Bleib, Mensch
HUMAN (ICH BIN MENSCH)
Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble
In Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz und dem Theater Kosmos Bregenz. In Kooperation mit Theater am Werk im Kabelwerk.
Nein, es geht nicht um Künstliche Intelligenz, die längst zum Alltag gehört, nicht um die sozialen Medien, die uns mit schwindelerregender Geschwindigkeit überschwemmen, und auch nicht um die Chatbots, die Echtheit simulieren — es geht um den Menschen. Wo ist er? Was geschieht mit ihm? Wo bleibt das Menschliche, und sind wir nicht selbst die Ursache unserer Verwandlung in Objekte und Opfer? Wie weit reicht unsere Verantwortung? Wo liegt die Grenze, jenseits derer uns die Trägheit — das Bedürfnis, an der Oberfläche zu gleiten und über die KI den leichten Weg zu suchen — die Fähigkeit kostet, zu fühlen und uns als Individuen auszudrücken? Warum, um welchen Preis überlassen wir uns Systemen, die uns zu Versuchsobjekten machen? Wird es uns noch geben? Wie lange? Genau diese Fragen stehen im Zentrum von HUMAN (ICH BIN MENSCH), der Inszenierung des radikalen, aufwühlenden und zutiefst aufrichtigen aktionstheater ensemble — eine Uraufführung im THEATER AM WERK, WIEN, die ich mit Ungeduld erwartet habe.

(c) Maximilian Lottmann
Den Auftakt setzt Andreas mit einer schlichten, aber präzisen Frage: Wie würde ein Stück aussehen, das sich mit Künstlicher Intelligenz auseinandersetzt? Die Antwort liefert er sogleich — vom Smartphone abgelesen, KI-generiert, glatt und euphorisch: brillant, erfolgreich, superb kritisch. Dann bricht Isabella herein, hochschwanger und unaufhaltsam real, und mit ihr jene Wirklichkeit, die sich keinem Prompt fügt. Es ist vielleicht einer der ehrlichsten Momente des Abends: nicht die KI wird hier entlarvt, sondern unsere Sehnsucht nach ihrer Reibungslosigkeit.

(c) Maximilian Lottmann
Der Kern des Geschehens entfaltet sich um die hochschwangere Isabella, während die vertrauten Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles ihr Spiel um die Idee eines Crowdfundings für sie verweben. Doch jede und jeder von ihnen kreist um ein eigenes Motiv — die eigene Geschichte. Das eigene Ich und die Bedeutung des Einzelnen treten in den Vordergrund. Die Selbstbezogenheit und Selbstinszenierung.

(c) Maximilian Lottmann
Hinter Kirstins Versuchen, Empathie zu zeigen, zu der sie nicht fähig ist, und ihrem für niemanden nachvollziehbaren Witz, den sie irgendwo gelesen hat und der unbedingt lustig sein muss; hinter dem belehrenden Ton von Thomas, der für alles seine Meinung und Lösung hat und ungemein stolz auf die Qualität seiner Spermien ist — und auf die Möglichkeit, 25 Kinder zu zeugen, denn „Österreich braucht Kinder“; hinter Benjamin, der nicht versäumt zu betonen, wie sehr er vom Publikum und den Kolleginnen und Kollegen im Callcenter geliebt wurde, wegen seines sanften Wesens und seiner Schnelligkeit bei der Arbeit; hinter Andreas, der eitel mit seinem Haar spielt und in der Katzensprache eine gemeinsame Sprache gefunden zu haben glaubt — ein Verständigungsinstrument, das er im Ausland erprobt hat. Hinter all dem spürt man die Unfähigkeit zur echten Begegnung zweier Subjektivitäten. Auf der einen Seite steht Isabella mit der rohen, gnadenlosen Wirklichkeit, der es gleichgültig ist, was andere von ihr denken. Auf der anderen die Schauspielerinnen und Schauspieler mit einem durch soziale Medien reformatierten Bewusstsein, die im Streben nach maximaler Selbstoptimierung die Antworten in ihren Telefonen suchen. Auf der Suche nach Bestätigung ihres inszenierten Wertes — durch Selfies, durch Dick-Pics — sind sie bereit, selbst Teil der Algorithmen zu werden. Vom Du zum Es, im Sinne Martin Bubers.

(c) Maximilian Lottmann
Die Projektionen im Bühnenhintergrund verwandeln sich vom Allgemeinen — Rot-Weiß-Rot, ganz Österreich — zum Konkreten: menschliche Haut, durchscheinende Blutgefäße, das Blut, das in ihnen fließt. Das Menschliche. Mit erschütternder Direktheit spüren wir am eigenen Leib, was geschieht: den Verlust unserer selbst in einer Welt, in der Roboter unseren Platz einnehmen werden — in allen Bereichen, wie am Ende der Inszenierung deutlich wird. Uns gegenüber tanzen Roboter Ballett.
Im Rhythmus der Bewegungen spürt man beides: den Versuch, das Entgleitende zu fassen, und zugleich die Unterwerfung unter die Trägheit — die Unfähigkeit, aus diesem Rhythmus herauszutreten, der, um es mit Martin Gruber zu sagen, von einer „unsichtbaren Abwesenden“ diktiert zu werden scheint.

(c) Maximilian Lottmann
Stark präsent auf der Bühne ist die musikalische Interpretation von Andreas Dauböck und Jean Philipp Oliver Viol. Ihre Beats ergänzen das Spiel nicht nur — sie übernehmen das Narrativ, entwickeln es weiter, heben es empor und hallen im Publikum nach.
Faszinierend, der Mut dieser Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne — diese unglaubliche Mischung aus radikaler Aufrichtigkeit, Kühnheit, Witz, Essenzialität und Tiefe. Ich wünschte, wir wären mutiger. Nach dieser Begegnung mit dem aktionstheater ensemble wünsche ich es mir mehr denn je — weil ich diese bezwingende Angst um die Freiheit spüre, um meine Freiheit, um unsere Freiheit. Die Freiheit zu wählen, man selbst zu sein und authentisch zu bleiben, trotz der Möglichkeit des wiederholten Scheiterns, trotz des Misserfolgs. Die Freiheit zu riskieren — sich selbst, auf dem Weg zum anderen. Und uns irgendwo zu begegnen, so wie wir sind. Menschen. Solange wir da sind. Noch ein paar Wimpernschläge lang.
Eure Neli P
Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster Bühne, Kostüme: Valerie Lutz, Martin Platzgummer | Musik: Andreas Dauböck | Video: Resa Lut Regieassistenz: Sanna Hufsky | Medienarbeit: Gerhard Breitwieser
Mit: Andreas Jähnert, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Benjamin Vanyek sowie Andreas Dauböck und Jean Philipp Oliver Viol
In Wien noch am Di. 2., Mi., 3., Do. 4. sowie Fr. 5. Juni um 19:30 Uhr im Theater am Werk im Kabelwerk, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien zu sehen.
Kartenvorverkauf (öffentlich): www.theater-am-werk.at, www.aktionstheater.at
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