Links, rechts, vorwärts…
SPEED (kills content)
Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble.
In Kooperation mit Spielboden Dornbirn und Theater am Werk, Wien.
Links, rechts, vorwärts… Die Bewegungen, die das Ensemble auf der Bühne vollzieht, wirken wie eine choreografierte Übersetzung unserer gesellschaftlichen Zerrissenheit. In der neuen Produktion „Speed“ des aktionstheater ensemble im Theater am Werk entfaltet sich ein Abend, der zugleich rasant, humorvoll, scharf beobachtet und tief berührend ist.
Das Ensemble bleibt seinem Markenzeichen treu: unerschöpflicher Witz, präzise Ironie und eine entwaffnende Offenheit, die das Publikum unmittelbar erreicht. Diese Schauspielerinnen und Schauspieler sind längst mehr als nur Darstellende – sie sind ein Spiegel, ein Korrektiv, ein Resonanzraum unseres eigenen Herumirrens im hektischen Takt der Gegenwart.
Zeynep eröffnet den Abend mit einer Episode über das Sammeln von Bonuspunkten, die plötzlich wertlos werden. Eine kleine Alltagsgeschichte, die sich als treffende Satire auf unsere Konsumabhängigkeit entpuppt. Ihr ironischer Blick zwingt uns, über unsere eigenen Gewohnheiten zu schmunzeln – und uns gleichzeitig zu fragen, wie manipulierbar wir eigentlich sind.

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Thomas wiederum wirft beiläufig die Bemerkung ein, dass „alle seine Freunde schwer depressiv“ seien. Der Satz steht im Raum wie ein Schlaglicht auf eine Generation, die zwischen Überforderung und Orientierungslosigkeit pendelt.

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Zeyneps Erzählung über Sozialleistungen, Kirstins Darstellung der Ehefrau, die gleichzeitig die Arbeit der Putzkraft übernimmt, oder Benjamins Erinnerung an die Verehrung seiner Großmutter für Kaiserin Zita – all diese Geschichten zeichnen ein Panorama gesellschaftlicher Rollenbilder, nostalgischer Mythen und alltäglicher Absurditäten.

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Tamara sorgt mit ihrem bewusst provokanten Auftritt und dem Satz „Ich probiere mal, nicht im Mittelpunkt zu stehen“ für schallendes Gelächter. Ihre Episode über den Möhrenkuchen, der im Café Prückel selbstverständlich „Karottentorte“ heißt, wird zur liebevollen Parodie auf österreichische Sprachstarrheit und kulturelle Eigenheiten.
Isabellas Bericht über elf Wohnungswechsel, Kirstins Begeisterung für japanische Popkultur, Benjamins Kindheitstraum, Stationssprecher zu werden – jede dieser Miniaturen öffnet ein Fenster in persönliche Lebenswelten, die zugleich exemplarisch für viele stehen.
Auch die Frage nach Identität und Tradition wird nicht ausgespart: Tamara weigert sich, ein Dirndl zu tragen – „Da schäme ich mich zu Tode“ –, und verweist damit auf die komplexe Beziehung zwischen jüdischer Herkunft, kultureller Identität und österreichischer Folklore. Thomas’ Erwähnung seiner „Nazi-Oma“ erinnert daran, dass manche Schatten der Vergangenheit noch immer nicht verschwunden sind.

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Die Hysterie rund um gesunde Ernährung, die Thomas anhand von Benjamin karikiert, bringt den Saal erneut zum Beben. Vielleicht, weil wir uns alle ein wenig darin wiederfinden.
Zwischen philosophischen Miniaturen über Einsamkeit und Glück, zwischen dem Wunsch zu verschwinden und der Unmöglichkeit, nicht aufzufallen, entsteht ein Abend, der gleichermaßen zum Lachen, Nachdenken und Wiedererkennen einlädt.

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Begleitet vom pulsierenden Rhythmus der fantastischen Live-Band bewegen sich die Darstellerinnen und Darsteller unablässig über die Bühne. Die Projektionen im Hintergrund verstärken das Gefühl, dass sie – und wir – ständig in Bewegung sind. Rastlos. Suchend. Verletzlich. Nackt.
So werden sie uns nah, fast intim.
„Speed“ ist eine farbenreiche Collage aus persönlichen Geschichten, gesellschaftlichen Beobachtungen und humorvoller Selbstreflexion. Das Publikum erkennt sich in vielen Momenten wieder – in den Schwächen, den Ängsten, den kleinen Fluchten des Alltags.
Wie die Schauspieler rennen auch wir weiter: mal entschlossen nach vorne, mal zögerlich zurück, mal nach links, mal nach rechts. Ob wir die Welt retten können? Oder wenigstens uns selbst? Vielleicht nicht. Aber der Versuch, darüber nachzudenken, ist bereits ein Schritt – und dieser Abend lädt uns ein, ihn zu gehen.
Am 16. Januar durfte ich diese neue Produktion im Theater am Werk erleben. Ein Abend, der mitreißt, erschüttert, zum Lachen bringt und berührt. Ein Ensemble in Hochform. Und die Gewissheit, wie sehr wir dieses Theater brauchen, um uns immer wieder neu zu finden, nachdem wir uns verloren haben.
Eure Neli P
| Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und Ensemble | Dramaturgie: Martin Ojster | Bühne, Kostüme: Valerie Lutz | Musik: Andreas Dauböck| Video: Resa Lut | Regieassistenz: Sanna Hufsky | Regiehospitanz: Salome Seidl | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser Mit: Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek sowie Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol |
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