Schlagwort: aktionstheater ensemble

  • Bleib, Mensch

    Bleib, Mensch

    HUMAN (ICH BIN MENSCH)
    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble

    In Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz und dem Theater Kosmos Bregenz. In Kooperation mit Theater am Werk im Kabelwerk.

    Nein, es geht nicht um Künstliche Intelligenz, die längst zum Alltag gehört, nicht um die sozialen Medien, die uns mit schwindelerregender Geschwindigkeit überschwemmen, und auch nicht um die Chatbots, die Echtheit simulieren — es geht um den Menschen. Wo ist er? Was geschieht mit ihm? Wo bleibt das Menschliche, und sind wir nicht selbst die Ursache unserer Verwandlung in Objekte und Opfer? Wie weit reicht unsere Verantwortung? Wo liegt die Grenze, jenseits derer uns die Trägheit — das Bedürfnis, an der Oberfläche zu gleiten und über die KI den leichten Weg zu suchen — die Fähigkeit kostet, zu fühlen und uns als Individuen auszudrücken? Warum, um welchen Preis überlassen wir uns Systemen, die uns zu Versuchsobjekten machen? Wird es uns noch geben? Wie lange? Genau diese Fragen stehen im Zentrum von HUMAN (ICH BIN MENSCH), der Inszenierung des radikalen, aufwühlenden und zutiefst aufrichtigen aktionstheater ensemble — eine Uraufführung im THEATER AM WERK, WIEN, die ich mit Ungeduld erwartet habe.

    (c) Maximilian Lottmann

    Den Auftakt setzt Andreas mit einer schlichten, aber präzisen Frage: Wie würde ein Stück aussehen, das sich mit Künstlicher Intelligenz auseinandersetzt? Die Antwort liefert er sogleich — vom Smartphone abgelesen, KI-generiert, glatt und euphorisch: brillant, erfolgreich, superb kritisch. Dann bricht Isabella herein, hochschwanger und unaufhaltsam real, und mit ihr jene Wirklichkeit, die sich keinem Prompt fügt. Es ist vielleicht einer der ehrlichsten Momente des Abends: nicht die KI wird hier entlarvt, sondern unsere Sehnsucht nach ihrer Reibungslosigkeit.

    (c) Maximilian Lottmann

    Der Kern des Geschehens entfaltet sich um die hochschwangere Isabella, während die vertrauten Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles ihr Spiel um die Idee eines Crowdfundings für sie verweben. Doch jede und jeder von ihnen kreist um ein eigenes Motiv — die eigene Geschichte. Das eigene Ich und die Bedeutung des Einzelnen treten in den Vordergrund. Die Selbstbezogenheit und Selbstinszenierung.

    (c) Maximilian Lottmann

    Hinter Kirstins Versuchen, Empathie zu zeigen, zu der sie nicht fähig ist, und ihrem für niemanden nachvollziehbaren Witz, den sie irgendwo gelesen hat und der unbedingt lustig sein muss; hinter dem belehrenden Ton von Thomas, der für alles seine Meinung und Lösung hat und ungemein stolz auf die Qualität seiner Spermien ist — und auf die Möglichkeit, 25 Kinder zu zeugen, denn „Österreich braucht Kinder“; hinter Benjamin, der nicht versäumt zu betonen, wie sehr er vom Publikum und den Kolleginnen und Kollegen im Callcenter geliebt wurde, wegen seines sanften Wesens und seiner Schnelligkeit bei der Arbeit; hinter Andreas, der eitel mit seinem Haar spielt und in der Katzensprache eine gemeinsame Sprache gefunden zu haben glaubt — ein Verständigungsinstrument, das er im Ausland erprobt hat. Hinter all dem spürt man die Unfähigkeit zur echten Begegnung zweier Subjektivitäten. Auf der einen Seite steht Isabella mit der rohen, gnadenlosen Wirklichkeit, der es gleichgültig ist, was andere von ihr denken. Auf der anderen die Schauspielerinnen und Schauspieler mit einem durch soziale Medien reformatierten Bewusstsein, die im Streben nach maximaler Selbstoptimierung die Antworten in ihren Telefonen suchen. Auf der Suche nach Bestätigung ihres inszenierten Wertes — durch Selfies, durch Dick-Pics — sind sie bereit, selbst Teil der Algorithmen zu werden. Vom Du zum Es, im Sinne Martin Bubers.

    (c) Maximilian Lottmann

    Die Projektionen im Bühnenhintergrund verwandeln sich vom Allgemeinen — Rot-Weiß-Rot, ganz Österreich — zum Konkreten: menschliche Haut, durchscheinende Blutgefäße, das Blut, das in ihnen fließt. Das Menschliche. Mit erschütternder Direktheit spüren wir am eigenen Leib, was geschieht: den Verlust unserer selbst in einer Welt, in der Roboter unseren Platz einnehmen werden — in allen Bereichen, wie am Ende der Inszenierung deutlich wird. Uns gegenüber tanzen Roboter Ballett.

    Im Rhythmus der Bewegungen spürt man beides: den Versuch, das Entgleitende zu fassen, und zugleich die Unterwerfung unter die Trägheit — die Unfähigkeit, aus diesem Rhythmus herauszutreten, der, um es mit Martin Gruber zu sagen, von einer „unsichtbaren Abwesenden“ diktiert zu werden scheint.

    (c) Maximilian Lottmann

    Stark präsent auf der Bühne ist die musikalische Interpretation von Andreas Dauböck und Jean Philipp Oliver Viol. Ihre Beats ergänzen das Spiel nicht nur — sie übernehmen das Narrativ, entwickeln es weiter, heben es empor und hallen im Publikum nach.

    Faszinierend, der Mut dieser Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne — diese unglaubliche Mischung aus radikaler Aufrichtigkeit, Kühnheit, Witz, Essenzialität und Tiefe. Ich wünschte, wir wären mutiger. Nach dieser Begegnung mit dem aktionstheater ensemble wünsche ich es mir mehr denn je — weil ich diese bezwingende Angst um die Freiheit spüre, um meine Freiheit, um unsere Freiheit. Die Freiheit zu wählen, man selbst zu sein und authentisch zu bleiben, trotz der Möglichkeit des wiederholten Scheiterns, trotz des Misserfolgs. Die Freiheit zu riskieren — sich selbst, auf dem Weg zum anderen. Und uns irgendwo zu begegnen, so wie wir sind. Menschen. Solange wir da sind. Noch ein paar Wimpernschläge lang.

    Eure Neli P

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster Bühne, Kostüme: Valerie Lutz, Martin Platzgummer | Musik: Andreas Dauböck | Video: Resa Lut Regieassistenz: Sanna Hufsky | Medienarbeit: Gerhard Breitwieser
    Mit: Andreas Jähnert, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Benjamin Vanyek sowie Andreas Dauböck und Jean Philipp Oliver Viol

    In Wien noch am Di. 2., Mi., 3., Do. 4. sowie Fr. 5. Juni um 19:30 Uhr im Theater am Werk im Kabelwerk, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien zu sehen.

    Kartenvorverkauf (öffentlich): www.theater-am-werk.atwww.aktionstheater.at

  • Links, rechts, vorwärts…

    Links, rechts, vorwärts…

    SPEED (kills content)

    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble.
    In Kooperation mit Spielboden Dornbirn und Theater am Werk, Wien
    .

    Links, rechts, vorwärts… Die Bewegungen, die das Ensemble auf der Bühne vollzieht, wirken wie eine choreografierte Übersetzung unserer gesellschaftlichen Zerrissenheit. In der neuen Produktion „Speed“ des aktionstheater ensemble im Theater am Werk entfaltet sich ein Abend, der zugleich rasant, humorvoll, scharf beobachtet und tief berührend ist.

    Das Ensemble bleibt seinem Markenzeichen treu: unerschöpflicher Witz, präzise Ironie und eine entwaffnende Offenheit, die das Publikum unmittelbar erreicht. Diese Schauspielerinnen und Schauspieler sind längst mehr als nur Darstellende – sie sind ein Spiegel, ein Korrektiv, ein Resonanzraum unseres eigenen Herumirrens im hektischen Takt der Gegenwart.

    Zeynep eröffnet den Abend mit einer Episode über das Sammeln von Bonuspunkten, die plötzlich wertlos werden. Eine kleine Alltagsgeschichte, die sich als treffende Satire auf unsere Konsumabhängigkeit entpuppt. Ihr ironischer Blick zwingt uns, über unsere eigenen Gewohnheiten zu schmunzeln – und uns gleichzeitig zu fragen, wie manipulierbar wir eigentlich sind.

    Speed_von_Martin_Gruber_und_aktionstheater_ensemble_(c)_Niklas_Koch (3)

    Thomas wiederum wirft beiläufig die Bemerkung ein, dass „alle seine Freunde schwer depressiv“ seien. Der Satz steht im Raum wie ein Schlaglicht auf eine Generation, die zwischen Überforderung und Orientierungslosigkeit pendelt.

    Speed_von_Martin_Gruber_und_aktionstheater_ensemble_(c)Stefan_Hauer(1)

    Zeyneps Erzählung über Sozialleistungen, Kirstins Darstellung der Ehefrau, die gleichzeitig die Arbeit der Putzkraft übernimmt, oder Benjamins Erinnerung an die Verehrung seiner Großmutter für Kaiserin Zita – all diese Geschichten zeichnen ein Panorama gesellschaftlicher Rollenbilder, nostalgischer Mythen und alltäglicher Absurditäten.

    Speed_von_Martin_Gruber_und_aktionstheater_ensemble_(c)_Niklas_Koch (4)

    Tamara sorgt mit ihrem bewusst provokanten Auftritt und dem Satz „Ich probiere mal, nicht im Mittelpunkt zu stehen“ für schallendes Gelächter. Ihre Episode über den Möhrenkuchen, der im Café Prückel selbstverständlich „Karottentorte“ heißt, wird zur liebevollen Parodie auf österreichische Sprachstarrheit und kulturelle Eigenheiten.

    Isabellas Bericht über elf Wohnungswechsel, Kirstins Begeisterung für japanische Popkultur, Benjamins Kindheitstraum, Stationssprecher zu werden – jede dieser Miniaturen öffnet ein Fenster in persönliche Lebenswelten, die zugleich exemplarisch für viele stehen.

    Auch die Frage nach Identität und Tradition wird nicht ausgespart: Tamara weigert sich, ein Dirndl zu tragen – „Da schäme ich mich zu Tode“ –, und verweist damit auf die komplexe Beziehung zwischen jüdischer Herkunft, kultureller Identität und österreichischer Folklore. Thomas’ Erwähnung seiner „Nazi-Oma“ erinnert daran, dass manche Schatten der Vergangenheit noch immer nicht verschwunden sind.

    Speed_von_Martin_Gruber_und_aktionstheater_ensemble_(c)_Stefan Grdic (3)

    Die Hysterie rund um gesunde Ernährung, die Thomas anhand von Benjamin karikiert, bringt den Saal erneut zum Beben. Vielleicht, weil wir uns alle ein wenig darin wiederfinden.

    Zwischen philosophischen Miniaturen über Einsamkeit und Glück, zwischen dem Wunsch zu verschwinden und der Unmöglichkeit, nicht aufzufallen, entsteht ein Abend, der gleichermaßen zum Lachen, Nachdenken und Wiedererkennen einlädt.

    Speed_von_Martin_Gruber_und_aktionstheater_ensemble_(c)Stefan_Hauer(2)

    Begleitet vom pulsierenden Rhythmus der fantastischen Live-Band bewegen sich die Darstellerinnen und Darsteller unablässig über die Bühne. Die Projektionen im Hintergrund verstärken das Gefühl, dass sie – und wir – ständig in Bewegung sind. Rastlos. Suchend. Verletzlich. Nackt.

    So werden sie uns nah, fast intim.

    „Speed“ ist eine farbenreiche Collage aus persönlichen Geschichten, gesellschaftlichen Beobachtungen und humorvoller Selbstreflexion. Das Publikum erkennt sich in vielen Momenten wieder – in den Schwächen, den Ängsten, den kleinen Fluchten des Alltags.

    Wie die Schauspieler rennen auch wir weiter: mal entschlossen nach vorne, mal zögerlich zurück, mal nach links, mal nach rechts. Ob wir die Welt retten können? Oder wenigstens uns selbst? Vielleicht nicht. Aber der Versuch, darüber nachzudenken, ist bereits ein Schritt – und dieser Abend lädt uns ein, ihn zu gehen.

    Am 16. Januar durfte ich diese neue Produktion im Theater am Werk erleben. Ein Abend, der mitreißt, erschüttert, zum Lachen bringt und berührt. Ein Ensemble in Hochform. Und die Gewissheit, wie sehr wir dieses Theater brauchen, um uns immer wieder neu zu finden, nachdem wir uns verloren haben.

    Eure Neli P

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne, Kostüme: Valerie Lutz | Musik: Andreas Dauböck| Video: Resa Lut | Regieassistenz: Sanna Hufsky | Regiehospitanz: Salome Seidl | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser Mit: Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek sowie Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol
  • Unsere Welt

    Unsere Welt

    Ragazzi del Mondo. Nur eine Welt

    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble

    In Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz und dem Theater Kosmos. In Kooperation mit Theater am Werk, Wien.

    Ab Mi. 11. Juni im Theater am Werk, Wien, sowie ab Do. 26. Juni im Theater Kosmos Bregenz – im Rahmen des internationalen Festivals Bregenzer Frühling zu sehen.

    Aktionstheater ensemble ist die Theaterkompanie, die ich mit angehaltenem Atem erwarte. Ich zähle die Tage, frage mich, ob ich nicht einmal nach Bregenz fahren sollte – zu der Stadt, mit der das aktionstheater tief verbunden ist –, um mehr zu spüren, noch mehr zu erfahren. So groß ist meine Begeisterung. So fesselnd und mit solch einer Leidenschaft spielen diese außergewöhnlich talentierten Schauspieler*innen, die im Herbst am New Yorker Broadway erwartet werden. Mit einem faszinierenden, humorvollen und selbstironischen Ton tragen sie die gesamte Last der schonungslosen Aufrichtigkeit auf ihren Schultern – und präsentieren diese durch eine eindringliche und meisterhafte Darbietung auf der Bühne. Noch größer wird meine Ungeduld, je mehr ich mich in dieser Zeit, in dieser Welt verliere, je mehr Wahrheiten um mich herum verschwiegen oder ignoriert werden, je stärker Systeme den Druck erhöhen, je mehr autoritäre Ansätze – auf jeder Ebene – mein Gefühl für Demokratie und Freiheit verdrängen, je enger es wird.

    Am 13. Juni präsentierte das mehrfach ausgezeichnete aktionstheater ensemble sein neuestes Stück Ragazzi del Mondo in Wien, wie schon seit Jahren traditionell im Theater am Werk. Vor dem Hintergrund der globalen politischen Lage, der Bedrohung durch bewaffnete Konflikte, der Verdrängung demokratischer Werte durch rechten Radikalismus, dem Straucheln im Alltagsbanalen und dem Verlust von Orientierung zeigt das aktionstheater ein Kaleidoskop von Perspektiven, Meinungen und Charakteren. Ist die Welt, die ich „meine“ nenne, wirklich auch die einzige?

    Von der Bühne begrüßen uns diese „Ragazzi del Mondo“ – erschöpft, in staubiger Kleidung – Wanderer, Reisende, die durch die Welt schreiten, dabei die Welt in sich tragend.

    Ist es wirklich der perfekte Geschenkgedanke, eine Waffe zu verschenken, wie es die Webseite Euroguns, die „Schnupperschießen“ anbietet, beschreibt und von Thomas zitiert wird? Was fühlt man, wenn man eine Waffe in der Hand hält, wenn man abdrückt? Diese Fragen diskutieren die großartigen Schauspieler*innen, die uns bereits aus anderen Stücken der Theatertruppe wohlbekannt sind. Und wie steht es mit dem Töten eines Tieres und dessen Opferung, wie etwa bei Zeyneps Maturafeier in der Türkei – ein Ritual, das als Geste des Wohlwollens betrachtet wird? Wird ein Opfer freiwillig zum Opfer, so wie die Ziege ihren Kopf senkt und darauf wartet, zum Opfer zu werden? Macht unsere Passivität uns selbst zu Opfern, fragen wir uns, das Publikum. Genau in diesem Moment, als all diese Fragen in mir aufkommen, fasst Benjamin mit seiner klaren Feststellung zusammen: „Man darf sich nicht immer zum Opfer machen.“

    Die Puppe, die Thomas in den Händen hält, verkörpert einen bewaffneten Menschen, bereit zum Handeln. Es scheint, als wären Thomas und die Puppe untrennbar miteinander verbunden – er trägt sie wie eine Waffe vor sich her.

    Zeyneps Schmerz, ausgelöst durch die politische Situation in ihrem Heimatland der Türkei, und ihre durchdringende Besorgnis scheinen für die Anderen weit weg zu sein – als ginge es sie nichts an, als lebte jede*r nur in seiner eigenen Welt.

    Isabellа besteht auf Objektivität. Die Sensibilität, die sie als charakteristisch für sich betrachtet, fasst Kirstin als eine allgemeine Charaktereigenschaft zusammen: Jeder sei sensibel.

    Benjamin, in der Rolle des Mediators, der Konflikte entschärft und Spannungen im Namen des guten Tons abbaut, fasst zusammen: „Es geht um das Miteinander.“

    Selbst die Bühnenchoreographie – energische Schritte, Arme, die sich immer wieder schützend vor der Brust verschränken, Blicke, die hektisch umherwandern auf der Suche nach dem richtigen Weg und einer Orientierung – verkörpert eindrucksvoll die Idee des Verlusts von Orientierung und Vision. Bewegung – in Gedanken, Emotionen und in den Landschaften der eigenen Vorstellungen – findet ihren Ausdruck sowohl in den Tanzschritten als auch in den kraftvoll geladenen Beats der Musik von Andreas Dauböck. Gruppen bilden sich, ihre Zusammensetzung wandelt sich ständig, je nachdem, wer sich gerade auf welche Seite und gegen wen stellt. Die Parallele zu den sich schnell verändernden politischen Farben und Loyalitäten ist unübersehbar.

    Von den Projektionswänden rund um die Bühne blicken uns Gesichter entgegen – vor Schreck verzerrt, mit weit aufgerissenen Mündern, als würden sie stumm um Hilfe schreien. Uns  marschieren disziplinierte und bewaffnete Armeen in perfektem Gleichschritt entgegen. Sie vermitteln das Gefühl einer Kriegssituation.

    In einer Welt, in der jede*r seinen Platz finden kann, solange gewisse Grenzen eingehalten werden, erklärt Benjamin entschieden: „Ich will nicht mit Nazis und Faschisten zusammen sein.“

    Obwohl Thomas nur eine einzige Vision für sich selbst skizziert – das Fliehen, falls ein Krieg ausbricht – führen die Überlegungen, wo woanders denn Platz auf der Welt für uns sein könnte, ins Nichts. Es scheint kein anderes „Wo“ zu geben, als genau hier – genau dort, wo wir immer waren.

    Das Thema Schuld wird in einem sehr intensiven und emotional aufgeladenen Moment behandelt, der das Publikum in ergriffenes Schweigen hüllt: Thomas ist wie erstarrt, weil er den letzten Wunsch seiner Großmutter nicht erfüllen konnte.

    Kirstin thematisiert Konformität – die fehlende Bereitschaft, anders zu sein oder Stellung zu beziehen, als sie erzählt, wie sie über eine Leiche am Eingang eines Geschäfts steigen musste und dabei versuchte, an ihre Einkäufe zu denken: „Ich habe versucht, das zu machen, was alle machten.“

    „Drübersteigen, weitergehen“, fügt Benjamin hinzu – ein Slogan, der in der heutigen Welt immer präsenter wird, in einer Zeit, in der der Mensch und seine individuelle Bedeutung mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt werden, zugunsten von Diktatoren und geopolitischen Ambitionen.

    Und so setzt sich der Weg fort – nach vorne schreitend, dann wieder umdrehend, vermeintlich voranschreitend, manchmal auch Schlamm kriechend, doch immer weiter, immer vorwärts, in einer scheinbar endlosen Spirale des Fortschreitens, ohne vom Kurs abzuweichen, aber nie ankommend.

    Persönlichkeiten, die sich herausfordern und provozieren. Welten, jede für sich allein, individuell, mit eigenen Theorien, Vorstellungen und Interpretationen, die den eigenen Bedürfnissen dienen – und dennoch nicht weit genug entfernt, um wirklich als „anders“ bezeichnet werden zu können. Wie auch der Regisseur Martin Gruber in einem Interview unter Bezugnahme auf Viktor Frankl betonte: Wir haben dieses einzige Leben, um hier etwas zu bewirken.

    Diese Welt – unruhig, besorgt, erschütternd, beängstigend, durchzogen von Schuld, Paradoxien und Widersprüchen ist … die einzige. Der einzige Ort, den wir haben, an dem wir existieren können, ist hier und jetzt. Indem wir die Grenzen des eigenen Selbst überschreiten – füreinander, miteinander. Unsere Welt.

    Eure Neli P


    Cast & Crew:

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne: Valerie Lutz und Martin Platzgummer | Kostüme: Luis Kaindlstorfer | Musik: Andreas Dauböck | Video: Resa Lut | Regieassistenz: Sana Hufsky | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser

    Mit: Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Benjamin Vanyek und Musiker:innen des aktionstheater ensemble

    Uraufführung: Mi. 11. Juni 19:30 Uhr

    Do. 12. Juni, Fr. 13. Juni, Sa. 14. Juni und So. 15. Juni jeweils 19:30 Uhr

    im Theater am Werk, Kabelwerk, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien

    Kartenvorverkauf: www.theater-am-werk.atwww.aktionstheater.at

    Vorarlberg-Premiere: Do. 26. Juni 20:00 Uhr

    Fr. 27. Juni, Sa. 28. Juni und So. 29. Juni jeweils 20:00 Uhr
    im Theater Kosmos Bregenz, Mariahilfstraße 29, 6900 Bregenz

    Kartenvorverkauf: tourismus@bregenz.at, T +43 (0)5574 4080, tickets.visitbregenz.com oder events-vorarlberg.at

  • „Gar nichts mehr“

    „Gar nichts mehr“

    35 Jahre aktionstheater ensemble. Teil 2. Österreichischer Kunstpreis

    Wir haben versagt

    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble

    In Kooperation mit Theater am Werk und Spielboden Dornbirn

    Premiere am 12. Jänner im Theater am Werk

    Die Begegnungen mit aktionstheater ensemble brauche ich wie die Luft zum Atmen. Jede Inszenierung ist ein einzigartiges Erlebnis, pointiert und punktgenau im richtigen Augenblick, tief in der gegenwärtigen Realität verankert. Mit fulminantem Schauspiel, Tanz, eindringlicher Musik und visuellen Projektionen reagiert das aktionstheater ensemble auch in „Wir haben versagt“ auf zukunftsweisende gesellschaftspolitische Entwicklungen. Es fängt den Puls der Gesellschaft ein und versucht wachzurütteln, provoziert, stellt Fragen, ohne die Rolle einer Moralinstanz einzunehmen. Wie eine läutende Glocke vor herannahender Gefahr, schlägt das aktionstheater Alarm, bevor es endgültig zu spät wird.

    In der Neuinszenierung „Wir haben versagt“ wird auf witzig-amüsante Weise eine Gesellschaft porträtiert, die unfähig ist, zu ihrem eigenen Demokratieverständnis zu stehen. Die großartigen Schauspieler Thomas, Benjamin, Zeynep und Monica zeigen die Wege auf, auf denen sich persönliche Theorien, Fehlentscheidungen, Orientierungslosigkeit und Passivität kreuzen – mit dem Ergebnis von „Volksverblödung“ und einem alarmierenden Rechtsruck.

    Dieser alarmierende Trend stellt jedoch kein rein nationales Phänomen dar. Er erstreckt sich erstaunlicherweise weit über die Landesgrenzen hinaus: In zahlreichen Ländern gerät die Demokratie zunehmend in Gefahr.

    Wir haben versagt (c) Stefan Hauer (4)

    Die Neuauffühung von aktionstheater ensemble zeigt durch eine ironisch-zugespitzte, witzige Coulage eindrucksvoll auf, dass toxische Männlichkeit – in der ein Einzelner, ein Autokrat, gegen demokratische Prinzipien verstößt –, gepaart mit einer Verengung des geistigen Horizonts, desaströse Folgen für die gelebte Demokratie haben kann. Dies wird durch das explosionsartig-hinreißende Schauspiel von Thomas dargestellt.

    Anspielungen auf toxische Männlichkeit, verkörpert durch politische Figuren wie Trump, Putin und Kim Jong-un und gekennzeichnet durch autoritären Führungsstil in vielen westlichen Ländern sowie in Ostasien, werden durch die Videoprojektionen, die die Bühne umrahmen, visuell ergänzt.

    In einer radikalen und symbolischen Geste nutzt Thomas seine Nacktheit, um auf seinen Körper – seinen Penis – hinzuweisen, in einem Akt, den er selbst als „Selbsterniedrigung“ bezeichnet, eine Art „Aufopferung“, stellvertretend für alle. Diese Extremaktion der totalen Entblößung führt er nur dann aus, wenn es die Dramaturgie verlangt – in Momenten höchster Dringlichkeit, voller Aufrichtigkeit, wie der jetzige, um vor der toxischen Männlichkeit und deren Folgen zu warnen und das Verhältnis zwischen Macht und toxischer Männlichkeit in den Vordergrund zu rücken.

    Wir haben versagt (c) Stefan Hauer (2)

    Benjamin, den ich nicht nur als großartigen Schauspieler, sondern auch in seiner berührenden Eigeninterpretation von Jacques Brel’s Songs erleben durfte, zeigt eindrucksvoll, wie mangelndes Interesse am politischen Geschehen, Selbstbezogenheit und das fehlende tieferes Verständnis der Wähler für die Bedeutung von Demokratie das Wahlergebnis in Österreich beeinflussen können: Die „Wahlkabine“ bei der Nationalratswahl, die ihm online Hilfe leisten sollte, hat ihn – ein „Wiener Sozi“ – in die komplett falsche Richtung geführt. Es hat Jahre gedauert, bis endlich seine Partei die Wahlen gewinnen konnte.

    Wir haben versagt (c) Stefan Hauer (3)

    Die hinreißende Zeynep greift das Thema des Wahlergebnisses auf, das einen deutlichen Rechtsruck zur Folge hatte. Sie erzählt auf pointierte Weise, wie solche Entwicklungen entstehen, etwa indem jemand „das X an der richtigen Stelle“ für einen abwesenden Freund setzt, der gerade im Urlaub ist. Ihre Worte werden durch die Projektionen im Hintergrund der Bühne visuell unterstützt, wodurch die Botschaft sich tief einprägt. Als Nächstes schlüpft sie in die zynisch-sarkastische Rolle einer Frau, die im Sinne des „Aufeinandergehens“ „demonstriert, wie sie mit „dem ganz Rechten“ umgehen würde.

    Thomas schildert die bedrückende Stimmung seiner Freunde, die angesichts der aktuellen politischen Ereignisse in Depression verfallen sind. „Gar nichts mehr,“ sagt er resigniert, „keine großen Visionen mehr.“ Diese bittere Schlussfolgerung spiegelt die Hoffnungslosigkeit einer Gesellschaft wider, die sich von ihren demokratischen Idealen entfernt zu haben scheint.

    Monica, die sich nach der Wahl symbolisch dem Schweigen verpflichtet hat als Ausdruck ihrer Resignation, bricht schließlich aus ihrer Stille aus. Bis zu diesem Moment hat sie sich ausschließlich der Gebärdensprache bedient. Ihr Ausbruch aus der Stille ist ein kraftvoller Moment, intensiv und durchdringend – eine starke, gefühlsgeladene Botschaft, die tief unter die Haut geht. Sie offenbart gleichzeitig den Schmerz und die tiefen Risse in einer Gesellschaft, die ihre demokratischen Werte verloren zu haben scheint.

     Zeynep Alan, Monica Anna Cammerlander und Thomas Kolle (v. li.): Wir haben versagt (c) Stefan Hauer (1)

    Unter den eindringlichen Beats von Leonard Cohens „If It Be Your Will“, neu arrangiert und vorgetragen von YOUCANCALLMEO, folgen Monica und Thomas dem Takt des Tanzes, der die Aussicht auf eine düstere, scheinbar aussichtslose Zukunft widerspiegelt. Auf der Projektionsfläche im Hintergrund der Bühne erscheint das Trump-Paar in ihrem triumphierenden Siegestanz. Trist endet diese erschütternde Begegnung mit dem aktionstheater ensemble, begleitet von der hinreißenden Stimme von Danielle Pamp.

    Doch solange diese fulminante Theatergruppe, die sich einer kompromisslosen Aufrichtigkeit verschrieben hat, von der Bühne aus Alarm schlägt, ist es nicht zu spät. Der Moment ist jetzt.

    Danke, aktionstheater ensembe!

    Eure Neli P

    Im Herbst 2025 spielt die mehrfach preisgekrönte Theaterkompanie vor dem New Yorker Publikum.

    Cast & Crew:

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne/Kostüme: Valerie Lutz | Video-Installation: Resa Lut | TikTok: Julius Hellrigl | Musik*: YOUCANCALLMEO(Jean Philipp Oliver Viol) | Regieassistenz: Sanna Hufsky | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser

    Mit: Zeynep Alan, Monica Anna Cammerlander, Thomas Kolle, Danielle Pamp, Benjamin Vanyek sowie Jean Philipp Oliver Viol 

  • „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“

    „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“

    Aktionstheater ensemble feiert sein 35. Jubiläum mit der Neuaufführung „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“

    Die Neuinszenierung ist noch vom 09. bis 15. Juni im THEATER AM

    WERK in Wien zu sehen

    Aktionstheater ensemble brauche ich wie die Luft zum Atmen. Wenn es zu eng wird, gehe ich ins Theater, um mir wieder Luft holen zu können.

    An diesem warmen Juniabend fällt die Wetterprognose im Theater am Werk in Wien nicht so optimistisch aus: Die dunklen Regenwolken von den Wandprojektionsflächen, die die Bühne umgeben, deuten wohl auf düstere Zeiten hin. Vor schlechten Prognosen habe ich keine Angst, viel mehr fürchte ich jenen Zustand, in dem man so tut, als ob alles nur Sonnenschein wäre.

    Das aktionstheater ensemble, eine Institution, die für ihre tiefgründige und provokative Bühnenkunst bekannt ist, feiert sein 35-jähriges Bestehen mit einer Neuaufführung, die den Titel „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“ trägt. Diese Inszenierung, deren Premiere am 08. Juni im Theater am Werk in Wien stattgefunden hat, ist ein Zeugnis für die anhaltende Relevanz, Brisanz und die Innovationskraft des mehrmals preisgekrönten Ensembles. Die Aufführung stellt eine Reflexion über das individuelle und kollektive Dasein dar, indem sie die Zuschauer dazu einlädt, über die Bedeutung des Selbst, verwickelt in selbstgesponnenen Analysen, in einer zunehmend komplexen Welt nachzudenken, in der das Miteinander scheitert. Mit einer Mischung aus Humor, Selbstironie und Ernsthaftigkeit erforscht das Stück die Eitelkeit der menschlichen Natur und unsere Reaktionen auf die Herausforderungen des gesellschaftspolitischen Lebens. Es ist eine Auseinandersetzung mit der Einsamkeit, der Selbstbezogenheit und der Suche nach Bedeutung in einer Zeit, in der der kollektive Zusammenhalt mehr denn je zu zerfallen scheint. Die Darbietung, die sich durch eine intensive Bühnensprache, in der Wort, Tanz und Rhythmus ineinander fließen, auszeichnet, lädt dazu ein, die eigene Position in der Welt zu hinterfragen, indem sie einen Raum für Selbstreflexion schafft. In einer Zeit, in der Europa vor wichtigen Wahlen steht und die Gesellschaft verzweifelt nach Zusammenhalt sucht, bietet das aktionstheater ensemble mit seiner Jubiläumsaufführung einen Blick auf unsere Gegenwart – verwirrt, verstört, echt. Es ist eine Erinnerung an die wichtige Funktion des Theaters als mächtiges Medium für sozialen und politischen Diskurs. Die Aufführung „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“ ist somit eine Momentaufnahme der Gesellschaft und zugleich ein Nicht-Aufgeben-Wollen der Hoffnung auf ein Miteinander in einer gespaltenen Welt.

    „Es vermisst mich niemand“

    hallen in uns Benjamins Worte wider. „Ich bin eine kleine Künstlerin“, fügt Kirstin hinzu. Jeder möchte wahrgenommen werden und jeder ist nur an sich selbst interessiert. Dennoch spürt jeder diese völlige Isolation und Trennung von anderen. Sechs fantastische Schauspieler auf der Bühne, die wir von früheren Auftritten bestens kennen, alle in Maleroveralls gekleidet, entführen uns in eine Welt, in der die Maßstäbe von „klein“ und „groß“ völlig verschwimmen. Eine Welt, die uns doch sehr vertraut vorkommt und in der auch in der Kunst das Profane den Vorrang gewinnt, wie etwa im Beispiel mit Andreas‘ Rolle als der „Lebkuchen-Mann“. Oder wo nur „hohe Kunst“ besondere Aufmerksamkeit verdient. Die Welt, die nämlich neu erschaffen, in neuen Farben bemalt werden muss – unsere Welt. Sechs Schauspieler – „Maler“ – bewegen sich rhythmisch auf der Bühne, ein paar Schritte vorwärts, dann wieder einer zurück, ganz wie im wirklichen Leben. Ängstliche Blicke schweifen umher, Arme umschlingen sich in einer Selbstumarmung. Die Rastlosigkeit korrespondiert mit dem Nicht-Aushalten-Können der Situation.  Und alles beginnt wieder von vorne…

    ©anja koehler

    „Alles ist persönlich“

    Sei es Kirstins naiver Wunsch, wieder einmal ein Kind sein zu dürfen, Tamaras Neurosen und Schrecken bei der Aussicht, auf dem Wiener Friedhof neben Nazis in einem Grab zu liegen, Isabellas Beobachtung, dass Politiker „so gut im Lügen sind“, oder die Schlussfolgerung von Andreas, dass „die Thematiken der Kompanie sich geändert haben – das Karussell verschiedenster Wahrnehmungsmuster dreht sich weiter. Rote Clownnasen erinnern uns daran, dass wir alle ein Teil der „Show“ sind. Sie spielt sich allerdings nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der realen Welt ab. Auch dieses Mal werden brennend aktuelle Gesellschaftsproblematiken in die Aufführung des aktionstheater ensemble eingewoben, die über die rein persönliche Dimension hinausgehen: Die Angst davor, ein „geklontes Selbst“ zu zeugen, dem dann jegliche Autonomie verweigert würde, unser ins Wanken geratenes Demokratieverständnis, das Verhältnis von Politikern zur Wahrheit…. Das Gesellschaftspolitische greift ins Persönliche hinein und umgekehrt, und alles wird persönlich. Denn „alles ist persönlich“.

    ©anja koehler

    Das Nicht-Aushalten-Können

    der derzeitigen Situation, das rastlose Hin- und Herschreiten der Darsteller, musikalisch begleitet durch die Beats der großartigen Band von dem Hintergrund der Bühne, lassen doch auf mögliche Veränderung hoffen. Auch das Leiden sucht seinen Weg nach außen. Anhand einer Theaterübung zeigt uns Tamara vor, wie man den aufgestauten Schmerz doch rausschreien kann – voller Wucht, von innen heraus. In der Schlüsselszene erklärt Isabella, wie man Umarmungen richtig gibt – sowohl denen, die noch da sind, als auch jenen, die bereits gegangen sind. Eine Umarmung darf ruhig länger dauern, sagt sie. Man muss eine Umarmung aushalten können. Dieses rührende Bekenntnis leitet über zum Song „Gone“ vom Album „Lonely Ballads“. Die Beats dringen tief unter die Haut und bieten in der Tiefe des Selbst viel Raum für Interpretationen. Aufrichtigkeit trifft auf Aufrichtigkeit wie bei jeder Interaktion mit dieser wunderbaren Theaterkompanie, die sich der Wahrheit verschrieben hat.

    Mit dem Bild von Isabellas Umarmung – und all den Umarmungen in meinem Leben, die ich nur lange genug aushalten musste, um sie wirklich zu spüren – verlasse ich den Saal. Das Publikum verabschiedet sich mit Standing Ovations. Danke, aktionstheater ensemble!

    Eure Neli P

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth | Dramaturgie: Martin Ojster | Musik: Andreas Dauböck | Bühne/Kostüme: Valerie Lutz | Videoinstallation: Resa Lut | Regie-Assistenz: Sanna Hufsky | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser Mit: Isabella Jeschke, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek sowie Live-Musik: Andreas Dauböck, Ernst Tiefenthaler, Emanuel Preuschl​​​​, Jean Philipp Viol im Theater am Werk, Kabelwerk (Oswaldgasse 35a, 1120 Wien)

    Kartenvorverkauf: reservierung@theater-am-werk.at, T +43 1 535 32 00, www.theater-am-werk.atwww.aktionstheater.at

    Mit dem Regisseur Martin Gruber und den fantastischen Tamara Stern und Kirstin Schwab…

    im Theater am Werk
  • Ein ganz normales Österreich

    Ein ganz normales Österreich

    Vom 13.01.2024 bis 20.01.2024 hat aktionstheater ensemble

    das Österreich-Bild im Theater am Werk in Wien infrage gestellt und somit die gegenwärtige Debatte um „die Normalität“ in den Vordergrund gerückt.
    Die Erstaufführung „Alles normal“ – irrwitzig, berührend, zutiefst erschütternd –  bietet wertvolle Einblicke in ein „ganz normales Österreich“.
    „Alles Normal“. Ein Salon d’amour Stück. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble.
    In Kooperation mit Spielboden Dornbirn und Theater am Werk.

    Wenn jemand ein fehlerloses, feines Gespür für die Absurditäten um uns herum hat, dann der Regisseur Martin Gruber und seine vielgekrönte Theatertruppe aktionstheater ensemble. Bei keiner anderen Theatertruppe ist die subversive Funktion der Kunst als gesellschaftlichen Barometers so intensiv, so eindrucksvoll zu spüren. Die Lenkung unseren Blicks auf die Wundstellen der Gesellschaft – die Konfrontation mit dem Verstellten, Unechten, mit der Schein-Welt – erfolgt auf der Bühne dermaßen wirkungsvoll, provokant und witzig, beginnend beim eigenen Selbst, dass uns die Begegnungen mit aktionstheater ensemble in Wien jedes Mal ein bisschen näher an einen bewussteren Umgang mit der Realität, in der wir leben, bringen. Nie verlassen wir den Saal so, wie wir ihn anfangs betreten haben. Jedes Mal nehmen wir ein bisschen mehr von einem tieferen Verständnis mit, wo wir sind, was eigentlich los ist, wohin uns der Narzissmus treibt, warum unser Demokratieverständnis versagt… Und wenn die Versuche danach, auch draußen nach diesem Mehr, das uns das Aktionstheater anbietet, zu suchen, oft scheitern, dann weil wir uns von der Kunst, aber auch von uns selbst nämlich genau das erwarten – ein Mehr. Wir suchen nach dem Mehr. Nach mehr Möglichkeiten, zu intervenieren, nach dem Mut, unsere Demokratie zu verteidigen, nach unseren Mitmenschen, nach Gleichgesinnten. In einem Gespräch nach der Aufführung am letzten Spieltag erzählte mir der Regisseur Martin Gruber, wie viele Menschen sich bei ihm und der Theatertruppe bedankt haben, dass sie sich nicht mehr allein fühlen.

    Dieses Mal versetzt uns aktionstheater ensemble in die angenehme Ambiente-Atmosphäre des Salon D’Amour: Auf der Bühne sind runde Tische aufgestellt, das Publikum wird mit Schnaps von den Darstellerinnen bewirtet, und im Hintergrund links spielt das Salon-Orchester. Von den Projektionsflächen um die Bühne herum blicken die Heimatberge.

    Das Unterhaltungsprogramm, das von Babett in der Rolle der Moderatorin als „knisternd erotisch“ und „peinlich asozial“ angekündigt wird, wirft die Frage auf, wie wir mit den großen Umwälzungen auf der politischen Bühne umgehen, die uns bevorstehen – den Wahlen im Herbst. Neben „Mut und Zuversicht“ ist angesichts der Perspektive auf ein 4. Reich noch die Rückbesinnung auf „das Gute und Schöne“ gefragt. Wie das genau zu verwirklichen wäre?

    Pressefoto_Alles_Normal_Uraufführung_Martin_Gruber_und_aktionstheater_ensemble_(c)Stefan_Hauer

    „Glaub an dich!“

    Ganz normal, in dem man sich wie Isabella „befreit“! D.h. sich von den schlechten Nachrichten abwendet und auf die eigene Schönheit voll konzentriert. Da dürfen auch Momente der Selbstverherrlichung und -verliebtheit sowie Beweise für die eigene Perfektion – Selfies! – nicht fehlen. Ganz wichtig bei diesem mühevollen Unterfangen scheint die Seelenarbeit zu sein, die zu leisten ist: Sie ist auf das Schließen von Lücken in der Aura gerichtet. Selbstverständlich, indem man den Schritt ins Esoterische wagt! Profitipps in dieser Hinsicht hätte Thomas parat: Mit Bergkristallen und Alumatten unter dem Bett könnte man schon einige Mängel auch auf der Seelenebene ausloten. „Glaub an dich!“ ist die Parole, die uns von den Projektionsflächen erreicht.

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    „Erleben, was verbindet.“

    Michaela richtet den Blick auf ihre zahlreichen Talente und somit – auf das verbindende Gemeinschaftsgefühl. In vielen Sachen ist sie gut, am besten punktet sie aber, wenn sie sie ganz alleine bewältigt. Als Kellnerin, Deutschlehrerin, Schauspielerin, beim Spielen von Computerspielen etc. verzeichnet sie „lauter Rekorde“. Dabei lernt sie so vieles! Soft Skills wie richtige Kommunikation oder wie ein Team richtig funktionieren sollte, das erlebt sie vor allem in Computerspielen: „Overcooked!“ spielt sie etwa am liebsten allein, nur dann ist sie immer unschlagbar und kann die maximale Punktzahl erreichen.

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    “We love to entertain you.”

    Mit dem Gedicht „Es ist normal…“ führt Elias Hirschl die brutale, paradoxe, inhumane Seite der vorgegaukelten traditionsverbundenen und daher nie infrage gestellten „Normalität“ ein. Die von ihm im Laufe des Abends vorgetragenen Texte gehen einem unter die Haut, rütteln wach. Unter der Wirkungskraft dieser direkten, sich gradierenden Konfrontation mit dem gesprochenen Wort wird das sich bis vor Kurzem vor Lachen zerkugelnde Publikum auf einmal ganz still. Eine ganze Österreich-Landschaft – von der blutigen Schweineschlacht über die gekochten Leberknödel, die rechts oder links vorne gebundenen Dirndlschürzen mit ihrer eindeutigen Botschaft bis hin zum frommen Gebet vor dem Essen, wenn das Schwein aufgetischt wird – breitet sich vor uns aus. „Es ist normal…“, donnert Elias Stimme im Saal. „Es ist normal, wenn das Kind etwas abgehärtet wird…“, schneidet er die Stille durch. „Es ist normal, nicht mehr geliebt zu werden“, klingt es im Publikum nach…

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    „Je konservativer die Gesellschaft, desto größer die Brüste.“

    Bei der Diskussionsrunde, die sich als Nächstes um die Größe von Thomas‘ „Zipferl“ herum entfacht und in eine allgemeine Diskussion über die Größe der weiblichen Brüste und des männlichen Attributs als Maßstäbe für die österreichische Gesellschaft übergeht, kann das Publikum sein Lachen kaum unterdrücken. Ein interessanter Einfall bringt Tamara ein: Die Penisgröße mit Euro-Münzen zu messen! Es folgt eine Abstimmung seitens des Publikums. Mit Hoch- bzw. Tiefsummen wird über die Normalität von Thomas‘ Penisgröße entschieden. Wie im Parlament, mit der österreichischen Flagge in der Hand – da es ja um Österreich-relevante Themen von äußerster Priorität geht.

    Auch den Klimawandel wird von Zeynep angesprochen, kurz und nur beiläufig, denn das ist ja „wurscht, egal jetzt“. Das Interesse der Gesellschaft gilt offenbar anderen Themen.

    „Wenn du kein Österreicher, nicht normal.“

    Beim Gedichtevortragen hebt das von Tamara präsentierte Gedicht die unterschiedliche Herkunft als Maßstab für Normalität bzw. für die Teilung der Gesellschaft in normal / nicht normal hervor. Somit zeigt sie uns einen der gängigsten Wege für Entstehung von Vorurteilen auf. Und wie bei allen vorurteilhaften Einschätzungen wird auch hier mit zweierlei Maß gemessen. Normal ist das Übliche, das Einheimische, das Bekannte, dafür findet man immer eine Rechtfertigung. Der Rest gilt als fremd und daher nicht normal: „Wenn du kein Österreicher, nicht normal.“ Tamara lässt während dieser Aufführung ihre eindrucksvolle Stimme öfter als Sängerin hinter dem Mikro erklingen. Ihr Gedankengang wird von Zeynep aufgenommen und weitergetragen: „Ewig Pole sein. Ewig Polin sein…“ Dabei begegnet uns von den Projektionsflächen um die Bühne herum den Namen Herbert K… im Vorbeilaufen.

    Der Abend, musikalisch von dem großartigen Orchester unterlegt, klingt nach:

     „Take this waltz […],  this waltz, this waltz,

    with it’s very own breath of brandy and death […],

    and I’ll dance with you in Vienna…“

    Ein großes Lob gilt auch den fantastischen Darsteller:innen, die die Schauspielkunst auch dieses Mal in eine neue Dimension gebracht haben, dem Regisseur Martin Gruber für die Tiefe der Auseinandersetzung mit dem Thema sowie dem Dramaturgen Martin Ojster für seinen besonderen Blick und das feinen Gespür fürs Detail.

    Wir, das treue Publikum, verlassen den Saal, innerlich durchfühlt, dankbar, für diese großartige Begegnung, die uns schon wieder eine Mutprobe gekostet hat, stellen schon jetzt neugierig die Frage, wann die nächste Prämiere kommt, und berechnen die Zeitspanne, die bis dahin zu überbrücken ist. Dieses Jahr feiert aktionstheater ensemble sein 35-jähriges Bestehen. Schon stolze 35 Jahre schwört es uns Treue, bleibt am Puls der Zeit und stellt für uns die unbequemen Fragen unserer Gegenwart. Es scheint doch nicht alles so hoffnungslos zu sein. Solange wir uns Fragen stellen, imstande sind, kritisch zu reflektieren und es auch wissen: Wir sind nicht allein. Wir sind nicht allein!

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und aktionstheater ensemble sowie Elias Hirschl, Wolfgang Mörth u.a. | Dramaturgie: Martin Ojster | Regie-Assistenz: Manuela Schwärzler | Bühne/Kostüme: Valerie Lutz | Video: Resa Lut | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser

    Mit: Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Monica Anna Cammerlander, Atanas Dinovsky Elias Hirschl, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Lisa Lurger, Daniela Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober, Tamara Stern

    Eure Neli P

  • Das Ich vor der Kulisse des Weltgeschehens

    Das Ich vor der Kulisse des Weltgeschehens

    Zwei Neuinszenierungen von Marin Gruber und aktionstheater ensemble – in Kooperation mit Spielboden Dornbirn und Werk X

    Mit „Die große Pension Europa Show“ haben der Regisseur Martin Gruber und sein mehrfach ausgezeichnetes aktionstheater ensemble dem Wiener Publikum wieder einmal Stoff zum Nachdenken und kritischer Auseinandersetzung mit sich selbst geliefert. Denn im Mittelpunkt steht schon wieder die Persönlichkeit mit ihren Schwächen. Verstört, vom Hurrikan der erschütternden und in die Knie zwingenden gesellschaftspolitischen Ereignisse aufgesaugt, schreit sie danach, wahrgenommen zu werden. Gnadenlos, aber zugleich liebevoll und mit viel Humor stellt Martin Gruber das Eitle und Oberflächliche, eingebettet im aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext, ins Rampenlicht.

    Die große Pension Europa Show  ist noch am Di. 17. Jänner um 19:30 Uhr  im Werk X, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien zu sehen.

    Das WERK X in Wien, Oswaldgasse habe ich schon von allen Himmelsrichtungen, zu allen Jahreszeiten angestürmt. Jedes Mal komme ich hier angerannt, mit pochendem Herzen und einem freudigen Vorgeschmack auf etwas Geheimnisvolles, Aufregendes und auch Verpflichtendes. Denn ein Theaterbesuch, insbesondere wenn eine der alternativen Theaterkompanien spielt wie das mehrfach preisgekrönte aktionstheater ensemble, stellt an sich selbst eine kühne Aktion dar: Es ist ein Ausdruck bürgerlicher Position und zugleich eine Mutserklärung, sich dem sich auf der Bühne Ereignenden gnadenlos zu stellen. Would you dare?

    Pension Europa 01: Zwischen Grenzziehung und Selbstoptimierung

    Im Hintergrund der Bühne, wo die wunderbaren Musiker stehen, ertönen die ersten Beats. Auf den Projektionsflächen sind fließende Regentropfen zu sehen. Regentropfen fließen ineinander, Grenzen verwischen sich. Wo ist die Grenze, fragt sich Isabella, zwischen der Seite, wo es regnet und der anderen? „We believe in crossing the horizon line“, nimmt Aishas erschütternde klare Stimme den hoffnungsvollen Gedanken auf, dass die andere Seite doch erreichbar ist. Und dabei verlieren auf einmal auch die Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit an Schärfe, sie gehen ineinander, sodass das Erfundene real, und das Reale erfunden wird: „Das kannst du in Wirklichkeit gar nicht sehen. Das musst du dir im Theater anschauen“, stellt Benjamin fest. Das, was in Wirklichkeit nur unklar wahrzunehmen ist, kann nämlich im Theater künstlerisch nachgeahmt und auf die Haut gespürt werden. Daher sind wir, das treue Publikum, ja auch hier, bereit, sich auf diese schmerzvolle, aber zugleich ironisch-amüsante Auseinandersetzung einzulassen.

    Trotz der Unterschiede in der Herkunft, Religionsbekenntnis, Geschlechtsorientierung und der ironisch-pointiert dargestellten Betonung auf den eigenen ganz besonderen Mehrwert, sind zwischen persönlich und politisch, hier und dort, eigen und fremd, keine klaren Grenzlinien zu ziehen. Nackt, nur in Unterwäsche auf der Bühne, verkörpern die wunderbaren Akteur:innen im ersten Teil der Inszenierung den starken Drang nach Anerkennung, die Versuche zur Selbstoptimierung vor dem Hintergrund des Weltgeschehens. Muttermale entfernen, Vorschreibungen, wie man stehen oder sich bewegen sollte, um vorherrschenden Schönheitsidealen zu entsprechen, Verliebtsein über die geographischen Grenzen hinaus, die sogar „die Weltpolitik relativieren könnte“, die Bemühung, die eigene persönliche Geschichte noch spannender zu gestalten, um seinen Wert als Mensch noch stärker hervorheben zu können, Elemente aus der Kampfkunst und der ewige Kreislauf von „breave, strike, relax“ als Teil des Alltäglichen, die Überbetonung der Macht des Geldes, das ewig sich zu Wort meldende Ego – es werden ironisch-humorvoll Bilder gemalt, die das rein Persönliche in einen weltpolitischen Rahmen setzen. Dabei bleibt nur eines übrig – im Meer, in dem eine klare Grenzziehung zwischen Persönliches und Weltpolitisches unmöglich zu sein scheint, zu schwimmen, weiter zu schwimmen, zu einem Regentropfen zu werden. Denn, wie es Isabella sagt, wie kann man doch wissen, ob dann „das Tiefblau darin der Himmel über dir oder der Himmel in dir ist“.

    Pension Europa 01 von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser (1)

    Die große Show: Ich will wahrgenommen werden

    Im zweiten Teil der Neuinszenierung bildet „Die große Show“, auf der Babetts 60. Geburtstag gefeiert werden soll, die Kulisse. Was versteckt sich hinter einem Ich, das sich bei jeder Gelegenheit in den Mittelpunkt drängt, im Rampenlicht stehen will, und dem das “Zur-Seite-Treten” so schwer gelingt? Wodurch wird das Selbstbild genährt? Sind Seelenzustände wie das unstillbare Bedürfnis nach Anerkennung von außen und die verwüstende Leere im Innenraum des Menschen nicht ein Abbild elender politischer Umstände? Sind Trennlinien überwindbar? Aktionstheater ensemble scheut sich auch dieses Mal nicht, im zweiten Teil seiner Neuinszenierung „Die große Show“, das Ich ironisch-kritisch und mit viel Humor zur Schau zu stellen. Und nicht zufällig überträgt uns Michaela Bilgeri mit ihrer mitreißenden Erzählung, bei der sich das Publikum vor Lachen zerkugelt, schon gleich zu Beginn gerade auf den Zentralfriedhof – die Trennlinie zwischen Leben und Tod. Ihre angebliche Bewunderung von einem schon älteren Sänger, der kaum noch stehen konnte, setzt sie mit Babetts Alter in Verbindung. Dass Babett trotz ihres Alters hier „heute noch so stehen“ kann, berührt Michaela echt, was sie auf ihre Empathiefähigkeit zurückführt: laut einer Studie sind ja „positive Charaktereigenschaften prinzipiell besser geworden“. Das Geburtstagskind, die wunderbare Babett Arens, wird von Michaela, die ja einmal ihr zuliebe zur Seite treten will, mit dem Nibelungenlied begrüßt – als Beispiel für den Untergang der Germanen infolge mangelnder Empathie, so Michaela. Die Show der Eitelkeit ist in vollem Gange, immer wieder wechselt sie ihre Outfits auf der Bühne, auf der Suche nach dem besten. Während Babett auch mal so im Mittelpunkt stehen will – denn „geht es mir gut, geht es allen gut“ –, auf ein gut funktionierendes, moralisches Rüstzeug Wert legt, fabuliert Michaela „wie im Humanismus“ von einer allumfassenden Show, von einem „Gesamtkunstwerk“ aus Zauberern, Musik, Gesang etc. aus allen Schichten, „Gebildeten und Bildungsfernen“, die „von der Spaltung zurück zur perfekten Gesellschaft“ führen würde.

    Pension Europa 01 von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser (1)

    „Die große Show“ wird von den Zaubertricks des Zauberers Raphael abgerundet, der dank seiner Jugend sich den romantischen Versuchen widmet, einen Moment des Staunens zu erschaffen, der Magie, und in dieser Weise „den Leuten einen Moment der Hoffnung zu schenken“.

    Bei der Selfies-Diashow, die Babett anlässlich ihres Geburtstages projiziert, bricht das Publikum in schallendes Gelächter aus. Selbstverständlich darf bei einer großen Show die Selbstexposition des Egos nicht fehlen, denn was wäre es ohne seine Multiplizierung?

    „Blut ist das, was uns verbindet!“, kündet der Festredner Elias Hirschl in seiner einem unter die Haut gehenden Rede an, und ruft dabei zu Blutspenden gegen die Spaltung der Gesellschaft auf, mit denen man „allen helfen kann, wie die Rettung“, auch einem Faschisten, denn auch ein Faschist sei ein Mensch.

    Die letzte Szene schließt mit dem gefühlsbetonten Auftritt vom bezaubernden Benjamin, den wir nicht nur als großartigen Darsteller, sondern auch von seinen Brel-Konzerten (https://nelisworld.com/2021/10/17/es-lebe-die-leidenschaft/) kennen, und „Die Chancenlosen“. Ob die Chancenlosen doch eine Chance hätten?

    Pension Europa 01 von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser (1)

    In der mitreißenden zweiteiligen Performance – der Neuinszenierung von „Pension Europa 01“ und der Uraufführung „Die große Show“, die sich die Zuschauer an einem Abend anschauen können, werden die großartigen Darsteller:innen witzig-amüsant mal in den Abgrund getrieben und schonungslos-ironisch bloßgestellt, mal mit Mitgefühl und Liebe wieder aufgefangen. Es sind diese höchste Konzentration im Augenblick, die Verdichtung der Spannung, der explosionsartige Auftritt der Darstellerinnen auf der Bühne, der durchstechende Blick ins Publikum – all das durch die sich tief einprägenden Beats der Musik unterlegt, – die einen ganz im Moment verankern. Ein Moment voller Offenheit. Und genau in diesem stark verdichteten plastischen Moment passiert es: Es erfolgt die Konfrontation mit sich selbst. In diesem Moment wollen wir, das Publikum verweilen. Danke, aktiontheater ensemble!

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und aktionstheater ensemble sowie Claudia Tondl, Elias Hirschl |Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne, Kostüm: Valerie Lutz | Video: Resa Lut | Regieassistenz: Michaela Prendl | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser | Live-Musik: Dominik Essletzbichler, Christian Musser, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober, Pete Simpson

    Darsteller:innen: Babett Arens, Michaela BilgeriAisha EisaIsabella JeschkeElias Hirschl, Raphael Macho, Kirstin Schwab, Tamara Stern/Zeynep AlanBenjamin Vanyek

    Mein Interview mit dem Regisseur Martin Gruber im WIENER: https://wiener-online.at/2018/11/14/kunst-ist-genau-das-refugium-wo-es-darum-geht-subversiv-sein-zu-koennen-regisseur-martin-gruber-im-interview/

  • Der Mensch gegen sich selbst

    Der Mensch gegen sich selbst

    Endlich ist es soweit! Die Uraufführung vom großartigen Martin Gruber und aktionstheater ensemble „Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“ feierte am 2.06. Premiere im Werk X. Die brennend aktuelle Theaterperformance ist noch am 7. Und 8. Juni im Werk X, Wien zu sehen, jeweils um 19:30 Uhr.

    Weiß

    Weiß begegnet mir die Bühne heute Abend, auf der das preisgekrönte aktionstheater ensemble seine Neuaufführung darbietet. Die Compagnie, die durch die Aufrichtigkeit ihrer Inszenierungen erschüttert und durch ihr fulminantes Spiel einen einzigartigen theatralen „Ort“ des Ankommens im Jetzt, einen Anziehungspunkt für alle Suchenden schafft,  bleibt auch dieses Mal mit ihrem feinen Gespür für die Wundstellen der Gesellschaft entschlossen am Puls der Zeit. Um ganz ehrlich zu sein, genau das haben wir, das Publikum dringend gebraucht – die Konfrontation mit dem gnadenlosen Jetzt, nackt und schonungslos vorgetragen, vom Naiv-Witzigen übers zutiefst Rührende bis hin zum Brutalen. Nackt, in weißer Unterwäsche und ohne zusätzliche Attribute, erscheinen auch die Akteur:innen auf die Bühne. Schwarz wie in Malewitsch‘ Bild „Schwarzes Quadrat“ klaffen die dunklen Kreise auf der Projektionswand im Hintergrund der Bühne, und dieses Schwarz scheint dem bekannten Versuch, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, sehr nah zu sein.

    Weiße Räume, wie ich einmal geschrieben habe, stellen die perfekte Projektionsfläche für das Essentielle dar. Nichts ist schonungsloser als das alles widerspiegelnde Weiß. Vor dem Hintergrund  des unendlich Weißen treten auch heute Abend auf der weißen Bühne bis vor kurzem verborgene Gefühle, geheim gehaltene Stimmungen, verschwiegene Gedankenströme zum Vorschein. Sie hallen im Weiß wider, werden von dem universell Verbindenden aufgenommen und weitergetragen, einen Wimpernschlag lang. So lang, wie das menschliche Leben selbst. Denn bald erlebt das Weiß in seiner Zerbrechlichkeit den Fußabdruck einschneidender Erlebnisse, Klimakatastrophen, und wird von Tod und Gewaltgeprägt. Spätestens dann verliert das Weiß seine Unschuld und wird wie heute Abend auf der Bühne im Werk X durch das Rot des Blutes vor dem Hintergrund der Brutalität des Krieges gefärbt.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    Europa im Mittelpunkt

    Im Mittelpunkt steht Europa. Horrorfilme gegen innere Unruhe, der romantische Traum von einer Riesenmenschenkette, die in die Ukraine einmarschiert und den Aggressor aufhalten kann, der nicht uninteressante Einfall von einem Benefizporno für die Ukraine – bei dem wohl mehr Menschen erreicht werden könnten –, die Suche nach dem Gegenteil von „straight“ („nicht straight“), der Akzent auf „bio“ im Bio-Weichspüler, die Gespaltenheit in zwei Gegner-Lager infolge des Ukraine-Krieges, die Position von Frauen in der Gesellschaft („Ich schlage zu wie eine Frau“, d.h. „nicht effektiv zuschlagen“) – facettenreich sind die witzig präsentierten Themen, die die großartigen Akteur:innen auf der Bühne aufgreifen. Verhängnisvoll pointiert erklingt die donnernde Frage „Was für eine Haltung soll ich einnehmen, um wahrgenommen zu werden?“, die durch ausdrucksvolle Choreographie und sich zutiefst einprägende Beats ergänzt wird. Immer wieder werden die Sessel auf der Bühne neu positioniert, nirgendwo stehen sie richtig, die innere Hin- und Her-Gerissenheit findet im ständigen Hin- und Herrücken ihren Ausdruck.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    Demokratie als Selbsterfahrung

    Der schonungslosen Aufrichtigkeit verpflichtet, bieten uns die Darsteller:innen auf der Bühne den Einblick in einen Mikrokosmos als ein Sinnbild für die globale Gelähmtheit einer Gesellschaft, die nur „das Lügen zusammenhält“. Die mehrmals angesprochene „Vermittlung von demokratischen Werten“ bleibt auf der Strecke. Auf einem „Demokratie-Workshop“ stellt sich etwa heraus, dass 70 % unter Demokratie Diktatur verstehen. „Für mich selber bin ich eine Diktatur“, fügt Tamara hinzu. Demos gegen den Krieg rufen die rhetorische Frage hervor „Wie verlogen ist das???“ Und irgendwann artet dieses „Ich-schluck-das-alles-Runter“ in Gewalt und Würgeangriffe aus, die blutige Spuren auf der weißen Bühne hinterlassen. Wutausbrüche werden weder verhindert, noch real gestoppt, stattdessen in stiller Ohnmacht beobachtet und höchst konzentriert mit dem Handy aufgenommen. Die Realität der Social Networks siegt über die Brutalität des Unmittelbaren.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    Krieg und Zerbrechlichkeit

    Die Bilder auf der Projektionsfläche im Hintergrund der Bühne wechseln: die Weizenähren verwandeln sich in von Bombenanschlägen zerstörte Gebäude, die eintönigen Fassaden in verletzliche menschliche Haut. Und irgendwann ist im weißen Hintergrund das Publikum selbst zu erkennen: der Mensch gegen sich selbst. Momentaufnahme, schlagartiges Wachrütteln, Reminiszenz – Offenbarung, in der die ganze Magie der Wirkungskraft des Theaters essentiell zusammengefasst ist. Man steht immer gegen sich selbst: Im Frieden und im Krieg, dies- und jenseits der Frontlinie, auf der Bühne oder im Publikum. Das Gefühl der Vergänglichkeit, durch die Projektionsbilder suggeriert, erinnert mich an das letzte Buch von Phil Klay und seine äußerst detaillierten Beschreibungen der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers, auf der einen Seite, und das perfektionierte Instrumentarium des Krieges, auf der anderen. Nichts gegen den Krieg nützt es auch, dass „Liebe“ so ähnlich in beiden Sprachen – Russisch und Ukrainisch – klingt.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    In „Lüg mich an und spiel mit mir“ gelingt es dem aktionstheater ensemble die Echtheit des Moments, in dessen brennender Aktualität wir alle gefangen sind, durch durchdringendes verdichtetes Spiel künstlerisch nachzuahmen, und Fragen aufzuwerfen. Unter der Last aller sich in mir gestauten Emotionen, Sinnbilder, Eindrücke verlasse ich langsamen Schrittes den Saal. Ich habe es nicht eilig. Im Jetzt angekommen, habe ich alle Zeit der Welt, um über die Nacktheit der Wahrheit nachzudenken. Außerdem trage ich heute zufällig Weiß. Dankeschön, aktionstheater ensemble!

    05. Juni 2022, Neli Peycheva

    Konzept, Inszenierung: Martin Gruber
    Text: Martin Gruber und Ensemble
    Dramaturgie: Martin Ojster
    Bühne, Kostüm: Valerie Lutz
    Video: Resa Lut
    Regieassistenz: Michaela Prendl

    Licht: Arndt Rössler

    Live-Musik: Dominik Essletzbichler, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober

    Mit: Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Luzian Hirzel, David Kopp, Tamara Stern