Monat: April 2022

  • Julia Caesar

    Julia Caesar

    Irgendwie habe ich es schon immer gewusst, dass das Leben außerhalb des Universitätsgefildes nicht einfach sein wird. Das Uni-Umfeld hatte mich schon immer eine Umgebung aus Gleichgesinnten verschafft, wo man auf gleicher Welle funkte. Man war vorbehaltslos angenommen, fühlte sich gut aufgehoben und verstanden; geteilte Gedanken fanden Widerhall bei den Anderen. Es war ein schönes, warmes Gefühl der Geborgenheit.

    Außerhalb dieses heiligen Schutzbereichs der Ideen und Köpfe begegneten mir wohl oder übel allerlei andersgeartete Menschen: arrogant, zurückweisend, oberflächlich, kleinlich… Eine ganze Regenbogensammlung, aufgeschäumte bunte Gischt aus Charakteren in der Brandung der Begegnungen hatte sich blitzartig angehäuft. Ein stürmisches Menschentypenmeer, das einen anlockte und mitriss.

    In mancher Hinsicht trug das immens dazu bei, mich von meiner Naivität zu verabschieden (hurra!), fühlte sich wie eine sanfte, gutgemeinte, äußerst nötige Ohrfeige an, bei der man die Wange zahm und gehörig vorhielt, um das notwendige Übel zu erleiden, und die mich aus der Welt der Ritter des Guten hinausjagte: Die mit ausschließlich Gutem verwöhnte Prinzessin wurde nun frierend draußen vor die Tür gesetzt. Es kam allerdings auch zu völlig unerwarteten und äußerst bereichernden Begegnungen, die buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht waren, Lichtfunken, viel Dankbarkeit und Menschenliebe, aus den tiefsten verborgenen Winkeln des Herzens hinausströmend, vor allem seitens der Menschen, mit denen ich arbeite.

    Ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal freilich ist immanent, unbesiegbar und schon gar nicht auszurotten. Es schlummert da, tief in uns, materialisiert als eine Art typisch menschliche Krankheit, die gewohnheitsmäßig verschwiegen und ignoriert wird, weil sie sich in einer großen Anzahl der Fälle genau durch das gesprochene Wort unwillkürlich selbst hervortut, und die ich bei Tieren, Insekten und in der lebendigen Natur noch nie beobachtet habe: die Dummheit. Und die Bestie darf keinesfalls geweckt werden! Niemand ist vor ihr geschützt, jeder kann unmerklich in ihre Falle geraten. Eines Tages winkte die Dummheit schließlich auch mir zu, in vollster Pracht, mit Verve und Wucht. Sie hieß diesmal zur Abwechslung Julia.

    Ein schöner Abend mit live Musik in angenehmem Ambiente in einem Lokal in Wien 6. kündigte sich an. Endlich eine gute Gelegenheit, meine Freundin Rashida zu treffen und ein paar Worte mit ihr auszutauschen, dachte ich mir. Außerdem sollte die hauptsächlich für in Wien ansässige Professionals unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds organisierte Afterwork-Party mit den Klängen französischer Chansons unterlegt werden, und Französisch konnte ich in Strophen beinahe fließend.

    Auf den ersten Blick sah Julia, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, sogar ziemlich normal aus – in einem dunklen Kostüm eingekleidet, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, keine High Heels, kein Make-up, nichts Auffälliges. Über sie wusste ich gar nichts. Julia hatte sich meiner Gesprächsrunde angeschlossen, als es gerade um die Herkunft der Namen ging, eigentlich ein nicht uninteressantes Thema. Rechts und links von mir zwei Herrschaften, mir gegenüber Rashida. Da griff energisch auch Julia ein und lieferte die plausible Erklärung für das Kaiserliche an ihrem Namen, in Anlehnung an Julius Caesar. Ich hingegen war sehr glücklich, so einen kurzen und einfachen Namen zu haben. „Eine der möglichen Interpretationen für seine Herkunft geht auf die schöne Elena aus dem Trojanischen Krieg zurück“, fügte ich hinzu. Ein paar Minuten ging so das spontan eröffnete Gespräch weiter, und dann passierte eben das, worauf man im Leben halt nie vorbereitet ist: Vor meinen Augen erlebte Julia Caesar eine volle Metamorphose, die weder als ein Zeichen göttlicher Macht zu verstehen war noch mit der Verwandlung der Raupe in den Schmetterling etwas Gemeinsames hatte.

    Also stellt sie sich vor mich hin, Julia, der Herkunft nach Caesar, und so, wie sie mir zuhört, fängt sie plötzlich an, aus den Augenwinkeln rüber zu blicken, auf mich zu schielen, setzt die eine Hand in die Hüfte, und die andere lässt sie hinunterhängen. Ganz schön langsam, wie ein aus seiner Bahn hinausgeworfener Sternkörper bückt sie sich zu mir hin, kürzt den Abstand aufs Minimalste, sodass ich ihren Hauch in meinem Gesicht spüren kann, schwenkt mir androhend ihren erhobenen Zeigefinger vor die Nase und zischt mir zu: „Du, du, duuuuu….! Duuuuu, sag, dass du nicht aus Osteuropa kommst!“

    „Nein! Ich komme aus Südosteuropa! Nur ich habe mehr als nur eine Heimat! Aber bitte ganz vorsichtig mit den Stereotypen! Wir sind ja letztlich nicht hier, um uns Klischees zu bedienen, oder?“

    „Du, du, duuuuu, du, mit deinem Gesicht und so, wie du ausschaust, und mir über die Heimat erzählst..! Duuuu, du, du, duuuuu, jeder hat nur eine Heimat!!! Jeder!!! Mein Vater, wenn man ihn fragt, da kann er sofort antworten, er ist ja eben ein Österreicher!“

    „Ja, weil er sich damit identifizieren will!“, erwidere ich ihr, auch wenn ich spüre, dass diese dröhnende rollende Wortlawine nicht mehr aufzuhalten ist. Hier setzt, wie erwartet,  Julia, der Herkunft nach Caesar, mit einem Wortsturm fort, ganz rot im Gesicht, und gibt erneut dem Kaiserlichen in sich den Vorrang:

    „ Du, mit deinem Aussehen, duuuu, du hast fast keine Falten im Gesicht! Und vielleicht bist du sogar älter als ich! Du bist nach Österreich gekommen, um uns die Männer, die noch immer am Markt frei verfügbar sind, zu stehlen!!!“

    Im ersten Moment hielt ich das für einen Schmäh, denn wenn mir das Leben etwas beigebracht hatte, dann über die Klischees zu lachen, reagierte also dementsprechend, machte einen Schmollmund und wickelte sorglos eine Locke um meinen Zeigefinger um. Doch Julia schien es nicht so lustig zu sein. Sie gab nicht nach und wurde immer lauter. Ich trat zurück, schaute auf sie ein letztes Mal und das Einzige, was ich tun konnte, angesichts des niederschmetternd Kaiserlichen in ihr, das so schlagartig zum Vorschein gekommen war, war, ihr ein Luftküsschen zu schenken.

    Julia Caesar, die jeden guten Grund hatte, um glücklich zu sein – war in diesem wunderbaren Land geboren, hatte ein unerschüttertes Identitätsgefühl, und war nicht mal gezwungen, Toiletten zu putzen, wie einige neuangekommene Osteuropäerinnen  –, blieb mutterseelenalleine an der Bar stehen. Und doch war der Mangel in ihr unübersehbar. Auf einmal hatte ich so ein tiefes Mitleid mit ihr. Die Frage nach dem Warum gab mir keine Ruhe. Irgendwann, so etwa nach der siebenten Stunde kritischer Auseinandersetzung mit den Prinzipien der weiblichen Natur und dem fatalen dreizehnten starken Kaffee, leuchtete es mir auf einmal ein: Wenn eine Frau ein Problem mit sich selbst hat, ist zweifelsohne kein anderer, sondern ein Mann daran schuld! Wer denn sonst??? Ein Mann, der sich aus irgendeinem wohl völlig unverständlichen Grund geweigert haben soll, die so stark gefragte Retter-Rolle zu übernehmen. Der Retter auf dem weißen Schimmel (wenn es schon mal um Klischees gehen soll!), der Julia vielleicht auch hätte helfen können, genauso unerschüttert an ihren Selbstwert zu glauben, wie sie es an ihrer Identität tat. Also, Männer aus aller Welt, vereinigt Euch! Schenkt Euren Frauen ein bisserl mehr Aufmerksamkeit, damit sie die Bestätigung für das, was sie sind, von Euch bekommen können, wenn es anders nicht geht. Denn das Andere, der Blick in sich selbst, verlangt viel mehr als Glauben und erweist sich manchmal eine unglaublich vertrackte Aktion. Leider. Tut es bitte für mich! Ich schenke Euch ein Lächeln!

    Neli P

    *Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.

  • Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Provoziert durch die heutige Begegnung mit Ihm.

    Ich bin in einer gottlosen Gesellschaft aufgewachsen, in der Gott verboten war. Gott? So was gab es nicht, nur von den Lippen meiner Oma konnte man manchmal dieses seltsame Wort, leise und vorsichtig zugeflüstert, hören. Was sie allerdings damit meinte, blieb ein volles Rätsel. Die kleine Kirche, die mitten auf dem zentralen Platz stand, hatte für mich eine völlig plausible Geschichte: sie war ja nämlich die, an deren Kirchturm Baron von Münchhausen sein Pferd mitten in jenem heftigen Schneesturm gebunden haben soll. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeiging, schaute ich nach oben zum Turm und dachte an Münchhausen. Eine andere Funktion der Kirche konnte ich mir gar nicht vorstellen. Außerdem ging keiner hinein, was meine Vermutungen für den Grund deren Existenz nur noch bekräftigte.

    Nach der Wende öffnete die Kirche überraschenderweise ihre Türen für die Gläubigen. Waren aber solche geblieben? Den religiösen Glauben zurückerobern wurde bald zu einem Modetrend, bei dem man mehr auf ein Abenteurerlebnis infolge der Begegnung mit dem bis vor Kurzem Unzulässigen setzte, und weniger tief nach innen nach dem Sinn suchte. Das erste Mal, als ich die Kirche betrat, war zu Ostern. Das erste Ostern nach der Wende. Zur Mitternacht füllte sich die Kirche mit zuströmenden Menschenmengen von Neugierigen in Erwartung des Gottes, von dem manche schon mal gehört hatten, dicht aneinander gepresst, jeder mit einer angezündeten Kerze in der Hand. Ich bekam fast nichts zu Gesicht, außer den Rücken der in der vorderen Reihe Stehenden, und der Geruch, der sich bald durch den ganzen Innenraum ausbreitete, war nicht der nach Weihrauch, sondern nach gebranntem Haar.

    Dem unbekannten Gott musste ich irgendwie eine Form verleihen. Aber wie? Sollte es jemand sein, vor dem man Ehrfurcht empfinden sollte? Oder jemanden, an den man, wenn es unerträglich wurde, seine Bitten richten sollte? Hm, daran war ich nicht gewohnt. Wenn ich bessere Noten in der Schule haben wollte etwa, lernte ich fleißiger und wendete meine Bitten an mich. Wenn etwas schiefging, hatte ich Angst vor der Reaktion meiner Mutter. Wohnte also dieser Gott mir oder meiner Mutter inne? Jedenfalls war er nicht etwas, was ich im Außen suchen konnte.

    Ob ich heute als Erwachsene an den Gott glaube? An meinen Gott, den Gott in uns, vielleicht. An die grenzenlosen Möglichkeiten, an das Gute im Menschen, an die Liebe, an das Transzendentale, das uns miteinander verbindet, sodass wir uns in einem jeden wieder eindecken können.

    Ob ich ihn schon mal gesehen habe? Oh ja, wenn ich am Strand sitze und die ruckartige Bewegung der Wogen beobachte, wenn es ganz schön stürmisch wird und mich der Wirbel dahin weiterträgt, wohin es mag,  wenn ich im April unter einem blühenden Marillenbaum liege, wenn ich draußen im Regen durch die Pfützen laufe, wenn ich von oben auf die Welt schaue,  während die ersten Schneeflocken unbesorgt um mich herum tanzen… Der Gott einer Nichtgläubigen hat kein Gesicht, kann in einer Kirche oder in einem Gebet nicht entdeckt werden, verträgt keine Ehrerbietung. Er ist die bodenlose Stille in einem jeden von uns.

  • Notizen aus der Quarantäne II

    Notizen aus der Quarantäne II

    Bologna, cara mia Bologna! Ich steige in die Maschine und in weniger als 2 Stunden bin ich da. Ich verschmelze mit den gelb-rot-orangen Bögen über meinem Kopf, die mich auf dem Weg an den Instituten der Università di Bologna vorbei begleiten, werfe einen neugierigen Blick in die kühlen einladenden Innenhöfe. Mitten auf Plazza Maggiore halte ich inne. Für ein paar Sekunden wird es still, das ganze Getümmel verstummt, es fühlt sich so an, als ob ich genau in dem Augenblick im Mittelpunkt der Erde stehen würde. Die Glocke der Basilika San Petronio reißt mich aus der Zeitlosigkeit und holt mich in die Gegenwart zurück: Es ist punkt 12 Uhr Mittag. Und dann sehe ich sie. Sie kommen mir scharenweise entgegen, ihr schallendes Gelächter bröckelt in tausend feine kristallartige Lichtpartikeln von der Zeit ab und sättigt die Luft mit una emozione sensazione felice, schwebendes Gelächter steigt hinauf bis zum 62 m hohen Glockenturm der Basilika empor; sie machen einen kleinen Bogen um mich herum, verbeugen sich in einem  révérence vor mir: „Bella! Come stai? Come staj, amore? Ti amooooo!“, höre ich sie im Vorbeigehen, ihre strahlenden Gesichter prägen sich für immer in die Erinnerung ein. „Sempreeee!!!“, ertönt irgendwo da, mitten in der Piazza Maggiore hinter meinem Rücken, „Sempre… sempre… sempre…!“, hallt es in dem von der prallen Mittagssonne aufgewärmten Kopfsteinpflaster wider, während ich mich ein letztes Mal umdrehe… Die Italiener! Weiter zu Notizen aus der Quarantäne II

  • Notizen aus der Quarantäne I

    Notizen aus der Quarantäne I

    Ich mache breit dieses Fensterlein auf, um tief einzuatmen…

    Meine Schritte führen mich in den Stadtpark, lege mich da auf das feuchte Aprilgras hin, die Sonnenstrahlen verfangen sich in meinen Wimpern, blitze gegen die Sonne, meine Hände berühren das sich noch immer etwas borstig anfühlende Gras sanft, vielversprechend, meine Haare schlingen sich um die Grashalme herum, verflechten sich mit ihnen, die Haarspitzen werden länger und länger, schlagen Wurzeln tief in die hungrige Erde hinein, es riecht nach Magnolien, der Duft ist so betörend, dass es mir schwindlig wird, unter meinem Rücken pulsiert das Herz der Erde – Wärme fließt über meine Arme, über die Ellenbogen hinunter, ein nie aufhörender Strom, tröpfelt auf die Handflächen, rinnt die Linie des Lebens entlang, sammelt sich auf den Fingerspitzen in kleinen Pfützen, verschmilzt mit dem Rot meiner Fingernägel, fängt an zu brennen, wird zu Glut, Rot tropft langsam auf das schlaftrunkene Gras hinunter, wird von der durstigen Erde gierig in großen Schlucken aufgesaugt, tief eingeatmet… erst dann atme ich aus.