Schlagwort: worte

  • Ich stolpere über die Worte

    Ich stolpere über die Worte

    Ich stolpere über die Worte,

    richte mich auf,

    ans gebrochene kleb ich ein neues Wort drauf,

    und gleite dann langsam, vorsichtig, sacht,

    bis aus den Worten Gedanke erwacht.

    Aus den staubigen Worten web ich den Schleier,

    hinter dem ich heile die wunden,

    die Worte-Vaganten, die sündigen, runden,

    durchschossenen Worte, im Kampf noch gerettet,

    die Worte-Soldaten, so stark und verkettet.

    Ich hadere mit den Worten.

    Wer braucht euch denn, sagt mir, wer eben?

    Ihr Töchter der Nacht, die ewig noch leben.

    Nicht einig seid ihr und auch nicht verschworen,

    nur scheu und nur wund und so leicht mal verloren.

    Nun reicht es! Ich werfe euch alle hinaus.

    Gute Reise! Adieu! Schöne Träume!

    Werdet zu Wind, zu Vögeln, zu Bäume!

    Zu Silben, zu Strophen, ganz schlicht und ganz leise

    kommt mir erst morgen, seid Gäste im Hause,

    dann klopft mir nur einmal, ich öffne die Pforte.

    Ich lad euch herein, und ich streite nicht weiter.

    Verbinde euch wieder die offenen Wunden,

    ihr Worte als Obdach, aus Fehlern gewunden,

    ihr wahren, ihr meinen, ihr menschlichen Worte,

    Worte aufrichtige, echte und warme,

    Worte Rettung,

    und nehm euch in Arme.

  • Ich warte auf sie

    Ich warte auf sie

    Auf die Zeit warte ich, die Minuten erforschend,
    schüttele den Staub von ihnen ab, pudere sie ein bisschen auf
    und entdecke in jeder einzelnen etwas Weißes, etwas Schönes.
    Auf die Zeit warte ich, warte wortlos.
    Dass wir uns mal wieder begegnen – ohne Worte, ohne Streit.
    Dass wir uns mal wieder verzeihen – ohne Trennlinien zu ziehen.
    Auf die Zeit warte ich – jene Januar-raufrostige, sauber gefegte, leuchtend weiße und zärtliche Zeit,
    die Zeit-Mut - die kecke, echte, kühne Zeit -, nicht auf die bedrückte Zeit-ohne-Zeit, die den Nacken beugt.
    Auf die Zeit warte ich – die Zeit-Sekunde, 
    die blitzschnell mit heftigem Getöse das Dunkel spaltet, die Zeit-Fähre, die auf keinen wartet, die Zeit-Schmetterling, die sich auf die Lippen niedersetzt und die Mundwinkel hinunterfließt.
    Es ist weiß. In der frostigen Stille winkt mir meine Zeit zu,
    dann begibt sie sich langsamen Schrittes auf den Weg zu mir. 
    Ich warte auf sie.
    

  • „Sie sind die Beste!“

    „Sie sind die Beste!“

    Was mit mir los ist? Keine Ahnung. Ich weiß es einfach nicht. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich nichts weiß.

    Es war auf einmal ein gewisses Etwas da, das ich nicht mal in Worte fassen oder in einen festen Rahmen setzen konnte, denn wenn man Worte handhaben soll, dann tue ich es jedenfalls sehr, sehr behutsam, als ob Worte zerbrechlich wären, Kleinkinder, ein echter Schatz – was sie ohnehin sind, angenommen, man rückt sie ganz schön „behutsam“ in den Vordergrund.

    Es ist irgendwann also so passiert – bei mir passiert nie etwas nach Plan! –, dass es anfing, mir schlecht zu werden. Nach jeder Floskel, jedem Klischee, jeder Denkerstarrung, jedem Treffen mit künstlich erschaffenen – und sonst schon längst toten – Figuren, nach jedem etwas zur Seite schauenden Blick… Und dieses Schlechtwerden sog mich in einen kalten Wasserwirbel hinein und zog mich immer tiefer und tiefer Richtung sandigen Bodens. Verdammt, bin ich älter geworden? So alt, dass ich die Falschheit in der Welt nicht mehr dulden konnte?

    Es gab da etwas, was mich besonders stark anekelte, wenn ich es hörte: „Sie sind die Beste!“ Eine Phrase, die ja so einen vermeintlichen Sinn zu haben scheint, ob ihren allumfassenden, sich kreuz und quer zwischen dem Süd- und Nordpol hinausstreckenden, so angenehmen und durchaus bequemen Einsatzes in allen Lebenslagen, zu allerlei Anlässen und die dazu noch den Eindruck hinterlässt, da braucht man gar nichts mehr hinzuzufügen. Somit ersparte sich der rein pragmatisch veranlagte Anwender kostspielige Zeit und jedes weitere Gerede. Was sich danach entpuppte, war glitschiger Boden, auf dem hohle Worte, eines nach dem anderen, hinunterrutschten. Nach jeder Multiplizierung der Verwendung blieb ein immer faderes Nichts. Wie eine Wachsfigur schmolz die Beste nach jedem „Sie sind die Beste!“ noch ein wenig dahin… Ein Ausdruck ohne Charakter und Tiefe schickte so jedes Mal die – vermeintlich – Beste (denn in einer Welt, in der man sich Klischees bedient, ist ja аuch die Beste nicht geschont und wird selbst zum Klischee) – auf den Scheiterhaufen. Eine namenlose Beste. Dies, angesichts der Tatsache, dass der deutschen Sprache so etwa 500 000 Wörter zum freien Gebrauch stehen, laut der Duden, darunter Horden von Eigenschaftswörtern, die sich vor Wut in die Lippen beißen würden, da sie zum wievielten Mal zwischen den Seiten des Wörterbuchs zum Verschimmeln verurteilt werden. Simplifizierung auf allen Ebenen findet statt.

    Vielleicht bessert sich mein Zustand in Zukunft auf, wer weiß, es ist nicht ausgeschlossen anzufangen bei „Sie sind die Beste!“ so zu reagieren, als ob man zu mir „Salz“, „Serviette“ oder „Tür“ sagen würde, dann wäre es auch mit meiner Übelkeit vorbei. Drückt mir bitte jedenfalls die Daumen! Zumindest die Zukunft steht noch in den Sternen!