Ich stolpere über die Worte,
richte mich auf.
Aufs Zerbrochene setze ich ein neues
und gleite weiter, sacht,
bis aus den Worten ein Gedanke wacht.
Aus den staubigen webe ich einen Schleier,
und dahinter heile die Wunden:
die Vaganten, die Sündigen,
die durchschossenen, im Kampf geretteten,
die Wort-Soldaten, verkettet und stark.
Ich hadere mit euch.
Wer braucht euch denn — sagt's mir.
Ihr Buhlerinnen der Nacht, die weiterleben,
nicht einig, nicht verschworen,
nur scheu, nur wund, so leicht verloren.
Jetzt reicht es. Ich werfe euch hinaus.
Gute Reise. Werdet Wind,
Vögel, Bäume,
werdet Silben, Strophen — schlicht und leise.
Kommt erst morgen. Seid Gäste im Haus.
Klopft nur einmal, ich öffne die Pforte,
lade euch ein, streite nicht weiter.
Ich verbinde euch wieder die offenen Wunden,
euch, Worte als Obdach, aus Fehlern gewunden,
ihr wahren, ihr meinen, ihr menschlichen, warmen —
und nehme euch in die Arme.
Schlagwort: Worte
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Ich stolpere über die Worte
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Ungeplante Geschichte
An alle, die ihren Glauben irgendwo da auf der Strecke verloren haben.
Menschen sprechen zu mir, ich hören ihnen zu. Wahrscheinlich bin ich eine ziemlich gute Zuhörerin, denn das passiert immer wieder. Menschen vertrauen mir ihre Geschichten an.
Gestern etwa saß ein schätzungsweise über 60-jähriger Mann neben mir. Die Augen – rund herum von einem feinen Fältchennetz umrandet –, Mundwinkel traurig herabhängend. Das Jugendliche an ihm war der sorgfältig schwarz gefärbte Moustache, der kämpferisch und frech über der Oberlippe hervorstach, als ob er stellvertretend für seinen in sich zusammengesunkenen Besitzer der ganzen Welt mitteilen wollte: Es gibt mich noch! Da bin ich! Es stimmt schon, dass ein Schnurbart von der Masse abheben kann! Oder war es vielleicht das Jugendliche an ihm? Das Kind, das mir schalkhaft zuwinkt und nach dem ich bei jeder Begegnung suche?
Zuerst zeigte mir der Unbekannte eines nach dem anderen die schönen Bilder auf seinem Handy, die seine Frau einmal gemalt haben muss, als sie es noch konnte – von ihm als Dreißigjährigem, von ihrem Hund, von seinem Sohn, von einer Szene aus dem Musical „The Cats“. Denn nun ist sie demenzkrank und in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Der Aufenthalt da kostet 6000 monatlich, einen stolzen Betrag, der gottseidank von der zuständigen Krankenkasse übernommen wird. Nun sind nur die Erinnerungen wach geblieben. Der gemeinsame Sohn ist schon selbstständig, arbeitet als Krankenpfleger, muss manchmal bis zu 18 Stunden am Tag schuften, und findet nicht mal Zeit für sich, geschweige für seinen Vater. Einmal monatlich kommt er allerdings zu Besuch. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.
Er selbst war drei Monate lang im Krankenhaus mit der Diagnose Knochenkrebs stationiert. Die Knochenmarktransplantation hat Wunder gewirkt, und nun ist er schon seit 2 Wochen zu Hause, völlig gesund. Gesund und einsam. Und das, was wach bleibt, sind die Erinnerungen.
Ich bin sprachlos. Versuche ihm Mut zu machen. Er ist gesund, seine Frau ist am Leben, gut aufgehoben. Und wenn man das Leben von nun an als eine Chance betrachtet, dem Schicksal zum Trotz? Wenn man annimmt, dass jeder Tag die Möglichkeit, sich neu zu entscheiden, bietet, ob man noch tiefer in die Traurigkeit versinkt, oder doch das Leben wählt? Sich vielleicht für das Leben entscheiden? Jeden Morgen, immer wieder? Immer wieder, bis sich neue, noch schönere Erinnerungen speisen? Denn das Leben ist so kurz. Einen Wimpernschlag lang.
Eure Neli P
Hier geht es zu weiteren Begegnungen: Die Einsame Der Unbekannte Ein Rezept für Glück Gurpreet „WILLKOMMEN! Ich heiße Olga. Ich bin Verkäuferin.“
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Ich warte auf sie
Auf die Zeit warte ich, die Minuten erforschend, schüttele den Staub von ihnen ab, pudere sie ein bisschen auf und entdecke in jeder einzelnen etwas Weißes, etwas Schönes. Auf die Zeit warte ich, warte wortlos. Dass wir uns mal wieder begegnen – ohne Worte, ohne Streit. Dass wir uns mal wieder verzeihen – ohne Trennlinien zu ziehen. Auf die Zeit warte ich – jene Januar-raufrostige, sauber gefegte, leuchtend weiße und zärtliche Zeit, die Zeit-Mut - die kecke, echte, kühne Zeit -, nicht auf die bedrückte Zeit-ohne-Zeit, die den Nacken beugt. Auf die Zeit warte ich – die Zeit-Sekunde, die blitzschnell mit heftigem Getöse das Dunkel spaltet, die Zeit-Fähre, die auf keinen wartet, die Zeit-Schmetterling, die sich auf die Lippen niedersetzt und die Mundwinkel hinunterfließt. Es ist weiß. In der frostigen Stille winkt mir meine Zeit zu, dann begibt sie sich langsamen Schrittes auf den Weg zu mir. Ich warte auf sie.
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Wenn…
Wenn
Trauer, Verzweiflung, Leiden und Freude,
Lachen und Schmerz unterm Himmelsgewölbe,
wenn das Herumschleppen fremder Geschichten,
Schritte, auf fremde Wege gerichtet,
Träume und Rauch, Wut, Illusionen,
Tränen vor Freude, Lachen, auch ohne
Glück zu empfinden, um Schmerz zu verdecken –
um das nie Endende gut zu verstecken –,
deine Geschichte scheinen zu prägen,
halte mal inne, sei mal verwegen!
Denn
jede Geschichte mit Anfang und Ende,
glänzend zunächst, wird bald ausgeblendet,
bis sie völlig zerbröckelt verschwindet,
bis eine neue ihren Weg findet.
Endlos bleibt nur das Hoffnungsgewebe,
solang‘ ich aus dem Vogelgarn spinne und webe. -

„Sie sind die Beste!“
Was mit mir los ist? Keine Ahnung. Ich weiß es einfach nicht. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich nichts weiß.
Es war auf einmal ein gewisses Etwas da, das ich nicht mal in Worte fassen oder in einen festen Rahmen setzen konnte, denn wenn man Worte handhaben soll, dann tue ich es jedenfalls sehr, sehr behutsam, als ob Worte zerbrechlich wären, Kleinkinder, ein echter Schatz – was sie ohnehin sind, angenommen, man rückt sie ganz schön „behutsam“ in den Vordergrund.
Es ist irgendwann also so passiert – bei mir passiert nie etwas nach Plan! –, dass es anfing, mir schlecht zu werden. Nach jeder Floskel, jedem Klischee, jeder Denkerstarrung, jedem Treffen mit künstlich erschaffenen – und sonst schon längst toten – Figuren, nach jedem etwas zur Seite schauenden Blick… Und dieses Schlechtwerden sog mich in einen kalten Wasserwirbel hinein und zog mich immer tiefer und tiefer Richtung sandigen Bodens. Verdammt, bin ich älter geworden? So alt, dass ich die Falschheit in der Welt nicht mehr dulden konnte?
Es gab da etwas, was mich besonders stark anekelte, wenn ich es hörte: „Sie sind die Beste!“ Eine Phrase, die ja so einen vermeintlichen Sinn zu haben scheint, ob ihren allumfassenden, sich kreuz und quer zwischen dem Süd- und Nordpol hinausstreckenden, so angenehmen und durchaus bequemen Einsatzes in allen Lebenslagen, zu allerlei Anlässen und die dazu noch den Eindruck hinterlässt, da braucht man gar nichts mehr hinzuzufügen. Somit ersparte sich der rein pragmatisch veranlagte Anwender kostspielige Zeit und jedes weitere Gerede. Was sich danach entpuppte, war glitschiger Boden, auf dem hohle Worte, eines nach dem anderen, hinunterrutschten. Nach jeder Multiplizierung der Verwendung blieb ein immer faderes Nichts. Wie eine Wachsfigur schmolz die Beste nach jedem „Sie sind die Beste!“ noch ein wenig dahin… Ein Ausdruck ohne Charakter und Tiefe schickte so jedes Mal die – vermeintlich – Beste (denn in einer Welt, in der man sich Klischees bedient, ist ja аuch die Beste nicht geschont und wird selbst zum Klischee) – auf den Scheiterhaufen. Eine namenlose Beste. Dies, angesichts der Tatsache, dass der deutschen Sprache so etwa 500 000 Wörter zum freien Gebrauch stehen, laut der Duden, darunter Horden von Eigenschaftswörtern, die sich vor Wut in die Lippen beißen würden, da sie zum wievielten Mal zwischen den Seiten des Wörterbuchs zum Verschimmeln verurteilt werden. Simplifizierung auf allen Ebenen findet statt.
Vielleicht bessert sich mein Zustand in Zukunft auf, wer weiß, es ist nicht ausgeschlossen anzufangen bei „Sie sind die Beste!“ so zu reagieren, als ob man zu mir „Salz“, „Serviette“ oder „Tür“ sagen würde, dann wäre es auch mit meiner Übelkeit vorbei. Drückt mir bitte jedenfalls die Daumen! Zumindest die Zukunft steht noch in den Sternen!
