Fragment#1: Glück
Manchmal ist das Glück nichts, das man sich nimmt, sondern etwas, dem man sich überlässt. Du erzwingst es nicht; du lässt das Geschehen geschehen, gibst dem Augenblick die Erlaubnis, dich ganz einzunehmen. In deiner Verletzlichkeit, in deiner wahren Natur verweilst du, und du umarmst ihn – diesen Augenblick. Etwas Göttliches entsteht in dieser Begegnung.
Heute duften die Felder anders. Berauschend süß-sauer, frisch, tief; der Geruch trägt dich weiter, immer weiter. Du versuchst, deine Lieblingsbäume in eine Rangliste zu bringen, chronologisch, von Kindheit an: Birke, Trauerweide, Linde, Pinie. Sattsehen kannst du dich nicht – als hättest du zum ersten Mal Augen für diese grüne Landschaft. In der Bewegung der leicht vom Wind verwehten Zweige, im Ruf des Kuckucks bist du heute, an einem kleinen Ort an der Donau im Waldviertel, dem Glück begegnet.
Im Volksmund heißt es, der Kuckuck sage durch seinen Ruf voraus, wie lange du noch zu leben hast. Heute hat er so oft gerufen – sogar er ist auf deiner Seite. In der Großstadt entgeht einem so vieles von dieser Begegnung, auch wenn du den Blick immer nach oben richtest: in die Baumwipfel, auf der Suche nach der kleinsten, kaum spürbaren Bewegung, in die Wolkenlandschaft, in die ersten Regentropfen. Je älter du wirst, desto mehr fühlst du dich mit der Natur verbunden, desto intensiver spürst du diese Hingezogenheit zu allem Lebendigen.

Im Stift Altenburg denkst du lange über die Verbindung mit dem Göttlichen nach – nicht im religiösen, sondern im spirituellen Sinn. Du verliebst dich in den Innenhof mit dem Kreuzgang; die Geschichte dieses energiegeladenen Ortes, wo Gotik und Barock einander die Hand reichen, ist hier besonders intensiv zu spüren. Beim Verlassen des Stiftes schlägst du das Gästebuch auf und schreibst ein paar Worte hinein – im klaren Bewusstsein, dass du nur ein Glied in der Kette der Zeitlosigkeit bist, und in der Hoffnung, dass jemand in hundert Jahren auf deinen Namen stößt und dich dadurch wiederbelebt. Für einen Augenblick Zeit.

Und dann, fast als Zugabe des Tages, ein Besuch in Schloss Rosenburg: eine betäubende Féerie aus Rosensträuchern in allen Farben und Nuancen und die Weite des Blicks, der sich in die Ferne verliert. Betörend schön. Auch das: Glück.
Was wünschst du dir an diesem Tag? Glück? Dass du noch lange, sehr lange Augen behältst für die Schönheit dieser Welt – und für den Ruf des Kuckucks, der heute so oft auf deiner Seite war. Und dass du schreibst. Weiterschreibst.

Neli P, 04.06.2026
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