Kein Entkommen aus dem Paradies

Bühne mit einer Projektion, auf der eine Frau im Großformat mit rotem Kleid bis zu den Schultern zu sehen ist.

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„Jetzt geht es mal um mich!“: Tamara Stern als Lilith im Theater am Werk

Neli Peycheva

Nein, das ist kein Stück, das man sich zur Zerstreuung ansieht. Es geht um Schmerz, um Wahrheit und um die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Um den Wunsch, angenommen und geliebt zu werden, Anerkennung zu bekommen. Und um einen uralten, zermürbenden Kampf für etwas ganz Einfaches: gleich zu sein. Nicht aus Adams Rippe gemacht, sondern man selbst.

Am Anfang steht die Schöpfung. Gott formt Mann und Frau aus Erde, beide auf Augenhöhe, und ein paar Verse später ist die Frau plötzlich aus Adams Rippe gemacht. „Und so wurde die moderne Liebe erfunden“, kommentiert Lilith trocken und setzt mit Bowies „Modern Love“ gleich die Pointe darauf, gesungen von Tamara Stern selbst, wie alle Lieder dieses Abends.

Lilith will verstehen, wie aus einem Wir ein Du werden konnte. Mit fast verzweifelter Logik versucht sie Adam zu erklären, dass sie gleich sind und dass auch sie das Recht hat, zu führen. Gott ist in diesem Stück engstirnig, ein Diktator, den man an seinen Reaktionen und seiner donnernden Stimme erkennt. Als Lilith aufbegehrt, schickt er Ersatz: Eva, die „Alternative“.

Was Adam auszeichnet, wird in kurzen Feststellungen festgehalten, die im Saal Lachsalven auslösen. „Und so wurde das männliche Schweigen erfunden.“ Oder: „Und so wurde Adam das Gemüseessen beigebracht.“ Eine Frau, die zu klug ist, eine eigene Meinung hat und selbstbestimmt lebt, gefällt ihm nicht. Er ignoriert sie einfach. Und Lilith antwortet mit Bowies „Lady Grinning Soul“: She’ll come, she’ll go.

Explosiv und erschütternd verkörpert Tamara Stern Liliths Willen, sich ihren Platz als Gleichberechtigte zu erkämpfen, denn Gott hat beide auf Augenhöhe geschaffen. Es gelingt ihr nicht, und so verlässt sie das Paradies und mit ihm die Geschichte. In der Bibel taucht sie nur noch ein einziges Mal auf, mit einem Halbsatz im Buch Jesaja, irgendwo am Rande. Hinter den Mauern stellt sie fest, dass dort nichts ist, kein Außerhalb des Paradieses und keine Rückkehr: „No return, no return“, singt Lilith mit Bowies „I’m Deranged“. Verrückt, aus der Bahn geworfen, es geht „down, down, down“. Das klingt nach Wut und Erschöpfung zugleich, und doch lockt sie: „Cruise me, babe“. Selbst im Absturz bleibt diese Lilith verführerisch und frei.

Lilith ist die Schattenseite in jedem von uns. Das, was ständig mit uns im Streit liegt, rebelliert, widerspricht, und was wir deshalb unterdrücken und wegsperren.

Dann kommt einer der stärksten Momente des Abends. Die Geschichte der Menschheit läuft wie ein Film ab, Paradies und Erde greifen ineinander: Vertreibung, Sintflut, Moses, David, Salome, Jesus, Mohammed, Inquisition, Holocaust. Am Ende dieser Kette steht Mara.

Mara ist in Berlin geboren, mit ihrem Vater nach Israel gegangen und mit Ende zwanzig nach Berlin zurückgekehrt, um Schauspielerin zu werden. Der Vater hat sie in Israel mit Bowies „Heroes“ geweckt, und Bowie fließt ihr bis heute durch die Adern. Ausgerechnet „Heroes“, ein Lied, das 1977 in Berlin entstand, im Schatten der Mauer. „Berlin war mein Paradies“, gesteht Mara, und man denkt unwillkürlich an Lilith: Auch dieses Paradies hat seine Mauern.

Spätestens da wird klar, dass Mara vor demselben Problem steht wie Lilith: Von ihr wird erwartet, dass sie lieb und folgsam ist, auf der Bühne eine Furie, im Leben demütig, und so erstickt das Berliner Theater ihre jugendliche Begeisterung. Sie erlebt Ablehnung und Ungerechtigkeit, das Gefühl, nicht dazuzugehören. Aufgeben will sie trotzdem nicht, denn „man kann das Böse nur besiegen, indem man hineingeht und überlebt“. Die Kontrolle über ihr Schicksal will sie nie wieder abgeben.

Immer wieder wendet sich Mara an Lilith, bittet um Zustimmung, um Hilfe. Und sie begreift: Sie kann Lilith sein, sie kann aber genauso Evas Kostüm anziehen. Sie ist viele.

Männlich und weiblich sind an diesem Abend zwei Pole, zwischen denen sich erst Lilith und dann Mara frei bewegen. Auf dieser Achse gibt es unzählige Möglichkeiten, jemand zu sein, eine Vielfalt an Identitäten, die sich verschieben, überlagern und neu zusammensetzen. Genau das ist Liliths Widerstand gegen eine Ordnung, die ihr nur eine einzige Rolle zugestehen wollte, und spätestens hier versteht man das „(S)he“ im Titel. Tamara Stern verwandelt sich in beide Frauen, mit ungeheurer Kraft, ohne eine überflüssige Geste, ohne ein überflüssiges Wort. Die Wahrheit erspart sie uns nicht: Die Urlüge von der Gleichheit im Paradies lebt auf der Erde weiter, bis heute.

Die Bowie-Songs, die Tamara Stern eindringlich interpretiert, sind mehr als Einlagen. Sie greifen Worte, Stimmungen, Gefühle und Gedanken auf und tragen sie weiter. Eine tiefe Enttäuschung und ein Schmerz kommen bei uns im Publikum an und erschüttern. Lilith und Mara treffen Wunden, die wir vielleicht seit der Erschaffung der Welt mit uns tragen, denn die Geschichte wiederholt sich. Und wer das vergisst, sollte wieder ins Theater gehen.

Tamara Stern trägt diesen Abend allein, neunzig Minuten lang, als Schauspielerin, Sängerin und Mitautorin, und sie trägt ihn großartig. Ein sehr starkes, sehr emotionales Spiel, das niemanden unbeteiligt lässt. Vor dieser Bühne zu sitzen, verlangt Mut: die Bereitschaft, dass es wehtut, und den Willen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Am Ende steht der Satz, auf den der Abend neunzig Minuten lang zugelaufen ist: „Jetzt geht es mal um mich!“ Um dich. Um uns. Denn wir sind viele. Wir sind Lilith.

(S)he – Lilith Revolution. Musikalischer Theatermonolog von Ernst Kurt Weigel und Tamara Stern. Regie: Paul Spittler. Musik und Arrangements: Akali Akali. Bühne: Andrea Simeon. Kostüme: Tanja Maderner. Eine Produktion von sterne.reißen in Koproduktion mit dem Theater am Werk. Gesehen am 11. Oktober 2026, Theater am Werk Petersplatz, Wien. Weitere Termine: 25. und 26. Februar 2027 (geplant).

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