Kategorie: Theater

  • Gibt es ein Maß für Einsamkeit?

    Gibt es ein Maß für Einsamkeit?

    Vom 16. bis is 21 Juni hatte das Wiener Publikum die Chance, nach der schweren Zeit des Lockdowns AKTIONSTHEATER ENSEMBLE – das Theater, das berührt! – in seiner schon lange erwarteten Uraufführung LONELY BALLADS EINS und ZWEI im WERK X in Wien zu sehen und somit seine Einsamkeit mit der der Akteur*innen in ihrem faszinierenden Spiel zu teilen.

    Ab 15. September startet nun die Theaterkompanie in Koproduktion mit Spielboden Dornbirn und Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz in die neue Herbstsaison.

    Kann die Einsamkeit gemessen werden? Und wenn ja, was dient als Maß für sie? Wie bestimmt man, wer einsam, und wer noch einsamer ist? Kann die Einsamkeit gesteigert oder irgendwie mal durchbrochen, gar verjagt werden, ausgelacht werden, indem man Geschichten aneinanderreiht, die durch das subjektive Erlebnis und das Thematisieren der Einsamkeit Menschen näher aneinander bringen? Der Ausgangspunkt ist immer der Vergleich, nur im Vergleich mit den Anderen sind Quantifizierung und Messbarkeit dieses sonst als subjektives Empfinden erlebten Zustands möglich. Dies möchte uns wohl aktionstheater ensemble anhand vierer Geschichten über die Einsamkeit aufzeigen, ohne fertige Antworten anzubieten. Vier, das Publikum mit ihrem fulminanten Spiel berührende, zerfetzte von Einsamkeit Akteur*innen und eine von Einsamkeit erstarrte Bühne, die danach schreit, zum Leben geweckt zu werden, bilden die Kulisse der Neuaufführung des aktionstheaters ensemble „Lonely Ballads“.

    Nicht Nietzsches Einsamkeit, in der etwas Befreiendes erkannt wird, begegnet uns von der Bühne, auf der aktionstheater ensemble sein rührendes Narrativ mit hoher künstlerischer Präzision und ergreifender Leidenschaft präsentiert. Nein. Es ist jene Form der Einsamkeit, die sich potenziert, um das Vielfache gesteigert wird, sich windet, sich dreht, bohrt in die Tiefe, bis am Ende nach diesem unebenbürtigen Zweikampf ein zermürbtes, geschwächtes und entmächtigtes, fast entpersonalisiertes Selbst übrigbleibt.

    „Ich will auch wahrgenommen werden“

    Wie immer halten uns auch dieses Mal die großartigen Akteur*innen, nach denen wir uns schon so lange gesehnt haben, einen Spiegel vor: Kommt uns das Narrativ nicht irgendwie bekannt vor? Können wir uns darin nicht mal selber erkennen? Verständnis dafür gewinnen, wie wir sind und wie wir noch sein können? Hat uns die Entfremdung in der Zeit der Pandemie durchsichtig gemacht? Klein und anonym? In dem Maße, dass das Ich in seinem Selbstwert zutiefst erschüttert zu sein schien, und nun nach Selbstbestätigung schreit?

    Isabella Jeschke_lonely_ballads_aktionstheater_ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Das komische, eitle und zugleich rein menschliche Bedürfnis, unbedingt gesehen, wahrgenommen zu werden, zugespitzt bis aufs Äußerste, treibt Isabella, die als Erste die Bühne betritt, dazu, sich an alles, was sie je gut konnte, zu erinnern – an alle Talente, Erfolge und Auszeichnungen in ihrem Leben: Schifahren, Ballett, Tanzen, Schwimmen…, als ob sie allen klar machen wollte, dass es sie gibt, sie noch immer da ist! „Tanzen ist mir so wichtig, weil alles so frei wird“, fügt sie hinzu. Nicht nur die Unfreiheit, auch die Traurigkeit, von der die als unerträglich lange empfundene Lockdown-Zeit durchtränkt war, kommt deutlich artikuliert zum Vorschein: „An der Traurigkeit mag ich, dass es so traurig ist.“ Traurig klingt auch Isabellas Bekenntnis, dass gerade die vom Staat ausgezahlten Corona-Hilfszahlungen endlich ein paar Hunderte mehr auf ihr Konto gebracht hätten.

    Das naive Streben nach Anerkennung („Ich will auch wahrgenommen werden!“), das Problem mit den Abschiebungen, das sehr bald in Vergessenheit geriet, und die Abneigung gegen Schwarz („Schwarz geht gar nicht!“) gehen in die Geschichte über den einsamen Peter von Media Markt hinüber, mit dem Isabella ihre Einsamkeit zuerst über die Telefonleitung geteilt haben will. „You took all my love and disappear…“, greifen die seitlich auf der Bühne zu sehenden Musiker*innen Isabellas Erzählung auf. Nicht nur der Geist gerät ins Stocken, auch die Körperbewegungen sind verkrampft, ohne jedes Schamgefühl, ähneln dem asozialen Verhalten von Gefangenen, die schon lange Zeit in Isolation verbracht haben.

    „Well, I’m not the man, you need… “

    Die Probleme mit der Ex-Freundin, die er bei einer erneuten Begegnung kaum erkennen konnte, nicht nur, weil sie zugenommen haben soll – sie habe ja „ihre Ausstrahlung verloren“ –, diskutiert Thomas mit bitterem Humor, verstrickt sich in aller Schärfe in die Banalitäten des Alltags, und plädiert gleichzeitig für „ein Grundeinkommen für arme Leute, für Künstler“. Seine enorme Gereiztheit, provoziert von dem unbändigen Drang zur scharfen Kritik und gnadenloser Auseinandersetzung mit Alltäglichkeiten, lässt er dann im Tanz frei, der ihn durch die Bühne wie ein Hurrikan treibt; sie hallt in den höchste Anspannung symbolisierenden Tanzbewegungen, die Schläge nachahmen, wider.

    Thomas_Kolle_lonely_ballads_aktionstheater_ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Trotz aller Versuche, Bettinas „Kochverhalten zu optimieren“ und ihr seine Unterstützung zu bezeugen – er hat sich ja sogar die Fingernägel lackiert, um ihr zu zeigen: „Bettina, ich stehe auf deiner Seite!“ –, wird er von ihr als „Küchennazzi“ gebrandmarkt. Nur in seiner Männerrunde begegnet man seinem Wunsch, ein Kind zu haben, mit Verständnis, denn er, im Unterschied zu Bettina, bei der der Feminismus in der Dichotomie zwischen Maskulinität und Feminität wohl zu einer seltsamen Ausprägung abgeartet haben soll, bereit wäre, seine Karriere aufzugeben und ein Kind großzuziehen. Statt eine Annäherung der Polaritäten von Feminität und Maskulinität feiert hier der Feminismus mit dem totalen Kommunikationsbruch und Mangel von Verständnis wohl sein Versagen: „Ich finde einfach keinen Ausweg aus der Misere“, stellt Thomas, zutiefst verzweifelt, fest.Die wunderbaren Musiker*innen, die die Bühnen-Akteur*innen umgeben, als ob sie sie in Schutz nehmen wollten und nun in einer erweiterten Besetzung viel intensiverer erlebt werden können, setzen Thomas in der Beichte-Form vorgetragene Geschichte da fort, wo seine Worte verstummen: „Well, I’m not the man, you need…“

    „I Wanna Be Happy (Until I Die)“

    Durch die Rhythmen der Musik wird Tamaras Geschichte eingeleitet, während sie selbst mit einem übertrieben fröhlichen Gesichtsausdruck die Bühne betritt. Ironisch-schalkhaft wirkt die Szene, in der sie von ihren Begegnungen mit dem Österreichischen Deutsch erzählt, bei denen die Wichtigtuerei der sie immer wieder auf die richtige Bezeichnung hinweisenden Kellner hinter derer „unechten Freundlichkeit“ hervorblickte: Karottentorte, nicht Möhrenkuchen, korrigierten sie sie, Staubzucker, und nicht Puderzucker! „Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Deutschen“, fasst Tamara zusammen – ein Thema, das, wie bekannt, im Laufe der Jahrhunderte schon fast mythologisiert worden ist.

    Tamara_Stern_lonely_ballads_aktionstheater_ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Nein, dem Publikum will Tamara nicht unbedingt gefallen, um wohl mit dieser Replik das Klischee zu brechen und die Anwesenden dazu zu veranlassen, in Frage zu stellen, ob das Sich-Anpassen an die Erwartungen der Anderen – diese Art von gelebtem Konformismus – immer die Basis für das Angenommensein schaffen soll. Dass die Psychotherapie nicht von den Steuern abgesetzt wird, sie den Geruch der Kindheit – und vermutlich auch diese Form der Geborgenheit – vermisst oder dass der Verstand aussetzt, wenn sie emotional wird, sowie der Gedanke an den Tod bilden die Kulisse von Erlebnissen, die von der Verstörtheit der bis in den Wahnsinn getriebenen Vereinsamung geprägt sind. 

    „The future is already gone…“

    Das Albern-Infantile blickt durch Benjamis Geschichte und sein großartiges, witzig-hinreißendes Spiel hervor, das ihn als Bühnen-Akteur sofort in die 1. Sternengröße einordnet! Es werden Kindheitserinnerungen eingeblendet, die Momente, wenn er bei jedem Geburtstag die U-Bahn-Stationen und dann die Bezirke sagen sollte und dafür das Lob seiner Nächsten genoss – der Zustand des Kindseins wird wachgerufen, von dem sich sein Protagonist vermutlich nie emanzipieren konnte. Mit seiner „Glockenstimme“ hätte er ja auch zu den Sängerknaben gehen können, fügt er nachdenklich hinzu.

    Benjamin_Vanyek_lonely_ballads_aktionstheater_ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Bitteren Beigeschmack hinterlässt sein bewegendes Selbstgespräch, das das Publikum oft zum Lachen bringt, und das Zugeständnis, dass, wenn er auf etwas stolz sein sollte, dann auf die Straßenbahnstationen. Das durch die Einsamkeit hervorgerufene Interesse am Malen, der Stolz auf die selbst gemalten Bilder, – Apfelbaum I und Apfelbaum II – , die Benjamins klischeehaftes Statement veranschaulichen, dass bei ihm – wie wohl bei jedem kommerziell gut platzierten „Künstler“ –, „alles blühen soll“, die leere Hoffnung, dass man doch irgendwann einmal Besuch bekommt, die Worte seiner Oma, dass die Fleißigen Erfolg im Leben haben – dieses bunte Potpourri an Erlebnissen mündet in den Höhepunkt seines Narratives: „Ja, kommt einmal!!!“ Der einsame Schrei geht wie eine Woge durch den stillen Saal hindurch. Bühne und Publikum, durch die Kraft des Unausgesprochenen vereint, werden eins. Das Bild einer aussichtslosen Zukunft wird von der einsetzenden musikalischen Begleitung weitergetragen: „And I know, the future is already gone…“

    Die endlich stattgefundene, lang ersehnte Begegnung mit aktionstheater ensemble, das auch dieses Mal mit seiner Neuaufführung „Lonely Ballads“ ein fehlerloses Gespür für das Kranke und gnadenlos Zehrende in der Gesellschaft demonstriert hat – trotz aller durch die Pandemie bisher verursachten Hindernisse – lässt bei uns, dem Publikum allerdings einen Funken Hoffnung aufflimmern: Solange wir mit großen Künstlern, wie der Theaterkompanie aktionstheater ensemble in Berührung kommen können, deren Herz ganz für die Bühne und ihr Publikum schlägt, ist die Kunst und somit auch unsere Zukunftsvision gerettet. Und irgendwo da, zwischen der magisch anziehenden Bühne, dem bunt vorgetragenen Narrativ, dem ergreifenden Spiel, der verstörten Welt draußen und dеn gefesselten Blicken des Publikums liegen alle Antworten. Dort, in diesem geteilten verdichteten Freiraum werden nämlich neue Zukunftsvisionen geboren.

    Simon_Scharinger_Simon-Gramberger_Joachim_Rigler_Kristian_Musser_lonely ballads_aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Großes Lob gilt auch an die Musiker*innen! Großartige, gefühlsbetonte Musik, und gedankenschwangere, kurz formulierte, prägnante Songtexte, die einem unter die Haut gehen! Doch niemals war die musikalische Begleitung – diese feine Symbiose zwischen Ton und Songtext – auf der einen Seite, und Narrativ und Spiel, auf der anderen, dermaßen intensiv und eindrucksvoll wahrzunehmen, in der amorphen Form eines sich völlig ergänzenden und gegenseitig unterstützenden Ineinander-Fließens!

    Für Euch auf den Spuren der Einsamkeit –

    Eure Neli Peycheva

    „Lonely Ballads

    Termine: Mi. 15.9. und Do. 16.9 um 20 Uhr am Spielboden Dornbirn

    Text: Martin Gruber https://wiener-online.at/2018/11/14/kunst-ist-genau-das-refugium-wo-es-darum-geht-subversiv-sein-zu-koennen-regisseur-martin-gruber-im-interview/ und aktionstheater ensemble

    Dramaturgie: Martin Ojster

    Regieassistenz: Laura Loacker

    Medienkontakte: Gerhard Breitwieser

    aktionstheater ensemble Songbook:

    https://store.noiseappeal.com/shop/music/vinyl/aktionstheater-ensemble-lonely-ballads/

    Komposition: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Kristian Musser

    Mit: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Simon Gramberger, Kristian Musser, Joachim Rigler, Simon Scharinger

    Weitere Artikel der Autorin über aktionstheater ensemble:

    https://wiener-online.at/2020/02/24/was-macht-dich-heil/https://wiener-online.at/2018/06/17/der-mann-zerstoert-verletzt-echt-er/

    https://wiener-online.at/2020/02/24/was-macht-dich-heil/

    https://nelisworld.com/2020/10/25/die-tragik-der-fallhoehe/

  • Die Tragik der Fallhöhe

    Die Tragik der Fallhöhe

    Vom 29.9. – 3.10.2020 war das mehrfach presigekrönte aktionstheater ensemble mit der Uraufführung Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben im WERK X in Wien zu sehen

    Was bleibt hinter uns?

    Müll, Orangen, Plastikblumen, unbrauchbare Nationalflaggen – Spuren von Verbrauchtem und kein Funken Leben, keine – zumindest wage – Andeutung an Erschaffenes, Erfundenes, Erbautes. Nur Müll. Gitterschränke voller Überbleibsel der menschlichen Existenz. Untergang statt Aufgang. Dunkelheit statt Licht. In einer Welt ohne Menschen, auf einer Bühne, die seit Monaten auf ihre Darsteller wartet. In Zeiten eines Lockdowns. In einem Dasein ohne Essenz, in der Ego-Trips Schicksäle stärker denn je zusammenschweißen, die Erlahmung des Geistes so krass zu spüren ist, dass sie einen faden Beigeschmack hinterlässt und Subjekte kaum noch von Objekten zu unterscheiden sind.

    „Wann beginnt das Leben?“, fragen Martin Gruber (Der Regisseur im Gespräch für den WIENER) und sein aktionstheater ensemble in ihrer zutiefst erschütternden Neuaufführung im WERK X.  „WANN beginnt das Leben?“, möchten auch wir, das Publikum endlich einmal laut ausschreien. Die einsame Bühne – ein Abziehbild der Welt draußen – wartet auf ihre Darsteller und verschweigt vorerst die Antworten.

    Bürgerliches Trauerspiel. Uraufführung (c) Gerhard Breitwieser

    Die Bühne – nah und fern

    Als erster traut sich Thomas, sie zu betreten. Irgendwie seltsam fühlt sich das an, langsam und vorsichtig tastet er sich heran, als ob er sich in einem Traumzustand befände. Dann nimmt er gleich die Kreide und zeichnet eine weiße Trennlinie, die ihn von der Außenwelt abgrenzt. Die Versuchung, einen Schritt nach vorne zu setzen, um den Zustand des Getrenntseins zu überwinden und gegen Regeln, Einschränkungen, Verbote zu verstoßen, ist groß: Das Jenseits war doch immer verlockender als das Diesseits, und die Freiheit einem lieber als die Unfreiheit. Die Trennlinie als Kunstmittel kommt oft in den Aufführungen von aktionstheater ensemble vor, entweder um den Einzelnen in die Enge seiner subjektiven Welt zu positionieren oder den Versuch zu artikulieren, über die eigenen, inneren oder die von außen aufgesetzten Einschränkungen hinwegzukommen. Endlich spuckt sich Thomas in die Hände und es geht los! Auch Horst und Benjamin bewegen sich unsicheren Schrittes, zaghaft nach Spuren von Lebendigkeit suchend, als ob sie ihre eigene Bühne kaum noch erkennen könnten. So nah und zugleich fern wirkt sie auf sie.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Die Tragik der Fallhöhe

    Schon wieder gleitet unter der Regieführung von Martin Grubers das Kleinbürgerliche, Prosaische und Belanglose ins Globale hinüber. Die Auf-sich-selbst-Bezogenheit, vermischt mit einem bis aufs Äußerste ausgeprägte Gefühl der Vereinsamung, der Abgetrenntheit, abgeschmeckt mit einem witzig-ironischen Unterton, auf der einen Seite, und der globale, aus politisch-wirtschaftlichem Geschehen zusammengenähte Kontext, auf den der Verstand, der unbedingt eine Erklärung braucht, mit selbstgesponnenen Theorien reagiert, auf der anderen, bilden den inhaltlichen Rahmen.

    Einer Marionette ähnlich zappelt das Selbst im Fluss von Moralvorstellungen, Debatten um die Gleichberechtigung, Wutanfällen auf Banken und Versicherungen, Überzeugungen über Liebekonzepte, Flüchtlingskrisen, Ernährungsgewohnheiten, Aufrufen der Bundesregierung herum. In sich selbst verfangen steht der Einzelne da hilflos und verloren.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber (c) Gerhard Breitwieser

    Und so fängt es an: Michaelas Feststellung, sie mag keine süßen Getränke mehr oder der Entschluss, auf Fleisch zu verzichten, knüpfen an die Notwendigkeit, ein Alkohol-Tagebuch zu führen an, die während der Krise entstanden ist. Schon wieder der Lockdown hindert sie daran, die Gleichberechtigung in ihrer vollsten Form zu erfahren und endlich mal eine offene Beziehung zu führen. Die Seifen, die sie nach Kuba geschickt hat, im Austausch für Ärzte, wenn es mal dazu kommt, und das Experiment, bei dem sie zwei Seifen vor zwei Obdachlosen legt, lassen dann die Frage auftauchen: „Was ist schlimmer: Hier arm zu sein oder in Kuba?“ Der Redefluss wird oft von Sprüchen, Floskeln oder Erkenntnissen unterbrochen, wie „Der empathische Mensch ist oft einsam.“

    Horst, der rastlos hin und her schreitet, lässt seien Wut an Banken und Versicherungen aus („Alle Arschlöcher!“) und redet gerne über Möbel, um irgendwann so nebenbei festzustellen, dass man die Hässlichkeit schön mit Schwarz bedecken kann – ein Statement, das wie ein Blitz auf die Bühne schlägt und beim Publikum lange nachklingt.

    Auch Thomas ist in seiner Welt gefangen: er spricht über seine große Angst vor dem Faschismus („Oma hat Angst wie nach dem 2. Weltkrieg!“), gibt seiner Duft-Anhänglichkeit freien Lauf und hält sich fest an tradierte Wertvorstellungen – etwa von den Eltern übernommen –, die für ihn die Gültigkeit eines Kanons haben: „Fleiß, Verlässlichkeit, Talent, hat der Papa gesagt.“ Die alten Sprüche schließen eine zeitgemäße Emanzipation des Geistes aus.

    „Und jetzt stellen Sie sich mich als Emilia Galotti vor“, unterbricht plötzlich Benjamin den Redefluss, dem Appell der Bundesregierung folgend, die Künstler in Krisenzeiten zu unterstützen und der hohen Kunst den Vorrang zu geben. „Leidenschaft, das ist, was heute fehlt!“, fährt er fort. Witzig-ironisch bis grotesk-traurig wirkt sein Auftritt, wenn seine Erzählung, während er im schwarzen Witwenkeid durch die Bühne schwebt, in persönliche Leidensgeschichte übergeht: von dem Augenblick an – angefangen bei der Schilderung von der Misshandlung bei der Armee bis er die Zahnprothese als Beweis herausnimmt – wird das Traurige plastisch, es wird dermaßen verdichtet, dass man die Bitterkeit des Leids wortwörtlich auf der Zunge schmecken kann.

    Martin Gruber löst das bürgerliche Trauerspiel von seiner historischen Bedeutung ab und versetzt es in den gegenwärtigen Kontext, in dem der Tragik der Fallhöhe neue Dimensionen und Interpretationen beigemessen werden. Unglaublich, wie weit die Palette aus Assoziationen reicht, zu der der Regisseur greift! Aus dem unmittelbaren Vergleich mit den klassischen Werken entsteht das Witzig-Lustvolle, vor dessen Hintergrund das Gegenwärtige noch deutlicher wahrzunehmen ist. Die großartigen Darsteller Michaela Bilgeri, Horst Heiß, Thomas Kolle und Benjamin Vanyek übernehmen wiederum für uns, das Publikum mit ihrem unter die Haut gehendes Spiel, das einen an die Grenzen seiner Wahrnehmung treibt, den schwierigen Teil. Die Realität, die mit ihren lustigen, albernen, banalen, aber auch schmerzvoll-skurrilen Ausprägungsformen auf die Bühne übertragen wird, stellt ein bürgerliches Trauerspiel nämlich, in dem das Bürgerliche ins Zentrum des Tragischen rückt. Wie ein Karussell drehen sich Banalitäten, eine nach der anderen, mit der Lichtgeschwindigkeit und füllen so die Mikrowelt des Einzelnen vermeintlich mit Lebenssinn aus. Unabhängig davon, ob es dabei um Vorlieben, Gewohnheiten oder Überzeugungen geht, eines bleibt konstant: das Fehlen an einem starken Impuls, der ein gesellschaftlicher Konsens denkbar machen würde: Sowohl in den Banalitäten des Alltags als auch in der Besprechung der „großen Themen“ redet man aneinander vorbei, der Gemeinsinn ist verfehlt.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Stefan Hauer

    In der Umarmung von Musik und Tanz

    Die wunderbare Sängerin Nadine Abado, der talentierte Schlagzeuger Alexander Yannilos und der uns allen bekannte Musiker Kristian Musser, die aktionstheater ensemble schon lange begleiten, halten musikalisch die Bühne fest in ihrer Umarmung und verleihen dem Stück durch die Wirkungskraft der Stimme, der Musik und des Schlagzeugs eine ganz besondere Fülle, indem sie entweder die Tonstärke virtuos hochklettern, sodass der Gesang beinahe als Hilferuf, der die Stille durchschneidet, wahrgenommen wird oder leise und gesprächig uns Bilder reinflüstern – da, wo die verbale Erzählung abbricht oder diese in die musikalische Begleitung eingewoben wird.  

    Wenn Thomas und Horst nicht breitbeinig dasitzen a là Manspreading oder demonstrativ-offensiv die Beine übereinanderschlagen (Sohlen zeigen nach außen!) bewegen sie sich im gleichen Tempo, mit ihren Liegestühlen in der Hand, die während der Krise mit ihnen beinahe zusammengewachsen sind, kreisen um sich herum, ohne aus dem eigenen eng umrissenen Bewegungsfeld ausbrechen zu können. Die gleich rhythmischen, eintönigen, sich wiederholenden Schritte auch bei den anderen DarstellerInnen widerspiegeln das Sich-Ewig-Wiederholende, das aus alten Denkmustern oder Eigentheorien Zusammengebastelte, das Neues nicht zulässt. Zugleich vereinen die synchronen Bewegungen auf der Bühne ähnliche Schicksäle, Charaktere, denen eine tragfähige Zukunftsperspektive fehlt. Als Thomas ausrastet, ist das als Ausbruch aus den eigenen Grenzen hinaus zu empfinden. Dass gegen Ende des Spiels auch manche der DarstellerInnen in den Käfigen hinter den Gittern stehen, stellt jedoch ein Zeichen dafür dar, dass es dem Einzelnen nicht gelingt, seinen Mikrokosmos zu verlassen und die Gitter zu durchbrechen, denn, wie Horst einmal bemerkt, man habe sich während der Krise an die Eintönigkeit gewöhnt.

    Bürgerliches Trauerspiel. Wann beginnt das Leben. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble (c) Gerhard Breitwieser

    Nichtigkeit als Chance

    Wären nicht die fantastischen DarstellerInnen da, auf der Bühne, hätten wir, die Zuschauer vielleicht auch nicht die Chance bekommen, in die Rolle des Beobachters von uns selbst reinzuschlüpfen und somit den Schritt aus unserem eigenen Trauerspiel raus zu wagen. Diese Entscheidung überlässt aktionstheater ensemble, das sich weit fern von allen Versuchen hält, fertige Lösungen anzubieten, dennoch einem selbst. Das mehrfach ausgezeichnete Theater, das von dem Temperaturgrad seiner schonungslosen Subversivität her einzigartig ist, fordert uns mit seinem fulminanten Spiel immer wieder heraus, in den Spiegel zu blicken. Die Nichtigkeit des Daseins mit der radikalen Belanglosigkeit seiner Tagesthemen kollidiert im Bürgerliches Trauerspiel mit der äußert intensiv wahrnehmbaren Notwendigkeit, nach der Essenz und somit auch nach einem Gemeinsinn zu suchen, die eigenen Grenzen zu sprengen. Ob das uns gelingt? Das ist die Frage. Bis dahin: Alles Konfetti.

    Neli Peycheva

  • Auf der Theaterbühne meines Lebens

    Auf der Theaterbühne meines Lebens

    Ich weiß immer noch ganz genau wo die drei Bände von Stanislawski in meiner Bibliothek stehen, ich kann nach wie vor jeden Moment den Geruch von altem Papier wachrufen und somit auch die Aufregung, die ich beim Umblättern spüre. Eine Seite, zwei Seiten, drei… Und schon betrete ich eine andere Welt, in der das Unmögliche draußen vor der Tür bleibt. Denn hier ist alles möglich. Auf einmal wird die Begrenztheit des Daseins überwunden. Es hat sich also nichts verändert. Die Erinnerung ist da, farbig-duftend, plastisch, grell leuchtend, der Augenblick, als ich dieses kostbare Geschenk bekam, flattert wie Schmetterling in der Luft, und… er. Als ob er immer da gewesen wäre.

    An einem warmen Märzabend sitze ich unter den Zuschauern im vollen Theatersaal des Puppentheaters in Russe. Wie war es dazu gekommen? Keine Ahnung. Der frische Märzwind soll mich dahin geweht haben. Die Bäume treiben schüchtern Knospen. Ein sanfter Duft breitet sich Richtung Donau aus. Das Gebäude befindet sich nicht weit von dem ruhig fließenden Fluss entfernt, der sich, wie ich erst Jahre später feststelle, in Menschen verfängt, die Menschen verfangen sich ihrerseits in Zeiten, die Zeiten in Erinnerungen, und die Erinnerungen wiederum in Menschengeschichten, sodass ein unübersehbares Netz aus Endlosigkeit entsteht, das von Russe über Wien hinaus bis nach Passau hinüber reicht. Verhängnisvoll. Damals ahne ich es allerdings immer noch nicht. Das, was ich zu jenem Zeitpunkt weiß, ist, dass dieses Donaublaue wie ein Magnet auf mich wirkt.

    An jenem Abend spielt eine junge Pantomimetruppe. Erschütternd! Die Handlung, die die sichtbaren Grenzen des Raums bald verlässt, die begabten jungen Menschen auf der Bühne, die mit der Sprache des Körpers Geschichten fabulieren, er. Nicht länger als eine Stunde ist vergangen, und die Entscheidung steht schon fest. Es geht um eine jener Fragen, bei denen es kein Zurück gibt. Es ist nämlich eine Frage auf Leben und Tod. Was ich will, ist um jeden Preis ein Teil vom Wunder, genannt Theater, zu werden. Also warte ich ruhig ab, dass auch der letzte Zuschauer sich verabschiedet und den Raum verlässt und nähere mich langsamen Schrittes auf die Bühne zu, stelle mich kurz vor und bringe es gleich direkt auf den Punkt, so ist es halt mit den Fragen auf Leben und Tod: „Ich will eine von Euch sein!“, kündige ich an. „Was kannst du?“, fragt er. Ich, die erfahrene Gymnastikerin, denke einen Moment lang nach. Da leuchtet es mir plötzlich ein, wo meine verborgenen Talente wohl hätten liegen können und packe die Sache professionell an: „Spagat! Ich kann Spagat!“, rufe ich aus und gleite sofort in den Spagat. Er lacht.

    So beginnt mein Treffen mit dem Theater und dem Menschen, der mich beinahe adoptierte. „Adoptiert“ von ihm waren fast alle anderen Kinder in der Truppe. Fast alle von uns waren entweder nur mit dem einen Elternteil aufgewachsen oder kamen aus schwierigen Verhältnissen. Und alle brauchten wahnsinnig einen Vater.

    Ich bin 16. Die wöchentlichen Pantomime-Proben fangen an. Es beginnt ein Leben voller Elektrizität, das von einem unsichtbaren Motor vorangetrieben wird, in dem allem einen tieferen Sinn eingehaucht wird. Und er. Eine markante Persönlichkeit, die man nie aus dem Gedächtnis verlieren kann – Yordan de Meo. Ich probe. Fleißig. Mit Leidenschaft. Dann folgt der Bühnenauftritt unter dem Licht der Scheinwerfer. Ich lerne Maria Luisa, die Schwester von Simeon Sakskoburggotski kennen. Er schenkt mir die Platte von Kenny Rogers. Ich verliebe mich in die Songs. Bald danach beginne ich regelmäßig seine Mutter, eine gebürtige Deutsche, zu besuchen, um mit ihr mein Deutsch zu üben. Wir sprechen. Wir sprechen über „Vom Winde verweht“. Ich lasse mich vom Wind verwehen. Modeschau. Ich nehme an einem Casting für eine Modeschau teil.

    Die Schulzeit ist zu Ende und er stellt die Frage aller Fragen: „Willst du nicht Schauspiel studieren?“ Ich glaube nicht. Eine Nichtgläubige. Oder ich glaube zu wenig, dass es möglich wäre und bestehe stur auf die Fremdsprachen, als ob ich bei der Geburt verflucht worden wäre, mein Leben einzig und alleine mit den Sprachen in Verbindung zu setzen. Andere von meiner Pantomimetruppe aber, etwa Simeon Lytakov, haben mehr Glauben. Oder zumindest genug, um später erfolgreiche Schauspieler zu werden.

    Jahre danach treffe ich ihn von Neuem. Diesmal in Sofia. Er lacht genauso wie einst, glaubt, dass ich nicht an die Uni hingehöre. Prophet.

    Und endlich mache mich auf den Weg nach Wien. Nein, nicht über die Donau. Ich nehme den schwereren Weg, der mir in kurzer Zeit über 160 Stempel in meinem Pass sichert für Grenzen, die zu überqueren waren. Nach fünf dort verbrachten Monaten fangen die ersten Zweifel an. Gibt es für mich einen Rückweg? Ich muss jedoch zurück, um ihn anzurufen. Die Weihnachtsfeiertage vergehen. Ich nehme den Hörer in die Hand und dann verstehe ich auf einmal, dass ich zu spät bin. Ein nie zustande gekommenes Gespräch bleibt in der rechten Herzenskammer und wird ewig herumgeschleppt.

    Später treffe ich völlig unerwartet für mich seine Tochter Mariana in Wien!  Und somit taucht er wieder in der Erinnerung auf, als ob er immer da gewesen wäre. Seltsam, wie sich diese roten Fäden in meinem Leben durchkreuzen, ähnlich all jenen mir am Herzen liegenden Menschen, ohne die ich nicht das wäre, was ich jetzt bin.

    Ich höre Kenny Rogers. Neben mir sitzt Stanislawski. Ins Unausgesprochene lausche ich hinein, dem Offensichtlichen hingegen drehe ich den Rücken und verstehe nun besser denn je: Mein Leben ist eine Bühne voller Elektrizität, die von einem unsichtbaren geistigen Motor vorangetrieben wird, der jeder Sache einen tieferen Sinn verleiht, wohl oder übel. So war es schon immer und so wird es sein. Nichts hat sich verändert. Verlangt bitte also nicht von mir, in einem fremden Theaterstück zu spielen. Und, übrigens, die Arbeit des Schauspielers an sich selbst geht weiter.