Monat: September 2020

  • Tintenblau! Sei eine Göre!

    Tintenblau! Sei eine Göre!

    Wenn die Welt mit Tintenblau bekleckst ist,

    und der Tag ist tintenblau und kantig,

    wenn auf der tintenblau-verzwickten Straße ohne Ausfahrt die tintenblaue Zeit niedergeschlagen halt macht,

    zerzause die Haare, trage Lippenstift auf,

    schminke die Augen in Tintenblau,

    bewege dich wie eine junge Gazelle,

    male tintenblaue Sonnen und Herzen,

    sei eine Göre und lach über die Fehler aus – das wäre ja gar kein Fehler!

    Denn im Leben aus Fehlern – kleinen, großen, rein menschlichen – wird langsam, ein Fehler nach dem anderen, das dunkle Tintenblau zu hellem Himmelblau,

    der Tag quillt aus dem Himmelblauen hervor,

    die in Himmelblau leuchtende Welt trifft das Himmelblaue,

    und du bist himmelblau-echt-lebendig.

    Und dir steht dein Blau so gut!

  • Weiß

    Weiß

    Weiße Räume üben eine ziemlich merkwürdige magnetisierende Wirkung auf mich aus. Wenn ich einen weißen Raum betrete, werde ich blind, die Weißheit des nichtssagenden, sinn- und emotionsentleerten, das Ich widerspiegelnden Weiß lädt zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst ein.  Dieses mich reflektierende Weiß blendet mich dermaßen ein, dass es mir – zwischen Weiß und Weiß gefangengenommen – unmöglich erscheint, dieser Falle entkommen zu können, ohne vorher eine Beichte abgelegt zu haben. Ein Blick im Spiegel, Ich gegen Ich. In die Stille hineinhorchen, um nachzuspüren, was da ist oder was eben nicht. Das, was gerade „nicht da ist“, ich allerdings viel intensiver wahrzunehmen. Heute jedenfalls!

    Also, was ist nicht da?

    Kein Make-Up, keine Rolex am Handgelenk, keine schimmernde Goldkette um den Hals, keine high heals, kein einziges Swarovski Steinchen, kein Sonnenbrand, nicht mal ein Piercing oder ein winzig kleines Tattoo – einfach so, zum Anheben des Selbstwerts, so nebenbei! Nichts.

    Weiße Räume machen mir Einiges zu schaffen, und vor allem – Sorgen! Diesmal – Sorgen um mich.

    Wie geht es so weiter mit dir, Neli?

    Ohne Statussymbole ist man nämlich eine weiße Wand. Wie geht es nun also so weiter mit mir? Ohne irgendwelche Attribute, die mir Halt und Orientierungsbasis im Leben geben, wo ich hingehöre und wo nicht? Ausschließlich aufgrund dessen, was ich bin? Ach, Bullshit! Es gibt so Vieles, so unglaublich Vieles an mir auszubauen, Leute!

  • Die Psychologin

    Die Psychologin

    Und so bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich mir nichts, wirklich nichts mehr wünschte. Andersrum: es war auch nichts mehr so, wie erwünscht. Weder Beförderung, noch die schon 20 Jahre alte Hoffnung auf Gehaltserhöhung, noch der Gedanke an glänzende Auftritte vor interessiertem Publikum konnten mich nun mehr begeistern. Nicht mal jener teure Gürtel von Cucinelli ließ mein Herz aufflammen, verdammt! Und schon die Vorstellung wissenschaftlicher Betätigung widerte mich an, ja, mich, wo ich sonst so gerne schreibe.

    War ich älter geworden? Noch schlimmer: eine Reisende auf dem Weg zum Endgültigen ins Jenseits? Das etwas gewaltig mit mir nicht stimmte, war doch klar. Außerdem gab es noch einen wichtigen Grund für Sorge, der den faden Beigeschmack einer unklaren Zukunft nur noch zu verstärken schien: mein Lebensbild wies schon ziemlich große, unüberwindbare Unterschiede auf im Vergleich zum Bild meiner Psychologin, das eh das „richtige“ bzw. das „funktionierende“ sein sollte: „So ist halt das Leben, die einfachen Sachen sollten uns Freude bereiten, und nicht die Höhenflüge. Etwa mit Freundinnen fortgehen oder mal wieder in die Hauptstadt fahren, um sich was Schönes zu leisten!“ Es wurde mir schlecht. Einfach übel. Wieso sollte mir Einkaufen Freude machen? Und wozu Sachen kaufen, wenn ich schon meine verschenke und im Klaren bin, dass ich nicht mehr als einen Koffer brauche? Und wieso sollten es immer die einfachen Sachen sein? Und wie konnte sie wissen, was für mich einfach und was komplex war? Sollten die materiellen Dinge mehr Freude bereiten als die immateriellen? Meine Verwirrung war voll und die Diagnose lag eindeutig vor: ich war hoffnungslos krank.

    Dann kam es zu der nächsten Enttäuschung: ich musste feststellen, dass ich gar nicht so gut bin. Weder gut noch brav. Wahrscheinlich war ich noch nie gut oder brav, ich war nichts davon, was man sich von mir erwartete, und alles, was zum Tragen kam, nur einer Vorstellung von dem ähnelte, was ich hätte sein müssen. Die neueste Erkenntnis also, dass meine dunkle Seite am Werk war, führte bald zu einer lawinenartigen Aktion, in der, eine nach der anderen, Schattenseiten meines Charakters – jede dunkler als die andere – zur Schau getragen wurden. Der Trend ins Bodenlose kündigte sich schon beim ersten Treffen mit meiner Psychologin an – vielleicht habe ich auch das Bodenlose immer in mir getragen, weiß ich ja selber nicht mehr –, während dessen ich erklärt hatte, ganz zu Beginn des Gesprächs, dass ich Ratschläge nur von Menschen akzeptiere, die entweder weiser sind als ich oder als Profis auf ihrem Fachgebiet gelten, was sie in einen Schock-ähnlichen Zustand versetzte oder zumindest fühlte es sich auf den ersten Blick so an, als ob ich an einer Filmszene teilnahm: Die Pupillen weiteten sich, ihr Atem geriet ins Stocken und der Wortfluss verstummte. Ich hatte aber, ehrlich gesagt, echt keine Zeit mehr, um sie mit leerem Gerede zu vergeuden und wollte uns beiden kostbare Minuten ersparen. Und was passierte stattdessen? Nicht nur, dass ich krank war, ich machte auch andere krank!

    Was ich ihr dann erzählte, hatte einen noch beeindruckenderen Effekt auf sie, sodass ich irgendwann um ihre Gesundheit echt besorgt war: „Wie kann aber das nur denn sein? Was erzählen Sie mir überhaupt? Wie ist Ihnen überhaupt eingefallen, ohne sichere Einkünfte und einen festen Arbeitsplatz zu haben, das Land zu verlassen?“ Ganz zu meinen Ungunsten hat mich diese unendliche Tirade, wenn sie doch dann irgendwann zu Ende war, zu den verantwortungslosen hysterischen Persönlichkeiten zugeordnet. Na, bravo! Möge Fritz Riemann Erbarmen mit ihr haben und ihr diesen geistigen Ohnmachtsanfall verzeihen!

    Von nun an folgten unsere Treffen immer demselben Sujet: „Entscheiden Sie sich! Sie müssen sich entscheiden! Entscheiden Sie sich, sonst werden Sie krank, schnell!“, klammerte sie gnadenlos an ihren Grundgedanken und hoffte, sich in die Rolle des Baumeisters eingelebt, diesen so tollen Einfall, dass ich mich sofort entscheiden musste, auf den ich in ihren Augen allein wohl nie gekommen wäre, mit dem Mörtelbrett bald in meinem Bewusstsein betonieren zu können. „Glauben Sie, ich wäre zu Ihnen gekommen, wenn das so leicht wäre???“, schrie ich ihr daraufhin ins Gesicht.

    Da ich offenbar eine harte Nuss war, schien unsere Therapie keinen einzigen Schritt nach vorne zu verzeichnen. Alles umsonst. Keine Auflösung. Ich fühlte mich definitiv nicht gestärkt, aber auch sie schien immer schwächer zu werden. Bis auf den Tag, als ich plötzlich eine andere Antwort für sie hatte: „Ok, nehmen wir an, dass ich mich für die vernünftige Variante entscheide, da möchte ich Sie gerne sehen, ja, SIE, ob sie auf der ganzen Welt jem. finden würden, der fähig wäre, einen Menschen zu therapieren, der seinen Traum aufgegeben hat! Das möchte ich gerne sehen!“ Diese Antwort traf sie völlig unvorbereitet. Eine Weile lang saßen wir da noch schweigend und zum ersten Mal gleichgestellt: ich wusste nicht mehr weiter und sie wusste nicht mehr weiter. Zum ersten Mal waren die Kräfte im Gleichgewicht und ich konnte mich ohne keinerlei Gewissensbisse von ihr verabschieden.

  • Auf der Theaterbühne meines Lebens

    Auf der Theaterbühne meines Lebens

    Ich weiß immer noch ganz genau wo die drei Bände von Stanislawski in meiner Bibliothek stehen, ich kann nach wie vor jeden Moment den Geruch von altem Papier wachrufen und somit auch die Aufregung, die ich beim Umblättern spüre. Eine Seite, zwei Seiten, drei… Und schon betrete ich eine andere Welt, in der das Unmögliche draußen vor der Tür bleibt. Denn hier ist alles möglich. Auf einmal wird die Begrenztheit des Daseins überwunden. Es hat sich also nichts verändert. Die Erinnerung ist da, farbig-duftend, plastisch, grell leuchtend, der Augenblick, als ich dieses kostbare Geschenk bekam, flattert wie Schmetterling in der Luft, und… er. Als ob er immer da gewesen wäre.

    An einem warmen Märzabend sitze ich unter den Zuschauern im vollen Theatersaal des Puppentheaters in Russe. Wie war es dazu gekommen? Keine Ahnung. Der frische Märzwind soll mich dahin geweht haben. Die Bäume treiben schüchtern Knospen. Ein sanfter Duft breitet sich Richtung Donau aus. Das Gebäude befindet sich nicht weit von dem ruhig fließenden Fluss entfernt, der sich, wie ich erst Jahre später feststelle, in Menschen verfängt, die Menschen verfangen sich ihrerseits in Zeiten, die Zeiten in Erinnerungen, und die Erinnerungen wiederum in Menschengeschichten, sodass ein unübersehbares Netz aus Endlosigkeit entsteht, das von Russe über Wien hinaus bis nach Passau hinüber reicht. Verhängnisvoll. Damals ahne ich es allerdings immer noch nicht. Das, was ich zu jenem Zeitpunkt weiß, ist, dass dieses Donaublaue wie ein Magnet auf mich wirkt.

    An jenem Abend spielt eine junge Pantomimetruppe. Erschütternd! Die Handlung, die die sichtbaren Grenzen des Raums bald verlässt, die begabten jungen Menschen auf der Bühne, die mit der Sprache des Körpers Geschichten fabulieren, er. Nicht länger als eine Stunde ist vergangen, und die Entscheidung steht schon fest. Es geht um eine jener Fragen, bei denen es kein Zurück gibt. Es ist nämlich eine Frage auf Leben und Tod. Was ich will, ist um jeden Preis ein Teil vom Wunder, genannt Theater, zu werden. Also warte ich ruhig ab, dass auch der letzte Zuschauer sich verabschiedet und den Raum verlässt und nähere mich langsamen Schrittes auf die Bühne zu, stelle mich kurz vor und bringe es gleich direkt auf den Punkt, so ist es halt mit den Fragen auf Leben und Tod: „Ich will eine von Euch sein!“, kündige ich an. „Was kannst du?“, fragt er. Ich, die erfahrene Gymnastikerin, denke einen Moment lang nach. Da leuchtet es mir plötzlich ein, wo meine verborgenen Talente wohl hätten liegen können und packe die Sache professionell an: „Spagat! Ich kann Spagat!“, rufe ich aus und gleite sofort in den Spagat. Er lacht.

    So beginnt mein Treffen mit dem Theater und dem Menschen, der mich beinahe adoptierte. „Adoptiert“ von ihm waren fast alle anderen Kinder in der Truppe. Fast alle von uns waren entweder nur mit dem einen Elternteil aufgewachsen oder kamen aus schwierigen Verhältnissen. Und alle brauchten wahnsinnig einen Vater.

    Ich bin 16. Die wöchentlichen Pantomime-Proben fangen an. Es beginnt ein Leben voller Elektrizität, das von einem unsichtbaren Motor vorangetrieben wird, in dem allem einen tieferen Sinn eingehaucht wird. Und er. Eine markante Persönlichkeit, die man nie aus dem Gedächtnis verlieren kann – Yordan de Meo. Ich probe. Fleißig. Mit Leidenschaft. Dann folgt der Bühnenauftritt unter dem Licht der Scheinwerfer. Ich lerne Maria Luisa, die Schwester von Simeon Sakskoburggotski kennen. Er schenkt mir die Platte von Kenny Rogers. Ich verliebe mich in die Songs. Bald danach beginne ich regelmäßig seine Mutter, eine gebürtige Deutsche, zu besuchen, um mit ihr mein Deutsch zu üben. Wir sprechen. Wir sprechen über „Vom Winde verweht“. Ich lasse mich vom Wind verwehen. Modeschau. Ich nehme an einem Casting für eine Modeschau teil.

    Die Schulzeit ist zu Ende und er stellt die Frage aller Fragen: „Willst du nicht Schauspiel studieren?“ Ich glaube nicht. Eine Nichtgläubige. Oder ich glaube zu wenig, dass es möglich wäre und bestehe stur auf die Fremdsprachen, als ob ich bei der Geburt verflucht worden wäre, mein Leben einzig und alleine mit den Sprachen in Verbindung zu setzen. Andere von meiner Pantomimetruppe aber, etwa Simeon Lytakov, haben mehr Glauben. Oder zumindest genug, um später erfolgreiche Schauspieler zu werden.

    Jahre danach treffe ich ihn von Neuem. Diesmal in Sofia. Er lacht genauso wie einst, glaubt, dass ich nicht an die Uni hingehöre. Prophet.

    Und endlich mache mich auf den Weg nach Wien. Nein, nicht über die Donau. Ich nehme den schwereren Weg, der mir in kurzer Zeit über 160 Stempel in meinem Pass sichert für Grenzen, die zu überqueren waren. Nach fünf dort verbrachten Monaten fangen die ersten Zweifel an. Gibt es für mich einen Rückweg? Ich muss jedoch zurück, um ihn anzurufen. Die Weihnachtsfeiertage vergehen. Ich nehme den Hörer in die Hand und dann verstehe ich auf einmal, dass ich zu spät bin. Ein nie zustande gekommenes Gespräch bleibt in der rechten Herzenskammer und wird ewig herumgeschleppt.

    Später treffe ich völlig unerwartet für mich seine Tochter Mariana in Wien!  Und somit taucht er wieder in der Erinnerung auf, als ob er immer da gewesen wäre. Seltsam, wie sich diese roten Fäden in meinem Leben durchkreuzen, ähnlich all jenen mir am Herzen liegenden Menschen, ohne die ich nicht das wäre, was ich jetzt bin.

    Ich höre Kenny Rogers. Neben mir sitzt Stanislawski. Ins Unausgesprochene lausche ich hinein, dem Offensichtlichen hingegen drehe ich den Rücken und verstehe nun besser denn je: Mein Leben ist eine Bühne voller Elektrizität, die von einem unsichtbaren geistigen Motor vorangetrieben wird, der jeder Sache einen tieferen Sinn verleiht, wohl oder übel. So war es schon immer und so wird es sein. Nichts hat sich verändert. Verlangt bitte also nicht von mir, in einem fremden Theaterstück zu spielen. Und, übrigens, die Arbeit des Schauspielers an sich selbst geht weiter.