stutzig, wie wenige von ihnen einen starken Start im Leben bekommen hatten, mit voller Unterstützung und bedingungsloser Liebe seitens der Familie, die ihre Einzigartigkeit sehr oft auch preisgegeben hatte, und wie erbarmungslos wir Erwachsene sein können. Nach den ersten fünf Minuten taten sich bei den meisten Wunden auf, und das war traurig, unendlich traurig. Vor zwei Monaten saß etwa ein kleines Raubvögelchen mir gegenüber, zeigte Krallen und war bereit, sich mit allen Mitteln zu verteidigen. Keiner hatte ihm erklärt, dass es auch ein Falke oder eine Nachtigall hätte sein können.

    Es gibt keine Problemkinder, Kinder sind wunderbar, das Problem beginnt bei den Erwachsenen. Einmal fragte mich eine meiner KursteilnehmerInnen in Wien, ob ich Psychologin von Beruf sei. Nein, das bin ich nicht. Ich bin aber für mich im Klaren, dass es eines gibt, was in meinem Leben einen echten Wert hat: die Menschen. Und Menschen sind zerbrechlich. Eines kann ich nicht verzeihen: wenn man über Menschen geht.

    Oft sage ich zu den besorgten Eltern: „Warum möchten Sie, dass Ihr Kind wie die anderen ist? Wir sind doch keine Broiler! Seien Sie froh, dass Euer Kind genau so ist, wie es ist, in seiner Einzigartigkeit steckt seine Schönheit.“

    Davon bin ich überzeugt. 100% . Wir sind keine Broiler. Lieben Sie Ihre Kinder, wie sie sind. Damit wäre der Großteil der Arbeit erledigt. https://www.youtube.com/watch?v=5J7KqBeBpDs

  • Das Allerschönste

    Das Allerschönste

    Das Allerschönste schiebe ich ganz an die Spitze.
    Zur Morgenröte schaut es sich in meinen Augen um
    und schmilzt im purpurroten Himmel: keine Blitze,
    kein Sturm, kein Unwetter, kein Warum.
    Es findet mich in meines Herzens Ritze.
    Das Allerschönste hat zwei zarte Arme.
    Ich spüre sie wie Vögel flatternd, im Tanz
    mich sanft berührend, windend Träume warme
    um mein Gesicht in einen Vögel-Kranz,
    den kalten Morgenwind umarmend.
    Das Allerschönste hat auch eine Seele.
    Ich decke sie mit Schneeglöckchen-Umhang,
    damit das allerwahrste Weiß, die Quelle
    jener universellen Wahrheit erhalten bleibt hinter dem Wolken-Drang  
    der grauen und verstaubten Himmelswelle.
    Das Allerschönste will ich, kein Vorgaukeln
    über das endlose Schönste ohne Herz,
    sondern die schöne Freude-Trauer-Schaukel,
    das Bild aus Alltag, Freude, Schmerz,
    das ab und zu gerät ins Straucheln.
    Das Allerschönste steht mir bevor.
    Das Allerschönste kommt erst nach der Wende,
    das Allerschönste setze ich ans Ende.
    
  • Hoffnung

    Hoffnung

    In einer ruhigen namenlosen Straße kam ich an -
    ich fand sie, sie – mich, und dann
    irgendwo da, im Dunkel neben der Straßenlaterne
    wartete ein uneingeladener Gast aus der Ferne.
    Eine Fremde, allerdings nicht ganz Unbekannte…
    Waren wir verabredet? Oder sie mich erkannte?
    Blicke, Fragen, leises Geflüster,
    ruft mich beim Namen, folgt keinem Muster,
    stellt sich nicht vor. Ob ich sie kenne?
    Ihren Hauch spüre ich, spüre ihr Brennen.
    Wartet auf mich seit Menschengedenken?
    War ich denn blind? Taub? Ihr Geschenk
    sei kleines Gespräch aus glühenden Worten.
    Hat mich gesucht an entlegenen Orten?
    Kann nicht vorbei an ihrer Umarmung,
    die flackernden Kerzen sind ihre Vorwarnung.
    Diese Hände, Dezember-erfroren,
    die eiskalten Finger, aus Schnee geboren,
    greifen nach mir, mich zu erreichen,
    suchen mein Ich, kann nicht ausweichen.
    „Wer bist denn du? Wie ist dein Name?
    Komm rein, setz dich, zünde die Flamme,
    die du für mich unter dieser Laterne
    bringst von dem Herzen weit aus der Ferne.“
    „Kennst du mich nicht? Hast du vergessen,
     den Funken Hoffnung zu messen?"
    
  • Die Versagerin

    Die Versagerin

    Zur Morgendämmerung schläft die Versagerin in mir nicht.
    Sie drückt mich an die Wand
    für all meine „Ich kann nicht über meinen Schatten springen“,
    für alle kleinen und großen bequemen Fluchten, Täuschungen,
    für all meine „Es ist mir scheißegal“,
    für alle „Es ist noch Zeit“,
    für alle stillen Rückzüge,
    für alle „Warte“ und „Halte mal“!
    Und wie bequem ist es nur,
    über die Schulter auf sie zu spucken,
    mit nicht sehenden Augen,
    sodass alles sich einfach und logisch,
    pragmatisch und unpersönlich weiter so hinzieht.
    Die Versagerinnen sind immer wach.
    Die Versagerinnen träumen nie.
    Wenn du glaubst, dass die Versagerin nicht mehr da ist,
    genau in dem Moment nistet sie sich in deiner Wunde ein
    und das tut höllisch weh.
    Sie schreit, dass du verlogen bist,
    unecht und unschön, und kommt nicht zur Ruhe.
    Und du verstehst es, ihr seid ja eh immer zwei da,
    zur Morgendämmerung.
  • Ein Rezept für Glück

    Ein Rezept für Glück

    Vorgestern. Ja, es war vorgestern. Rasha sitzt rechts von mir. Ich schaue auf sie und sie lächelt mir zu.

    „Rasha, du kommst eh jeden Tag mit einem Lächeln auf den Lippen. Was provoziert dieses Lächeln? Wo steckt der Grund dafür? Woher schöpfst du diese Lebensfreude? Sie kommt wohl von innen, das sieht man dir an! Du schaust ja immer so grenzenlos glücklich aus!“ „Weiß ich nicht, so geboren“, antwortet Rasha und lächelt. Seltsam, denke ich mir… „Ist es ansteckend?“, fällt es mir ein. Ich lege schnell meine Hand auf Rashas Schulter und mache die Augen erwartungsvoll zu. Rasha lacht. Beim Verlassen des Raumes rufe ich ihr zu: „Und, Rasha, schreib bitte ein Glücksrezept für mich!“ „Mache ich“, erwidert Rasha und ihr Lachen erschallt. „Ich schreibe 20 Seiten! Dann werden Sie viel Stoff zum Lesen haben!“, fügt sie hinzu und lächelt. Am Tag darauf kommt Rasha mit einem wunderschönen Rosenstrauß für mich und Baklawa, stellt sich vor mich hin, schaut mir in die Augen und lächelt mir verschwörerisch zu. „Rasha, was soll denn das sein???“ Ich kann meine Überraschung kaum unterdrücken. „Glück. Ein Rezept für Glück“, flüstert sie mir ins Ohr zu und lächelt.

    Rasha ist vor 20 Jahren aus Ägypten nach Wien gekommen. Inzwischen stirbt ihr Mann. Sie hat sechs Kinder, die eine Tochter arbeitet als Flugbegleiterin bei den Dubai Airlines.

  • Gurpreet

    Gurpreet

    Bis vor meiner Ankunft hier hieß Gurpreet eindeutig Singh. Erst nach der ersten Stunde, nachdem ich jeden beim Namen aufgerufen hatte, klärte ich endlich auf, dass er mit dem Vornamen Gurpreet, und nicht Singh war. Aber damit war die Frage längst nicht erledigt.
    Alle nannten ihn beim Namen Singh, seinem Familiennamen, und sie selbst stellten sich immer mit ihrem Vornamen vor. Das Ganze machte mich sehr stutzig. Zunächst dachte ich mir, es sollten vielleicht irgendwelche religiösen Gründe dahinter stecken, dann habe ich mich jedoch vorsichtig herangetastet: „Gurpreet, können Sie bitte weiterlesen?“ Singh (so, wie ihn alle kannten), der nicht sehr gesprächig war, nickte nur mit dem Kopf. „Was??? Kein Gurpreet, Singh, Singh!“, versuchte man mich von allen Seiten her zu korrigieren. Dass Singh eh Gurpreet war, wollte keiner glauben.
    „Singh heißt eigentlich Gurpreet“, ließ ich die Bombe platzen. „Nein, nein, kein Gurpreet, Singh, Singh!“, gaben die anderen nicht nach. Und wie nur? Zwei Monate lang war er Singh! Singh nannte ich aber hartnäckig von nun an Gurpreet.
    „Singh, sind Sie Gurpreet?“, fragte ich ihn. Gurpreet nickte wieder mit dem Kopf. „Waaaas? Singh, du bist Singh, kein Gurpreet!“ Keiner wollte einen Schritt zurücksetzten. Meine Hartnäckigkeit war grenzenlos. Genauso wie ihre. Allmählich, im Laufe des Tages, schlichen sich gewisse Zweifel ein. Alle stellten sich um Gurpreet herum. Dieser und jener stupste ihn mit dem Ellbogen an: „Singh, Singh, du bist Singh, kein Gurpreet, nicht?“ Ich bin Gurpreet, antwortete Singh, seiner ganzen Schuld bewusst…
    „Ach so! Ach sooooooooo!“, lief ein langer Seufzer durch den Raum, der Singh den Vornamen zurückholte und somit seine Identität.
    So gab ich Singh seine Identität zurück und er schenkte mir die Farbenpalette. Nie vorher habe ich gedacht, dass es so viele Farben geben könnte. Jeden Tag kommt Gurpreet mit einem anderen Turban – mal hellgrün, mal lila, mal sternenblau, mal orange… Es ist kaum möglich, alle Farben, die er stolz um den Kopf herumgewickelt trägt, aufzuzählen. Besonders mag er aber Lila, Grün und Braun.
    Gurpreet ist vor 7 Monaten aus Indien nach Wien gekommen. Seine Frau, auch indischer Herkunft, ist in Österreich geboren, arbeitet bei DM und kümmert sich sehr gut um ihn.

  • Wo endet Europa?

    Wo endet Europa?

    Überlegungen in Zeiten des Coronavirus aus dem Balkan

    Irgendwo da, zwischen der Sicherheitskontrolle und dem Gate am Flughafen Wien endet Europa. Zumindest dieses, von dem wir alle träumen.
    Auch die Durchsagen, 2m Abstand zu halten, verstummen da. In der Maschine von Bulgaria Air, dicht aneinander gepresst, werde ich langsam vom bitteren Beigeschmack überfallen: war das doch nicht ein Fehler, ein Schritt in ein feindseliges Territorium? Wo will ich denn hin? Fängt da, in diesem Flugzeug nach Sofia, eine parallele Welt an? Oder kommt man da endlich in die wirkliche an? Meine Tochter drückt sich an mich, da der Mann neben ihr hustet. Bisher hat sie immer Abstand gehalten wegen meiner Autoimmunschwäche und die Nähe zwischen uns war die letzten Tage bis auf Luftküsschen reduziert. Nach kurzer Überlegung wechselt sie den Sitzplatz.
    Am Flughafen in Sofia füllen wir die Erklärungen mit den Personalangaben aus, die einer der Stewards mit eiserner Feldwebelstimme verteilt und uns streng darauf hinweist, dass uns 1 Jahr Freiheitsentzug droht und bis zu 5000 Lewa Geldstrafe, falls wir die Quarantäne nicht einhalten. 5000 Lewa? So eine Summe habe ich noch nie in meinem Leben gesehen, die flößt ja richtig Respekt ein! Da sehe ich gleich das folgende Bild: Ich – nein, nicht gerade ich, sondern mein anderes Ich bricht von zuhause aus. Und da mein Ich die 5000 nicht zahlen kann, verbringe ich das nächste Jahr in einem bulgarischen Gefängnis. Werde ich da einen Laptop haben? Zumindest Papier zum Schreiben??? Am Rest seiner Worte erinnere ich mich kaum. Es ist seine Stimme, die tief eingeprägt bleibt und mich an die Zeiten einer Diktatur erinnert, als das Menschliche zu Tode verurteilt war. Wir warten. Warten wir auf Godot? Wir warten ungefähr 2 Stunden, bis die Erklärungen eingesammelt werden und unsere Temperatur wortlos gemessen wird. Ich friere. Es ist mir kalt, nicht nur wegen der Außentemperatur von 0 Grad. Es ist mir kalt ums Herz. Und es ist mir schon scheißegal, ob ich krank oder gesund bin, ich will nur nach Hause. Vergebens suche ich nach einem Funken in den Augen. Das Gefühl, ohne Schuld eines Verbrechens beschuldigt zu sein, schleicht sich langsam durch. Gegen 4:30 Uhr in der Früh erreichen wir endlich Veliko Tarnovo.
    Es stimmt schon, was man hier im Volksmunde sagt: Mein Haus ist mein Tempel. Zu 90% besitzen die Menschen ein Eigentum und fühlen sich da sicher und geschützt. Sicherer als woanders, in einem Staat, der keinen Schutz bietet. Auch ich verspüre gar keine Lust meine vier Wände zu verlassen. Nun habe ich endlich viel Zeit, mich an die Wand zu stellen: sowohl über Vergangenes, als auch über Künftiges nachzudenken…
    Reich? Nein. Ich war nie reich und werde nie reich sein. Oder doch? Nein, das ist doch klar und gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit für alle, die wie ich aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich kommen. Selber schuld. Vor vielen Jahren, mit 17, als mir der Titel Schönheitskönigin vor 4000 Anwesenden im Kulturpalast in der Hauptstadt verliehen wurde, und ich erst ein Jahr später feststellen musste, dass ich den Preis von den damaligen 35 000 Lewa, vorgesehen für mein Studium in Deutschland, nie bekommen würde, wurde mir von der Stellvertreterin des Sparkassenvorgesetzten in Sofia ein Deal angeboten: ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. In dem Fall hätte ich als ausgezeichnete Schülerin Stipendiatin der Sparkasse werden können, mit guten Chancen am gegenwärtigen Arbeitsmarkt. Das Angebot lehnte ich ab. Träume gegen einen Deal aufzugeben? Niemals. Also selber schuld.
    Da erinnere ich mich etwa, wie ich mir vor ein paar Jahren als schon mehr oder weniger Etablierte in meinem Beruf 2 Exemplare meines Lehrbuchs kaufen sollte, das im Uni-Verlag erschienen worden war. Von Honorar war gar nicht die Rede. Wörterbücher verfassen? Um der Sprache willen, um eine Spur zu hinterlassen. Vier Jahre in ein Buch investieren, um dann festzustellen, dass es hier fast keine Verbreitung fände, da es auf Deutsch geschrieben war. Dabei immer von einer Kraft nach vorne getrieben, die Berufung genannt wird.
    Bücher. In einer Zeit, wenn man hierzulande vor allem ans Überleben denkt. Wann wird die Zeit kommen, wenn ein immaterielles Produkt einen genauso hohen Stellenwert haben wird wie ein materielles? Welche Überlebenschancen hätten Bücher hier? Und was wird nun mit all jenen, deren Arbeit nicht an etwas Materiellem, sondern eher an einem geistigen Produkt gemessen wird? Da muss ich von vornherein deutlich machen, dass weder Geisteswissenschaftler, noch Freiberufler, noch Kulturschaffende hierzulande mit Unterstützung seitens des Staates rechnen können. Es ist mir auch nie durch den Kopf gegangen, im Falle einer Arbeitslosigkeit zum Arbeitsamt zu gehen, da man mit dem Arbeitslosengeld sterben, aber nicht über die Runden kommen kann.
    Wieso habe ich das Gefühl, dass ich in einem Ort gelandet bin, wo ich nicht genau weiß, wovor ich mehr fürchten soll? Vor dem Coronavirus oder vor der Zukunft? Das, was mir am meisten Angst einjagt, ist die schwindende Menschlichkeit. Für ihr Fehlen habe ich leider sehr feine Rezeptoren.
    Die Überzeugung, dass das Land in puncto e-government massiv hinter der allgemeinen europäischen Entwicklung hinterherhinkt, wurde jedoch in Zeiten des Coronavirus von Grund auf erschüttert, als ich in den Nachrichten gesehen habe, wie Menschen in einem der Romaviertel mithilfe von Drohnen aus der Luft darauf aufmerksam gemacht werden, Abstand voneinander zu halten. Dass hier keiner eine Gesundheitskarte hat und es unmöglich ist, online Rezepte zu bestellen oder den Arzt zu kontaktieren, wurde dann irgendwie ausgeblendet! Letztlich will man an das Gute glauben!
    Bei Fernsehinterviews halten sogar prominente Journalisten keinen Abstand zu den Menschen, von den Menschenmassen gar nicht zu reden. Und vorgestern erschienen zwei Abgeordnete im Parlament in Schutzkleidung, neben dem Romaviertel Stolipinovo sei das Parlament nämlich der einzige Ort, behaupteten sie, der sich an die Vorschriften im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie noch nicht hält. Das darauffolgende zweistündige Debattieren war alles andere als ein Zeichen der Solidarität. Bleibt das bulgarische Parlament das einzige europaweit in diesen schweren Zeiten, frage ich mich, in dem die Abgeordneten ihre Persönlichkeiten über die nationalen Interessen stellen und alles dermaßen persönlich nehmen, dass sie fast vergessen, warum sie vom Volk gewählt worden sind?
    Heute endlich nach glutenfreiem Brot gefragt, da die Baguette, die ich mir am Flughafen Wien kaufte, bald zu Ende ist. Nein, so was gibt es hier nicht. Aber glutenfreies Mehl kann man bei Metro finden, beruhigte mich eine Bekannte. Von laktosefreien Produkten weiß sie noch nicht so genau. Zum Glück gibt es nun genug Online-Videos, vielleicht kann ich inzwischen auch einen Online-Kurs Brotbacken absolvieren!
    Nicht vor dem Verhungern habe ich Angst, sondern vor der geistigen Verarmung.
    In solchen Zeiten, sagt man aber, muss man mit beiden Füßen fest am Boden bleiben. Morgen fange ich also mit dem Hometraining an. Zumindest Muskeln kann ich eines Tages der Welt zeigen, nach dem Abklingen der Krise, wenn ich bis dahin in meinem Mut geschwächt bin.
    Ich richte den Blick hoch in den azurblauen Märzhimmel. Was bleibt mir also übrig? Mich in meine Welt hinter meine vier Wände zurückzuziehen und von einer guten Zukunft zu träumen. Das Träumen kann mir ja keiner wegnehmen.