Schlagwort: Zeit

  • Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Die Beichte einer Nichtgläubigen

    Provoziert durch die heutige Begegnung mit Ihm.

    Ich bin in einer gottlosen Gesellschaft aufgewachsen, in der Gott verboten war. Gott? So was gab es nicht, nur von den Lippen meiner Oma konnte man manchmal dieses seltsame Wort, leise und vorsichtig zugeflüstert, hören. Was sie allerdings damit meinte, blieb ein volles Rätsel. Die kleine Kirche, die mitten auf dem zentralen Platz stand, hatte für mich eine völlig plausible Geschichte: sie war ja nämlich die, an deren Kirchturm Baron von Münchhausen sein Pferd mitten in jenem heftigen Schneesturm gebunden haben soll. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeiging, schaute ich nach oben zum Turm und dachte an Münchhausen. Eine andere Funktion der Kirche konnte ich mir gar nicht vorstellen. Außerdem ging keiner hinein, was meine Vermutungen für den Grund deren Existenz nur noch bekräftigte.

    Nach der Wende öffnete die Kirche überraschenderweise ihre Türen für die Gläubigen. Waren aber solche geblieben? Den religiösen Glauben zurückerobern wurde bald zu einem Modetrend, bei dem man mehr auf ein Abenteurerlebnis infolge der Begegnung mit dem bis vor Kurzem Unzulässigen setzte, und weniger tief nach innen nach dem Sinn suchte. Das erste Mal, als ich die Kirche betrat, war zu Ostern. Das erste Ostern nach der Wende. Zur Mitternacht füllte sich die Kirche mit zuströmenden Menschenmengen von Neugierigen in Erwartung des Gottes, von dem manche schon mal gehört hatten, dicht aneinander gepresst, jeder mit einer angezündeten Kerze in der Hand. Ich bekam fast nichts zu Gesicht, außer den Rücken der in der vorderen Reihe Stehenden, und der Geruch, der sich bald durch den ganzen Innenraum ausbreitete, war nicht der nach Weihrauch, sondern nach gebranntem Haar.

    Dem unbekannten Gott musste ich irgendwie eine Form verleihen. Aber wie? Sollte es jemand sein, vor dem man Ehrfurcht empfinden sollte? Oder jemanden, an den man, wenn es unerträglich wurde, seine Bitten richten sollte? Hm, daran war ich nicht gewohnt. Wenn ich bessere Noten in der Schule haben wollte etwa, lernte ich fleißiger und wendete meine Bitten an mich. Wenn etwas schiefging, hatte ich Angst vor der Reaktion meiner Mutter. Wohnte also dieser Gott mir oder meiner Mutter inne? Jedenfalls war er nicht etwas, was ich im Außen suchen konnte.

    Ob ich heute als Erwachsene an den Gott glaube? An meinen Gott, den Gott in uns, vielleicht. An die grenzenlosen Möglichkeiten, an das Gute im Menschen, an die Liebe, an das Transzendentale, das uns miteinander verbindet, sodass wir uns in einem jeden wieder eindecken können.

    Ob ich ihn schon mal gesehen habe? Oh ja, wenn ich am Strand sitze und die ruckartige Bewegung der Wogen beobachte, wenn es ganz schön stürmisch wird und mich der Wirbel dahin weiterträgt, wohin es mag,  wenn ich im April unter einem blühenden Marillenbaum liege, wenn ich draußen im Regen durch die Pfützen laufe, wenn ich von oben auf die Welt schaue,  während die ersten Schneeflocken unbesorgt um mich herum tanzen… Der Gott einer Nichtgläubigen hat kein Gesicht, kann in einer Kirche oder in einem Gebet nicht entdeckt werden, verträgt keine Ehrerbietung. Er ist die bodenlose Stille in einem jeden von uns.

  • Ich warte auf sie

    Ich warte auf sie

    Auf die Zeit warte ich, die Minuten erforschend,
    schüttele den Staub von ihnen ab, pudere sie ein bisschen auf
    und entdecke in jeder einzelnen etwas Weißes, etwas Schönes.
    Auf die Zeit warte ich, warte wortlos.
    Dass wir uns mal wieder begegnen – ohne Worte, ohne Streit.
    Dass wir uns mal wieder verzeihen – ohne Trennlinien zu ziehen.
    Auf die Zeit warte ich – jene Januar-raufrostige, sauber gefegte, leuchtend weiße und zärtliche Zeit,
    die Zeit-Mut - die kecke, echte, kühne Zeit -, nicht auf die bedrückte Zeit-ohne-Zeit, die den Nacken beugt.
    Auf die Zeit warte ich – die Zeit-Sekunde, 
    die blitzschnell mit heftigem Getöse das Dunkel spaltet, die Zeit-Fähre, die auf keinen wartet, die Zeit-Schmetterling, die sich auf die Lippen niedersetzt und die Mundwinkel hinunterfließt.
    Es ist weiß. In der frostigen Stille winkt mir meine Zeit zu,
    dann begibt sie sich langsamen Schrittes auf den Weg zu mir. 
    Ich warte auf sie.
    

  • Ich kann nicht mehr warten

    Ich kann nicht mehr warten

    Ich kann nicht mehr warten. Nein. Ich kann es nicht.
    Ich kann nicht unendlich vernünftig, überlegend, zahm sein –
    ich kann nicht diejenige sein,
    die den Winter langsamen Schrittes messen würde,
    die verträumt, in einem langsamen cadence warten würde,
    dass der längste mit Zähnen klappernde Winter mit einem révérence
    den fernsten Frühling um einen Rollenwechsel leise flehen würde.
    Ich kann nicht warten. Ich kann es nicht, ich gebe es zu.
    Will ich so viel? Weiß ich nicht. Ich spüre es,
    wenn der letzte Tropfen Geduld mit einem gewaltigen Donner
    in ein Meer aus Gefühlen hinüberfließt.
    Also, losziehen!

    Ich ziehe meine treuen roten, schon ein wenig abgetragenen, dazu aber bewährten Ballerinas „für Welt“ an und ich ziehe los! Auf bald!

    In einem neuen Theaterstück und in einer Frühlingsrolle!

    Eure Neli P
  • Zwei Kilo Zeit, bitte!

    Zwei Kilo Zeit, bitte!

    Meine Liebe,
    zwei Kilo Zeit will ich! Glück in Sicht! Kaufe Zeit!
    Schneiden Sie mir bitte zwei Kilo Zeit ab, zahle bar!
    Mit dem schärfsten Messer! Von der teuren Zeit!
    Scheißegal dieser Preis, es ist wahr,
    dass ich von der kostbarsten Zeit haben will,
    damit wir ohne überflüssige Worte, ganz still
    sitzen ohne „Wie lange?“ und „Wann?“,
    und unsere Stille zu Wort kommen kann.
    Damit die Zeit, tragend deinen Namen,
    meine Zeit setzt in leuchtenden Rahmen,
    und ich neben dir auch dieses Mal
    zahle pro Kilo für Stille real.
    Netto. Für zwei Verse Leben,
    für zwei Herzgeschichten zahle die Summe,
    für unsere Stille, für zeitloses Schweben.
    Und möge die Stille niemals verstummen.
  • Die Versagerin

    Die Versagerin

    Zur Morgendämmerung schläft die Versagerin in mir nicht.
    Sie drückt mich an die Wand
    für all meine „Ich kann nicht über meinen Schatten springen“,
    für alle kleinen und großen bequemen Fluchten, Täuschungen,
    für all meine „Es ist mir scheißegal“,
    für alle „Es ist noch Zeit“,
    für alle stillen Rückzüge,
    für alle „Warte“ und „Halte mal“!
    Und wie bequem ist es nur,
    über die Schulter auf sie zu spucken,
    mit nicht sehenden Augen,
    sodass alles sich einfach und logisch,
    pragmatisch und unpersönlich weiter so hinzieht.
    Die Versagerinnen sind immer wach.
    Die Versagerinnen träumen nie.
    Wenn du glaubst, dass die Versagerin nicht mehr da ist,
    genau in dem Moment nistet sie sich in deiner Wunde ein
    und das tut höllisch weh.
    Sie schreit, dass du verlogen bist,
    unecht und unschön, und kommt nicht zur Ruhe.
    Und du verstehst es, ihr seid ja eh immer zwei da,
    zur Morgendämmerung.
  • Die Zeit erkrankte

    Die Zeit erkrankte

    Die Zeit erkrankte. Ich stelle die Frage:
    Gibt es noch Zeit, um etwas zu wagen?
    Ist da noch Zeit, um aus dem Steigbügel
    aller Täuschungen auszusteigen? Alle Flügel
    zusammenlegen und zu probieren
    sich selbst zu sein? Echt sein? Sich zu riskieren?
    Gibt es noch Zeit oder diese Zeit rennt?
    Gefühle, Gedanken und Menschen verbrennt?
    Ist es an der Zeit all die Gedanken,
    schwarze, zitternde Gedanken ins Wanken
    dringend sofort zu reanimieren?
    Sich selbst zu finden? Sich zu verlieren?
    Kann man Gedanken mit Schere zuschneiden?
    Mit Kerze verbrennen? Gedanken vermeiden?
    Und aus Papier weiß und durchsichtig
    neue Geschichte, echter und wichtig
    ganz neu gestalten: mit einer Handvoll Lügen?
    Mit mehr Wahrheit? Mit zwei, drei Betrügen?
    Damit uns Zeit bleibt. Zeit vor dem Ende.
    Echtzeit für zwei. Für zwei Verblendete.