Schlagwort: Identität

  • Familienname – noch immer ich oder nicht ich?

    Familienname – noch immer ich oder nicht ich?

    Mein Ne.

    “Halten”, Erich Fried ❤️

    Fried, geboren am Georgstag. Habe mich bei dem Gedanken erwischt, inwiefern der Familienname im Vergleich zum Vornamen unsere Identität prägen kann. Fried. Frieden.

    Mein Vorname fängt mit Ne- an, mein Familienname Nenova (vom Großvater geerbt), wieder mit Ne-, was auf Bulgarisch ein Nein bedeutet. „Nein!“ „Nein?“ Zu was? :-)) Das frage ich mich!

    Es gab ja Zeiten, als ich vehement darauf bestand, meinen Geburtsnamen Nenova zurückzuholen – aus Protest gegen das Fremde um mich herum und natürlich als Akt des Selbstschutzes und der Selbstliebe – eine Identitätsfrage nämlich. Von außen her betrachtet eine skurrile Aktion! Alle beobachteten mich perplex, stupsten mich mit dem Ellenbogen, um zu prüfen, ob es mich noch immer gab oder ein Geist namens Neli herumschwebte. Die Wahrnehmung ist allerdings individuell, und ich – aus meiner Individualität heraus – wollte unbedingt noch ein „Nein-“ als Anfangsbuchstaben im Familiennamen haben – eben meinen eigentlichen Namen Nenova. Anwälte versuchten mir zu erklären, es sei eine Identitätsfrage, so einfach hätte ich meine Identität nicht aufgeben bzw. wechseln können! Na, eben! Deswegen wollte ich MEINE zurück. Nur sprachen wir unterschiedliche Sprachen, und am Ende stand ich vor der Unmöglichkeit, meine eigene echte Identität zurückzuholen. Verkehrte Welt. Diese offensichtliche Ungerechtigkeit konnte ich nur schwer hinunterschlucken.

    Glaubt anderen niemals, was über Euch falsch und richtig ist. Ihr seid es, nur Ihr, mit Eurer Individualität und Wahrnehmung, die über Euch selbst urteilen könnt. Kein Anwalt der Welt. Ich sage „Ne!“ („Nein!“) zur fremden Einmischung in Fragen der eigenen Identitätsfindung. Mein Ne.

  • Und wenn man irgendwann…

    Und wenn man irgendwann…

    Und wenn man irgendwann doch den Schlussstrich zieht –
    links zur Hölle, rechts zum Eden –,
    bleibe ich dastehen, inmitten der blauen Himmelsarena,
    um meine irdische Rolle abzuwägen,
    die ich nach eigenem Willen, aus freien Stücken spiele.
    Schwarz und Weiß gehen darin ineinander,
    wie kann ich nur Schwarz von Weiß trennen?
    Ich werde nicht an irgendein Tor klopfen oder um Gnade bitten.
    Vor mir knallen die Tore zum Eden und zur Hölle zu,
    und dann bleibt mir die einzige Hoffnung,
    dass ich über den Regenbogen gehe –
    schwarz und weiß, gelb und blau –
    wütend und zahm, Heilige und Sünderin zugleich,
    gehe ich diesen Weg, bis ich meine Vögel treffe.
  • Weiß

    Weiß

    Weiße Räume üben eine ziemlich merkwürdige magnetisierende Wirkung auf mich aus. Wenn ich einen weißen Raum betrete, werde ich blind, die Weißheit des nichtssagenden, sinn- und emotionsentleerten, das Ich widerspiegelnden Weiß lädt zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst ein.  Dieses mich reflektierende Weiß blendet mich dermaßen, dass es mir – zwischen Weiß und Weiß gefangen genommen – unmöglich erscheint, dieser Falle entkommen zu können, ohne vorher eine Beichte abgelegt zu haben. Ein Blick in den Spiegel, Ich gegen Ich. In die Stille hineinhorchen, um nachzuspüren, was da ist oder was eben nicht. Das, was gerade „nicht da ist“, nehme ich allerdings viel intensiver wahr. Heute jedenfalls!

    Also, was ist nicht da?

    Kein Make-up, keine Rolex am Handgelenk, keine schimmernde Goldkette um den Hals, keine Highheels, kein einziges Swarovski-Steinchen, kein Sonnenbrand, nicht mal ein Piercing oder ein winzig kleines Tattoo – einfach so, zum Anheben des Selbstwerts, so nebenbei! Nichts.

    Weiße Räume machen mir einiges zu schaffen, und vor allem – Sorgen! Diesmal – Sorgen um mich.

    Wie geht es so weiter mit dir, Neli?

    Ohne Statussymbole ist man nämlich eine weiße Wand. Wie geht es nun also so weiter mit mir? Ohne irgendwelche Attribute, die mir Halt und Orientierungsbasis im Leben geben, wo ich hingehöre und wo nicht? Ausschließlich aufgrund dessen, was ich bin? Ach, Bullshit! Es gibt so Vieles, so unglaublich Vieles an mir auszubauen, Leute!

  • Gurpreet

    Gurpreet

    Bis zu meiner Ankunft hier hieß Gurpreet eindeutig Singh. Erst nach der ersten Stunde, nachdem ich jeden beim Namen aufgerufen hatte, klärte ich endlich auf, dass er mit dem Vornamen Gurpreet, und nicht Singh hieß. Aber damit war die Frage längst nicht erledigt.
    Alle nannten ihn beim Namen Singh, seinem Familiennamen, und sie selbst stellten sich immer mit ihrem Vornamen vor. Das Ganze machte mich sehr stutzig. Zunächst dachte ich mir, es sollten vielleicht irgendwelche religiösen Gründe dahinterstecken, dann habe ich mich jedoch vorsichtig herangetastet: „Gurpreet, können Sie bitte weiterlesen?“ Singh (so, wie ihn alle kannten), der nicht sehr gesprächig war, nickte nur mit dem Kopf. „Was??? Kein Gurpreet, Singh, Singh!“, versuchte man mich von allen Seiten her zu korrigieren. Dass Singh eh Gurpreet war, wollte keiner glauben.
    „Singh heißt eigentlich Gurpreet“, ließ ich die Bombe platzen. „Nein, nein, kein Gurpreet, Singh, Singh!“, gaben die anderen nicht nach. Und wie nur? Zwei Monate lang war er Singh! Singh nannte ich aber hartnäckig von nun an Gurpreet.
    „Singh, sind Sie Gurpreet?“, fragte ich ihn. Gurpreet nickte wieder mit dem Kopf. „Waaaas? Singh, du bist Singh, kein Gurpreet!“ Keiner wollte einen Schritt zurückweichen. Meine Hartnäckigkeit war grenzenlos. Genauso wie ihre. Allmählich, im Laufe des Tages, schlichen sich gewisse Zweifel ein. Alle stellten sich um Gurpreet herum. Dieser und jener stupste ihn mit dem Ellbogen an: „Singh, Singh, du bist Singh, kein Gurpreet, nicht?“ „Ich bin Gurpreet“, antwortete Singh, seiner ganzen Schuld bewusst…
    „Ach so! Ach sooooooooo!“, lief ein langer Seufzer durch den Raum, der Singh den Vornamen zurückholte und somit seine Identität.
    So gab ich Singh seine Identität zurück und er schenkte mir die Farbenpalette. Nie vorher habe ich gedacht, dass es so viele Farben geben könnte. Jeden Tag kommt Gurpreet mit einem anderen Turban – mal hellgrün, mal lila, mal sternenblau, mal orange… Es ist kaum möglich, alle Farben, die er stolz um den Kopf herumgewickelt trägt, aufzuzählen. Besonders mag er aber Lila, Grün und Braun.
    Gurpreet ist vor sieben Monaten aus Indien nach Wien gekommen. Seine Frau, auch indischer Herkunft, ist in Österreich geboren, arbeitet bei DM und kümmert sich sehr gut um ihn.