Schlagwort: kunst

  • Magdalena

    Magdalena

    Es ist nicht nur ihr Name, der etwas fast Religiöses suggeriert. Dass hier, im Salon Magdalena Bari Kunst in ein Heiligtum verwandelt wird und allem, was ihre Hände berühren, Leben eingehaucht wird, ist kein Zufall. Wenn man diesen besonderen Ort betritt, entfernt man sich in Sekundenschnelle von dem regen Treiben draußen und taucht in eine ruhige, lichtdurchflutete Welt ein.

    Hier geht es lang zum Salon…

    Für mich fühlt sich jeder Besuch im Salon Magdalena Bari wie eine meditative Begegnung mit der Schönheit an. Man ist dort, um die Zeit anzuhalten, den Moment zu genießen, ohne Eile, ganz entspannt im geräumigen, geschmackvoll dekorierten Studio, das sofort die künstlerische Neigung erahnen lässt.

    Denn Kunst ereignet sich auch hier, wenn sie sich mit Schere und Kamm in der Hand vor den Spiegel stellt. Was ihre Oma einst sagte, dass sie mit Schere und Kamm in der Hand immer ihr Brot verdienen könnte, hat sich durch die Jahre weiterentwickelt – zu einer Form voller Ästhetik, Sinn und Leidenschaft.

    Die Tür ist schon offen…

    Vor 13 Jahren hat der Saloni seine Türen in der Schulerstraße, gleich hinter dem Stephansdom, geöffnet. Für Magdalena war es ein langer, nicht immer leichter, aber sehr erfüllender Weg, den sie mit der moralischen Unterstützung ihres Partners eingeschlagen hat, der ihr Potenzial schon früh erkannte.

    Licht drängt sich durch die Fenster herein.

    Schon mit 12 Jahren kam sie mit ihrer Familie aus dem schönen Budapest nach Wien. Seitdem ist diese Stadt ihr Zuhause geworden, und zugleich der Ort, an dem sie ihre Berufung voll ausleben kann. Den Schritt hat sie nie bereut, denn ihr Herz schlägt für Wien und ihre Leidenschaft.

    Das Haus in Budapest, in dem Magdalena und ihre Geschwister aufgewachsen sind.

    Es ist immer das Neue, Provokante, Mutige, das sie inspiriert. Sie hat sich der Kunst verpflichtet hat und ist vielseitig interessiert. Jede neue Ausgabe des Impulstanz-Festivals erwartet sie mit Spannung. Sie ist laufend in Museen, auf Ausstellungen oder Konzerten ihrer Lieblingsmusiker, wie Nick Cave, zu sehen. Es ist ein stetiger künstlerischer Energiefluss, der durch sie fließt und in der Kunst ihrer Hände Ausdruck findet.

    Hier werden alle Wünsche besprochen und die richtige „Strategie“ angelegt.

    Vor meinem Termin bei Magdalena Bari habe ich lange überlegt, welche Blume zu ihr passen würde. Letztlich wählte ich Anemonen, deren Eleganz und Zerbrechlichkeit am besten zu Magdalena passen würden, denke ich. Genauso fein, voller Ästhetik und Licht ist die Kunst, die sie in der Schulerstraße 1-3 in Wien erschafft. Kommt und überzeugt Euch selbst!

    Eure Neli P

    Wo? In der Schulerstraße 1-3, 1010 Wien

    Kontakt: +43 (0) 1 512 11 12

    salon@magdalenabari.wien

  • Ein ganz normales Österreich

    Ein ganz normales Österreich

    Vom 13.01.2024 bis 20.01.2024 hat aktionstheater ensemble

    das Österreich-Bild im Theater am Werk in Wien infrage gestellt und somit die gegenwärtige Debatte um „die Normalität“ in den Vordergrund gerückt.
    Die Erstaufführung „Alles normal“ – irrwitzig, berührend, zutiefst erschütternd –  bietet wertvolle Einblicke in ein „ganz normales Österreich“.
    „Alles Normal“. Ein Salon d’amour Stück. Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble.
    In Kooperation mit Spielboden Dornbirn und Theater am Werk.

    Wenn jemand ein fehlerloses, feines Gespür für die Absurditäten um uns herum hat, dann der Regisseur Martin Gruber und seine vielgekrönte Theatertruppe aktionstheater ensemble. Bei keiner anderen Theatertruppe ist die subversive Funktion der Kunst als gesellschaftlichen Barometers so intensiv, so eindrucksvoll zu spüren. Die Lenkung unseren Blicks auf die Wundstellen der Gesellschaft – die Konfrontation mit dem Verstellten, Unechten, mit der Schein-Welt – erfolgt auf der Bühne dermaßen wirkungsvoll, provokant und witzig, beginnend beim eigenen Selbst, dass uns die Begegnungen mit aktionstheater ensemble in Wien jedes Mal ein bisschen näher an einen bewussteren Umgang mit der Realität, in der wir leben, bringen. Nie verlassen wir den Saal so, wie wir ihn anfangs betreten haben. Jedes Mal nehmen wir ein bisschen mehr von einem tieferen Verständnis mit, wo wir sind, was eigentlich los ist, wohin uns der Narzissmus treibt, warum unser Demokratieverständnis versagt… Und wenn die Versuche danach, auch draußen nach diesem Mehr, das uns das Aktionstheater anbietet, zu suchen, oft scheitern, dann weil wir uns von der Kunst, aber auch von uns selbst nämlich genau das erwarten – ein Mehr. Wir suchen nach dem Mehr. Nach mehr Möglichkeiten, zu intervenieren, nach dem Mut, unsere Demokratie zu verteidigen, nach unseren Mitmenschen, nach Gleichgesinnten. In einem Gespräch nach der Aufführung am letzten Spieltag erzählte mir der Regisseur Martin Gruber, wie viele Menschen sich bei ihm und der Theatertruppe bedankt haben, dass sie sich nicht mehr allein fühlen.

    Dieses Mal versetzt uns aktionstheater ensemble in die angenehme Ambiente-Atmosphäre des Salon D’Amour: Auf der Bühne sind runde Tische aufgestellt, das Publikum wird mit Schnaps von den Darstellerinnen bewirtet, und im Hintergrund links spielt das Salon-Orchester. Von den Projektionsflächen um die Bühne herum blicken die Heimatberge.

    Das Unterhaltungsprogramm, das von Babett in der Rolle der Moderatorin als „knisternd erotisch“ und „peinlich asozial“ angekündigt wird, wirft die Frage auf, wie wir mit den großen Umwälzungen auf der politischen Bühne umgehen, die uns bevorstehen – den Wahlen im Herbst. Neben „Mut und Zuversicht“ ist angesichts der Perspektive auf ein 4. Reich noch die Rückbesinnung auf „das Gute und Schöne“ gefragt. Wie das genau zu verwirklichen wäre?

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    „Glaub an dich!“

    Ganz normal, in dem man sich wie Isabella „befreit“! D.h. sich von den schlechten Nachrichten abwendet und auf die eigene Schönheit voll konzentriert. Da dürfen auch Momente der Selbstverherrlichung und -verliebtheit sowie Beweise für die eigene Perfektion – Selfies! – nicht fehlen. Ganz wichtig bei diesem mühevollen Unterfangen scheint die Seelenarbeit zu sein, die zu leisten ist: Sie ist auf das Schließen von Lücken in der Aura gerichtet. Selbstverständlich, indem man den Schritt ins Esoterische wagt! Profitipps in dieser Hinsicht hätte Thomas parat: Mit Bergkristallen und Alumatten unter dem Bett könnte man schon einige Mängel auch auf der Seelenebene ausloten. „Glaub an dich!“ ist die Parole, die uns von den Projektionsflächen erreicht.

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    „Erleben, was verbindet.“

    Michaela richtet den Blick auf ihre zahlreichen Talente und somit – auf das verbindende Gemeinschaftsgefühl. In vielen Sachen ist sie gut, am besten punktet sie aber, wenn sie sie ganz alleine bewältigt. Als Kellnerin, Deutschlehrerin, Schauspielerin, beim Spielen von Computerspielen etc. verzeichnet sie „lauter Rekorde“. Dabei lernt sie so vieles! Soft Skills wie richtige Kommunikation oder wie ein Team richtig funktionieren sollte, das erlebt sie vor allem in Computerspielen: „Overcooked!“ spielt sie etwa am liebsten allein, nur dann ist sie immer unschlagbar und kann die maximale Punktzahl erreichen.

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    “We love to entertain you.”

    Mit dem Gedicht „Es ist normal…“ führt Elias Hirschl die brutale, paradoxe, inhumane Seite der vorgegaukelten traditionsverbundenen und daher nie infrage gestellten „Normalität“ ein. Die von ihm im Laufe des Abends vorgetragenen Texte gehen einem unter die Haut, rütteln wach. Unter der Wirkungskraft dieser direkten, sich gradierenden Konfrontation mit dem gesprochenen Wort wird das sich bis vor Kurzem vor Lachen zerkugelnde Publikum auf einmal ganz still. Eine ganze Österreich-Landschaft – von der blutigen Schweineschlacht über die gekochten Leberknödel, die rechts oder links vorne gebundenen Dirndlschürzen mit ihrer eindeutigen Botschaft bis hin zum frommen Gebet vor dem Essen, wenn das Schwein aufgetischt wird – breitet sich vor uns aus. „Es ist normal…“, donnert Elias Stimme im Saal. „Es ist normal, wenn das Kind etwas abgehärtet wird…“, schneidet er die Stille durch. „Es ist normal, nicht mehr geliebt zu werden“, klingt es im Publikum nach…

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    „Je konservativer die Gesellschaft, desto größer die Brüste.“

    Bei der Diskussionsrunde, die sich als Nächstes um die Größe von Thomas‘ „Zipferl“ herum entfacht und in eine allgemeine Diskussion über die Größe der weiblichen Brüste und des männlichen Attributs als Maßstäbe für die österreichische Gesellschaft übergeht, kann das Publikum sein Lachen kaum unterdrücken. Ein interessanter Einfall bringt Tamara ein: Die Penisgröße mit Euro-Münzen zu messen! Es folgt eine Abstimmung seitens des Publikums. Mit Hoch- bzw. Tiefsummen wird über die Normalität von Thomas‘ Penisgröße entschieden. Wie im Parlament, mit der österreichischen Flagge in der Hand – da es ja um Österreich-relevante Themen von äußerster Priorität geht.

    Auch den Klimawandel wird von Zeynep angesprochen, kurz und nur beiläufig, denn das ist ja „wurscht, egal jetzt“. Das Interesse der Gesellschaft gilt offenbar anderen Themen.

    „Wenn du kein Österreicher, nicht normal.“

    Beim Gedichtevortragen hebt das von Tamara präsentierte Gedicht die unterschiedliche Herkunft als Maßstab für Normalität bzw. für die Teilung der Gesellschaft in normal / nicht normal hervor. Somit zeigt sie uns einen der gängigsten Wege für Entstehung von Vorurteilen auf. Und wie bei allen vorurteilhaften Einschätzungen wird auch hier mit zweierlei Maß gemessen. Normal ist das Übliche, das Einheimische, das Bekannte, dafür findet man immer eine Rechtfertigung. Der Rest gilt als fremd und daher nicht normal: „Wenn du kein Österreicher, nicht normal.“ Tamara lässt während dieser Aufführung ihre eindrucksvolle Stimme öfter als Sängerin hinter dem Mikro erklingen. Ihr Gedankengang wird von Zeynep aufgenommen und weitergetragen: „Ewig Pole sein. Ewig Polin sein…“ Dabei begegnet uns von den Projektionsflächen um die Bühne herum den Namen Herbert K… im Vorbeilaufen.

    Der Abend, musikalisch von dem großartigen Orchester unterlegt, klingt nach:

     „Take this waltz […],  this waltz, this waltz,

    with it’s very own breath of brandy and death […],

    and I’ll dance with you in Vienna…“

    Ein großes Lob gilt auch den fantastischen Darsteller:innen, die die Schauspielkunst auch dieses Mal in eine neue Dimension gebracht haben, dem Regisseur Martin Gruber für die Tiefe der Auseinandersetzung mit dem Thema sowie dem Dramaturgen Martin Ojster für seinen besonderen Blick und das feinen Gespür fürs Detail.

    Wir, das treue Publikum, verlassen den Saal, innerlich durchfühlt, dankbar, für diese großartige Begegnung, die uns schon wieder eine Mutprobe gekostet hat, stellen schon jetzt neugierig die Frage, wann die nächste Prämiere kommt, und berechnen die Zeitspanne, die bis dahin zu überbrücken ist. Dieses Jahr feiert aktionstheater ensemble sein 35-jähriges Bestehen. Schon stolze 35 Jahre schwört es uns Treue, bleibt am Puls der Zeit und stellt für uns die unbequemen Fragen unserer Gegenwart. Es scheint doch nicht alles so hoffnungslos zu sein. Solange wir uns Fragen stellen, imstande sind, kritisch zu reflektieren und es auch wissen: Wir sind nicht allein. Wir sind nicht allein!

    Konzept/Inszenierung: Martin Gruber | Text: Martin Gruber und aktionstheater ensemble sowie Elias Hirschl, Wolfgang Mörth u.a. | Dramaturgie: Martin Ojster | Regie-Assistenz: Manuela Schwärzler | Bühne/Kostüme: Valerie Lutz | Video: Resa Lut | Medienkontakt: Gerhard Breitwieser

    Mit: Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Monica Anna Cammerlander, Atanas Dinovsky Elias Hirschl, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Lisa Lurger, Daniela Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober, Tamara Stern

    Eure Neli P

  • Sing, Lola Blau!

    Sing, Lola Blau!

    Am 22.10.2023 zeigte *STERNE REISSEN* in Koproduktion mit dem Off-Theater, Wien das Ein-Frau-Musical des Satirikers Georg Kreisler „LOLA BLAU“.

    Szenische Regie: ERNST KURT WEIGEL

    LOLA BLAU: TAMARA STERN

    Klavier: MARCELO CARDOSO GAMA

    Kontrabass: MATHIAS KRISPIN BUCHER

    Vor ein paar Wochen bin ich ihr begegnet – im Theater. Seitdem höre ich ihre Stimme immer wieder, ich höre sie tagtäglich, ich stoße auf sie zufällig beim Spazierengehen im Park, sehe sie, wenn ich, gefesselt von den in der Wärme meiner Hände auftauenden Schneeflocken, stehen bleibe und die Welt innerhalb von ein paar Sekunden ihre Umrisse ins Zeitlose verschwimmen lässt, wenn ich kurz vor dem Weihnachtsbaum halt mache, und meinen Blick nach oben, auf den leuchtenden Weihnachtsstern richte, wenn ich abends nach dem Abendstern unter den sich tummelnden Wolken suche – nach einem ruhigen Zufluchtsort, wo man, im grandiosen kosmischen Chaos, den Anker auswerfen kann. Lola Blau lebt. Seit ich das erste Mal ihre Stimme von der Bühne hörte, ist sie so real, dass es mir schwer fällt, über sie zu schreiben, wenn ich sie so intensiv präsent spüre. Manchmal denke ich mir, ich bin sie, und sie ist ich – ich trage eine Lola Blau in mir.

    Seit ich ihr im Off-Theater begegnet bin, verbinde ich sie allerdings mit einem Stern. Und er hat einen Namen. Tamara. Tamara Stern.

    Seit der Uraufführung in den 1970-er Jahren ist das „Musical für eine Frau“ von Georg Kreisler ein Dauerbrenner auf den Bühnen in den USA und Europa. Seit 2006 steht Tamara Stern auf der Bühne in der Rolle von Lola Blau und, wie sie es selbst zugibt, sie liebt dieses Stück. Dieses Mal war ihr aber nicht danach, die Welt draußen hatte auf einmal die erfundene drinnen, auf der Bühne, durch ihre erschütternde Grausamkeit überschattet, und doch hat sie ihren ganzen Mut aufgebracht und sich vor das Publikum gestellt. Traurig und innerlich durchwühlt, witzig und frech, fordernd und sich in sich zurückziehend erzählte sie uns eine Geschichte über die Fremde und das Gespür für das Eigene: „Man spürt seine Wurzeln nirgendwo so intensiv wie in der Fremde.“ Über das Gefühl des Alleinseins, das hervorgerufen wird, wenn man „plötzlich niemand fühlt“, singt sie, über das Zuhause, dass man niemals hat; gibt witzige Tipps, was man den Männern unbedingt sagen muss – „dass sie klug sind“ –, und fabuliert, was es wäre, „wenn man noch einmal erwachen könnte“, diese wunderbare, verletzte und zugleich unglaublich starke Lola Blau!

    Nicht selten fühlt sich die Schauspielerin jüdischer Herkunft wie ihre Protagonistin, die junge jüdische Schauspielerin Lola Blau. Nachdem ich Tamara Stern als Lola Blau gesehen und erlebt habe, fühle ich mich von ihrem Schauspiel dermaßen überwältigt, dass auch ich mich mit Lola Blau gleichsetze – mit ihrem Schmerz, ihrer Melancholie und ihrem Mut. Neulich erwische ich mich immer öfter bei der Frage: Stellt nicht Lola Blau ein Sammelbild dar? Einen Namen mit vielen Gesichtern. Frauen, deren Stimme trotz der Schicksalsschläge nie verstummt. Und sie alle zeichnen sich durch ein feines Gespür für die Ungerechtigkeit aus. Ist nicht Lola Blau eine jede von uns?

    1938 flieht Georg Kreislers Lola Blau vor den Nazis und verlässt Wien. Ihr Weg führt in die Schweiz und von dort aus nach Amerika, wo sie als Schauspielerin auftritt. Als sie nach dem Kriegsende zurückkehrt, muss sie leider feststellen, dass sich wenig geändert hat. Die Vergangenheit holt uns immer wieder ein.

    Das Grausame an der Geschichte ist, dass sie sich wiederholt. Das Traurige an unserer Gegenwart ist, dass weder Friedenskämpfer, noch Nobelpreisträger, noch Wissenschaftler, noch die größten Denker unseres Jahrhunderts das Schlimmste verhindern konnten. Und dass somit die Evolution völlig geleugnet wird, wenn wir die Aggression als menschliche Komponente doch nicht überwinden können, trotz geistiger Höhenflüge und technischen Fortschritts. Die Menschheit rottet sich mit der gleichen Brutalität aus wie vor Jahrhunderten. Der Schmerz von Lola Blau wird immer intensiver, lässt nicht nach. Der kollektive Schmerz vermehrt sich, statt sich zu vermindern. Und da werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach den Evolutionsbiologen recht geben, dass die Menschheit in 100 Jahren ausgestorben sein wird. Wenn ich allerdings an etwas glaube, dann an die Kunst als letzte Instanz der Menschlichkeit. Daran will ich glauben, weil ich es brauche. Ich will glauben, dass ihre Stimme nie verstummt.

    Sing, Lola Blau, sing! Solange du singst, ist noch ein Funken Hoffnung auch für mich da, und ich singe mit.

    Deine Neli P

  • Aggregatzustand Klimek

    Aggregatzustand Klimek

    „Ich bin niemand“, sagte ich, „hier kennt mich keiner.“
    „Sie sind nicht niemand. Mir kann nicht niemand schreiben.“

    Manche Legenden bekommen ihren Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood, nach anderen werden Straßen, Parks, Institutionen, gar Schiffe benannt. Das, worum es hier geht und was am besten zu seinem Namensgeber korrespondieren würde, ist allerdings ein Aggregatzustand – weder fest, noch flüssig, noch gasförmig, sondern explosionsartig! –  der Aggregatzustand Klimek.

    Zumindest so hat er auf mich gewirkt, als ich ihn vor geraumer Zeit nicht woanders, sondern im „Freiraum“ in Wien traf. Kein Zufall, auch der Name des Lokals versinnbildlicht einen Teil dieser unübersehbar vielschichtigen Persönlichkeit. Denn Manfred Klimek braucht seinen Freiraum und würde ihn sehr wohl niemandem, unter keiner Bedingung abtreten – eine der Sachen wegen derer ich ihn mag.

    Vor unserem Treffen wurde ich gewarnt: dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt, eventuell könnte ich was hören, was mir nicht so gut gefallen könnte, dass ich im schlimmsten Fall auch „angespuckt“ werden könnte:-)), – etwas, mit unvorhersehbaren Folgen also stand mir bevor, was mich noch neugieriger auf die Begegnung machte. Wovor hätte ich Angst haben können?[1] Vor der Aufrichtigkeit im Austausch mit einem Anderen? Niemals.

    Ich ging hinein, und er saß schon da. So, wie ich ihn damals erlebte – ein aufgeregter, lebendiger, explosionsartiger Ball, voller Eindrücke und Emotionen, reich an Geschichten und Erfahrung, vehement die eigene Meinung verteidigend – voller Elan und Begeisterung! –, kann ich ihn nichts anderem gleichsetzen außer einem noch nie zuvor existierenden, mit nichts anderem zu vergleichenden Aggregatzustand – Klimek. Einer der offensten, aufrichtigsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Künstler und Autor. Souveräner Krieger, der sich nicht scheut, die Unantastbarkeit seiner eigenen Meinung zu verteidigen, der sich den Luxus gönnt, sich hinter seine Worte zu stellen – egal, wie die bei den Anderen ankommen. Ich denke eh aber nicht, dass er sich mal in die hohe Kunst der Diplomatie versuchen würde, weil es weder seiner Grundeinstellung noch seinem Lebensziel entsprechen würde. Aufrichtigkeit voll und ganz. Es werden keine Schmeicheleien, keine „weißen“ Lügen erzählt – es ist, wie es ist. Bei ihm weiß man, woran man ist. Wer hätte schon den Mut, seine Wahrheit auszusprechen?

    Auf der ihm gewidmeten Ausstellung in der Galerie Kolonie 5 ist er nicht persönlich erschienen. Doch seine explosionsartige Ladung ist in allen Bildern an den Wänden zu spüren. Ich war dort und habe es selbst erlebt. Schon beim Betreten des Raumes wird man von den vielen da anwesenden Geistern überwältigt, ich habe Gänsehaut bekommen – Momentaufnahmen des kaum Fassbaren, des Besonderen. Das Interesse eines Künstlers, habe ich neulich bei Ayn Rand  gelesen, gilt der Kunst an sich, nicht den Reaktionen der Anderen, und genau das macht einen zum Künstler, unterscheidet Kunst von der Metaebene, auf der über Kunst gesprochen, aber keine Kunst erschaffen wird. Mit seinem Nicht-Erscheinen hat uns der Künstler vielleicht eben das gezeigt?

    Als er nach Berlin endgültig abreiste und sich von Wien Abschied nahm, habe ich es zuerst in der Atmosphäre draußen gespürt – im Aggregatzustand. Es war nicht mehr so verdichtet, wie früher, sondern eher farblos, abgewaschen, öde. Doch ab und zu spürt man – bei seinen kurzen Wien-Besuchen, dass sich doch wieder was tut, und die Luft mit Elektrizität geladen wird. Manfred Klimek eben.

    Natürlich weiß ich nun nicht, wie mein Text bei ihm ankommt. Wovor soll ich aber fürchten? Vor der Aufrichtigkeit? Also: Es sind meine Worte und ich stehe dazu – habe es nämlich von ihm gelernt. Außerdem bin ich ja eine Bulgarin!


    [1] „Wovor haben Sie Angst? Sie sind doch eine Bulgarin!“ habe ich  übrigens erstmals 2018 von einem anderen Manfred – Manfred Rebhandl gehört! Seit dem Moment denke ich intensiv darüber nach! Wort!

  • Die Leiter als Symbol

    Die Leiter als Symbol

    „Zwei Zitronenfische und andere Sehenswürdigkeiten“, Florentin Scheicher ( http://Florentin Scheicher), ab 12.05. in der Kolonie 5

    „Sind Sie der Künstler?“, frage ich den sympathischen jungen schwarzlockigen Mann in der kleinen Galerie Kolonie 5 in der Hamburgerstraße in Wien, die an diesem warmen Maiabend ihre Türen für die Kunstliebhaber wieder geöffnet hat. „Ja, ich bin’s.“

    Heute Abend hängen an den Wänden in der Kolonie 5 die Bilder von Florentin Scheicher.

    Ich führe ihn bis zum großformatigen Bild mit der schlanken Leiter drauf, vor der ich mich vorher nachdenklich aufgehalten hatte. Mich interessiert, wohin sie denn führen könnte. Ich schaue mir das Bild noch ein paar Minuten prüfend an und bin in Gedanken bei Georg Hennig, dem Geigenmeister, der zwischen den Seiten von Viktor Paskovs Migranten-Roman „Ballade für Georg Hennig“ zum neuen Leben erweckt wurde. Für den Protagonisten Georg Hennig stellt die Leiter nämlich eine Verbindung zum Gott dar – den Pfad zwischen der Kunst und dem Göttlichen, erinnere ich mich.

    Für den jungen Künstler führe die Leiter auf seinem Bild „Gedeihen und Gedingen“ außerhalb des abgebildeten Raums hin, es stehe fürs Verlassen des Raums und in dem Sinne – für den Weg zum Spirituellen. Ich frage ihn, ob seine Bilder tatsächlich nur eine Fantasiewelt wiederspiegeln, wie es in der Ankündigung zu lesen ist. Nein, zweifelsohne hätten sie ihre Entstehungsgründe in der Wirklichkeit.

    Lieblingsfarbe? Petroleum. Auch im Alltag, nicht nur in den Kunstwelten. Und überhaupt, er möge die Kontraste. Auf dem Spiel zwischen den Kontrasten bauen auch seine Bilder auf. Die andere Leidenschaft, für die der Künstler brennt, sei die Musik.

    Wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, möchte ich immer wissen, was dem Menschen unentbehrlich im Leben ist – so nehme ich den kürzesten Weg, denke ich, um jemanden kennenzulernen. Für Florentin Scheicher ist die Zeit unentbehrlich, in der er sich in sich zurückziehen und mit sich selbst alleine bleiben kann, um über einiges zu reflektieren. Und unentbehrlich in der Kunst? Das sei ja die Möglichkeit zur Selbstreflexion sowie die Chancen, durch seine Kunst zu den Menschen zu gelangen, sie zu berühren und anzusprechen. Auf meine Frage, ob Kunst auch politisch sein sollte, antwortet der junge Künstler, dass jede Kunst an sich ein Ausdruck einer Meinung – ein Statement – sei, was sie gleich auch politisch mache, doch seine Werke hätten eher wenig damit zu tun.

    Eine Frage noch drängt sich noch auf und gibt mir keine Ruhe, bevor ich mich verabschiede, möchte ich noch gern wissen, was die Kunst heutzutage brauchen würde, um zu überleben – Self-Promoting, lautstark werden, nach neuen Wegen zu seinem Publikum suchen oder was anderes. Was sie keinesfalls bräuchte, meint Florentin, sei einen Krieg. Denn ein Kriegsausbruch bedeutete in derselben Sekunde auch ein Leiden für alle Kunstschaffende.

    Florentin Scheicher studiert an der Angewandten in Wien und ist vielleicht einer der wenigen Künstler, die um der Kunst willen malen, ohne durch die Kunst ein konkretes Ziel erreichen zu wollen. Vielleicht liegt es an seiner Jugend, wer weiß, oder auch eben daran, dass Kunst immer eine Prise Verrücktheit gebraucht hat und auch immer brauchen würde, um sich manifestieren zu können.

    Unterwegs für Euch –

    Eure Neli Peycheva

    #kunst, #kolonie5, #florentinscheicher

  • Gibt es ein Maß für Einsamkeit?

    Gibt es ein Maß für Einsamkeit?

    Vom 16. bis is 21 Juni hatte das Wiener Publikum die Chance, nach der schweren Zeit des Lockdowns AKTIONSTHEATER ENSEMBLE – das Theater, das berührt! – in seiner schon lange erwarteten Uraufführung LONELY BALLADS EINS und ZWEI im WERK X in Wien zu sehen und somit seine Einsamkeit mit der der Akteur*innen in ihrem faszinierenden Spiel zu teilen.

    Ab 15. September startet nun die Theaterkompanie in Koproduktion mit Spielboden Dornbirn und Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz in die neue Herbstsaison.

    Kann die Einsamkeit gemessen werden? Und wenn ja, was dient als Maß für sie? Wie bestimmt man, wer einsam, und wer noch einsamer ist? Kann die Einsamkeit gesteigert oder irgendwie mal durchbrochen, gar verjagt werden, ausgelacht werden, indem man Geschichten aneinanderreiht, die durch das subjektive Erlebnis und das Thematisieren der Einsamkeit Menschen näher aneinander bringen? Der Ausgangspunkt ist immer der Vergleich, nur im Vergleich mit den Anderen sind Quantifizierung und Messbarkeit dieses sonst als subjektives Empfinden erlebten Zustands möglich. Dies möchte uns wohl aktionstheater ensemble anhand vierer Geschichten über die Einsamkeit aufzeigen, ohne fertige Antworten anzubieten. Vier, das Publikum mit ihrem fulminanten Spiel berührende, zerfetzte von Einsamkeit Akteur*innen und eine von Einsamkeit erstarrte Bühne, die danach schreit, zum Leben geweckt zu werden, bilden die Kulisse der Neuaufführung des aktionstheaters ensemble „Lonely Ballads“.

    Nicht Nietzsches Einsamkeit, in der etwas Befreiendes erkannt wird, begegnet uns von der Bühne, auf der aktionstheater ensemble sein rührendes Narrativ mit hoher künstlerischer Präzision und ergreifender Leidenschaft präsentiert. Nein. Es ist jene Form der Einsamkeit, die sich potenziert, um das Vielfache gesteigert wird, sich windet, sich dreht, bohrt in die Tiefe, bis am Ende nach diesem unebenbürtigen Zweikampf ein zermürbtes, geschwächtes und entmächtigtes, fast entpersonalisiertes Selbst übrigbleibt.

    „Ich will auch wahrgenommen werden“

    Wie immer halten uns auch dieses Mal die großartigen Akteur*innen, nach denen wir uns schon so lange gesehnt haben, einen Spiegel vor: Kommt uns das Narrativ nicht irgendwie bekannt vor? Können wir uns darin nicht mal selber erkennen? Verständnis dafür gewinnen, wie wir sind und wie wir noch sein können? Hat uns die Entfremdung in der Zeit der Pandemie durchsichtig gemacht? Klein und anonym? In dem Maße, dass das Ich in seinem Selbstwert zutiefst erschüttert zu sein schien, und nun nach Selbstbestätigung schreit?

    Das komische, eitle und zugleich rein menschliche Bedürfnis, unbedingt gesehen, wahrgenommen zu werden, zugespitzt bis aufs Äußerste, treibt Isabella, die als Erste die Bühne betritt, dazu, sich an alles, was sie je gut konnte, zu erinnern – an alle Talente, Erfolge und Auszeichnungen in ihrem Leben: Schifahren, Ballett, Tanzen, Schwimmen…, als ob sie allen klar machen wollte, dass es sie gibt, sie noch immer da ist! „Tanzen ist mir so wichtig, weil alles so frei wird“, fügt sie hinzu. Nicht nur die Unfreiheit, auch die Traurigkeit, von der die als unerträglich lange empfundene Lockdown-Zeit durchtränkt war, kommt deutlich artikuliert zum Vorschein: „An der Traurigkeit mag ich, dass es so traurig ist.“ Traurig klingt auch Isabellas Bekenntnis, dass gerade die vom Staat ausgezahlten Corona-Hilfszahlungen endlich ein paar Hunderte mehr auf ihr Konto gebracht hätten.

    Das naive Streben nach Anerkennung („Ich will auch wahrgenommen werden!“), das Problem mit den Abschiebungen, das sehr bald in Vergessenheit geriet, und die Abneigung gegen Schwarz („Schwarz geht gar nicht!“) gehen in die Geschichte über den einsamen Peter von Media Markt hinüber, mit dem Isabella ihre Einsamkeit zuerst über die Telefonleitung geteilt haben will. „You took all my love and disappear…“, greifen die seitlich auf der Bühne zu sehenden Musiker*innen Isabellas Erzählung auf. Nicht nur der Geist gerät ins Stocken, auch die Körperbewegungen sind verkrampft, ohne jedes Schamgefühl, ähneln dem asozialen Verhalten von Gefangenen, die schon lange Zeit in Isolation verbracht haben.

    „Well, I’m not the man, you need… “

    Die Probleme mit der Ex-Freundin, die er bei einer erneuten Begegnung kaum erkennen konnte, nicht nur, weil sie zugenommen haben soll – sie habe ja „ihre Ausstrahlung verloren“ –, diskutiert Thomas mit bitterem Humor, verstrickt sich in aller Schärfe in die Banalitäten des Alltags, und plädiert gleichzeitig für „ein Grundeinkommen für arme Leute, für Künstler“. Seine enorme Gereiztheit, provoziert von dem unbändigen Drang zur scharfen Kritik und gnadenloser Auseinandersetzung mit Alltäglichkeiten, lässt er dann im Tanz frei, der ihn durch die Bühne wie ein Hurrikan treibt; sie hallt in den höchste Anspannung symbolisierenden Tanzbewegungen, die Schläge nachahmen, wider.

    Trotz aller Versuche, Bettinas „Kochverhalten zu optimieren“ und ihr seine Unterstützung zu bezeugen – er hat sich ja sogar die Fingernägel lackiert, um ihr zu zeigen: „Bettina, ich stehe auf deiner Seite!“ –, wird er von ihr als „Küchennazzi“ gebrandmarkt. Nur in seiner Männerrunde begegnet man seinem Wunsch, ein Kind zu haben, mit Verständnis, denn er, im Unterschied zu Bettina, bei der der Feminismus in der Dichotomie zwischen Maskulinität und Feminität wohl zu einer seltsamen Ausprägung abgeartet haben soll, bereit wäre, seine Karriere aufzugeben und ein Kind großzuziehen. Statt eine Annäherung der Polaritäten von Feminität und Maskulinität feiert hier der Feminismus mit dem totalen Kommunikationsbruch und Mangel von Verständnis wohl sein Versagen: „Ich finde einfach keinen Ausweg aus der Misere“, stellt Thomas, zutiefst verzweifelt, fest.Die wunderbaren Musiker*innen, die die Bühnen-Akteur*innen umgeben, als ob sie sie in Schutz nehmen wollten und nun in einer erweiterten Besetzung viel intensiverer erlebt werden können, setzen Thomas in der Beichte-Form vorgetragene Geschichte da fort, wo seine Worte verstummen: „Well, I’m not the man, you need…“

    „I Wanna Be Happy (Until I Die)“

    Durch die Rhythmen der Musik wird Tamaras Geschichte eingeleitet, während sie selbst mit einem übertrieben fröhlichen Gesichtsausdruck die Bühne betritt. Ironisch-schalkhaft wirkt die Szene, in der sie von ihren Begegnungen mit dem Österreichischen Deutsch erzählt, bei denen die Wichtigtuerei der sie immer wieder auf die richtige Bezeichnung hinweisenden Kellner hinter derer „unechten Freundlichkeit“ hervorblickte: Karottentorte, nicht Möhrenkuchen, korrigierten sie sie, Staubzucker, und nicht Puderzucker! „Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Deutschen“, fasst Tamara zusammen – ein Thema, das, wie bekannt, im Laufe der Jahrhunderte schon fast mythologisiert worden ist.

    Nein, dem Publikum will Tamara nicht unbedingt gefallen, um wohl mit dieser Replik das Klischee zu brechen und die Anwesenden dazu zu veranlassen, in Frage zu stellen, ob das Sich-Anpassen an die Erwartungen der Anderen – diese Art von gelebtem Konformismus – immer die Basis für das Angenommensein schaffen soll. Dass die Psychotherapie nicht von den Steuern abgesetzt wird, sie den Geruch der Kindheit – und vermutlich auch diese Form der Geborgenheit – vermisst oder dass der Verstand aussetzt, wenn sie emotional wird, sowie der Gedanke an den Tod bilden die Kulisse von Erlebnissen, die von der Verstörtheit der bis in den Wahnsinn getriebenen Vereinsamung geprägt sind. 

    „The future is already gone…“

    Das Albern-Infantile blickt durch Benjamis Geschichte und sein großartiges, witzig-hinreißendes Spiel hervor, das ihn als Bühnen-Akteur sofort in die 1. Sternengröße einordnet! Es werden Kindheitserinnerungen eingeblendet, die Momente, wenn er bei jedem Geburtstag die U-Bahn-Stationen und dann die Bezirke sagen sollte und dafür das Lob seiner Nächsten genoss – der Zustand des Kindseins wird wachgerufen, von dem sich sein Protagonist vermutlich nie emanzipieren konnte. Mit seiner „Glockenstimme“ hätte er ja auch zu den Sängerknaben gehen können, fügt er nachdenklich hinzu.

    Bitteren Beigeschmack hinterlässt sein bewegendes Selbstgespräch, das das Publikum oft zum Lachen bringt, und das Zugeständnis, dass, wenn er auf etwas stolz sein sollte, dann auf die Straßenbahnstationen. Das durch die Einsamkeit hervorgerufene Interesse am Malen, der Stolz auf die selbst gemalten Bilder, – Apfelbaum I und Apfelbaum II – , die Benjamins klischeehaftes Statement veranschaulichen, dass bei ihm – wie wohl bei jedem kommerziell gut platzierten „Künstler“ –, „alles blühen soll“, die leere Hoffnung, dass man doch irgendwann einmal Besuch bekommt, die Worte seiner Oma, dass die Fleißigen Erfolg im Leben haben – dieses bunte Potpourri an Erlebnissen mündet in den Höhepunkt seines Narratives: „Ja, kommt einmal!!!“ Der einsame Schrei geht wie eine Woge durch den stillen Saal hindurch. Bühne und Publikum, durch die Kraft des Unausgesprochenen vereint, werden eins. Das Bild einer aussichtslosen Zukunft wird von der einsetzenden musikalischen Begleitung weitergetragen: „And I know, the future is already gone…“

    Die endlich stattgefundene, lang ersehnte Begegnung mit aktionstheater ensemble, das auch dieses Mal mit seiner Neuaufführung „Lonely Ballads“ ein fehlerloses Gespür für das Kranke und gnadenlos Zehrende in der Gesellschaft demonstriert hat – trotz aller durch die Pandemie bisher verursachten Hindernisse – lässt bei uns, dem Publikum allerdings einen Funken Hoffnung aufflimmern: Solange wir mit großen Künstlern, wie der Theaterkompanie aktionstheater ensemble in Berührung kommen können, deren Herz ganz für die Bühne und ihr Publikum schlägt, ist die Kunst und somit auch unsere Zukunftsvision gerettet. Und irgendwo da, zwischen der magisch anziehenden Bühne, dem bunt vorgetragenen Narrativ, dem ergreifenden Spiel, der verstörten Welt draußen und dеn gefesselten Blicken des Publikums liegen alle Antworten. Dort, in diesem geteilten verdichteten Freiraum werden nämlich neue Zukunftsvisionen geboren.

    Großes Lob gilt auch an die Musiker*innen! Großartige, gefühlsbetonte Musik, und gedankenschwangere, kurz formulierte, prägnante Songtexte, die einem unter die Haut gehen! Doch niemals war die musikalische Begleitung – diese feine Symbiose zwischen Ton und Songtext – auf der einen Seite, und Narrativ und Spiel, auf der anderen, dermaßen intensiv und eindrucksvoll wahrzunehmen, in der amorphen Form eines sich völlig ergänzenden und gegenseitig unterstützenden Ineinander-Fließens!

    Für Euch auf den Spuren der Einsamkeit –

    Eure Neli Peycheva

    „Lonely Ballads

    Termine: Mi. 15.9. und Do. 16.9 um 20 Uhr am Spielboden Dornbirn

    Text: Martin Gruber https://wiener-online.at/2018/11/14/kunst-ist-genau-das-refugium-wo-es-darum-geht-subversiv-sein-zu-koennen-regisseur-martin-gruber-im-interview/ und aktionstheater ensemble

    Dramaturgie: Martin Ojster

    Regieassistenz: Laura Loacker

    Medienkontakte: Gerhard Breitwieser

    aktionstheater ensemble Songbook:

    https://store.noiseappeal.com/shop/music/vinyl/aktionstheater-ensemble-lonely-ballads/

    Komposition: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Kristian Musser

    Mit: Nadine Abado, Andreas Dauböck, Simon Gramberger, Kristian Musser, Joachim Rigler, Simon Scharinger

    Weitere Artikel der Autorin über aktionstheater ensemble:

    https://wiener-online.at/2020/02/24/was-macht-dich-heil/https://wiener-online.at/2018/06/17/der-mann-zerstoert-verletzt-echt-er/

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    https://nelisworld.com/2020/10/25/die-tragik-der-fallhoehe/