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  • „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“

    „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“

    Aktionstheater ensemble feiert sein 35. Jubiläum mit der Neuaufführung „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“

    Die Neuinszenierung ist noch vom 09. bis 15. Juni im THEATER AM

    WERK in Wien zu sehen

    Aktionstheater ensemble brauche ich wie die Luft zum Atmen. Wenn es zu eng wird, gehe ich ins Theater, um mir wieder Luft holen zu können.

    An diesem warmen Juniabend fällt die Wetterprognose im Theater am Werk in Wien nicht so optimistisch aus: Die dunklen Regenwolken von den Wandprojektionsflächen, die die Bühne umgeben, deuten wohl auf düstere Zeiten hin. Vor schlechten Prognosen habe ich keine Angst, viel mehr fürchte ich jenen Zustand, in dem man so tut, als ob alles nur Sonnenschein wäre.

    Das aktionstheater ensemble, eine Institution, die für ihre tiefgründige und provokative Bühnenkunst bekannt ist, feiert sein 35-jähriges Bestehen mit einer Neuaufführung, die den Titel „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“ trägt. Diese Inszenierung, deren Premiere am 08. Juni im Theater am Werk in Wien stattgefunden hat, ist ein Zeugnis für die anhaltende Relevanz, Brisanz und die Innovationskraft des mehrmals preisgekrönten Ensembles. Die Aufführung stellt eine Reflexion über das individuelle und kollektive Dasein dar, indem sie die Zuschauer dazu einlädt, über die Bedeutung des Selbst, verwickelt in selbstgesponnenen Analysen, in einer zunehmend komplexen Welt nachzudenken, in der das Miteinander scheitert. Mit einer Mischung aus Humor, Selbstironie und Ernsthaftigkeit erforscht das Stück die Eitelkeit der menschlichen Natur und unsere Reaktionen auf die Herausforderungen des gesellschaftspolitischen Lebens. Es ist eine Auseinandersetzung mit der Einsamkeit, der Selbstbezogenheit und der Suche nach Bedeutung in einer Zeit, in der der kollektive Zusammenhalt mehr denn je zu zerfallen scheint. Die Darbietung, die sich durch eine intensive Bühnensprache, in der Wort, Tanz und Rhythmus ineinander fließen, auszeichnet, lädt dazu ein, die eigene Position in der Welt zu hinterfragen, indem sie einen Raum für Selbstreflexion schafft. In einer Zeit, in der Europa vor wichtigen Wahlen steht und die Gesellschaft verzweifelt nach Zusammenhalt sucht, bietet das aktionstheater ensemble mit seiner Jubiläumsaufführung einen Blick auf unsere Gegenwart – verwirrt, verstört, echt. Es ist eine Erinnerung an die wichtige Funktion des Theaters als mächtiges Medium für sozialen und politischen Diskurs. Die Aufführung „ALL ABOUT ME. KEIN LEBEN NACH MIR“ ist somit eine Momentaufnahme der Gesellschaft und zugleich ein Nicht-Aufgeben-Wollen der Hoffnung auf ein Miteinander in einer gespaltenen Welt.

    „Es vermisst mich niemand“

    hallen in uns Benjamins Worte wider. „Ich bin eine kleine Künstlerin“, fügt Kirstin hinzu. Jeder möchte wahrgenommen werden und jeder ist nur an sich selbst interessiert. Dennoch spürt jeder diese völlige Isolation und Trennung von anderen. Sechs fantastische Schauspieler auf der Bühne, die wir von früheren Auftritten bestens kennen, alle in Maleroveralls gekleidet, entführen uns in eine Welt, in der die Maßstäbe von „klein“ und „groß“ völlig verschwimmen. Eine Welt, die uns doch sehr vertraut vorkommt und in der auch in der Kunst das Profane den Vorrang gewinnt, wie etwa im Beispiel mit Andreas‘ Rolle als der „Lebkuchen-Mann“. Oder wo nur „hohe Kunst“ besondere Aufmerksamkeit verdient. Die Welt, die nämlich neu erschaffen, in neuen Farben bemalt werden muss – unsere Welt. Sechs Schauspieler – „Maler“ – bewegen sich rhythmisch auf der Bühne, ein paar Schritte vorwärts, dann wieder einer zurück, ganz wie im wirklichen Leben. Ängstliche Blicke schweifen umher, Arme umschlingen sich in einer Selbstumarmung. Die Rastlosigkeit korrespondiert mit dem Nicht-Aushalten-Können der Situation.  Und alles beginnt wieder von vorne…

    ©anja koehler

    „Alles ist persönlich“

    Sei es Kirstins naiver Wunsch, wieder einmal ein Kind sein zu dürfen, Tamaras Neurosen und Schrecken bei der Aussicht, auf dem Wiener Friedhof neben Nazis in einem Grab zu liegen, Isabellas Beobachtung, dass Politiker „so gut im Lügen sind“, oder die Schlussfolgerung von Andreas, dass „die Thematiken der Kompanie sich geändert haben – das Karussell verschiedenster Wahrnehmungsmuster dreht sich weiter. Rote Clownnasen erinnern uns daran, dass wir alle ein Teil der „Show“ sind. Sie spielt sich allerdings nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der realen Welt ab. Auch dieses Mal werden brennend aktuelle Gesellschaftsproblematiken in die Aufführung des aktionstheater ensemble eingewoben, die über die rein persönliche Dimension hinausgehen: Die Angst davor, ein „geklontes Selbst“ zu zeugen, dem dann jegliche Autonomie verweigert würde, unser ins Wanken geratenes Demokratieverständnis, das Verhältnis von Politikern zur Wahrheit…. Das Gesellschaftspolitische greift ins Persönliche hinein und umgekehrt, und alles wird persönlich. Denn „alles ist persönlich“.

    ©anja koehler

    Das Nicht-Aushalten-Können

    der derzeitigen Situation, das rastlose Hin- und Herschreiten der Darsteller, musikalisch begleitet durch die Beats der großartigen Band von dem Hintergrund der Bühne, lassen doch auf mögliche Veränderung hoffen. Auch das Leiden sucht seinen Weg nach außen. Anhand einer Theaterübung zeigt uns Tamara vor, wie man den aufgestauten Schmerz doch rausschreien kann – voller Wucht, von innen heraus. In der Schlüsselszene erklärt Isabella, wie man Umarmungen richtig gibt – sowohl denen, die noch da sind, als auch jenen, die bereits gegangen sind. Eine Umarmung darf ruhig länger dauern, sagt sie. Man muss eine Umarmung aushalten können. Dieses rührende Bekenntnis leitet über zum Song „Gone“ vom Album „Lonely Ballads“. Die Beats dringen tief unter die Haut und bieten in der Tiefe des Selbst viel Raum für Interpretationen. Aufrichtigkeit trifft auf Aufrichtigkeit wie bei jeder Interaktion mit dieser wunderbaren Theaterkompanie, die sich der Wahrheit verschrieben hat.

    Mit dem Bild von Isabellas Umarmung – und all den Umarmungen in meinem Leben, die ich nur lange genug aushalten musste, um sie wirklich zu spüren – verlasse ich den Saal. Das Publikum verabschiedet sich mit Standing Ovations. Danke, aktionstheater ensemble!

    Eure Neli P

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth | Dramaturgie: Martin Ojster | Musik: Andreas Dauböck | Bühne/Kostüme: Valerie Lutz | Videoinstallation: Resa Lut | Regie-Assistenz: Sanna Hufsky | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser Mit: Isabella Jeschke, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek sowie Live-Musik: Andreas Dauböck, Ernst Tiefenthaler, Emanuel Preuschl​​​​, Jean Philipp Viol im Theater am Werk, Kabelwerk (Oswaldgasse 35a, 1120 Wien)

    Kartenvorverkauf: reservierung@theater-am-werk.at, T +43 1 535 32 00, www.theater-am-werk.atwww.aktionstheater.at

    Mit dem Regisseur Martin Gruber und den fantastischen Tamara Stern und Kirstin Schwab…

    im Theater am Werk
  • Sing, Lola Blau!

    Sing, Lola Blau!

    Am 22.10.2023 zeigte *STERNE REISSEN* in Koproduktion mit dem Off-Theater, Wien das Ein-Frau-Musical des Satirikers Georg Kreisler „LOLA BLAU“.

    Szenische Regie: ERNST KURT WEIGEL

    LOLA BLAU: TAMARA STERN

    Klavier: MARCELO CARDOSO GAMA

    Kontrabass: MATHIAS KRISPIN BUCHER

    Vor ein paar Wochen bin ich ihr begegnet – im Theater. Seitdem höre ich ihre Stimme immer wieder, ich höre sie tagtäglich, ich stoße auf sie zufällig beim Spazierengehen im Park, sehe sie, wenn ich, gefesselt von den in der Wärme meiner Hände auftauenden Schneeflocken, stehen bleibe und die Welt innerhalb von ein paar Sekunden ihre Umrisse ins Zeitlose verschwimmen lässt, wenn ich kurz vor dem Weihnachtsbaum halt mache, und meinen Blick nach oben, auf den leuchtenden Weihnachtsstern richte, wenn ich abends nach dem Abendstern unter den sich tummelnden Wolken suche – nach einem ruhigen Zufluchtsort, wo man, im grandiosen kosmischen Chaos, den Anker auswerfen kann. Lola Blau lebt. Seit ich das erste Mal ihre Stimme von der Bühne hörte, ist sie so real, dass es mir schwer fällt, über sie zu schreiben, wenn ich sie so intensiv präsent spüre. Manchmal denke ich mir, ich bin sie, und sie ist ich – ich trage eine Lola Blau in mir.

    Seit ich ihr im Off-Theater begegnet bin, verbinde ich sie allerdings mit einem Stern. Und er hat einen Namen. Tamara. Tamara Stern.

    Seit der Uraufführung in den 1970-er Jahren ist das „Musical für eine Frau“ von Georg Kreisler ein Dauerbrenner auf den Bühnen in den USA und Europa. Seit 2006 steht Tamara Stern auf der Bühne in der Rolle von Lola Blau und, wie sie es selbst zugibt, sie liebt dieses Stück. Dieses Mal war ihr aber nicht danach, die Welt draußen hatte auf einmal die erfundene drinnen, auf der Bühne, durch ihre erschütternde Grausamkeit überschattet, und doch hat sie ihren ganzen Mut aufgebracht und sich vor das Publikum gestellt. Traurig und innerlich durchwühlt, witzig und frech, fordernd und sich in sich zurückziehend erzählte sie uns eine Geschichte über die Fremde und das Gespür für das Eigene: „Man spürt seine Wurzeln nirgendwo so intensiv wie in der Fremde.“ Über das Gefühl des Alleinseins, das hervorgerufen wird, wenn man „plötzlich niemand fühlt“, singt sie, über das Zuhause, dass man niemals hat; gibt witzige Tipps, was man den Männern unbedingt sagen muss – „dass sie klug sind“ –, und fabuliert, was es wäre, „wenn man noch einmal erwachen könnte“, diese wunderbare, verletzte und zugleich unglaublich starke Lola Blau!

    Nicht selten fühlt sich die Schauspielerin jüdischer Herkunft wie ihre Protagonistin, die junge jüdische Schauspielerin Lola Blau. Nachdem ich Tamara Stern als Lola Blau gesehen und erlebt habe, fühle ich mich von ihrem Schauspiel dermaßen überwältigt, dass auch ich mich mit Lola Blau gleichsetze – mit ihrem Schmerz, ihrer Melancholie und ihrem Mut. Neulich erwische ich mich immer öfter bei der Frage: Stellt nicht Lola Blau ein Sammelbild dar? Einen Namen mit vielen Gesichtern. Frauen, deren Stimme trotz der Schicksalsschläge nie verstummt. Und sie alle zeichnen sich durch ein feines Gespür für die Ungerechtigkeit aus. Ist nicht Lola Blau eine jede von uns?

    1938 flieht Georg Kreislers Lola Blau vor den Nazis und verlässt Wien. Ihr Weg führt in die Schweiz und von dort aus nach Amerika, wo sie als Schauspielerin auftritt. Als sie nach dem Kriegsende zurückkehrt, muss sie leider feststellen, dass sich wenig geändert hat. Die Vergangenheit holt uns immer wieder ein.

    Das Grausame an der Geschichte ist, dass sie sich wiederholt. Das Traurige an unserer Gegenwart ist, dass weder Friedenskämpfer, noch Nobelpreisträger, noch Wissenschaftler, noch die größten Denker unseres Jahrhunderts das Schlimmste verhindern konnten. Und dass somit die Evolution völlig geleugnet wird, wenn wir die Aggression als menschliche Komponente doch nicht überwinden können, trotz geistiger Höhenflüge und technischen Fortschritts. Die Menschheit rottet sich mit der gleichen Brutalität aus wie vor Jahrhunderten. Der Schmerz von Lola Blau wird immer intensiver, lässt nicht nach. Der kollektive Schmerz vermehrt sich, statt sich zu vermindern. Und da werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach den Evolutionsbiologen recht geben, dass die Menschheit in 100 Jahren ausgestorben sein wird. Wenn ich allerdings an etwas glaube, dann an die Kunst als letzte Instanz der Menschlichkeit. Daran will ich glauben, weil ich es brauche. Ich will glauben, dass ihre Stimme nie verstummt.

    Sing, Lola Blau, sing! Solange du singst, ist noch ein Funken Hoffnung auch für mich da, und ich singe mit.

    Deine Neli P

  • Wenn im Raum, genannt Mikrowelt, die Hysterie die Oberhand gewinnt

    Wenn im Raum, genannt Mikrowelt, die Hysterie die Oberhand gewinnt

    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht

    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble

    In Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz. In Kooperation mit Werk X. In Wien noch am Sa. 3. Juni und So. 4. Juni jeweils um 19:30 Uhr im Werk X, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien zu sehen.

    Wie in allen bisherigen Aufführungen vom mehrfach preisgekrönten aktionstheater ensemble, das ich seit 2018 begleite, geht es auch bei der Neuinszenierung Morbus Hysteria um einen Paradigmenwechsel. Deutungsversuche, Wichtigtuerei, Belanglosigkeit – Phänomene der Einkapselung in der kleinen eigenen Welt werden witzig-ironisch und pointiert zur Schau gestellt.

    „Wie betreten den Raum!

    Mit diesen Worten treten Thomas und Kirstin auf die Bühne auf, ihre Schritte sind vorsichtig, ängstlich erforschen ihre Blicke die Umgebung, betasten den Raum, der, wie sich später herausstellt,  ihre kleine Mikrowelt, in der jeder befangen ist, symbolisieren soll. Die Farben auf der Bühne sind schwarz-weiß, Schwarz-weiß tragen auch die Darsteller:innen. Die Projektionswänden rund herum spiegeln Bäume wider – Die grünen Wälder Österreichs? Die österreichische Gesellschaft selbst, in der Funktion des teilnahmslosen Zuschauers? -, durch die ein leichter Wind weht; sie umgeben die Bühne, einem Schutzzaun ähnlich, und werden Zeugen von dem, was sich da gerade ereignet.

    Typisch österreichisch: Jeder hat den eigenen Rhythmus

    Gleich zu Beginn wird das Thema über die interkulturelle Kulturvermittlung und den Deutschunterricht für Migrant:innen eröffnet, und in diesem Zusammenhang auch die Frage gestellt, was man als österreichisch bezeichnen kann. Spielerisch – mit Körperteilen -, meint Kirstin, kann österreichisches Deutsch unterrichtet werden (für Deutschehrer:innen in Albanien), indem man vier Körperteile nacheinander in einen Rap-Rhythmus integriert. Was ist dabei das typisch Österreichische? Dass jeder einen eigenen Rhythmus findet, erklärt Kirstin, und zeigt es vor, das Traurige trifft auf das Komische. Auch die Darsteller:innen haben ihren eigenen Rhythmus – jeder/jede nimmt sich unglaublich wichtig, besteht auf die eigene Richtigkeit, doch der Rhythmus ist das ,was sie eben vereint: der ausschließlich auf sich selbst gerichtete Blick. Immer wieder werden die gleichen Rapp-Schritte eingesetzt, immer im gleichen Rhythmus, durch die kräftigen Beats der Musik unterlegt. Ist nicht der gleiche Rhythmus vielleicht das, was uns, von den Banalitäten der kleinen Mikro-Welt getrieben, vom Wesentlichen – den Versuch, einen gemeinsamen Rhythmus auf der gesellschaftlichen Bühne  zu finden – ablenkt? Ob der Apfelstrudel – „eine österreichische Köstlichkeit“ (Benjamin) oder die Spätzle – „das Hitlermenü“ – auch als typisch österreichisch gelten? Die Verweise treffen auf die richtige Stelle.

    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Diversität: „sichtbar und unsichtbar“

    Dass Diversität  mithilfe einer App berechnet werden kann, die die Laute, die Tiere von sich her geben, in unterschiedlichen Ländern lautmalerisch demonstriert,  wie etwa von einem Pferd oder einem Frosch, und dass es auch dabei Unterschiede geben kann, erzeugt ein komischer Moment, bei dem das Publikum in lauter Gelächter ausbricht. Weiter vertieft man sich in Versuchen, die eigene Empathiefähigkeit ganz vorne hinzustellen und als Fahne vor sich zu schweben, sucht man nach ihrem Gegenteil, philosophiert über die Funktion vom Dirndl, eigentlich von Juden erfunden (Dirndl mit 16?), lenkt so nebenbei den Blick auf die Schwachstellen des Feminismus („Das hat schon EINE FRAU gesagt.“). Als Benjamin Meryl Streep zitiert: „Du lebst in diesem Land und muss für diesen Privileg zahlen“, stellt man sich unumwunden die Frage, inwiefern dieses Statement gerechtfertigt ist bzw. wie hoch dieser Preis sein muss. Dass sich Thomas Diversität im Theater wüscht – ein neues Männerbild, von Sensibilität geprägt, und er dabei letztlich ausrastet, lässt einen nachdenken: wie ist er eigentlich, der Mann von heute? Auch ein anderer wichtiger Moment, nämlich die Judenproblematik, wird pointiert von Thomas in den Mittelpunkt gestellt (das Restaurantgespräch, das vom Nebentisch belauscht wird). Das Thema vom jüdischen Humor wird dann von der wunderbaren Tamara aufgegriffen, die sich als lustig findet und als solche wahrgenommen werden will, was aber einen lustig-tragischen Moment erzeugt, und sie letztendlich in Tränen ausbricht. Eine vielschichtige Darstellerin, die innerhalb von wenigen Sekunden verschiedene Stimmungsnuancen auf die Bühne bringen kann. „Sing Tamara“, sagt Benjamin zu ihr, „das Singen ist ein starkes Ausdrucksmittel.“

    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Auf der Suche nach der Identität

    In Pop-Ups, erzählt der großartige Benjamin, den wir nicht nur vom Theater, sondern auch von seinen zutiefst rührenden Jacques Brel-Auftritten kennen, gibt es Menschen, die sich als Tiere empfinden, und etwa mit „Wolf“ angesprochen werden möchten. Die Suche nach der Identität scheint völlig auf dem Holzwege geraten zu sein, Menschlichkeit tritt auf Kosten von tierischen Zügen zurück. Die Spannung auf der Bühne wird einen Schritt nach dem anderen dermaßen gesteigert, dass im nächsten Moment Benjamin und Thomas dem tierischen Trieb nachgeben und aufeinander auf der Bühne liegen – das Ganze mündet in einen tierischen triebhaften Kampf, ein Ringen, das ins Bodenlose führt. Und wenn alle Worte verstummen und sich überflüssig erweisen, kommt es tatsächlich dazu, dass Tamara sich vor das Mikro hinstellt und ihre starke, klare, gefühlsbetonte Stimme den ganzen Saal einnimmt – „So sad…“ –, bis die Hysterie wieder die Oberhand gewinnt und das alte Spiel von Neuem beginnt. „Ihr seid so extrem…“, macht Manuela so nebenbei die Bemerkung. Somit knüpft sie an das Thema Rechtsextremismus an. Um das richtige Maß muss es gehen, betont sie, die Balance, die Mitte muss man finden: wenn man einem was Schlechtes antut, muss es für diesen Menschen als Ausgleich aus was Gutes tun. Bitter-traurig fühlt sich diese Aussage an, die die die Verschlossenheit der eigenen kleinen Welt widerspiegelt und den Weg für einfache Manipulation aufgrund von Fehlinterpretationen zeichnet.


    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    „Ich nehme immer nur von den Großen“

    Soziale Ungerechtigkeit, oder genauer das Fehlen einer solchen, ist ein weiterer pointiert auf die Bühne dargestellter Moment. Lustig-ernst klingt Manuelas Erzählung, wie sie beim Einkaufen falsche Produkte an der Selbstbedienungskassa einscannt und dafür teurere in die Tasche legt. Ihr Protest. Es ist kein Stehlen, sagt sie, da sie immer nur von den Großen nimmt, und nie von den Kleinen, sie verteile es einfach um.

    In der letzten Szene scheint die Hysterie alle niedergeschlagen und alles um sich herum verwüstet zu haben. Nur die klaren, einem unter die Haut gehenden Klänge der Musik steigen empor. Sie ähneln die Ankündigung einer Katastrophe und zugleich einem Hilferuf, der von der Erde Richtung Himmel gesendet wird, einem SOS-Signal.

    Ein Abend, der lange nachklingt. Intensive Eindrücke, die sich zutiefst einprägen, Bilder, Phrasen, Verweise, Stimmungen, in deren ganzen Nuancen-Palette, die man mitnimmt. Momente der Aufrichtigkeit, die einem zutiefst erschüttern, unbequeme Fragen, die durch ihre Brisanz durchstechen. Banalitäten, die die Tragikomödie des Alltags in der kleinen Mikrowelt, ausmachen. Orientierungslosigkeit und die Frage: Was ist Österreich? Fulminantes Spiel, bei dem die Hysterie einer Gesellschaft auf den Höhepunkt gebracht wird.

    Für Euch gesehen und erlebt.

    Eure Neli Peycheva

     Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne/Kostüme: Valerie Lutz| Video: Resa Lut | Musik: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Pete Simpson | Regieassistenz: Johny Ritter| Medienkontakt: Gerhard Breitwieser

    Mit: Michaela Bilgeri, Thomas Kolle,Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek

    Live-Musik: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Pete Simpson

    Morbus Hysteria. Wir haben alle recht


    Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble

    In Koproduktion mit dem internationalen Festival Bregenzer Frühling, Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz. In Kooperation mit Werk X


    Uraufführung: Di. 30. Mai 19:30 Uhr

    Do. 1. Juni, Fr. 2. Juni, Sa. 3. Juni und So. 4. Juni jeweils 19:30 Uhr 

    im Werk X, Oswaldgasse 35a, 1120 Wien

    Karten (öffentlich): reservierung@werk-x.at, T +43 1 535 32 00-11, werk-x.at
    www.aktionstheater.at

  • Der Mensch gegen sich selbst

    Der Mensch gegen sich selbst

    Endlich ist es soweit! Die Uraufführung vom großartigen Martin Gruber und aktionstheater ensemble „Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“ feierte am 2.06. Premiere im Werk X. Die brennend aktuelle Theaterperformance ist noch am 7. Und 8. Juni im Werk X, Wien zu sehen, jeweils um 19:30 Uhr.

    Weiß

    Weiß begegnet mir die Bühne heute Abend, auf der das preisgekrönte aktionstheater ensemble seine Neuaufführung darbietet. Die Compagnie, die durch die Aufrichtigkeit ihrer Inszenierungen erschüttert und durch ihr fulminantes Spiel einen einzigartigen theatralen „Ort“ des Ankommens im Jetzt, einen Anziehungspunkt für alle Suchenden schafft,  bleibt auch dieses Mal mit ihrem feinen Gespür für die Wundstellen der Gesellschaft entschlossen am Puls der Zeit. Um ganz ehrlich zu sein, genau das haben wir, das Publikum dringend gebraucht – die Konfrontation mit dem gnadenlosen Jetzt, nackt und schonungslos vorgetragen, vom Naiv-Witzigen übers zutiefst Rührende bis hin zum Brutalen. Nackt, in weißer Unterwäsche und ohne zusätzliche Attribute, erscheinen auch die Akteur:innen auf die Bühne. Schwarz wie in Malewitsch‘ Bild „Schwarzes Quadrat“ klaffen die dunklen Kreise auf der Projektionswand im Hintergrund der Bühne, und dieses Schwarz scheint dem bekannten Versuch, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, sehr nah zu sein.

    Weiße Räume, wie ich einmal geschrieben habe, stellen die perfekte Projektionsfläche für das Essentielle dar. Nichts ist schonungsloser als das alles widerspiegelnde Weiß. Vor dem Hintergrund  des unendlich Weißen treten auch heute Abend auf der weißen Bühne bis vor kurzem verborgene Gefühle, geheim gehaltene Stimmungen, verschwiegene Gedankenströme zum Vorschein. Sie hallen im Weiß wider, werden von dem universell Verbindenden aufgenommen und weitergetragen, einen Wimpernschlag lang. So lang, wie das menschliche Leben selbst. Denn bald erlebt das Weiß in seiner Zerbrechlichkeit den Fußabdruck einschneidender Erlebnisse, Klimakatastrophen, und wird von Tod und Gewaltgeprägt. Spätestens dann verliert das Weiß seine Unschuld und wird wie heute Abend auf der Bühne im Werk X durch das Rot des Blutes vor dem Hintergrund der Brutalität des Krieges gefärbt.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    Europa im Mittelpunkt

    Im Mittelpunkt steht Europa. Horrorfilme gegen innere Unruhe, der romantische Traum von einer Riesenmenschenkette, die in die Ukraine einmarschiert und den Aggressor aufhalten kann, der nicht uninteressante Einfall von einem Benefizporno für die Ukraine – bei dem wohl mehr Menschen erreicht werden könnten –, die Suche nach dem Gegenteil von „straight“ („nicht straight“), der Akzent auf „bio“ im Bio-Weichspüler, die Gespaltenheit in zwei Gegner-Lager infolge des Ukraine-Krieges, die Position von Frauen in der Gesellschaft („Ich schlage zu wie eine Frau“, d.h. „nicht effektiv zuschlagen“) – facettenreich sind die witzig präsentierten Themen, die die großartigen Akteur:innen auf der Bühne aufgreifen. Verhängnisvoll pointiert erklingt die donnernde Frage „Was für eine Haltung soll ich einnehmen, um wahrgenommen zu werden?“, die durch ausdrucksvolle Choreographie und sich zutiefst einprägende Beats ergänzt wird. Immer wieder werden die Sessel auf der Bühne neu positioniert, nirgendwo stehen sie richtig, die innere Hin- und Her-Gerissenheit findet im ständigen Hin- und Herrücken ihren Ausdruck.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    Demokratie als Selbsterfahrung

    Der schonungslosen Aufrichtigkeit verpflichtet, bieten uns die Darsteller:innen auf der Bühne den Einblick in einen Mikrokosmos als ein Sinnbild für die globale Gelähmtheit einer Gesellschaft, die nur „das Lügen zusammenhält“. Die mehrmals angesprochene „Vermittlung von demokratischen Werten“ bleibt auf der Strecke. Auf einem „Demokratie-Workshop“ stellt sich etwa heraus, dass 70 % unter Demokratie Diktatur verstehen. „Für mich selber bin ich eine Diktatur“, fügt Tamara hinzu. Demos gegen den Krieg rufen die rhetorische Frage hervor „Wie verlogen ist das???“ Und irgendwann artet dieses „Ich-schluck-das-alles-Runter“ in Gewalt und Würgeangriffe aus, die blutige Spuren auf der weißen Bühne hinterlassen. Wutausbrüche werden weder verhindert, noch real gestoppt, stattdessen in stiller Ohnmacht beobachtet und höchst konzentriert mit dem Handy aufgenommen. Die Realität der Social Networks siegt über die Brutalität des Unmittelbaren.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    Krieg und Zerbrechlichkeit

    Die Bilder auf der Projektionsfläche im Hintergrund der Bühne wechseln: die Weizenähren verwandeln sich in von Bombenanschlägen zerstörte Gebäude, die eintönigen Fassaden in verletzliche menschliche Haut. Und irgendwann ist im weißen Hintergrund das Publikum selbst zu erkennen: der Mensch gegen sich selbst. Momentaufnahme, schlagartiges Wachrütteln, Reminiszenz – Offenbarung, in der die ganze Magie der Wirkungskraft des Theaters essentiell zusammengefasst ist. Man steht immer gegen sich selbst: Im Frieden und im Krieg, dies- und jenseits der Frontlinie, auf der Bühne oder im Publikum. Das Gefühl der Vergänglichkeit, durch die Projektionsbilder suggeriert, erinnert mich an das letzte Buch von Phil Klay und seine äußerst detaillierten Beschreibungen der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers, auf der einen Seite, und das perfektionierte Instrumentarium des Krieges, auf der anderen. Nichts gegen den Krieg nützt es auch, dass „Liebe“ so ähnlich in beiden Sprachen – Russisch und Ukrainisch – klingt.

    Lüg mich an und spiel mit mir. Von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Anja Köhler

    In „Lüg mich an und spiel mit mir“ gelingt es dem aktionstheater ensemble die Echtheit des Moments, in dessen brennender Aktualität wir alle gefangen sind, durch durchdringendes verdichtetes Spiel künstlerisch nachzuahmen, und Fragen aufzuwerfen. Unter der Last aller sich in mir gestauten Emotionen, Sinnbilder, Eindrücke verlasse ich langsamen Schrittes den Saal. Ich habe es nicht eilig. Im Jetzt angekommen, habe ich alle Zeit der Welt, um über die Nacktheit der Wahrheit nachzudenken. Außerdem trage ich heute zufällig Weiß. Dankeschön, aktionstheater ensemble!

    05. Juni 2022, Neli Peycheva

    Konzept, Inszenierung: Martin Gruber
    Text: Martin Gruber und Ensemble
    Dramaturgie: Martin Ojster
    Bühne, Kostüm: Valerie Lutz
    Video: Resa Lut
    Regieassistenz: Michaela Prendl

    Licht: Arndt Rössler

    Live-Musik: Dominik Essletzbichler, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober

    Mit: Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Luzian Hirzel, David Kopp, Tamara Stern

  • Die Tragik der Fallhöhe

    Die Tragik der Fallhöhe

    Vom 29.9. – 3.10.2020 war das mehrfach presigekrönte aktionstheater ensemble mit der Uraufführung Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben im WERK X in Wien zu sehen

    Was bleibt hinter uns?

    Müll, Orangen, Plastikblumen, unbrauchbare Nationalflaggen – Spuren von Verbrauchtem und kein Funken Leben, keine – zumindest wage – Andeutung an Erschaffenes, Erfundenes, Erbautes. Nur Müll. Gitterschränke voller Überbleibsel der menschlichen Existenz. Untergang statt Aufgang. Dunkelheit statt Licht. In einer Welt ohne Menschen, auf einer Bühne, die seit Monaten auf ihre Darsteller wartet. In Zeiten eines Lockdowns. In einem Dasein ohne Essenz, in der Ego-Trips Schicksäle stärker denn je zusammenschweißen, die Erlahmung des Geistes so krass zu spüren ist, dass sie einen faden Beigeschmack hinterlässt und Subjekte kaum noch von Objekten zu unterscheiden sind.

    „Wann beginnt das Leben?“, fragen Martin Gruber (Der Regisseur im Gespräch für den WIENER) und sein aktionstheater ensemble in ihrer zutiefst erschütternden Neuaufführung im WERK X.  „WANN beginnt das Leben?“, möchten auch wir, das Publikum endlich einmal laut ausschreien. Die einsame Bühne – ein Abziehbild der Welt draußen – wartet auf ihre Darsteller und verschweigt vorerst die Antworten.

    Bürgerliches Trauerspiel. Uraufführung (c) Gerhard Breitwieser

    Die Bühne – nah und fern

    Als erster traut sich Thomas, sie zu betreten. Irgendwie seltsam fühlt sich das an, langsam und vorsichtig tastet er sich heran, als ob er sich in einem Traumzustand befände. Dann nimmt er gleich die Kreide und zeichnet eine weiße Trennlinie, die ihn von der Außenwelt abgrenzt. Die Versuchung, einen Schritt nach vorne zu setzen, um den Zustand des Getrenntseins zu überwinden und gegen Regeln, Einschränkungen, Verbote zu verstoßen, ist groß: Das Jenseits war doch immer verlockender als das Diesseits, und die Freiheit einem lieber als die Unfreiheit. Die Trennlinie als Kunstmittel kommt oft in den Aufführungen von aktionstheater ensemble vor, entweder um den Einzelnen in die Enge seiner subjektiven Welt zu positionieren oder den Versuch zu artikulieren, über die eigenen, inneren oder die von außen aufgesetzten Einschränkungen hinwegzukommen. Endlich spuckt sich Thomas in die Hände und es geht los! Auch Horst und Benjamin bewegen sich unsicheren Schrittes, zaghaft nach Spuren von Lebendigkeit suchend, als ob sie ihre eigene Bühne kaum noch erkennen könnten. So nah und zugleich fern wirkt sie auf sie.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Die Tragik der Fallhöhe

    Schon wieder gleitet unter der Regieführung von Martin Grubers das Kleinbürgerliche, Prosaische und Belanglose ins Globale hinüber. Die Auf-sich-selbst-Bezogenheit, vermischt mit einem bis aufs Äußerste ausgeprägte Gefühl der Vereinsamung, der Abgetrenntheit, abgeschmeckt mit einem witzig-ironischen Unterton, auf der einen Seite, und der globale, aus politisch-wirtschaftlichem Geschehen zusammengenähte Kontext, auf den der Verstand, der unbedingt eine Erklärung braucht, mit selbstgesponnenen Theorien reagiert, auf der anderen, bilden den inhaltlichen Rahmen.

    Einer Marionette ähnlich zappelt das Selbst im Fluss von Moralvorstellungen, Debatten um die Gleichberechtigung, Wutanfällen auf Banken und Versicherungen, Überzeugungen über Liebekonzepte, Flüchtlingskrisen, Ernährungsgewohnheiten, Aufrufen der Bundesregierung herum. In sich selbst verfangen steht der Einzelne da hilflos und verloren.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber (c) Gerhard Breitwieser

    Und so fängt es an: Michaelas Feststellung, sie mag keine süßen Getränke mehr oder der Entschluss, auf Fleisch zu verzichten, knüpfen an die Notwendigkeit, ein Alkohol-Tagebuch zu führen an, die während der Krise entstanden ist. Schon wieder der Lockdown hindert sie daran, die Gleichberechtigung in ihrer vollsten Form zu erfahren und endlich mal eine offene Beziehung zu führen. Die Seifen, die sie nach Kuba geschickt hat, im Austausch für Ärzte, wenn es mal dazu kommt, und das Experiment, bei dem sie zwei Seifen vor zwei Obdachlosen legt, lassen dann die Frage auftauchen: „Was ist schlimmer: Hier arm zu sein oder in Kuba?“ Der Redefluss wird oft von Sprüchen, Floskeln oder Erkenntnissen unterbrochen, wie „Der empathische Mensch ist oft einsam.“

    Horst, der rastlos hin und her schreitet, lässt seien Wut an Banken und Versicherungen aus („Alle Arschlöcher!“) und redet gerne über Möbel, um irgendwann so nebenbei festzustellen, dass man die Hässlichkeit schön mit Schwarz bedecken kann – ein Statement, das wie ein Blitz auf die Bühne schlägt und beim Publikum lange nachklingt.

    Auch Thomas ist in seiner Welt gefangen: er spricht über seine große Angst vor dem Faschismus („Oma hat Angst wie nach dem 2. Weltkrieg!“), gibt seiner Duft-Anhänglichkeit freien Lauf und hält sich fest an tradierte Wertvorstellungen – etwa von den Eltern übernommen –, die für ihn die Gültigkeit eines Kanons haben: „Fleiß, Verlässlichkeit, Talent, hat der Papa gesagt.“ Die alten Sprüche schließen eine zeitgemäße Emanzipation des Geistes aus.

    „Und jetzt stellen Sie sich mich als Emilia Galotti vor“, unterbricht plötzlich Benjamin den Redefluss, dem Appell der Bundesregierung folgend, die Künstler in Krisenzeiten zu unterstützen und der hohen Kunst den Vorrang zu geben. „Leidenschaft, das ist, was heute fehlt!“, fährt er fort. Witzig-ironisch bis grotesk-traurig wirkt sein Auftritt, wenn seine Erzählung, während er im schwarzen Witwenkeid durch die Bühne schwebt, in persönliche Leidensgeschichte übergeht: von dem Augenblick an – angefangen bei der Schilderung von der Misshandlung bei der Armee bis er die Zahnprothese als Beweis herausnimmt – wird das Traurige plastisch, es wird dermaßen verdichtet, dass man die Bitterkeit des Leids wortwörtlich auf der Zunge schmecken kann.

    Martin Gruber löst das bürgerliche Trauerspiel von seiner historischen Bedeutung ab und versetzt es in den gegenwärtigen Kontext, in dem der Tragik der Fallhöhe neue Dimensionen und Interpretationen beigemessen werden. Unglaublich, wie weit die Palette aus Assoziationen reicht, zu der der Regisseur greift! Aus dem unmittelbaren Vergleich mit den klassischen Werken entsteht das Witzig-Lustvolle, vor dessen Hintergrund das Gegenwärtige noch deutlicher wahrzunehmen ist. Die großartigen Darsteller Michaela Bilgeri, Horst Heiß, Thomas Kolle und Benjamin Vanyek übernehmen wiederum für uns, das Publikum mit ihrem unter die Haut gehendes Spiel, das einen an die Grenzen seiner Wahrnehmung treibt, den schwierigen Teil. Die Realität, die mit ihren lustigen, albernen, banalen, aber auch schmerzvoll-skurrilen Ausprägungsformen auf die Bühne übertragen wird, stellt ein bürgerliches Trauerspiel nämlich, in dem das Bürgerliche ins Zentrum des Tragischen rückt. Wie ein Karussell drehen sich Banalitäten, eine nach der anderen, mit der Lichtgeschwindigkeit und füllen so die Mikrowelt des Einzelnen vermeintlich mit Lebenssinn aus. Unabhängig davon, ob es dabei um Vorlieben, Gewohnheiten oder Überzeugungen geht, eines bleibt konstant: das Fehlen an einem starken Impuls, der ein gesellschaftlicher Konsens denkbar machen würde: Sowohl in den Banalitäten des Alltags als auch in der Besprechung der „großen Themen“ redet man aneinander vorbei, der Gemeinsinn ist verfehlt.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Stefan Hauer

    In der Umarmung von Musik und Tanz

    Die wunderbare Sängerin Nadine Abado, der talentierte Schlagzeuger Alexander Yannilos und der uns allen bekannte Musiker Kristian Musser, die aktionstheater ensemble schon lange begleiten, halten musikalisch die Bühne fest in ihrer Umarmung und verleihen dem Stück durch die Wirkungskraft der Stimme, der Musik und des Schlagzeugs eine ganz besondere Fülle, indem sie entweder die Tonstärke virtuos hochklettern, sodass der Gesang beinahe als Hilferuf, der die Stille durchschneidet, wahrgenommen wird oder leise und gesprächig uns Bilder reinflüstern – da, wo die verbale Erzählung abbricht oder diese in die musikalische Begleitung eingewoben wird.  

    Wenn Thomas und Horst nicht breitbeinig dasitzen a là Manspreading oder demonstrativ-offensiv die Beine übereinanderschlagen (Sohlen zeigen nach außen!) bewegen sie sich im gleichen Tempo, mit ihren Liegestühlen in der Hand, die während der Krise mit ihnen beinahe zusammengewachsen sind, kreisen um sich herum, ohne aus dem eigenen eng umrissenen Bewegungsfeld ausbrechen zu können. Die gleich rhythmischen, eintönigen, sich wiederholenden Schritte auch bei den anderen DarstellerInnen widerspiegeln das Sich-Ewig-Wiederholende, das aus alten Denkmustern oder Eigentheorien Zusammengebastelte, das Neues nicht zulässt. Zugleich vereinen die synchronen Bewegungen auf der Bühne ähnliche Schicksäle, Charaktere, denen eine tragfähige Zukunftsperspektive fehlt. Als Thomas ausrastet, ist das als Ausbruch aus den eigenen Grenzen hinaus zu empfinden. Dass gegen Ende des Spiels auch manche der DarstellerInnen in den Käfigen hinter den Gittern stehen, stellt jedoch ein Zeichen dafür dar, dass es dem Einzelnen nicht gelingt, seinen Mikrokosmos zu verlassen und die Gitter zu durchbrechen, denn, wie Horst einmal bemerkt, man habe sich während der Krise an die Eintönigkeit gewöhnt.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Nichtigkeit als Chance

    Wären nicht die fantastischen DarstellerInnen da, auf der Bühne, hätten wir, die Zuschauer vielleicht auch nicht die Chance bekommen, in die Rolle des Beobachters von uns selbst reinzuschlüpfen und somit den Schritt aus unserem eigenen Trauerspiel raus zu wagen. Diese Entscheidung überlässt aktionstheater ensemble, das sich weit fern von allen Versuchen hält, fertige Lösungen anzubieten, dennoch einem selbst. Das mehrfach ausgezeichnete Theater, das von dem Temperaturgrad seiner schonungslosen Subversivität her einzigartig ist, fordert uns mit seinem fulminanten Spiel immer wieder heraus, in den Spiegel zu blicken. Die Nichtigkeit des Daseins mit der radikalen Belanglosigkeit seiner Tagesthemen kollidiert im Bürgerliches Trauerspiel mit der äußert intensiv wahrnehmbaren Notwendigkeit, nach der Essenz und somit auch nach einem Gemeinsinn zu suchen, die eigenen Grenzen zu sprengen. Ob das uns gelingt? Das ist die Frage. Bis dahin: Alles Konfetti.

    Neli Peycheva

  • Auf der Theaterbühne meines Lebens

    Auf der Theaterbühne meines Lebens

    Ich weiß immer noch ganz genau wo die drei Bände von Stanislawski in meiner Bibliothek stehen, ich kann nach wie vor jeden Moment den Geruch von altem Papier wachrufen und somit auch die Aufregung, die ich beim Umblättern spüre. Eine Seite, zwei Seiten, drei… Und schon betrete ich eine andere Welt, in der das Unmögliche draußen vor der Tür bleibt. Denn hier ist alles möglich. Auf einmal wird die Begrenztheit des Daseins überwunden. Es hat sich also nichts verändert. Die Erinnerung ist da, farbig-duftend, plastisch, grell leuchtend, der Augenblick, als ich dieses kostbare Geschenk bekam, flattert wie Schmetterling in der Luft, und… er. Als ob er immer da gewesen wäre.

    An einem warmen Märzabend sitze ich unter den Zuschauern im vollen Theatersaal des Puppentheaters in Russe. Wie war es dazu gekommen? Keine Ahnung. Der frische Märzwind soll mich dahin geweht haben. Die Bäume treiben schüchtern Knospen. Ein sanfter Duft breitet sich Richtung Donau aus. Das Gebäude befindet sich nicht weit von dem ruhig fließenden Fluss entfernt, der sich, wie ich erst Jahre später feststelle, in Menschen verfängt, die Menschen verfangen sich ihrerseits in Zeiten, die Zeiten in Erinnerungen, und die Erinnerungen wiederum in Menschengeschichten, sodass ein unübersehbares Netz aus Endlosigkeit entsteht, das von Russe über Wien hinaus bis nach Passau hinüber reicht. Verhängnisvoll. Damals ahne ich es allerdings immer noch nicht. Das, was ich zu jenem Zeitpunkt weiß, ist, dass dieses Donaublaue wie ein Magnet auf mich wirkt.

    An jenem Abend spielt eine junge Pantomimetruppe. Erschütternd! Die Handlung, die die sichtbaren Grenzen des Raums bald verlässt, die begabten jungen Menschen auf der Bühne, die mit der Sprache des Körpers Geschichten fabulieren, er. Nicht länger als eine Stunde ist vergangen, und die Entscheidung steht schon fest. Es geht um eine jener Fragen, bei denen es kein Zurück gibt. Es ist nämlich eine Frage auf Leben und Tod. Was ich will, ist um jeden Preis ein Teil vom Wunder, genannt Theater, zu werden. Also warte ich ruhig ab, dass auch der letzte Zuschauer sich verabschiedet und den Raum verlässt und nähere mich langsamen Schrittes auf die Bühne zu, stelle mich kurz vor und bringe es gleich direkt auf den Punkt, so ist es halt mit den Fragen auf Leben und Tod: „Ich will eine von Euch sein!“, kündige ich an. „Was kannst du?“, fragt er. Ich, die erfahrene Gymnastikerin, denke einen Moment lang nach. Da leuchtet es mir plötzlich ein, wo meine verborgenen Talente wohl hätten liegen können und packe die Sache professionell an: „Spagat! Ich kann Spagat!“, rufe ich aus und gleite sofort in den Spagat. Er lacht.

    So beginnt mein Treffen mit dem Theater und dem Menschen, der mich beinahe adoptierte. „Adoptiert“ von ihm waren fast alle anderen Kinder in der Truppe. Fast alle von uns waren entweder nur mit dem einen Elternteil aufgewachsen oder kamen aus schwierigen Verhältnissen. Und alle brauchten wahnsinnig einen Vater.

    Ich bin 16. Die wöchentlichen Pantomime-Proben fangen an. Es beginnt ein Leben voller Elektrizität, das von einem unsichtbaren Motor vorangetrieben wird, in dem allem einen tieferen Sinn eingehaucht wird. Und er. Eine markante Persönlichkeit, die man nie aus dem Gedächtnis verlieren kann – Yordan de Meo. Ich probe. Fleißig. Mit Leidenschaft. Dann folgt der Bühnenauftritt unter dem Licht der Scheinwerfer. Ich lerne Maria Luisa, die Schwester von Simeon Sakskoburggotski kennen. Er schenkt mir die Platte von Kenny Rogers. Ich verliebe mich in die Songs. Bald danach beginne ich regelmäßig seine Mutter, eine gebürtige Deutsche, zu besuchen, um mit ihr mein Deutsch zu üben. Wir sprechen. Wir sprechen über „Vom Winde verweht“. Ich lasse mich vom Wind verwehen. Modeschau. Ich nehme an einem Casting für eine Modeschau teil.

    Die Schulzeit ist zu Ende und er stellt die Frage aller Fragen: „Willst du nicht Schauspiel studieren?“ Ich glaube nicht. Eine Nichtgläubige. Oder ich glaube zu wenig, dass es möglich wäre und bestehe stur auf die Fremdsprachen, als ob ich bei der Geburt verflucht worden wäre, mein Leben einzig und alleine mit den Sprachen in Verbindung zu setzen. Andere von meiner Pantomimetruppe aber, etwa Simeon Lytakov, haben mehr Glauben. Oder zumindest genug, um später erfolgreiche Schauspieler zu werden.

    Jahre danach treffe ich ihn von Neuem. Diesmal in Sofia. Er lacht genauso wie einst, glaubt, dass ich nicht an die Uni hingehöre. Prophet.

    Und endlich mache mich auf den Weg nach Wien. Nein, nicht über die Donau. Ich nehme den schwereren Weg, der mir in kurzer Zeit über 160 Stempel in meinem Pass sichert für Grenzen, die zu überqueren waren. Nach fünf dort verbrachten Monaten fangen die ersten Zweifel an. Gibt es für mich einen Rückweg? Ich muss jedoch zurück, um ihn anzurufen. Die Weihnachtsfeiertage vergehen. Ich nehme den Hörer in die Hand und dann verstehe ich auf einmal, dass ich zu spät bin. Ein nie zustande gekommenes Gespräch bleibt in der rechten Herzenskammer und wird ewig herumgeschleppt.

    Später treffe ich völlig unerwartet für mich seine Tochter Mariana in Wien!  Und somit taucht er wieder in der Erinnerung auf, als ob er immer da gewesen wäre. Seltsam, wie sich diese roten Fäden in meinem Leben durchkreuzen, ähnlich all jenen mir am Herzen liegenden Menschen, ohne die ich nicht das wäre, was ich jetzt bin.

    Ich höre Kenny Rogers. Neben mir sitzt Stanislawski. Ins Unausgesprochene lausche ich hinein, dem Offensichtlichen hingegen drehe ich den Rücken und verstehe nun besser denn je: Mein Leben ist eine Bühne voller Elektrizität, die von einem unsichtbaren geistigen Motor vorangetrieben wird, der jeder Sache einen tieferen Sinn verleiht, wohl oder übel. So war es schon immer und so wird es sein. Nichts hat sich verändert. Verlangt bitte also nicht von mir, in einem fremden Theaterstück zu spielen. Und, übrigens, die Arbeit des Schauspielers an sich selbst geht weiter.