Kategorie: Worte

  • Ich stolpere über die Worte

    Ich stolpere über die Worte


    Ich stolpere über die Worte,
    richte mich auf.
    Aufs Zerbrochene setze ich ein neues
    und gleite weiter, sacht,
    bis aus den Worten ein Gedanke wacht.
    Aus den staubigen webe ich einen Schleier,
    und dahinter heile die Wunden:
    die Vaganten, die Sündigen,
    die durchschossenen, im Kampf geretteten,
    die Wort-Soldaten, verkettet und stark.
    Ich hadere mit euch.
    Wer braucht euch denn — sagt's mir.
    Ihr Buhlerinnen der Nacht, die weiterleben,
    nicht einig, nicht verschworen,
    nur scheu, nur wund, so leicht verloren.
    Jetzt reicht es. Ich werfe euch hinaus.
    Gute Reise. Werdet Wind,
    Vögel, Bäume,
    werdet Silben, Strophen — schlicht und leise.
    Kommt erst morgen. Seid Gäste im Haus.
    Klopft nur einmal, ich öffne die Pforte,
    lade euch ein, streite nicht weiter.
    Ich verbinde euch wieder die offenen Wunden,
    euch, Worte als Obdach, aus Fehlern gewunden,
    ihr wahren, ihr meinen, ihr menschlichen, warmen —
    und nehme euch in die Arme.

  • Fragment#1: Glück

    Fragment#1: Glück

    Manchmal ist das Glück nichts, das man sich nimmt, sondern etwas, dem man sich überlässt. Du erzwingst es nicht; du lässt das Geschehen geschehen, gibst dem Augenblick die Erlaubnis, dich ganz einzunehmen. In deiner Verletzlichkeit, in deiner wahren Natur verweilst du, und du umarmst ihn – diesen Augenblick. Etwas Göttliches entsteht in dieser Begegnung.

    Heute duften die Felder anders. Berauschend süß-sauer, frisch, tief; der Geruch trägt dich weiter, immer weiter. Du versuchst, deine Lieblingsbäume in eine Rangliste zu bringen, chronologisch, von Kindheit an: Birke, Trauerweide, Linde, Pinie. Sattsehen kannst du dich nicht – als hättest du zum ersten Mal Augen für diese grüne Landschaft. In der Bewegung der leicht vom Wind verwehten Zweige, im Ruf des Kuckucks bist du heute, an einem kleinen Ort an der Donau im Waldviertel, dem Glück begegnet.

    Im Volksmund heißt es, der Kuckuck sage durch seinen Ruf voraus, wie lange du noch zu leben hast. Heute hat er so oft gerufen – sogar er ist auf deiner Seite. In der Großstadt entgeht einem so vieles von dieser Begegnung, auch wenn du den Blick immer nach oben richtest: in die Baumwipfel, auf der Suche nach der kleinsten, kaum spürbaren Bewegung, in die Wolkenlandschaft, in die ersten Regentropfen. Je älter du wirst, desto mehr fühlst du dich mit der Natur verbunden, desto intensiver spürst du diese Hingezogenheit zu allem Lebendigen.

    Im Stift Altenburg denkst du lange über die Verbindung mit dem Göttlichen nach – nicht im religiösen, sondern im spirituellen Sinn. Du verliebst dich in den Innenhof mit dem Kreuzgang; die Geschichte dieses energiegeladenen Ortes, wo Gotik und Barock einander die Hand reichen, ist hier besonders intensiv zu spüren. Beim Verlassen des Stiftes schlägst du das Gästebuch auf und schreibst ein paar Worte hinein – im klaren Bewusstsein, dass du nur ein Glied in der Kette der Zeitlosigkeit bist, und in der Hoffnung, dass jemand in hundert Jahren auf deinen Namen stößt und dich dadurch wiederbelebt. Für einen Augenblick Zeit.

    Und dann, fast als Zugabe des Tages, ein Besuch in Schloss Rosenburg: eine betäubende Féerie aus Rosensträuchern in allen Farben und Nuancen und die Weite des Blicks, der sich in die Ferne verliert. Betörend schön. Auch das: Glück.

    Was wünschst du dir an diesem Tag? Glück? Dass du noch lange, sehr lange Augen behältst für die Schönheit dieser Welt – und für den Ruf des Kuckucks, der heute so oft auf deiner Seite war. Und dass du schreibst. Weiterschreibst.

    Neli P, 04.06.2026

  • Alles an einen Nagel hängen?

    Alles an einen Nagel hängen?

  • Spielen

    Spielen

    Habe heute mit gewissem Bedauern und einer Spur von Traurigkeit meine Gitarre eine Weile auf dem Schoss gehalten: die zweite Saite musste schon längst gewechselt werden… Gitarre spielen geht also nun wirklich nicht.

    Selbstverständlich hätte ich auch Geige spielen können, wenn ich nur eine hätte und es könnte, doch ein Traum wäre, immer die erste Geige zu spielen, hingegen wäre wohl keiner bereit, freiwillig die zweite Geige zu spielen in der gegenwärtigen Konkurrenzwelt. Solche „Macher“, die ausnahmsweise den Besserwisser spielen, gehen mir manchmal echt auf die Nerven, aber was soll’s! Das ist ja ein Teil des Spiels des Lebens!  Nicht jeder spielt mit offenen Karten, damit muss man leben! Karten spielen kann ich übrigens gar nicht, Karten lesen gelingt mir allerdings außerordentlich gut, da bin ich ein echtes Talent, wenn es darum geht, eine Rolle zu spielen (natürlich meine ich die Hauptrolle)! Ich muss es also schon gleich am Anfang unterstreichen, die Nebenrolle spielen ist nichts für mich, denkt bitte darüber nach, wenn Ihr mir eine Rolle anbietet!

    Ich hatte eine Freundin, die oft krank spielte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, es hat nicht geholfen. Letztlich erkrankte sie tatsächlich, das Vorgespielte wurde Realität, tut es also bitte nicht!

    Ab und zu mit dem Feuer spielen kann bereichernd sein, außer man verbrennt sich tödlich, bei mir hält sich bisher die Gefahr in Grenzen. Ja, ich bin empathisch! Doch, auch wenn ich so verständnisvoll allerlei menschlichen Klagen gegenüber bin, lasse ich mir nie auf der Nase spielen! Niemals! Alles ist echt bei mir, kommt zahlreich und überzeugt Euch selbst, mit verdeckten Karten spielen ist nicht meins, und trotzdem überkommt mich manchmal das Gefühl, in einem echten Theaterspiel zu spielen.

    Eure Neli P.