Schlagwort: Wiener

  • Wiener Walzer

    Wiener Walzer

    Aus dem Alltag einer Lehrerin #1

    „…und der Lehrer zeigte seinen Schülern den Walzerschritt…“

    „Wisst ihr, was ein Walzer ist?“
    „Nein. Was Walzaa?“
    „Das ist ein Tanz, Musik! Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei…! Jeder, der in diesem Land lebt, sollte den Walzerschritt beherrschen – den WIENER Walzer. Schaut mal her, es ist wirklich nicht schwer!“ (Und ich zeige ihnen einige Schritte, genau wie der Lehrer in der Geschichte.)
    „Waaalzaaaa?“ – Alle Blicke sind auf mich gerichtet, die Verwirrung ist groß. Dann drehe ich meinen Laptop zu ihnen und spiele ein Video vom diesjährigen Wiener Opernball ab.
    „Ja, Walzer! Man tanzt ihn zu festlichen Anlässen, wie zum Beispiel auf einem Ball wie diesem!“
    „Ball??? Fußball?????“
    „Nein! Auf einem echten Tanzball, und der ist nicht rund! Auf einem Ball in einem prächtigen Saal, wie in den Märchen von Prinzessinnen und Palästen, zum Beispiel auf dem Wiener Opernball in der Hofburg! Wenn ihr die Schule beendet, werdet ihr auch auf einen solchen Ball gehen, und ihr werdet tragen…“
    „Kleid weiß? Schöne? Wiiiir???“
    „Ja, lange weiße Ballkleider für die jungen Damen und einen schwarzen Anzug wie diesen hier für die Herren.“ (Ich deute dabei auf das Video.) „Amjad, hast du einen schwarzen Anzug zu Hause?“
    „Anzüüüg? Nein! Ich Anzüg kaufen???“
    „Nein, nicht jetzt, mein Lieber. In acht Jahren, wenn du die 12. Klasse abgeschlossen hast. Wie nennt man das nochmal?“
    „Anzug!“
    „Ja, genau!“
    „Und das hier auf dem Bild bin ich auf einem Ball in einem Ballkleid.“ (Ich zeige auf ein Foto auf meinem Handy.)
    „Frau Lehrerin, das Sieeeee??? Kleid rot??? Sehr schöööön!!!“
    „Ja, da ich schon lange mit der Schule fertig bin, trug ich ein rotes langes Kleid und kein weißes. Wenn du 18 wirst, schenke ich dir mein rotes Ballkleid!“
    Plötzlich herrscht Stille, eine ungewöhnliche Stille, ganze drei lange Sekunden. Das Einzige, was ich in der Stille noch wahrnehmen kann, sind die funkelnden Augen.

  • Ich halte ihn fest!

    Ich halte ihn fest!

    Habt Ihr mal das Gefühl gehabt, jemanden gekannt zu haben vor dem realen Kennenlernen? Genau dieses Gefühl hatte auch ich damals, 2017, an der Schwelle des neuen Jahres.

    Ein paar ausgetauschte Worte, kurze Sätze, in denen sich alles um den WIENER herum drehte … – vor allem ging es darum, dass ich vor Jahren eine Doktorarbeit über das Magazin geschrieben hatte, und der WIENER gerade zum Jahresende sein Jubiläum feiern wollte, und ich wusste es schon: Diese Persönlichkeit kam mir irgendwie seltsam bekannt vor!

    In Wirklichkeit haben wir uns erst am 14.02.2018 im Prückel getroffen, er saß neben dem Klavier da, auf dem Tisch vor ihm lag das neuerschienene WIENER-Heft, das er mir später schenkte, reichte mir die Hand zum Gruß und lächelte. Nach einer Pause von 6 Jahren durfte ich schon wieder ein Heft des Magazins in den Händen halten, die Aufregung war unbeschreiblich groß, und inzwischen hatte sich vieles beim WIENER geändert – neue Herausgeber, neuer Start. Nun hatten ihn zwei Enthusiasten übernommen, die dem viel zitierten und sogar in einem der früheren WIENER-Heften erschienenen Rumis Spruch „Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt.“ treu geblieben waren. An jenem Abend sprachen wir viel: warum ich mich für Wien entschlossen hatte, und er – für den WIENER, wie wichtig es ist, mit Herz und Seele bei der Sache zu sein und seine Arbeit zu lieben, welche Rolle die Leidenschaft für die Arbeit als Antrieb spielt und wieso immer mehr Menschen vergessen, mit Verve an jede Beschäftigung heranzugehen und sich damit abfinden, statt kreativer einfallsreicher Gestalter nur gedankenabwesende Ausführer und gelähmte Beobachter des Geschehens zu sein, was man alles aufs Spiel setzen musste, um Herausgeber des einzigen Männermagazins europaweit zu sein.

    Um die Männer und dementsprechend ein Männermagazin zu lieben, muss man beide verstehen und respektieren. Das tue ich auch. Hinter der Kulisse sehe ich immer die Person so, wie sie ist, das „Mehr“, was häufig verborgen bleibt, all die Kraft, all die Bemühungen, die Faux-Pas, die Selbstüberwindung, die Opferbereitschaft, die Handlungsmotive, die Ängste… Und bewunderte schon damals diesen Menschen, der für eine Idee wie ein 20-Jähriger brannte! Niemals werde ich seine Worte vergessen: „Wie nehmen Dich als Freundin der Redaktion auf!“, und wie könnte ich nur? Er erinnert mich ja immer wieder daran, dass er da ist. Dass es ihn gibt. Freundschaft, die sich über die Jahre hinweg zieht, mir nicht einmal über „Durststrecken“ hinweg half und mir damals, bei unserem Kennenlernen am verschneiten 14. Februar ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelte – einen Anhaltspunkt für mich schaffte im winterlichen eiskalten Wien. Und wenn ich zurückblicke, dann weiß ich gewiss: Alles im Leben hat seinen Sinn, ein Schritt führt zweifelsohne zum nächsten, und wenn man den Mut hat, dem Lauf des Lebens zu vertrauen, nähert man sich langsam und kaum merklich an seinen Lebensweg und steht irgendwann doch da, wo man hingehört.

    Ich kenne keinen anderen, der besser mit Menschen umgehen kann als er. Seine Gabe, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und für jeden das passende Wort im richtigen Moment zu finden, hat mich immer erstaunt – eine Art Empathie, Menschenliebe und Sanftmütigkeit, die in Lebensfreude hinüberfließen und jedes Mal zum Strahlen kommen. Es gibt Menschen, und Menschen, sagt man. Es gibt Menschen und warme Menschen, sage ich.

    Als ich dann Jahre später am Naschmarkt vorbeiging, wo wir auf einen Kaffee verabredet waren, rief mir jemand von einem der Verkaufsstände zu: „Halte ihn fest!“ Wen? Was? Ich verstand rein gar nichts. Nun leuchtet es mir aber schon ein. Das Leben liefert alle Antworten. Einen Freund wie ihn würde ich niemals aufgeben. Niemals. Ich halte ihn fest.

  • Die Einsame

    Die Einsame

    Erika

    • Dieser Seidentop steht Ihnen so gut!
    • Oooh, danke! Falconeri! Zum ersten Mal habe ich die Modemarke in Bologna entdeckt!
    • Ich kann leider nicht mehr Klamotten mit offenem Ausschnitt tragen wegen der Altersflecken. Wissen Sie, ich bin schon 82! Früher waren es Sommersprossen, nun sind sie Altersflecken! Na, so was!
    • Nein, Sie sehen super toll aus!
    • Meine Haut ist schon schlapp und so dünn, was kann ich mit diesem Gesicht machen? Aber Sie, Sie schauen fantastisch aus! Darf ich Sie nach dem Alter fragen? Ach, nein! Danach darf man eine Frau nie fragen, aber ich schätze Sie höchstens auf 28!

    Nun muss ich schmunzeln.

    • Nein, auch ich bin nicht mehr die jüngste, und nächste Woche werde ich sogar um noch ein Jahr älter!

    So hat die Geschichte mit Erika begonnen, die sich neben mich auf eine Bank in der Innenstadt hinsetzte, während sie an ihrem erfrischenden Eis gierig leckte. Erika ist in Wien geboren, doch das sei nicht mehr jenes Wien, meint sie. „Und die Wiener sind nicht mehr dieselben“, füge ich hinzu. „Nein, gar nicht, es gibt die echten Wiener nicht mehr“, seufzt sie auf. „Stimmt, ich habe sie gesucht, brav gesuch, und nirgends gefunden. Infolge dessen entstand mein Text „Auf der Suche nach dem verlorenen Wiener“, erzähle ich Erika, wie meine Suche ins Leere geführt hatte.

    Erika und mich trennen Jahrzehnte, und trotzdem kommt es mir vor, ich habe sie schon immer gekannt und wir waren schon ewig beste Busenfreundinnen.

    • Ich habe so viele Klamotten bei mir im Schrank – vertraut es mir die modebewusste Erika an.
    • Und ich gar nicht! Ich verschenke alles, was mir zu viel ist! Die Übersicht will ich nicht verlieren – sowohl in meinem Kleiderschrank als auch in meinem Leben. Wenn ich an etwas zu viel habe, fange ich an zu ersticken.
    • Sehen Sie! Sehen Sie! Genau das ist es, deswegen bin ich krank! Ich muss mich von all diesen Fetzen, die bei mir im Schrank hängen, trennen!

    Erika ist einsam. Einmal bekommt sie eine Einladung zu einem Kaffee von den Nachbarn gegenüber. Was passiert danach? Sie sieht sie die nächsten drei Monate kein einziges Mal wieder. Kein Mensch interessiert sich für sie, und das Leben in Wien ist teuer, wie kann es sich eine Pensionistin mit so einer niedrigen Pension leisten? Sie würde gerne in einem SOS-Dorf oder in einem Kindergarten helfen – die Ersatzmütter vertreten, den Kindern Geschichten vorlesen -, tausendmal habe sie schon darauf gehofft, doch keiner nehme sie, da sie schon 82 sei.

    Sie hört sich meine Geschichte an. Das Einzige, was sie danach noch immer leise zuflüstern kann ist „Ich bewundere Sie…, ich bewundere Sie..!“

    Wir trennen uns. Ich wünsche mir, dass mir Erika irgendwann mal wieder durch den Weg läuft. Wenn ich mal wieder durch die Innenstadt laufe, werde ich unbedingt Ausschau nach ihr halten. Eine Freundin wie sie hätte ich gerne.

  • WHERE IS MY WIENER???

    WHERE IS MY WIENER???

    Auf der Suche nach dem verlorenen Wiener

    Bis vor ein paar Jahren glaubte ich, dass die Gemütlichkeit als Konzept den Deutschen zuteilgeworden war, nun bin ich mir nicht mehr so sicher. Entweder ist sie dermaßen ansteckend, dass sie sich bis nach Österreich hin ausgebreitet hat, galoppierend mit der Geschwindigkeit eines globalen Phänomens, oder war sie auch hierzulande schon immer gelebt und gehuldigt. Allerdings brauchte ich lange, bis ich in Worte fassen konnte, was genau mit dem heutigen Wiener nicht stimmt. Zugegeben, ein vages Vorgefühl auf irgendwas schwebte schon immer umher, ein Vorzeichen auf ein nicht ganz deutlich wahrzunehmendes Etwas, das sich wie ein Schatten abzeichnete, der bald in einen grauen Grat hinüberzog und für ein paar Atemzüge sein sonst so perfektes Erscheinungsbild ganz zu seinen Ungunsten betrübte: der Mangel am Adligen.

    Immer öfter kam er mir vor als jemand, der innerlich litt – als ob ihm der Kern mit Gewalt herausgerissenen wurde, und trotz aller Bemühungen, die Oberschicht blank zu polieren, glänzte er nur noch mit einem falschen, trügerischen Schein. Betrogen fühlte ich mich auch in meinen Erwartungen! Jedenfalls war seine Echtheit – die ich doch anfangs immer noch zu finden hoffte, schon von vornherein weg. Das wird wohl vielen nicht gefallen, mich stimmt es auch nicht unbedingt froh, und Pauschalisierungen sind das Letzte, was ich, die vehemente Kämpferin gegen die Stereotypen, mag. Doch ich habe ein Problem, und ein Unglück kommt wie bekannt nur selten allein: Ich kann nicht lügen – jemand hätte es mir vielleicht gefälligst in der Kindheit beibringen können, hat es aber versäumt. Dieses unverzeihliche Versäumnis ist die Ursache, warum ich mir den Luxus erlaube, zu schreiben, was ich denke und zu beschreiben, wie ich die Welt wahrnehme – ein postgenetischer Defekt nämlich. Als solche bin ich auch oft unbequem, und der Wiener wusste seine Bequemlichkeit zu schätzen.

    Wie man den Wiener am besten kennenlernen kann? Ganz einfach. Indem man nichts tut und sich ihm einfach stellt. Von da an sollte man nur die Fähigkeit besitzen, detailliert zu beobachten. Große Worte, gepaart mit Kleinbürgerlichem, Existenzängste hinter der Fassade des Dandys, Versprechen ohne Wert, die nie eingehalten werden, Handlungen, die, auch wenn an sich nicht stimmig, schlicht und einfach bequem sind. Und die Quelle all dessen – diese heilige Gemütlichkeit, die den Wiener fest in den Arm genommen hatte!

    Die gute Nachricht ist, dass der Wiener nicht nachtragend ist – das behauptet er jedenfalls von sich selbst. Und tatsächlich! Mit verblüffender Leichtigkeit werden Statements gemacht, an die man sich am Tag darauf nicht mehr erinnern kann. Außerdem ist der Schmerzpegel bei ihm sehr niedrig, und überhaupt ist er sehr empfindlich – wenn er über ein Steinchen stolpert, fließen ihm die Tränen! „Wie er die Stolpersteinchen im Leben meistert?“, fragt ihr euch? Mit innerer Widerstandsfähigkeit, genannt Leugnen. Leiden ist für ihn ein Unwort, ich habe neulich gelesen, dass er sogar an die Gesellschaft für deutsche Sprache geschrieben haben und herzenszerreißend gebeten haben soll, „Leiden“ aus dem Wörterbuch zu streichen.

    Wenn der Wiener von heute wirklich Angst hat – und Ängste hat er mehr als genug -, dann vor Frauen mit Hirn. Bedroht fühlt er sich, falls er ihnen begegnet, eingeengt in seinem Existenzwert, und folglich ist er ja auch allerseits bemüht, diese unbequemen Wesen zu meiden, im besten Fall tut er so, als ob es sie gar nicht gäbe.

    Dem Wiener kann ich eh schon vieles verzeihen: die inneren Ängste, die Zerrissenheit, die Feigheit, sogar das inkonsequente Handeln, die leeren Worte, sein Zuspätkommen, die Vergesslichkeit – alles Eigenschaften, die nicht unbedingt ein Grund zum Stolz sind, trotzdem würden sie ihn kaum von den Anderen unterscheiden. Das, was ich ihm nicht verzeihen kann, ist der Mangel an Großzügigkeit, denn dafür braucht man nichts – nur groß geschnitten im Herzensbereich zu sein.

    Wenn ich mir ab und zu die Tagträumerei großzügig erlaube, taucht von mir jene Gestalt auf, die Ende des 19. Jh. in den Wiener Kaffeehäusern erhitzt philosophiert und zu den großen Themen des Tages diskutiert hat – den Wiener Intellektuellen eben –, die den starken Willen zur Veränderung gehabt haben soll, weil sie ihren Kern noch nicht verloren hatte. In solchen Momenten denke ich an jene progressiven, mutigen Querdenker, denen weder an Worten noch an Taten fehlte, wenn es darum ging, das Rad des Weltgeschehens in Bewegung zu setzen oder gar ein Teil davon zu werden. Heutzutage ist vielleicht noch immer ein Hauch vom damaligen Philosophieren zu spüren, allerdings bleibt der innere Antrieb total auf der Strecke: In Wirklichkeit tut der Wiener von heute so, als ob er das wäre, was die Welt von ihm verlangen würde, und in vieler Hinsicht wird diese Rolle professionell gespielt.

    Was dem heutigen Wiener denn fehlt? Das Adlige. Das Großzügige. Das Feinfühlige. Das, was schon beim ersten Kontakt subtil wahrgenommen und an der Ausstrahlung eines Menschen abgelesen werden kann. Es ist da oder eben nicht. Und wenn es da ist, sind alle Worte überflüssig. Überflüssig wären auch meine Zeilen hier gewesen. Ich vermisse jedenfalls jenen Wiener, dessen Lebensstil leidenschaftliche Polemik, Aufrichtigkeit und Mut zur Weltveränderung prägten. Werde ich ihn weitersuchen? Selbstverständlich! Werde ich ihn nach wie vor wachrütteln? Na, klar! Aus einem einzigen Grund: aus Liebe.