Schlagwort: Wienliebe

  • Mein Europa

    Mein Europa

    Mama weinte, sie weinte ungestüm, als ob ihr jemand ein Stück Fleisch vom eigenen Leib abgerissen hätte, als ich mit 14 das Zuhause verließ und nach Ruse an der Donau loszog, den Fremdsprachen zuliebe, die mir das Tor nach Europa öffnen sollten. An der Wand rechts vom Eingang meiner alten Schule hing ein Foto von mir mit der Bildunterschrift „Unser Stolz“. Mama weinte, und ich weinte doppelt – für sie und für mich. Seitdem trage ich immer den Schmerz doppelt – einmal für mich und einmal für die Welt – herum. Nicht, dass ich ab dem Moment an wirklich displaced war, nein, ich war nur entwurzelt. Es fühlte sich so an, als ob ich an mehreren Orten gleichzeitig verweilt hätte. Was ich mir immer ausmalte, war einen Flug, der in die Ferne führte, nach Europa; machte die Augen zu, und flog dahin.

    In der Schulzeit fand sich dann eine Person, die es mir beibrachte, wie man richtig die Flügel ausbreiten sollte. Anfangs ahmte ich die Flügelschläge im Pantomimeunterricht nach, später spielte ich es auf der Bühne, bis es langsam und unmerklich ins reale Leben übertagen wurde. Flügel ausbreiten Richtung Europa. Und da ich für Leistungen immer mit Arbeit belohnt wurde, ging es mit 14 wegen ausgezeichneter Leistung am Fremdsprachengymnasium zum Arbeitseinsatz nach Deutschland (Tomaten pflücken!), mit 15 – wieder ausgezeichnet, wieder nach Deutschland (Unkraut ziehen!). Dass die deutsche Landwirtschaft heute so gut gedeiht – alles mein Verdienst!

    Mit 17, als ich zur Schönheitskönigin – Miss Bulgarien 1991 – gekrönt wurde, war ich schon weise genug, um zu wissen, dass mein Europa nur mit Mühe zu erreichen war. Der versprochene Preis in der Höhe von den damaligen 35 000 Lewa war für Ausbildung im europäischen Ausland vorgesehen. Die Schlagzeilen boomten: „Die schwere Krone“, Der schwere Weg nach Europa“, „Die Krone ist mein Weg nach Europa“, bis es die Schönheitskönigin in einem Statement für die Presse endlich nicht klarmachte: „Die Beauty Contests sind nicht unser Weg nach Europa“. Die Krone bekam ich tatsächlichin der Anwesenheit von 4000 Menschen, doch den Preis, der mir den Weg nach Europa ermöglichen sollte, nie. Wendezeit eben! Mein Europa musste noch warten.

    Gleich nach dem Studium vertiefte ich mich in die Lexikographie und trat eine Stelle am Germanistischen Institut in Bulgarien an. In kurzer Zeit häuften sich die Stempel in meinem Reisepass an: bei jedem Grenzpunkt folgte ein neuer. Jeden Kilometer durch Europa musste „gefühlt“ werden. Die 36-stündigen Busfahrten führten mich nach Jena zu einem Forschungsaufenthalt an der Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch, nach Weimar, auf die Jahresversammlung der Goethe-Gesellschaft, nach Leipzig, nach Hannover, nach München… Langsam wurde ich mir dessen bewusst, dass nicht die Sesshaftigkeit, sondern die Rastlosigkeit, die ich wortwörtlich auf der Haut spürte, ein der Menschheit innewohnendes Merkmal ist, wie es Stephen Greenblatt in seinem Cultural Mobility Manifesto[1] beschreibt.

    Die Rastlosigkeit war das, was mich 2003 auch weiter bis nach Wien trieb, wo ich an der Uni Wien die Arbeit an meiner Dissertation begann, mit einem Thema über den Wertewandel in der österreichischen und bulgarischen Gesellschaft am Beispiel des österreichischen Männermagazins WIENER und des bulgarischen Magazins EGOIST. Endlich war ich in Europa angekommen, so dachte ich mir zumindest! Das nächste Jahr kehrte ich wieder nach Wien zurück. Und seitdem – immer wieder! Hunderte Male! Zu kurz für eine life story, würdet Ihr sagen, und zu lang für eine flüchtige Begegnung – eine lebenslange Umarmung halt! Manche nennen es Masochismus, ich – Liebe. Einige fragen mich mit Mitgefühl, warum ich es mir antue, wo ich in Bulgarien angesehen und anerkannt bin, als Autorin und Dozentin, andere schauen mich völlig verständnislos zu. „Weil ich zu mir stehe. Weil ich zu mir stehen muss“, erwidere ich. Weil Heimat mehr als einen geographischen Ort bedeutet, weil ich mir den Luxus erlaube, mich für das Land zu entscheiden, das mich stärker geprägt hat, weil Wien die Möglichkeit freier Selbstbestimmung und freier Wahl multipler Identitäten bietet, weil ich nach meinen Mitmenschen suche, weil ich vom Zustand innerer Emigration in Bulgarien erschöpft bin, weil ich nicht von der Armut im ärmsten EU-Land, sondern vom Gefühl der Hoffnungslosigkeit weg wollte, weil mich meine Neugierde auf die Welt wach hält, weil ich Österreich liebe, weil ich in Wien jeden Fleck kenne, jeden Schatten, den Geruch einer jeden Straße, weil…, weil…

    Weil ich mich nicht abfinden kann. Ich kann mich mit der massenhaften Verschulung der Universitäten in Bulgarien und dem Streichen vieler moderner Disziplinen vom Lehrplan nach schon kurzer Zeit nicht abfinden, mit dem hoffnungslosen Aussterben des freien Intellektuellen auf Kosten von Engstirnigkeit, Ideenarmut und maximal beschnittenen Lehrplänen, mit dem Fehlen an kreativen Ideen, innovativen Herangehensweisen und einem Denken weg vom Klischee. Und wer sich nicht abfinden kann, muss den Schmerz doppelt tragen – einmal für sich, und einmal für die Welt.

    2018 durfte ich nach 150 fleißig geschriebenen Bewerbungen (Glückszahl!) meinen ersten Job in Wien antreten – Abhalten von Integrationskursen. Ein Gender & Diversity Zertifikat war die Voraussetzung, auch wenn ich selbst vor 12 Jahren das Curriculum für das Modul Interkulturelle Kommunikation an der Universität in Bulgarien konzipiert und Workshops an EU-Universitäten angeboten hatte. Dazu musste ich eine Deutschprüfung ablegen, um nachzuweisen, dass ich die notwendigen Deutschkenntnisse hatte, trotz Anerkennung aller meiner Bildungsabschlüsse. Inzwischen konnte ich mir eine kleine Wohnung im 18. Bezirk leisten und somit meinem jahrelangen Nomadentum ein Ende setzen, nachdem ich schon 2003/04 in Studentenheimen im 7., 8. und 19. Bezirk gewohnt hatte, und die Jahre danach vorübergehend bei Freunden im 6., 3., 16., 17., 18., 20., in Hostels und sogar notfalls im Studentenheim bei meiner Tochter. Mit Staunen beobachtete ich mich, die Heldin in meiner persönlichen Lebensgeschichte, und fragte mich, wie weit ich noch über die eigenen Grenzen hinweg gehen konnte. Die Überwindung von Grenzen – den tatsächlichen, realen, geographischen und jenen, im Kopf – schien bald ein großes Lebensthema zu werden. Ich stand da offen, verletzlich, im Mittelpunkt meines Experimentes, bereit alles anzunehmen, was mein Europa für mich bereithielt. Nebenbei arbeitete ich an einer internationalen Schule als Vertretung, abends gab ich Nachhilfeunterricht.

    Ende 2019 winkte mir mein Europa wieder zu und ich erwies mich von Neuem in Wien. Meine Kolleginnen am alten Arbeitsplatz, die schon einiges von mir in der österreichischen Presse gelesen hatten, etwa meine Theaterkritiken, sahen mich verwundert an und meinten, dass ich, mit all dem, was ich an Qualifikationen hatte, woanders hingehörte. Daraufhin lächelte ich sie nur kurz an. Das Leben hatte mir eindeutig gezeigt, welchen Wert und welche Äquivalenz meine Ausbildung und meine Frau Dr. Stelle in Österreich hatten, und das war auch gut so. Ich wollte ja halt mit dem Leben ins Reine kommen, und nicht mir etwas vormachen. Also sah ich meine Chance nach wie vor darin, wie ein Troubadour von Deutschkurs zu Deutschkurs zu wechseln, um herauszufinden, wie weit der Integrationsprozess in Österreich vorangeschritten war!

    Fest entschlossen, von Wolke sieben abzusteigen und mich an die Anforderungen der Realität anzupassen, so wie sie war, erwarb ich 2020 eine ÖIF-PrüferInnenlizenz. Der Zugang zu den Hochschulen schien mir verschlossen zu bleiben, die Kompetenzen, die ich hatte, wurden übersehen, wie bei den meisten Geisteswissenschaftlern, und selbst das Bildungsministerium hatte keine eindeutige Antwort darauf, ob ich zumindest an staatlichen Schulen in Österreich arbeiten durfte. Doch mein Hirn und insbesondere das, was in der rechten Hirnhälfte angesiedelt war, setzten sich zur Wehr und flüsterten mir zu: „Etwas stimmt von Grund auf nicht mit deinem Europa, Neli, hörst du das?“ War ich im falschen Europa gelandet? Nicht in jenem, von dem ich meinen Studierenden in Bulgarien an der Uni berichtet hatte? „In jenem Europa“, so erzählte ich ihnen, „wird die Persönlichkeit nach ihrem Können und Wissen eingeschätzt, das ist Europa der Mutigen und Fähigen, in dem jeder/jede die Chance freier Selbstbestimmung und freier Wahl multipler Identitäten hat.“

    Am sonst wolkenlosen europäischen Himmel schleicht sich jedoch ab und zu ein dunkler Schatten hindurch, und dann meldet sich mein Gerechtigkeitssinn zu Wort, dann bin ich ein paar Sekunden lang echt unaufhaltsam! Warum ist mein Wien so hart zu mir? Warum ist es so schwer, in Europa als Südosteuropäerin Fuß zu fassen, trotz guter Qualifikationen und Anerkennung in der Heimat? Ist das immer noch mein Europa oder „Europa der Anderen“? Und wenn es auch mein Europa ist, warum muss ich in Wien immer tief unter der Null anfangen, nicht mal bei der Null, wenn es gleichen Start für alle geben sollte? Bedeutet die Freizügigkeit in Europa gleich Freiheit? Und was muss ich noch tun, um diesem Europa zu beweisen, dass ich es wert bin? Dass es mich gibt?

    Für solche Überlegungen habe ich aber eh nur selten Zeit, denn meine Gedanken sind mit meinem Wien beschäftigt. Viel Wichtigeres steht an: Ich muss gehen, weitergehen auf meinem Weg nach Europa! Mein Europa wartet auf mich.

    Dr.in Neli Peycheva

    ist im Bereich der Germanistik, der Interkulturellen Kommunikation und der Lexikographie tätig.

    Auf die Welt blickt Sie mit Hoffnung.

    Persönliche Webseite: www.nelisworld.com


    [1] Vgl. Cultural Mobility: A Manifesto (Englisch) Taschenbuch: https://www.amazon.de/Cultural-Mobility-Manifesto-Stephen-Greenblatt/dp/0521682207


  • Die Psychologin

    Die Psychologin

    Und so bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich mir nichts, wirklich nichts mehr wünschte. Andersrum: es war auch nichts mehr so, wie erwünscht. Weder Beförderung, noch die schon 20 Jahre alte Hoffnung auf Gehaltserhöhung, noch der Gedanke an glänzende Auftritte vor interessiertem Publikum konnten mich nun mehr begeistern. Nicht mal jener teure Gürtel von Cucinelli ließ mein Herz aufflammen, verdammt! Und schon die Vorstellung wissenschaftlicher Betätigung widerte mich an, ja, mich, wo ich sonst so gerne schreibe.

    War ich älter geworden? Noch schlimmer: eine Reisende auf dem Weg zum Endgültigen ins Jenseits? Das etwas gewaltig mit mir nicht stimmte, war doch klar. Außerdem gab es noch einen wichtigen Grund für Sorge, der den faden Beigeschmack einer unklaren Zukunft nur noch zu verstärken schien: mein Lebensbild wies schon ziemlich große, unüberwindbare Unterschiede auf im Vergleich zum Bild meiner Psychologin, das eh das „richtige“ bzw. das „funktionierende“ sein sollte: „So ist halt das Leben, die einfachen Sachen sollten uns Freude bereiten, und nicht die Höhenflüge. Etwa mit Freundinnen fortgehen oder mal wieder in die Hauptstadt fahren, um sich was Schönes zu leisten!“ Es wurde mir schlecht. Einfach übel. Wieso sollte mir Einkaufen Freude machen? Und wozu Sachen kaufen, wenn ich schon meine verschenke und im Klaren bin, dass ich nicht mehr als einen Koffer brauche? Und wieso sollten es immer die einfachen Sachen sein? Und wie konnte sie wissen, was für mich einfach und was komplex war? Sollten die materiellen Dinge mehr Freude bereiten als die immateriellen? Meine Verwirrung war voll und die Diagnose lag eindeutig vor: ich war hoffnungslos krank.

    Dann kam es zu der nächsten Enttäuschung: ich musste feststellen, dass ich gar nicht so gut bin. Weder gut noch brav. Wahrscheinlich war ich noch nie gut oder brav, ich war nichts davon, was man sich von mir erwartete, und alles, was zum Tragen kam, nur einer Vorstellung von dem ähnelte, was ich hätte sein müssen. Die neueste Erkenntnis also, dass meine dunkle Seite am Werk war, führte bald zu einer lawinenartigen Aktion, in der, eine nach der anderen, Schattenseiten meines Charakters – jede dunkler als die andere – zur Schau getragen wurden. Der Trend ins Bodenlose kündigte sich schon beim ersten Treffen mit meiner Psychologin an – vielleicht habe ich auch das Bodenlose immer in mir getragen, weiß ich ja selber nicht mehr –, während dessen ich erklärt hatte, ganz zu Beginn des Gesprächs, dass ich Ratschläge nur von Menschen akzeptiere, die entweder weiser sind als ich oder als Profis auf ihrem Fachgebiet gelten, was sie in einen Schock-ähnlichen Zustand versetzte oder zumindest fühlte es sich auf den ersten Blick so an, als ob ich an einer Filmszene teilnahm: Die Pupillen weiteten sich, ihr Atem geriet ins Stocken und der Wortfluss verstummte. Ich hatte aber, ehrlich gesagt, echt keine Zeit mehr, um sie mit leerem Gerede zu vergeuden und wollte uns beiden kostbare Minuten ersparen. Und was passierte stattdessen? Nicht nur, dass ich krank war, ich machte auch andere krank!

    Was ich ihr dann erzählte, hatte einen noch beeindruckenderen Effekt auf sie, sodass ich irgendwann um ihre Gesundheit echt besorgt war: „Wie kann aber das nur denn sein? Was erzählen Sie mir überhaupt? Wie ist Ihnen überhaupt eingefallen, ohne sichere Einkünfte und einen festen Arbeitsplatz zu haben, das Land zu verlassen?“ Ganz zu meinen Ungunsten hat mich diese unendliche Tirade, wenn sie doch dann irgendwann zu Ende war, zu den verantwortungslosen hysterischen Persönlichkeiten zugeordnet. Na, bravo! Möge Fritz Riemann Erbarmen mit ihr haben und ihr diesen geistigen Ohnmachtsanfall verzeihen!

    Von nun an folgten unsere Treffen immer demselben Sujet: „Entscheiden Sie sich! Sie müssen sich entscheiden! Entscheiden Sie sich, sonst werden Sie krank, schnell!“, klammerte sie gnadenlos an ihren Grundgedanken und hoffte, sich in die Rolle des Baumeisters eingelebt, diesen so tollen Einfall, dass ich mich sofort entscheiden musste, auf den ich in ihren Augen allein wohl nie gekommen wäre, mit dem Mörtelbrett bald in meinem Bewusstsein betonieren zu können. „Glauben Sie, ich wäre zu Ihnen gekommen, wenn das so leicht wäre???“, schrie ich ihr daraufhin ins Gesicht.

    Da ich offenbar eine harte Nuss war, schien unsere Therapie keinen einzigen Schritt nach vorne zu verzeichnen. Alles umsonst. Keine Auflösung. Ich fühlte mich definitiv nicht gestärkt, aber auch sie schien immer schwächer zu werden. Bis auf den Tag, als ich plötzlich eine andere Antwort für sie hatte: „Ok, nehmen wir an, dass ich mich für die vernünftige Variante entscheide, da möchte ich Sie gerne sehen, ja, SIE, ob sie auf der ganzen Welt jem. finden würden, der fähig wäre, einen Menschen zu therapieren, der seinen Traum aufgegeben hat! Das möchte ich gerne sehen!“ Diese Antwort traf sie völlig unvorbereitet. Eine Weile lang saßen wir da noch schweigend und zum ersten Mal gleichgestellt: ich wusste nicht mehr weiter und sie wusste nicht mehr weiter. Zum ersten Mal waren die Kräfte im Gleichgewicht und ich konnte mich ohne keinerlei Gewissensbisse von ihr verabschieden.